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Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen cover

Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten: Sechszehn heitere Erzählungen

Chapter 6: Zwei Feinde.
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About This Book

A collection of sixteen cheerful short stories set in a small rural village that follows the everyday antics and seasonal rhythms of its children and neighbors. Episodes range from schoolroom mishaps and a boy's visit to the city to village fairs, household scenes, and playful rivalries, told with gentle humor and close attention to local detail. The tone shifts between lively mischief and affectionate observation, often conveying simple moral lessons through ordinary events. Recurring characters and illustrated vignettes create a cohesive portrait of community life seen largely from a child's point of view.

 

Zwei Feinde.

In Oberheudorf gab es drei Buben, die alle drei den Namen Friede trugen. Sie waren ziemlich in einem Alter, und ihre Kameraden hatten ihnen, damit sie beim Spielen nicht verwechselt wurden, Spitznamen gegeben: den einen nannten sie den dicken Friede, den andern den blauen Friede und den dritten Traumfriede.

Der dicke Friede trug seinen Namen eigentlich mit Unrecht, denn so dick war er gar nicht. „Er kann's noch werden, weil er so viel ißt,“ meinten aber die Oberheudorfer Kinder, und damit hatten sie freilich recht. Hungrig war der dicke Friede eigentlich immer, und er konnte zu jeder Tageszeit und Nachtzeit essen. Schlug er früh seine Augen auf, so schrie er schon: „Hab' ich mal 'nen Hunger!“ und eine Viertelstunde nach dem Mittagbrot, bei dem er so lange aß, als noch etwas in der Schüssel war, pflegte er zu sagen: „Mir rumpelt's so im Magen, 's scheint, ich könnt' 'ne Schnitte essen!“

Es war ein Glück, daß er als eines wohlhabenden Bauern Sohn zur Welt gekommen war. In ein Häusel, in dem Schmalhans Küchenmeister war, hätte er schlecht gepaßt. Übrigens war der dicke Friede ein kreuzbraver Junge; er lernte fleißig und vertrug sich mit allen seinen Kameraden, nur mit seinem Namensvetter, dem blauen Friede, nicht.

Die Mutter vom blauen Friede hatte einmal ein graues Tuch blau färben wollen, und da sie eine Färberstochter war, wollte sie auch das Färben selbst besorgen. Die Botenmarie sollte ihr darum Farbe aus der Stadt mitbringen. Die Frau schrieb also auf einen Zettel: Ein viertel Pfund Farbe, und darunter: Zehn Pfund Zucker; sie wollte nämlich Kuchen backen. Aber die Botenmarie verwechselte beides miteinander und brachte zehn Pfund Farbe und ein viertel Pfund Zucker. Mit der Farbe hätte ganz Oberheudorf blau gefärbt werden können. Die Bäuerin war auch sehr böse, aber was half es, der Kaufmann in der Stadt nahm die Farbe nicht zurück, und seitdem färbte Friedes Mutter alles, was ihr unter die Finger kam, schön kornblumenblau. Der Mann, die Frau, die Kinder, ja auch die Knechte und Mägde gingen immer in blauen Sachen. Die Farbe mußte doch verbraucht werden! Friede wurde darum der blaue Friede genannt, und sein Vaterhaus hieß der blaue Hof.

Der dritte Friede war ein armer Waisenjunge. Er war beim Kohlbauern, der im ganzen Dorfe seiner Härte und seines Geizes wegen verrufen war, in Pflege. Gut ging es ihm im Hause seines Pflegevaters wirklich nicht; es gab viel Arbeit, Schelte und Schläge, aber wenig zu essen. Niemand kümmerte sich sonst um den Buben, der still und verschlossen seines Weges ging. Auch in der Schule blieb Friede immer einsam. Er hätte wohl manchmal gern mit den andern Kindern gespielt, aber er traute sich nicht heran, und wenn er wirklich einmal gerufen wurde, dann wich er aus, denn er schämte sich, weil er immer in Lumpen ging. Das Lernen wurde ihm leicht, und er lernte auch gern, aber er hatte nie Zeit, ordentlich seine Arbeiten zu machen, und galt darum in der Schule als faul. Oft war er in der Schule auch so müde von all der schweren Arbeit, die er bei seinem Pflegevater verrichten mußte, daß er schon etliche Male eingeschlafen war. Darum wurde er auch spottend Traumfriede genannt. Der Name paßte gut für ihn, denn der Bube träumte wirklich viel, aber nicht, wenn er im Bett lag und schlief, sondern am hellen Tage mit offenen Augen. Lichte, heitere Träume, die wie Märchen waren, kamen dann zu ihm und machten sein Leben froh, und leicht vergaß er, wenn er so träumte, sein hartes Los.

Mit Traumfriede gaben sich die beiden andern Friede so wenig ab wie die andern Kinder; sie sprachen nicht mit ihm und zankten nicht mit ihm, sondern ließen ihn seines Weges gehen. Schlimm aber war es zwischen dem dicken Friede und dem blauen Friede: die konnten einander nicht leiden. Warum, wußte niemand, und sie selbst wußten es am allerwenigsten. Doch sie waren wie Hund und Katze zusammen. Ging einer hier, so ging der andere da; lachte der eine, so brummte der andere, und wenn einer dem andern einen Schabernack spielen konnte, tat er es mehr als gern. Vielleicht konnten sie sich darum nicht leiden, weil sie immer zusammen genannt wurden. Zu ihrem größten Ärger saßen sie auch nebeneinander in der Schule; denn weil der dicke Friede fleißig war, lernte auch der blaue Friede eifrig, und so kam es, daß sie gleich gut standen.

Die andern Kinder neckten die beiden Friede: „Du, Dicker,“ schrien sie, wenn der gerade sein Frühstück aß, „da kommt der Blaue,“ und dem armen Dicken verging dann beinahe der Appetit.

Einmal war der dicke Friede auf einem Kirschbaum eingeschlafen, da holte Anton Friedlich den blauen Friede und sagte, Heine Peterle sitze oben, er möchte ihn herunterholen. Flugs kletterte der Blaue hinauf, und als er oben den Dicken sah, wurde er fuchswild. Der Dicke, der durch diesen unverhofften Besuch unsanft aus seinem Schlaf gerissen wurde, schrie: „Gleich gehst runter, marsch!“

„Nä, das fällt mir net ein!“ trotzte der Blaue. „Das ist doch net dein Baum!“

„Aber ich war zuerst oben,“ knurrte der Dicke.

„Nachher kannst ja auch zuerst runter,“ gab sein Feind patzig zur Antwort.

So saßen sie eine Weile auf dem Baume und fauchten einander an wie zwei Katzen, und keiner wollte zuerst herunterklettern. Und unter dem Baum standen einige Buben und Mädel und riefen lachend: „Aber kommt doch nur! Komm, Blauer! Komm, Dicker!“

Die beiden Friede aber säßen wohl heute noch auf dem Baume, wenn die Schulglocke nicht geläutet hätte. Heidi, da fuhr ihnen der Schreck in die Glieder, und sie wollten beide zugleich hinunter. Darüber aber verloren sie das Gleichgewicht – und plumpsten herab wie zwei reife Kirschen.

Schaden tat ihnen der Fall nichts, und in die Schule kamen sie auch noch zur rechten Zeit, aber so böse waren sie aufeinander, als hätte einer dem andern etwas ganz Schlimmes zugefügt.

Ungefähr eine Viertelstunde von Oberheudorf entfernt lag ein großer Teich und dicht daneben ein kleiner Bauernhof, auf dem ein altes Ehepaar wohnte. Die beiden Alten hatten ihren großen Hof im Dorfe ihrem Sohne übergeben und lebten nun still und friedlich in dem kleinen Hause. Im Winter kamen die Oberheudorfer Kinder oft und liefen auf dem Teiche Schlittschuh; die alte Bauersfrau hatte dann stets einen großen Topf voll Kaffee auf dem Ofen stehen, und manch ein blaurot gefrorenes Bübchen oder Mädelchen kam zu ihr und erhielt eine Tasse des warmen Trankes.

An einem mäßig kalten Wintertage liefen die Kinder wieder auf dem Eise Schlittschuh; der dicke Friede und der blaue Friede waren auch dabei.

Schuster Pechdraht, der von Niederheudorf kam, rief den Kindern zu: „Nehmt euch in acht, das Eis ist noch nicht ganz fest!“

„Ach, es hält schon!“ schrien die Kinder und liefen kreuz und quer, als hätte der Schuster seine Warnung an die alte, krumme Weide am Teichrand gerichtet. Der blaue Friede besonders, der ein guter Schlittschuhläufer war, schoß wie ein Pfeil über das Eis. Der dicke Friede konnte nicht so gut laufen und ärgerte sich weidlich darüber. „Wollen sehen, wer zuerst an der Weide ist,“ schrie da Heine Peterle.

Der blaue Friede fuhr, so schnell er konnte, auf das Ziel los, und keuchend folgte ihm der dicke Friede. „Er darf nicht zuerst kommen,“ dachte der und nahm alle Kraft zusammen. Da hatte der Blaue schon die Weide erreicht, und ritsch – griff auch der Dicke nach den kahlen Zweigen.

In diesem Augenblicke ertönte ein dumpfes Krachen.

„Das Eis bricht!“ schrien die Kinder entsetzt und stoben auseinander wie eine Schar Tauben, auf die ein Habicht stößt.

Ein zweiter Krach ertönte. Schreiend purzelten die Kinder an das Ufer, und im Nu war der Teich wie abgekehrt. Nur der dicke Friede und der blaue Friede waren noch darauf, oder vielmehr sie saßen darin, denn das Eis war gerade dicht an der alten Weide geborsten, und die beiden Buben saßen bis an den Hals in dem eisigen Wasser.

Aber schreien konnten sie noch, und sie schrien gellend um Hilfe, während die andern Kinder wehklagend in das nahe Bauernhaus rannten. Zum Glück waren der alte Bauer und sein Knecht daheim, und sie kamen auch beide eiligst herbei, um die verunglückten Buben zu retten. Es gelang auch, die beiden, die bereits ganz blau gefroren waren, schnell aus dem Wasser zu ziehen. Sie wurden in das Haus getragen. Dort hatte die Bäuerin, als sie von dem Unglück gehört hatte, hurtig einen Topf Fliedertee auf das Feuer gestellt und ein Bett gewärmt. Flink zog sie die Verunglückten aus, und der Bauer und sie rieben die pudelnassen Buben mit einem dicken Tuche so kräftig ab, daß den Taugenichtsen Hören und Sehen verging. Dann wurden die beiden in das Bett gelegt, das breit und groß in der Stube stand und mit feuerroten Sternblumen und himmelblauen Bändern bemalt war. Die Bäuerin gab den beiden Fliedertee zu trinken und deckte ihnen ein ungeheuer dickes Federbett über. „Gelle, das ist gut?“ fragte sie.

Wie zwei Brote in einem Backofen, so lagen die beiden Feinde ganz friedlich nebeneinander in dem warmen Federneste. Nur ihre runden, roten Gesichter, die vor Hitze glühten und glänzten, waren zu sehen.

Rühren konnten sich die Buben nicht, dazu waren sie viel zu dick eingepackt, und wenn einer wirklich eine leise Bewegung machte, dann schrie gleich die alte Bäuerin: „Nä, nä, nich' die gute Wärme rauslassen! Ich behalt' euch hier bis morgen, – gelle, das gefällt euch?“

„Hm!“ brummten alle beide, und der Blaue sah nach rechts und der Dicke nach links.

„Na, ä bißchen plappern könnt ihr schon!“ sagte die Bäuerin gutmütig. „Gelle, 's ist doch gemütlich, so zusammen zu sein?“

„Hm!“ knurrten die beiden wieder und starrten zur Zimmerdecke empor.

Die Alte schüttelte den Kopf. „Nä, sagt doch, könnt ihr nich' reden?“

„Ich kann schon,“ knurrte der Dicke, „aber –“

„Ich auch,“ ächzte der Blaue, „aber –“ Und nun sah einer wieder nach rechts, der andere nach links, und dann stöhnten sie herzbrechend.

„So'n dummes Gehabe!“ brummte der Bauer in seiner Ofenecke und zündete sich ein Pfeifchen an.

„Nu sagt doch, wo fehlt's bei euch denn?“ ermunterte seine Frau die Buben.

„Hm!“ seufzten beide, und der Blaue schielte den Dicken an und der Dicke den Blauen, und plötzlich platzten beide heraus: „Wir sind Feinde!“

„Was seid ihr?“ fragte die Bäuerin verdutzt.

„Feinde!“ sagten beide kleinlaut.

Die Alte sah beide mit ihren hellen Augen freundlich an. „Warum denn?“ fragte sie.

Wenn es möglich gewesen wäre, daß die Buben rot geworden wären, dann würden sie alle beide errötet sein, aber das ging nicht, weil sie ohnehin schon aussahen wie zwei Klatschrosen. „Ich weiß nicht,“ sagte der Blaue kläglich. „Ich auch nicht,“ ächzte der Dicke.

„Nä, potz tausend, so ä paar dämliche Jungen hab' ich noch nie gesehen!“ rief der alte Bauer, der die Unterhaltung mit angehört hatte. „Sind Feinde und wissen nicht, warum! Nä, so was!“

Die alte Bäuerin aber faltete die Hände still im Schoß und guckte mit ihren klaren, guten Augen die Buben ernsthaft an. „Gelle, 's macht viel Freude, 'nen Feind zu haben?“ fragte sie.

„Nä!“ riefen die Buben wie aus einem Munde, und einer schielte verlegen den andern an.

Die Alte stand auf, holte zwei große Tassen Fliedertee herbei und sagte freundlich: „Den Tee trinkt jetzt, und wenn ihr fertig seid, stoßt ihr an. Eigentlich macht man das ja mit 'ner vollen Tasse, aber ihr schwappert mir sonst noch das Bett voll. Und nachher hat's 'n Ende mit der Feindschaft, gelle?“

„Ja,“ sagten die Buben ganz demütig und tranken tapfer den Tee, obgleich es ihnen schon war, als sollten sie geschmort werden. Sie stießen auch wirklich miteinander an, und ob es nun der Fliedertee machte oder die Hitze oder das freundliche Zureden der alten Bäuerin, dem Dicken und dem Blauen kam die Sache auf einmal komisch vor. Sie prusteten alle beide los vor Lachen und zwickten und schubsten sich, und bums! fiel das dicke Federbett mitten in die Stube.

„Nä, die gute Wärme!“ schrie die Bäuerin und packte das Bett schnell wieder auf die Buben drauf und stopfte es rechts und links fest, damit die Hitze nur ja im Bette blieb. „Dann seid ihr morgen gesund,“ tröstete sie die schwitzenden Buben.

Dann holte sie sich einen großen, roten Strickstrumpf, setzte sich an das Bett und begann ihren Gästen eine Geschichte zu erzählen. Die alte Standuhr tickte laut dazu, und manchmal schnarrte sie, als wollte sie auch etwas sagen. Der Bauer saß in der Ofenecke und rauchte sein Pfeifchen, und neben ihm lag schnurrend ein dicker, schwarzer Kater.

„Klappklapp, klappklapp,“ machten die Stricknadeln, als müßten sie mit erzählen helfen, und je schneller die Bäuerin sprach, je flinker klapperten die Nadeln. Immer heißer wurde es im Zimmer, denn der braune Kachelofen fauchte ordentlich vor Hitze. Den Buben wurde es auch immer wärmer in ihrem Bett; sie schwitzten wie zwei Teekessel, aber dabei wurde es ihnen immer friedlicher ums Herz. Sie vergaßen allen Streit und allen Trotz. Der dicke Friede blinzelte seinen einstigen Feind an, dann legte er seinen Kopf an dessen Schulter, und der tat ganz sacht seinen Arm um des andern Hals.

Leiser und leiser wurde die Stimme der alten Bäuerin, die Stricknadeln klapperten kaum hörbar, zuletzt verstummte die Erzählerin, und in den dicken Federkissen schnarchten die beiden Friede um die Wette, und bald schnarchte auch der Bauer in der Ofenecke mit.

Als die beiden Buben am nächsten Morgen aufwachten, da waren sie putzmunter, und ihre Augen blitzten wie lauter dumme Streiche. Nicht einmal einen Schnupfen hatten sie, und die allerbesten Freunde waren sie. Sie sind es auch seitdem geblieben.

 

Ehrenjungfern und Buben.

Eine Stunde von Oberheudorf entfernt, an einem kleinen See, lieblich von Wald und Wiesen umgrenzt, lag ein Schloß. Es gehörte dem Herrn Grafen Dachhausen, der es immer im Sommer mit seiner Familie bewohnte. Wie man anderswo vielleicht sagt: „Die Störche sind da!“ so sagte man in Oberheudorf: „Grafens sind da!“ Das war das Zeichen, daß der Frühling kam. „Grafens“ besuchten in Oberheudorf die Kirche, und die Frau Gräfin kam auch manchmal in die Schule. Das war aber nicht so anstrengend, als wenn der Schulrat kam, sondern immer ein Festtag, denn die Frau Gräfin brachte gewöhnlich eine unglaublich große Zuckertüte mit, die freilich, wie leider alle Zuckertüten, im Umsehen leer war. Dann ließ die freundliche Dame sich einige Lieder vorsingen und verließ, nachdem sie noch der Frau Lehrerin einen Besuch abgestattet hatte, die Schule, und die Kinder riefen ihr immer sehr bittend nach: „Auf Wiedersehen!“

Wieder einmal waren „Grafens“ gekommen, und zugleich war mit Sonnenglanz und Blütenpracht der Frühling eingezogen. Im Schloß herrschte große Aufregung. Maler und Tapezierer arbeiteten darin herum; der Gärtner grub und pflanzte mit seinen Gehilfen vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Park, und in der Küche saß stöhnend Mamsell Bertchen, die Wirtschafterin, und sagte: „Nächstens sterbe ich ganz gewiß!“ Sie wußte nämlich nicht, was für eine Pastete sie backen sollte. Schließlich gab sie das Stöhnen auf, blieb am Leben und buk drei Pasteten, „zur Auswahl“, wie sie sagte, eine aß sie aber ganz allein auf.

Im Schloß wurde hoher Besuch erwartet: der Landesfürst selbst sollte kommen. Ihm zur Ehre wurden alle Vorbereitungen getroffen, und der Graf und die Gräfin dachten sich allerlei aus, womit sie den vornehmen Gast erfreuen wollten. Unter anderem sollten ihm bei seiner Ankunft im Schloß kleine Mädchen in Landestracht Blumen überreichen.

In der Gegend, in der Oberheudorf liegt, haben die Dorfleute früher eine hübsche malerische Tracht getragen. Aber wie manchmal Kindern ihre schönen Spielsachen langweilig werden, so waren den Oberheudorfern auch ihre schönen Gewänder langweilig geworden, und nur die alten Frauen trugen sie noch hin und wieder. In manchen Familien lagen aber noch solche schöne, alte Sachen in den buntbemalten Truhen; an ihnen konnte man erkennen, wie stattlich früher die Oberheudorfer einhergegangen waren. Nach dem Muster dieser Gewänder wollte nun die Gräfin Dachhausen vier kleine Mädchen gekleidet haben, die sollten Verse sagen und Blumen bringen.

Annchen Amsee, Tischlers Liese, Schulzens Röse, die nicht faul wie ihr Bruder Jakob, sondern sehr eifrig in der Schule war, und des Waldbauers Mariandel waren die vier Auserwählten. Sie sagten, wo sie gingen und standen, ihre Verschen her, und als Waldbauers Mariandel einmal Kaffee und Spiritus holen sollte, sagte sie zu dem Krämer. „Wir grüßen dich, erlauchter Fürst!“ Und der Krämer dachte nichts anderes, als das Mariandel habe seinen Verstand verloren.

In Oberheudorf vertrugen sich die Buben und Mädel sonst immer recht gut miteinander. Sie zankten sich mal und pufften sich auch hin und wieder, aber dann spielten sie auch wieder miteinander und vollführten in der allerschönsten Eintracht die allerdümmsten Streiche. Seit aber die Frau Gräfin die vier Mädchen zum Empfang des Fürsten erwählt hatte, waren die Buben wütend auf die Mädel, und die faulsten und unnützesten waren am ärgerlichsten. „Nur Mädels,“ sagte Schnipfelbauers Fritz entrüstet, obgleich er doch sicher nicht ausgewählt worden wäre, selbst wenn die Frau Gräfin auch Buben genommen hätte.

„Und unsere Röse ist ein Jahr jünger als ich,“ rief Schulzens Jakob empört.

„Es ist frech von ihnen,“ schrien Anton Friedlich und Heine Peterle. Als ihnen aber Annchen Amsee am gleichen Tage eine Zuckerstange gab, die noch von ihrem Geburtstag stammte, da nahmen sie die Stange und aßen sie auf, aber böse waren sie darum doch. Aber aller Ärger half ihnen nichts: die vier Mädel waren zum Empfang eingeladen und blieben es, mochten die Buben brummen, soviel sie wollten.

Der Festtag kam heran. Erst hatten alle Oberheudorfer zugleich mit den vier Mädeln nach dem Schlosse ziehen wollen, um den Empfang zu sehen. Der Herzog jedoch liebte zu große Empfänge nicht, und darum hatte der Graf die Dorfbewohner bitten lassen, sie sollten erst am Abend kommen; es solle ein wundervolles Feuerwerk abgebrannt werden, und dazu könne jeder kommen, der Lust habe. Der Herzog, der mit seinem eigenen Wagen von seinem einige Stunden entfernten Jagdschloß Adlershorst kam, wurde am Nachmittag erwartet. Um Mittag traten daher, gefolgt von dem halben Dorf, die vier kleinen Ehrenjungfern ihren Weg nach dem Schlosse an. Bis zum Ende des Dorfes wurde ihnen das Geleit gegeben, dann ließ man sie mit vielen guten Wünschen und Ermahnungen ziehen, und die andern kehrten alle heim, um später den gleichen Weg zu wandern.

Die vier Mädel aber zogen stolz in ihren hübschen Gewändern fürbaß. Sie hatten bunte Röckchen, schwarze Mieder und schneeweiße, mit Spitzen besetzte Hemden an. Die schwarzen Hauben, die sie trugen, waren sehr reich mit schönen farbigen Bändern geschmückt. Weiße, feingefaltete Schürzen, weiße Strümpfe mit roten Zwickeln und blitzblanke, schwarze Schnallenschuhe gehörten noch zu dem Anzug. Es war eine Pracht, die vier anzuschauen, und sie gingen auch so steif und vorsichtig einher, wie die Puthähne Kaspars auf dem Berge, aber freilich so eingebildet und wütend wie diese waren die vier Mädel nicht.

Ein Stückchen waren Annchen, Liese, Rose und Mariandel auf der Landstraße dahingezogen, als plötzlich aus einem Graben am Wege vier Buben kletterten.

Die Mädel schrien laut auf vor Schreck, aber dann erkannten sie ihre Schulgefährten Anton Friedlich, Schnipfelbauers Fritz, Heine Peterle und Schulzens Jakob, die alle vier wie aus einem Munde riefen: „Aber ihr seid fein, uh je!“

Die Mädchen glaubten nicht anders, als die Bewunderung sei echt. Sie nickten vergnügt und zupften an ihren Bändern herum, und Annchen Amsee fragte freundlich: „Wollt ihr uns begleiten?“

„Freilich, freilich!“ rief Heine Peterle, und Schnipfelbauers Fritz meinte verschmitzt: „Grad' dazu sind wir ja gekommen!“

Wie sie so miteinander gingen, sagte Waldbauers Mariandel auf einmal: „Ihr schaut ja immer unsere Schuhe an, gelt, die können euch gefallen?“

„Na ob!“ rief Schnipfelbauers Fritz. „Aber dumm seid ihr Mädel doch!“

„Pfui!“ quiekten die vier Ehrenjüngferchen entrüstet, „du bist mal ein Grober!“

„Na, wahr ist's doch!“ behauptete Fritz lachend. „Bis ihr ins Schloß kommt, sind eure Schuhe schmutzig. Zieht sie doch aus! Gelt, ihr seid zu vornehm, um barfuß zu gehen?“

Die Buben lachten laut auf, und die Mädel sahen sich an und schämten sich, sie fanden, Fritz habe recht. „Woll'n wir?“ fragte Mariandel, und die andern nickten: „Ja, wir wollen!“ Hurtig begannen sich die vier Mädel Schuhe und Strümpfe auszuziehen, und bald standen sie mit nackten Beinchen auf der Landstraße. Die Buben lachten vergnügt dazu und nahmen dann jeder ein Paar Schuhe, in denen fein säuberlich die Strümpfe steckten. „Wir tragen sie euch ein bißchen,“ sagten sie so gefällig, wie sie sonst nie waren. So trabten sie miteinander auf der Landstraße dahin. Aber weit waren sie noch nicht gegangen, als Schnipfelbauers Fritz plötzlich rief: „Dort läuft ein Hase!“

„Wo denn, wo denn?“ fragten alle.

„Dort, dort!“ schrie Anton Friedlich, „ich sehe ihn!“

„Ich auch,“ schrie Heine Peterle, „ich lauf' ihm nach!“ und er begann zu laufen.

„Ich auch,“ „Ich auch,“ „Ich auch,“ schrien seine Kameraden und rannten hinter ihm her.

Die vier Mädel hatten zwar keinen Hasen gesehen, aber sie warteten geduldig auf die Rückkehr der Kameraden. Doch die Zeit verging, und kein Anton, kein Jakob, kein Fritz und kein Heine Peterle ließen sich sehen, sie waren spurlos verschwunden und mit ihnen Schuhe und Strümpfe.

Die Mädchen wurden ängstlich, sie mußten doch gehen, und sie begannen laut zu rufen. Aber ihre Stimmen verhallten in der mittäglichen Stille, und nichts regte und rappelte sich.

Annchen Amsee ahnte zuerst die Wahrheit, sie rief plötzlich klagend: „Sie haben uns einen Streich gespielt, sie sind fortgelaufen mi–mit unsern Schu–schuhen!“ Die letzten Worte kamen nur stoßweise unter Tränen hervor, und als die andern ihre Kameradin weinen sahen, da wurde es ihnen klar, daß die Buben ihnen absichtlich Schuhe und Strümpfe weggetragen hatten. Sie brachen in ein jammervolles Geschrei aus und sanken einander in die Arme. Alle vier hielten sich umschlungen und weinten so, daß zwei Spatzenmütter, die auf einem Kirschbaum in der Nähe brüteten, vor Schreck und Mitgefühl aus dem Neste plumpsten. So dicht hatten die vier die Köpfe zusammengesteckt, daß immer einer die Tränen der andern über das Gesicht liefen. Wie ein Häuflein Unglück standen sie da mitten auf der Landstraße, und vor Schreien und Wehklagen sahen und hörten sie nicht, was um sie herum vorging.

Plötzlich packten sie starke Arme, und eine gutmütige Stimme sagte: „Aber Kinder, ihr werdet ja noch überfahren! Warum schreit ihr denn so?“

Vier heiße, tränenüberströmte Gesichtchen hoben sich zu dem Sprecher empor. Das war ein Mann, der einen braunen, mit goldenen Knöpfen besetzten Rock trug, kurze Hosen und lange, helle Gamaschen dazu. Und mitten auf der Landstraße hielt ein Wagen, in dem drei Herren saßen.

Einer von ihnen, ein älterer Mann mit einem milden, freundlichen Gesicht, rief: „Paul, bringe die Kinder doch einmal her, ich will fragen, was den armen Dingern fehlte.“

Paul nahm das Häuflein Mädel und schob es sanft nach dem Wagen hin.

„Ja, Kinder, sagt mir nur, warum weint ihr denn gar so fürchterlich?“ fragte der freundliche Herr.

„Huhuuu – unsere Schu–uhe!“ schrien Annchen, Liese, Röse und Mariandel wehklagend, aber mehr war nicht aus ihnen herauszubringen, soviel die Herren auch fragten.

Endlich nahm der eine von ihnen Annchen Amsee einfach in den Wagen und sagte gütig, aber ernst: „Jetzt, Kind, erzähle mir, was geschehen ist!“

Annchen Amsee erschrak, sie nahm sich jedoch zusammen und erzählte unter Tränen, was die Buben ihnen für einen Streich gespielt hatten, und als sie mit Erzählen fertig war, da brachen alle wieder von neuem in Wehklagen aus.

Die Herren lachten. „Ihr armen kleinen Dinger,“ sagte der, welcher zuerst gesprochen hatte, mitleidig. „Doch kommt, ich fahre auch nach dem Schloß, ich werde euch mitnehmen. Und daß ihr barfuß kommt, das schadet nichts; seid nur getrost, es wird schon alles gut werden!“

Ehe die vier recht wußten, was geschah, saßen sie alle in dem feinen Wagen. Ein bißchen eng war es freilich, aber schön war es auch, und die drei Herren trösteten die kleinen Ehrenjungfrauen so gütig, daß diese zuletzt ganz vergnügt wurden. So kam es, daß sie schon wieder ordentlich lachen konnten, als der Wagen in die breite Allee einfuhr, die zum Schlosse führte. In der Allee standen zwei Diener, die, als sie den Wagen erblickten, laut etwas riefen und rasch ins Schloß rannten. Auf der breiten Terrasse vor dem Schloß standen der Graf und die Gräfin und noch viele andere schöngekleidete Herren und Damen, und der Graf kam eilig die Treppe herabgelaufen und verbeugte sich sehr tief vor dem freundlichen älteren Herrn.

Kein anderer als der Herzog selbst war das.

Als die vier Mädelchen dies merkten, hätten sie beinahe vor Schreck und Verlegenheit wieder angefangen zu heulen, der Diener Paul aber meinte, Wasser sei doch schon genug geflossen, sie sollten doch lieber still sein. Das taten sie denn auch, ja sie lachten sogar mit, als der Herzog die Geschichte von den Schuhen erzählte und der Graf und seine Gäste herzlich darüber lachten. Der Herzog war früher, als er erwartet worden war, gekommen und meinte, es sei nur gut, daß er die kleinen Ehrenjungfern gleich mitgebracht hätte. Sie mußten noch ihr Sprüchlein sagen, und da sie es sehr gut konnten, wurden sie viel gelobt. In einem besonderen Zimmer wurde ein Tisch für sie gedeckt, und Annchen, Liese, Röse und Mariandel ließen sich all die guten Sachen, die ihnen vorgesetzt wurden, trefflich schmecken. Der Kummer um ihre Schuhe und Strümpfe hatte sie hungrig gemacht, auch schmeckten ihnen Braten, Kompott und Torte besser als ein Oberheudorfer Käsebrot.

Die vier Buben hatten, zu ihrer Ehre sei es gesagt, gar nicht die Absicht gehabt, den Mädeln Schuhe und Strümpfe ganz und gar wegzunehmen, sie hatten die vier nur etwas ängstigen wollen. Sie waren daher in den Wald gelaufen, und nach einer Viertelstunde ungefähr wollten sie die Sachen zurücktragen. Als sie so im Walde saßen, erblickten sie auf einmal den Waldhüter Leberecht Sperling, der von allen Buben Oberheudorfs gefürchtet wurde.

Leberecht Sperling glaubte nämlich, jeder Bube sei unnütz. Schön war das nicht von ihm, aber er glaubte es nun einmal. Traf er daher einen Buben im Walde, so hatte der seiner Ansicht nach irgend eine Dummheit begangen, und es war schon vorgekommen, daß er ohne irgend eine Vorrede diesen Buben einfach durchgewichst hatte. Kein Bube aber liebt dergleichen besonders, und es war nicht verwunderlich, daß die Buben Leberecht Sperling in der Entfernung lieber sahen als in der Nähe. Anton, Fritz, Heine Peterle und Jakob erschraken daher sehr, als sie den Waldhüter auf sich zukommen sahen, und weil sie obendrein ein grundschlechtes Gewissen hatten, nahmen sie Reißaus.

„Die haben etwas Dummes gemacht,“ dachte Leberecht Sperling, und da er recht lange Beine hatte, war die Sache nicht ungefährlich, und die vier Missetäter hatten auch gehörige Angst und waren heilfroh, als sie zum Walde raus waren und der Waldhüter von der Verfolgung abließ.

Niedergeschlagen dachten sie an die vier Mädel auf der Landstraße. Durch den Wald trauten sie sich nicht wieder, und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als nach dem Dorf zurückzukehren und von dort aus auf die Landstraße zu gelangen. Die Nähe des Dorfes aber war gefährlich; leicht konnten sie mit den Schuhen gesehen werden. Und verbergen ließen sich die Schuhe zu schlecht. Anton Friedlich versuchte sie in die Tasche zu stecken, als er aber einen mit Not und Mühe hineingezwängt hatte, platzte die Tasche. „Die dummen Mädel!“ schrie er wütend, als ob diese seine Tasche zerrissen hätten, und seine Gefährten stöhnten: „Hätten wir sie nur gehen lassen!“

Sie gelangten jedoch glücklich am Dorf vorbei und rasten dann die Landstraße entlang, aber soviel sie auch riefen und spähten, von den Mädeln war keine Spur mehr zu sehen. Sie rannten beinahe bis ans Schloß, aber nirgends erblickten sie die bunten Röcke ihrer Schulgefährtinnen. Recht kleinlaut kehrten sie um. „Die dummen Trinen sind heimgegangen,“ rief Anton Friedlich zornig.

„Und haben uns verklatscht!“ stöhnte Fritz dumpf.

„Meine Mutter haut mich,“ jammerte Heine Peterle kleinlaut.

„Mein Vater auch,“ ächzte Jakob.

Auf der Landstraße konnten sie nicht bleiben, nach Hause trauten sie sich nicht, so beschlossen sie, sich in einem Schuppen zu verstecken, der Jakobs Vater gehörte. Dort wollten sie warten, bis die Dorfbewohner nach dem Schloß gezogen waren, und dann ganz heimlich nach Hause gehen. Es war zu trostlos! Das schöne Feuerwerk, auf das sie sich so gefreut hatten, entging ihnen nun, und hungrig wurden sie mit der Zeit auch. Sie seufzten jämmerlich und schlichen, als es dunkel geworden war, sehr bedrückt heim. Im Dorf waren nur wenige Leute geblieben, meist nur die Alten, die lieber an dem lauen Frühlingsabend ruhig in den kleinen Gärten saßen, statt den weiten Weg bis zum Schlosse zu gehen. So gelang es den vier Missetätern leicht, in die Häuser zu schlüpfen, nachdem sie die Schuhe noch heimlich jeder Besitzerin vor die Türe gestellt hatten.

Annchen, Liese, Röse und Mariandel hatten unterdessen einen vergnügten Nachmittag gehabt, und die Dorfleute hatten sich alle über das prachtvolle Feuerwerk gefreut und dazwischen auf die vier unnützen Buben geschimpft, denn natürlich hatten alle die Geschichte von den Schuhen erfahren. Der Schulze sagte, es sei eine Schande, daß der Landesherr barfuß begrüßt worden wäre. Na, sein Jakob sollte sehen! Ähnliches sagten die andern Väter und Mütter auch. Die vier Mädel aber waren so lustig auch ohne Schuhe, daß sie himmelhoch für die Buben baten, aber der Schulze sagte, Haue müßten sie kriegen, weil sie Oberheudorf blamiert hätten.

Daß die Buben Haue bekommen sollten, tat aber den Mädeln herzlich leid. Besonders Röse wurde ganz traurig darüber, und sie war es auch, die den Freundinnen vorschlug: „Wir wollen den Herrn Herzog bitten, daß er die Haue verbietet!“

„Röse!“ schrien die drei Jüngferchen fast entsetzt, denn der Plan ihrer Kameradin erschien ihnen gar zu kühn.

Aber Röse blieb dabei. „Ich sag's, ihr müßt aber dann auch bitten!“ Das versprachen die drei zwar, aber recht bange war ihnen doch zumute, als sie alle ins Schloß zogen und Röse herzhaft zu einem Diener sagte, sie wollten dem Herrn Herzog eine gute Nacht wünschen.

Der Diener ließ die kleinen Ehrenjungfern wirklich in den Saal, und die gingen schnurstracks auf den Herzog los und machten so tiefe Knickse, daß Liese nur mit Annchens Hilfe wieder hoch kam, und Röse sagte tapfer: „Nicht wahr, die Buben sollen keine Haue haben wegen der Schuhe!“

„Bitte, bitte, nicht!“ schrien die andern; es war gerade, als wollte der Herzog selbst die Buben strafen.

Der lachte herzlich und ließ sich von dem Zorn des Schulzen erzählen, und dann mußte Röse ihren Vater herbeiholen. Und der Herzog bat wirklich selbst den Schulzen, er möge diesmal – aber das „Diesmal“ betonte er sehr – die Buben ungestraft lassen; er habe die allerbeste Meinung von Oberheudorf, trotzdem die vier Ehrenjungfern barfuß gewesen wären.

Wenn ein Herzog bittet, dann muß freilich die Bitte erfüllt werden, und so kam es, daß die vier Buben am andern Tage zu ihrem großen Erstaunen außer ein paar Ermahnungen keine Strafe weiter erhielten. Es war freilich sehr beschämend für sie, daß sie diese Milde der Fürbitte der Mädel zu verdanken hatten. Übrigens wurden die vier Ehrenjungfern und die vier unnützen Buben bald darauf die allerbesten Freunde und machten in der besten Eintracht fortan ihre dummen Streiche gemeinsam.

 

Die Roggenmuhme.

Schulzen-Jakobs Großmutter erzählte einmal im Juli die Geschichte von der Roggenmuhme, die im Sommer im Felde sitzt und das Korn bewacht. Wehe dem Kinde, das in das Feld geht, um Kornblumen, Mohn und Rittersporn zu suchen und von der Roggenmuhme ertappt wird, wenn es Ähren zertritt! Unweigerlich bekommt es eine schwere Krankheit. In den Mittagsstunden, wenn die Sonne still und heiß auf die Fluren herabbrennt, ist die Zeit, in der die Roggenmuhme am liebsten mit leisen Schritten durch die Felder schreitet. Ihre Haare sind gelb wie das reifende Korn, und ihre Augen blau wie die Kornblumen, ihre Lippen rot wie blühender Mohn. Sie ist schön, die Roggenmuhme, aber furchtbar in ihrem Zorn und unerbittlich gegen den, der nur eine Ähre zertritt.

Als die Großmutter fertig war, sagte Jakob: „Ich glaub's net!“ Seine kleinen Geschwister sahen ihn erschrocken an, aber Jakob stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte noch einmal: „Ich glaub's net!“

„Ach, du bist ein dummer, naseweiser Bube,“ rief die Großmutter ärgerlich. „Dir könnt's nicht schaden, wenn dich die Roggenmuhme mal ordentlich durchbeutelte, du gehst auch immer mitten ins Feld hinein!“

Jakob verließ trotzig die Stube, ging auf die Dorfstraße und sagte zum drittenmal laut und patzig. „Ich glaub's doch net!“

„Was glaubst du nicht?“ fragte der blaue Friede, der am Gartenzaun stand und Jakobs Worte gehört hatte. Der erzählte ihm die Geschichte von der Roggenmuhme, und wie er im besten Erzählen war, kam der dicke Friede herbei, der wollte die Geschichte auch wissen. Jakob fing geduldig wieder an, und nach einem Weilchen kam Heine Peterle; natürlich mußte Jakob noch einmal beginnen. Und da auch noch Bäckermeisters Mariele, die blonde Lisbeth, Anton Friedlich und mehrere andere dazu kamen, dauerte die Geschichte von der Roggenmuhme volle drei Stunden. „Ich glaub's doch net!“ sagte Jakob, als er fertig war, und einige stimmten ihm bei, nicht alle, namentlich die Mädel waren nicht abgeneigt, an die Roggenmuhme zu glauben.

Sie stritten alle sehr lebhaft miteinander und hätten sich beinahe ein wenig geprügelt, wenn nicht Jakob auf einmal gerufen hätte: „Ich studier's!“

„Was willst du studieren?“ schrien die andern erstaunt.

„Ob's eine Roggenmuhme gibt. Morgen geh' ich hin und seh' nach!“

Mariele kreischte laut auf, als käme die Roggenmuhme schon um die Ecke herum, Anton Friedlich aber und Heine Peterle riefen so laut „Bravo!“, daß alle Gänse und Hühner auf der Dorfstraße erschraken und schnatternd und gackernd davonliefen. Und weil gerade Abendbrotzeit war, rannten auch alle Kinder nach Hause. Jakob war auf seinen Einfall sehr stolz und sagte daheim auch zur Großmutter: „Ich studier's!“

„Was, studieren willst du? Aber Bube, du kannst ja net mal richtig schreiben! Beinahe der allerfaulste bist in der Schule, und nun willst du studieren?“

Jakob wurde sehr verlegen, von seinem Fleiß hörte er nicht gerne reden, und ärgerlich brummte er: „Das mit der Roggenmuhme will ich studieren!“

Die Großmutter lachte so herzlich, daß ihr die Brille von der Nase fiel, und sagte: „Studier lieber Lesen und Schreiben, das ist besser!“

Aber Jakob blieb bei seinem Vorsatz. Am andern Tage, der heiß und sonnig war, marschierte er gleich nach dem Mittagessen zum Dorf hinaus. Einige seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis an die große Linde, die am Eingang des Dorfes stand. Dann legten sie sich gemütlich in den Schatten, während Jakob auf der sonnigen Landstraße weiter zog dorthin, wo die Felder seines Vaters lagen.

Um die gleiche Mittagsstunde kam von der andern Seite her ein Bäuerlein. Der führte an einem Strick ein rundes, fettes Schweinchen. Er hatte es auf dem Markt in der Stadt gekauft und kehrte nun in sein Dorf zurück, das eine gute halbe Stunde hinter Oberheudorf lag. Der Bauer war müde und das Schweinchen auch, denn der Weg war sonnig und die Hitze groß. Seufzend blieb der Bauer stehen. Freilich war Oberheudorf nicht mehr weit, und dort gab es ein Wirtshaus, aber vorher hätte er gern noch ein Mittagschläfchen gehalten. Auf einem schmalen Feldweg, zwischen Kornfeldern, die wie ein goldenes Meer wogten, stand ein wilder Apfelbaum. An den band der Bauer sein Schweinchen, er selbst legte sich an den Feldrand, und nach wenigen Minuten schlief er tief und fest.

Das Schweinchen aber hatte keine große Lust zu einer Mittagsruhe. Ungeduldig zerrte und zog es an dem Strick, der nur lose um den Baum geschlungen war, und auf einmal ritsch! war das Schweinchen frei. Vergnügt trabte es davon und kümmerte sich gar nicht um seinen schlafenden Herrn. Das war sehr herzlos, aber Schweine sind nun einmal so.

Je näher Jakob den Feldern seines Vaters kam, desto bänglicher wurde ihm ums Herz. Es war so heiß und still; kaum einen Luftzug spürte man, leise nur rauschten die wogenden Felder. Jakob hatte versprochen, zum Zeichen, daß er wirklich im Felde gewesen war, einen riesengroßen Blumenstrauß zu pflücken. Nicht gerade sehr vergnügt machte er sich an sein Werk, und sorgsam vermied er es, Ähren zu zertreten. Wie er im besten Pflücken war, hörte er plötzlich etwas im Felde rascheln, und erschrocken blieb er stehen und lauschte.

Ein Weilchen war alles still, er mochte sich wohl getäuscht haben. Seufzend pflückte er weiter, doch da – die Haare sträubten sich ihm – deutlich sah er, wie sich etwas im Felde bewegte. Stärker rauschte das Korn, und der Bube blieb vor Angst und Entsetzen ganz still stehen.

Da – tauchte da nicht etwas Helles, Unheimliches auf?

Die Roggenmuhme, sie war es – niemand anders!

Jakob wagte gar nicht ordentlich hinzusehen. Mit einem gellenden Schrei ergriff er die Flucht und warf die Blumen weit von sich.

Aber hinter ihm her kam es gerannt, seltsame Töne ausstoßend.

Jakob schrie immer lauter vor Angst. Er wollte über den kleinen Graben, der das Feld von der Landstraße trennte, springen, aber in seiner Aufregung strauchelte er, stürzte und lag plötzlich platt wie ein Frosch in dem Graben.

Plumps! sprang da etwas auf ihn drauf und krabbelte auf seinem Rücken herum; einmal rutschte das unheimliche Wesen nach rechts, einmal nach links.

Und Jakob brüllte in seiner Angst: „Die Roggenmuhme, die Roggenmuhme! Laß mich los, laß mich los!“

Er machte es dabei wie der Vogel Strauß, er steckte seinen blonden Struwelkopf tief in das Gras und zappelte mit Armen und Beinen und schrie, als sollte er auf der Stelle mit Haut und Haaren verspeist werden.

Je lauter Jakob brüllte, desto mehr quiekte die Roggenmuhme auf seinem Rücken. Sie trampelte dabei immer hin und her und stieß ganz merkwürdige Töne aus, die einem Dorfbuben eigentlich hätten bekannt sein müssen. Aber Jakob gab sich keine Mühe, das Gequieke der Roggenmuhme zu „studieren“, er schrie nur, und zwar so kräftig, daß das Bäuerlein am Feldrand davon erwachte.

Erstaunt richtete sich der Schläfer auf. Wo war denn er, und wo war sein Schweinchen?

Er hörte das Gebrüll und das Gequieke, und flugs war er auf den Beinen und rannte dorthin, woher der Lärm kam. Da erblickte er sein Schweinchen, das sich die Leine um die Beine gewickelt hatte, und das hilflos in einem Graben hin und her rutschte und als verkannte Roggenmuhme den armen Jakob in Angst und Schrecken versetzt hatte.

„Na, potz Blitz, was ist denn das for äne Schreierei?“ sagte das Bäuerlein und zog sein Schweinchen aus dem Graben. „Du, Bube, komm doch raus! So än kleenes Schweinchen tut dir doch nischt!“

„Uah, uah, uah,“ brüllte Jakob und strampelte und zappelte weiter. Da packte ihn der Bauer kurz entschlossen am Hosenboden und zog ihn aus dem Graben. „Nu sag mir nur, Bengel, warum schreist du denn so?“ fragte er kopfschüttelnd.

„Die – die – Ro–roggenmu–muhme!“ schluchzte Jakob.

„Was?“ sagte der Bauer, „den Rock–Muhme? Ja was soll denn das heißen?“

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Jakob ihm schluchzend und stammelnd die Sache erklären konnte. „Nä, ä sowas! So än blitzdummer Bube, hält mein schönes Staatsschweinchen für die Roggenmuhme! Hahaha!“ schrie das Bäuerlein und mußte sich geschwind auf einen Meilenstein setzen, sonst wäre er vor Lachen umgefallen.

Jakobs Freunden war unterdessen die Zeit unter dem Lindenbaume etwas lang geworden. Es hatten sich noch einige andere Kinder eingefunden, und sie beschlossen alle zusammen nachzusehen, ob Jakob mit „Studieren“ fertig sei. Lustig trabten sie auf der Landstraße hin, und Jakob sah sie schon von weitem kommen. „Jetzt werd' ich aber ausgelacht,“ dachte er beschämt, und ohne sich lange zu besinnen, rutschte er in den Graben, kroch am Felde entlang bis zu einem schmalen Weg, und dann rannte er heidi! auf und davon.

„Na, was ist denn das nu wieder?“ sagte der Bauer verdutzt und sah dem Ausreißer nach. Aber dann bemerkte er die herankommenden Kinder, und er schmunzelte vergnügt, denn er verstand, warum Jakob die Flucht ergriffen hatte. Er zog also mit seinem Schweinchen den Kindern entgegen, blieb vor ihnen stehen und fragte listig: „Wo wollt ihr denn hin?“

„Schulzens Jakob wollen wir suchen, der ‚studiert‘ die Roggenmuhme,“ antworteten alle.

„Na, dann geht man wieder nach Hause! Jetzt vor än Weilchen hat die Roggenmuhme einen Jungen mit fortgeschleppt, das wird er wohl gewesen sein!“

Entsetzt starrten sich die Kinder an, dann brachen sie in ein wildes Jammergeschrei aus und rannten spornstreichs in das Dorf zurück.

Dort kamen sie gerade an, als Jakob, der auf einem Umweg das Dorf erreicht hatte, in das Schulzenhaus schlüpfen wollte. „Da ist er ja, da ist er ja! Sie hat ihn losgelassen!“ brüllten seine Kameraden und stürzten auf ihn zu; der eine packte ihn am rechten Arm, der andere am linken, einer am Jackenzipfel und einer sogar am Bein.

„Hat sie dich losgelassen?“ – „Wie sah sie denn aus?“ – „Hat sie dir was getan?“ so schwirrten die Fragen durcheinander.

Dem armen Jakob wurde himmelangst, und es war sein Glück, daß gerade die Großmutter vor die Haustüre trat und ihn aus den Händen seiner teilnehmenden Freunde befreite. „Was schreit ihr denn so? Was ist denn los?“ fragte sie ärgerlich.

„Die Roggenmuhme hat ihn gehabt, sie hat ihn mit fortgeschleppt,“ riefen alle zusammen.

„Ich will rein, Großmutter,“ bat Jakob ängstlich, und die alte Frau nahm ihn an der Hand und zog ihn ins Haus und klappte seinen Kameraden die Tür vor der Nase zu. Drinnen erzählte der Bube kleinlaut sein Abenteuer, und die Großmutter lachte, aber nur ein wenig, denn nach echter Großmutterweise hatte sie gleich Mitleid mit dem Jungen und versuchte ihn zu trösten. Zu diesem Zweck gab sie ihm ein dickes Honigbrot, das, wie man zu sagen pflegt, Jakob wieder etwas auf die Beine brachte.

Unterdessen war das Bäuerlein nach Oberheudorf gekommen und erzählte im Wirtshaus schmunzelnd Jakobs Abenteuer. So erfuhr das ganze Dorf die Geschichte, und alle lachten darüber. Man lachte noch lange, und Jakob wurde zu seinem Ärger noch recht oft zugerufen, wenn ihm ein Schweinchen in den Weg lief: „Gib acht, da kommt die Roggenmuhme!“