Fünfundvierzigstes Kapitel.
Schlußbemerkungen.
Die Verfasserin hat oft von verschiedenen Seiten Anfragen darüber erhalten, ob diese Erzählung wahre Thatsachen enthalte, und sie will deshalb hierauf die nachfolgende allgemeine Antwort geben.
Die einzelnen Ereignisse, welche darin zusammengestellt worden, sind bis zu einem hohen Grade authentisch, und haben sich entweder unter den eignen Augen der Verfasserin, oder denen ihrer Freunde zugetragen. Sie selbst oder ihre Freunde haben Gegenstücke zu fast allen Charakteren, die hier geschildert worden sind, beobachtet, und viele der eingeflochtenen Reden sind Wort für Wort wiedergegeben, wie sie von der Verfasserin gehört oder ihr mitgetheilt worden sind.
Die persönliche Erscheinung Elisa's und der ihr beigelegte Charakter sind nach dem Leben gezeichnet. Die unbestechbare Treue, Rechtlichkeit und Frömmigkeit Tom's hat die Verfasserin in mehr als einem persönlichen Beispiele selbst beobachtet. Ebenso haben mehrere der tragischsten und schrecklichsten Ereignisse ihre Originalien in der Wirklichkeit. Die Handlung der Mutter, welche über das Eis des Ohioflusses geht, ist eine wohlbekannte Thatsache. Die Geschichte der »alten Prue« ereignete sich unter der persönlichen Wahrnehmung eines Bruders der Verfasserin, welcher Kassirer eines großen Handlungshauses in New Orleans war. Aus derselben Quelle ist der Charakter des Pflanzers Legree entnommen worden. Ueber ihn äußerte sich derselbe, indem er einen auf seiner Pflanzung bei Gelegenheit einer Geschäftsreise abgestatteten Besuch schildert, folgendermaßen: »Er ließ mich in der That seine Faust befühlen, welche dem Hammer eines Grobschmieds glich, und sagte mir dabei, daß sie vom Niederschlagen der Neger so hart geworden sei.«
Daß ebenso Tom's tragisches Schicksal mehr als ein Beispiel in der Wirklichkeit hat, dafür gibt es im ganzen Lande zahlreiche lebendige Zeugen. Man erinnere sich daran, daß es in allen südlichen Staaten ein gesetzliches Princip ist, keine Person von farbiger Abkunft als Zeugen gegen einen Weißen zuzulassen; und man wird deshalb leicht sehen, daß ein solcher Fall sich überall ereignen kann, wo die Leidenschaften eines Menschen die Rücksichten auf seinen Vortheil überwiegen, und ein Sklave Männlichkeit und Festigkeit genug besitzt, seinem Willen zu widerstehen. Es gibt in der That für einen Sklaven keinen andern Schutz, als den Charakter seines Herrn.
Thatsachen, die zu schrecklich sind, um nur gelegentlich erwähnt zu werden, bahnen sich ihren Weg gewaltsam zur Oeffentlichkeit, und die Bemerkungen, die darüber gemacht werden, sind oft noch schrecklicher, als die Sache selbst. Man hört die Aeußerung: »Kann wohl sein, daß solche Dinge sich dann und wann zutragen, aber sie sind kein Beleg für die allgemeine Praxis.« Wenn die Gesetze von Neu-England so beschaffen wären, daß ein Meister dann und wann einen Lehrling zu Tode quälen könnte, ohne die Möglichkeit, denselben zur Bestrafung zu ziehen, — würde dies mit demselben Gleichmuthe angehört werden? Würde man sagen: »Derartige Fälle sind selten und keine Belege für die allgemeine Praxis?« Diese Ungerechtigkeit ist eine nothwendige Folge des Sklavensystems, welches ohne dieselbe nicht bestehen kann.
Der öffentliche und schamlose Verkauf reizender Mulatten und Quadroonmädchen hat durch diejenigen Ereignisse Oeffentlichkeit erlangt, welche der Wegnahme der ›Perl‹ folgten. Wir entnehmen das Folgende aus der Rede des Mr. Horace Mann, eines der gesetzlich bestellten Vertheidiger der Angeklagten. Er sagt: »Unter den sechsundsiebzig Personen, welche im Jahre 1848 in dem Schoner ›Perl‹ von Columbia zu entfliehen suchten, und deren Offiziere ich zu vertheidigen bemüht war, befanden sich mehrere junge und kräftige Mädchen, welche in Zügen und Gestalt jene besonderen Reize besaßen, die von Kennern so hoch geschätzt werden. Elisabeth Russel gehörte zu diesen. Sie fiel augenblicklich in die Netze der Sklavenhändler, und wurde von ihnen für den Markt in New-Orleans bestimmt. Die Herzen Aller, die sie sahen, wurden von Mitleid für ihr Schicksal ergriffen. Man bot achtzehnhundert Dollar, um sie loszukaufen, aber der Teufel von einem Sklavenhändler war unerbittlich. Sie wurde nach New-Orleans abgeführt; allein während der Reise erbarmte Gott sich ihrer und erlöste sie durch den Tod. Zwei andere Mädchen, Namens Edmundson, befanden sich ebenfalls unter ihnen. Als sie nach demselben Markte abgesendet werden sollten, kam eine ältere Schwester derselben zur Fleischbank, um den Elenden, dem sie gehörten, bei der Liebe Gottes anzuflehen, seiner Opfer zu schonen. Er verhöhnte sie, und stellte ihr vor, was für schöne Kleider und Möbeln sie haben würden. ›Ja,‹ entgegnete sie, ›das mag in diesem Leben ganz angenehm sein, aber was wird in jenem Leben aus ihnen werden?‹ Sie wurden auch nach New-Orleans abgeführt, aber später für eine ungeheure Summe losgekauft und zurückgebracht.« Ergibt sich aus diesen Beispielen nicht deutlich genug, daß die Schicksale Cassy's und Emmelinens zahlreiche Gegenstücke haben werden?
Um gerecht zu sein, ist die Verfasserin auch genöthigt, zu bemerken, daß die Freundlichkeit und der Edelmuth St. Clare's nicht ohne Parallelen sind, wie sich aus der folgenden Thatsache ergibt. Vor mehreren Jahren kam ein junger Gentleman aus dem Süden mit einem Lieblingssklaven, der von seiner Kindheit an sein persönlicher Diener gewesen war, nach Cincinnati. Letzterer machte von dieser Gelegenheit Gebrauch, sich seine Freiheit zu verschaffen, und floh unter den Schutz eines Quäckers, der im allgemeinen Rufe stand, sich derartigen Geschäften zu unterziehen. Der Eigenthümer war empört. Er hatte den Sklaven stets mit großer Nachsicht behandelt, und setzte ein so großes Vertrauen in seine Anhänglichkeit zu ihm, daß er glaubte, er müsse nothwendig zu diesem Schritte durch Andre verleitet worden sein. Er begab sich deshalb in heftiger Aufregung zu dem Quäcker, aber wurde bald, da er ein Mann von offenem und rechtlichem Sinne war, durch die Vorstellungen desselben beschwichtigt. Er lernte hier die Sache von einer Seite betrachten, von der er noch nie gehört, — an die er noch nie gedacht hatte, und sagte deshalb dem Quäcker sofort, daß, wenn sein Sklave ihm von Angesicht zu Angesicht den Wunsch, frei zu werden, erklären wolle, er ihn frei lassen werde. Die Zusammenkunft fand augenblicklich Statt, und Nathan wurde von seinem jungen Herrn befragt, ob er irgend einen Grund habe, sich über die von ihm zu Theil gewordene Behandlung zu beklagen?
»Nein, Master,« sagte Nathan, »Sie sind immer gut gegen mich gewesen.«
»Gut, weshalb willst Du mich also verlassen?«
»Master kann sterben, und wem falle ich dann zu? — Ich möchte lieber frei sein.«
Nach einiger Ueberlegung entgegnete der junge Mann: »Nathan, ich glaube, ich würde an Deiner Stelle eben so denken. Du bist frei.«
Sofort fertigte er seine Entlassungsscheine aus, legte eine Summe Geldes in die Hand des Quäckers, um ihm auf zweckmäßige Weise damit fortzuhelfen, und ließ einen herzlichen und gefühlvollen Brief an den jungen Mann zurück, in welchem er ihm gute Rathschläge für seinen neuen Lebensweg ertheilte. Dieser Brief ist längere Zeit in den Händen der Verfasserin gewesen.
Die Verfasserin hofft, daß sie der Menschenfreundlichkeit und dem Edelmuthe volle Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, durch welche sich oft einzelne Bewohner des Südens auszeichnen. Solche Beispiele bewahren uns davor, an unserem Geschlechte ganz zu verzweifeln; aber wir fragen Jeden, der die Welt kennt, ob solche Charaktere gewöhnlich sind?
Viele Jahre lang hat die Verfasserin durchaus vermieden, etwas über den Gegenstand der Sklaverei zu lesen, oder seiner irgendwie Erwähnung zu thun, weil es zu peinlich für sie war, Ermittelungen darüber anzustellen, und sie der Ueberzeugung lebte, daß das sich immer mehr ausbreitende Licht der Civilisation das ganze Institut bald verdrängen werde; allein seit sie durch die Akte von 1850 zu ihrem größten Erstaunen gehört hat, daß Menschen und Christen die Zurücklieferung der Entflohenen in die Sklaverei als die Pflicht eines jeden guten Bürgers empfehlen, — seit sie überall in den nördlichen Freistaaten menschenfreundliche, mitleidige und achtungswerthe Leute Versammlungen und Berathschlagungen darüber hat halten sehen, was die Christenpflicht in diesem Falle gebiete, — konnte sie nur glauben, daß diese Menschen und Christen keine klare Vorstellung von dem haben, was Sklaverei wirklich ist; denn wenn sie sie besäßen, so hätte bei ihnen eine solche Frage nie zur Berathung kommen können. Hieraus entstand der Wunsch, sie zum Gegenstande einer lebendigen dramatischen Darstellung zu machen. Die Verfasserin ist bemüht gewesen, sie in ihrem besten und schlechtesten Lichte zu zeigen. In ersterer Beziehung ist es ihr vielleicht gelungen: aber o! wer kann sagen, was in dem jenseitigen Thale und unter seinen Todesschatten noch unerwähnt geblieben ist?
An Euch, Ihr edelherzigen, edelmüthigen Männer und Frauen des Südens, — an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um so größer sind, als Ihr gegen eine schwere Versuchung zu kämpfen habt, — an Euch ergeht mein Ruf. Habt Ihr nicht in der Tiefe Eurer eignen Herzen empfunden, in Eurem eignen Privatverkehr wahrgenommen, daß in diesem fluchwürdigen Systeme viel größere Uebel und Leiden liegen, als hier hat schwach geschildert werden können? Kann es anders sein? Ist der Mensch ein Geschöpf, dem eine völlig unverantwortliche Gewalt anvertraut werden darf? und macht das System der Sklaverei nicht dadurch, daß es dem Sklaven die Fähigkeit Zeugniß abzulegen, versagt, jeden einzelnen Besitzer von Sklaven zu einem Despoten ohne jede Verantwortlichkeit? Kann irgend Jemand sich darüber täuschen, welche praktische Folgen nothwendig daraus hervorgehen müssen? Wenn, was wir gern zugestehen, unter Euch, Männern von Ehre, Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ein übereinstimmendes Gefühl herrscht, so frage ich Euch, herrscht nicht ein solches andrer Art auch unter den schändlichen, rohen und entarteten Menschen? Und kann nicht nach Eurem Sklaven-Gesetze der rohe, entartete Mensch grade eben so viele Sklaven besitzen, wie der Beste unter Euch? Bilden die ehrenwerthen, gerechten, mitleidigen und edelmüthigen Menschen irgendwo in dieser Welt die Majorität?
Der Sklavenhandel wird jetzt nach amerikanischen Gesetzen als eine Art Räuberei betrachtet; allein ein so systematischer Sklavenhandel, wie er nur jemals an der Küste Afrika's betrieben wurde, ist eine nothwendige Folge der in Amerika bestehenden Sklaverei. Und können ihre Gräuel und ihr herzzerreißendes Elend geschildert werden?
Die Verfasserin hat nur ein schwaches Bild von der Angst und Verzweiflung gegeben, die in diesem Augenblicke tausend Herzen zerreißen, tausend Familien zerstören, und jene hülflose und gefühlvolle Menschenklasse zu Wahnsinn und Verzweiflung treiben. Es gibt Viele, denen aus eigner Wahrnehmung bekannt ist, daß durch diesen fluchwürdigen Handel Mütter dazu getrieben worden sind, ihre eigenen Kinder zu ermorden, und für sich selbst im Tode einen Schutz gegen Leiden zu suchen, die für sie schrecklicher waren als der Tod. Es läßt sich nichts so Tragisches schreiben, sagen oder vorstellen, was der furchtbaren Wirklichkeit jener Scenen gleich käme, die sich täglich unter dem Schutze des amerikanischen Gesetzes und dem Schatten des Kreuzes Christi an unsern Küsten zutragen.
Und nun, Ihr Männer und Frauen Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der leicht genommen, entschuldigt oder mit Schweigen übergangen werden könnte? Ihr Farmer vom Massachusetts, New-Hampshire, Vermont und Connecticut, die Ihr dieses Buch beim Scheine Eures winterlichen Feuers leset, — Ihr muthigen, edelherzigen Seeleute vom Maine, — ist dies eine Sache, die Ihr unterstützen und befördern wollt? Ihr braven, edlen Männer von New-York, Ihr Farmer des reichen und fröhlichen Ohio, und Ihr in den weiten Prairie-Staaten, — antwortet mir, ist dies eine Sache, die Ihr vertheidigen wollt? Und Ihr, Mütter Amerika's, — Ihr, die Ihr an den Wiegen Eurer eignen Kinder gelernt habt das ganze Menschengeschlecht zu lieben, — bei der heiligen Liebe zu Euren eignen Kindern, bei der Freude, die Ihr über ihre reine, schöne Kindheit empfindet, bei der mütterlichen Liebe und Zärtlichkeit, mit der Ihr ihre reifenden Jahre bewacht, bei der Sorge für ihre Erziehung, bei den Gebeten, die Ihr für ihr unsterbliches Seelenheil zum Himmel sendet, — beschwöre ich Euch, habt Mitleid für die Mutter, die alle Eure warmen Empfindungen, und kein gesetzliches Recht hat, das Kind ihres Herzens zu beschützen, zu leiten und zu erziehen! Bei der Sterbestunde Eures Kindes, bei jenen brechenden Augen, die Ihr nie vergessen könnt, bei den letzten Schreien, die Euer Herz zerrissen haben, wenn Ihr weder helfen noch retten konntet, bei jener vereinsamten Wiege, bei jener verödeten Kinderstube, — beschwöre ich Euch, habt Mitleid mit jenen Müttern, die fortwährend kinderlos werden durch den amerikanischen Sklavenhandel! Und sagt mir, Ihr Mütter Amerika's, ist dies ein Gegenstand, der vertheidigt oder mit Stillschweigen übergangen werden kann?
Wollt Ihr behaupten, daß die Bewohner der Freistaaten nichts damit zu thun haben, und nichts dafür thun können? Wollte Gott, es wäre wahr! Aber es ist nicht wahr. Die Bewohner der Freistaaten haben das System vertheidigt, befördert, und selbst daran Theil genommen; sie sind vor Gott sogar schuldiger als der Süden, da sie weder den Einfluß der Erziehung noch der Sitte für sich haben.
Wenn die Mütter der Freistaaten in früheren Zeiten die Empfindungen und Ansichten gehabt hätten, die sie hätten haben sollen, so würden die Söhne der Freistaaten nicht Sklavenhalter, und, wie es sprüchwörtlich geworden ist, die härtesten Herrn der Sklaven geworden sein; die Söhne der Freistaaten würden nicht zur Verbreitung der Sklaverei mitgewirkt, und nicht mit menschlichen Seelen und Körpern, wie sie thun, anstatt Geldes gehandelt haben. Es gibt zahllose Sklaven, die von Kaufleuten der nördlichen Städte zeitweise besessen und verkauft werden; und darf also die ganze Schuld und Schmach der Sklaverei allein auf den Süden fallen? Die Männer, Mütter und Christen des Nordens haben noch etwas mehr zu thun, als ihre Brüder des Südens anzuklagen; sie haben das unter ihnen selbst bestehende Uebel abzustellen.
Aber was kann eine einzelne Person thun? Darüber kann Jeder urtheilen. Es gibt Etwas, das jedes Individuum thun kann, — dafür sorgen, daß es richtige Empfindungen hegt. Ein jedes menschliches Wesen ist von einer Atmosphäre sympathetischen Einflusses umgeben, und Jeder, der gesunde, kräftige und gerechte Empfindungen in Bezug auf die großen Interessen der Menschheit hegt, wird stets ein Wohlthäter des menschlichen Geschlechts sein. Sorgt also für Eure Empfindungen über diesen Gegenstand. Sind sie in Uebereinstimmung mit den Gefühlen, die Christus lehrte, oder sind sie durch die Sophistereien einer weltlichen Politik auf Abwege gelenkt und verderbt worden?
Noch mehr, Ihr christlichen Männer und Weiber des Nordens! — Ihr könnt noch mehr thun! Ihr könnt beten! Glaubt Ihr an die Kraft des Gebetes? oder ist es für Euch nur eine dunkle, apostolische Tradition geworden? Ihr betet für die Heiden im Auslande; betet auch für die Heiden in Eurem Vaterlande; und betet für die unglücklichen Christen, deren Fortschritte in der Religion einzig und allein von Zufälligkeiten im Handel und Wandel abhängig sind, und für die jedes Festhalten an der Moral des Christenthums häufig eine Unmöglichkeit ist, wenn sie nicht von oben herab mit dem Muthe des Märtyrerthums begnadigt worden sind.
Aber noch mehr. An den Küsten unserer freien Staaten sammeln sich die armen, verstreuten Ueberbleibsel zerrissener Familien, — Männer und Weiber, die durch wunderbare Fügungen der Vorsehung aus der Sklaverei entkommen sind, — schwach im Wissen, und meistens auch zu Grunde gerichtet in ihrem moralischen Zustande, und zwar durch ein System, welches jedes Princip des Christenthums und der Morallehre entstellt und verwirrt. Sie kommen, um eine Zuflucht bei Euch zu suchen, um Erziehung, Unterricht und Christenthum zu suchen.
Was seid Ihr diesen Unglücklichen schuldig, o Christen? Hat nicht jeder amerikanische Christ die Verbindlichkeit gegen das afrikanische Geschlecht, nach Kräften das Unrecht wieder gut zu machen, welches die amerikanische Nation über das Letztere gebracht hat? Sollen ihnen die Thüren der Kirchen und Schulhäuser verschlossen werden? Sollen die Staaten sich erheben und sie hinaustreiben? Soll die Kirche Christi schweigend den Hohn mit anhören, der auf sie geworfen wird, soll sie vor der hülflosen Hand zurückweichen, die Jene ausstrecken, und durch ihr Schweigen die Grausamkeit gut heißen, die sie aus unsern Gränzen vertreiben möchte? Wenn dies geschehen muß, so wird es ein trauriges Schauspiel sein. Wenn dies geschehen muß, so wird das Land Ursache haben zu zittern, sobald es daran denkt, daß das Schicksal der Völker in der Hand Eines liegt, der mitleidig und barmherzig ist.
Sagt Ihr vielleicht: »Wir wollen sie nicht hier haben, — sie mögen nach Afrika gehen?«
Daß die Vorsehung Gottes ihnen einen Zufluchtsort in Afrika eröffnet hat, ist allerdings ein großer und wichtiger Umstand, aber es ist kein Grund, der die Kirche Christi von der Verantwortlichkeit gegen diesen ausgestoßenen Stamm entbindet, welche ihr Glaube ihr zur Pflicht macht. Wollte man Liberia mit einem unwissenden, unerfahrenen, halb barbarischen Geschlechte anfüllen, welches so eben erst den Ketten der Sklaverei entlaufen ist, so würde es nur dazu dienen, die Dauer des Kampfes zu verlängern, der den Anfang jedes neuen Unternehmens begleitet. Die Kirche des Nordens möge diese armen Leidenden im Geiste Christi bei sich aufnehmen, sie der Wohlthaten einer christlich republikanischen Gesellschaft und ihrer Schulen theilhaftig machen, und, wenn sie eine gewisse moralische und intellektuelle Reife erlangt haben, ihnen behülflich zu der Uebersiedelung nach jenen Küsten sein, wo sie den in Amerika angefangenen Unterricht praktisch anwenden können.
Es gibt im Norden einen verhältnißmäßig kleinen Verein von Männern, welche dies bereits gethan haben, und in Folge dessen hat unser Land bereits Beispiele von Männern aufzuweisen, die früher Sklaven gewesen sind, und sich schnell Vermögen, Ruf und Bildung erworben haben. Talente sind entwickelt worden, die unter Berücksichtigung der Umstände, Bewundrung verdienen; und in Zügen von Rechtlichkeit, Herzensgüte, Zartheit der Empfindungen, — heroischer Aufopferung und Selbstverläugnung; um Brüder und Angehörige, die noch in der Sklaverei waren, zu befreien, — haben sich diese Menschen in einem Grade ausgezeichnet, der unter Berücksichtigung des Einflusses, unter dem sie geboren wurden, Staunen erregen muß.
Die Verfasserin hat viele Jahre lang an der Gränze der Sklavenstaaten gelebt, und vielfach Gelegenheit gehabt, solche Personen zu beobachten, die früher Sklaven gewesen waren. Sie sind Dienstboten in ihrer Familie gewesen, und haben, in Ermangelung einer andern Schule, häufig denselben Unterricht mit ihren Kindern genossen. Mit ihren Erfahrungen stimmen die Ansichten der in Canada unter den flüchtigen Sklaven lebenden Missionäre vollkommen überein, so daß die daraus zu ziehenden Folgerungen über die Bildungsfähigkeit des Geschlechts in hohem Grade ermuthigend sind.
Das erste Verlangen des emancipirten Negers steht in der Regel nach Unterricht. Es gibt nichts, was sie nicht willig geben würden, um ihre Kinder unterrichtet zu sehen; und so weit die Beobachtung der Verfasserin selbst geht, und das Zeugniß der Lehrer reicht, welche sie unterrichtet haben, besitzen sie eine ungewöhnliche Fassungsgabe. Die Ergebnisse der in Cincinnati für sie von wohlthätigen Individuen gegründeten Schulen bestätigen dies vollkommen.
Die Verfasserin läßt hier die nachstehenden Angaben rücksichtlich der jetzt in Cincinnati lebenden, emancipirten Sklaven folgen, und stützt sich dabei auf die Autorität des Professors C. E. Stowe, am Lane Seminar zu Ohio, um zu zeigen, was die diesem Geschlechte angehörigen Individuen, selbst ohne besonderen Beistand, zu leisten vermögen. Es sind hier nur die Anfangsbuchstaben der Namen gegeben, und sämmtliche hier angedeutete Personen wohnen in Cincinnati.
»B—. Tischler; zwanzig Jahre in der Stadt; besitzt an Vermögen zehn tausend Dollar, die er selbst erworben hat, und gehört der Baptisten Gemeinde an.
C—. Ganz schwarz; gestohlen in Afrika und in New-Orleans verkauft; ist seit fünfzehn Jahren frei; bezahlte selbst sechshundert Dollar für sich; ist Farmer, und besitzt mehrere Farmgrundstücke in Indiana; gehört der presbyterianischen Kirche an, und hat ein selbst erworbenes Vermögen von fünfzehn bis zwanzig tausend Dollar.
K—. Ganz schwarz; ist vierzig Jahre alt, Gütermäkler, seit sechs Jahren frei, und besitzt ungefähr dreißig tausend Dollar. Er bezahlte achtzehn hundert Dollar für seine Familie, ist Mitglied der Baptisten-Gemeinde, und empfing von seinem Herrn ein Legat, welches er in Acht genommen und vermehrt hat.
G—. Ganz schwarz, Kohlenhändler, dreißig Jahr alt; besitzt achtzehn tausend Dollar; bezahlte zweimal für sich, da er einmal um sechszehnhundert Dollar betrogen wurde; verdiente sein ganzes Vermögen durch eigne Anstrengungen, — und einen großen Theil davon während er Sklave war, indem er seine Zeit seinem Herrn abdung, und für sich selbst Geschäfte machte; ist ein hübscher Mensch von anständigem Aeußern.
W—. Drei Viertel schwarz; Barbier und Aufwärter, aus Kentucky; neunzehn Jahre frei; bezahlte für sich selbst und seine Familie drei tausend Dollar; besitzt zwanzig tausend Dollar, die er selbst erworben hat: ist Diakon der Baptistenkirche.
G. D—. Drei Viertel schwarz; Weißwäscher, von Kentucky gebürtig; neun Jahre frei; bezahlte fünfzehn hundert Dollar für sich und seine Familie; ist kürzlich sechszig Jahre alt gestorben, und besaß ein Vermögen von sechs tausend Dollar.«
Professor Stowe sagt: »Mit allen diesen, G— allein ausgenommen, bin ich viele Jahre persönlich bekannt gewesen, und gründe deßhalb meine Angaben auf eigne Wahrnehmung.«
Die Verfasserin erinnert sich deutlich einer alten, farbigen Frau, die als Waschfrau in der Familie ihres Vaters fungirte. Die Tochter dieser Frau heirathete einen Sklaven. Sie war eine außerordentlich thätige und geschickte junge Frau, welche durch ihren Fleiß, ihre Anstrengungen und die ausdauerndste Selbstverleugnung neun hundert Dollar sammelte, und an den Herrn ihres Mannes bezahlte. Es fehlten noch hundert Dollar am Preise, als er starb. Sie erhielt nie den geringsten Theil ihres Geldes zurück.
Es sind dies nur einzelne Thatsachen, einer großen Anzahl ähnlicher entnommen, die als Belege angeführt werden könnten, um zu zeigen, welche Selbstverleugnung, Energie, Geduld und Rechtlichkeit der frühere Sklave im Zustande der Freiheit besitzt. Und dabei vergesse man nicht, daß es diesen Individuen gelungen ist, sich verhältnißmäßigen Reichthum und eine gesellschaftliche Stellung zu erobern, während sie gegen Nachtheile und Entmuthigungen jeder Art zu kämpfen hatten. Nach den Gesetzen des Ohio Staates kann der Farbige nicht Wähler sein, und noch bis vor wenigen Jahren war ihm sogar versagt, Zeugniß in Prozessen gegen einen Weißen abzulegen. Auch beschränken sich diese Beispiele keineswegs auf den Staat Ohio allein; denn wir sehen jetzt in allen Staaten der Union Männer, welche, nachdem sie kaum die Fesseln der Sklaverei abgeschüttelt haben, durch eigene Kraft, die nicht genug bewundert werden kann, zu geachteten Stellungen in der Gesellschaft emporgestiegen sind. Pennington unter den Geistlichen, Douglas und Ward unter den Autoren sind wohl bekannte Beispiele.
Wenn dieses verfolgte Geschlecht, unter Nachtheilen und Entmuthigungen jeder Art, so viel erreicht hat, wie viel würde es dann vermögen, wenn die christliche Kirche im Geiste ihres Stifters gegen dasselbe handeln wollte!
Wir leben jetzt in einer Zeit, wo die Nationen zittern und in Krämpfen liegen. Andre Theile der Erde werden von einem gewaltigen Einflusse gehoben und erschüttert. Und ist Amerika sicher? Jede Nation, die große und ungesühnte Ungerechtigkeiten in ihrem Busen trägt, hat auch die Elemente zu diesen inneren Krämpfen in sich. Weßhalb erweckt jener mächtige Einfluß in allen Nationen und Sprachen die Seufzer nach Freiheit und Gleichheit, die nicht laut werden dürfen?
O Kirche Christi, lies die Zeichen der Zeit! Ist nicht jene Gewalt sein Geist, dessen Reich noch kommen soll, und dessen Wille geschehen muß auf Erden wie im Himmel?
Aber wer mag den Tag seines Erscheinens erwarten? »Denn dieser Tag wird brennen wie ein Ofen: und Er wird erscheinen als ein schneller Zeuge gegen Diejenigen, welche den Diener in seinem Solde verkürzen, Wittwen und Waisen bedrücken, und den Fremden in seinen Rechten auf die Seite setzen wollen: und er wird den Unterdrücker in Stücke zerbrechen.«
Sind dies nicht schreckliche Worte für eine Nation, die eine so furchtbare Ungerechtigkeit in ihrem Busen trägt? Christen! könnt Ihr, so oft Ihr betet, daß das Reich Christi kommen möge, vergessen, daß die Prophezeiung in schrecklicher Verbindung mit dem Tage der Erlösung den Tag der Wiedervergeltung verheißt?
Noch ist uns ein Tag der Gnade geboten. Der Norden sowohl wie der Süden ist schuldig vor Gott, und die christliche Kirche hat eine schwere Rechnung abzulegen. Nicht dadurch, daß sich Alles verbindet, um Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu beschützen, und ein gemeinschaftliches Kapital der Sünde anzulegen, — kann die Union gerettet werden, — sondern nur durch Reue, Gerechtigkeit und Gnade; denn nicht gewisser ist das ewige Gesetz, daß der Mühlstein im Oceane versinken muß, als das noch stärkere, daß Ungerechtigkeit und Grausamkeit den Zorn des Allmächtigen über die Nationen bringen werden.
Ende
- Nicht einheitliche Schreibweisen wurden wie im Original beibehalten.
- Alte, heute nicht mehr verwendete Schreibweisen des Originals wurden beibehalten.