Zwölftes Kapitel.
Ausgewähltes Beispiel von gesetzlichem Handel.
Mr. Haley und Tom trabten weiter in ihrem Wagen, während jeder eine Zeit lang seinen eigenen Betrachtungen nach hing. Es ist ein sonderbares Ding um die Betrachtungen zweier Männer, die dicht neben einander sitzen, — auf demselben Sitze, dieselben Augen, Ohren, Hände und Organe jeder Art haben, und deren Blicken sich dieselben Gegenstände darbieten, — es ist wunderbar, welche Verschiedenartigkeit sich oft in denselben findet!
Zum Beispiel, Mr. Haley: er dachte zuerst an Tom's Länge und Breite und Höhe, und für wie viel er ihn verkaufen könne, wenn er ihn fett und in gutem Stande erhielte, bis er ihn auf den Markt brächte. Er dachte daran, wie er seinen Trupp zusammen bringen solle; er dachte an den verschiedenen Marktpreis gewisser, noch zu erlangender Männer, Weiber und Kinder, aus denen er bestehen solle, und an andere Arten geschäftlicher Gegenstände; dann dachte er an sich selbst, wie menschenfreundlich er sei, indem andre Leute ihre Nigger an Händen und Füßen schlössen, er nur aber Fesseln an ihre Füße lege und Tom den Gebrauch seiner Hände lasse, so lange er sich gut betrage; und er seufzte, während er ferner daran dachte, wie undankbar die menschliche Natur sei, so daß er sogar Ursache zu zweifeln habe, daß Tom seine Menschenfreundlichkeit gehörig würdige. Er war von den »Niggers,« die er begünstigt hatte, so sehr hintergangen worden, und war deshalb erstaunt zu sehen, wie gutmüthig er noch immer sei!
Was Tom betraf, so dachte er an die Worte eines altmodischen Buches, die immer und immer wieder durch seinen Kopf liefen, und also lauteten: »Denn wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern die zukünftige suchen wir; darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott; denn er hat ihnen eine Stadt zubereitet.« Diese Worte eines alten Buches, das meist von »ungelehrten« Leuten verfaßt worden ist, haben von jeher eine wunderbare Macht über den Geist armer, einfacher Wesen, wie Tom, geäußert. Sie regen die Seele in ihren Tiefen an, und erwecken, wie durch Trompetenschall, Muth, Kraft und Enthusiasmus da, wo zuvor nichts als dunkle Verzweiflung war.
Mr. Haley zog aus seiner Tasche verschiedene Zeitungen hervor und begann die Bekanntmachungen mit besonderem Interesse zu studiren. Er war kein sonderlich gewandter Leser, und pflegte gewöhnlich in einem halblauten Recitative zu lesen, um die Schlüsse seiner Augen dadurch zu beglaubigen, daß er sie in seine eigne Ohren rief. In dieser Weise recitirte er langsam den folgenden Paragraph:
»Meistbietender Verkauf. — Neger! — In Gemäßheit gerichtlichen Befehles sollen am Dienstage, den 20. Februar, vor der Thür des Gerichtshauses, in der Stadt Washington, die folgenden Neger verkauft werden: Hagar, 60 Jahr alt, John, 30 Jahr alt, Ben, 21 Jahr alt, Saul, 25 Jahr alt, Albert, 14 Jahr alt, für Rechnung der Gläubiger und Erben der Besitzungen des weiland Jesse Blutchford, Squire.«
Samuel Morris,
Thomas Flink.
»Nu, das hier, das muß ich mir ansehen,« sagte er zu Tom, in Ermangelung eines Andern, mit dem er sprechen konnte. »Siehst Du, ich will 'nen Trupp erster Klasse zusammen bringen, und ihn mit Dir 'nunter nehmen, Tom; will 's Dir gesellig machen und angenehm, wie 's gute Gesellschaft thut, — verstehst Du. Wir müssen vor allen Dingen graden Wegs nach Washington fahren, und ich will Dich da so lange in's Loch stecken, bis ich meine Geschäfte abgemacht habe.«
Tom empfing diese angenehme Nachricht ganz sanft und dachte in seinem eignen Herzen nur daran, wie viele dieser unglücklichen Männer wohl Weiber und Kinder haben möchten, und ob ihnen die Trennung von diesen eben so schwer fallen werde, wie ihm. Es kann auch nicht in Abrede gestellt werden, daß diese naive, aus dem Stegereif gemachte Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden solle, keineswegs einen angenehmen Eindruck auf einen armen Menschen machte, der stets auf seinen ehrlichen und rechtschaffenen Lebenswandel stolz gewesen war. Ja, Tom war, wir müssen es bekennen, etwas stolz auf seine Rechtschaffenheit: — er hatte ja nichts Anderes, worauf er hätte stolz sein können. Inzwischen verfloß der Tag, und der Abend sah Haley und Tom in ihren verschiedenen Herbergen zu Washington, — den Einen in einem bequemen Gasthofe, den Anderen im Gefängnisse.
Am folgenden Morgen, ungefähr um elf Uhr, versammelte sich eine gemischte Volksmenge vor dem Gerichtshause, — rauchend, kauend, speiend, fluchend, und sich unterhaltend, je nach dem verschiedenen Geschmacke der Einzelnen, — und Alle auf den Anfang des Verkaufs wartend. Die zu versteigernden Männer und Weiber saßen abgesondert in einer Gruppe, und sprachen unter einander mit leiser Stimme. Das Weib, welches unter dem Namen Hagar angekündigt worden war, trug in Gestalt und Zügen die Merkmale ächt afrikanischer Abkunft. Sie mochte sechszig Jahre alt sein, aber schien älter durch harte Arbeit und Krankheit, und war theilweis blind, und halb verkrüppelt durch Rheumatismus. An ihrer Seite stand ihr einziger, ihr gebliebener Sohn, ein munterer Bursche von vierzehn Jahren. Der Knabe war das einzige überlebende Kind einer starken Familie, deren übrige Mitglieder nach und nach einzeln nach südlichen Märkten hin verkauft worden waren. Die Mutter hielt sich an ihm fest mit ihren beiden, zitternden Händen, und beobachtete Jeden, der zu ihm heran trat, um ihn näher zu untersuchen, mit heftigem Beben.
»Fürchte nichts, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern, »ich habe mit Master Thomas davon gesprochen, und er dachte, er könne es einrichten, Euch beide zusammen zu verkaufen.«
»Sie brauchen mich noch nicht abgenutzt zu nennen,« sagte sie, ihre zitternden Hände aufhebend; — »ich kann noch kochen, und scheuern, und arbeiten; — ich bin 's kaufen werth, wenn ich billig gehe; — sage ihnen das, — sag's ihnen!« fügte sie dringend hinzu.
In diesem Augenblicke drängte sich Haley in die Gruppe, trat an den alten Mann heran, riß seinen Mund auf und sah hinein, befühlte seine Zähne, und ließ ihn aufstehen und sich ausstrecken, seinen Rücken beugen und verschiedene Körperbewegungen machen, um seine Muskeln zu zeigen; und dann ging er zum Nächsten, um mit ihm dieselbe Untersuchung vorzunehmen. Endlich kam er an den Knaben. Er befühlte seine Arme, ließ ihn seine Hände ausstrecken, untersuchte seine Finger und ließ ihn dann springen, um seine Beweglichkeit zu prüfen.
»Er nicht verkauft wird ohne mich!« sagte die alte Frau mit leidenschaftlicher Heftigkeit; »er und ich geht zusammen; ich bin noch stark, Master, und kann groß viel Arbeit thun, — groß viel, Master.«
»In der Plantage?« sagte Haley mit einem verächtlichen Blicke. »Sehr wahrscheinlich!« und anscheinend mit seiner Untersuchung zufrieden gestellt, verließ er die Gruppe wieder und blieb dann in der Nähe stehen, die Hände in der Tasche, die Cigarre im Munde, den Hut auf eine Seite gedrückt, und vollständig bereit, an's Geschäft zu gehen.
»Was haltet Ihr davon?« sagte ein Mann zu ihm, der Haley's Untersuchung gefolgt war, als habe er die Absicht, seine eignen Pläne darnach zu reguliren.
»Je nun,« sagte Haley speiend, »werde dran gehn, denk' ich, an die Jungen und den Buben.«
»Der Bube soll mit dem alten Weibe zusammen verkauft werden,« entgegnete der Mann.
»Ist 'ne harte Bedingung, — ist nichts als ein altes Knochengerippe, — das Salz nicht werth.«
»Ihr mögt sie also nicht?« sagte der Mann.
»Ein Narr, wer sie mag; ist halb blind, und bucklig von Rheumatismus, und verrückt dazu.«
»Manche kaufen diese alten Geschöpfe, und sagen, 's steckt noch mehr drin, als Einer denkt,« bemerkte der Mann nachdenklich.
»Geht nicht,« sagte Haley, »möcht' sie nicht haben für umsonst, — sicher, hab' sie gesehen.«
»Mag sein, 's ist ein Jammer, sie nicht zu kaufen mit ihrem Jungen, — 's scheint, sie hat ihr ganzes Herz auf ihn gesetzt, — glaube, sie wird billig mit hinein gehn.«
»Für die, die Geld auf solche Weise wegschmeißen können, ist's ganz gut. Ich werde auf den Buben bieten, — ist gut zu 'nem Plantagenarbeiter; — mit ihr mag ich mich nicht 'rum scheren, nicht, wenn sie sie mir umsonst gäben,« entgegnete Haley.
»Sie wird sich verzweifelt geberden,« sagte der Mann.
»Natürlich wird sie,« erwiederte Haley kaltblütig.
Die Unterhaltung wurde hier durch ein geschäftiges Summen in der Versammlung unterbrochen, und der Auktionator, ein kleiner, wichtig thuender Mann, bahnte sich mit Hülfe der Ellbogen seinen Weg durch die Menge. Das alte Weib hielt den Athem an, und griff instinktmäßig nach ihrem Sohne.
»Bleibe dicht bei Deiner Mamme, Albert, — dicht, — sie werden uns zusammen ausbieten,« sagte sie.
»O Mamme, ich fürchte, sie werden's nicht thun,« sagte der Knabe.
»Sie müssen, Kind; — kann nicht leben, gar nicht, wenn sie's nicht thun,« sagte das alte Wesen leidenschaftlich.
Die Stentorstimme des Auktionators, Platz zu machen, verkündete nun, daß der Verkauf beginnen solle, und die Gebote nahmen ihren Anfang. Die verschiedenen Männer auf der Liste waren bald für Preise zugeschlagen, die ein starkes Bedürfniß auf dem Markte verriethen, und zwei davon hatte Haley erstanden.
»Komm' nun, Bursche,« sagte der Auktionator, den Knaben mit dem Hammer berührend, »steige hinauf, und zeige Deine Sprünge nun.«
»Stellt uns zusammen aus, zusammen, — bitte, Master!« sagte die alte Frau, den Knaben fest haltend.
»Fort!« fuhr sie der Mann an, ihre Hand weg reißend. »Du kommst zuletzt! — Nun, Affe, spring hinauf!« und mit diesen Worten stieß er den Knaben nach dem Blocke zu, während hinter ihm ein schweres, tiefes Stöhnen erklang. Der Knabe stutzte und schaute sich um, aber er hatte keine Zeit zu weilen, und die Thränen deshalb aus seinen großen, glänzenden Augen wischend, stand er im Augenblick oben.
Seine hübsche Figur, seine geschmeidigen Glieder und sein offenes Gesicht veranlaßten sofort starke Concurrenz unter den Bietern, und ein halbes Dutzend Gebote trafen fast gleichzeitig das Ohr des Auktionators. Aengstlich, halberschreckt, blickte sich der Knabe von einer Seite zur andern um, während der Lärm des Bietens fortdauerte, bis der Hammer fiel, — Haley hatte ihn erstanden. Er wurde von dem Block hinunter, seinem neuen Herrn zugestoßen, aber stand einen Augenblick still, und schaute sich um, als seine arme, alte Mutter, zitternd an allen Gliedern, ihre bebenden Hände nach ihm ausstreckte.
»Kauft mich auch, Master, — um des lieben Jesus willen! — kauft mich auch, — oder ich komme um!«
»Du wirst umkommen, wenn ich Dich kaufe, — das ist die Sache,« sagte Haley, — »nein!« und drehte sich um.
Die Versteigerung des armen, alten Geschöpfes war bald geschehen. Jener Mann, welcher Haley zuvor angeredet hatte, und nicht ohne alles Mitleid zu sein schien, erstand sie für eine Kleinigkeit, und die Zuschauer begannen sich zu zerstreuen.
Die armen Opfer des Verkaufes, welche jahrelang an einem Orte zusammen aufgebracht worden waren, versammelten sich um die verzweifelnde alte Mutter, deren Schmerz wirklich jammervoll anzusehen war.
»Konnten sie mir nicht Einen lassen? — Master hat immer gesagt, ich sollte Einen behalten, — er hat's immer gesagt!« wiederholte sie fortwährend mit herzbrechenden Tönen.
»Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar,« sagte der Aelteste unter den Männern mit wehmüthiger Stimme.
»Was hilft es mir denn?« entgegnete sie unter heftigem Schluchzen.
»O Mutter, Mutter! — nein — nein — sei ruhig!« rief der Knabe. »Die Leute sagen, Du habest einen guten Master bekommen.«
»Frage nichts danach, — frage nichts danach. O, Albert, o mein Kind, mein letztes, einziges Kind! O Herr, wie kann ich!«
»Kommt hier, nehmt sie weg, — kann's denn keiner?« sagte Haley trocken, — »thut ihr gar nicht gut, wenn sie so fortfährt.«
Die älteren Männer des Trupp's lösten endlich, theils durch Anwendung von Gewalt, den verzweifelnden Griff des armen Geschöpfes, und versuchten, sie zu trösten, während sie sie nach dem Wagen ihres neuen Herrn geleiteten.
»Nun, hier!« rief Haley, seine drei Einkäufe zusammen stoßend; holte ein großes Bündel Handschellen hervor, welche er um ihre Handgelenke schloß; befestigte diese sodann an einer langen Kette, und trieb sie vor sich her dem Gefängnisse zu.
Wenige Tage später befand sich Haley mit seinen Errungenschaften wohlbehalten auf einem der Ohio-Dampfboote. Es bildeten diese nur den Anfang zu seinem Truppe, welcher während des Laufes des Bootes durch andere ähnliche Artikel vergrößert werden sollte, welche von seinen Agenten an verschiedenen Punkten des Ufers in Bereitschaft gehalten wurden.
Das Boot, La Belle Rivière, ein so schönes und braves Fahrzeug, als je den namensverwandten Strom befuhr, glitt munter unter einem glänzenden Himmel, den Fluß hinab, während oberhalb die Sterne und Farben des freien Amerika's wehten und flatterten, und auf dem Verdecke Herren und Damen umherwandelten, um den schönen Tag zu genießen. Alles war lebendig, fröhlich und heiter, — Alles, nur Haley's Leute nicht, welche im unteren Verdecke mit anderen Waarenartikeln ihren Platz erhalten hatten, und sich der verschiedenen Annehmlichkeiten durchaus nicht zu freuen schienen, während sie, in einen Knäuel zusammen gedrückt, beisammen saßen, und leise mit einander sprachen.
»Na, Jungens,« sagte Haley, lebhaft zu ihnen heran kommend, »ich hoffe, Ihr habt guten Muth, und seid heiter. Keine mürrischen Gesichter, hört ihr! Müßt die Ohren steif halten, Jungens; macht's gut mit mir, und ich will's gut mit Euch machen.«
Die angeredeten Unglücklichen antworteten das gewöhnliche: »Ja, wohl, Master!« seit Jahrhunderten die Loosung des armen Afrika's; aber wir müssen eingestehen, daß sie nicht besonders heiter schienen, denn sie hatten ihre verschiedenen kleinen Vorurtheile für Weiber, Mütter, Schwestern und Kinder, denen sie für immer Lebewohl gesagt hatten, — und obgleich »Die, die sie gefangen hielten, sie hießen in ihrem Heulen fröhlich sein,« so wurde doch keine Freude sichtbar.
»Ich habe eine Frau,« sagte der als »John, dreißig Jahr alt« bezeichnete Artikel, während er seine gefesselte Hand auf Tom's Knie legte, — »und sie weiß nichts von allem diesem, das arme Weib!«
»Wo wohnt sie denn?« fragte Tom.
»In einem Wirthshause, etwas weiter den Fluß hinunter,« sagte John. »Ich wünschte, ich könnte sie nur noch einmal in dieser Welt sehen,« fügte er hinzu.
Armer John! Es war so natürlich; und während er sprach, tropften die Thränen aus seinen Augen so natürlich nieder, als wenn er ein Weißer gewesen wäre. Tom holte tiefen Athem aus einer wunden Brust, und versuchte, ihn in seiner einfachen Weise zu trösten.
Und über ihren Köpfen, in der Kajüte, saßen Väter und Mütter, Gatten und Frauen, und fröhlich tanzende Kinder sprangen um sie herum, gleich eben so vielen Schmetterlingen, und Alle fühlen sich wohl und behaglich.
»O Mamma,« sagte ein Knabe, der grade von unten herauf kam, »da ist ein Negerhändler auf dem Schiffe, und hat vier oder fünf Sklaven unten sitzen.«
»Die armen Geschöpfe!« entgegnete die Mutter in einem Tone zwischen Betrübniß und Unwillen.
»Was ist das?« fragte eine andre Dame.
»Es sind einige unglückliche Sklaven unten,« erwiederte die Mutter.
»Ja, und sie haben Ketten an,« sagte der Knabe.
»Welche Schande für unser Land, daß solche Schauspiele sich darbieten!« bemerkte eine andre Dame.
»Es läßt sich sehr viel für und gegen sagen,« äußerte eine Frau von feinem Aeußeren, welche an der Thür der Kajüte saß, und mit Nähen beschäftigt war, während ihre beiden Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, um sie herum spielten. »Ich bin im Süden gewesen, und muß sagen, ich glaube, daß die Neger sich dort besser befinden, als wenn sie ihre Freiheit hätten.«
»Ich gebe zu, daß sich Manche von ihnen in manchen Beziehungen wohl befinden,« entgegnete die Dame, auf deren vorangegangene Bemerkung Letztere geantwortet hatte; »allein der schrecklichste Theil der Sklaverei besteht, nach meiner Ansicht, in der Grausamkeit, mit der die Gefühle und Neigungen derselben behandelt werden, — in dem Zerreißen der Familien, zum Beispiele.«
»Das ist allerdings ein böser Umstand,« entgegnete die andre Dame, ein Kinderkleid empor haltend, welches sie so eben beendigt hatte, und sehr aufmerksam die Nähte desselben betrachtend; »allein ich glaube, daß das nicht sehr oft vorkommt.«
»O, wohl kommt es sehr oft vor,« sagte die erstere Dame eifrig; »ich habe viele Jahre in Kentucky und Virginien gewohnt, und genug gesehen, um mit Schauder daran zu denken. Wenn Ihnen, zum Beispiel, Madame, Ihre beiden Kinder genommen und verkauft würden?«
»Wir können die Gefühle dieser Klasse von Personen nicht nach den unsrigen beurtheilen,« erwiederte die andre Dame, während sie unter einer Quantität Zwirn auf ihrem Schooße umher suchte.
»In der That, Madame, Sie müssen sie sehr wenig kennen, wenn Sie das sagen,« entgegnete die Erstere wieder in sehr warmem Tone. »Ich bin unter ihnen geboren und aufgezogen worden, und ich weiß, daß sie Gefühle haben, grade eben so tiefe, — und vielleicht noch tiefere, — als wir.«
Die andre Dame antwortete darauf nur: »Wirklich?« gähnte, und sah zum Kajütenfenster hinaus, und wiederholte endlich zum Schluß die Bemerkung, mit der sie angefangen hatte: »Uebrigens glaube ich doch, daß sie sich besser befinden, als wenn sie frei wären.«
»Es ist ganz unzweifelhaft die Bestimmung der Vorsehung, daß das afrikanische Geschlecht dienstbar sei, — und in Erniedrigung gehalten werde,« bemerkte hier ein sehr ernst aussehender Herr in schwarzer Kleidung, ein Geistlicher, welcher an der Thür der Kajüte saß. »Verflucht sei Kanaan, und sei ein Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern.«
»Hört, Fremder, ist's das was der Text meint?« sagte ein großer Mann, der dabei stand.
»Unzweifelhaft. Es hat der Vorsehung, aus irgend einer unergründlichen Rücksicht, vor Jahrtausenden gefallen, dieses Geschlecht zu ewiger Sklaverei zu verdammen; und wir dürfen es nicht wagen, dem zu widersprechen.«
»Nun, dann wollen wir alle los gehen, und Niggers aufkaufen,« sagte der Mann, »wenn's der Weg der Vorsehung ist, — nicht wahr, Squire?« fügte er hinzu, sich an Haley wendend, welcher, mit den Händen in der Tasche, am Ofen gestanden und der Unterhaltung aufmerksam zugehört hatte.
»Ja,« fuhr der große Mann fort, »müssen uns alle den Anordnungen der Vorsehung unterwerfen. Niggers müssen verkauft und 'rum getauscht und unter gehalten werden: dazu sind sie da. Thut Einem ordentlich wohl — diese Ansicht, nicht wahr, Fremder?« sagte er zu Haley.
»Ich habe niemals dran gedacht,« entgegnete Haley; »hätte selbst so viel nicht drüber sagen können, — habe keine Gelehrsamkeit. Den Handel hab' ich angefangen, grade nur um mir mein Leben zu verdienen; und wenn's nicht recht ist, na, so dacht' ich, wollt' ich bei Zeiten, versteht Ihr, mit der Reue anfangen.«
»Und nun werdet Ihr Euch die Mühe sparen, nicht wahr?« sagte der große Mann. »Seht nun, was es für 'ne schöne Sache ist, die Schrift zu verstehen. Wenn Ihr die Bibel studirt hättet, wie dieser gute Mann, so hättet Ihr's vorher wissen können, und Euch 'ne Menge Umstände sparen, Ihr hättet just sagen können: »»Verflucht sei«« — was ist der Name? — und Alles wäre recht gewesen.« Und der Fremde, der kein andrer als unser ehrlicher Pferdehändler war, den unsere Leser in dem Kentucky-Wirthshause kennen gelernt haben, setzte sich nieder, und begann zu rauchen, während ein seltsames Lächeln in seinem langen, magern Gesichte spielte.
Ein großer, schmächtiger junger Mann, aus dessen Zügen Geist und tiefes Gefühl sprachen, unterbrach hier und recitirte die Worte: »»Alles nun, was Ihr wollet, daß Euch die Leute thun sollen, das thut Ihr ihnen;«« und fügte dann hinzu: »Ich vermuthe, dies ist eben so wohl Heilige Schrift, wie: »»Verflucht sei Kanaan.««
»Scheint ja dummen Leuten, wie unser Einem, eben so klarer Text zu sein,« sagte John, der Pferdehändler, und rauchte dabei wie ein Vulkan.
Der junge Mann schwieg einen Augenblick, aber schien im Begriffe, mehr sagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt, und die ganze Reisegesellschaft, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, sich auf's Verdeck drängte, um zu sehen, wo gelandet werde.
»Sind wohl beide Pfaffen?« sagte John zu einem Manne, der mit ihm die Kajüte verließ.
Der Mann nickte zur Antwort.
Als das Boot angelegt hatte, kam plötzlich ein schwarzes Weib wild das Brett hinauf gelaufen, drängte sich unter die Menge, und flog dahin, wo die Sklaven zusammengekettet saßen, und schlang ihre Arme um den Hals des unglücklichen Stückes Waare, welches als: — »John, dreißig Jahre alt« — bezeichnet worden ist, und jammerte und klagte unter Thränen und Schluchzen um ihren Gatten.
Allein, wozu ist es nöthig, hier die so oft erzählte, täglich erzählte, Geschichte von gebrochenen Herzen, von Schwachen und Hülflosen zu wiederholen, die zum Nutzen und Frommen der Reichen mit Füßen getreten und zerfleischt worden sind! Sie braucht hier nicht wiedererzählt zu werden, — jeder Tag erzählt sie, — und zwar dem Ohre Eines, der nicht taub ist, wenn er auch lange schweigt.
Der junge Mann, der vorher für die Sache der Menschlichkeit und Gottes gesprochen hatte, stand mit untergeschlagenen Armen da, und schaute jener Scene zu. Plötzlich wandte er sich um und sah Haley an seiner Seite stehen.
»Mein Freund,« sagte er, mit tiefer Bewegung redend, »wie können Sie, wie wagen Sie ein solches Geschäft zu treiben? Blicken Sie auf diese armen Geschöpfe! Hier stehe ich und freue mich im Herzen, daß ich nach Hause zu meinem Weibe und meinen Kindern gehe; und dieselbe Glocke, die mir das Zeichen gibt, daß ich ihnen näher gebracht werde, trennt diesen armen Mann von seinem Weibe für ewig. Glauben Sie mir, Gott wird Sie dafür vor seinen Richterstuhl ziehen.«
Der Sklavenhändler wandte sich um und ging schweigend davon.
»Hört doch,« redete ihn der Pferdehändler an, seinen Arm berührend, »ist doch ein großer Unterschied zwischen Pfaffen, nicht wahr? 's scheint, »Verflucht sei Kanaan,« gilt bei Dem nichts — nicht wahr?«
Haley ließ ein unbehagliches Räuspern hören.
»Und das Schlimmste ist,« fuhr John fort, »'s wird vielleicht bei Gott auch nichts gelten, wenn Ihr mit ihm Abrechnung halten müßt, nächstens, wie wir alle müssen, glaub' ich.«
Haley ging gedankenvoll nach dem andern Ende des Bootes.
»Wenn ich gute Geschäfte mache mit den nächsten ein oder zwei Lieferungen,« dachte er, »so will ich den ganzen Handel aufgeben; fängt an ganz gefährlich zu werden.« Und er zog sein Taschenbuch hervor und begann seine Rechnungen zu summiren, — ein Geschäft, welches schon viele Andere, außer Mr. Haley, als ein Spezialmittel gegen ein unruhiges Gewissen benutzt haben.
Das Boot schwamm stolz vom Ufer ab, und Alles war fröhlich wie zuvor. Die Männer schwatzten, politisirten, lasen und rauchten; die Weiber nähten, und Kinder spielten, und das Boot verfolgte seinen Lauf.
Eines Tages, als es eine kurze Zeit vor einer kleinen Stadt in Kentucky vor Anker lag, ging Haley in den Ort, um ein kleines Geschäft, wie er sagte, zu besorgen. Tom, dessen Fesseln ihm erlaubten, sich in einem mäßigen Umkreise zu bewegen, war an die Seite des Bootes getreten und schaute gedankenlos über das Geländer. Nach einiger Zeit sah er Haley eiligen Schrittes zurück kommen und zwar in Begleitung einer farbigen Frau, welche ein junges Kind auf ihren Armen trug. Sie war ganz anständig gekleidet und ein farbiger Mann folgte ihr, einen kleinen Mantelsack nachtragend. Die Frau schien heiteren Sinnes, während sie sich näherte, schwatzte mit dem Manne, der ihr Gepäck trug und stieg so das Brett hinauf in das Boot. Die Glocke erklang, der Dampfer pfiff, die Maschine stöhnte und hustete, und fort flog das Schiff den Fluß hinunter.
Die Frau begab sich nach dem untern Ende des Verdeckes, wo Ballen und Kisten aufgeschichtet lagen, setzte sich nieder und begann mit ihrem Kinde zu spielen.
Haley ging ein paarmal das Boot auf und ab, kam dann zurück und setzte sich bei ihr nieder, und sagte ihr Etwas in gedämpfter Stimme.
Tom sah gleich darauf eine schwere Wolke an ihrer Stirn aufsteigen und hörte, daß sie schnell und mit großer Heftigkeit antwortete:
»Ich glaub's nicht, — ich will's nicht glauben! — Ihr wollt mich nur zum Narren halten!«
»Wenn Du's nicht glauben willst, schau hier!« entgegnete Haley, ein Papier hervorziehend, — »hier da, das ist der Verkaufsbrief, und da ist Dein Master sein Name darunter, und hab' ihm gute ächte Münze dazu bezahlt, — kannst's glauben, — also nun?«
»Ich glaub' es nicht, daß Master mich so betrügen konnte! es kann nicht wahr sein!« sagte die Frau mit zunehmender Heftigkeit.
»Kannst fragen hier, wen Du willst, der lesen und schreiben kann. — Hier!« rief er einem Manne zu, der grade vorüber ging, »seid doch so gut und le'st das hier! Das Weib da will mir nicht glauben, wenn ich ihr sage, was es ist.«
»Dies? nun, das ist ein Verkaufsbrief, unterzeichnet von John Fosdick,« sagte der Mann, »und überweis't an Euch das Weib Lucy und ihr Kind. Es ist Alles ganz in der Ordnung, so weit ich sehen kann.«
Die leidenschaftlichen Aeußerungen des Weibes versammelten sehr bald eine große Anzahl Zuschauer um sie, denen Haley kurz auseinander setzte, was die Veranlassung zu dieser Bewegung sei.
»Er sagte mir, daß ich nach Louisville gehen solle, um mich in demselben Wirthshause als Köchin zu vermiethen, wo mein Mann arbeitet; — das ist's, was mir Master sagte, er selbst, und ich kann's nicht glauben, daß er mich belogen hat,« sagte die Frau.
»Aber er hat Dich verkauft, meine arme Frau, darüber ist kein Zweifel,« sagte ein gutmüthig aussehender Mann, nachdem er die Papiere untersucht hatte, »er hat es gethan, das ist gewiß.«
»Dann nützt alles Reden nichts,« sagte das Weib, plötzlich ruhiger werdend, und setzte sich, ihr Kind fester in ihre Arme drückend, mit abgewandtem Gesichte auf ihren Koffer nieder und blickte finster auf den Strom hinab.
»Findet sich doch darin,« sagte der Händler, »ich sehe, 's Weib hat Vernunft.«
Die Frau schien ruhig, während das Boot weiter fuhr, und ein sanfter, milder Sommerhauch flog über ihr Haupt hin, wie ein mitleidiger Geist, — jene wohlthätige Luft, die nie fragt, ob die Stirne heiter oder bewölkt ist, über die sie hinweht. Und sie sah Sonnenschein im Wasser funkeln und das goldene Kräuseln der Wellen, und hörte heitere Stimmen, voll von Lust und Fröhlichkeit auf allen Seiten um sich her; aber ihr Herz war so schwer, als wenn ein großer, großer Stein darauf ruhe. Das Kind richtete sich gegen sie auf und begann ihre Backen mit seinen kleinen Händen zu streicheln und schien fest entschlossen, sie durch Springen und Schreien und Lachen aufwecken zu wollen. Sie drückte es plötzlich fester in ihre Arme, und langsam fiel eine Thräne nach der andern auf das verwunderte, ahnungslose kleine Gesicht; und dann schien sie allmählig ruhiger zu werden und begann sich eifriger mit der Wartung des Kindes zu beschäftigen.
Das Kind, ein Knabe von zehn Monaten, war ungewöhnlich groß und stark für sein Alter. Nie einen Augenblick ruhig, hielt er seine Mutter in fortwährender Thätigkeit, ihn zu wahren und seine Sprünge zu bewachen.
»Das ist ein hübscher Junge!« sagte ein Mann, mit den Händen in der Tasche, plötzlich vor ihm stehen bleibend. »Wie alt ist er denn?«
»Zehn und einen halben Monat,« erwiederte die Mutter.
Der Mann pfiff dem Knaben zu und reichte ihm ein Stück Zuckerbrod, wonach dieser eifrig griff und es sofort in die gewöhnliche Vorratskammer der Kinder, den Mund, deponirte.
»Ein prächtiger Bursche!« sagte der Mann, »versteht sich drauf!« und ging pfeifend weiter. Als er an die andere Seite des Bootes gelangte, stieß er auf Haley, der, auf einer hohen Schicht Kisten sitzend, seine Cigarre rauchte.
Der Fremde holte ein Schwefelholz hervor und zündete seine Cigarre an, während dessen er zu Haley sagte:
»Habt da ein ganz nettes, saubres Frauenzimmer, Fremder.«
»Denke, ja, ist ganz leidlich,« entgegnete Haley, den Rauch aus dem Munde blasend.
»Nehmt sie mit hinunter nach Süden?« fragte der Mann.
Haley nickte und rauchte weiter.
»Plantagen-Arbeiterin?« fragte der Mann weiter.
»Weiß nicht,« entgegnete Haley. »Richte grade 'nen Auftrag für 'ne Plantage aus und denke, werde sie mit hineinstecken. Ich habe zwar gehört, sie soll 'ne gute Köchin sein, und dann können sie sie dazu gebrauchen oder können sie auch Baumwolle zupfen lassen. Sie hat die richtigen Finger dazu, — hab' sie angesehen. Verkauft sich immer gut,« sagte Haley, während er seine Cigarre wieder in Thätigkeit setzte.
»Das Junge werden sie auf 'ner Plantage nicht gebrauchen,« bemerkte der Mann.
»Ich werde 's verkaufen — erste Gelegenheit,« entgegnete Haley, eine neue Cigarre anzündend.
»Vermuthe, Ihr werdet 's billig verkaufen,« sagte der Fremde, die Schicht Kisten hinauf steigend und sich oben bequem niederlassend.
»Weiß nicht,« sagte Haley, »'s ist ein hübsches, derbes Junges, — gerade, stark, fett, und hat Fleisch so hart wie ein Stein!«
»Ganz richtig, aber dann die Unruhe und die Kosten des Aufziehens,« bemerkte der Andere.
»Unsinn!« sagte Haley, »die Art läßt sich just eben so leicht aufziehen, wie jede andere Kreatur, die laufen kann; machen gar nicht mehr Umstände als junge Hunde. Das Junge da läuft in einem Monat überall herum.«
»Ich habe 'nen guten Platz um Junge aufzuziehen, und so dacht' ich, wollte etwas mehr Vorrath einkaufen,« sagte der Mann. »Die Köchin verlor ihr Junges vorige Woche, — 's ersoff in 'nem Waschfaß, während sie Zeug aufhing, — und so denk' ich, will ihr dies da zum Aufziehen geben.«
Haley und der Fremde rauchten eine Zeit lang schweigend weiter, indem keiner geneigt schien, den Hauptpunkt der Unterredung zu berühren. Endlich fuhr der Mann fort:
»Ihr würdet, denk' ich, nicht mehr für den Burschen nehmen als ein zehn Dollar oder so, da Ihr ihn doch 'mal losschlagen müßt.«
Haley schüttelte mit dem Kopfe, und spie sehr nachdrücklich.
»Das geht nicht, — lange nicht,« entgegnete er, und begann von Neuem zu rauchen.
»Nun, so sagt mir, Fremder, was Ihr haben wollt?«
»Je nun,« sagte Haley, — »könnte 's Junge selbst aufziehen oder aufziehen lassen; 's ist ungewöhnlich hübsch und gesund, und bringt seine hundert Dollar in sechs Monaten; und in ein oder zwei Jahren zweihundert, wenn ich's am rechten Platze habe; also keinen Cent weniger, als fünfzig Dollar jetzt.«
»Oho! Fremder! das ist lächerlich!« sagte der Mann.
»Dabei bleibt's!« bemerkte Haley trocken, aber mit sehr bestimmtem Kopfnicken.
»Ich will Euch dreißig geben,« sagte der Fremde, »aber keinen Cent mehr.«
»Na, ich will Euch sagen, was ich thun will,« entgegnete Haley, wieder mit großer Bestimmtheit ausspeiend; — »ich will das theilen, um was wir aus einander sind, und will fünf und vierzig sagen; — und das ist Alles, was ich thun kann.«
»Gut, bin's zufrieden!« sagte der Mann nach einer Pause.
»Abgemacht!« sagte Haley. »Wo steigt Ihr aus?«
»Bei Louisville,« entgegnete der Mann.
»Louisville,« wiederholte Haley. »Ganz vortrefflich, — wir kommen da gegen Abend hin. Das Junge wird schlafen, — macht sich herrlich, — Ihr nehmt es still auf, 's gibt kein Geschrei, — paßt vortrefflich, — mache Alles gern ruhig ab, — hasse allen Lärm und alles Aufsehen.« Und nachdem aus dem Taschenbuche des Mannes verschiedene Banknoten in Haley's Tasche übergegangen waren, griff dieser wieder nach seiner Cigarre.
Es war ein heller, stiller Abend, als das Dampfboot vor Louisville anhielt. Die Frau hatte bis dahin still mit ihrem Kinde im Arme gesessen, — welches nunmehr in tiefen Schlaf gesunken war. Als sie den Namen des Ortes ausrufen hörte, legte sie hastig ihr Kind in eine Art kleiner Wiege, welche durch eine hohle Stelle zwischen den verschiedenen Kisten gebildet war, breitete ihren Mantel sorgfältig darüber und eilte dann nach der Seite des Bootes, in der Hoffnung, ihren Mann unter den zahlreichen Kellnern zu sehen, welche sich auf den Landungsplatz drängten. In dieser Hoffnung arbeitete sie sich durch die Menge bis dicht an das Geländer des Bootes, streckte sich weit darüber hinaus und heftete mit größter Anstrengung ihre Blicke auf die am Ufer sich umher bewegenden Köpfe, während die Menge der Reisenden sich zwischen sie und ihr Kind drängte.
»Jetzt ist's Zeit für Euch,« sagte Haley, das schlafende Kind aufnehmend, und es dem Fremden übergebend. »Weckt 's nicht auf, und laßt 's nicht an zu schreien fangen; es würde 'nen teufelsmäßigen Lärm mit dem Frauenzimmer geben.«
Der Mann übernahm das Bündel vorsichtig und war bald in der Menge verschwunden, die sich am Landungsplatze befand. Als das Schiff sich stöhnend und knarrend vom Ufer entfernte, und langsam seinen Lauf wieder begann, kehrte die Frau zu ihrem alten Sitze zurück. Haley saß daselbst, und — das Kind war fort.
»Wie — was — wo ist denn —?« begann sie in angstvollem Erschrecken.
»Lucy,« sagte der Händler, »Dein Kind ist fort; — kannst es jetzt gleich eben so gut wissen, wie später. Siehst Du, ich wußte, Du konntest es doch nicht mit hinunter nehmen bis nach Süden, und ich habe Gelegenheit gefunden, es an eine vornehme Familie zu verkaufen, wo es viel besser aufgezogen wird, als Du es kannst.«
Der Händler war bis zu jenem, von einigen Predigern und Politikern empfohlenen Stadium christlicher und politischer Vollkommenheit gelangt, in welchem er alle menschlichen Schwächen und Vorurtheile vollständig besiegt hatte. Der wilde, verzweiflungsvolle Blick, den das Weib auf ihn warf, hätte zwar manchen weniger Geübten beunruhigen können, allein er war daran gewöhnt. Er hatte solche Scenen viele hundert Male gesehen. Du, mein Freund, kannst Dich auch an solche Dinge gewöhnen; und es ist der große Zweck neuerer Anstrengungen geworden, unsere sämmtlichen nördlichen Staaten, — zur Glorie der Union, daran zu gewöhnen. Der Händler betrachtete also den Todesschmerz, den er in diesen dunklen Zügen arbeiten sah, die geballten Hände und den stockenden Athem nur als nothwendige Ereignisse in seinem Handel, und berechnete lediglich, ob sie an zu schreien fangen und einen Zusammenlauf auf dem Schiffe verursachen werde; denn, gleich andern Stützen unserer sonderbaren Institutionen, war er jeder Art unruhiger Bewegung entschieden entgegen.
Allein die Frau begann nicht zu schreien. Der Schuß war zu grade durch das Herz gegangen, um Thränen oder Schreien erzeugen zu können. Betäubt setzte sie sich nieder, und ihre Hände fielen schlaff und blutlos an ihrer Seite hinab. Ihre Augen starrten grade aus, aber sie sah nichts. All' das Geräusch des Bootes, das Stöhnen der Maschinen, mischte sich traumartig um ihr gehörloses Ohr, und ihr armes, brechendes Herz hatte weder Schrei noch Thräne, um seinen Todesschmerz zu verrathen. Sie war ganz ruhig.
Der Händler, der, unter gehöriger Berücksichtigung seiner Vortheile, beinahe so menschlich war wie manche unserer Politiker, schien sich bewogen zu fühlen, ihr so viel Trost einzusprechen, als der Fall überhaupt zuließ.
»Ich weiß, so was geht im Anfange hart an, Lucy,« sagte er; »aber so ein derbes, verständiges Frauenzimmer wie Du bist, wird nicht nachgeben. Du siehst, 's war nothwendig, 's mußte geschehen!«
»O laßt mich! Master, — laßt mich!« sagte das Weib mit einer Stimme, welche der eines Erstickenden ähnlich war.
»Bist 'ne derbe Dirne, Lucy,« fuhr er dennoch fort, »ich meine 's gut mit Dir, — will Dir unten, den Fluß hinunter, 'nen rechten guten Platz ausmachen; — und sollst bald wieder 'nen andern Mann haben, — so ein hübsches Frauenzimmer wie Du. —«
»O Master! wenn Ihr nur nicht jetzt mit mir sprechen wolltet,« sagte die Frau mit einer Stimme so tiefen, schneidenden Schmerzes, daß der Händler fühlte, dieser Fall liege über die Wirkung seiner gewöhnlichen Operationen hinaus. Er stand auf, und das Weib wandte sich um, und barg ihren Kopf in ihrem Mantel.
Der Händler schritt eine Zeit lang auf und ab, und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um sie zu beobachten.
»Läßt sich's verdammt nahe gehen,« monologisirte er, »aber ist doch ruhig; — mag 'ne Weile schwitzen, wird sich dann schon geben allmählig!«
Tom hatte den ganzen Vorgang, vom ersten bis zum letzten Augenblicke genau beobachtet, und hatte eine deutliche Ahnung von seinen Folgen. Ihm erschien er als etwas unaussprechlich Schreckliches und Grausames, weil die arme, unwissende schwarze Seele nie gelernt hatte, umfassendere Ansichten zu fassen und in sich aufzunehmen. Wenn er nur bei gewissen christlichen Geistlichen unterrichtet worden wäre, so würde er im Stande gewesen sein, richtiger darüber zu urtheilen, und darin nichts anderes, als ein tägliches Ereigniß in einem gesetzlichen Handel zu erkennen, — einem Handel, der eine wesentliche Stütze für eine Institution ist, von der ein amerikanischer Gottesgelehrte, Dr. Joel Parker, in Philadelphia, uns sagt, daß »sie keine andern Uebel mit sich führe, als solche, welche von allen anderen Beziehungen im socialen und häuslichen Leben unzertrennlich seien.« Allein Tom, der, wie wir sehen, ein armer, unwissender Mensch war, dessen ganze Lektüre sich auf das neue Testament beschränkte, konnte sich mit dergleichen Ansichten nicht beruhigen und trösten. Sein Herz blutete ihm um des Unrechts willen, was seiner Ansicht nach jenem armen leidenden Wesen zugefügt war, das dort wie ein gebrochenes Rohr auf den Kisten lag; das fühlende, lebende, blutende, unsterbliche Wesen, welches amerikanische Staatsgesetze gefühllos unter die Klasse der Waarenballen und Kisten rechnen, unter denen es jetzt liegt.
Tom näherte sich ihr, und versuchte etwas zu sagen; allein sie stöhnte nur. Mit aufrichtigem Schmerze, und während Thränen an seinen eignen Wangen hinab liefen, sprach er von einem Auge der Liebe über den Wolken, von einem barmherzigen Jesus und einer ewigen Heimath; aber das Ohr war taub vom Schmerze, und das gelähmte Herz konnte nicht mehr empfinden.
Die Nacht kam heran, — ruhig, still und glänzend, mit ihren zahllosen, feierlichen Engelaugen herab blickend, schön, aber schweigend. Von jenem fernen Himmel ließ keine Sprache, keine barmherzige Stimme sich hören, keine helfende Hand streckte sich daraus hervor. Die Laute der Geschäfte, wie der Freude, erstarben einer nach dem andern: Alles auf dem Schiffe schlief, und deutlich hörte man die kräuselnden Wellen gegen das Boot schlagen. Tom hatte sich auf einer Kiste ausgestreckt, und während er dort lag, hörte er von Zeit zu Zeit ein unterdrücktes Schluchzen und Weinen, und ähnliche Worte wie diese: — »O! was soll ich thun? O Gott, guter Gott, hilf mir!« — bis auch diese Laute endlich erstarben.
Nach Mitternacht erwachte Tom plötzlich. Ein schwarzer Schatten fuhr an ihm vorüber nach der Seite des Bootes zu, und er hörte einen schweren Fall in das Wasser. Niemand außer ihm hatte irgend etwas davon gesehen oder gehört. Er richtete seinen Kopf auf, — der Platz, wo die Frau gelegen hatte, war leer! Er stand auf, und suchte umher, vergeblich! Das arme blutende Herz war endlich still, und die Wellen kräuselten sich wieder so sanft und schön, und funkelten wieder so hell, als wenn sie sich über nichts geschlossen hätten.
Geduld! Geduld! Ihr, deren Herzen vor Unwillen schwellen beim Anblicke solcher Ungerechtigkeiten wie diese. Nicht ein angstvoller Herzschlag, nicht eine Thräne der Unterdrückten wird vom Manne der Schmerzen, vom Herrn der Herrlichkeit vergessen werden. In seinem langmüthigen, barmherzigen Busen trägt er den Schmerz einer Welt. Trage auch Du, gleich ihm, und arbeite in der Liebe; denn so wahr er Gott ist, »wird das Jahr, die Seinen zu erlösen, kommen.«
Haley wachte am andern Morgen früh auf, und kam heraus, um seinen lebendigen Waarenbestand in Augenschein zu nehmen. Jetzt war an ihm die Reihe, sich verwundert umzuschauen.
»Wo in aller Welt ist die Dirne?« sagte er zu Tom.
Tom, der die Weisheit gelernt hatte, schweigen zu können, fühlte sich nicht für berufen, seine Beobachtungen und Vermuthungen zu offenbaren, sondern sagte nur, er wisse es nicht.
»Sie hat unmöglich in der Nacht irgendwo an's Land kommen können, denn ich war munter, und habe immer aufgepaßt, wenn das Boot anhielt; — vertraue solche Sachen niemals andern Leuten an.«
Diese Rede war ganz vertrauensvoll an Tom gerichtet, als enthielte sie etwas, was für ihn von besonderem Interesse sein müsse. Tom gab indeß keine Antwort.
Der Händler durchsuchte das Schiff von einem Ende zum andern, unter Kisten, Ballen und Fässern, in der Maschinerie und in den Schornsteinen, — aber vergeblich.
»Nun, höre, Tom, sprich rein heraus,« sagte er, als er nach fruchtlosem Suchen an den Ort zurück kam, wo Tom stand. »Du weißt darum, ja; — sag' mir nichts, — bin gewiß, Du weißt darum. Ich habe die Dirne hier liegen sehen um zehn Uhr, und dann wieder um zwölf Uhr, und wieder zwischen ein und zwei Uhr, — und um vier Uhr war sie fort, und Du hast die ganze Zeit grade hier gelegen und geschlafen. Ich weiß, Du mußt was drum wissen.«
»Master,« sagte Tom, »gegen Morgen fuhr 'was an mir vorbei, und ich wachte halb auf; und dann hört' ich, als wenn was Schweres in's Wasser fiel, und dann wacht' ich ganz auf, und 's Weib war fort. Das ist Alles, was ich weiß davon.«
Der Händler war weder erschreckt noch erstaunt; denn, wie vorher erwähnt worden, er war an viele Dinge gewöhnt, an die Du, lieber Leser, nicht gewöhnt bist. Selbst das Erscheinen des Todes ließ ihn keinen Schauer empfinden. Er hatte den Tod so oft gesehen, war ihm in seinem Handelsverkehr so oft begegnet, und bekannt mit ihm geworden, — und dachte an ihn jetzt nur als einen lästigen Gast, der seinen Erwerb schwer beeinträchtige, und schwur deshalb nur, daß die Dirne ein elendes Mensch gewesen sei, und daß er teufelsmäßig unglücklich sei, und daß, wenn die Sachen so fort gingen, er keinen Cent auf der ganzen Reise verdienen werde. Mit einem Worte: er hielt sich für einen mißhandelten Menschen. Allein es war an Allem nichts zu ändern, da das Weib in einen andern Staat entflohen war, der nie einen Flüchtigen wieder ausliefert, — selbst nicht auf das Verlangen der glorreichen Union. Und somit setzte sich der Händler mit seinem kleinen Rechnungsbuche mißmuthig nieder und vermerkte den vermißten Körper, nebst Seele, unter der Kategorie von Verlusten.