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Onkel Tom's Hütte

Chapter 3: Dreizehntes Kapitel Die Quäker-Niederlassung.
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About This Book

The narrative portrays the lives of enslaved people, their families, and the buyers and sellers who profit from the institution, tracing the emotional and moral toll of forced separation, legal commerce in human beings, and quotidian cruelties. Through interwoven episodes and courtroom and auction scenes, it contrasts religious conviction and conscience with profit-driven indifference, examines the rhetoric of benevolence versus brutality, and highlights the spiritual endurance and moral claims of the oppressed. The work combines sentimental storytelling, moral argument, and social critique to expose institutional injustice and to explore personal sacrifice, faith, and the consequences of complicity.

Dreizehntes Kapitel
Die Quäker-Niederlassung.

Eine stille Scene steigt jetzt vor uns auf. Es ist eine große, geräumige Küche, deren gelber Fußboden glatt und glänzend ist, und nicht das kleinste Theilchen Staub auf sich trägt; mit einem reinlichen, wohlgeschwärzten Kochofen, langen Reihen glänzenden Zinnes, die an namenlose, gute Dinge für den Appetit erinnern, und mit glänzenden grünen, aber alten und festen Holzstühlen. Ein kleiner, niedriger Wiegenstuhl, mit einem Kissen, dessen Decke künstlich aus zahlreichen Stücken buntfarbigen Tuches zusammengesetzt war, stand darin; auch ein größerer Lehnstuhl befand sich daselbst, alt und mütterlich, der mit seinen weiten Armen und weichen Federkissen wie eine freundliche Einladung aussah, — und endlich ein wirklich bequemer alter Stuhl, der, im Sinne eines ehrbaren, häuslichen Genusses, mehr als ein Dutzend Eurer vornehmen, blankpolirten Plüschstühle in Staatszimmern werth ist; und darin saß, sich behaglich hin und her wiegend, die Augen auf eine feine Näherei geheftet — unsere alte Freundin Elisa. Ja, sie war es, obgleich etwas blässer und dünner, als sie in ihrer Heimath, in Kentucky, gewesen war, und mit einer Welt stiller Sorgen, unter dem Schatten ihrer langen Augenwimpern, und in den feinen Zügen um ihren sanften Mund. Es war unverkennbar, wie alt und fest das junge weibliche Herz in der Schule schwerer Leiden geworden war; und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr großes, dunkles Auge aufschlug, um dem Spiele ihres kleinen Harry's zu folgen, der gleich einem tropischen Schmetterlinge sie umflatterte, so sprach sich darin eine solche Tiefe von Festigkeit und Entschlossenheit aus, wie nie früher darin zu erkennen gewesen war.

An ihrer Seite saß eine Frau mit einer blanken Zinnschüssel auf dem Schooße, in der sie getrocknete Pfirsiche sorgfältig aussuchte. Sie mochte fünfundfünfzig bis sechzig Jahr alt sein, allein ihr Gesicht war eins von denjenigen, welche die Zeit nur zu berühren scheint, um sie zu verschönern und zu verklären. Die schneeige Tüllhaube, nach der strengen Quäkerform gemacht, das einfache weiße Tuch von Mousselin, welches sich in glatten Falten über ihren Busen kreuzte, und das grobe Kleid verriethen augenblicklich die Brüderschaft, der sie angehörte. Ihr rundes, rosiges Gesicht von pflaumartiger Sanftheit erinnerte an eine reife Pfirsich; ihr Haar, das bereits theilweis silbern schimmerte, war glatt gescheitelt auf einer hohen, ruhigen Stirn, auf der die Zeit keine andere Inschrift zurückgelassen hatte, als »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«; und darunter leuchteten ein Paar großer, ehrlicher, liebevoller, brauner Augen. Man brauchte nur grade in diese hineinzuschauen, um bis auf den Grund eines so guten und wahren Herzens zu blicken, als je in einem weiblichen Busen schlug. Es ist die Schönheit junger Mädchen so vielfach besungen worden, — warum findet sich denn Niemand, die Schönheit alter Frauen zu preisen? Wenn Jemand zu diesem Zwecke der Begeisterung bedarf, so verweise ich ihn an unsere gute Freundin, Rachel Halliday, wie sie grade jetzt da in ihrem kleinen Wiegenstuhle sitzt. Dieser Stuhl hatte die Eigenschaft, zu knarren und zu quieken, — entweder in Folge einer Erkältung in seiner Jugend, oder vielleicht von asthmatischen Anfällen; gewiß ist, daß während sie sich darin langsam hin und her wiegte, er fortwährend eine Art leises »krietschie-krantschie« hören ließ, was an jedem anderen Stuhle unerträglich gewesen sein würde. Allein der alte Simeon Halliday erklärte oft, daß ihm dies ebenso lieb wie Musik sei, und die Kinder versicherten sämmtlich, daß sie um Alles in der Welt nicht die Musik von Mutters Stuhle entbehren möchten. Und weshalb? Weil seit zwanzig Jahren und länger nichts als liebevolle Worte, sanfte Ermahnungen und ächt mütterliche Herzlichkeit aus ihnen gesprochen hatten, — weil zahlloses Kopf- und Herzweh darin geheilt, — geistige und zeitliche Leiden darin gelöst worden waren, — und das Alles von einer guten, liebevollen Frau; — Gott segne sie!

»Und so hast Du also noch die Absicht, nach Kanada zu gehen, Elisa?« sagte sie, während sie ruhig auf ihre Pfirsiche blickte.

»Ja, Madame,« entgegnete Elisa mit Festigkeit. »Ich muß weiter; ich wage nicht zu bleiben.«

»Und was gedenkst Du zu thun, wenn Du dahin gelangst? Du mußt daran denken, meine Tochter.«

Der Ausdruck »meine Tochter« klang so natürlich aus Rachel Halliday's Munde, denn sie besaß grade die Züge und die Formen, für die das Wort »Mutter« die allernatürlichste Bezeichnung zu sein schien.

Elisa's Hand zitterte, und ein Paar Thränen fielen auf ihre feine Arbeit; aber sie antwortete mit derselben Festigkeit:

»Ich werde — jede Arbeit unternehmen, die ich finden kann. Ich hoffe, ich werde Etwas finden.«

»Du weißt, Du kannst hier so lange bleiben, als es Dir gefällt,« sagte Rachel.

»O Dank Ihnen,« sagte Elisa, »aber« — auf Harry deutend, — »ich kann Nachts nicht schlafen, ich kann nicht ruhen. In der vorigen Nacht träumte ich wieder, ich sähe jenen Mann auf den Hof kommen,« fügte sie schaudernd hinzu.

»Armes Kind!« sagte Rachel, ihre Augen trocknend, »aber Du mußt Dir nicht solche Gedanken machen. — Der Herr hat es gewollt, daß nie ein Flüchtling aus unserem Dorfe gestohlen worden ist, und ich hoffe, Dein Kind wird nicht der erste sein.«

Die Thür öffnete sich, und eine kleine runde Frau, mit einem freundlichen, blühenden Gesichte, ähnlich einem reifen Apfel, trat in das Zimmer. Sie war wie Rachel in schlichtem Grau gekleidet, während um ihren runden, vollen Hals das glatte weiße Mousselintuch lag.

»Ruth Stedman,« sagte Rachel, freudig ihr entgegen kommend und ihre beiden Hände mit Herzlichkeit ergreifend, — »wie geht Dir's?«

»Gut,« sagte Ruth, ihren kleinen Tuchhut abnehmend und ihn mit dem Taschentuche abstäubend, während dessen ein kleiner, runder Kopf zum Vorschein kam, der seine Quäkerhaube, alles Streichelns und Glättens der kleinen fetten Hände ungeachtet, auf eine etwas leichte, muntere Weise trug. Ein Paar Locken von entschieden krausem Haare waren überdies hier und da herausgefallen und mußten an ihren Platz zurückgeschoben werden; und als dieses Alles geschehen war, drehte sich die kleine Frau vom Spiegel, vor dem sie diese Anordnungen getroffen hatte, ab, und schaute sich mit wohlgefälliger Miene um, wie Alle thun mußten, die auf sie blickten; denn sie war entschieden eine in Körper und Herzen so gesunde, kleine Frau, wie jemals eine ein Männerherz erfreut hat.

»Ruth, diese Freundin hier ist Elisa Harris, und dies ist ihr kleiner Knabe, wovon ich Dir erzählt habe.«

»Ich freue mich, Dich zu sehen, Elisa, — recht sehr,« sagte Ruth, ihr die Hand so herzlich schüttelnd, als wenn Elisa eine alte Freundin gewesen wäre, die sie lange erwartet hätte; »und dies ist Dein liebes Kind, — ich habe ihm einen Kuchen mitgebracht,« fügte sie hinzu, indem sie dem Knaben ein Herz von Kuchen hinhielt, während dieser sich furchtsam näherte, um es in Empfang zu nehmen.

»Wo ist Dein Kind, Ruth?« fragte Rachel.

»O, es wird gleich hier sein. Marie hat es mir abgenommen, als ich kam, und ist damit nach der Scheune gerannt, um es den andern Kindern zu zeigen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und Marie, ein sittsames, rosiges Mädchen, mit braunen Augen, wie sie ihre Mutter hatte, kam herein.

»Ah, ha!« sagte Rachel, ihr entgegen gehend und den großen, weißen, fetten, kleinen Burschen in ihre Arme nehmend; »wie wohl er aussieht, und wie er wächst!«

»Gewiß,« sagte die geschäftige kleine Ruth, indem sie das Kind auf ihren Arm nahm, um ihm das kleine, blauseidene Mützchen, nebst verschiedenen anderen Umhüllungen abzunehmen; und nachdem sie sodann noch hier und da gezupft, und Alles in gehörige Ordnung gebracht, und es herzlich geküßt hatte, setzte sie es auf die Erde nieder, um es seinen eigenen Gedanken zu überlassen. Das Kind schien an diese Procedur gewöhnt zu sein, denn es steckte seinen Daumen in den Mund (als wenn sich das von selbst verstände) und war sehr bald in seinen eigenen Betrachtungen verloren, während die Mutter sich niedersetzte, einen langen Strumpf von gemischtem blauem und weißem Garne hervorzog, und emsig zu stricken begann.

»Marie, ich dächte, Du fülltest den Kessel, nicht wahr?« sagte die Mutter in sanftem Tone.

Marie nahm den Kessel, den sie am Brunnen füllte, und setzte ihn auf den Kochofen, wo er bald, gleich einem Rauchfaß der Gastfreundschaft und Heiterkeit, zu brausen und zu dampfen anfing. Ebenso wurden die Pfirsiche, in Folge von ein Paar freundlichen Zuflüsterungen Rachels, sehr bald von derselben Hand in einer Schmorpfanne über das Feuer deponirt.

Sodann nahm Rachel eine schneeweiße Mulde zur Hand, band eine Schürze vor und schritt dazu, einige Zwiebacke zuzubereiten, nachdem sie zuvor ihrer Tochter zugeflüstert hatte: »Marie, willst Du nicht John sagen, daß er ein Huhn in Bereitschaft hält?« worauf Marie sofort verschwand.

»Und was macht Abigail Peters?« fragte Rachel, während sie mit ihrer Beschäftigung fortfuhr.

»O, sie ist besser!« entgegnete Ruth. »Ich war diesen Morgen dort, und habe ihr Bett gemacht, und ihr Haus gekehrt. Lea Hills ist diesen Nachmittag hingegangen, um Brod und Erbsen für einige Tage zu backen; und ich habe ihr versprochen, heute Abend noch einmal hinzukommen, um sie aus dem Bette zu nehmen.«

»Ich will morgen hingehen und nachsehen, was rein zu machen und auszubessern ist,« sagte Rachel.

»Das ist gut,« entgegnete Ruth. »Ich habe gehört, daß Hanna Stanwood krank ist. John war gestern Abend da, — ich will Morgen hingehen.«

»John kann hierher zum Essen kommen, wenn Du den ganzen Tag dort bleiben mußt,« bemerkte Rachel.

»Ich danke Dir, Rachel; wir wollen morgen sehen; aber da kommt Simeon.«

Simeon Halliday, ein großer, muskulöser Mann, in einem grobtuchenen Rocke und Beinkleidern, und mit einem breitkrempigen Hute, trat jetzt in das Zimmer.

»Was machst Du, Ruth?« sagte er herzlich, ihre kleine, weiche Hand in seiner großen und breiten schüttelnd; »und was macht John?«

»O, John ist wohl, und alle unsere Leute!« entgegnete Ruth heiter.

»Neuigkeiten, Vater?« fragte Rachel, während sie ihre Zwiebacke in den Ofen schob.

»Peter Stebbins sagte mir, daß sie heute Abend mit Freunden zusammen sein würden,« entgegnete Simeon mit Nachdruck, während er seine Hände in einem reinlichen kleinen Gußsteine wusch, der in einem Alkoven an der Küche befindlich war.

»Wirklich?« sagte Rachel nachdenklich und auf Elisa blickend.

»Sagtest Du, daß Dein Name Harris sei?« fragte Simeon Elisa, als er aus dem Alkoven zurückkam.

Rachel blickte schnell auf ihren Gatten, während Elisa bebend »ja« antwortete, indem sie in ihren stets regen Befürchtungen dachte, daß öffentliche Bekanntmachungen in Betreff ihrer möchten erlassen worden sein.

»Mutter!« sagte Simeon, in der Thür des Alkovens stehend, und Rachel zu sich rufend.

»Was willst Du, Vater?« sagte Rachel, ihre mehligen Hände reibend, während sie in den Alkoven ging.

»Jenes Kindes Ehemann ist in der Niederlassung und wird heute Abend hier sein,« sagte Simeon.

»Ist es möglich, Vater?« rief Rachel mit freudestrahlendem Gesichte.

»Es ist Alles wahr. Peter war gestern unten, mit dem Frachtwagen, in der andern Niederlassung, und traf dort eine alte Frau und zwei Männer, von denen der eine sagte, daß sein Name Georg Harris sei; und, nach dem zu urtheilen, was er von seiner Geschichte erzählt hat, habe ich keinen Zweifel darüber, wer er ist.«

»Sollen wir es ihr jetzt sagen?« fragte Simeon weiter.

»Wir wollen es erst Ruth sagen,« entgegnete Rachel. »Hier, Ruth, — komm hierher!«

Ruth legte ihr Strickzeug nieder und war im Augenblicke im Alkoven.

»Ruth, was glaubst Du?« sagte Rachel. »Vater sagt, Elisa's Ehemann sei hier in der Niederlassung, und werde heute Abend noch hier sein.«

Ein lauter Ausbruch der Freude von der kleinen Quäkerin unterbrach ihre Rede. Sie sprang so hoch vom Erdboden auf, während sie ihre kleinen Hände zusammenschlug, daß zwei Locken unter der Quäkermütze hervorfielen und auf ihrem weißen Halstuche liegen blieben.

»Still! still, Liebe!« sagte Rachel sanft; »still, Ruth! sprich, sollen wir es ihr jetzt sagen?«

»Jetzt, versteht sich, jetzt gleich. Angenommen, es wäre mein John, wie würde mir dann zu Muthe sein? Bitte, Rachel, sage es ihr grad' heraus.«


»Du thust nichts als Dich bestreben, Deinen Nächsten zu lieben, Ruth,« sagte Simeon, sie mit strahlendem Gesichte betrachtend.

»Gewiß, sind wir nicht dazu da? Wenn ich nicht John und mein Kind liebte, würde ich nicht so für sie empfinden können. Komme nun, sag' es ihr, — bitte!« sagte Ruth, während sie ihre Hände bittend auf Rachel's Arm legte. »Gehe mit ihr dort in Dein Schlafzimmer, und laß mich die Hühner braten, während Du es ihr sagst.«

Rachel kam in die Küche zurück, wo Elisa saß und nähte, und indem sie die Thür zu einem kleinen Schlafgemach öffnete, sagte sie in sanftem Tone zu ihr: »Komm' hier herein, meine Tochter, ich habe Dir Neuigkeiten mitzutheilen.«

Das Blut schoß in Elisa's blasses Gesicht; sie stand, bebend vor Angst, auf, und blickte auf ihren Knaben.

»Nein, nein,« rief die kleine Ruth, aufspringend und ihre Hände ergreifend. »Fürchte nichts, Elisa, es sind gute Neuigkeiten, — geh hinein, geh hinein!« Und mit diesen Worten drängte sie sie sanft der Thüre zu, die sich hinter ihr schloß, und dann sich umdrehend, und den kleinen Harry in ihren Armen fangend, begann sie ihn zu küssen.

»Du wirst Deinen Vater sehen, Kind. Kennst Du ihn? Dein Vater kommt,« wiederholte sie immer von Neuem, während das Kind sie verwundrungsvoll anblickte.

Inzwischen fand jenseits der Thür eine andere Scene statt. Rachel Halliday zog Elisa zu sich heran und sagte: »Der Herr ist Dir gnädig gewesen, meine Tochter; Dein Ehemann ist dem »»Diensthause«« entflohen.«

Das Blut stieg plötzlich zu hoher Röthe in Elisa's Wangen auf, und floß eben so schnell zurück in ihr Herz. Blaß und heftig angegriffen, setzte sie sich nieder.

»Habe Muth, Kind,« sagte Rachel, ihre Hand auf Elisa's Kopf legend. »Er ist unter Freunden, die ihn heut Abend hierher bringen werden.«

»Heut Abend!« wiederholte Elisa, — »heut Abend!« Die Worte verloren alle Bedeutung für sie; ihr Kopf war träumerisch und verwirrt; Alles um sie war in Nebel gehüllt.


Als sie erwachte, lag sie dicht zugedeckt auf einem Bett, und die kleine Ruth war beschäftigt, ihre Hände mit Kampher zu reiben. Sie öffnete ihre Augen in einem Zustande süßer, traumartiger Mattigkeit, wie sie der empfindet, der lange eine schwere Last getragen hat, und sich nun davon befreit fühlt, und gern ruhen möchte. Die Spannung der Nerven, die bei ihr nie, vom ersten Augenblicke der Flucht ab nachgelassen hatte, war verschwunden, und ein eigenthümliches Gefühl von Sicherheit und Ruhe war über sie gekommen, und während sie dort lag, und ihre großen, dunklen Augen geöffnet hielt, folgte sie, wie in stillem Traume, den Bewegungen der sie Umgebenden. Sie sah die Thür der Küche halb geöffnet, sah den zum Abendessen bereiteten Tisch mit dem schneeweißen Tischtuch; hörte das träumerische Singen des Theekessels; sah Ruth emsig hin und her laufen mit Küchentellern und Gläsern mit Eingemachtem, und von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um Harry ein Stück Kuchen zu geben, oder seinen Kopf zu klopfen, oder seine Locken um ihre weißen Finger zu rollen.

Sie sah die volle, mütterliche Gestalt Rachels von Zeit zu Zeit an ihr Bette kommen, und die Decken desselben streichen und glätten, und fühlte, daß dabei eine Art Sonnenschein aus ihren großen, klaren, braunen Augen auf sie nieder falle. Sie sah Ruth's Mann eintreten, — sah sie selbst zu ihm fliegen, ihm eifrig etwas zuflüstern, und von Zeit zu Zeit mit ihrem kleinen Finger nach dem Schlafzimmer deuten. Sie sah sie, mit ihrem Kinde im Arme am Theetisch nieder sitzen, — sah Alle darum versammelt, und ihren kleinen Harry aus einem hohen Stuhle, unter dem Schatten von Rachel's Flügeln; sie hörte die leise, murmelnde Unterhaltung, das sanfte Klingen der Theelöffel, das Geräusch der Tassen und Schalen, und Alles mischte sich vor ihrem Ohre zu einem süßen Traume von Ruhe; — und Elisa schlummerte ein so fest, wie sie nie zuvor, seit jener schrecklichen Mitternachtsstunde, wo sie ihr Kind aufnahm und durch die kalte Winternacht floh, geschlafen hatte.

Sie träumte von einer schönen Gegend, — einem Lande der Ruhe, wie es ihr schien, — grünen Ufern, schönen Inseln und hell funkelndem Wasser; und dort sah sie in einem Hause, von dem sanfte Stimmen ihr zuflüsterten, daß es ihr eigenes sei, ihren Knaben spielen, ein freies, glückliches Kind. Sie hörte die Tritte ihres Mannes, sie fühlte sie näher kommen; seine Arme schlangen sich um ihren Nacken, seine Thränen fielen auf ihr Gesicht, und sie erwachte! — Es war kein Traum. Das Tageslicht war lange verschwunden; ihr Kind lag sanft schlummernd an ihrer Seite; ein Licht brannte düster auf dem Tische, und — ihr Gatte kniete schluchzend an ihrem Bette.


Der nächste Morgen war ein sehr heiterer, fröhlicher im Quäkerhause. »Mutter« war zeitig auf, und umgeben von geschäftigen Mädchen und Knaben, die wir gestern aus Mangel an Zeit mit dem Leser bekannt zu machen unterließen, und die alle, gehorsam den sanften Winken ihrer Mutter Rachel, dazu behülflich waren, das Frühstück zu bereiten; denn in den üppigen, fruchtbaren Thälern von Indiana ist die Zubereitung eines Frühstücks ein sehr verwickeltes, vielseitiges Geschäft. Während deshalb John nach dem Brunnen ging, um frisches Wasser zu holen, und Simeon der Zweite Mehl zu Kornkuchen durchsiebte, und Marie Kaffee mahlte, bewegte sich Rachel sanft und ruhig unter ihnen umher, und bereitete Zwieback, schnitt Hühnchen auf, und verbreitete eine Art sonnigen Scheines über die ganze Scene. Wenn sich je die Gefahr einer Reibung durch den ungeregelten Eifer so vieler junger Arbeiter zeigte, so war das sanfte, mütterliche: »Komm! komm!« oder »nicht doch!« genügend, um jede Schwierigkeit zu beseitigen. Dichter und Sänger haben über den Gürtel der Venus geschrieben, der die Köpfe vieler Generationen nach einander verdreht hat; wir, unseres Theils, dagegen würden den Gürtel Rachel Halliday's vorziehen, der die Köpfe vor Verirrungen bewahrt, und Alles so harmonisch sich bewegen läßt. Wir halten ihn für entschieden mehr geeignet für unsere jetzige Zeit.

Während alle übrigen Vorbereitungen rüstig fortschritten, stand Simeon der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der einen Ecke der Küche, und war mit der antipatriarchalischen Operation des Barbirens beschäftigt. Alles ging in der großen, geräumigen Küche so gesellig, so ruhig, so harmonisch von Statten; — es schien einem Jeden so angenehm, grade das zu thun, was er that; es schwebte über dem ganzen Thun und Treiben daselbst eine Athmosphäre von so viel gegenseitigem Vertrauen und Gefälligkeit; und als Georg und Elisa mit ihrem kleinen Harry herein traten, wurden sie mit einem so frohen, herzlichen Willkommen begrüßt, daß es nicht zu verwundern war, wenn ihnen Alles wie ein Traum erschien.

Endlich saßen Alle beim Frühstück, während Marie beim Ofen stehen blieb, um Kornkuchen zu backen, die sie, sobald sie das ächte goldene Braun der Reife erlangt hatten, auf den Tisch beförderte. Nie sah Rachel so wahrhaft glücklich und beseligend aus, als wenn sie sich auf ihrem Vorsitze am Tische befand. Es lag so viel Mütterlichkeit und Herzensgüte selbst in der Art und Weise, wie sie einen Teller mit Kuchen reichte oder eine Tasse Kaffe einschenkte, daß es schien, als wenn Speise und Trank eine geistige Beigabe dadurch empfingen.

Es war dieses das erste Mal, daß Georg sich am Tische eines weißen Mannes zu gleichen Rechten mit den übrigen Anwesenden befand. Er verrieth deshalb anfangs etwas Scheu und Verlegenheit; allein alles dieses verschwand wie ein Nebel vor den Morgenstrahlen dieser einfachen, überfließenden Herzlichkeit. Dies war wirklich eine Heimath, — eine Heimath, — ein Wort, dessen Bedeutung Georg noch nie begriffen und empfunden hatte; und Glaube an Gott, und Vertrauen in die Vorsehung begannen in seinem Herzen zu erwachen, während dunkle, menschenfeindliche, nagende, gottesläugnerische Zweifel und wilde Verzweiflung vor dem Lichte des lebendigen Evangeliums hinweg schmolzen, das aus so vielen lebenden Gesichtern vor und neben ihm sprach, und von tausend unbewußten Handlungen der Liebe und des guten Willens gepredigt wurde, die gleich dem Becher kalten Wassers, gereicht in eines Jüngers Namen, nicht unbelohnt bleiben werden.

»Vater, was würde geschehen, wenn Du wieder angeklagt werden solltest?« fragte Simeon der Zweite, während er seinen Kuchen mit Butter bestrich.

»Ich würde meine Strafe bezahlen,« sagte Simeon ruhig.

»Aber wenn sie Dich nun in's Gefängniß sperrten?«

»Könntest Du denn und Mutter die Wirthschaft nicht allein besorgen?« fragte Simeon lächelnd.

»Mutter kann beinahe Alles thun,« sagte der Knabe; »aber ist es nicht eine Schande, solche Gesetze zu geben?«

»Du mußt nicht Uebles von Deiner Obrigkeit reden, Simeon,« sagte der Vater sehr ernst. »Gott gibt uns unsere irdischen Güter nur um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, wenn unsere Obrigkeit dafür eine Abgabe von uns verlangt, so müssen wir sie zahlen.«

»Gut, aber ich hasse diese alten Sklavenhalter!« sagte der Knabe, der eben so unchristliche Empfindungen hatte wie mancher unserer modernen Reformatoren.

»Ich wundere mich über Dich, Sohn,« sagte Simeon, der Vater, »das hat Dir Deine Mutter nie gelehrt. Ich würde dasselbe für den Sklavenhalter wie für den Sklaven thun, wenn der Herr ihn in Trübsal an meine Thür brächte.«

Simeon der Zweite wurde feuerroth; aber seine Mutter lächelte nur und sagte: »Simeon ist mein guter Sohn; er wird älter, und dann wie sein Vater werden.«

»Ich hoffe, mein guter Herr, daß Sie sich unserethalben keinen Unannehmlichkeiten aussetzen,« sagte Georg unruhig.

»Fürchte nichts, Georg, denn deshalb sind wir auf die Welt gekommen. Wenn wir uns für eine gute Sache keinen Schwierigkeiten aussetzen wollten, so wären wir nicht unseres Namens werth.«

»Aber um meinethalben,« sagte Georg, »ich könnte es nicht ertragen.«

»Nun, so fürchte nichts, Freund Georg, es ist nicht um Deinetwillen, sondern um Gottes und der Menschen willen, daß wir es thun,« sagte Simeon. »Und nun mußt Du Dich den heutigen Tag über hier ruhig aufhalten, und heut Abend, um zehn Uhr, soll Dich Phineas Fletcher weiter bis zur nächsten Niederlassung bringen, — Dich und die Uebrigen Deiner Gesellschaft. Deine Verfolger sind hart hinter Dir; wir dürfen nicht zaudern.«

»Wenn dies der Fall ist, warum warten wir bis zum Abende?« fragte Georg.

»Bei Tage bist Du hier sicher, denn ein Jeder in der Niederlassung hier ist ein Freund, und Alle sind wachsam. Es ist aber sicherer, bei Nacht zu reisen.«