Vierzehntes Kapitel.
Evangeline.
Der Mississippi! Wie durch einen Zauberstab hat sich seine Scenerie verändert, seit Chateaubriand seine prosa-poetische Schilderung schrieb, die eines Flusses, der seine Wogen durch eine gewaltige, nie gestörte Einsamkeit, und durch ungeahnte Wunder der Pflanzen- und Thierwelt rollt. Dieser Strom wildromantischer Träume ist in eine Wirklichkeit getreten, die kaum weniger wunderbar und glänzend ist. Welcher andere Fluß der Welt trägt auf seinem Busen, dem Oceane den Reichthum eines ähnlichen Landes zu? — eines Landes, dessen Produkte Alles umfassen, was zwischen den Tropen und den Polen sich erzeugt! Jene trüben Wellen, die sich schäumend und reißend dahin stürzen, sind ein passendes Bild jener wilden Fluth von Geschäften, die ein Geschlecht auf sie ausströmen läßt, das kräftiger und energischer ist, als je eins die alte Welt sah. Wenn sie nur nicht auch eine noch schrecklichere Last mit sich trügen, die Thränen der Unterdrückten, die Seufzer der Hülflosen, die schmerzlichen Gebete der armen, unwissenden Herzen zu einem unbekannten Gotte, — unbekannt, ungesehen, und ungehört, aber der dennoch »ausgehen wird aus seinem Orte, um alle Leidenden zu erlösen.«
Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der meerartigen Oberfläche des Flusses, und die schwankenden Rohre, und die hohen, dunklen Cypressen, umhangen mit Kränzen schwarzen Leichenmooses, glühen in den goldenen Strahlen, während das schwerbeladene Dampfschiff seinen Lauf verfolgt.
Angefüllt mit hoch aufgeschichteten Baumwollenballen aus zahlreichen Plantagen, die Deck und Seiten überragen und dem Schiffe in der Entfernung das Ansehen eines großen, massiven Steinblockes geben, bewegt es sich schwerfällig dem nächsten Markte zu. Wir werden auf seinem überfüllten Verdecke einige Zeit suchen müssen, ehe wir unsern bescheidenen Freund Tom wiederfinden. Hoch auf dem obersten Verdecke, in einer kleinen Ecke zwischen den überall sichtbaren Baumwollenballen finden wir ihn endlich.
Tom hatte, theils durch die von Mr. Shelby's Vorstellungen erweckte gute Meinung, und hauptsächlich durch sein eignes ruhiges und harmloses Wesen selbst einem Manne wie Haley ein gewisses Vertrauen abgewonnen. Anfangs hatte dieser ihn des Tages über streng bewacht, und ihm des Nachts nie erlaubt, ohne Fesseln zu schlafen; allein die unerschöpfliche Geduld und anscheinende Zufriedenheit in Tom's Wesen hatten ihn allmählig dazu vermocht, diese Beschränkungen aufzuheben, und seit einiger Zeit befand sich deshalb Tom in einer Art Haft auf Ehrenwort, indem es ihm erlaubt war, auf dem Schiffe frei umher zu gehen, wohin er wollte.
Immer ruhig und gefällig, und mehr als bereitwillig, den Schiffsarbeitern hülfreiche Hand zu leisten, wo sich nur immer eine Gelegenheit darbot, hatte er sich selbst die Gunst aller Schiffsleute erworben, und brachte manche Stunde damit zu, ihnen Beistand zu leisten, und zwar mit einem eben so guten Willen, als er je auf einer Kentucky'schen Farm gearbeitet hatte.
Wenn nichts für ihn zu thun war, stieg er in irgend einen Winkel zwischen den Baumwollenballen des obersten Deckes, und beschäftigte sich damit, seine Bibel zu studiren, und in dieser Beschäftigung finden wir ihn grade jetzt.
Etwa hundert Meilen oberhalb New-Orleans ist der Lauf des Stromes höher als die umliegende Gegend, und seine mächtigen Wogen rollen zwischen levées von ungefähr zwanzig Fuß Höhe. Der Reisende auf dem Verdeck des Dampfbootes kann, wie von der Höhe eines schwimmenden Thurmes, die ganze Gegend meilenweit übersehen. Tom hatte deshalb, in den auf einander folgenden Plantagen eine ganze Karte des Lebens vor sich, dem er entgegen ging. Er sah in der Entfernung die Sklaven bei ihrer Arbeit; er sah in mancher Plantage die langen Reihen ihrer Hütten, entfernt von den stattlichen Gebäuden und Lustplätzen des Herrn; und während sich das Gemälde immer weiter aufrollte, wendete sich sein armes, thörichtes Herz zurück nach der Farm in Kentucky, mit seinen alten, schattigen Buchen, — nach dem Hause seines Herrn, mit den weiten, kühlen Hallen, — und dicht dabei seine kleine Hütte, mit Jasmin und Immergrün überwachsen. Dort glaubte er die vertrauten Gesichter seiner Kameraden zu sehen, die mit ihm aufgewachsen waren; er sah seine geschäftige Frau bei der Zubereitung des Abendessens; er hörte das fröhliche Lachen seiner Kinder beim Spiele, und das Lallen seines jüngsten Kindes auf seinem Knie, — und dann war mit einem Male Alles wieder verschwunden, er sah wieder die Rohrgebüsche und Cypressen der vorüber gleitenden Plantagen, und hörte wieder das Knarren und Stöhnen der Maschinen, was ihm nur zu deutlich sagte, daß diese Periode seines Lebens für immer dahin sei.
In einem solchen Falle, lieber Leser, schreibst Du an Deine Frau und sendest Nachrichten an Deine Kinder; aber Tom konnte nicht schreiben, — die Post existirte für ihn nicht, und über den Abgrund, der ihn trennte, führte keine Brücke, selbst nicht die eines freundlichen Wortes oder Zeichens.
Kann man sich dann wundern, daß einige Thränen auf die Seiten seiner Bibel niederfallen, während er diese auf einem Baumwollenballen vor sich liegen hat, und mit geduldigem Finger langsam von Wort zu Wort geht, um ihre Verheißungen zu entziffern? Da Tom erst im späteren Alter angefangen hatte zu lernen, so war er ein langsamer Leser, und ging nur mit Schwierigkeit von einem Verse zum andern über. Ein glücklicher Umstand war es für ihn, daß das Buch, dem er seinen Fleiß zuwandte, ein solches war, dessen Werth durch langsames Lesen nicht verlieren konnte, — ja, vielmehr ein solches, dessen Worte, gleich Stücken massiven Goldes, oft einzeln abgewogen werden mußten, damit der Geist den unschätzbaren Werth derselben fassen könne. Wir wollen ihm einen Augenblick folgen, während er, auf jedes Wort seinen Finger besonders legend, und es halb aussprechend, lies't:
»Euer — Herz — erschrecke — nicht. In — meines — Vaters — Hause — sind — viele — Wohnungen. Ich — gehe, — Euch — die — Stätte — zu — bereiten.«
Als Cicero seine einzige, so sehr geliebte Tochter begrub, war sein Herz mit so wahrem Schmerz erfüllt, wie das unseres armen Tom, — vielleicht nicht mehr; denn Beide waren nur Menschen; aber Cicero konnte sich an keinen so erhabenen Worten der Hoffnung trösten, und keiner solchen zukünftigen Wiedervereinigung entgegen sehen; und wenn er diese Worte gesehen hätte, — zehn gegen eins — er würde ihnen nicht geglaubt, sondern seinen Kopf erst mit tausend Fragen über die Aechtheit der Manuscripte und die Korrektheit der Uebersetzungen beschwert haben. Aber für den armen Tom lag das Buch da, grade wie er es brauchte, so augenscheinlich wahr und göttlich, daß die Möglichkeit eines Zweifels nimmer in seinen einfachen Sinn kam.
Was Tom's Bibel betraf, so war sie, obgleich sie keine Anmerkungen von gelehrten Commentatoren am Rande hatte, doch durch verschiedene Zeichen und Wegweiser von Tom's eigner Erfindung verschönert worden, die ihm mehr nützten, als die gelehrtesten Erklärungen gethan haben würden. Es war früher die Gewohnheit gewesen, sich die Bibel von den Kindern seines Herrn, und namentlich vom jungen Master Georg vorlesen zu lassen; und während Diese lasen, pflegte er dann durch starke Zeichen und Federstriche diejenigen Stellen zu markiren, welche seinem Ohre besonders gefielen, oder sein Herz berührten. Auf diese Weise war seine ganze Bibel, von einem Ende bis zum andern, mit den verschiedenartigsten Zeichen versehen, die ihn in den Stand setzten, seine Lieblingsstellen im Augenblicke auffinden zu können, ohne die Mühe zu haben, alles zwischen Liegende zu buchstabiren; und während sie jetzt dort vor ihm lag, und jede Stelle ihn an irgend eine frühere häusliche Scene oder an einen dort gehabten Genuß erinnerte, schien ihm seine Bibel sowohl Alles, was ihm in diesem Leben übrig geblieben, wie die Verheißung eines zukünftigen zu sein.
Unter den Passagieren des Dampfbootes befand sich ein junger Mann von bedeutendem Vermögen und guter Familie, der in New-Orleans wohnte, und sich St. Clare nannte. In seiner Begleitung waren eine kleine Tochter zwischen fünf und sechs Jahren, und eine Dame, welche in verwandtschaftlicher Beziehung zu ihm zu stehen und das Kind unter ihrer besondern Aufsicht zu haben schien.
Tom hatte das kleine Mädchen öfters gesehen, — denn es war eins jener geschäftigen flüchtigen Wesen, die an einem Orte eben so wenig festgehalten werden können, wie ein Sonnenstrahl oder eine Frühlingsluft, und wer es einmal gesehen hatte, konnte es nicht leicht wieder vergessen. Die Formen desselben waren kindliche Schönheit in ihrer Vollendung, und ohne jene ungefälligen Umrisse von zu großer Fülle, eine wallende, luftige Grazie, wie man sie nur mythischen und allegorischen Gebilden in Träumen zuschreibt, umfloß das kleine Wesen, dessen Gesicht weniger durch die regelmäßige Schönheit seiner Züge, als vielmehr durch einen besondern, träumerischen Ernst auffiel, der selbst auf ganz stumpfe, unempfängliche Gemüther nie verfehlte, Eindruck zu machen, ohne daß diese wußten, weßhalb. Die Form ihres Kopfes und Nackens war besonders edel, und das lange, golden braune Haar, welches diese Theile wie ein Nebel umfloß, der tiefe, geistvolle Ernst ihrer veilchenblauen Augen, — Alles zeichnete sie von andern Kindern aus und veranlaßte einen Jeden, ihr nachzublicken, während sie auf dem Boote hin und her schwebte. Nichtsdestoweniger war die Kleine weder ein ernstes, noch trauriges Kind. Im Gegentheile schien ein lustiger, unschuldiger Muthwille, wie ein Schatten von Baumblättern im Sommer, auf ihrem kindlichen Gesichte und um ihre elastischen Glieder zu spielen. Stets war sie in Bewegung, und immer schwebte eine Art Lächeln um ihren rosigen Mund, während sie mit schwebendem, nebelartigem Schritte, und wie in einem glücklichen Traume still für sich singend, hin und her flog. Ihr Vater und ihre Aufseherin waren fortwährend mit ihrer Verfolgung beschäftigt; allein, kaum hatten sie sie gefangen, so entwich sie ihnen schon wieder wie ein Sommerlüftchen; und da nie ein verweisendes, tadelndes Wort je ihr Ohr berührte, was sie auch immer thun mochte, so folgte sie ihren eigenen Wegen auf dem ganzen Boote umher. Stets weiß gekleidet, schien sie einem Schatten gleich durch alle Oerter und Plätze zu schweben, ohne berührt oder beschmutzt zu werden; und es gab auf dem ganzen Schiffe, unten und oben, kein Eckchen, das ihre feenartigen Tritte nicht berührt, und wo ihre tiefblauen Augen nicht hingeschaut hatten.
Tom, der ganz die sanfte, empfängliche Natur seines Geschlechts besaß und sich immer zu einfachen, kindlichen Wesen hingezogen fühlte, beobachtete die Kleine mit täglich zunehmendem Interesse. Ihm erschien sie als etwas beinahe Göttliches; und jedesmal, wenn ihr goldener Kopf und ihre tiefen blauen Augen hinter irgend einem staubigen Baumwollenballen hervor und über irgend eine Wand Gepäck hinüber auf ihn blickten, war es ihm, als sehe er einen der Engel aus seinem Neuen Testamente hervortreten.
Oft schritt sie traurig um den Platz, wo Haley's Trupp von Männern und Weibern in Ketten saß. Dann pflegte sie zuweilen unter sie zu treten und sie mit einer Miene staunenden, traurigen Ernstes zu betrachten, oder die Ketten derselben mit ihren zarten Händen aufzuheben und schmerzlich zu seufzen, während sie sich wieder entfernte. Oefters auch erschien sie plötzlich unter ihnen, in ihren Händen Zuckerwerk, Nüsse und Orangen tragend, die sie fröhlich unter sie vertheilte und dann wieder verschwand.
Tom beobachtete die kleine Dame lange Zeit, ehe er sich einige Annäherungen Behufs einer anzuknüpfenden Bekanntschaft erlaubte. Er kannte viele Mittel, um die Gunst kleiner Menschen zu gewinnen, und beschloß, sich deren auf geschickte Weise zu bedienen. Er konnte niedliche kleine Körbe aus Kirschkernen schneiden, und groteske Gesichter und wunderliche, springende Figuren aus Hollundermark schnitzen, und in der Fabrikation der Pfeifen von allen Arten und Größen war er ein wahrer Pan. Seine Taschen waren voll von derartigen magnetischen Gegenständen, die er in früherer Zeit für die Kinder seines Herrn gesammelt hatte, und die er jetzt mit weiser Vorsicht und Oekonomie, eins nach dem andern, hervorzog, um sich ihrer als Mittel zu einer neuen Bekanntschaft und Freundschaft zu bedienen.
Die Kleine war, trotz ihres lebendigen Interesses in Allem, was um sie vorging, scheu, und nicht leicht zu zähmen. Anfangs nahm sie nur, wie ein Kanarienvogel, in einiger Entfernung von Tom, auf irgend einer Kiste Platz, um ihm zuzuschauen, wenn er mit den oben bezeichneten Künsten beschäftigt war, und nahm die ihr angebotenen kleinen Gegenstände mit einer Art schüchternen Ernstes an; allein nach einiger Zeit stellte sich zwischen Beiden ein ganz vertraulicher Ton her.
»Was ist kleine Miß's Name?« sagte Tom endlich, als er weit genug vorgerückt zu sein glaubte, um solche Frage thun zu dürfen.
»Evangeline St. Clare,« sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle Andern mich immer nur Eva nennen. Nun, was ist Dein Name?«
»Mein Name ist Tom. Die Kinder pflegten mich immer Onkel Tom zu nennen, weit von hier, in Kentucky.«
»Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, siehst Du, weil ich Dich lieb habe,« sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wohin gehst Du?«
»Ich weiß nicht, Miß Eva.«
»Du weißt nicht?« sagte Eva.
»Nein. Ich soll an irgend Jemanden verkauft werden. Ich weiß nicht, an wen.«
»Mein Papa kann Dich kaufen,« sagte Eva schnell; »und wenn er Dich kauft, so wirst Du gute Zeiten haben. Ich will ihn heut noch drum bitten.«
»Ich danke schön, meine kleine Dame,« entgegnete Tom.
Das Boot hielt hier an vor einem kleinen Landungsplatze, um Holz einzunehmen, und Eva, die ihres Vaters Stimme hörte, sprang hurtig auf ihn zu. Tom stand auf und ging hin, um seine Dienste beim Einladen des Holzes anzubieten, und war bald mit den übrigen Arbeitern dabei beschäftigt.
Eva und ihr Vater standen am Geländer des Fahrzeuges, um das Abfahren vom Landungsplatze zu beobachten; das Rad hatte zwei oder drei Wendungen im Wasser gemacht, als durch eine unerwartete Bewegung des Bootes die Kleine plötzlich das Gleichgewicht verlor und über das Geländer in's Wasser hinab stürzte. Ihr Vater, kaum wissend, was er that, war im Begriffe, ihr nachzuspringen, wurde aber von Jemanden hinter ihm zurückgehalten, welcher bemerkt hatte, daß bereits eine kräftigere Hülfe dem Kinde nachgeeilt war.
Tom hatte gerade unter der Kleinen im untern Decke gestanden, als sie hinab stürzte. Er sah sie in das Wasser fallen und untersinken, und war im Augenblick ihr nach. Ein starkarmiger Mensch, mit breiter Brust, wie er war, kostete es ihm wenig Mühe, sich im Wasser zu erhalten, bis sie nach wenigen Momenten wieder zur Oberfläche herauf kam, und sie dann in seine Arme nehmend, schwamm er mit ihr an die Seite des Bootes und reichte sie dort triefend den hundert Händen hin, die sich ihm entgegen streckten, um sie zu empfangen. Wenige Augenblicke später trug sie ihr Vater bewußtlos in die Kajüte der Damen, wo, wie es gewöhnlich in solchen Fällen ist, sich aus bester und herzlichster Meinung ein lebhafter Streit unter den weiblichen Inwohnern darüber erhob, wer am meisten thun solle, um Unruhe zu verursachen und die Wiederbelebung des Kindes auf jede mögliche Weise zu verhindern.
Der folgende Tag war heiß und drückend, als das Dampfboot die Nähe von New-Orleans erreichte. Unter den Reisenden zeigte sich allmählig eine größere Bewegung, theils durch die Erwartung, theils durch die Vorbereitungen zum Landen hervorgerufen. Die Effekten wurden gesammelt und in Bereitschaft gehalten, und der Stewart und sein weibliches Dienstpersonal begannen eifrig das Boot zu reinigen, zu waschen, zu poliren und zu einer großen Entrée vorzubereiten.
Am untern Ende des Decks saß unser Freund Tom, mit untergeschlagenen Armen, und wandte von Zeit zu Zeit ängstlich seine Blicke auf eine Gruppe, die auf der andern Seite des Bootes stand. Dort befand sich die hübsche Evangeline, etwas blässer zwar als am vorigen Tage, aber sonst durch nichts den Unfall verrathend, der ihr zugestoßen war. Ein junger Mann von außerordentlich anmuthigem, elegantem Wesen stand neben ihr und lehnte sich mit dem einen Ellenbogen nachlässig auf einen Baumwollenballen, während ein großes Taschenbuch offen vor ihm lag. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, daß er Eva's Vater war, denn dieselbe edle Form des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe golden braune Haar verriethen die innige Verwandtschaft mit dem Kinde; und dennoch war sein Gesichtsausdruck durchaus verschieden von dem Eva's. In den großen, klaren, blauen Augen, obgleich jenen in Form und Farbe ähnlich, fehlte die dämmerige, träumerische Tiefe des Ausdrucks; Alles war klar und hell, aber mit einem Lichte, das durchaus von dieser Welt war. Um den schön geschnittenen Mund zeigte sich ein stolzer und etwas sarkastischer Zug, während aus jeder Bewegung seiner schönen Gestalt eine leichte, freie und sich selbst bewußte Ueberlegenheit sprach. Er hörte in diesem Augenblicke mit gutmüthiger, halb komischer, halb verächtlicher Miene Haley an, der mit besonders geläufiger Zunge die Eigenschaften des Artikels pries, um den zwischen ihnen gehandelt wurde.
»Alle Moral und alle christlichen Tugenden in schwarzem Marokko, vollständig!« sagte er, als Haley geendet hatte. »Nun, mein guter Freund, was ist der Schade, wie man in Kentucky sagt? Mit einem Worte, wie viel ist zu zahlen für das Geschäft? um wie viel wollt Ihr mich betrügen? Heraus damit!«
»Nun,« entgegnete Haley, »wenn ich dreizehnhundert Dollar für den Burschen sagte, so käme ich nur grade ohne Schaden weg, — grade nur, mein' Seel!«
»Armer Mensch!« sagte der junge Mann, seine scharfen blauen Augen mit spöttischem Ausdrucke auf ihn heftend, »aber ich glaube, Ihr wollt ihn mir um diesen Preis aus besonderer Rücksicht für mich lassen?«
»Je nun, die junge Dame hier scheint ja so großes Gefallen an ihm gefunden zu haben, — und natürlich genug.«
»O freilich, das nimmt Eure Menschenfreundlichkeit in Anspruch. Also, um es als einen Akt christlicher Liebe zu betrachten, wie billig könnt Ihr ihn losschlagen, um einer jungen Dame gefällig zu sein, die ein besonderes Gefallen an ihm hat?«
»Sehen Sie nur,« sagte der Händler, »sehen Sie nur seine Glieder an, — die breite Brust, stark wie ein Pferd. Sehen Sie seinen Kopf; die hohen Stirnen zeigen immer Niggers von Verstand, die Alles thun können. Habe das bemerkt. Nun sehen Sie, ein Nigger von seiner Statur ist schon viel werth für seinen Körper, wenn er auch dumm ist; aber nun rechnen Sie seine Verstandeskräfte hinzu, die er ganz ungewöhnlich hat, — ich kann's Ihnen zeigen, — natürlich, das bringt ihn höher hinauf. Glauben Sie, der Kerl hat die ganze Wirthschaft seines Masters allein versehen, — hat ein außerordentliches Talent für Geschäfte.«
»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; versteht viel zu viel!« entgegnete der junge Mann mit demselben spöttischen Lächeln um seinen Mund. »Thut nicht gut in der Welt. Eure geschickten Burschen laufen immer davon, oder stehlen Pferde, und treiben den Teufel aus überhaupt. Ich dächte, Ihr müßtet ein Paar Hundert für seine Geschicklichkeit nachlassen.«
»Könnte da 'was Wahres drin sein, wenn er nicht ein Zeugniß hätte; aber ich kann Ihnen Empfehlungen zeigen, von seinem Master und Anderen, daß er wirklich 'ne fromme, demüthige Kreatur ist, wie Sie nur je eine gesehen haben. Denken Sie nur, er hat da gepredigt in der Gegend, wo er her kommt.«
»Und so könnte ich ihn möglicher Weise als einen Kaplan für meine Familie gebrauchen,« fügte der junge Mann trocken hinzu. »Keine üble Idee! Religion ist nur ein gar zu rarer Artikel in unserm Hause.«
»Sie wollen Scherz machen!«
»Weshalb? Habt Ihr ihn nicht für einen Prädikanten ausgegeben? Ist er von irgend einer Synode examinirt worden? Kommt, laßt Eure Papiere sehen.«
Wenn der Händler nicht aus einem gewissen gutmüthigen Blinzeln seiner Augen mit Sicherheit geschlossen hätte, daß alle diese Spötterei am Ende zu einem guten Geldgeschäfte führen würde, so möchte er vielleicht etwas ungeduldig geworden sein, so aber zog er seine fettige Brieftasche hervor, legte sie auf den Ballen vor sich nieder, und begann eifrig, gewisse Papiere durchzustudiren, während der junge Mann mit leichtem, nachlässigem Wesen dabei stand und mit einer Miene muthwilligen Scherzes auf ihn herabschaute.
»Papa, bitte, kaufe ihn! Es kommt ja nicht darauf an, was Du bezahlst,« flüsterte Eva mit sanfter Stimme, auf eine Kiste steigend und ihren Arm um den Nacken des Vaters schlingend. »Du hast ja Geld genug, ich weiß es. Ich möchte ihn gerne haben.«
»Wozu, Kätzchen? Willst Du ihn zum Wiegenpferde haben, oder wozu?«
»Ich will ihn glücklich machen.«
»Ein origineller Grund, in der That.«
Der Händler überreichte hier ein Certifikat, von Mr. Shelby unterzeichnet, welches der junge Mann nur mit den Spitzen seiner langen Finger berührte, und nachlässig überblickte.
»Keine üble Hand,« sagte er, »und richtig geschrieben dazu. Aber ich bin immer noch nicht im Klaren über diese Art Religion,« fügte er hinzu, während der muthwillige Ausdruck seines Auges wiederkehrte; »das ganze Land ist beinahe zu Grunde gerichtet von allen den frommen weißen Leuten: solchen frommen Politikern, wie wir sie grade vor den Wahlen haben, — solchem frommen Treiben in allen Theilen von Staat und Kirche, daß ein Mensch nicht weiß, wer ihn zunächst betrügen wird. Ich weiß überhaupt nicht, wie Religion jetzt grade im Preise ist. Ich habe seit einiger Zeit keine Zeitungen gesehen, um zu wissen, was mit zu machen ist. Wie viel hundert Dollar schlagt Ihr denn für diese Religion an?«
»Sie wollen sich nun einen Scherz machen,« sagte der Händler; »aber 's ist doch Verstand in alle dem drin. Weiß wohl, da ist ein Unterschied zwischen Religion. Manche Sorten sind erbärmlich, — wie die Brüder, und dann die Singer und Schreier; — die alle taugen nichts, in Weiß oder Schwarz; — aber diese Art ist wirklich. Hab' sie so oft bei Niggers gefunden wie Einer, — die wirklichen sanften, stillen, stätigen, ehrlichen, frommen, die die ganze Welt nicht verführen kann, 'was zu thun, was sie denken ist unrecht; und Sie sehen ja in diesem Briefe, was Tom's alter Master von ihm sagt.«
»Gut,« sagte der junge Mann, indem er sich mit ernster Miene über sein Taschenbuch beugte, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich wirklich diese Art Frömmigkeit kaufen kann, und daß sie mir in dem Buche da oben gut geschrieben werden wird, als Etwas, was mir zukommt, — nun, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine Kleinigkeit extra dafür zu geben. Was meint Ihr?«
»Nein, wirklich, das kann ich nicht,« sagte der Händler. »Ich denke mir, da oben wird wohl Jeder an seinem eignen Haken hängen müssen.«
»Ist schlimm für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, und darf nicht einmal in dem Staate damit handeln, wo er sie am meisten nöthig hat, — nicht wahr?« sagte der junge Mann, der, während er sprach, eine Rolle Noten zusammengelegt hatte. »Da, hier, zählt Euer Geld, alter Bursche!« fügte er dann hinzu, indem er dem Händler die Noten einhändigte.
»Ganz richtig!« sagte Haley mit freudestrahlendem Gesichte, und zog Schreibmaterialien hervor, um den Verkaufsschein auszufüllen, den er nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab.
»Ich möchte doch wissen,« sagte der Letztere, während er das Papier überflog, »wie viel ich bringen würde, wenn ich gehörig klassifizirt und inventirt würde. So viel für die Form meines Kopfes, so viel für eine hohe Stirn, so viel für Arme, Hände und Beine, und dann so viel für Erziehung, Wissen, Talent, Ehrlichkeit, Religion! Du lieber Gott, ich glaube, das Letzte würde nicht hoch angeschlagen werden! — Aber komm, Eva!« rief er dann, die Hand des Kindes ergreifend und über das Boot auf Tom zu gehend, dem er nachlässig die Fingerspitze unter das Kinn legte, indem er in freundlichem Tone zu ihm sagte:
»Schau auf, Tom, und sieh, wie Dir Dein neuer Master gefällt!«
Tom blickte auf. Es war unmöglich, in dieses frohe, jugendliche, hübsche Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl zu blicken; und Tom fühlte die Thränen in seine Augen treten, während er aus Herzensgrunde antwortete: »Gott segne Sie, Master!«
»Ich hoffe, er wird. Gut, was ist Dein Name? — Tom? Kannst Du mit Pferden umgehen, Tom?«
»Bin immer dabei gewesen,« sagte Tom; »Master Shelby zog groß viele Pferde auf.«
»Gut, ich werde Dich in's Fuhrwerk stecken, unter der Bedingung, daß Du nicht öfter als einmal wöchentlich betrunken bist, ausgenommen in besonderen Fällen, Tom.«
Tom sah ihn erstaunt und beinahe beleidigt an und sagte: »Ich trinke nie, Master.«
»Habe diese Geschichte schon oft gehört, Tom; aber wir wollen sehen. Es wird besonders angenehm für uns beide sein, wenn Du es nicht thust. Aber laß' nur gut sein, mein Junge,« fügte er gutmüthig hinzu, als er sah, daß Tom noch immer sehr ernst aussah: »Ich zweifle nicht, daß Du den Willen hast, ordentlich zu sein.«
»Gewiß will ich, Master,« sagte Tom.
»Und Du sollst gute Zeit haben,« fügte Eva hinzu. »Papa ist sehr gut gegen alle Leute; er lacht nur immer über sie.«
»Papa ist Dir sehr verbunden für Deine Empfehlung,« sagte St. Clare, während er sich lachend umwandte und fortging.