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Onkel Tom's Hütte

Chapter 5: Fünfzehntes Kapitel. Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.
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About This Book

The narrative portrays the lives of enslaved people, their families, and the buyers and sellers who profit from the institution, tracing the emotional and moral toll of forced separation, legal commerce in human beings, and quotidian cruelties. Through interwoven episodes and courtroom and auction scenes, it contrasts religious conviction and conscience with profit-driven indifference, examines the rhetoric of benevolence versus brutality, and highlights the spiritual endurance and moral claims of the oppressed. The work combines sentimental storytelling, moral argument, and social critique to expose institutional injustice and to explore personal sacrifice, faith, and the consequences of complicity.

Fünfzehntes Kapitel.
Von Tom's neuen Herrn und verschiedenen andern Gegenständen.

Da der Lebensfaden unseres Helden jetzt mit dem höherer Personen verwebt worden ist, so scheint es nothwendig, den Leser mit diesen etwas näher bekannt zu machen.

Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. Die Familie stammte ursprünglich aus Canada. Von zwei Brüdern, die in Temperament und Charakter einander sehr ähnlich waren, hatte sich der eine auf einer blühenden Farm in Vermont niedergelassen, während der andere ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden war. Augustin's Mutter war eine französische Hugenottin gewesen, deren Familie in der Zeit der ersten Niederlassungen in Louisiana dahin ausgewandert war. Er und ein anderer Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Da Ersterer von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Constitution ererbt hatte, so war er auf Anrathen der Aerzte in seinem Knabenalter mehrere Jahre lang zu seinem Onkel nach Vermont gesendet worden, um seine Constitution durch die frischere Luft eines nördlicheren Klima's zu stärken.

In seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine außerordentliche Empfindsamkeit in seinem Wesen aus, die mehr mit der der weiblichen Natur eigenthümlichen Sanftheit, als mit der gewöhnlichen Härte seines eigenen Geschlechts verwandt zu sein schien. Die Zeit indeß überzog diese Weichheit des Gefühls mit der rauheren Rinde des Mannesalters, und nur Wenige wußten, wie lebendig und frisch dieses Gefühl noch im Marke seines Innern vorhanden war. Seine natürlichen Anlagen waren ausgezeichnet, obgleich sein Geist stets eine Vorliebe für das Ideale und Aesthetische verrieth; und als natürliche Folge davon zeigte sich bei ihm ein Widerwille gegen die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens. Bald nach der Beendigung seines Cursus auf dem Collegium entzündete sich seine ganze Natur zu einer leidenschaftlichen Begeisterung für alles Romantische. Seine Stunde schlug, — die Stunde, die nur einmal schlägt; sein Stern ging auf am Horizonte, — der Stern, der so oft vergeblich aufgeht, und dessen später nur wie eines Traumbildes gedacht wird; und er ging auch für ihn vergeblich auf. Um das Bild nicht weiter zu verfolgen, — er sah und gewann die Liebe eines hochherzigen, schönen Mädchens in einem der nördlichen Staaten und verlobte sich mit ihr. Um die nöthigen Vorbereitungen zu seiner Verheirathung zu treffen, kehrte er nach seiner südlichen Heimath zurück, wo er nach einiger Zeit urplötzlich seine an sie gerichteten Briefe durch die Post zurück gesendet erhielt, und nur mit einer kurzen Bemerkung ihres Vormundes versehen, welche des Inhalts war, daß, ehe ihm noch diese Briefe wieder zu Händen kommen könnten, die junge Dame die Gattin eines Andern sein werde. Auf's Tiefste verletzt und fast wahnsinnig vor Schmerz, hoffte er vergeblich, wie mancher Andere gethan hätte, die ganze Sache durch eine gewaltsame Anstrengung von sich abwerfen zu können. Zu stolz, eine nähere Erklärung zu fordern oder zu erbitten, warf er sich auf einmal in den Strudel der großen Welt und war vierzehn Tage später der erklärte Liebhaber der herrschenden Schönen der Saison; und sobald die nöthigen Vorbereitungen getroffen worden waren, wurde er der Gatte einer schönen Figur, eines Paares glänzender, dunkler Augen und der runden Summe von hunderttausend Dollar; und Jedermann natürlich hielt ihn für glücklich.

Das junge Ehepaar befand sich noch in den Flitterwochen und hatte einen glänzenden Cirkel auf seiner Villa, in der Nähe des Lake Pontchartrain um sich versammelt, als ihm eines Tages ein Brief mit der ihm so wohl bekannten Handschrift gebracht wurde. Er wurde ihm übergeben, als er sich gerade in der vollen Fluth einer heitern, scherzenden Unterhaltung und in einem von Gästen angefüllten Salon befand. Beim Anblick der ihm so bekannten Handschrift wurde er leichenblaß, aber bewahrte doch noch so viel Fassung, daß er den scherzhaften Krieg, in welchem er mit einer Dame begriffen war, zu Ende führen konnte; und wenige Minuten später war er aus dem Kreise verschwunden. In seinem Zimmer, allein, öffnete er den Brief und las ihn, dessen Lesen jetzt mehr als nutzlos und überflüssig geworden war. Er war von ihr und gab eine lange Schilderung der Verfolgungen, denen sie von Seiten der Familie ihres Vormundes ausgesetzt gewesen war, um sie zu bestimmen, sich mit dem Sohne desselben zu verbinden; wie seit langer Zeit seine Briefe gänzlich ausgeblieben seien; wie sie wieder und immer wieder geschrieben habe, bis sie endlich zweifelhaft und dessen müde geworden sei; wie ihre Gesundheit von dieser inneren Unruhe gelitten habe und wie sie endlich den ganzen Betrug, der mit ihnen Beiden gespielt worden sei, entdeckt habe. Der Brief schloß mit Aeußerungen von Hoffnung und Dankbarkeit und Versicherungen ewiger Anhänglichkeit, die für den unglücklichen jungen Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr sofort darauf:

»Ich habe Ihr Schreiben erhalten, — aber zu spät. Ich glaubte Alles, was mir gesagt wurde; — ich war verzweifelt. Ich bin verheirathet, und Alles ist nun vorbei. Vergessen — ist das Einzige, was uns Beiden übrig bleibt.«

Und damit endet der ganze Roman in Augustin St. Clare's Leben. Aber das Wirkliche blieb ihm, — das Wirkliche, gleich dem Schlamme der Fluth, der, wenn die blaue, durchsichtige Welle mit ihrer ganzen Begleitung schwimmender Boote und weißbewimpelter Schiffe, und der Musik ihrer Ruder, verschwunden ist, nackt und baar da liegt, — entsetzlich wirklich.

In einer Novelle muß natürlich das Herz der Leute brechen, sie sterben, — und damit ist's aus; allein im wirklichen Leben sterben wir nicht gleich, wenn auch Alles um uns stirbt, was uns das Leben schön macht. Es bleibt da noch ein sehr wichtiger und geschäftiger Kreislauf übrig, der aus Essen, Trinken, Ankleiden, Besuche machen, Kaufen, Verkaufen, Sprechen, Lesen und allem Dem besteht, was man gewöhnlich unter »leben« versteht; und dieser Kreislauf blieb für Augustin übrig. Wäre seine Frau ein ganzes Weib gewesen, so hätte sie viel thun können, — wie ein Weib es kann, — um die zerrissenen Lebensfäden zu heilen, und sie wieder zu einem Gewebe von Glück zu verbinden. Allein Marie St. Clare konnte selbst nicht entdecken, daß sie gerissen waren. Wie vorher erwähnt, bestand sie aus nichts als einer schönen Gestalt, einem Paar reizender Augen und hunderttausend Dollaren; und keine dieser Eigenschaften war besonders dazu geeignet, einem wunden, kranken Geiste Linderung zu verschaffen.

Als Augustin, blaß wie der Tod, auf dem Sopha liegend gefunden wurde, und plötzlichen Kopfschmerz als Ursache seiner Verstörung vorschützte, empfahl sie ihm auf Hirschhorn zu riechen; und als die Blässe und die Kopfschmerzen eine Woche nach der andern wiederkehrten, sagte sie nur, daß sie nimmer geglaubt habe, daß Mr. St. Clare so kränklich sei; aber daß es scheine, er sei sehr mit Unwohlsein und Kopfschmerz behaftet, und daß dies für sie ein höchst unglücklicher Umstand sei, da er deshalb kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Gesellschaft zu gehen, und es für sie so sonderbar erscheine, so oft allein zu gehen, nachdem sie so kurze Zeit verheirathet seien. Augustin war froh im Herzen, daß er ein so wenig scharfsichtiges Frauenzimmer geheirathet hatte; allein als der Flitter und die Höflichkeiten der ersten Wochen vorüber waren, fing er an die Erfahrung zu machen, daß eine hübsche, junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nichts gethan hatte, als sich hätscheln und aufwarten lassen, eine recht gestrenge Herrin abgeben könne. Marie war nie irgend einer Art Zuneigung besonders fähig gewesen; hatte nie viel Gefühl besessen; und das Wenige, das sie besaß, war in die unergründlichste Selbstsucht zusammen geflossen. Von früher Jugend an war sie von Dienern umgeben gewesen, die keinen andern Lebenszweck kannten, als den, ihre Grillen und Launen zu studiren; und der Gedanke, daß diese Geschöpfe Gefühle oder Rechte haben könnten, war nie in ihrem Geiste in fernster Ferne aufgedämmert. Ihr Vater, dessen einziges Kind sie war, hatte ihr niemals etwas versagt, was im Bereiche menschlicher Möglichkeit lag; und als sie, schön, vollendet, eine Erbin, in das Leben eintrat, lagen natürlicher Weise alle Wählbaren und Nichtwählbaren des andern Geschlechts seufzend zu ihren Füßen, und sie hegte daher keinen Zweifel darüber, daß Augustin ein außerordentlich glücklicher Mann um deshalb zu nennen sei, daß er ihren Besitz erlangt habe. Es ist ein großer Irrthum, anzunehmen, daß ein Weib, welches selbst kein Herz besitzt, ein nachsichtiger Gläubiger im Austausche der Empfindungen sei. Es gibt auf Erden keinen unbarmherzigeren Erpresser von Liebe gegen Andere, als ein durchaus selbstsüchtiges Weib; und je unliebenswürdiger sie selbst wird, desto eifersüchtiger verlangt sie Liebe. Als St. Clare deshalb begann mit den kleinen Aufmerksamkeiten und Galanterien nachzulassen, die während der Dauer der ersten Werbungen eingeführt worden waren, fand er seine Sultana nichts weniger als geneigt, ihren Sklaven zu entlassen. Es folgten reichliche Thränen, Schmollen, kleine Stürme und Vorwürfe. St. Clare war gutmüthig und nachsichtig und suchte durch Geschenke und Schmeicheleien wieder gut zu machen; und als Marie Mutter einer schönen Tochter wurde, fühlte er wirklich eine Zeit lang eine Art Zärtlichkeit in sich rege werden.

St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlich hohem Geiste und reinem Charakter gewesen, und er gab deshalb diesem Kinde ihren Namen, in der süßen Hoffnung, daß es ein Nachbild derselben werden werde. Dieser Umstand wurde von seiner Frau mit eifersüchtigem Spotte gerügt, und selbst die hingebende Liebe des Vaters zum Kinde erweckte in ihr Mißtrauen und Unmuth, weil Alles, was dem Kinde zufloß, ihr in demselben Grade entzogen zu werden schien. Seit der Geburt des Kindes war ihre Gesundheit allmählig gesunken. Ein Leben von fortwährend geistiger und körperlicher Unthätigkeit, unaufhörliche Langeweile und Unzufriedenheit in Verbindung mit der gewöhnlichen Schwäche, welche das Mutterwerden zu Folge hat, verwandelten in wenigen Jahren die blühende, junge Schöne in eine gelbe, verwelkte, kränkliche Frau, die fortwährend an den verschiedenartigsten eingebildeten Krankheiten litt, und sich in jeder Beziehung als das am meisten gemißhandelte und leidende Wesen in der Natur ansah.

Da unter diesen Umständen die ganze häusliche Verwaltung in die Hände der Dienstboten fiel, so fühlte sich St. Clare in seiner Wirthschaft nichts weniger als behaglich. Seine einzige Tochter war außerordentlich zart und schwächlich, und er fürchtete, daß wenn dieselbe keine andere Aufsicht und Wartung genießen könne, ihre Gesundheit und sogar ihr Leben ein Opfer der mütterlichen Unthätigkeit werden könne. Er hatte sie mit sich auf eine Reise nach Vermont genommen, und dort seine Cousine, Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihm nach seiner südlichen Heimath zu gehen; und Beide sind gerade jetzt in dem Dampfboote, auf dem wir sie kennen gelernt haben, auf ihrer Reise dahin begriffen.

Und nun, während die fernen Dome und Thürme von New-Orleans vor unsern Blicken aufsteigen, haben wir gerade noch Zeit, die nähere Bekanntschaft Miß Ophelia's zu machen.

Wer die Staaten von Neu-England durchreist hat, wird sich vielleicht erinnern, in einem kühl belegenen Dorfe ein großes Farmgebäude wahrgenommen zu haben, dessen reingekehrter, grasiger Hof vom dichten Laubdache des Zuckerahorn's beschattet ist, und wird die Stille, Ordnung und durch nichts gestörte Ruhe bemerkt haben, die über dem Ganzen zu schweben scheint. Nichts ist hier in Unordnung, nichts geht hier verloren; nicht ein Pflock fehlt im Gartenzaune, und kein Strohhalm ist auf dem Rasen des Hofes zu sehen, auf dem dichte Gebüsche Hollunder unter den Fenstern des Gebäudes wachsen. Innerhalb desselben befinden sich große, weite Gemächer, in denen dieselbe Ruhe herrscht, wo Alles seinen streng angewiesenen Platz hat, und alle häuslichen Verrichtungen sich ebenso pünktlich reguliren, wie die alte, in der Ecke hängende Wanduhr. Im »Familienzimmer,« wie es genannt wird, steht der ernste, ehrwürdige, alte Bücherschrank, mit seinen Glasthüren, in welchem sich Rollin's Geschichte, Milton's verlorenes Paradies, Scott's Familien-Bibel, und viele andere, gleich ehrwürdige Bücher neben einander befinden. Dienstboten werden im Hause nicht gehalten; sondern die Dame in der weißen Mütze, mit der Brille, die jeden Nachmittag im Kreise ihrer Töchter, mit Nähen beschäftigt, sitzt, als wenn nie etwas von ihnen gethan worden wäre, oder überhaupt zu thun wäre, — sie und ihre Töchter hatten in einem lange vergessenen, früheren Theile des Tages »das Werk gethan,« der Fußboden der alten Küche war nie beschmutzt, nie waren Flecken da zu sehen; die Tische, Stühle, und die verschiedenen Küchengeräthschaften waren nie in Unordnung, obgleich täglich drei und zuweilen vier Mahlzeiten zubereitet, obgleich alles Waschen und Plätten der Familie dort vorgenommen wurde, und obgleich zahlreiche Pfunde Butter und Käse daselbst, in irgend einer geheimen, mysteriösen Weise ihre Existenz erlangten.

Auf solcher Farm, in solchem Hause, in solcher Familie hatte Miß Ophelia eine ruhige Existenz von ungefähr fünf und vierzig Jahren zugebracht, als ihr Vetter sie einlud, mit ihm nach seiner Besitzung im Süden zu gehen. Obgleich die Aelteste einer großen Familie, wurde sie von Vater und Mutter doch immer noch als eines der »Kinder« angesehen, und der Vorschlag, nach Orleans zu gehen, war für den ganzen Familienkreis ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Der alte, greise Vater holte Morse's Atlas aus dem Bücherschranke hervor und suchte mit Genauigkeit den Längen- und Breitegrad auf, und las Flint's Reisen im Süden und Westen, um eine klare Vorstellung von der klimatischen Beschaffenheit der dortigen Gegend zu erlangen. Die gute Mutter fragte ängstlich, »ob Orleans nicht ein sehr verderbter Ort sei,« und bemerkte, »daß es ihr nicht besser vorkäme, als nach den Sandwich-Inseln oder irgend einer andern heidnischen Gegend zu gehen.«

Es war beim Geistlichen, und beim Doktor, und in Miß Peabody's Putzmacherladen bekannt geworden, daß Ophelia St. Clare »davon spreche,« mit ihrem Vetter nach New-Orleans gehen zu wollen, und das ganze Dorf konnte natürlicher Weise nichts anderes thun, als in diesem wichtigen Prozesse des »Besprechens« behülflich zu sein. Der Geistliche, welcher sich stark zu abolistischen Ansichten hinneigte, hegte große Zweifel darüber, ob ein solcher Schritt nicht dahin führen könne, die Südländer in ihrem Festhalten an dem Sklavensysteme zu bestärken; während der Doktor sich mehr für die Ansicht bestimmte, daß Miß Ophelia gehen sollte, um den Einwohnern von Orleans zu zeigen, daß die Bewohner der nördlichen Staaten dennoch nicht so schlimm von ihnen dächten. Als nun aber der Umstand, daß sie sich wirklich entschlossen hatte zu gehen, vollständig und allgemein bekannt geworden war, wurde sie vierzehn Tage lang bei allen ihren Freunden und Nachbarn feierlichst zum Thee eingeladen, wo dann eine gehörige Prüfung und Besprechung aller ihrer Pläne und Aussichten statt fand. Miß Moseley, welche das Haus zu besuchen pflegte, um bei der Anfertigung und Ausbesserung der Kleidungsstücke für die Familie Hülfe zu leisten, verlangte täglich neue und wichtige Aufschlüsse über die Beschaffenheit der für Miß Ophelia ausgestatteten Garderobe. Es war glaubwürdig in Erfahrung gebracht worden, daß Squire St. Clare, ihr Vater, fünfzig Dollar abgezählt und Miß Ophelien mit dem Auftrage gegeben hatte, sich dafür anzuschaffen, was sie für zweckmäßig erachte; und daß zwei neue seidene Kleider, nebst einem Hute, von Boston verschrieben worden seien. Ueber die Angemessenheit einer so bedeutenden Ausgabe war die öffentliche Meinung sehr getheilt, indem Einige der Ansicht waren, daß es wohl erlaubt sei, so etwas einmal im Leben zu thun, wogegen Andere behaupteten, daß es zweckmäßiger gewesen wäre, das Geld den Missionären zuzusenden. Alle indessen waren darin einverstanden, daß ein solcher Sonnenschirm, wie der von New-York gesandte war, noch nie in dem Theile Amerikas gesehen worden sei; und daß Miß Ophelia einen seidenen Anzug besitze, der, was auch immer über sie selbst gesagt werden möge, entschieden allein stehen könne. Es ging auch ein Gerücht von gestickten Taschentüchern, und Einige gingen sogar so weit, von einem mit Spitzen besetzten Tuche derselben Art zu sprechen, — allein dieser Umstand ist nie gehörig ins Licht gesetzt worden und bleibt deshalb bis jetzt noch unentschieden.

Miß Ophelia, wie Du sie jetzt siehst, lieber Leser, steht in einem glänzenden, braunen, leinenen Reisekleide vor Dir, groß, stark gebaut, und eckig. Ihr Gesicht war mager, und hatte scharfe Züge; ihre Lippen waren eng geschlossen, wie die einer Person, welche gewohnt ist, in allen Verhältnissen entschiedener Meinung zu sein, während ihre scharfen, dunklen Augen einen besonders prüfenden, bedächtigen Ausdruck hatten.

Alle ihre Bewegungen waren scharf, entschieden und energisch; und obgleich man sie nie viel sprechen hörte, so waren ihre Aeußerungen doch stets passend und treffend, sobald sie sprach. In ihren Gewohnheiten war sie eine lebendige Versinnlichung von Ordnung und Genauigkeit. In Bezug auf Pünktlichkeit war sie so zuverlässig wie eine Wanduhr, und so unerbittlich wie eine Lokomotive; und Alles, was dem zuwider war, erschien ihr als ein Gegenstand der tiefsten Verachtung.

Die größte Sünde aller Sünden, in ihren Augen, — die Summe aller Uebel — drückte sie durch ein in ihrem Wörterbuche sehr gewöhnliches und sehr bedeutungsvolles Wort aus: — »Zwecklosigkeit.« Der Ausdruck ihrer tiefsten Verachtung bestand in einer sehr nachdrücklichen Betonung des Wortes »zwecklos;« worunter sie jede Art von Handlungsweise verstand, welche nicht in directer Beziehung zu dem Streben nach einem bestimmt vorgesteckten Ziele und dessen Erreichung stand. Leute, welche nichts thaten, oder sich nicht deutlich dessen bewußt waren, was sie thaten oder thun sollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung ihrer Zwecke einschlugen, waren Gegenstände ihrer völligen Verachtung, die sie seltener durch Worte als durch eine Art steinernen Grimmes ausdrückte, als halte sie es nicht der Mühe werth, irgend etwas darüber zu sagen.

Was intellektuelle Ausbildung betraf, so besaß sie einen klaren, kräftigen, thätigen Geist, war gründlich belesen in Geschichte und den älteren englischen Klassikern, und dachte mit großer Schärfe innerhalb gewisser, enger Gränzen. Ihre theologischen Grundsätze waren alle fertig, mit deutlicher Ueberschrift versehen, und auf die Seite gelegt grade so wie die Bündel in ihrem Flickenkasten. So und so viel waren es an der Zahl, und durften nie mehr werden. Von derselben Beschaffenheit waren meistentheils ihre Ideen über Gegenstände des praktischen Lebens, wie Haushaltung in allen ihren Zweigen, und die verschiedenen politischen Verhältnisse ihres Geburtsdorfes. Und allem diesem lag tiefer und breiter als irgend ein anderes Gefühl das stärkste Princip ihrer ganzen Existenz — Gewissenhaftigkeit zu Grunde. Sie war die absolute Sklavin des Wortes »muß.« Sobald sie sich einmal überzeugt hatte, daß der Weg der Pflicht, wie sie es gewöhnlich nannte, in einer bestimmten Richtung liege, so konnte sie weder Feuer noch Wasser davon zurückhalten. Sie würde geraden Weg's in einen Brunnen oder auf den Mund einer geladenen Kanone zu gegangen sein, wenn sie dessen gewiß gewesen wäre, daß der Weg der Pflicht in dieser Richtung liege. Die Fahne des Rechten stand bei ihr so hoch, war so allumfassend, und hatte so wenig Nachsicht mit menschlicher Gebrechlichkeit, daß, obgleich sie mit heroischem Muthe darnach strebte, sie zu erreichen, es ihr dennoch nie wirklich gelang, und sie deshalb fortwährend von dem quälenden Gefühle der Ohnmacht gedrückt war, was einen ernsten und zuweilen düstern Schatten über ihren religiösen Charakter warf.

Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare gehen? — dem fröhlichen, leichten, unpünktlichen, unpraktischen, ungläubigen jungen Manne, der ihre heiligsten Gewohnheiten und Meinungen mit leichter, unverschämter Freiheit behandelte?

Um denn die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein Knabe war, hatte es ihr obgelegen, ihm den Katechismus zu lehren, seine Kleider auszubessern, sein Haar zu kämmen, und ihn im Allgemeinen für den Weg zu erziehen, den er gehen sollte: und da ihr Herz warmes Gefühl besaß, so hatte Augustin, wie er es gewöhnlich mit den Leuten machte, einen bedeutenden Theil davon für sich selbst in Anspruch genommen, und fand deshalb jetzt keine große Schwierigkeit, sie davon zu überzeugen, daß »der Weg der Pflicht« in der Richtung nach New-Orleans liege, und daß sie mit ihm gehen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen, und seine ganze Wirthschaft dagegen zu wahren, daß sie nicht während der fortwährenden Krankheit seiner Frau gänzlich zu Grunde gehe. Die Idee eines Haushaltes ohne Aufsicht darin ging ihr zu Herzen; und dann liebte sie das liebenswürdige kleine Mädchen, wie es fast alle thun mußten; und obgleich sie Augustin selbst als einen halben Heiden ansah, so liebte sie ihn dennoch, lachte über seine Scherze und ertrug seine Fehler mit einer Gelassenheit, welche Diejenigen, die ihn kannten, für unmöglich hielten. Allein was weiter über Miß Ophelia zu hören und zu lernen ist, muß der Leser in einer persönlichen Bekanntschaft mit ihr selbst entdecken.

Dort sitzt sie nun in ihrem Staatszimmer, umgeben von einer bunten Menge großer und kleiner Reisetaschen, Kisten und Körben, die sie mit großem Ernste zusammen bindet und zu befestigen sucht.

»Nun, Eva, hast Du Deine Sachen in Ordnung? Natürlich nicht, — wie Kinder immer. Da ist die gefleckte Reisetasche und die kleine blaue Bandschachtel mit Deiner besten Haube, — das sind zwei; und hier die Bücherkiste, sind drei; und meine Wachs- und Nadelschachtel, sind vier; und meine Bandschachtel, fünf; und meine Kragenschachtel, sechs; und der kleine Koffer dort, sieben. Was hast Du mit Deinem Sonnenschirm gemacht? Gieb ihn mir, ich will ihn in Papier einwickeln, und mit meinem Regenschirm und Parasol zusammenbinden; — so, nun ist's recht.«

»Aber, Tante, wir gehen ja nur nach Hause, — wozu denn das?« fragte Eva.

»Um sie in gutem Stande zu erhalten, Kind. Man muß seine Sachen in Acht nehmen, wenn man je was haben will. Hast Du Deinen Fingerhut nicht eingepackt, Eva?«

»Ich weiß wahrlich nicht, Tante.«

»Gut, laß mich Deinen Nähkasten übersehen; Fingerhut, Wachs, Scheere, Rollen, Messer, — richtig. Stelle ihn hier hinein. Was hast Du denn nur gemacht, Kind, wenn Du mit Deinem Papa allein gereist bist? Ich sollte denken, Du müßtest Alles verloren haben.«

»Ja, Tante, ich habe freilich viele Sachen verloren; aber wenn wir irgendwo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was mir fehlte.«

»Gott sei uns gnädig, Kind, was ist das für ein Weg?«

»Es war ein sehr bequemer Weg, Tante,« sagte Eva.

»Ein schrecklich zweckloser,« entgegnete die Tante.

»Was willst Du denn nun thun, Tante?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu voll, um zugemacht werden zu können.«

»Er muß zugemacht werden,« sagte die Tante mit einer Generalsmiene, während sie die Sachen hinein drückte, und auf den Deckel sprang; allein dessen ungeachtet blieb eine kleine Oeffnung des Koffers sichtbar.

»Spring hier herauf, Eva!« rief Miß Ophelia muthig; »was gethan worden ist, muß wieder gethan werden können: der Koffer muß sich schließen lassen.«

Und der Koffer, ohne Zweifel erschreckt durch diese entschlossene Willenserklärung gab nach, das Schloß schnappte ein, und Miß Ophelia steckte triumphirend den Schlüssel in die Tasche.

»Jetzt sind wir fertig. Wo ist Dein Papa? Ich denke, es ist Zeit, daß das Gepäck hinauf gebracht werde. Sieh' zu, Eva, suche Deinen Papa.«

»O ja, ich weiß, er ist am andern Ende der Herrenkajüte; und ißt eine Orange.«

»Er wird es nicht wissen, wie nahe wir der Landung sind,« sagte die Tante; »wäre es nicht besser, wenn Du zu ihm liefest, und es ihm sagtest?«

»Papa ist nie in großer Eile,« bemerkte Eva, »und wir sind ja noch nicht am Ufer. Komme hier an das Geländer, Tante! Sieh', dort ist unser Haus, jene Straße dort hinauf!«

Jetzt begann das Dampfboot, gleich einem müden Ungeheuer, sich mit schwerem Stöhnen langsam zwischen die übrigen Fahrzeuge der levée hinein zu schieben, während Eva fröhlich die verschiedenen Thurmspitzen, Kuppeln und sonstigen Zeichen aufsuchte, an denen sie ihre Geburtsstadt erkannte.

»Ja, ja, liebes Kind; ist Alles sehr schön,« sagte Miß Ophelia; »aber, Himmel, das Boot hält schon an, wo ist denn nur Dein Vater?«

Und nun folgte die gewöhnliche Unruhe des Landens: — Kellner flogen hin und wieder, Träger schleppten Koffer, Kisten und Reisetaschen, Frauen riefen ängstlich nach ihren Kindern, und Alles drängte sich in dichter Menge dem Orte des Aussteigens zu.

Miß Ophelia ließ sich entschlossen auf den eben erst besiegten Koffer nieder, stellte alle ihre Kisten und Schachteln in militärischer Ordnung auf, und schien festen Willens zu sein, diese bis zum letzten Augenblicke zu vertheidigen.

»Soll ich diesen Koffer nehmen, Madame?« — »Soll ich Ihr Gepäck tragen? — Erlauben Sie mir Ihre Effekten zu befördern, Missis?« — regnete es unaufhörlich auf sie nieder. Allein sie saß mit grimmiger Entschlossenheit da, aufrecht wie eine Stopfnadel in einem Nähkissen, hielt ihr Bündel von Regen- und Sonnenschirmen fest an sich, und antwortete mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst Lastträger sich dadurch einschüchtern ließen, während sie von Zeit zu Zeit gegen Eva ihrer Unruhe und Verwunderung in wiederholten Ausrufungen Luft machte, wie: »wo in aller Welt nur ihr Vater sein könne! er werde doch nicht über Bord gefallen sein, — aber irgend Etwas müsse geschehen sein!« und grade als ihre Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, kam er in seiner gewöhnlichen sorglosen Weise daher geschlendert, gab Eva einen Theil der Orange, welche er verzehrte, und sagte:

»Nun, Cousine Vermont, Du bist wohl schon ganz fertig?«

»Ich bin fertig und warte schon seit beinahe einer Stunde,« sagte Miß Ophelia; »ich fing an, wirklich unruhig um Dich zu werden.«

»Da, das ist ein gescheidter Bursche!« sagte er. »Der Wagen wartet auf uns. Nun kann man doch anständig und christlich an's Land gehen, ohne hin und her gestoßen zu werden. Hier,« fügte er zu einem hinter ihm stehenden Träger gewendet hinzu: »Nehmt diese Sachen!«

»Ich will mitgehen, und sehen, daß sie richtig aufgepackt werden,« bemerkte Miß Ophelia.

»Ah was, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.

»Gut, so will ich wenigstens dies hier, und das, und das tragen,« entgegnete Ophelia, indem sie drei kleine Kisten und eine Reisetasche aussuchte.

»Meine liebe Miß Vermont, Du mußt nicht über die »grünen Berge« so zu uns kommen; Du mußt wenigstens etwas von unsern südlichen Maximen annehmen, und nicht unter einer solchen Last gehen. Man wird Dich für ein Kammermädchen halten. Gib die Sachen diesem Manne hier, er wird sie aufladen, als wenn es Eier wären.«

Miß Ophelia sah verzweiflungsvoll zu, als ihr Vetter ihr alle ihre Schätze abnahm, und war endlich froh, sich wieder vereint mit ihnen, und ohne daß sie Schaden gelitten hatten, im Wagen zu befinden.

»Wo ist Tom?« fragte Eva.

»Er sitzt auf dem Bocke, Kätzchen. Ich will Tom der Mutter als ein Sühnopfer für den betrunkenen Burschen bringen, der neulich den Wagen umwerfen ließ.«

»O, Tom wird gewiß ein vortrefflicher Kutscher sein,« sagte Eva, »er wird sich nie betrinken.«

Der Wagen hielt vor einem alten, herrschaftlichen Gebäude an, welches in jenem sonderbar gemischtem, halb spanischem, halb französischen Style gebaut war, der jetzt noch in einzelnen Häusern zu New-Orleans zu finden ist. Es war im maurischen Geschmacke errichtet, und bildete ein Viereck, welches einen Hof umschloß, in welchen der Wagen durch ein gewölbtes Portal einfuhr. Die Einrichtung des Hofes war üppig und malerisch. Weite Galerien liefen an den vier Seiten des Gebäudes entlang, deren gewölbte Bogen, schlanke Säulen und Arabesken den Geist, wie im Traume, in die Zeit der Herrschaft des Orients in Spanien zurück trugen. In der Mitte des Hofes warf ein Springbrunnen seine silbernen Wasserstrahlen hoch in die Luft, und ließ sie sodann unter ewigem Schaume in ein Marmorbecken zurückfallen, dessen Rand mit einem dichten Kranze blühender Veilchen umgeben war. Das Wasser in dem Springbrunnen, klar wie Krystall, war von Myriaden Gold- und Silberfischen belebt, die gleich eben so vielen lebendigen Juwelen darin hin- und herschossen. Rings um den Brunnen lief ein Fußweg mit einem in Mosaik gelegten Pflaster; und dieser war wieder vom sanftesten, grünen Rasen eingefaßt, während ein Fahrweg die ganze Anlage umschloß. Zwei große Orangenbäume, grade jetzt blühend, warfen einen köstlichen Schatten; und rings umher, auf dem Rasen, standen in einem Halbkreise zahlreiche Marmorvasen, welche die seltensten tropischen Pflanzen enthielten. Riesige Granatenbäume, mit ihren glänzenden Blättern und feuerfarbigen Blüthen, dunkelblätteriger arabischer Jasmin, Geranium und Rosenbäume, die sich unter der Last ihres Blüthenüberflusses senkten, — Alles vereinte hier Blüthenpracht und Duft, während hie und da eine geheimnißvolle, alte Aloe, mit ihren sonderbaren, schweren Blättern, gleich einem alten, greisen Zauberer, unter Blüthen und Duft von vergänglicherer Natur saß.

Als der Wagen hineinfuhr, schien Eva im wilden Eifer ihrer Freude gleich einem Vogel aus dem Käfig fliegen zu wollen.

»O, ist sie nicht schön, reizend, meine liebe, theure Heimath?« sagte sie zu Miß Ophelia. »Ist es nicht wunderschön hier?«

»Es ist hier sehr schön,« sagte Ophelia, während sie ausstieg, »aber es kommt mir beinahe etwas alt und heidnisch vor.«

Tom stieg vom Wagen ab, und schaute sich mit einer Miene stiller, stummer Verwunderung um. Der Neger ist, wie bekannt, ein exotisches Erzeugniß der üppigsten Gegenden der Erde, und trägt deshalb in seinem Herzen eine tiefwurzelnde Neigung für alles Prächtige, Ueppige, die Phantasie Ansprechende, — eine Neigung, die, wenn sie bei einem ungeregelten Geschmacke ihren natürlichen, wilden Lauf verfolgt, dem kälteren, gebildeteren weißen Geschlechte lächerlich erscheint.

St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Wollüstling war, lächelte über Miß Ophelias Bemerkung, und wandte sich zu Tom um, dessen schwarzes Gesicht vor Staunen und Wonne förmlich strahlte, indem er zu ihm sagte:

»Tom, mein Junge, das scheint Dir zu gefallen.«

»Ja, Master,« sagte Tom, »das ist das Rechte!«

Alles dies geschah in einem Augenblicke, während das Abladen des Gepäckes vor sich ging, der Lohnfuhrmann bezahlt wurde, und eine Menge von Männern, Weibern und Kindern, von jedem Alter und jeder Größe, durch die Gallerien von allen Richtungen herbei gelaufen kamen, um Master ankommen zu sehen. An der Spitze von Allen stand ein junger Mulatte in sehr stattlicher Kleidung, augenscheinlich eine Person distinguée, anmuthig sein parfümirtes weißes Taschentuch in der Hand wehend.

Diese Person war eifrigst bemüht, den ganzen Schwarm von Dienstboten bis an das äußerste Ende der Veranda zurückzudrängen.

»Zurück! Ihr Alle hier. Ich schäme mich Eurer,« sagte er in einem Tone großer Autorität. »Wollt Ihr Euch in Masters häusliche Verhältnisse in der ersten Stunde seiner Ankunft eindrängen?«

Alle wurden verlegen bei dieser eleganten Rede, die mit wichtiger Miene gehalten wurde, und blieben zusammengedrängt in ehrerbietiger Entfernung stehen.

In Gemäßheit von Mr. Adolph's systematischer Anordnung befand sich, als St. Clare sich nach der Bezahlung des Fuhrmanns umwandte, Niemand vor ihm, als Mr. Adolph selbst, in glänzender, seidener Weste, mit goldener Kette und weißen Beinkleidern, und in tiefen, unaussprechlich anmuthigen Verbeugungen begriffen.

»Ah, Adolph, bist Du es?« sagte sein Herr, ihm die Hand entgegen streckend; »was machst Du, mein Junge?« während Adolph mit großer Geläufigkeit eine improvisirte Bewillkommnungsrede hielt, die er mit großer Mühe seit vierzehn Tagen einstudirt hatte.

»Schon gut, schon gut,« sagte St. Clare, während er mit seiner gewöhnlichen Miene nachlässigen Scherzes weiter ging, »hast das vortrefflich gemacht, Adolph. Sieh' nach dem Gepäck, daß es richtig herein gebracht wird; ich werde gleich bei den Leuten sein.«

So sagend, führte er Miß Ophelia in ein großes Zimmer, welches sich an der Seite der Veranda befand.

Während dies vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Halle und das Zimmer nach einem kleinen Kabinette geflogen, welches ebenfalls einen Ausgang auf die Veranda hatte. Eine große, bleiche Frau, mit dunklen Augen, richtete sich bei Eva's Eintritt halb vom Sopha auf, auf dem sie lag.

»Mamma!« rief Eva, sich in einer Art Entzücken um ihren Hals werfend, und sie wieder und immer wieder umarmend.

»Laß gut sein, — nimm Dich in Acht, Kind, — mache mir keine Kopfschmerzen!« sagte die Mutter, nachdem sie sie matt geküßt hatte.

St. Clare kam herein, umarmte seine Frau in ächt orthodoxer, ehemännlicher Weise, und stellte ihr sodann seine Cousine vor. Marie schlug ihre großen Augen zu Miß Ophelia mit einem Ausdrucke von Neugierde auf, und empfing sie mit schlaffer Höflichkeit. Ein Schwarm von Dienstboten drängte sich jetzt um die Thür, an deren Spitze ein Mulattenweib von mittleren Jahren und sehr ehrbarem Aeußeren bebend vor Freude und Erwartung stand.

»O, da ist Mammy!« rief Eva, während sie durch das Zimmer flog, sich um ihren Hals warf und sie wiederholt küßte.

Dieses Weib sagte nicht zu ihr, daß sie ihr Kopfschmerz verursache, sondern liebkoste das Kind vielmehr, und lachte und weinte, bis beinahe die Gesundheit ihres Verstandes in Zweifel zu ziehen war; und nachdem sich Eva von ihr losgemacht hatte, flog sie von Einem zum Andern, die Hand schüttelnd oder küssend, so daß Miß Ophelia, wie sie später versicherte, einen inneren Schauder dabei empfand.

»In der That!« sagte Miß Ophelia, »Ihr südlichen Kinder könnt Etwas, das mir nicht möglich wäre.«

»Bitte, was denn?« sagte St. Clare.

»Nun, ich bin gern freundlich gegen Jedermann, und möchte Niemanden beleidigen, — aber küssen —«

»Nigger küssen,« sagte St. Clare, »das wärest Du nicht im Stande, — he?«

»Nein, das wäre ich nicht im Stande! — Wie kann sie es nur thun?« St. Clare lachte, und ging der Vorhalle zu.

»Hallo! hier! Was gibt 's hier auszuzahlen? Hier, Ihr Alle, — Mammy, Jimmy, Polly, Sucky, — freut Ihr Euch, Master zu sehen?« sagte er, während er von Einem zum Andern ging, und Jedem die Hand schüttelte. »Nehmt Eure Kinder in Acht!« fügte er hinzu, als er über einen kleinen schwarzen Zwerg stolperte, der auf allen Vieren umher kroch. »Wenn ich auf eins trete, müssen sie 's mir sagen.«

Lachen und Frohsinn herrschte unter den Leuten, und reichliche Danksagungen flossen von ihren Lippen, während St. Clare kleine Münze unter sie vertheilte.

»Und nun geht, Kinder, und seid gute Jungens und Dirnen,« sagte St. Clare, worauf sich die ganze Gesellschaft durch eine nach der Veranda führende Thür entfernte, wohin ihnen Eva mit einer großen Schachtel folgte, die sie während ihrer ganzen Heimreise durch allmählige Sammlungen von Aepfeln, Nüssen, Zuckerwerk, Band, Spitzen und Spielwerk aller Arten gefüllt hatte.

Als St. Clare sich umwandte, um in das Zimmer zurückzugehen, fiel sein Blick auf Tom, der unruhig und ängstlich, und von einem Fuße auf den andern tretend dastand, während Adolph, nachlässig gegen die Wand gelehnt, ihn durch ein Opernglas und mit einer Miene beobachtete, die dem besten Stutzer Ehre gemacht haben würde.

»Pfui, Du Affe!« sagte sein Herr, ihm das Opernglas aus der Hand schlagend; »ist das die Art und Weise, wie Du Deines Gleichen behandelst — Es scheint mir, Dolph,« fügte er hinzu, indem er seinen Finger auf die elegante Weste legte, mit der sich Adolph brüstete, — »es scheint mir, dies ist meine Weste.«

»O Master! diese Weste ist ja ganz voll von Weinflecken! — natürlich, ein Herr von Masters Range wird nie eine solche Weste tragen. Ich dachte, ich dürfte sie nehmen; — ist für einen armen Nigger, wie ich bin, noch gut genug.«

Und Adolph warf seinen Kopf in die Höhe und strich seine Finger mit vieler Grazie durch sein parfümirtes Haar.

»So, das ist also der Grund, — wirklich?« sagte St. Clare nachlässig. »Gut, ich will hier Tom seiner Herrin zeigen und dann bringst Du ihn hinunter in die Küche; und ich rathe Dir, daß Du Dir nicht einfallen läßt, eine von Deinen gewöhnlichen Mienen gegen ihn anzunehmen. Er ist mehr werth als zwei solche Affen, wie Du bist.«

»Master will immer seinen Scherz haben,« sagte Adolph lachend. »Ich bin entzückt, Master in so guter Laune zu sehen.«

»Hier, Tom,« sagte St. Clare, ihn zu sich winkend.

Tom trat in das Zimmer und blickte scheu auf die sammetnen Teppiche und den nie zuvor geahnten Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und Gardinen, und, gleich der Königin Sheba vor Salomon, war kein Muth in ihm. Er fürchtete sich sogar, seinen Fuß niederzusetzen.

»Sieh' hier, Marie,« sagte St. Clare zu seiner Frau, »ich habe Dir endlich einen Kutscher gekauft, wie Du ihn haben willst. Ich versichere Dich, was Farbe und Nüchternheit anbetrifft, so ist er ein wahrer Leichenwagen, und wird Dich fahren, wie auf einem Begräbniß, wenn Du es verlangst. Oeffne Deine Augen und schau' ihn an; und sage nun nicht wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich entfernt bin.«

Marie öffnete ihre Augen und richtete sie auf Tom, ohne sich zu erheben.

»Ich weiß, er wird sich betrinken,« sagte sie.

»Nein, er ist verbürgt als ein frommer und nüchterner Artikel,« entgegnete St. Clare.

»Wohl, ich hoffe, daß er sich so zeigen möge, obgleich es mehr ist, als ich erwarte,« sagte die Dame, sich umwendend.

»Dolph!« rief St. Clare, »bringe Tom die Treppe hinunter und nimm Dich in Acht; denke an das, was ich Dir gesagt habe.«

Adolph trippelte graziös voran, und Tom folgte ihm mit schwerem Tritte.

»Es ist ein förmlicher Behemoth!« bemerkte Marie.

»Komm' nun, Marie,« sagte St. Clare, sich auf einen niedrigen Stuhl neben dem Sopha setzend, »sei gnädig und sag' Einem etwas Angenehmes.«

»Ja, — Du bist vierzehn Tage über die Zeit ausgeblieben,« sagte die Dame schmollend.

»Nun ja, ich schrieb Dir ja die Ursache davon.«

»So einen kurzen, kalten Brief!« bemerkte die Dame.

»Mein Gott! Die Post ging grade ab, und ich mußte das abschicken oder nichts.«

»Ja, das ist immer so,« sagte die Dame; »da ist immer Etwas, was Deine Reisen lang und Deine Briefe kurz macht.«

»Nun, sieh' hier!« rief St. Clare, ein elegantes Sammetkästchen aus seiner Tasche hervorziehend und es öffnend. »Hier habe ich Dir ein Geschenk von New-York mitgebracht.«

Es war ein Daguerreotyp-Gemälde, welches Eva mit ihrem Vater, Beide Hand in Hand bei einander sitzend, darstellte.

Marie sah es mit unzufriedener Miene an.

»Wie konntest Du nur eine so unpassende Stellung wählen?« sagte sie nur.

»Nun, was die Stellung betrifft, so kommt das auf Ansicht an; aber was hältst Du von der Aehnlichkeit?«

»Wenn Dir meine Meinung in einem Falle nichts gilt, so glaube ich, wird sie Dir auch in einem andern nichts gelten,« sagte sie, das Kästchen zuschlagend.

»Sollst hängen, Weib!« sagte St. Clare im Stillen zu sich; aber laut fügte er hinzu: »Komm' nun, Marie, was denkst Du von der Aehnlichkeit? Sei doch nicht thöricht!«

»Es ist sehr rücksichtslos von Dir, St. Clare,« sagte die Dame, »daß Du mich zwingen willst, zu sprechen und Dinge zu betrachten. Du weißt, daß ich den ganzen Tag die heftigsten Kopfschmerzen gehabt habe; und seit Du gekommen bist, hat fortwährend ein solcher Tumult stattgefunden, daß ich halb todt bin.«

»Sie leiden an Kopfschmerz, Madame!« sagte Miß Ophelia, plötzlich aus den Tiefen ihres Armstuhles sich erhebend, wo sie bis dahin ruhig gesessen und ein Inventarium der Mobilien aufgenommen, und die dafür gemachten Ausgaben im Stillen veranschlagt hatte.

»Ja, ich bin ein förmliches Opfer derselben,« entgegnete Marie.

»Thee von Wachholderbeeren ist ein sehr gutes Mittel dagegen,« sagte Miß Ophelia; »wenigstens pflegte Auguste, die Frau des Diakonus Abraham Perry, so zu sagen, und sie war eine sehr geschickte Krankenpflegerin.«

»Gut, so will ich die ersten Wachholderbeeren, die in meinem Garten am See reif werden, zu diesem Zwecke holen lassen,« sagte St. Clare, während er mit ernstester Miene die Glocke zog; »allein, Cousine, Du bist jedenfalls ermüdet und sehnst Dich nach Deinem Zimmer, um Dich von der Reise auszuruhen. — Dolph,« fügte er hinzu, »sage Mammy, sie solle hierher kommen.«

Das ehrbare Mulattenweib, welches von Eva so leidenschaftlich geliebkost worden war, trat gleich darauf ein. Sie war reinlich gekleidet und trug auf dem Kopfe einen hohen Turban von gelber und rother Farbe, ein Geschenk von Eva, den das Kind selbst auf ihrem Kopfe arrangirt hatte.

»Mammy,« sagte St. Clare, »ich vertraue diese Dame Deiner Sorge an; sie ist müde und bedarf Ruhe. Bringe sie nach ihrem Zimmer, und sorge für jede Bequemlichkeit.«

Nach diesen Worten verschwanden Mammy und Miß Ophelia.