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Onkel Tom's Hütte

Chapter 6: Sechszehntes Kapitel. Tom's Mistreß und ihre Ansichten.
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About This Book

The narrative portrays the lives of enslaved people, their families, and the buyers and sellers who profit from the institution, tracing the emotional and moral toll of forced separation, legal commerce in human beings, and quotidian cruelties. Through interwoven episodes and courtroom and auction scenes, it contrasts religious conviction and conscience with profit-driven indifference, examines the rhetoric of benevolence versus brutality, and highlights the spiritual endurance and moral claims of the oppressed. The work combines sentimental storytelling, moral argument, and social critique to expose institutional injustice and to explore personal sacrifice, faith, and the consequences of complicity.

Sechszehntes Kapitel.
Tom's Mistreß und ihre Ansichten.

»Und nun, Marie,« sagte St. Clare, »fangen Deine goldenen Tage an. Hier ist unsere praktische, geschäftskundige Muhme von Neu-England, die die ganze Last der Sorgen auf ihre Schultern nehmen und Dir Zeit geben will, Dich zu erholen und wieder jung und hübsch zu werden. Die Ceremonie der Schlüsselübergabe wäre am besten gleich abgemacht.«

Diese Bemerkung wurde beim Frühstücke, wenige Tage nach Opheliens Ankunft, gemacht.

»Mir sehr willkommen,« sagte Marie, ihren Kopf matt in die Hand legend. »Ich bin gewiß, daß, wenn sie's thut, sie hier eine Erfahrung machen wird, nämlich, daß wir Mistresses die Sklavinnen sind.«

»O, ohne Zweifel wird sie das entdecken, und eine Welt nützlicher Wahrheiten außerdem,« sagte St. Clare.

»Sprich nur von unserm Sklavenhalten,« erwiederte Marie, »als wenn wir es zu unserer Bequemlichkeit thäten. Wenn wir die zu Rath zögen, so könnten wir sie alle auf einmal gehen lassen.«

Eva heftete ihre großen Augen ernst und verwundert auf ihre Mutter, und sagte nur: »Warum hältst Du sie denn, Mamma?«

»Ich weiß es wirklich nicht, ausgenommen, um eine Plage zu haben, denn sie sind die Qual meines Lebens. Ich glaube fest, daß meine Krankheit mehr von ihnen, als irgend einem andern Grunde herrührt; und unsere sind die schlimmsten, die je einen Menschen geplagt haben.«

»O Marie, nicht doch! Du hast wieder Deine üble Laune diesen Morgen,« sagte St. Clare. »Du weißt, es ist nicht so. Da ist Mammy; die beste Kreatur der Welt; — was würdest Du ohne sie anfangen?«

»Mammy ist die beste von Allen, die ich je gekannt habe,« sagte Marie; — »und doch ist auch sie sogar selbstsüchtig, — schrecklich selbstsüchtig; das ist der Fehler des ganzen Geschlechts.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler!« sagte St. Clare ganz ernsthaft.

»Nun mit Mammy,« fuhr Marie fort, — »ich denke, es ist schrecklich selbstsüchtig von ihr, daß sie des Nachts so fest schläft. Sie weiß, daß ich fast alle Stunden Etwas nöthig habe, — wenn grade meine Anfälle am schlimmsten sind, — und doch ist sie so schwer zu erwecken. Ich bin diesen Morgen entschieden viel kränker nur von den Anstrengungen, die ich diese Nacht gehabt habe, sie zu erwecken.«

»Hat sie nicht kürzlich viele ganze Nächte bei Dir gewacht, Mamma?« fragte Eva.

»Woher weißt Du das?« sagte Marie in scharfem Tone. »Sie hat sich wohl beklagt?«

»Sie beklagte sich nicht; sie erzählte mir nur, was für böse Nächte Du gehabt habest, — so viele hinter einander.«

»Warum läßt Du nicht Jane oder Rosa eine oder zwei Nächte an ihrer Stelle wachen, und sie sich ausruhen?« sagte St. Clare.

»Wie kannst Du nur so Etwas sagen?« entgegnete Marie. »Wirklich, St. Clare, Du bist rücksichtslos. Bei meiner großen Nervenschwäche stört mich der leiseste Hauch, und wenn ich gar eine fremde Hand um mich haben sollte, so würde es mich vollständig wahnsinnig machen. Wenn Mammy so viel Anhänglichkeit für mich hätte, als sie haben sollte, so würde sie leichter aufwachen. Ich habe von Leuten gehört, die so aufmerksame und ergebene Dienstboten hatten, aber mir selbst ist das Glück nie zu Theil geworden,« fügte Marie seufzend hinzu.

Miß Ophelia hatte dieser Unterhaltung mit einer Art schlauen, beobachtenden Ernstes zugehört, und hielt ihre Lippen immer noch dicht geschlossen, als sei sie festen Willens, den Längen- und Breitengrad ihrer dortigen Stellung genau zu untersuchen, ehe sie sich selbst hören lasse.

»Es ist wahr, Mammy hat eine gute Seite,« fuhr Marie fort; »sie ist sanft und bescheiden, aber im Herzen ist sie selbstsüchtig. So zum Beispiel wird sie nie aufhören, mich wegen ihres alten Mannes zu plagen und zu quälen. Als ich nämlich mich verheirathete und hierher zog, mußte ich sie natürlich mit mir nehmen, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Hufschmied und also unentbehrlich; und ich dachte und sagt's ihnen damals, daß sie am besten thäten, einander ganz aufzugeben, da es sich doch schwerlich für sie passen würde, jemals wieder zusammenzuleben. Ich wollte, ich hätte damals darauf bestanden, und Mammy an irgend einen Andern verheirathet; allein ich war thöricht und zu nachgiebig, und wollte nicht darauf bestehen. Ich sagte Mammy damals, daß sie nicht darauf rechnen dürfe, ihn öfter als ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben wiederzusehen, weil die Luft auf Vaters Gute mir nicht zuträglich ist, und ich deshalb nicht hingehen kann; und ich gab ihr den Rath, sich einen andern Mann zu nehmen; aber nein, — sie wollte nicht. Mammy besitzt eine Art Hartnäckigkeit in gewissen Beziehungen, die nicht Jeder so sieht wie ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, zwei Kinder.«

»Wahrscheinlich fällt ihr die Trennung von ihnen schwer?«

»Ja, mag sein, aber ich konnte sie natürlich nicht mit mir nehmen. Es waren schmutzige, kleine Dinger, — die ich unmöglich hier um mich haben konnte; und überdies würden sie ihr zu viel Zeit weggenommen haben. Ich glaube sicher, daß Mammy darüber immer eine Art Unzufriedenheit empfunden hat. Einen Andern will sie nicht heirathen; und ich hege keinen Zweifel, obgleich sie weiß, wie nöthig sie mir ist, und wie schwach meine Gesundheit ist, daß sie morgen zu ihrem Manne zurückgehen würde, wenn sie könnte. Wirklich ich glaube das, — sie sind Alle so selbstsüchtig, auch die besten!«

»Es ist traurig, daran zu denken,« sagte St. Clare trocken. Miß Ophelia blickte ihn scharf an und erkannte deutlich in seinem Gesichte den innern, unterdrückten Aerger und den sarkastischen Zug um seinen Mund, während er sprach.

»Mammy ist sogar immer mein Liebling gewesen,« fuhr Marie fort. »Ich wollte, Eure nordischen Dienstboten könnten nur einmal in ihren Kleiderschrank sehen, — Seide und Mousselin hat sie darin hängen. Ich habe zuweilen ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Mützen zu säumen, und sie in Stand zu setzen, irgendwo zum Besuch zu gehen. Und was schlimme Behandlung betrifft, so weiß sie gar nicht, was das ist. Gepeitscht ist sie kaum ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben worden. Sie hat jeden Tag ihren starken Kaffee und Thee, mit weißem Zucker. Es ist freilich abscheulich; aber St. Clare will einmal hohes Leben unter den Sklaven haben, und sie leben Alle wie es ihnen gefällt. Kein Zweifel, unsere Leute sind zu sehr verwöhnt. Ich glaube, es ist großen Theils unsere eigene Schuld, daß sie so selbstsüchtig sind und sich gerade so benehmen wie verzogene Kinder; aber ich habe St. Clare so viele Vorstellungen darüber gemacht, daß ich's endlich überdrüssig geworden bin.«

»Ich auch,« sagte St. Clare, die Zeitung aufnehmend.

Eva, die schöne, kleine Eva, hatte horchend bei ihrer Mutter gestanden, mit jenem ihr so eigenthümlichen Ausdrucke tiefen, mysteriösen Ernstes. Sie schlich jetzt leise um den Stuhl ihrer Mutter und warf ihre Arme um ihren Hals.

»Nun, Eva, was giebt's?« fragte Marie.

»Mamma, könnte ich denn nicht eine Nacht bei Dir wachen, — nur eine? Ich weiß gewiß, ich würde Dir keine Unruhe verursachen, und ich würde auch nicht schlafen. Ich bin oft des Nachts wach und denke —«

»O Thorheit, Kind, — Thorheit!« sagte Marie, »Du bist ein sonderbares Kind!«

»Aber darf ich, Mamma? Ich glaube,« sagte sie furchtsam, »Mammy ist nicht wohl. Sie sagte mir, sie habe seit einiger Zeit immerwährend Kopfschmerzen.«

»Das ist gerade eine von Mammy's Finten! Sie ist gerade wie die Andern, — macht solch' ein Leben, wenn ihr der Kopf oder ein Finger ein wenig weh thut; — nein, so etwas darf man nie bestärken! — Es ist Grundsatz bei mir in solchen Dingen,« fügte sie hinzu, sich zu Miß Ophelia wendend, »Sie werden sehr bald die Nothwendigkeit dessen einsehen. Wenn Sie den Dienstboten erlauben, jeder kleinen Unbehaglichkeit und Unpäßlichkeit zu fröhnen, so werden Sie alle Hände voll zu thun haben. Ich selbst beklage mich nie, — Niemand weiß, was ich ausstehe. Ich halte es für meine Pflicht, es ruhig zu tragen, und ich thue es.«

Miß Ophelia's große Augen drückten ein unverhehltes Staunen bei dieser Rede aus, welches St. Clare so entsetzlich lächerlich vorkam, daß er in lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich die geringste Anspielung auf meine Kränklichkeit mache,« sagte Marie mit dem Tone eines leidenden Märtyrers. »Ich will nur wünschen, daß nicht eine Zeit komme, wo er es bereut!« und drückte dann ihr Taschentuch vor die Augen.

Nach diesen Worten trat natürlich ein etwas lächerliches Schweigen ein. Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein Geschäft in der Stadt. Eva trippelte hinter ihm her, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare sehr ähnlich!« sagte die Letztere, ihr Taschentuch mit einer etwas heftigen Bewegung vom Gesichte nehmend, nachdem der Verbrecher, auf den es hatte Eindruck machen sollen, nicht länger sichtbar war. »Er kann und wird nie anerkennen, was ich leide und seit Jahren gelitten habe. Wenn ich je über das, was ich leiden muß, klagen wollte, so hätte ich Grund genug dazu. Die Männer werden natürlich einer Frau müde, die immerwährend klagt. Aber ich habe Alles stets für mich behalten und getragen, bis St. Clare endlich zu der Meinung gekommen ist, ich könne Alles tragen.«

Miß Ophelia wußte nicht genau, welche Antwort Marie von ihr hierauf erwarte. Während sie noch darüber nachdachte, was sie sagen sollte, trocknete Marie allmählig ihre Thränen, strich ihr Gefieder im Allgemeinen, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette zu machen pflegt, und begann mit Ophelia ein haushälterisches Gespräch, über Schränke, Vorräthe und Vorrathskammern, und gab ihr so viele Verhaltungsmaßregeln und Aufträge, daß ein weniger systematischer und an Geschäfte gewöhnter Kopf, als Miß Ophelia's war, vollständig verwirrt geworden sein würde.

»Und nun,« fügte Marie hinzu, »glaube ich Ihnen Alles gesagt zu haben; so daß, wenn ich wieder meinen Anfall bekomme, Sie im Stande sein werden, Alles allein zu besorgen, ohne mich zu fragen; — nur Eva, — sie erfordert Aufmerksamkeit.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein,« sagte Miß Ophelia; »ich sah nie ein besseres.«

»Eva ist sehr eigenthümlich,« sagte die Mutter. »Sie hat so sonderbare Dinge an sich; sie ist mir auch nicht im Geringsten ähnlich!« fügte sie seufzend hinzu, als wenn dies in der That eine höchst traurige Betrachtung wäre.

Miß Ophelia sagte im Stillen zu sich: »ich hoffe nicht,« aber hatte Klugheit genug, es für sich zu behalten.

»Eva fand immer Gefallen daran, sich bei den Dienstboten aufzuhalten, und ich sehe darin nichts Nachtheiliges für manche Kinder. Ich habe auch immer mit Vaters kleinen Negern gespielt, — es hat mir durchaus keinen Schaden gethan. Allein Eva scheint sich mit jeder Kreatur, die ihr nahe kommt, auf eine und dieselbe Stufe zu stellen. Es ist sonderbar mit dem Kinde: ich habe ihr das nie abgewöhnen können. St. Clare, glaube ich, bestärkt sie darin, denn er verwöhnt jede Kreatur unter seinem Dache, ausgenommen seine Frau.«

Wieder saß Miß Ophelia in verlegenem Schweigen da.

»Es gibt aber keinen andern Weg, mit Dienstboten fertig zu werden, als den, sie gehörig unter dem Drucke zu halten. Mir war das natürlich von meiner Kindheit an; aber Eva ist genug, um ein ganzes Haus voll Dienstboten zu verderben. Was sie nur machen wird, wenn sie selbst dahin kommen sollte, eine Wirthschaft zu führen? — ich weiß es wahrlich nicht. Ich halte darauf, immer gütig gegen die Dienstboten zu sein, und ich bin es selbst immer; aber man muß sie ihre Stellung fühlen lassen. Das thut Eva nie; es ist dem Kinde noch nie im Entferntesten in den Kopf gekommen, was die Stellung eines Dienstboten ist! Sie haben sie heut selbst gehört, als sie sich anbot, bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist gerade ein Beispiel von der Art und Weise, in der es das Kind immer treiben würde, wenn es sich selbst überlassen wäre.«

»Nun,« platzte Ophelia hervor, »Sie werden doch Ihre Dienstboten für menschliche Wesen halten, die Ruhe haben müssen, wenn sie ermüdet sind.«

»Gewiß, natürlich. Ich sorge immer dafür, daß sie Alles haben, was einigermaßen angeht, — Alles, was Einen nicht zu sehr außer Ordnung bringt. Mammy kann ihren Schlaf zu jeder andern Zeit nachholen; es hindert sie Niemand. Sie ist das schläfrigste Geschöpf, was mir je vorgekommen ist; sie schläft überall, sie mag nähen, oder stehen oder sitzen. Es ist keine Gefahr, Mammy schläft schon genug. Aber diese Art und Weise, die Dienstboten zu behandeln, als wenn es exotische Blumen oder Porcellan-Vasen wären, ist wirklich lächerlich!«

Bei diesen Worten ließ sich Marie in die tiefen und weichen Kissen eines Faulbettes niederfallen, hielt ein feingeschliffenes Riechfläschchen vor die Nase und fuhr dann mit matter Stimme, dem letzten, sterbenden Hauche eines arabischen Jasmin, oder etwas Anderem, eben so Aetherischem ähnlich, fort:

»Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich spreche nicht oft von mir selbst; es ist nicht meine Gewohnheit, — es sagt mir nicht zu, — und ich habe auch nicht Kraft dazu; aber es gibt Punkte, in denen ich mit St. Clare sehr verschiedener Meinung bin. St. Clare hat mich nie verstanden und richtig gewürdigt. Ich glaube, das ist die Ursache meiner ganzen Kränklichkeit. Ich glaube gern, St. Clare meint es gut, aber die Männer sind von Natur egoistisch und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist wenigstens meine Meinung.«

Miß Ophelia, welche keinen geringen Antheil ächt amerikanischer Vorsicht und einen besondern Abscheu dagegen besaß, in unangenehme Familienverhältnisse hineingezogen zu werden, glaubte jetzt etwas dem Aehnliches kommen zu sehen. Indem sie deshalb ihr Gesicht in die finsterste Neutralität verzog und aus ihrer Tasche einen anderthalb Ellen langen Strumpf hervorholte, begann sie mit größtem Eifer zu stricken, während sie ihre Lippen auf eine solche Weise zusammenpreßte, als wollte sie damit sagen: »Du brauchst mich nicht zum Sprechen aufzufordern, ich will mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun haben,« und sah dabei so theilnehmend aus, wie etwa ein steinerner Löwe. Allein Marie fragte danach nichts. Sie hatte Jemanden gefunden, zu dem sie sprechen konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht, zu sprechen, und das war genug; und indem sie sich deshalb durch ein nochmaliges Riechen an ihrem Fläschchen stärkte, fuhr sie fort:

»Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen, und meine eignen Dienstboten hierher gebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin deshalb auch berechtigt, diese nach meiner Art und Weise zu behandeln. St. Clare hat sein Vermögen und seine Leute, und ich habe nichts dagegen, daß er diese nach seiner Weise behandle; aber er will sich in Alles mischen. Er hat wilde, überspannte Begriffe von allen Dingen, und besonders von der Behandlung der Dienstboten. Er handelt wirklich so, als wenn er seine Leute über mich, und über sich selbst stellte; denn er erlaubt ihnen, ihm jede mögliche Art von Unruhe zu verursachen, ohne daß er auch nur einen Finger aufhebt. In manchen Dingen ist St. Clare wirklich fürchterlich, — und ich fürchte mich vor ihm, so gutmüthig er auch gewöhnlich aussieht. So hat er sich's einmal zum Grundsatz gemacht, daß in seinem Hause kein Schlag gethan werden solle, ausgenommen von ihm oder von mir; und er besteht darauf in einer solchen Weise, daß ich es wirklich nicht wage, ihm zu widersprechen. Sie können nun leicht sehen, wohin das führt; denn St. Clare würde seine Hand nicht aufheben und wenn jeder einzeln auf ihm herumträte; und ich — es wäre wirklich grausam, von mir zu erwarten, daß ich mich einer solchen Anstrengung unterziehen solle. Sie wissen ja, diese Leute sind nichts als große Kinder.«

»Ich weiß nichts davon, und danke Gott, daß ich es nicht weiß!« sagte Miß Ophelia kurz.

»Wohl, aber Sie werden etwas davon wissen müssen und es auf eigne Kosten lernen, wenn Sie hier bleiben. Sie glauben nicht, was diese Elenden für eine dumme, faule, unvernünftige, kindische und undankbare Klasse von Geschöpfen sind.«

Marie war immer außerordentlich lebhaft, wenn sie auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, und in dem gegenwärtigen Falle schlug sie ihre Augen auf und schien sogar ganz ihre Mattigkeit zu vergessen.

»Sie wissen es nicht, und Sie können es nicht wissen, welchem täglichen, stündlichen Aerger eine Hausfrau ausgesetzt ist. Aber es ist ganz vergeblich, sich bei St. Clare darüber zu beklagen. Er antwortet das verwirrteste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was sie wären und müßten nun auch mit ihnen aushalten. Er sagt, wir seien an ihren Fehlern Schuld, und es würde grausam sein, den Fehler zu veranlassen und ihn dann auch zu bestrafen. Er sagt, wir würden es nicht besser machen, wenn wir an ihrer Stelle wären; grade, als wenn man uns mit ihnen vergleichen könnte.«

»Glauben Sie nicht, daß Gott sie aus einem Blute mit uns geschaffen hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Nein, wahrhaftig, ich nicht! Eine allerliebste Idee, wahrlich! Das ist ein entartetes Geschlecht.«

»Nehmen Sie denn nicht an, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte Miß Ophelia mit steigendem Unwillen.

»O ja,« sagte Marie gähnend, »das freilich, — Niemand zweifelt daran; aber sie gewissermaßen gleich stellen wollen mit uns, als wenn wir überhaupt damit verglichen werden könnten, — das ist unmöglich! St. Clare hat mir sogar vorgesprochen, daß Mammy's Getrenntsein von ihrem Manne dasselbe sei, als wenn ich von ihm getrennt wäre. Es ist auf diesem Wege gar keine Vergleichung möglich; denn Mammy kann die Gefühle nicht haben, die ich haben würde. Es ist durchaus ein anderes Verhältniß — ganz natürlich, — und doch will St. Clare das nicht einsehen. Grade als ob Mammy ihre schmutzigen kleinen Würmer so lieben könnte, wie ich Eva liebe! Und doch wollte St. Clare mich einmal in allem Ernste davon überzeugen, daß es, meiner schwachen Gesundheit und aller meiner Leiden ungeachtet, meine Pflicht sei, Mammy zurückgehen zu lassen und eine Andere an ihrer Stelle zu nehmen. Das war aber etwas zu viel — selbst für mich. Ich zeige selten meine Empfindungen; es ist mein Grundsatz, Alles schweigend zu tragen, denn das ist einmal das harte Loos einer Frau; aber da brach ich los, so daß er nie wieder von dem Gegenstande angefangen hat. Ich sehe indeß recht wohl aus seinen Blicken und kleinen Aeußerungen, die er fallen läßt, daß er noch immer dieselben Ideen hat, und das ist so ärgerlich!«

Miß Ophelia sah beinahe so aus, als wenn sie fürchte, Etwas sagen zu müssen; allein sie rasselte mit ihren Nadeln weiter und zwar in einer Weise, die genug sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Da sehen Sie also,« fuhr sie fort, »was Sie zu verwalten haben; — einen Haushalt ohne Regel, wo die Dienstboten ihre eignen Wege haben, thun, was sie wollen, und haben, was sie wollen, so weit ich mit meiner schwachen Gesundheit sie nicht in Schranken gehalten habe. Ich führe meine Kuhhaut, und lege sie auch zuweilen an; aber die Anstrengung ist immer zu heftig für mich. Wenn St. Clare nur das wenigstens thun wollte, was Andere thun!«

»Und was ist das?« fragte Miß Ophelia.

»Nun, die schicken sie nach dem Stadthause oder irgend einem andern Orte, um sie auspeitschen zu lassen. Das ist das einzige Mittel. Wenn ich nicht so elend wäre, so glaube ich, würde ich das Ganze mit doppelt so viel Energie als St. Clare verwalten.«

»Und wie richtet denn St. Clare seine Verwaltung ein?« fragte Miß Ophelia. »Sie sagten, daß er nie Schläge austheile.«

»Ja, sehen Sie, Männer haben mehr Gewalt in ihrem Wesen, — es ist viel leichter für sie; und überdies, wenn Sie je voll in sein Auge geblickt haben, es ist sonderbar, — das Auge: und wenn er in entschiedenem Tone spricht, — dann ist eine Art Blitz darin. Ich fürchte mich selbst davor, und die Dienstboten kennen das. Ich könnte mit allem Schelten nicht so viel thun, wie St. Clare mit einer einzigen Wendung seines Auges, wenn es ihm einmal Ernst ist. O, da ist keine Noth um St. Clare; das ist eben der Grund, weshalb er nicht mehr Gefühl für mich hat. Aber Sie werden finden, wenn Sie die Wirthschaft übernehmen, daß es unmöglich ist, ohne Strenge fertig zu werden, — das Volk ist so schlecht, so falsch, so faul.«

»Das alte Lied!« sagte St. Clare, langsam in's Zimmer schlendernd. »Was für eine schreckliche Rechnung diese abscheulichen Kreaturen abzubüßen haben werden, besonders deshalb, daß sie so faul sind! — Siehst Du, Cousine,« fügte er hinzu, indem er sich in voller Länge auf einem Sopha, Marien gegenüber ausstreckte, »diese Faulheit bei ihnen ist gar nicht zu entschuldigen, namentlich nach dem Beispiele, welches wir, Marie und ich, ihnen geben.«

»O höre auf, St. Clare, Du bist wirklich zu häßlich!« sagte Marie.

»Bin ich wirklich?« entgegnete St. Clare. »Wie? ich dachte, ich spräche erstaunlich gut für mich, wirklich. Ich bin immer bemüht, Marie, Deine Bemerkungen zu unterstützen.«

»Du weißt recht wohl, daß das nicht Deine Meinung war, St. Clare,« sagte Marie.

»O, dann muß ich mich wirklich getäuscht haben! Ich danke Dir, meine Liebe, daß Du mich berichtigt hast.«

»Du gibst Dir wirklich alle Mühe, mich zu kränken,« entgegnete Marie.

»O komm', Marie, der Tag wird heiß, und ich habe grade einen langen Streit mit Dolph gehabt, der mich heftig angegriffen hat: also, bitte, sei freundlich und laß mich im Lichte Deines Lächelns ausruhen.«

»Was hattest Du mit Dolph?« sagte Marie. »Die Unverschämtheit dieses Burschen ist so weit gediehen, daß sie mir förmlich unerträglich geworden ist. Ich wünschte nur, ich hätte eine Zeit lang unbeschränkte Herrschaft über ihn; ich wollte ihn schon demüthig machen!«

»Was Du da sagst, meine Liebe, verräth, wie gewöhnlich, Deinen Scharfsinn und richtigen Verstand,« entgegnete St. Clare. »Was ich mit Dolph hatte, bestand darin, daß er meine Anmuth und Vollkommenheiten so lange nachgeahmt hatte, bis er sich zuletzt selbst für den Herrn hielt, und ich genöthigt war, ihm einige Einsicht in seinen Irrthum zu verschaffen.«

»Wie meinst Du das?« fragte Marie.

»Nun, ich war genöthigt, ihm begreiflich zu machen, daß ich einige von meinen Kleidungsstücken für meinen eigenen, ausschließlichen Gebrauch zu behalten wünschte; ferner setzte ich seine Magnifizenz auf eine gewisse Quantität kölnischen Wassers, und war wirklich so grausam, ihn bis auf ein Dutzend meiner weißen leinenen Taschentücher zu beschränken. Dolph war darüber besonders ungehalten, und ich mußte wie ein Vater mit ihm reden, um es ihm begreiflich zu machen.«

»O, St. Clare, wann wirst Du jemals lernen, Deine Dienstboten richtig zu behandeln? Es ist abscheulich, sie auf diese Weise zu verwöhnen!« sagte Marie.

»Nun, was ist's denn am Ende für ein Unglück, daß der arme Teufel seinem Herrn 'was nachmachen will; und wenn ich ihn nicht besser auferzogen habe, als daß er sein höchstes Gut in Eau-de-Cologne und leinenen Taschentüchern findet, warum sollte ich sie ihm dann nicht geben?«

»Und warum hast Du ihn denn nicht besser auferzogen?« fragte Miß Ophelia mit dreister Bestimmtheit.

»Zu viel Umstände, — Trägheit, Cousine, Trägheit, — was mehr Seelen ruinirt, als Du verdammen kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so hätte ich selbst ein vollkommener Engel werden müssen. Ich glaube, es ist Trägheit, was Euer alter Doktor Botherem in Vermont die »Essenz alles moralischen Uebels« zu nennen pflegte. Es ist eine schreckliche Betrachtung, wahrlich!«

»Ich denke, Ihr Sklavenhalter habt eine schreckliche Verantwortlichkeit auf Euch!« sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie um tausend Welten nicht haben. Es ist Eure Pflicht, Eure Sklaven zu erziehen und sie wie vernünftige Wesen zu behandeln, — wie unsterbliche Geschöpfe, über die Ihr Rechenschaft abzulegen habt vor dem Richterstuhle Gottes. Das ist meine Meinung!« rief die gute Dame, indem die ganze Fluth von Eifer plötzlich losbrach, die sich den Morgen über in ihr angesammelt hatte.

»O laß das gut sein,« sagte St. Clare, schnell aufstehend, »was weißt Du von uns?« Und sich sodann am Piano niedersetzend, begann er ein munteres Stückchen zu spielen.

St. Clare hatte entschiedenes Talent für Musik, sein Anschlag war leicht und sicher, und seine Finger flogen mit lustiger, vogelartiger Schnelligkeit über die Tasten. Er spielte jetzt ein Stück nach dem andern, wie ein Mensch, der sich gern in eine gute Laune hineinspielen will. Als er aufhörte, stand er auf und sagte heiteren Tones zu Miß Ophelia:

»Also liebe Cousine, Du hast uns eine gute Lehre gegeben, und Deine Pflicht gethan, und im Ganzen genommen, muß ich Dich deshalb nur um so höher schätzen. Ich hege keinen Zweifel, daß Du mir einen wahren Diamant von Wahrheit zugeworfen hast, allein er traf mich, wie Du bemerkt haben wirst, so gerade in's Gesicht, daß ich im ersten Augenblicke seinen Werth nicht recht zu würdigen vermochte.«

»Ich meines Theils sehe nicht ein, wozu solche Reden überhaupt nützen,« sagte Marie. »Wenn irgend Jemand mehr für seine Dienstboten thut als wir, so möchte ich wohl wissen, wer; aber es ist ohne allen und jeden Nutzen für sie, — sie werden dadurch nur noch schlechter. Was das anbetrifft, mit ihnen zu reden und ihnen Vorstellungen zu machen, so — ich habe so viel über ihre Pflichten und alles das mit ihnen gesprochen, daß ich müde und heiser geworden bin; und in die Kirche können sie gehen, wann sie wollen, obgleich sie kein Wort von der Predigt verstehen, nicht mehr als eine Heerde Schweine, — und ich kann also nicht einsehen, daß es von irgend einem Nutzen für sie ist; aber sie gehen hin und haben also jede Gelegenheit; aber wie ich schon vorher gesagt habe, es ist einmal ein entartetes Geschlecht, und wird es ewig bleiben, und alle Mühe, etwas aus ihnen zu machen, ist ganz vergeblich. Sehen Sie, Cousine Ophelia, ich habe 's versucht, und Sie noch nicht; ich bin unter ihnen geboren und erzogen worden, und ich kenne sie.«

Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg deshalb. St. Clare pfiff ein Liedchen.

»St. Clare, ich bitte Dich, pfeife nicht,« sagte Marie, »es vermehrt meine Kopfschmerzen.«

»Wohl, ich will nicht pfeifen,« sagte St. Clare. »Wünschest Du sonst noch etwas von mir?«

»Ich wünschte nur, daß Du etwas mehr Theilnahme für meine Leiden haben könntest; aber Du hast nie Gefühl für mich.«

»Mein theurer, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist wirklich kränkend, so mit sich reden lassen zu müssen.«

»So sage mir denn, wie ich mit Dir reden soll? Ich will ganz nach Befehl reden, — wie Du es haben willst; nur um Dich zufrieden zu stellen.«

Ein fröhliches Lachen erscholl in diesem Augenblicke vom Hofe her durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, schlug die Gardine zur Seite und lachte mit.

»Was gibt's?« sagte Miß Ophelia, zu ihm an das Geländer tretend.

Da saß Tom, auf einem kleinen moosigen Sitze im Hofe, geschmückt mit Jasminblumen in allen seinen Knopflöchern, während Eva ihm einen Rosenkranz um den Hals hing und sich dann lachend wie ein Sperling auf sein Knie setzte.

»O, Tom, Du siehst so komisch aus!«

Tom zeigte nur ein ruhiges gefälliges Lächeln in seinem Gesichte, und schien sich in seiner Weise des Scherzes eben so sehr zu freuen, wie seine kleine Mistreß. Als er seinen Herrn gewahrte, schlug er seine Augen mit einem Blicke zu ihm auf, als wolle er ihn um Verzeihung bitten.

»Wie kannst Du das nur erlauben?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« entgegnete St. Clare.

»Ich weiß nicht, es kommt mir so schrecklich vor!«

»Du würdest Dir nichts dabei denken, wenn ein Kind einen großen Hund liebkos'te; aber vor einem Wesen, das denken und empfinden kann und unsterblich ist, schauderst Du, — gestehe es nur, Cousine. Ich kenne einigermaßen die Ideen und Gefühle von Euch im Norden. Nicht daß die kleinste Tugend für uns darin liegt, daß wir sie nicht besitzen; Gewohnheit thut bei uns, was das Christenthum thun sollte, — sie beseitigt das Gefühl eines persönlichen Vorurtheils. Ich habe oft während meiner Reisen im Norden Gelegenheit gehabt, zu bemerken, wie viel stärker dieses Vorurtheil bei Euch ist, als bei uns. Ihr habt einen Abscheu vor ihnen, wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und dennoch seid Ihr unwillig über das ihnen zugefügte Unrecht. Ihr wollt sie nicht mißhandelt sehen, aber Ihr wollt selbst nichts mit ihnen zu thun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika, weit außerhalb des Bereiches Eures Gesichts und Geruches, senden, und ihnen dann ein Paar Missionäre nachschicken, um sie unterrichten zu lassen. Ist das nicht Eure Meinung?«

»Es ist möglich, Cousin,« sagte Miß Ophelia nachdenkend, »daß etwas Wahres darin liegt.«

»Was würden die Armen und Niedrigen machen, wenn es keine Kinder gäbe?« sagte St. Clare, während er am Geländer lehnend Eva beobachtete, welche jetzt fort trippelte und Tom mit sich führte. »Kinder sind die einzigen wahren Demokraten. Tom ist jetzt für Eva ein Hero; seine Erzählungen sind Wunder in ihren Augen, seine Gesänge und methodistischen Hymnen gelten ihr mehr als eine Oper, das Spielzeug und der Plunder in seinen Taschen ist eine Juwelenmine für sie, und er selbst der wundervollste Tom, der je eine schwarze Haut trug. Dies ist eine der Rosen des Eden, die Gott ausschließlich für die Armen und Niedrigen hat herabkommen lassen, die wenig andere pflücken.«

»Es ist sonderbar, Cousin,« sagte Miß Ophelia; »man möchte beinahe glauben, Du wärest ein Bekenner der Religion, wenn man Dich reden hört.«

»Nichts weniger als das; wenigstens nicht in dem Sinne, den das Volk gewöhnlich damit verbindet; und was noch schlimmer ist, wie ich fürchte, auch kein Ausüber derselben.«

»Wie kannst Du denn so reden?«

»Nichts ist leichter als reden,« sagte St. Clare. »Ich glaube Shakespeare sagt irgendwo: »»Ich könnte eher zwanzig Anderen zeigen, was sie zu thun haben, als einer derselben sein, um meiner eigenen Weisung zu folgen.«« Es geht nichts über die Theilung der Arbeit. Mein Forte liegt im Sprechen, Deins, liebe Cousine, im Handeln.«


Tom hatte gegenwärtig über seine äußere Stellung wie die Welt zu sagen pflegt, keine Klage zu führen. Eva's Vorliebe für ihn, — die instinktmäßige Dankbarkeit und Liebenswürdigkeit einer edlen Natur, — hatten sie bewogen, ihren Vater darum zu bitten, daß er ihr besonderer Begleiter auf allen ihren Spaziergängen oder Fahrten sein dürfe; und Tom hatte deshalb die allgemeine Weisung erhalten, jedes andere Geschäft zu verlassen, wenn Eva seiner bedürfe, — Befehle, welche, wie unsere Leser leicht denken können, ihm nichts weniger als unangenehm waren. Er trug sehr gute Kleidung, denn St. Clare war in diesem Punkte ganz besonders eigensinnig; seine Stallgeschäfte waren nichts als ein Amt ohne Arbeit, und bestanden nur in einer täglichen Beaufsichtigung eines ihm untergebenen Dieners; denn Marie hatte erklärt, daß sie durchaus keinen Stallgeruch an ihm dulden könne, wenn er ihr nahe komme, und daß er durchaus keine Geschäfte vornehmen dürfe, die ihn ihr unangenehm machen könnten, weil ihr Nervensystem darunter zu sehr leiden würde, und ein einziger übler Geruch vielleicht hinreichend sei, allen ihren irdischen Leiden mit einem Male ein Ende zu machen. Tom sah deshalb in seiner rein gebürsteten Kleidung von feinem Tuche, seinem sanften Filzhute, seinen blanken Stiefeln und weißen, fehlerfreien Manschetten und mit seinem ernsten, gutmüthigen, schwarzen Gesichte ehrwürdig genug aus, um ein Bischof von Karthago zu sein, was Männer seiner Farbe in früheren Jahrhunderten gewesen waren.

Außerdem befand er sich an einem schönen Orte, eine Betrachtung, für die sein sinnenreizbares Geschlecht nie unempfänglich ist; und er freute sich in stillem Genusse über die Vögel, die Blumen, die Springbrunnen, den Wohlgeruch, das Licht und die Schönheit des Hofes, die seidenen Vorhänge, die Gemälde, Statuen und die Vergoldungen, welche die Wohnzimmer zu Gemächern in Aladdin's Palast für ihn machten.

Wenn Afrika je ein höheres gebildeteres Geschlecht wird aufweisen können, — und kommen wird und muß die Zeit, wo auch dieser Erdtheil in dem großen Drama menschlicher Vervollkommnung seine Rolle spielen wird, — so wird das Leben dort mit einem Glanze und einer Pracht erwachen, von der unsere kälter empfindenden Geschlechter des Westens nur eine schwache Ahnung haben. In jenem fernen, mystischen Lande des Goldes, der Juwelen und Gewürze, wehender Palmen, wunderbarer Blumen und Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunst, neue Arten des Glanzes erwachen; und das Geschlecht der Neger, dann nicht mehr verachtet und mit Füßen getreten, wird vielleicht die kostbarsten Offenbarungen des menschlichen Lebens an das Licht bringen. Ohne Zweifel wird ihnen dies gelingen, und zwar vermöge der Sanftmuth, der demüthigen Gelehrigkeit ihres Herzens, ihrer natürlichen Geneigtheit auf einen höheren Willen und eine höhere Kraft zu vertrauen, der kindlichen Einfachheit ihrer Gefühle und der Leichtigkeit ihres Vergebens. In allen diesen Beziehungen werden sie das vollkommenste Beispiel eines ächt christlichen Lebens geben, und vielleicht hat Gott, da er diejenigen liebt, die er züchtigt, das arme Afrika im »Ofen des Elends« ausersehen, es zu dem höchsten und edelsten in dem Königreiche zu machen, das er errichten wird, wenn jedes andere Königreich gesunken ist; denn die Ersten sollen die Letzten und die Letzten die Ersten sein.

Waren es vielleicht diese Betrachtungen, welche Marie St. Clare beschäftigten, als sie eines Sonntags Morgens prächtig gekleidet in der Veranda stand, und ein diamantenes Armband um ihr zartes Handgelenk befestigte? — Wahrscheinlich; oder wenn nicht, so war etwas Aehnliches; denn Marie patronisirte alles Gute, und war jetzt in voller Rüstung, — Diamanten, Seide, Juwelen und Allem, — im Begriffe, in eine moderne Kirche zu gehen und sehr fromm zu sein. Marie machte es nämlich zum Grundsatze, Sonntags immer sehr fromm zu sein. Da stand sie nun, so schlank, so elegant, so luftartig in allen ihren Bewegungen, und umhüllt von ihrem Spitzentuche wie von einem leichten Nebel. Sie sah so anmuthig aus und hatte in diesem Augenblicke auch sehr gute, elegante Empfindungen. Miß Ophelia stand an ihrer Seite und bildete den vollständigsten Contrast. Nicht daß sie kein schönes seidenes Kleid, keinen Shawl und kein feines weißes Taschentuch hatte, sondern ihre Steifheit, Eckigkeit und die dreiste Offenheit ihres ganzen Wesens verliehen ihr eine von der ihrer Nachbarin ganz verschiedene persönliche Erscheinung.

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Das Kind blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen,« entgegnete Ophelia.

Und was sagte Eva auf der Treppe zu Mammy? Horche, lieber Leser, und es wird Dir nicht entgehen, obgleich Marie es nicht hört.

»Liebe Mammy, ich weiß, Dein Kopf thut schrecklich weh.«

»Lieber Gott, Miß Eva, mein Kopf immer thut weh; — brauchen sich darum nicht zu ängstigen.«

»Ich freue mich, daß Du ausgehst; und hier, Mammy,« sagte das Kind, indem es seine Arme um Mammy's Nacken schlang, — »Du sollst mein Riechfläschchen nehmen.«

»Wie? das schöne, goldene Ding, mit den Diamanten? O, nein, Miß, — würde sich nicht passen, — gar nicht!«

»Warum nicht? Du hast es nöthig, und ich nicht. Mamma gebraucht es immer gegen Kopfschmerzen, und es wird Dir Erleichterung verschaffen. Nein, Du sollst es nehmen, — mir zum Gefallen.«

»Nun höre Einer das liebe Kind sprechen!« sagte Mammy, während Eva das Fläschchen in ihren Busen schob, und die Treppe hinabsprang zu ihrer Mutter.

»Weshalb hast Du Dich so lange aufgehalten?«

»Ich blieb bei Mammy stehen, um ihr mein Riechfläschchen zu geben, welches sie mit in die Kirche nehmen soll.«

»Eva,« sagte Marie, heftig mit dem Fuße stampfend, — »Dein goldenes Riechfläschchen an Mammy! Wann wirst Du endlich lernen, was sich schickt? — Gleich, den Augenblick, gehe hin zu ihr, und nimm' es zurück!«

Eva machte eine traurige, niedergeschlagene Miene, und wandte sich langsam um.

»Ich bitte Dich, Marie, laß das Kind gehen; Eva soll thun, was ihr gefällt!« sagte St. Clare.

»Aber St. Clare, wie wird sie denn je in der Welt fortkommen?« entgegnete Marie.

»Gott weiß!« sagte St. Clare, »aber sie wird jedenfalls im Himmel besser fortkommen, als Du oder ich!«

»O Papa, sage das nicht,« flüsterte ihm Eva zu, seinen Arm sanft berührend, »es thut Mutter weh.«

»Wohl, Cousin, bist Du bereit, mit uns in die Kirche zu gehen?« fragte Miß Ophelia, indem sie sich schroff zu St. Clare umwandte.

»Bedaure, ich werde nicht hingehen.«

»Ich wünschte wirklich, daß St. Clare nur einmal mit uns zur Kirche ginge,« sagte Marie; »aber er hat nicht die geringste Religion. Es ist gar nicht anständig und achtungswerth.«

»Ich weiß das,« entgegnete St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um zu lernen, wie Ihr in der Welt fortkommen sollt, und Eure Frömmigkeit breitet Achtung über uns. Wenn ich überhaupt gehen wollte, so würde ich in die Versammlung gehen, in welche Mammy geht. Da ist wenigstens Etwas, was Einen munter erhält.«

»Was? Diese schreienden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles Andre, nur nicht das todte Meer unserer respektablen Kirche, Marie. Es ist entschieden zu viel von einem Menschen verlangt. Eva, willst Du hingehen? Komm', bleib' zu Hause, und spiele mit mir,« sagte St. Clare.

»Danke, Papa, ich möchte lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es denn nicht schrecklich langweilig da?« fragte St. Clare.

»Ich denke, Manches ist langweilig,« erwiederte Eva, »und ich werde oft schläfrig; aber ich gebe mir Mühe, wach zu bleiben.«

»Weshalb gehst Du denn also hin?«

»Sieh', lieber Papa,« flüsterte sie ihm leise zu, »Cousine sagte mir, daß Gott danach verlange, uns zu haben; und er gibt uns ja Alles, nicht wahr? und es ist nicht viel, was er von uns verlangt. Es ist auch überhaupt nicht so sehr langweilig!«

»Süße, liebe, gute Seele!« sagte St. Clare, sie küssend. »Geh', Du bist ein gutes Kind, bete für mich.«

»Gewiß, das thue ich immer,« rief das Kind, während es hinter der Mutter in den Wagen sprang.

St. Clare blieb an der Treppe stehen, und warf ihr Kußhände zu, während der Wagen fortfuhr; und große, schwere Thränentropfen standen in seinen Augen.

»O Evangeline! mit Recht so genannt!« sagte er; »hat Gott Dich nicht zu einem Evangelium für mich gesandt?«

Das war seine Empfindung einen Augenblick lang; dann rauchte er eine Cigarre, und las die Zeitung, und vergaß sein kleines Evangelium? War er anders, als andere Leute?

»Sieh', Eva,« sagte ihre Mutter, »es ist immer recht und gut, freundlich und gütig gegen Dienstboten zu sein, aber es ist nicht recht, sie grade so zu behandeln, wie unsere Angehörigen, oder andre Leute von demselben Stande wie wir. Zum Beispiel, wenn Mammy krank würde, so würdest Du sie nicht in Dein eignes Bett legen wollen, — nicht wahr?«

»Ich glaube, ich würde es gern thun wollen, Mamma,« entgegnete Eva, »weil es dann leichter wäre, sie zu pflegen, und weil mein Bett besser, als das ihrige ist.«

Marie war in Verzweiflung über den gänzlichen Mangel von Fassungsvermögen, der sich nach ihrer Ansicht in dieser Antwort aussprach.

»Was soll ich nur thun, daß dieses Kind mich verstehen lerne?« rief sie.

»Nichts,« entgegnete Miß Ophelia mit besonderem Nachdruck.

Eva war einen Augenblick lang traurig und verlegen; allein Kinder bewahren glücklicher Weise nicht lange einen und denselben Eindruck, und bald nachher lachte sie schon wieder herzlich über verschiedene Gegenstände, an denen der Wagen vorüberfuhr.


»Nun, meine Damen,« sagte St. Clare, als Alle behaglich um den Mittagstisch versammelt waren, »was für einen Speisezettel gab 's heut in der Kirche?«

»O, Doktor G— hielt eine vortreffliche Predigt,« sagte Marie.

»Es war grade eine solche Rede, wie Du sie hören solltest; sie stimmte ganz genau mit meinen Ansichten überein.«

»Dann muß der Gegenstand, wie ich vermuthe, sehr umfassend gewesen sein,« sagte St. Clare.

»Ich meine meine Ansichten über die gesellschaftlichen Verhältnisse und dergleichen Dinge,« fuhr Marie fort. »Der Text war: »Er aber thut Alles fein zu seiner Zeit«, und er zeigte, wie alle Ordnungen und Unterschiede in der menschlichen Gesellschaft von Gott kämen, und daß es so schön und so passend sei, verstehst Du, daß ein Theil hoch, und ein anderer niedrig sein solle; daß Einige geboren worden seien, um zu herrschen, und Andre um zu dienen, und alles das; und er wandte es so richtig auf den lächerlichen Lärm an, der über Sklaverei gemacht worden ist, und bewies ganz deutlich, daß die Bibel auf unserer Seite sei, und alle unsere Einrichtungen so überzeugend rechtfertige. Ich wollte nur, Du hättest ihn gehört.«

»O, ich habe das nicht nöthig,« sagte St. Clare. »Ich kann von der Picayune zu jeder Zeit viel lernen, was mir eben so nützlich ist, und dabei noch meine Cigarre rauchen, was ich in der Kirche nicht kann, wie Du weißt.«

»Nun, bist Du denn mit diesen Ansichten nicht einverstanden?« fragte Miß Ophelia.

»Wer — ich? Ja, sieh', ich bin von aller göttlichen Gnade so verlassen, daß eine solche religiöse Anschauung derartiger Gegenstände durchaus nicht erbaulich für mich ist. Wenn ich Etwas über diese Sklavenfrage sagen müßte, so würde ich rein heraus sagen: »Wir haben sie, und wir gedenken sie zu behalten; es geschieht für unsere Bequemlichkeit und unser Interesse;« denn das ist bei Licht betrachtet das Ganze, — und grade dasselbe, worauf all das heilige Geschwätz hinaus will; und ich denke, das wird für Jedermann und überall verständlich sein.«

»Ich weiß nicht, Augustin, Du kommst mir so unehrerbietig vor!« sagte Marie; »es ist schrecklich, Dich reden zu hören.«

»Warum schrecklich? es ist die Wahrheit. Wenn dieses religiöse Geschwätz über solche Gegenstände nur noch etwas weiter gehen, und uns bei Gelegenheit auch einmal die Schönheit eines Menschen zeigen wollte, der ein Glas zu viel genommen hat, oder bei seinen Karten zu lange sitzen geblieben ist, und andrer ähnlicher weiser Einrichtungen der Vorsehung, die unter uns jungen Männern ziemlich häufig sind, — wir würden es gern hören, daß diese recht und gut genannt werden.«

»Nun, was denkst denn Du von der Sklaverei,« sagte Miß Ophelia, »hältst Du sie für recht oder unrecht?«

»Ich will keinen Eurer schrecklichen neuenglischen Angriffe haben, Cousine,« sagte St. Clare scherzhaft. »Wenn ich diese Frage beantworte, so weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend andrer über mich herfällst, von denen jede folgende schlimmer, als die vorhergehende ist; und ich bin keineswegs gesonnen, meine ganze Stellung deutlicher zu erklären. Ich bin einer von denen, die davon leben, Steine auf die Glashäuser Anderer zu werfen; aber es fällt mir nicht ein, eins aufzubauen, um Andre mit Steine danach werfen zu lassen.«

»Grade so spricht er immer,« sagte Marie; »Du kannst nie eine genügende Antwort aus ihm heraus bekommen. Ich glaube, grade deshalb, weil er die Religion überhaupt nicht liebt, läuft er immer davor fort, wie er jetzt eben gethan hat.«

»Religion!« sagte St. Clare in einem Tone, der beide Frauenzimmer unwillkührlich auf ihn blicken ließ. »Religion! Ist das Religion, was Ihr in der Kirche hört? Ist das Religion, was sich biegen und wenden läßt, was hinabsteigt und hinaufsteigt, um für jedes verkrüppelte Verhältniß in dieser selbstsüchtigen, menschlichen Gesellschaft zu passen? Ist das Religion, was weniger gewissenhaft, edelmüthig, gerecht und rücksichtsvoll für den Nebenmenschen ist, als selbst meine eigne gottlose, weltliche, verblendete Natur. Nein! Wenn ich Religion suche, so muß ich Etwas suchen, das über mir, aber nicht unter mir ist.«

»Du glaubst also nicht, daß die Bibel Sklaverei rechtfertigt?« sagte Miß Ophelia.

»Die Bibel war das Buch meiner Mutter,« sagte St. Clare; »nach ihr lebte sie, und nach ihr starb sie, und es würde mir sehr leid thun, wenn ich denken müßte, daß sie dies wirklich rechtfertigte. Ich könnte eben so gut den Beweis verlangen, daß meine Mutter Brandwein trinken, und Taback kauen, und fluchen konnte, um mich darüber zu beruhigen, daß ich recht handele, indem ich es selbst thue. Es würde meine eigne Ansicht über diese Dinge nicht ändern, sondern mir nur den Trost rauben, meine Mutter achten zu dürfen; und es ist wirklich ein Trost in dieser Welt, Etwas zu haben, was man achten kann. Mit einem Worte, Du siehst,« fuhr er fort, indem er plötzlich seinen heitern Ton wieder annahm, »Alles, was ich wünsche, ist, daß verschiedene Dinge in verschiedenen Kasten aufbewahrt werden. Das ganze Gestell der menschlichen Gesellschaft, in Europa sowohl wie in Amerika, besteht aus verschiedenartigen Bestandtheilen, die nicht den Probirstein einer strengen Moralität aushalten. Es ist wohl allgemein zugestanden, daß die Menschen nie nach dem absolut Rechten streben, sondern sich nur so zu handeln bemühen, wie es die übrige Welt thut. Wenn nun Jemand auftritt, der wie ein Mann spricht, und sagt, daß die Sklaverei für uns nothwendig sei, daß wir nicht ohne sie fertig werden können, sondern gänzlich verarmen würden, wenn wir sie aufgäben, und deshalb daran festhalten wollen, — so ist dies wenigstens kräftig, klar und deutlich gesprochen, und hat das Verdienst der Offenheit und Wahrheit für sich; allein, wenn er anfängt, ein langes Gesicht zu ziehen und zu schniffeln, und die Heilige Schrift anzuführen, so bin ich immer sehr geneigt zu glauben, daß er nicht ein Haar besser ist, als wofür er gehalten zu werden verdient.«

»Du bist sehr lieblos,« sagte Marie.

»Gut,« sagte St. Clare, »laß uns annehmen, daß irgend ein Umstand den Preis der Baumwolle für immer herunter bringen, und also das ganze Sklaveneigenthum zu einer werthlosen Waare machen sollte, — glaubst Du nicht, daß wir in diesem Falle sehr schnell eine andre Uebersetzung der biblischen Lehren bekommen würden? Welche Fluth von Licht würde dann plötzlich auf die Kirche einströmen, und wie schnell würde es dann entdeckt sein, daß die Bibel sowohl wie die Vernunft eine andre Richtung anweise!«

»Meinethalben,« sagte Marie, während sie sich auf ihrem Kanapee ausstreckte, »ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo Sklaverei besteht; und ich glaube, daß sie ganz in der Ordnung ist, — ja, ich fühle es deutlich, es muß so sein; und in jedem Falle weiß ich gewiß, daß ich nicht ohne sie fertig werden könnte.«

»Und was denkst Du denn darüber, Kätzchen?« fragte der Vater Eva, die grade in diesem Augenblicke, mit einer Blume in der Hand, in das Zimmer kam.

»Worüber, Papa?«

»Ich meine, — wo würdest Du lieber wohnen, in einem Hause wie bei Deinem Onkel in Vermont, oder in einem solchen, wie das unsrige ist, mit vielen Dienstboten?«

»O, natürlich, unser Haus ist das angenehmste,« sagte Eva.

»Weshalb?« fragte St. Clare, ihren Kopf streichelnd.

»O, weil hier so Viele sind, die man lieb haben kann, — verstehst Du?« sagte Eva, zu ihrem Vater aufblickend.

»Nun wahrlich, das sieht der Eva gänzlich ähnlich,« sagte Marie, »es ist genau eine von ihren gewöhnlichen Reden.«

»Ist es 'was Dummes, Papa?« flüsterte Eva ihrem Vater zu, während sie auf sein Knie stieg.

»Nach den Begriffen dieser Welt — beinahe, Kätzchen,« sagte St. Clare. »Aber wo ist meine kleine Eva denn während der ganzen Mittagszeit gewesen?«

»O, ich bin in Tom's Zimmer gewesen, und habe ihm zugehört singen, und Tante Dina hat mir Mittagessen gegeben.«

»Tom singen gehört, he?«

»Ja, o er singt so wunderschöne Dinge vom neuen Jerusalem, und den leuchtenden Engeln, und dem Lande Canaan!«

»Ich glaube, es ist noch besser als die Oper, nicht wahr?«

»Ja, und er will mir alle diese Gesänge lehren.«

»Singstunden, wie? — o, Du nimmst zu!«

»Ja, er singt mir etwas vor, und ich lese ihm meine Bibel vor; und er erklärt es mir dann, was es bedeutet.«

»Auf mein Wort,« sagte Marie lachend, »das ist der beste Spaß des ganzen Carnevals.«

»Tom ist gewiß kein schlechter Ausleger der Schrift, — ich möchte drauf schwören,« sagte St. Clare. »Tom hat natürliche Anlage für Religion. Diesen Morgen wollte ich die Pferde früh heraus haben, und stieg deshalb hinauf zu Tom's Residenz, über den Ställen, und hörte ihn da Betstunde mit sich selbst halten, und in der That, ich habe seit langer Zeit nichts so Herzstärkendes gehört, wie Tom's Gebet. Er verwandte sich für mich mit einem Eifer, der wahrhaft apostolisch war.«

»Vielleicht ahnte er, daß Du horchtest. Ich habe von solchen Kunststücken schon öfter gehört.«

»Wenn er mich vermuthete, so war er jedenfalls sehr unpolitisch; denn er gab dem lieben Gott eine sehr offenherzige Meinung über mich. Tom schien nämlich anzunehmen, daß in mir entschieden noch viel Raum für Besserung sei, und schien sehr eifrig zu wünschen, daß ich besser werden möchte.«

»Ich hoffe, Du wirst es Dir zu Herzen nehmen,« sagte Miß Ophelia.

»Ich glaube beinahe, Du bist stark derselben Meinung,« entgegnete St. Clare. »Gut, wir wollen sehen, — nicht wahr, Eva?«