Siebenzehntes Kapitel.
Die Vertheidigung des freien Mannes.
Als der Nachmittag heran kam, fand im Quäkerhause eine stille Bewegung Statt. Rachel Halliday schritt leise hin und her, und sammelte aus den Vorrathskammern ihres Haushaltes solche Gegenstände, welche sich, ohne Raum einzunehmen, transportiren ließen, und für die Wanderer von Nutzen waren, welche diese Nacht ihre Reise antreten sollten. Die Nachmittagsschatten begannen sich ostwärts zu strecken, und die runde, rothglühende Sonne stand gedankenvoll am Horizont, und ihre Strahlen warfen ihr gelbes Licht in die stille, kleine Bettkammer, in der Georg und seine Frau saßen. Er hatte sein Kind auf dem Knie, und hielt seines Weibes Hand in der seinigen. Beide schienen in ernsten Betrachtungen begriffen zu sein, und auf ihren Wangen waren Spuren von Thränen sichtbar.
»Ja, Elisa,« sagte Georg, »ich weiß, Alles, was Du sagst, ist wahr. Du bist ein gutes Kind, — viel besser als ich bin; und ich will mir Mühe geben, das zu thun, was Du sagst. Ich will mich bemühen, eines freien Menschen würdig zu handeln, und christliche Gefühle zu hegen. Gott der Allmächtige weiß, daß es immer mein Streben war, — mein eifriges Streben, — gut zu handeln, auch wenn Alles gegen mich war; und nun will ich die ganze Vergangenheit vergessen, und jedes bittere Gefühl unterdrücken, und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu sein.«
»Und wenn wir nach Kanada kommen,« sagte Elisa, »kann ich Dir helfen. Ich verstehe das Kleidermachen, und kann feine Wäsche waschen und plätten, und für uns Beide wird sich schon etwas zu leben finden.«
»Ja, Elisa, so lange als wir uns und unser Kind haben. O Elisa! wenn diese Menschen nur wüßten, was für ein beseligendes Gefühl es für einen Mann ist, zu wissen, daß sein Weib und sein Kind ihm angehören! Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die ihre Weiber und Kinder ihr eigen nennen konnten, und sich doch um andre Dinge abmühten und abquälten. Ich fühle mich reich und stark, obgleich wir nichts besitzen als unsere leeren Hände. Mir ist, als könne ich Gott kaum noch um etwas bitten. Ja, obgleich ich jeden Tag schwer gearbeitet habe bis zu meinem fünfundzwanzigsten Jahre, so besitze ich doch keinen Cent Geld, und weder ein Dach, das mich schützt, noch ein Stückchen Landes, das ich mein nennen könnte; aber, wenn sie mich jetzt nur in Ruhe lassen, so will ich zufrieden, — dankbar sein; ich will arbeiten, und das Geld für Dich und den Knaben zurücksenden. Was meinen alten Herrn betrifft, so hat er bereits durch mich fünfmal mehr eingenommen, als er je für mich ausgegeben; ihm schulde ich nichts.«
»Aber wir sind noch nicht außer Gefahr,« sagte Elisa, »wir sind noch nicht in Kanada.«
»Das ist wahr,« sagte Georg, »aber mir ist, als wenn ich freie Luft fühlte, — sie macht mich stark.«
In diesem Augenblicke wurden Stimmen in dem anstoßenden Zimmer gehört, die in eifriger Unterredung begriffen waren, und gleich darauf wurde an die Thür gepocht. Elisa stand auf und öffnete sie.
Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war lang, groß und rothhaarig, und trug den Ausdruck großer Schärfe und Schlauheit in seinem Gesichte. Er hatte nicht die gelassene, ruhige, unweltliche Miene Simeon Halliday's, sondern mehr die Erscheinung eines sehr aufgeweckten Mannes, der stolz darauf ist, zu wissen, was er wolle, und mit scharfem Blicke Alles um sich beobachtet: Eigenschaften, welche allerdings sonderbar zu dem breitkrempigen Hute und der breiten, förmlichen Phraseologie des Quäkers paßten.
»Unser Freund Phineas hat Etwas entdeckt, was von Wichtigkeit für Dich und Deine Gefährten ist, Georg,« sagte Simeon; »ich glaube, es ist nöthig, daß Du es hörest.«
»Ja,« sagte Phineas, »das habe ich, und es zeigt, welchen Nutzen es gewährt, wenn ein Mensch an gewissen Oertern stets mit einem Ohre offen schläft. Vorige Nacht blieb ich in einem kleinen, einsamen Wirthshause, ein gutes Stück weit von hier, am Wege. Du entsinnst Dich des Ortes, Simeon, wo wir im vorigen Jahre Aepfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen verkauften. Ich war müde vom langen Fahren, und als ich mit dem Abendbrod fertig war, legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der Ecke nieder und zog eine Buffalohaut über mich, um zu warten, bis mein Bett fertig sein würde; und was geschah? — ich schlief fest ein.«
»Mit einem Ohre offen, Phineas?« fragte Simeon ruhig.
»Nein, ich schlief ein paar Stunden lang mit Ohren und Allem, denn ich war sehr müde; allein als ich wieder etwas munter wurde, bemerkte ich, daß inzwischen einige Leute in das Zimmer gekommen waren, die um einen Tisch saßen, und tranken und schwatzten; und ich dachte, ich wollte, ehe ich viel Lärm machte, erst einmal hören, was sie eigentlich vorhatten, um so mehr, als ich sie von Quäkern reden hörte. »»So,«« sagte Einer, »»das ist kein Zweifel, sie sind in der Quäker-Niederlassung.«« Dann horchte ich mit beiden Ohren und vernahm, daß sie gerade von diesen Leuten sprachen. So blieb ich also liegen und hörte sie alle ihre Pläne auseinandersetzen. Dieser junge Mann, sagten sie, solle nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, der ein Beispiel an ihm setzen wolle, um alle Neger vom Entlaufen abzuschrecken; und seine Frau sollten Zwei von ihnen nach New-Orleans hinunterbringen, und für eigene Rechnung verkaufen; und das Kind, sagten sie, gehe zu einem Händler, der es gekauft habe. Sie sagten auch, daß zwei Konstabels in der Stadt nahe bei wären, die ihnen helfen wollten, sie einzufangen; und das junge Frauenzimmer sollte vor einen Richter gebracht werden, und einer von den Burschen, ein kleiner, der so sanft spricht, sollte beschwören, daß sie ihm gehöre, und sie sich ausliefern lassen, um sie nach New-Orleans zu bringen, wo sie sechszehnhundert oder achtzehnhundert Dollars für sie zu bekommen hofften. Sie kannten die Richtung ganz genau, die wir diese Nacht nehmen wollten, und sie werden sechs oder acht Mann stark hinter uns sein. Was ist also nun zu thun?«
Die Gruppe, die sich nach dieser Mittheilung in verschiedenen Stellungen befand, war eines Malers werth. Rachel Halliday, welche ihre Hände aus einem Zwiebacksteige hervorgezogen hatte, um die Neuigkeiten zu hören, stand da, sie in ihrem mehligen Zustande emporgehoben haltend, und drückte die tiefste Besorgniß in ihrem Gesichte aus. Simeon schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; und Elisa hatte ihre Arme um ihren Mann geschlungen und sah zu ihm auf. Georg stand mit geballten Fäusten und funkelnden Augen da, und sah gerade so aus, wie jeder andere Mann aussehen würde, dessen Weib meistbietend verkauft, und dessen Kind einem Sklavenhändler übergeben werden soll, und zwar unter dem Schutze der Gesetze einer christlichen Nation.
»Was sollen wir thun, Georg?« fragte Elisa angstvoll.
»Ich weiß, was ich thun werde,« entgegnete Georg, indem er in das kleine Zimmer ging und seine Pistolen zu untersuchen begann.
»Aha,« sagte Phineas, Simeon zunickend, »Du siehst, Simeon, wo das hinaus will.«
»Ich sehe,« entgegnete Simeon seufzend; »und bitte Gott, daß es nicht dahin kommen möge.«
»Ich will Niemanden durch und für mich in Verlegenheit bringen,« sagte Georg. »Wenn Sie mir nur Ihren Wagen leihen und mir die Richtung angeben wollen, so will ich allein bis nach der nächsten Niederlassung fahren. Jim ist stark wie ein Riese, und tapfer wie Tod und Verzweiflung, und ich auch.«
»Das ist ganz gut, Freund,« sagte Phineas, »aber Du wirst doch immer einen Fuhrmann nöthig haben. Es ist mir ganz recht, wenn Du alle das Fechten und Schlagen allein besorgst, aber ich weiß etwas mehr vom Wege als Du.«
»Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen,« sagte Georg.
»In Verlegenheit bringen?« entgegnete Phineas, mit einer sonderbaren, sarkastischen Miene. »Freund, so bald Du mich in Verlegenheit bringen wirst, so sag' es mir nur.«
»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann,« sagte Simeon. »Du thust wohl, Georg, wenn Du seinem Rathe folgst; und,« fügte er hinzu, seine Hand freundlich auf Georg's Schulter legend, und auf die Pistolen deutend, »sei nicht zu schnell mit diesen da, — junges Blut ist heiß.«
»Ich will Niemanden angreifen,« sagte Georg. »Alles, was ich von diesem Lande verlange, ist, daß man mich im Frieden ziehen lasse, und ich will still und ruhig hinausgehen; aber« — er hielt inne, während seine Stirne finster wie Nacht wurde, und sein Gesicht zu arbeiten anfing, — »ich hatte eine Schwester, die auf jenem Markte von New-Orleans verkauft wurde; — ich weiß, wozu sie dort verkauft werden, — und ich soll dabei stehen und zusehen, wie sie mir mein Weib nehmen und es verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme, sie zu vertheidigen, gegeben hat? Nein, so wahr Gott mir helfe! Ich will kämpfen bis zum letzten Hauche, ehe sie mein Weib und mein Kind nehmen sollen. Können Sie mich deshalb tadeln?«
»Menschen können Dich darum nicht tadeln, Georg. Fleisch und Blut kann nicht anders handeln,« sagte Simeon. »Wehe der Welt der Aergerniß halber; doch wehe denen, durch welche Aergerniß kommt.«
»Würden Sie nicht sogar, Herr, dasselbe in meiner Stelle thun?«
»Ich bete, daß ich nicht in Versuchung fallen möge,« entgegnete Simeon; »das Fleisch ist schwach.«
»Ich denke, mein Fleisch würde in solchem Falle leidlich stark sein,« sagte Phineas, indem er ein Paar Arme wie die Flügel einer Windmühle ausstreckte. »Ich weiß nicht, Freund Georg, ob ich nicht vielleicht einen Burschen für Dich festhalten könnte, wenn Du eine Rechnung mit ihm abzumachen haben solltest.«
»Wenn der Mensch je berechtigt ist, sich dem Uebel zu widersetzen, so darf Georg es jetzt wohl thun; allein die Lehrer unseres Volkes haben uns ein besseres Mittel gezeigt, denn des Menschen Zorn thut nicht, was vor Gott recht ist. Aber es streitet hart gegen den verderbten Willen des Menschen, und Niemand kann es empfangen, denn die, denen es gegeben ist. Also laßt uns Gott bitten, daß wir nicht in Versuchung fallen.«
»Das will ich auch,« sagte Phineas; »aber wenn wir zu stark versucht werden, — nun, dann laß Jene sich vorsehen.«
»Es ist deutlich erkennbar, daß Du nicht als ein Freund geboren worden bist,« sagte Simeon lächelnd. »Die alte Natur ist noch gewaltig stark in Dir.«
Um die Wahrheit zu sagen, Phineas war ein kräftiger Waldbewohner gewesen, mit zwei derben Fäusten, ein eifriger Jäger und ein gefährlicher Schütze für den Rehbock. Allein, als er sich um die Gunst einer hübschen Quäkerin bewarb, wurde er von der Macht ihrer Reize bewogen, ein Mitglied der in der Nähe wohnenden Brüderschaft zu werden; und obgleich er ein ehrbares, nüchternes, wirksames Mitglied wurde und nichts Besonderes gegen ihn einzuwenden war, so glaubten die geistig höher Stehenden in der Gemeinde doch einen großen Mangel an »Geruch in seiner Erkenntniß« zu bemerken.
»Freund Phineas will immer seine eigenen Wege haben,« sagte Rachel Halliday lächelnd; »aber wir sind dennoch alle der Meinung, daß sein Herz auf dem rechten Flecke ist.«
»Wohl,« sagte Georg, »ist es nicht besser, wir beeilen uns mit unserer Flucht?«
»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in größter Eile hierhergekommen, also wenigstens zwei bis drei Stunden Jenen voraus, wenn sie zu der Zeit aufgebrochen sind, wie sie wollten. Es ist nicht rathsam, vor der Dunkelheit zu gehen, denn in den Dörfern vor uns gibt es manche schlechte Burschen, die geneigt sein könnten, mit uns anzubinden, wenn sie unsern Wagen sehen, und das würde uns länger aufhalten, als wenn wir hier warten; aber in zwei Stunden, denke ich, können wir es wagen. Ich will zu Michael Croß gehen und ihm sagen, daß er uns mit seinem schnellfüßigen Klepper nachkomme und sich auf dem Wege scharf umsehe, und uns ein Zeichen gebe, im Falle er einen Trupp Männer antreffen sollte. Michael hat ein Pferd, das jedes andere Pferd leicht überholt; oder er könnte uns auch einen Schuß zum Zeichen geben, wenn Gefahr eintreten sollte. Ich gehe jetzt zu Jim, um ihm zu sagen, daß er mit der alten Frau bereit sein und nach dem Pferde sehen solle. Wir haben einen guten Vorsprung und alle Aussicht, die Niederlassung eher zu erreichen, als uns Jene einholen können. Also, guten Muth, Freund Georg! Dies ist nicht der erste böse Fall, in dem ich mit den Leuten deines Volkes zu thun gehabt habe,« sagte Phineas, indem er die Thür hinter sich schloß.
»Phineas ist schlau und gewandt,« sagte Simeon. »Er wird das Beste für Dich thun, was geschehen kann, Georg.«
»Was mir nur leid thut,« sagte Georg, »ist die Gefahr, der Sie sich aussetzen.«
»Du wirst uns einen großen Gefallen thun, Freund Georg,« entgegnete Simeon, »wenn Du das nicht mehr erwähnen willst. Was wir thun, befiehlt uns unser Gewissen zu thun; wir können nicht anders. Und nun, Mutter,« fügte er, zu Rachel gewendet, hinzu, »beeile Deine Zubereitungen für diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend entlassen.«
Während Rachel und ihre Kinder nunmehr geschäftig waren, Brodkuchen zu backen und Schinken und Hühner zu kochen, und alle et cetera's des Abendessens zu beeilen, saßen Georg und seine Frau in ihrem kleinen Zimmer, mit fest verschlungenen Armen, und in solchem Gespräch begriffen, wie es zwischen Mann und Frau stattfindet, wenn sie wissen, daß sie in wenigen Stunden vielleicht auf ewig von einander getrennt sind.
»Elisa,« sagte Georg, »Menschen, die Freunde und Häuser und Land und Geld und alle diese Dinge haben, können sich einander nicht so lieben, wie wir es thun, die nichts haben, als uns selbst. Ehe ich Dich kannte, Elisa, hatte mich nie ein menschliches Wesen geliebt, ausgenommen meine arme, unglückliche Mutter, und meine Schwester. Ich sah die arme Emilie an dem Morgen, wo sie von dem Händler fortgeschleppt wurde. Sie kam nach der Ecke, wo ich lag und schlief, und sagte: »»Armer Georg, Dein letzter Freund verläßt Dich jetzt. Was wird aus Dir werden, armer Junge?«« Ich sprang auf, und schlang meine Arme um sie, und weinte und schluchzte, und sie weinte mit. Dies waren die letzten freundlichen Worte, die ich in zehn langen Jahren hörte; mein Herz vertrocknete gänzlich, und war wie Asche geworden, als ich Dich fand. Deine Liebe erweckte mich gleichsam von den Todten! Ich bin ein neuer Mensch seitdem geworden! Und nun, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen hingeben, ehe sie Dich mir entreißen. Wer Dich haben will, muß erst über meinen Leichnam gehen.«
»O Gott sei uns gnädig,« sagte Elisa schluchzend. »Wenn er uns aus diesem Lande glücklich führen wollte, — das ist Alles, um was wir ihn bitten.«
»Ist Gott auf ihrer Seite?« sagte Georg, weniger zu seiner Frau sprechend, als seinen eignen, bittern Betrachtungen folgend. »Sieht er Alles, was sie thun? Weshalb läßt er solche Dinge geschehen? Und sie behaupten, daß die Bibel auf ihrer Seite sei; — ja, alle Gewalt ist auf ihrer Seite. Sie sind reich, gesund und glücklich; sind Mitglieder von Kirchen, und gedenken in den Himmel zu kommen, und gehen so bequem durch die Welt, und haben Alles ganz so, wie sie es wünschen; und arme, ehrliche, treue Christen, — eben so gute, wie sie, und bessere vielleicht, — liegen im Staube unter ihren Füßen. Sie kaufen und verkaufen sie, treiben Handel mit ihrem Herzblut, mit ihren Seufzern und Thränen, — und Gott läßt es geschehen.«
»Freund Georg,« sagte Simeon von der Küche aus zu ihm, »höre diesen Psalm; er wird Dir vielleicht wohlthätig sein.«
Georg zog seinen Sitz bis nahe an die Thür, und Elisa, ihre Thränen trocknend, kam ebenfalls hervor, um zu horchen, während Simeon las wie folgt:
»Ich aber hätte sicher gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt hätte beinahe geglitten.
»Denn es verdroß mich auf die Ruhmräthigen, da ich sah, daß es den Gottlosen so wohl ging.
»Sie sind nicht im Unglück, wie andre Leute, und werden nicht wie andre Menschen geplagt.
»Darum muß ihr Trotzen ein köstliches Ding sein, und ihr Frevel muß wohlgethan heißen.
»Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst; sie thun, was sie nur gedenken.
»Sie vernichten Alles, und reden übel davon, und reden und lästern hoch her.
»Darum fällt ihnen der Pöbel zu, und laufen ihnen zu mit Haufen wie Wasser,
»Und sprechen: Was sollte Gott nach jenen fragen? Was sollte der Höchste ihrer achten?«
»Sind das nicht Deine Empfindungen, Georg?« fragte Simeon nach Lesung dieser Verse.
»Sie sind es, in der That,« sagte Georg, »so genau, als wenn ich sie selbst niedergeschrieben hätte.«
»Dann höre weiter,« sagte Simeon, und las:
»Ich gedachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte: aber es war mir zu schwer,
»Bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes, und merkte auf ihr Ende.
»Aber Du setzest sie auf's Schlüpfrige, und stürzest sie zu Boden.
»Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, so machst Du, Herr, ihr Bild in der Stadt verschmähet.
»Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand.
»Du leitest mich bei Deinem Rath, und nimmst mich endlich zu Ehren an.
»Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
»Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.«
Die Worte heiligen Vertrauens, die von den Lippen des freundlichen alten Mannes flossen, stahlen sich wie heilige Musik in den gequälten, erhitzten Geist Georg's; und als Jener geendet hatte, saß er da mit dem Ausdrucke von Sanftmuth und Demuth in seinen schönen Zügen.
»Wenn diese Welt Alles wäre, Georg,« sagte Simeon, »so könntest Du allerdings fragen, wo ist der Herr? Aber es sind oft Diejenigen, welche in diesem Leben am allerwenigsten haben, die er für sein Reich auserwählt. Vertraue auf ihn, und was auch immer Dich hier befallen möge, Er wird jenseits Alles gut machen.«
Wenn diese Worte von einem bequemen, selbstzufriedenen Ermahner gekommen wären, in dessen Munde sie als eine bloße rhetorische Redensart hätten gelten können, wie sie Unglücklichen gegenüber so häufig gebraucht werden, so hätten sie vielleicht keine große Wirkung gehabt; allein da sie aus dem Munde eines Mannes flossen, der sich für die heilige Sache Gottes und der Menschen täglich der Gefahr aussetzte, an seinem Gut und seiner Freiheit gestraft zu werden, so hatten sie ein Gewicht, das von jedem empfunden werden mußte, und unsere armen, heimathlosen Flüchtlinge, Georg und Elisa, fühlten deshalb Ruhe und Kraft aus ihnen in ihre Herzen strömen.
Und nun nahm Rachel Elisa freundlich bei der Hand, und führte sie an den Abendtisch. Als Alle darum saßen, wurde ein leises Klopfen an die Thür gehört, und Ruth trat ein.
»Ich bin nur grade hergelaufen,« sagte sie, »um die kleinen Strümpfe hier für den Knaben zu bringen, — drei Paar warme wollene. Es wird sehr kalt sein, verstehst Du, da in Kanada. Hast Du guten Muth, Elisa?« fügte sie hinzu, um den Tisch herum an Elisa's Seite trippelnd, und ihr herzlich die Hand schüttelnd, während sie zugleich in Harry's Hand einen kleinen Kuchen schob. »Ich habe hier ein kleines Packetchen für ihn,« sagte sie, indem sie an ihrer Tasche zupfte und zog, um es hervor zu holen. »Kinder, weißt Du, wollen immer etwas zu essen haben.«
»O, ich danke Ihnen, Sie sind so gütig,« sagte Elisa.
»Komm' Ruth, setz' Dich, und iß etwas mit,« sagte Rachel.
»Ich kann nicht, — unmöglich. Ich habe John mit dem Kinde zu Hause gelassen, und Zwiebacke im Ofen stehen. Ich kann also keinen Augenblick bleiben, sonst verbrennt mir John alle Zwiebacke, und gibt dem Kinde allen Zucker, der in der Schaale ist. So macht er es immer,« sagte die kleine Quäkerin lachend. »Also, leb' wohl, Elisa, leb' wohl, Georg, der Herr gebe Euch eine glückliche Reise!« und nach einigem Trippeln war Ruth aus dem Zimmer verschwunden.
Bald nach dem Essen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor die Hausthür. Die Nacht war sternhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitze herab, um seine Passagiere in Ordnung zu bringen. Georg schritt zur Hausthür hinaus mit dem Kinde auf dem einen Arme, und mit seiner Frau am andern. Sein Schritt war fest, sein Gesicht ruhig und entschlossen. Simeon und Rachel folgten hinter ihnen.
»Steigt einen Augenblick heraus,« sagte Phineas zu denen innerhalb des Wagens, »und laßt mich den Rücksitz im Wagen für die Frauenzimmer und das Kind zurecht machen.«
»Hier sind die beiden Buffalohäute,« sagte Rachel. »Mache die Sitze so bequem wie möglich; es greift an, die ganze Nacht zu fahren.«
Jim kam zuerst heraus, und half seiner alten Mutter, die an seinem Arme hing, und sich ängstlich umsah, als wenn sie jeden Augenblick die Verfolger erwarte.
»Jim, sind Deine Pistolen in Ordnung?« fragte Georg mit leiser, fester Stimme.
»Ja wohl,« entgegnete Jim.
»Und Du bist nicht zweifelhaft darüber, was Du zu thun hast, wenn sie kommen sollten?«
»Ich denke nicht,« sagte Jim, seine breite Brust mit einem tiefen Athemzuge aufwerfend. »Glaubst Du, ich will sie meine arme Mutter mir wieder abnehmen lassen?«
Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer gütigen Freundin Rachel Abschied genommen, und war von Simeon in den Wagen gehoben worden, wo sie, mit ihrem Kinde auf den Hintersitz kriechend, unter den Buffalohäuten Platz nahm. Die alte Frau wurde nächst ihr hinein befördert, und kam neben ihr zu sitzen, während Georg und Jim ihre Plätze auf einem rohen Brette ihnen gegenüber erhielten, und Phineas den Frontsitz des Wagens bestieg.
»Lebt wohl, meine Freunde,« sagte Simeon von außen.
»Gott segne Euch!« antworteten Alle von innen, und der Wagen fuhr rasselnd und stoßend über den hart gefrorenen Boden fort.
Wegen der Rauhigkeit des Weges und des Gerassels der Räder war keine Unterhaltung möglich. Der Wagen rumpelte deshalb fort durch lange, dunkle Waldwege, — über weite, einsame Ebenen, — bergauf und bergab, — eine Stunde nach der andern. Das Kind fiel bald in Schlaf und lag schwer auf dem Schooße seiner Mutter. Die arme, zitternde alte Frau vergaß zuletzt ihre Furcht; und selbst Elisa fand, als der Morgen graute, alle ihre Besorgnisse unzureichend, um ihre Augen ungeschlossen zu erhalten. Phineas schien der Munterste von der ganzen Gesellschaft zu sein, und suchte sich die Zeit seiner langen Fahrt dadurch zu verkürzen, daß er verschiedene sehr unquäckerische Lieder pfiff.
Gegen vier Uhr Morgens hörte Georg plötzlich deutliche Pferdehufe eiligst hinter ihnen her kommen, und stieß deshalb Phineas an den Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.
»Das muß Michael sein,« sagte er; »ich glaube, ich kenne den Klang seines Gallops,« und streckte seinen Kopf weit zurück, um den Weg zu überschauen.
Jetzt wurde ein in größter Eile reitender Mann in einiger Entfernung auf der Spitze eines Hügels dunkel erkennbar.
»Das ist er, glaube ich!« sagte Phineas. Georg und Jim sprangen zum Wagen hinaus, ehe sie wußten, was sie eigentlich thaten. Alle standen im tiefsten Schweigen, während ihre Gesichter dem erwarteten Boten zugewendet waren, der immer näher kam. Jetzt ging sein Lauf in ein Thal hinab, wo sie ihn nicht sehen konnten, aber sie hörten den scharfen, hastigen Hufschlag immer deutlicher werden, bis er endlich auf der Höhe eines Hügels emportauchte und nahe genug war, um angerufen werden zu können.
»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas, seine Stimme erhebend. »Holla, hier Michael!«
»Phineas! bist Du es?«
»Ja, was für Nachrichten, — kommen sie?«
»Geraden Wegs hinter mir, acht oder zehn Mann, voll von Brandwein, und fluchen und schäumen wie Wölfe.«
Und während er sprach, trug der Morgenwind ihnen den fernen Schall gallopirender Reiter zu.
»Hinein mit Euch, — schnell, Jungens, hinein!« rief Phineas. »Wenn Ihr einmal fechten müßt, so wartet, bis ich Euch ein Stück weiter gebracht habe.«
Nach diesen Worten sprangen Beide hinein, und Phineas trieb die Pferde an, während der Reiter dicht hinter ihnen folgte. Der Wagen rasselte, sprang und flog beinahe über den hartgefrorenen Boden hin; aber deutlicher und immer deutlicher wurde der Schall der verfolgenden Reiter hörbar. Die Weiber hörten ihn und blickten ängstlich hinaus, und sahen am Rande eines fernen Hügels hinter ihnen einen Trupp Männer gegen den röthlichen Morgenhimmel zum Vorschein kommen. Bald darauf hatten die Verfolger den Wagen entdeckt, dessen weißer Plan ihn in der Entfernung leicht erkennbar machte, und der Wind trug das wilde Gebrüll ihrer Freude zu den Fliehenden hinüber. Elisa war einer Ohnmacht nahe und preßte ihr Kind fester an den Busen; die alte Frau betete und stöhnte und Georg und Jim faßten ihre Pistolen mit verzweiflungsvollem Griffe. Die Verfolger kamen näher und immer näher, als der Wagen plötzlich eine Wendung machte und sie an die Wand eines steil überhängenden Felsens brachte, welcher sich in gewaltigen Massen vereinzelt erhob, während die umliegende Gegend, mit sanfter Abdachung, flach und eben war. Diese isolirte Felswand stieg schwarz und schwerfällig gegen den heller werdenden Himmel auf, und schien den Flüchtigen Schutz und einen Zufluchtsort gewähren zu wollen. Phineas kannte den Ort und die Lokalität aus seiner Jägerzeit her genau, und nur in der Absicht, diesen Punkt zu erreichen, hatte er seine Pferde so stark angetrieben.
»Nun schnell!« rief er, plötzlich seine Pferde anhaltend und von seinem Sitze herab springend. »Heraus mit Euch allen jetzt, blitzschnell, und fort mit mir in die Felsen. Michael, Du bindest Dein Pferd an den Wagen und fährst voraus zu Amariah, und sage ihm, er solle mit seinen Jungen hierher kommen und ein Wort mit den Burschen da reden.«
Im Nu waren Alle aus dem Wagen heraus.
»Kommt,« sagte Phineas, den kleinen Harry auf den Arm nehmend, »Ihr sorgt für die Weiber, und nun schnell, lauft jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gelaufen seid!«
Es bedurfte keiner besondern Ermahnung. Schneller als wir es sagen können, hatte die ganze Gesellschaft die Umzäunung überstiegen und eilte den Felsen zu, während Michael, der inzwischen vom Pferde gesprungen war und dasselbe an den Wagen befestigt hatte, jetzt in vollem Laufe davon fuhr.
»Vorwärts!« rief Phineas, als sie die Felsen erreichten, und er in gemischtem Lichte der Sterne und der Morgendämmerung die Spuren eines rauhen, aber deutlich ausgetretenen Fußpfades entdeckte, welcher hinauf führte; »das ist eine unserer alten Jagdhöhlen!«
Phineas ging voran, indem er, einer Gemse gleich, von Fels zu Fels mit dem Knaben auf dem Arme sprang. Hinter ihm folgte Jim, der seine bebende, alte Mutter auf der Schulter trug, und Georg und Elisa bildeten den Schluß des Zuges. Während dessen hatten die Reiter die Umzäunung erreicht und stiegen jetzt schreiend und fluchend ab, um ihnen zu folgen. Wenige Sekunden Klettern brachte Jene auf die Höhe der Felsen, wo der Fußpfad einen so engen Paß bildete, daß nur Einer nach dem Andern gehen konnte, bis sie plötzlich an eine Felsspalte von beinahe drei Fuß Breite kamen, an deren gegenüber liegender Seite sich eine neue, abgesonderte Felswand von dreißig Fuß Höhe, und mit steilen, senkrechten Wänden, gleich denen eines Schlosses, erhob. Phineas sprang mit Leichtigkeit über die Felsspalte, und setzte dort den Knaben auf eine ebene, mit weichem, krausem Moose überwachsene Felsplatte nieder.
»Herüber mit Euch! springt jetzt, wenn Ihr je in Eurem Leben gesprungen seid!« rief er, während Einer nach dem Andern den Sprung glücklich vollbrachte. Mehrere Bruchstücke loser Steine bildeten eine Art Brustwehr, welche ihre Stellung gegen Beobachtung von Seiten der unten Befindlichen schützte.
»Also hier wären wir Alle,« sagte Phineas, während er über die steinerne Brustwehr lugte, um die Angreifer zu beobachten, welche lärmend und tobend den Felsweg herauf kamen. »Sie mögen uns fangen, wenn sie können. Wer heran will, muß einzeln durch den Paß da zwischen den beiden Felsen gehen, und ist also in der geraden Richtung Eurer Pistolen, — seht Ihr, Jungens?«
»Ich sehe es,« sagte Georg; »und da dies nun unsere Sache allein ist, so wollen wir auch alle Gefahr übernehmen, und den ganzen Kampf allein bestehen.«
»Ist mir ganz recht, wenn Du es ausfechten willst, Freund Georg,« entgegnete Phineas, »aber Du wirst mir doch den Spaß lassen, zuzuschauen? Sieh' nur, wie die Burschen da unten berathschlagen und hier herauf gucken wie Hennen, wenn sie zu Neste fliegen wollen. Wärs nicht besser, wenn Du ihnen 'nen guten Rath gäbest, ehe sie herauf kommen, und ihnen gelassen sagtest, daß sie todtgeschossen würden, wenn sie's thäten?«
Die Gesellschaft am Fuße des Felsens, welche jetzt im heller werdenden Morgenlichte deutlicher erkennbar wurde, bestand aus unsern alten Freunden Tom Locker und Marks, nebst zwei Konstablern und einer Anzahl liederlicher Bursche, die in der letzten Schenke durch etwas Brandwein geworben worden waren, bei dem interessanten Geschäfte, Nigger einzufangen, hülfreiche Hand zu leisten.
»He, Tom, Eure Affen sind glücklich aufgespürt,« sagte Einer von ihnen.
»Ja, ich sah sie gerade hier hinauf gehen,« erwiederte Tom, »hier ist der Fußweg. Sie können doch nicht Alle mit einem Male 'nunterspringen, und 's wird nicht lange dauern, um sie einzukreisen und herauszuholen.«
»Aber, Tom, sie könnten ja hinter den Felsen hervorschießen,« sagte Marks; — »das wäre unangenehm!«
»Uf!« entgegnete Tom mit höhnischem Lachen, — »Du bist immer für Deine Haut besorgt, Marks! Keine Gefahr hier, Nigger sind zu feig von Natur.«
»Ich weiß nicht, warum ich nicht für meine Haut besorgt sein soll,« sagte Marks; »sie ist das Beste, was ich habe; und Niggers fechten manchmal wie der Teufel.«
In diesem Augenblick erschien Georg auf der Höhe des Felsens über ihnen und sagte, indem er mit ruhiger, deutlicher Stimme sprach:
»Meine Herren, wer sind Sie, dort unten, und was wollen Sie hier?«
»Wir suchen 'ne Partie weggelaufener Nigger,« sagte Tom Locker. »Einen gewissen Georg Harris und Elisa Harris, und ihr Junges, und Jim Selden, und ein altes Weib. Wir haben die Konstabler hier und 'nen Haftsbefehl, und wir wollen sie haben, — versteht Ihr? — He, bist Du nicht selbst Georg Harris, der Mr. Harris in Kentucky gehört?«
»Ich bin Georg Harris. Ein Mr. Harris in Kentucky nannte mich sein Eigenthum; — aber ich bin jetzt ein freier Mensch, stehe auf Gottes freiem Boden und beanspruche mein Weib und mein Kind als mein eigen. Jim und seine Mutter sind auch hier. Wir haben Arme, uns zu vertheidigen, und wir sind fest entschlossen, es zu thun. Ihr mögt herauf kommen, wenn Ihr wollt; aber der Erste von Euch, der in den Bereich unserer Kugeln kommt, ist verloren, und so der nächste und der folgende, bis zum Letzten.«
»Ah, was!« sagte ein kleiner, aufgeblasener Mann hervortretend und sich seine Nase ausschnaubend. »Junger Mann, das ist gar keine Art Gespräch, was sich für Dich paßt. Du siehst, wir sind Konstabler. Wir haben das Gesetz auf unserer Seite, und die Macht, und so weiter; so also thust Du am Besten, Du ergiebst Dich gutwillig, denn endlich mußt Du es doch thun.«
»Ich weiß sehr wohl, daß Ihr das Recht und die Macht auf Eurer Seite habt,« sagte Georg mit bitterem Tone. »Ihr wollt mein Weib nehmen, um es in New-Orleans zu verkaufen, und mein Kind wollt Ihr wie ein Kalb einem Händler überliefern, und Jim's alte Mutter wollt Ihr zu dem viehischen Menschen zurücksenden, der sie gepeitscht und gemißhandelt hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Mich und Jim wollt Ihr zurück schicken, um gepeitscht und gemartert und von den Hacken derjenigen zertreten zu werden, die Ihr unsere Herren nennt; und Eure Gesetze werden Euch darin unterstützen, — was für sie und Euch um so mehr Schande ist! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Gesetze nicht an; wir erkennen Euer Land nicht an; wir stehen hier frei unter Gottes Himmel wie Ihr, und bei dem großen Gott, der uns geschaffen hat, wir wollen unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen vertheidigen!«
Georg's Figur war vollständig sichtbar, als er auf der Höhe des Felsens stand, und diese Unabhängigkeitserklärung machte. Das Morgenlicht warf einen röthlichen Schein auf seine bräunliche Wange, und die innere Erbitterung und Verzweiflung verliehen seinem dunklen Auge Feuer, und als ob er an die Gerechtigkeit Gottes appellire, hob er während des Sprechens seine Hände gen Himmel. Seine Stellung, sein Auge, seine Stimme und die Art und die Weise seines Sprechens hatten auf die unten befindliche Gesellschaft einen momentanen Eindruck gemacht, und sie zum Schweigen gebracht. Es liegt etwas in Kühnheit und Entschlossenheit, was selbst der rohesten Natur eine Zeit lang imponirt. Marks war der Einzige, der ganz unempfänglich dafür blieb. Er spannte wohlbedächtig seine Pistole, und drückte während des momentanen Schweigens, das auf Georgs Rede folgte, auf ihn ab.
»Ihr wißt, Ihr bekommt gerade eben so viel für ihn todt wie lebendig in Kentucky,« sagte er, indem er seine Pistole kaltblütig am Rockärmel abwischte.
Georg sprang zurück, — Elisa stieß einen Schrei aus, die Kugel war dicht an seinem Haar vorüber gestrichen, hatte beinahe die Wange seiner Frau gestreift und war in einen Baum oberhalb gefahren.
»Es ist nichts, Elisa,« sagte Georg schnell.
»Du thätest besser, denen aus dem Gesichte zu gehen mit Deinen vielen Redensarten,« sagte Phineas, »das sind gemeine Banditen.«
»Nun, Jim,« sagte Georg, »sieh' zu, daß Deine Pistolen in Ordnung sind, und passe auf diesen Weg hier mit mir. Auf den Ersten, der sich zeigt, schieße ich; Du nimmst den Zweiten und so fort. Wir dürfen nicht zwei Schüsse auf Einen verschwenden, — verstehst Du?«
»Aber wenn Du nicht triffst?«
»Ich werde treffen,« entgegnete Georg kaltblütig.
»Brav! in dem Burschen steckt 'was!« murmelte Phineas zwischen den Zähnen.
Die Gesellschaft unten stand, nachdem Marks geschossen hatte, einen Augenblick unschlüssig.
»Ich denke, Du mußt Einen getroffen haben,« sagte einer der Männer; — »ich hörte ein Gekreisch.«
»Ich gehe jetzt gerade hinauf, und will mir Einen holen,« sagte Tom; — »habe mich nie vor Niggern gefürchtet, und werde 's jetzt auch nicht thun. Wer folgt mir?« rief er, die Felsen hinaufspringend.
Georg hörte diese Worte deutlich. Er spannte sein Pistol, prüfte es, und richtete es auf den Punkt im Engpasse, wo der erste Mann erscheinen mußte.
Einer der muthigsten von der ganzen Gesellschaft folgte Tom, und nachdem der Weg auf diese Weise eröffnet war, folgte die ganze übrige Gesellschaft die Felsen hinauf, wobei die hinten Gehenden ihre Vorderleute eiliger drängten, als diese aus eigenem Antrieb vorgeschritten sein würden. Einen Augenblick später erschien Tom's aufgedunsene Gestalt beinahe dicht am Rande der Felsspalte.
Georg feuerte und die Kugel traf Tom's Seite; allein, obgleich verwundet, wollte er doch nicht zurückweichen, sondern sprang mit einem gellen Schrei, wie dem eines rasenden Stieres, über den Abgrund auf die drüben Stehenden zu.
»Freund,« sagte Phineas, indem er plötzlich hervortrat, und ihn mit einem kräftigen Stoße seiner langen Arme empfing, »Du bist hier nicht nöthig.«
Nieder in den Abgrund fuhr Tom, durch Baumzweige und Gebüsche brechend und über Stämme und lose Steine rollend, bis er, zerschlagen und stöhnend, dreißig Fuß tief unten lag. Der Fall würde ihn getödtet haben, wenn er nicht dadurch aufgehalten worden wäre, daß seine Kleider an den Zweigen eines starken Baumes hängen blieben.
»Gott sei uns gnädig, das sind wahre Teufel!« sagte Marks, indem er den Rückzug den Felsen hinunter mit bei weitem mehr gutem Willen anführte, als er beim Hinaufsteigen gezeigt hatte, während alle Uebrigen in eiliger Flucht stolpernd hinter ihm drein kamen.
»Hört Leute,« sagte Marks, »Ihr geht hier herum, und hebt Tom auf, während ich nach meinem Pferde laufe, um Hülfe zu holen, — versteht Ihr?« und ohne sich um das Geschrei und die Verhöhnungen zu kümmern, war Marks seinem Worte getreu und gallopirte gleich darauf davon.
»Gab es je solch ein erbärmliches Gewürm?« sagte einer der Männer; — »kommt hierher in Geschäften, und läuft dann davon und läßt uns hier so im Stiche!«
»Was hilfts! wir müssen doch den Kerl aufnehmen,« sagte ein Anderer. »Will verflucht sein, wenn ich 'was darnach frage, ob er todt oder lebendig ist.«
Die Männer, geführt von Tom's Stöhnen, kletterten nun über Wurzeln und Stämme nach dem Orte zu, wo der Held fluchend und stöhnend lag.
»Ihr laßt Euch ziemlich laut hören, Tom,« sagte Einer. »Seid Ihr schwer verwundet?«
»Weiß nicht. Hebt mich auf, — könnt Ihr denn nicht. Der Teufel hole den verfluchten Quäker! Wenn er nicht gewesen wäre, so hätte ich ein Paar von ihnen hier hinunter gestoßen, daß sie hätten sagen können, wie's ihnen gefällt.«
Mit großer Mühe und unter heftigem Stöhnen wurde der gefallene Held aufgerichtet und gestützt unter beiden Armen endlich bis zu den Pferden gebracht.
»Wenn Ihr mich nur eine Meile weit bis nach dem Wirthshause zurückbringen könntet. Gebt mir doch ein Taschentuch oder sonst Etwas, um das verfluchte Bluten zu stillen.«
Georg sah über die Felsen und bemerkte, daß sie bemüht waren, die schwerfällige Gestalt Tom's in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen fing er an zu wanken, und fiel mit seinem ganzen Gewichte auf den Boden nieder.
»O, ich hoffe, er ist nicht todt!« sagte Elisa, die mit der ganzen übrigen Gesellschaft den Hergang beobachtete.
»Warum nicht?« fragte Phineas; — »geschieht ihm recht.«
»Weil nach dem Tode das Gericht kommt,« sagte Elisa.
»Ja,« sagte die alte Frau, die während der ganzen Handlung in ihrer methodistischen Form geseufzt und gebetet hatte, »'s ist erschrecklich für die Seele des armen Menschen.«
»Auf mein Wort, ich glaube, sie lassen ihn liegen!« sagte Phineas.
Er hatte Recht; denn nach einigen Augenblicken anscheinender Unentschlossenheit und Berathung sprangen alle plötzlich in ihre Sättel und ritten davon. Als sie vollständig aus dem Gesicht waren, begann Phineas sich zu regen.
»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen,« sagte er. »Ich trug Michael auf, vorauszufahren, um Hülfe zu holen, und mit dem Wagen zurückzukommen; aber wir werden wohl ein Stück den Weg hinaufgehen müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe nur, daß er bald komme! Es ist früh am Tage; jetzt ist noch nicht viel Volk auf der Landstraße und wir sind nur noch zwei Meilen vom Orte entfernt. Wenn der Weg diese Nacht nicht so rauh gewesen wäre, so hätten wir ihnen ganz und gar entgehen können.« Als sich die Gesellschaft der Umzäunung nahte, gewahrten Alle in einiger Entfernung ihren eigenen Wagen in Begleitung mehrerer Reiter auf der Landstraße zurückkommen.
»Hallo, da ist Michael und Stephan und Amariah,« rief Phineas freudig. »Nun sind wir geborgen, — so sicher, als wenn wir schon dort wären.«
»O dann wartet hier einen Augenblick,« sagte Elisa, »und thut Etwas für den armen Menschen. Sein Stöhnen ist schrecklich.«
»Es wäre nicht mehr als christlich,« sagte Georg, »wir wollen ihn aufnehmen und mit uns fortschaffen.«
»Und ihn bei den Quäkern zurecht doktern!« sagte Phineas; »ganz hübsch das! Wohl, ich habe nichts dagegen! — wir wollen ihn uns 'mal ansehen.«
Mit diesen Worten näherte sich ihm Phineas, der während seiner Lebensweise als Jäger und Waldbewohner einige oberflächliche Kenntniß von Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder, und begann eine sorgfältige Untersuchung seines Zustandes.
»Marks,« sagte Tom schwach, »bist Du es, Marks?«
»Ich glaube nicht, Freund,« entgegnete Phineas. »Marks frägt viel nach Dir, wenn seine eigene Haut in Sicherheit ist; — ist fort, schon lange.«
»Ich glaube, 's ist aus mit mir,« sagte Tom. »Der verfluchte, feige Hund, — mich hier allein zu lassen, wenn ich sterbe! Meine arme alte Mutter hat mir's immer vorher gesagt, daß es so kommen würde!«
»Gottes willen! just hört nur die arme Seele. Er hat 'ne Mammy,« sagte die alte Negerin. »Ich kann nicht anders, er thut mir leid!«
»Sachte, sachte! — knurre und beiße nicht, Freund,« sagte Phineas, als Tom um sich schlug und seine Hand wegstieß. »Es ist keine Hoffnung für Dich, wenn ich nicht das Blut stille.«
Während Phineas sich sodann bemühte, einen vorläufigen Verband mit seinem eigenen Taschentuche und denen, die sich bei den übrigen vorfanden, anzulegen, sagte Tom schwach:
»Ihr habt mich da hinunter gestoßen.«
»Ja, sieh, Freund, wenn ich's nicht gethan hätte, so hättest Du uns hinunter gestoßen,« sagte Phineas, während er seinen Verband anlegte. »Hier, hier, — laß mich das befestigen. Wir meinen's gut mit Dir, — haben keine Bosheit gegen Dich. Du sollst nach einem Hause gebracht werden, wo sie Dich auf's Beste pflegen, — so gut, wie es Deine eigne Mutter nur könnte.«
Tom stöhnte und schloß seine Augen. Bei Menschen seines Schlages hängen Kraft und Entschlossenheit nur von physischen Beschaffenheiten ab, und schwinden mit dem ausströmenden Blute. Der gigantische Mensch sah in seiner Hülflosigkeit wirklich bemitleidenswerth aus.
Nunmehr wurden die Sitze aus dem Wagen herausgenommen, die Büffelhäute wurden vierdoppelt zusammengelegt, und längs der einen Seite des Wagens ausgebreitet, worauf vier Männer mit großer Anstrengung den schweren Körper Tom's hineinhoben. Ehe dies ausgeführt wurde, versank er in eine vollständige Ohnmacht. Die alte Negerin im Ueberflusse ihres Mitleids setzte sich auf den Boden des Wagens nieder und nahm seinen Kopf in ihren Schooß. Elisa, Georg und Jim ließen sich in dem noch übrigen Raume des Wagens nieder, wie es ging, und die Reise ging weiter.
»Was haltet Ihr von seinem Zustande?« fragte Georg, der neben Phineas auf dem vordersten Sitze saß.
»Es ist nur eine tiefe Fleischwunde; aber das Herunterfallen da in die Tiefe hat ihn freilich nicht besser gemacht. Er hat ziemlich viel Blut verloren, — und Muth und Alles mit, — aber er wird's überstehen und vielleicht lernt er 'was dabei.«
»Es ist mir lieb, daß Du das sagst,« entgegnete Georg. »Es würde mir immer ein quälender Gedanke gewesen sein, wenn ich seinen Tod veranlaßt hätte, selbst in einer gerechten Sache.«
»Ja,« sagte Phineas, »tödten ist eine häßliche Operation, — gleichviel ob Mensch oder Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein großer Jäger gewesen, und ich sage Dir, ich habe manches Mal einen Rehbock gesehen, wenn er niedergeschossen und im Verenden war, der Einen mit seinem Auge so anblickte, daß man's wirklich für 'ne Sünde hält, ihn geschossen zu haben; und menschliche Geschöpfe haben noch viel mehr zu bedeuten, denn, wie Deine Frau sagt, nach dem Tode kommt das Gericht.«
»Was gedenkst Du mit dem armen Menschen zu thun?« fragte Georg.
»O, zu Amariah bringen. Da ist die alte Großmutter Stephens, — Dorcas nennen sie sie, — das ist 'ne erstaunliche Krankenwärterin. Ihr ist es ganz natürlich geworden, und sie ist nie zufriedener, als wenn sie irgend einen kranken Körper zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen, daß wir ihn ihr für vierzehn Tage oder so lassen müssen.«
Etwa eine Stunde später langte die ganze Gesellschaft vor einem reinlichen Farmhause an, wo die ermüdeten Reisenden zu einem reichlichen Frühstück empfangen wurden. Tom Locker befand sich sehr bald in ein reinlicheres und weicheres Bett niedergelegt, als er je zuvor zu benutzen gepflegt hatte. Seine Wunde war sorgfältig verbunden worden, und er lag nun da, seine Augen in völliger Mattigkeit vor den weißen Fenstervorhängen und den im Krankenzimmer leise hin und her gleitenden Personen abwechselnd öffnend und schließend. Und hier wollen wir für jetzt von dieser Gesellschaft Abschied nehmen.