Achtzehntes Kapitel.
Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.
Unser Freund Tom verglich oft in seinen stillen Betrachtungen sein glücklicheres Loos in der Sklaverei, in der er sich befand, mit der Josephs in Egypten; und wirklich nahm dieser Vergleich im Laufe der Zeit, während er seine Eigenschaften unter dem Auge seines Herrn mehr und mehr entwickelte, an Stärke zu.
St. Clare war träge und sorglos in der Verwaltung seines Geldes. Bisher waren die Geschäfte des Einkaufens der Lebensmittel und Vorräthe größtentheils durch Adolph besorgt worden, der eben so nachlässig und ausschweifend wie sein Herr war; und von Beiden war der Prozeß des Verschwendens mit großer Lebhaftigkeit betrieben worden. Seit vielen Jahren daran gewöhnt, das Eigenthum seines Herrn als sein eigenes anzusehen, hatte Tom die im Hause fortlaufende Verschwendung mit kaum zu unterdrückendem Unmuthe angesehen, und sich sogar zuweilen in der ihm eigenthümlichen ruhigen Art und Weise Bemerkungen erlaubt. St. Clare beschäftigte ihn anfangs in diesem Zweige nur gelegentlich; allein als er allmählig seinen gesunden Verstand und seine Brauchbarkeit in Geschäften erkannte, vertraute er ihm mehr und mehr an, bis ihm allmählig sämmtliche für die Familie zu machenden Einkäufe übertragen wurden.
»Nein, nein, Adolph,« sagte St. Clare eines Tages, als Ersterer sich dagegen sträubte, daß ihm die bisher genossene Macht entzogen werden solle; »laß Tom zufrieden. Du verstehst nur, was Du brauchst; Tom aber berechnet genauer und besser; und das Geld könnte leicht einmal gänzlich aufhören, wenn kein Einziger da ist, der das Geschäft besorgt.«
Indem Tom das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genoß, der ihm Geldanweisungen einhändigte, ohne sich deren Betrag zu merken und das zurück zu empfangende Geld einsteckte, ohne es zu prüfen, bot sich ihm jede mögliche Versuchung zur Unehrlichkeit dar; und nichts als die unbesiegbare Einfachheit seines Sinnes, gestärkt durch den christlichen Glauben, bewahrte ihn davor. Allein für diesen Sinn war gerade das in ihn gesetzte Vertrauen ein genügendes Motiv, die strengste Genauigkeit zu beobachten.
Mit Adolph war der Fall anders gewesen. Leichtsinnig und seinen Neigungen ergeben, und in nichts beschränkt durch einen Herrn, der es leichter fand, nachsichtig zu sein als strenge Ordnung zu erhalten, war er in eine totale Verwechslung des meum tuum mit Rücksicht auf sich selbst und seinen Herrn verfallen, so daß selbst St. Clare dadurch zuweilen in Verlegenheit gesetzt wurde. Der gesunde Verstand des Letzteren sagte ihm zwar, daß eine solche Behandlungsweise seiner Dienstboten ungerecht und gefährlich sei, und chronische Gewissensbisse verfolgten ihn dann überall; allein diese waren nicht stark genug, um eine durchgreifende Aenderung zu bewirken, und trugen am Ende nur dazu bei, ihn in seine Nachsicht und Sorglosigkeit zurücksinken zu lassen. Er ging leicht über die schwersten Vergehen hinweg, weil er sich selbst sagte, daß wenn er seine Schuldigkeit gethan hätte, die von ihm abhängigen Personen in derartige Fehler nicht verfallen sein würden.
Tom betrachtete seinen hübschen, fröhlichen, leichtsinnigen, jungen Herrn mit einem aus Treue, Ehrfurcht und väterlicher Besorgniß sonderbar gemischten Gefühle. Daß er nie die Bibel las, nie in die Kirche ging; daß er sich über Alles, was in den Bereich seines Witzes kam, lustig machte; daß er Sonntags seine Abende in der Oper oder im Theater zubrachte; daß er Weingesellschaften, Clubs und Abendessen öfter besuchte, als es wohlgethan sein konnte, — waren Dinge, die Tom eben so gut sehen konnte wie jeder Andere, und auf die er die Ueberzeugung gründete, daß »Master kein Christ sei;« — eine Ueberzeugung, die er jedoch Niemanden mitgetheilt haben würde, und die er nur zum Gegenstand zahlreicher Gebete in seiner eigenen einfachen Weise machte, wenn er in seinem kleinen Schlafgemache allein war. Es soll damit keineswegs gesagt werden, daß Tom nicht seine eigne Art und Weise hatte, seine Meinung auszusprechen, und zwar mit dem Takte, der zuweilen unter Leuten seiner Klasse gefunden wird. Zum Beispiel, am Tage nach dem von uns beschriebenen Sabbath war St. Clare in einer heitern Gesellschaft ausgesuchter Geister gewesen, und wurde zwischen ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zustande nach Hause geführt, in welchem das Physische ganz augenscheinlich die Oberhand über das Geistige gewonnen hatte. Tom und Adolph waren behülflich, ihn zur Ruhe zu bringen: Letzterer in munterster Laune, augenscheinlich die ganze Sache als einen guten Spaß ansehend, und herzlich über Toms bäurischen Schrecken lachend, der in der That einfältig genug war, den ganzen übrigen Theil der Nacht wachend zuzubringen, um für seinen jungen Herrn zu beten.
»Nun, Tom, worauf wartest Du noch?« sagte St. Clare am folgenden Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Zimmer saß, und Tom so eben Geld zu verschiedenen Aufträgen eingehändigt hatte. »Ist nicht Alles richtig?« fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend dastand.
»Master, ich fürchte — nicht,« sagte Ton, mit ernstem Gesichte.
»Wie so, Tom, was ist's? Du siehst ja so feierlich aus wie ein Leichenwagen.«
»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Master. Ich habe immer gedacht, daß Master gegen Jeden gut sein wolle —«
»Nun, Tom, bin ich denn das nicht gewesen? Komm, sprich, was ist's? was willst Du? Hast Du irgend etwas nicht erhalten, und ist dies die Vorrede dazu?«
»Master ist immer gut gegen mich gewesen; — habe mich über nichts zu beklagen. Aber da ist Einer, gegen den Master nicht gut ist.«
»Wie Tom, was fällt Dir ein? Sprich heraus, was meinst Du?«
»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr fiel mir das ein. Ich dachte dann drüber nach. Master ist nicht gut gegen sich selbst.«
Tom sagte dies, während er seinem Herrn den Rücken zuwendete und die Thürklinke bereits in den Händen hielt. St. Clare fühlte sein Gesicht feuerroth werden, aber lachte.
»O, ist das Alles?« sagte er heiter.
»Alles!« sagte Tom, sich plötzlich umwendend und auf seine Kniee fallend. »O mein lieber junger Master! Ich fürchte, es wird Alles zu Grunde richten, — Alles — Leib und Seele. Das gute Buch sagt: »»er beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter,«« mein lieber Master!«
Toms Stimme stockte und Thränen rannen über seine Wangen.
»Armer Narr!« sagte St. Clare, während ihm die Thränen in die Augen traten. »Steh' auf, Tom, — ich bin's nicht werth, daß über mich geweint werde.«
Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn bittend an.
»Laß gut sein, Tom, ich will nie wieder nach den verdammten Orten gehen,« sagte St. Clare, — »nie wieder, mein Wort darauf. Ich weiß nicht, warum ich's nicht längst aufgegeben habe. Ich habe immer die ganze Sippschaft verachtet, und mich dazu, daß ich hinging, — also nun, Tom, trockne Deine Augen und geh' Deinen Geschäften nach. — Schon gut, schon gut, nur keine Segenswünsche jetzt; ich bin nicht so außerordentlich gut,« fügte er hinzu, während er Tom sanft nach der Thüre drängte. »Ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, daß Du mich so nicht wieder siehst!« sagte er, worauf Tom, seine Augen trocknend, mit großer Beruhigung sich entfernte.
»Und ich will ihm mein Wort halten!« sagte St. Clare zu sich selbst, während er die Thür zumachte.
Und er hielt es, — denn grobe Sinneslust war keine seiner Natur eigenthümliche Versuchung.
Allein wer kann alle das Trübsal schildern, das unsere Freundin Miß Ophelia befiel, nachdem sie die Verwaltung und Leitung eines südlichen Haushaltes übernommen hatte.
Unter den Dienstboten des Südens herrschten alle möglichen Verschiedenheiten der Welt, die in der Regel von dem Charakter und den Fähigkeiten der Herrinnen abhängig sind, von denen sie erzogen worden. Im Süden sowohl wie im Norden gibt es Frauen, welche ein besonderes Talent des Befehlens und einen besonderen Takt in der Erziehungsweise haben. Diese sind im Stande, mit Leichtigkeit und ohne besondere Strenge die verschiedenen Mitglieder ihres kleinen Staates ihrem Willen zu unterwerfen und sie alle zu einer harmonischen, systematischen Ordnung unter einander zu verbinden. Eine solche Frau war Mrs. Shelby, die wir bereits geschildert haben, und unsere Leser werden deren vielleicht Mehrere kennen gelernt haben. Allein Marie St. Clare gehörte nicht zu dieser Klasse, und ebenso wenig hatte ihre Mutter dazu gehört. Träge und kindisch, unsystematisch und unvorsichtig, war es nicht anders zu erwarten, als daß die von ihr erzogenen Dienstboten eben so waren; und sie hatte die in der ganzen Wirthschaft herrschende Verwirrung Miß Ophelien ziemlich treu geschildert, obgleich sie dieselbe nicht ihrer wahren Ursache zugeschrieben hatte.
An dem ersten Morgen nach Uebernahme der Herrschaft stand Miß Ophelia bereits um vier Uhr auf, und nachdem sie zuvörderst ihr eigenes Zimmer in gehörige Ordnung gebracht hatte, was sie, zum großen Erstaunen der Stubenmagd, stets seit dem Tage ihrer Ankunft gethan, bereitete sie einen wirksamen Angriff auf die verschiedenen Schränke und sonstigen Behältnisse vor, zu denen sie die Schlüssel trug.
Die Vorrathskammer, das Leinwandlager, der Porcellanschrank, die Küche und der Keller, Alles wurde an diesem Tage einer strengen Untersuchung unterworfen, und lange verborgene Dinge der Finsterniß wurden auf solche Weise an's Tageslicht gebracht, daß alle Würdenträger der Küche und Kammer dadurch in lebhafte Unruhe geriethen, und vielfaches Staunen und Murmeln über »diese nördlichen Damen« im Domestiken-Kabinette Statt fand.
Die alte Dinah, die erste Köchin und Hauptperson im ganzen Küchendepartement, war mit großem Unwillen über das erfüllt, was sie als eine Beeinträchtigung ihrer Vorrechte ansah. Kein Baron des alten Feudalwesens zur Zeit der Magna Charta hätte einen Eingriff der Krone mit tieferem Groll erdulden können.
Dinah war ein eigenthümlicher Charakter, und es wäre ungerecht gegen ihr Andenken, wenn wir dem Leser nicht eine kurze Schilderung von ihr geben wollten. Sie war eine geborene und geschickte Köchin, so gut wie Tante Chloë; allein Chloë war für ihren Beruf gebildet worden, und deshalb methodisch, während Dinah ein selbstgebildetes Genie, und daher rechthaberisch, eingebildet und unordentlich im höchsten Grade war. Aehnlich einer gewissen Klasse moderner Philosophen, verachtete sie jede Art von Logik und Vernunftgründen, und verschanzte sich hinter einer positiven Gewißheit, in der sie unbezwinglich war. Kein Talent, keine Autorität, keine Vorstellung vermochte sie je davon zu überzeugen, daß irgend ein anderer Weg als ihr eigener besser sein könne, oder daß die von ihr in der unbedeutendsten Angelegenheit befolgte Art und Weise irgendwie geändert werden könne. Es war dies zwischen ihr und ihrer vormaligen Mistreß, Marien's Mutter, ein abgemachter Punkt gewesen; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge Mistreß selbst nach ihrer Verheirathung zu nennen fortfuhr, hatte es bequemer gefunden, nachzugeben, als zu streiten; und auf diese Weise hatte Dinah vollständige Herrschaft erlangt. Es wurde ihr dies um so leichter, als sie eine vollendete Meisterin in jener diplomatischen Kunst war, die äußerste Unterwürfigkeit im Wesen mit der unbiegsamsten Beharrlichkeit in dem zu verfolgenden Zwecke zu vereinigen. Außerdem war Dinah Meisterin in der Kunst, Entschuldigungsgründe jeder Art aufzufinden. Es war in der That bei ihr Grundsatz, daß eine Köchin nie Unrecht haben könne; und eine Köchin in den Küchen des Südens findet leicht eine überflüssige Zahl von Köpfen und Schultern, auf die sie jede Sünde, jedes Versehen laden kann, um ihre eigene Unbeflecktheit zu bewahren. Wenn irgend ein Theil des Mittagessens mißrathen war, so gab es fünfzig unbestreitbare, gute Gründe dafür, und es war ganz unzweifelhaft lediglich die Schuld von fünfzig anderen Personen, die Dinah mit dem schonungslosesten Eifer anklagte.
Allein es geschah selten, daß Dinah's Zubereitungen gänzlich verunglückten. Obgleich ihre ganze Verfahrungsart im höchsten Grade umständlich und ohne jede Berechnung von Zeit und Ort war, — obgleich ihre Küche gewöhnlich so aussah, als wenn ein Sturmwind durchgeweht hätte, und sie für jedes Küchengeräth ebenso viel Plätze hatte, als Tage im Jahre waren, — so sandte sie dennoch, wenn man geduldig warten konnte, bis ihre rechte Zeit kam, ein Mittagessen in vollständigster Ordnung aus ihrer Küche heraus, und in einer Zubereitung, an der selbst ein Epikuräer nichts auszusetzen haben konnte.
Es war jetzt gerade die Zeit, um die Vorbereitungen zum Mittagessen zu beginnen. Dinah, welche große Zwischenräume von Ruhe und Ueberlegung bedurfte, und Behaglichkeit in allen ihren Verrichtungen liebte, saß auf dem Fußboden der Küche und rauchte aus einer kurzen Pfeife, der sie sehr ergeben war, und deren sie sich stets als einer Art Räucherfasses bediente, sobald sie das Bedürfniß einer Inspiration für ihre Anordnungen fühlte. Um sie herum saßen verschiedene Mitglieder eines aufkeimenden Geschlechts, an dem jeder südliche Haushalt in der Regel Ueberfluß hat, theils beschäftigt, Bohnen auszuhülsen, theils Kartoffeln zu schälen, oder Geflügel zu rupfen, während Dinah von Zeit zu Zeit ihre Betrachtungen dadurch unterbrach, daß sie dem einen oder dem andern der jungen Arbeiter bald einen Stoß und bald einen Schlag an den Kopf mit der an ihrer Seite stets bereit liegenden Puddingkelle versetzte. Dinah herrschte in der That über alle wolligen Häupter der jüngeren Mitglieder mit eiserner Ruthe, und schien sie als zu keinem andern Zwecke geboren anzusehen, als um »ihr dienstbar zu sein«, wie sie sich auszudrücken pflegte. Es war der Geist des Systemes, unter dem sie aufgewachsen war, und sie führte dasselbe in seiner vollsten Ausdehnung aus.
Miß Ophelia, nachdem sie auf ihrer Reformationsreise durch alle übrigen Abtheilungen des Haushaltes gegangen war, betrat jetzt die Küche. Dinah hatte bereits aus verschiedenen Quellen erfahren, was im Werke war, und deshalb fest beschlossen, sich auf defensivem und conservativem Boden zu erhalten, und jeder neuen Maßregel ohne sichtbaren Streit und Widerstand hemmend entgegen zu treten.
Die Küche war ein weites, mit Ziegelsteinen gepflastertes Gemach, an dessen einer Seite sich ein großer, langer Heerd erstreckte, dessen Wegschaffung St. Clare vergeblich von Dinah zu erlangen versucht hatte, um an seine Stelle einen modernen, eisernen Kochofen zu setzen. Sie gab ihre Einwilligung dazu nicht. Als St. Clare aus dem Norden zurückgekehrt war, hatte er nach dem Bilde der im Hause seines Onkels vorgefundenen Ordnung und Einrichtung der Küche verschiedene Schränke und andere Behältnisse in seiner eigenen anbringen lassen, um dadurch eine systematischere Ordnung einzuführen, und in der sanguinischen Hoffnung, daß dieselben von Nutzen für Dinah in ihren Einrichtungen sein würden. Er hätte sie ebenso gut für ein Eichkätzchen oder eine Elster bestimmen können; denn je mehr Kasten und Schränke vorhanden waren, desto mehr Schlupfwinkel standen Dinah zu Gebot, um alte Lumpen, Kämme, alte Schuhe, Bänder, abgelegte künstliche Blumen und andere werthvolle Gegenstände, an denen ihre Seele hing, darin aufzubewahren.
Als Miß Ophelia in die Küche trat, erhob sich Dinah nicht, sondern rauchte in erhabener Ruhe fort, und beobachtete ihre Bewegungen nur mittelst eines schielenden Blickes aus der einen Ecke ihres Auges, während sie scheinbar die um sie herum vorgehenden Beschäftigungen beobachtete.
Miß Ophelia begann damit, eine in der Küche befindliche Kommode zu öffnen.
»Wozu ist diese Kommode bestimmt, Dinah?« fragte sie.
»Für Alles, Missis,« entgegnete Dinah.
So schien es; denn von den verschiedenartigen Artikeln, die sie enthielt, zog Miß Ophelia zunächst ein damastenes, mit Blut beflecktes Tischtuch hervor, welches augenscheinlich dazu benutzt worden war, rohes Fleisch einzuwickeln.
»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten Tischtücher Deiner Mistreß ein?«
»O Herr, nein, Missis, — es waren gerade keine andere Tücher da, und so that ich es. Ich legte 's nur dahin, daß es gewaschen werden sollte, — deshalb.«
»Unordnung!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, während sie fortfuhr, die Kommode umzurühren, wo sie dann ein Reibeisen für Muskatennüsse, zwei oder drei Nüsse, ein methodistisches Gesangbuch, ein Strickzeug mit Garn, ein Papier mit Tabak, eine Pfeife, zwei vergoldete Porcellantassen mit Pommade darin, verschiedene alte Schuhe, ein Stück Flanell, sorgfältig zusammengesteckt, mit einigen weißen Zwiebeln darin, mehrere damastene Servietten, einige grobe Küchenhandtücher, Stopfnadeln und Zwirn, und verschiedene durchbrochene Stücke Papier mit Küchenkräutern vorfand, die sich in der Kommode verbreiteten.
»Wo bewahrst Du Deine Muskatennüsse auf, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit einer Miene, die das Ende ihrer Geduld verrieth.
»Wo es ist, Missis; — hier sind ein paar, in der zerbrochenen Theetasse, und da welche in dem Schranke.«
»Hier sind einige in dem Reibeisen,« sagte Miß Ophelia, sie emporhaltend.
»O ja, — hab' sie da heut früh hin gethan, — habe gern meine Sachen bei der Hand,« sagte Dinah. »Du, Jake, warum thust Du nichts? Du wirst es kriegen! — Still da!« fügte sie mit einer merklichen Handbewegung nach dem Verbrecher hinzu.
»Was ist dies?« fragte Miß Ophelia, eine Tasse mit Pommade emporhaltend.
»O mein Gott, 's ist mein Haarfett; — hab's dahin gethan, um 's bei der Hand zu haben.«
»Gebrauchst Du die besten Tassen Deiner Mistreß zu diesem Zwecke?«
»O Missis, — war in solcher Eile, — gejagt, — wollt's heut noch wegthun.«
»Hier sind zwei damastene Servietten.«
»Die Servietten — die hab' ich da hingethan, — sollten nächster Gelegenheit gewaschen werden.«
»Hast Du denn keinen andern Ort zur Aufbewahrung derjenigen Stücke, welche gewaschen werden sollen?«
»Ja, Master hat den Kasten da machen lassen dazu,« sagte sie, »aber ich mache gern Zwieback drauf, und habe meine Sachen da; und dann ist es so umständlich, immer den Deckel aufzuheben.«
»Warum machst Du nicht Deinen Zwieback auf dem Backtische dort, der dazu bestimmt ist?«
»O Missis, der steht so voll von Geschirr, und Tellern, und Allem, da ist ja kein Platz nie —«
»Aber warum wäschest Du Dein Geschirr nie, und schaffest es bei Seite?«
»Mein Geschirr waschen!« sagte Dinah in einem hohen Tone, während ihr Zorn rege zu werden begann, und sie ihre gewöhnliche Unterwürfigkeit im Benehmen vergessen ließ; — »was verstehen Damen von Arbeit, möchte ich wissen? — Wenn soll denn Master sein Essen bekommen, wenn ich die ganze Zeit Geschirr waschen und wegschaffen soll? Miß Marie hat mir nie so 'was gesagt.«
»Was machen denn diese Zwiebeln hier?« fragte Ophelia weiter, das Stück Flanell hervorziehend.
»Sieh! sieh! ja!« sagte Dinah, »da ist's, wo ich sie hingelegt habe; — konnte mich nicht drauf besinnen. Grade diese Zwiebeln hatte ich aufgehoben für dies Schmorfleisch hier, — hatte ganz vergessen, daß sie da in dem Flanell waren.«
Miß Ophelia hob das Stückchen Papier mit den Küchenkräutern auf.
»O, wenn Missis das doch nicht anfassen wollte! — habe meine Sachen gern alle an ihrem Platze, daß ich weiß, wo ich sie finden kann,« sagte Dinah in etwas entschiedenem Tone.
»Aber wozu sind denn diese Löcher im Papiere?« fragte Ophelia.
»O, die sind bequem, um zu sieben,« entgegnete Dinah.
»Aber es fällt ja Alles heraus über die ganze Kommode, siehst Du denn nicht?«
»O Herr, ja! wenn Missis Alles umkehrt, muß es. Missis hat die Hälfte ausgeschüttet,« erwiederte Dinah, ärgerlich an die Kommode tretend. »Wenn Missis nur hinaufgehen und warten will, bis meine Zeit kommt, wo ich Alles putze, dann wird schon Alles in Ordnung sein; — kann aber nichts thun, wenn Damen um mich herum sind, und mich hindern. Du, Sam! — daß Du mir nicht Jemmy die Zuckerschale gibst, oder ich gebe Dir eins über den Kopf!«
»Ich gehe jetzt durch die Küche, um Alles ein für allemal in Ordnung zu bringen, Dinah, und werde dann erwarten, daß Du es in Ordnung erhältst.«
»Nun, aber, Miß Phelia, das sind gar keine Sachen für Damen, — habe nie Damen so 'was thun sehen; — meine alte Missis und Miß Marie thaten's nie; — und sehe auch gar nicht ein, wozu es gut ist,« entgegnete Dinah, unwillig in der Küche auf- und abschreitend, während Miß Ophelia Teller aufsuchte und aufschichtete, Dutzende von herumstehenden Zuckerschalen in ein Behältniß leerte, Servietten, Tischtücher, Handtücher zum Waschen aussuchte, und Alles mit ihren eignen Händen, und mit einer Geschwindigkeit und einem Eifer in Ordnung brachte, die Dinah in vollständiges Staunen versetzten.
»Gott steh' mir bei! wenn's die Damen da in Norden so machen, na, dann sind's keine Damen,« sagte sie zu einem ihrer Satelliten, als sie sich in angemessener Entfernung von Ophelia befand. »Habe Alles in Ordnung wie Eine, wenn meine Putzzeit kommt, — brauche keine Damen hier herum, die Einen nur hindern, und die Sachen alle hinpacken, wo kein Mensch sie wieder finden kann.«
Um Dinah Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erwähnt werden, daß sie von Zeit zu Zeit, zu ungewissen Perioden, Paroxismen für Reformation und Ordnung bekam, die sie »Putzzeit« nannte, wo sie sodann mit großem Eifer begann, jeden Kasten und jeden Schrank umzukehren, und den Inhalt auf den Fußboden oder die Tische umher zu werfen, und dadurch die Unordnung noch siebenfach zu vergrößern. Dann pflegte sie ihre Pfeife anzuzünden, und behaglich alle neuen Anordnungen vorzunehmen, die Gegenstände zu überschauen und zu besprechen, die ganze jüngere Brut mit dem Blankputzen der Zinnartikel eifrigst zu beschäftigen, und mehrere Stunden lang die denkbarste Confusion im Gange zu erhalten, welche sie als genügende Antwort auf alle Fragen als ihre »Putzzeit« bezeichnete. »»Sie könne die Sachen nicht mehr so fortgehen lassen, und wolle das jüngere Volk lehren, bessere Ordnung zu halten,«« pflegte sie zu sagen; denn Dinah gab sich gern der Täuschung hin, daß sie selbst die Seele aller Ordnung sei, und daß es nur das junge Volk und alle die Andern im Hause seien, die daran Mangel litten. Wenn alles Zinn gehörig gescheuert, und die Tische schneeweiß abgerieben worden waren, und Alles, was etwa Anstoß hätte geben können, in Löchern und Ecken seinen Platz gefunden hatte, pflegte Dinah ein sauberes Kleid anzuziehen, eine weiße Schürze vorzubinden, und einen hohen, prachtvollen Turban aufzusetzen, und dem sich umhertreibenden jüngeren Volke die Weisung zu geben, sich aus der Küche entfernt zu halten, weil sie Alles in guter Ordnung erhalten wolle. Diese periodischen Anfälle wurden in der That häufig dem ganzen Haushalte lästig; denn Dinah pflegte dann eine solche Vorliebe für ihr blank gescheuertes Zinn zu gewinnen, daß sie darauf zu bestehen versuchte, daß es überhaupt nie wieder zu irgend einem Zwecke benutzt werden solle, — wenigstens so lange bis der Eifer ihrer »Putzzeit« nachgelassen hatte.
In wenigen Tagen reformirte Miß Ophelia jede Abtheilung des ganzen Haushaltes in ein systematisches Muster; allein ihre Bemühungen in allen denjenigen Abtheilungen, welche von der Mitwirkung der Dienstboten abhängig waren, glichen den Arbeiten des Sisyphus und der Danaïden. In voller Verzweiflung wandte sie sich eines Tages an St. Clare.
»Es ist eine positive Unmöglichkeit, auch nur entfernte Ordnung in diesem Haushalte herzustellen,« sagte sie.
»Ohne Zweifel,« entgegnete St. Clare.
»Solches zwecklose Treiben, solche Verschwendung, solche Unordnung habe ich nie in meinem Leben gesehen.«
»Wahrscheinlich nicht.«
»Du würdest nicht so gleichgültig dabei sein, wenn Du selbst die Verwaltung zu führen hättest.«
»Meine liebe Cousine, Du mußt wissen, ein für allemal, daß wir Herren in zwei Klassen zu theilen sind, die Unterdrücker und die Unterdrückten. Wir, die wir von Natur gutmüthig sind und Härte verabscheuen, sind darauf gefaßt, viel Unannehmlichkeiten ertragen zu müssen. Wenn wir, unsrer Bequemlichkeit halber, lässige, lockere, unwissende Leute um uns haben wollen, so müssen wir die Folgen davon tragen. Ich kenne einige seltene Fälle von Personen, die mittelst eines besonderen Taktes, ohne Anwendung von Strenge, systematische Ordnung haben erhalten können; allein ich gehöre nicht zu diesen, — und so habe ich mich schon seit langer Zeit darin ergeben, die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich will die armen Teufel nicht peitschen und in Stücke hauen lassen, und sie wissen es, — und haben deshalb das Heft in ihren Händen.«
»Aber nie Zeit, Ort und Ordnung zu haben, — Alles in dieser zwecklosen Weise fortgehen zu lassen?«
»Meine liebe Vermont, Ihr Eingebornen des Nordpols legt einen außerordentlichen Werth auf die Zeit! Aber sage mir, von welchem Werthe ist die Zeit für einen Menschen, der doppelt so viel hat, als er auszufüllen weiß? Und was Ordnung und Pünktlichkeit betrifft, von welchem Interesse ist es für denjenigen, der nichts weiter zu thun hat, als auf dem Sopha zu liegen und zu lesen, ob er sein Frühstück und sein Mittagessen eine Stunde früher oder später bekommt. Sieh, Dinah bereitet Dir ein vortreffliches Essen, Suppe, Ragout, Geflügel, Dessert, und Alles, — und schafft das Alles in dem Chaos ihrer finsteren Küche. Die Art und Weise, in der sie das möglich macht, scheint mir wirklich großartig. Aber der Himmel bewahre uns! wenn wir hinunter gehen wollen, und alle das Rauchen und die Wirthschaft der Vorbereitungen dazu mit ansehen, so würden wir nie wieder etwas essen wollen! Meine gute Cousine, mache Dir darüber keine Scrupel mehr! Es würde mehr als eine katholische Bußübung sein, und zu nichts nützen. Du wirst nur die Geduld verlieren, und Dinah ganz verwirrt machen. Laß sie ihren eignen Weg gehen.«
»Aber, Augustin, Du weißt nicht, in welchem Zustande ich dort Alles vorfand.«
»Warum denn nicht? Warum soll ich denn nicht wissen, daß die Mangel unter dem Bette liegt, und das Reibeisen mit dem Tabak zusammen in ihrer Tasche steckt; — daß da fünf und sechszig verschiedene Zuckerschalen zu finden sind, in jeder Ecke des Hauses eine, — und daß sie heut die Teller mit einem damastenen Tischtuche abwäscht, und morgen mit einem Fetzen eines alten Unterrockes? Aber das Resultat ist, daß sie uns bloß vortreffliches Essen auf den Tisch schickt, und superben Kaffe bereitet; und Du mußt sie beurtheilen, wie Krieger und Staatsmänner beurtheilt werden, — nach dem Erfolge.«
»Aber die Verschwendung, — die Ausgaben.«
»Was das betrifft, so verschließe Alles, und bewahre den Schlüssel. Gib nur in kleinen Quantitäten aus, und bekümmere Dich um alles Uebrige nicht, — ist es nicht das Beste?«
»Etwas beunruhigt mich, Augustin. Ich kann mir nicht anders denken, als daß diese Dienstboten nicht streng ehrlich sind. Glaubst Du dessen gewiß zu sein?«
Augustin brach in ein unmäßiges Lachen über das ernste besorgte Gesicht aus, mit dem Miß Ophelia diese Frage stellte.
»O Cousine, das ist zu gut! — ehrlich! — als wenn das überhaupt zu erwarten wäre! Ehrlich! — natürlich, das sind sie nicht. Weshalb sollten sie es sein? Was in aller Welt hätte sie dazu machen können?«
»Warum unterrichtest Du sie nicht?«
»Unterrichten! Possen. Worin sollte ich sie unterrichten? Ich sehe ganz danach aus. Marie hätte zwar Geist genug, das ist wahr, eine ganze Plantage umbringen zu lassen; aber die Betrügerei würde sie doch nicht aus ihnen herausbringen.«
»Gibt es denn gar keine Ehrlichen?«
»Dann und wann Einen, den die Natur so unerschütterlich treu und aufrichtig geschaffen hat, daß auch der nachtheiligste Einfluß ihn nicht verderben kann. Allein, sieh, von der Mutterbrust an sieht und fühlt das farbige Kind, daß ihm keine anderen Wege offen stehen, als Schleichwege. Es kann auf keine andere Weise mit seinen Eltern, seiner Mistreß, seinem jungen Master, und seiner jungen Miß fertig werden. List und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnheiten. Es wäre nicht gerecht, etwas Anderes zu erwarten. Der Sklave sollte dafür nicht bestraft werden. Er wird in einem so abhängigen, halb kindischen Zustande erhalten, daß er die Rechte des Eigenthums nie verstehen und unterscheiden, oder begreifen lernt, daß das Vermögen seines Herrn nicht sein eignes ist, sobald er es erlangen kann. Ich, meines Theils, sehe nicht ein, wie Sklaven ehrlich sein können. Solch' ein Mensch wie Tom — ist ein moralisches Wunder.«
»Und was wird aus ihren Seelen?« fragte Ophelia.
»Das ist nicht meine Sache, so viel ich weiß,« entgegnete St. Clare. »Ich spreche nur von den Verhältnissen dieses Lebens. Es wird ziemlich allgemein angenommen zu unserer Bequemlichkeit in diesem Leben, daß das ganze Geschlecht dem Teufel anheim falle; aber Gott weiß, was in jener Welt geschehen wird.«
»Das ist wirklich schrecklich!« sagte Miß Ophelia. »Ihr solltet Euch schämen!«
»Ich wüßte nicht weshalb. Wir sind wenigstens in ziemlich guter Gesellschaft,« sagte St. Clare, »wie Leute auf der breiten Landstraße gewöhnlich sind. Betrachte die hohen und niederen Stände in der ganzen Welt, und Du findest überall dieselbe Geschichte, — findest überall, daß die unteren Stände Körper, Geist und Seele zum Nutzen und Frommen der oberen aufopfern müssen. Es ist so in England, es ist überall so; und dennoch ist die ganze Christenheit mit tugendhaftem Unwillen erfüllt, weil wir dasselbe in etwas andrer Form thun als Jene.«
»Es ist nicht so in Vermont.«
»Ah freilich, in Neu-England und den Vereinigten Staaten seid ihr uns voraus, das gestehe ich zu. Aber da wird eben die Glocke gezogen; also, Cousine, laß uns für einige Zeit unsere Meinungsverschiedenheiten bei Seite legen, und komm' mit mir zum Mittagessen.«
Als Miß Ophelia sich einige Stunden später in der Küche befand, riefen plötzlich einige der schwarzen Kinder: »Da! da! Prue kommt und grunzt, wie sie immer thut.«
Ein großes, starkknochiges Weib trat gleich darauf in die Küche, und trug einen Korb mit Zwieback und heißen Wecken auf dem Kopfe.
»Ho, Prue, bist Du da!« sagte Dinah.
Prue hatte einen besonders finsteren Gesichtsausdruck und einen brummenden, mürrischen Ton der Stimme. Sie setzte ihren Korb auf den Boden, kauerte sich selbst nieder, indem sie ihre Ellbogen auf die Knie stützte, und sagte:
»O Herr, ich wollte, ich wäre todt!«
»Weshalb wünschest Du Dir den Tod?« fragte Ophelia.
»Dann wär' ich mein Elend los,« sagte das Weib mürrisch, ohne ihre Augen vom Boden aufzuschlagen.
»Wozu hast Du denn nöthig, Dich zu betrinken, und Dich auspeitschen zu lassen, Prue?« sagte ein geputztes, farbiges Kammermädchen, während es mit einem Paar Korallen-Ohrringen spielte.
Das Weib warf einen finsteren Blick auf das Mädchen.
»Vielleicht kommst Du auch noch dahin; — sollte mich freuen, wenn ich's sähe. Dann würdest Du froh sein, einen Tropfen zu haben, wie ich, um Dein Elend zu vergessen.«
»Komm', Prue,« sagte Dinah, »zeige uns Deine Zwiebacke. Hier, Missis wird dafür bezahlen.«
Miß Ophelia nahm einige Dutzend.
»Da sind noch einige Marken in dem alten Topfe da, oben auf dem Schranke. Hier, Jake, klettere hinauf und hole sie herunter.«
»Marken, — wozu sind die?« fragte Miß Ophelia.
»Wir kaufen die Marken von ihrem Master, und sie gibt uns Brod für.«
»Und wenn ich zu Hause komme, dann zählen sie mein Geld und die Marken, ob's richtig ist; und wenn's nicht ist, so bringen sie mich halb um.«
»Geschieht Dir recht,« sagte Jane, das schmucke Kammermädchen, »wenn Du ihr Geld nimmst, um Dich zu betrinken. Das thut sie immer, Missis.«
»Und das will ich thun, — ich kann nicht anders leben, — trinken und mein Elend vergessen.«
»Du bist sehr schlecht und sehr thöricht,« sagte Miß Ophelia, »das Geld Deines Herrn zu stehlen, um Dich zu einem Vieh zu machen.«
»Kann sein, Missis; aber ich will es thun, — ja, ich will. O Herr, ich wollte, ich wäre todt — ich wäre todt und mein Elend los!« und langsam und steif erhob sich das alte Geschöpf und setzte den Korb wieder auf den Kopf; allein ehe sie hinausging, blickte sie noch einmal nach dem Mulattenmädchen um, das noch immer mit seinen Ohrringen spielte.
»Denkst, Du bist wunderschön mit den Dingern da, wenn Du Deinen Kopf drehst und alle Welt stolz angaffst. Na, schadet nichts, — kannst auch noch so ein armes, altes, zerpeitschtes Weib werden, wie ich. Hoffe zu Gott, Du wirst, und dann sieh' zu, ob Du nicht trinkst — trinkst — trinkst — bis Du zur Hölle fährst; und geschieht Dir recht, — uff!« sagte das Weib mit boshaftem Lachen und verließ die Küche.
»Ekelhaftes altes Mensch!« sagte Adolph, der in die Küche gekommen war, um Barbierwasser für seinen Herrn zu holen. »Wenn ich ihr Master wäre, so wollte ich sie noch ganz anders peitschen.«
»Das könntest Du nicht, nicht möglich,« sagte Dinah. »Ihr Rücken sieht jetzt schon hübsch aus, — sie kann kein Kleid mehr drüber zumachen.«
»Ich denke, solchen niedrigen Geschöpfen sollte gar nicht erlaubt sein, in anständige Häuser zu kommen. Was meinen Sie, Mr. St. Clare?« sagte Miß Jane zu Adolph, indem sie ihren Kopf coquettirend zurückwarf.
Es muß bemerkt werden, daß, außer andern Zueignungen aus dem Eigenthume seines Herrn, Adolph auch seinen Namen angenommen hatte und unter diesem sich in allen farbigen Zirkeln New-Orleans's bewegte.
»Ich bin entschieden Ihrer Meinung, Miß Benoir,« entgegnete Adolph.
Benoir war der Geburtsname Marie St. Clare's und Jane eine der ihr zugehörigen Sklavinnen.
»Bitte, Miß Benoir, darf ich mir die Frage erlauben, ob diese Ohrringe für den Ball morgen Abend bestimmt sind? Sie sind wirklich bezaubernd schön!«
»Ich muß mich wundern, Mr. St. Clare, wie weit die Unverschämtheit der Männer geht!« erwiederte Jane, indem sie ihren hübschen Kopf zurückwarf, bis die Ohrringe von Neuem klangen. »Ich werde den ganzen Abend nicht mit Ihnen tanzen, wenn Sie noch mehr solche Fragen thun.«
»O, Sie könnten doch so grausam nicht sein! Ich starb grade vor Verlangen zu wissen, ob Sie morgen in Ihrem blaßrothen Kleide erscheinen werden,« sagte Adolph.
»Was gibt's?« rief Rosa, eine hübsche, pikante kleine Mulattin, die gerade in diesem Augenblicke die Treppe herunter gehüpft kam.
»O, Mr. St. Clare ist so unverschämt!«
»Auf meine Ehre,« sagte Adolph, »nun, Miß Roll soll entscheiden.«
»O ich weiß, er ist immer sehr verwegen,« bemerkte Rosa, während sie sich auf einem ihrer kleinen Füße wiegte und ihn boshaft anblickte. »Er macht mich immer so ärgerlich.«
»O, meine Damen, Sie wollen jedenfalls mein Herz brechen,« sagte Adolph. »Man wird mich eines schönen Morgens in meinem Bette todt finden, und Sie werden dafür verantwortlich sein.«
»Nun höre einer den schrecklichen Menschen reden!« riefen beide Damen mit unmäßigem Gelächter.
»Ihr da, macht fort! — kann Euren Lärm und Eure Narrheiten hier nicht haben in der Küche,« rief Dinah.
»Tante Dinah ist brummisch, weil sie nicht auf den Ball gehen kann,« sagte Rosa.
»Brauche Eure weißfarbigen Bälle nicht,« entgegnete Dinah; — »springen 'rum und thun gerade, als wenn sie weiße Leute wären. Seid doch nichts anderes als Niggers, so gut wie ich.«
»Tante Dinah beschmiert alle Tage ihre Wolle mit Pomade, damit sie glatt liegen soll,« sagte Jane.
»Und 's bleibt doch Wolle,« fügte Rosa hinzu, während sie boshaft ihre langen, seidenen Locken niederfallen ließ.
»Vor dem Herrn ist Wolle so gut wie Haar, alle Zeit!« sagte Dinah. »Möchte wohl von Missis hören, was mehr werth ist, — so ein Paar wie Ihr seid, oder ich allein. Packt Euch fort, Plunder, — will Euch hier nicht mehr haben!«
Die Unterhaltung wurde hier auf zwiefache Weise unterbrochen. St. Clare's Stimme ließ sich auf der Treppe vernehmen und fragte Adolph, ob er mit dem Rasirwasser die ganze Nacht in der Küche zu bleiben gedenke; und Miß Ophelia kam aus dem Eßzimmer und sagte:
»Jane und Rosa, weshalb verbringt Ihr Eure Zeit hier? Geht an Eure Näherei und arbeitet!«
Unser Freund Tom, welcher die Unterhaltung mit der Zwiebacksfrau in der Küche mitangehört hatte, war ihr auf die Straße gefolgt. Er sah sie vor sich hergehen und hörte sie in kurzen Pausen tiefe, unterdrückte Seufzer ausstoßen. Endlich setzte sie ihren Korb auf einen Thürtritt nieder und begann das alte Tuch, welches ihre Schultern bedeckte, in Ordnung zu bringen.
»Ich will Deinen Korb ein Stück weiter tragen,« sagte Tom mitleidig.
»Warum?« sagte das Weib; — »brauche keine Hülfe.«
»Du scheinst krank zu sein,« sagte Tom.
»Bin nicht krank,« entgegnete das Weib kurz.
»Ich wollte,« sagte Tom, indem er die Frau ernsthaft ansah, — »ich wollte, ich könnte Dich überreden, das Trinken zu lassen. Weißt Du denn nicht, daß es Dich zu Grunde richtet, Körper und Geist?«
»Weiß, daß ich in die Hölle gehe,« sagte das Weib finster. »Du brauchst mir das nicht zu sagen; — bin häßlich, — bin schlecht, — gehe grade zu in die Hölle. O Herr, ich wollte, ich wäre da!«
Tom schauderte bei diesen schrecklichen Worten, die mit einem finsteren, leidenschaftlichen Ernste gesprochen wurden.
»O, Gott sei Dir gnädig, armes Geschöpf! Hast Du denn nie von Jesus Christus gehört?«
»Jesus Christus, — wer ist das?«
»Es ist der Herr,« entgegnete Tom.
»Ich glaube, ich habe von ihm reden gehört, von dem Herrn, und von Gericht und Hölle. — Habe davon gehört.«
»Aber hat Dir denn Jemand von dem Herrn Jesus erzählt, der uns arme Sünder liebte und für uns starb?«
»Weiß nichts davon,« sagte das Weib; — »kein Mensch hat mich geliebt, seit mein alter Mann todt ist.«
»Wo bist Du denn aufgebracht worden?« fragte Tom.
»Oben, in Kentucky. Ein Mann hielt mich da, um Kinder zu bringen und aufzuziehen für den Markt, die er dann verkaufte, so wie sie groß genug waren. Zuletzt verkaufte er mich auch an einen Händler, und mein Master nahm mich von ihm.«
»Was brachte Dich denn zu dieser schlechten Gewohnheit, zu trinken?« fragte Tom weiter.
»Um mein Elend zu vergessen. Ich hatte ein Kind, nachdem ich hierher kam, und dachte, ich würde wenigstens eins aufzuziehen haben, weil Master kein Händler war. Es war ein munteres kleines Ding, und Missis schien anfangs große Stücke drauf zu halten; — es schrie nie, es war gesund und fett. Aber Missis wurde krank und ich mußte sie warten; und ich bekam das Fieber und meine Milch hörte auf, und das Wurm magerte ab zu Haut und Knochen, weil Missis keine Milch kaufen wollte. Sie wollte mich nicht hören, wenn ich ihr sagte, daß ich keine Milch hätte. Sie sagte, sie wüßte, daß ich's damit füttern könnte, was andere Leute äßen; und das Kind wurde immer elender, und schrie, und schrie, und schrie Tag und Nacht, und Missis wurde ärgerlich drauf und sagte, es wäre nichts als Bosheit. Sie wünschte, es wäre todt, sagte sie, und wollte nicht zugeben, daß ich's des Nachts bei mir haben sollte, weil es mich nicht schlafen ließe, sagte sie, und mich zu nichts nütze machte. Ich mußte dann in ihrer Stube schlafen, und mußte das Kind in eine kleine Bodenkammer thun und da schrie es sich eine Nacht zu Tode. Das that's, — und dann fing ich an zu trinken, um mir das Schreien aus den Ohren zu bringen. So ist's, — und ich will trinken! ich will — und wenn ich in die Hölle dafür muß!«
»O Du armes Geschöpf!« sagte Tom, »hat Dir denn Niemand erzählt, wie unser Herr Jesus Christus Dich liebt und für Dich gestorben ist? Hat Dir Niemand gesagt, daß Er Dir helfen will, und daß Du in den Himmel gehen kannst, und endlich Ruhe haben?«
»Sehe ganz so aus, wie in den Himmel kommen,« sagte das Weib. »Kommen da nicht die weißen Menschen hin? Glaube, die würden mich da gern haben. Nein, will ich lieber in die Hölle, — fort von Master und Missis, — so ist's besser!« sagte sie, während sie mit ihrem gewöhnlichen Stöhnen aufstand, den Korb auf den Kopf setzte und mürrisch fort ging.
Tom wandte sich um und ging traurig nach dem Hause zurück. Im Hofe traf er die kleine Eva, mit einem Kranz von Tuberosen auf dem Kopfe und vor Freude strahlenden Augen.
»O Tom, da bist Du ja! Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe. Papa sagt, du kannst die Ponys aus dem Stalle nehmen und meinen kleinen neuen Wagen anspannen,« sagte sie, nach seiner Hand greifend. »Aber was ist Dir denn, Tom? — Du siehst ja so ernst aus.«
»Mir ist nicht wohl zu Muthe, Miß Eva,« sagte Tom traurig. »Aber ich will die Pferde herausholen.«
»Nein, Tom, sage mir erst, was es ist. Ich sah Dich mit der bösen alten Prue sprechen.«
Tom erzählte Eva in seiner schlichten, ernsten Weise die Geschichte des Weibes. Sie ließ weder Ausrufungen hören, noch verwunderte sie sich, oder weinte, wie andre Kinder thun. Aber ihre Wangen wurden bleich, und ein tiefer, schattiger Ernst legte sich über ihre Augen. Sie drückte beide Hände auf ihren Busen und seufzte tief.