Neunzehntes Kapitel.
Miß Ophelien's Erfahrungen und Ansichten.
(Fortsetzung.)
»Tom, Du brauchst die Pferde nicht herauszuholen, ich will nicht fahren,« sagte Eva.
»Warum nicht, Miß Eva?«
»Diese Dinge sinken mir so in's Herz,« sagte Eva, — »so tief in's Herz,« wiederholte sie lebhaft. »Ich will nicht fahren;« und sie wandte sich um und ging in's Haus.
Wenige Tage später kam an Prue's Stelle eine andre Frau, um Zwiebacke zu bringen, während Miß Ophelia in der Küche anwesend war.
»Mein Gott!« sagte Dinah, »wo ist denn Prue?«
»Prue kommt nicht mehr,« sagte die Frau.
»Warum nicht?« fragte Dinah. »Sie ist doch nicht todt?«
»Weiß nicht genau; — sie ist unten im Keller,« entgegnete die Frau, mit einem Seitenblicke auf Ophelia.
Nachdem Miß Ophelia die gewöhnliche Anzahl Zwiebacke genommen hatte, folgte Dinah dem Weibe bis vor die Thür.
»Was ist aus Prue geworden, — was ist's?« fragte sie.
Die Frau schien sprechen zu wollen, aber sich zu fürchten, und sagte endlich in leisem, geheimnißvollem Tone:
»Wohl, aber Du mußt Niemanden davon sagen. Prue, sie hatte sich wieder betrunken, — und da haben sie sie in den Keller gebracht, — und da den ganzen Tag gelassen, — und ich hörte sagen, daß die Fliegen schon an ihr wären, — sie ist todt!«
Dinah hob vor Entsetzen ihre Hände auf, und als sie sich umwandte, gewahrte sie an ihrer Seite die geisterartige Gestalt Eva's stehen, aus deren großen, tiefen Augen der Schrecken sprach, und aus deren Wangen und Lippen jeder Blutstropfe gewichen war.
»Gott sei uns gnädig! Miß Eva wird ohnmächtig! Daß wir sie auch solche Sachen hören lassen! Ihr Papa wird wahnsinnig werden!«
»Ich werde nicht ohnmächtig, Dinah,« sagte das Kind mit fester Stimme, »und warum sollte ich's denn nicht hören? Es ist ja nicht für mich so viel, es zu hören, wie für die arme Prue, es zu leiden.«
»Gottes willen! 's ist gar nichts für so zarte, junge Damen, wie Sie sind, — diese Geschichten nicht; 's ist genug, Einen umzubringen.«
Eva seufzte wieder tief und ging langsam und traurig die Treppe hinauf.
Miß Ophelia erkundigte sich eifrig nach dem Schicksale der Frau; worauf Dinah eine sehr geschwätzige Uebersetzung derselben lieferte, zu der Tom hinzufügte, was er an jenem Morgen aus ihrem eignen Munde gehört hatte.
»Eine abscheuliche Geschichte, — wirklich fürchterlich!« rief sie, als sie in das Zimmer trat, wo St. Clare, auf dem Sopha liegend, die Zeitung las.
»Nun, was für eine Schlechtigkeit ist denn schon wieder begangen worden?« sagte er.
»Was? nun, jene Menschen haben das arme Weib, Prue, zu Tode gepeitscht!« sagte Miß Ophelia, während sie das Gehörte, mit starker Hervorhebung aller Einzelheiten, erzählte.
»Ich habe 's mir immer gedacht, daß es einmal so enden würde,« sagte St. Clare, während er fortfuhr, die Zeitung zu lesen.
»Immer gedacht! — willst Du denn nichts in der Sache thun?« fragte Miß Ophelia. »Ist denn keine Obrigkeit hier, um solche Sachen zu untersuchen?«
»Es wird gewöhnlich angenommen, daß das Interesse des eigenen Eigenthums eine genügende Garantie in solchen Fällen sei. Wenn Leute ihr eigenes Besitzthum zu Grunde richten wollen, so weiß ich wirklich nicht, was da zu thun ist. Es scheint, das arme Geschöpf hatte die Laster des Stehlens und Trinkens und deshalb ist schwache Hoffnung vorhanden, irgendwo Sympathie für sie erwecken zu können.«
»Es ist wirklich empörend, — es ist schrecklich, Augustin! Es muß Gottes Rache auf Dich herabrufen!«
»Meine liebe Cousine, ich habe es ja nicht gethan, und ich kann es nicht ändern; — könnte ich, so würde ich es thun. Wenn niedrige, viehische Seelen so handeln wollen, was soll ich thun? Sie haben vollständige Gewalt, und sind Despoten ohne Verantwortung. Jede Einmischung würde vergeblich sein, denn es existirt kein praktisch anwendbares Gesetz für solche Fälle. Das Beste, was wir thun können, ist, unsere Augen und Ohren zu schließen und uns nicht darum zu bekümmern. Das ist der einzige Weg, der uns bleibt.«
»Wie kannst Du Deine Augen und Ohren schließen wollen? Wie kannst Du um solche Sachen unbekümmert bleiben wollen?«
»Mein liebes Kind, was verlangst Du von mir? Hier ist eine ganze Klasse von Wesen, — unerzogen, träg, verderbt, — ohne Beschränkungen und Bedingungen in die Macht solcher Menschen gegeben, die so sind, wie der größere Theil der Welt ist, die weder Rücksichten noch Mäßigung kennen, und nicht einmal ihr eigenes Interesse richtig zu beurtheilen wissen; — denn das ist der Fall bei der größeren Hälfte aller lebenden Menschen. Was kann nun ein Mann, der bessere menschliche Empfindungen hat, in einer auf diese Weise organisirten bürgerlichen Gesellschaft anders thun, als seine Augen schließen und sein Herz hart werden lassen? Ich kann nicht jeden Elenden und Unglücklichen kaufen, den ich sehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden, um jeden einzelnen Akt von Ungerechtigkeit in einer Stadt wie diese zu verhindern. Alles, was ich thun kann, ist, derartigen Dingen möglichst aus dem Wege zu gehen.«
St. Clare's schönes Gesicht war einen Augenblick finster; er schien empfindlich erregt; aber schnell wieder ein heiteres Lächeln annehmend, fügte er hinzu:
»Komm, Cousine, stehe nicht da wie eine der Schicksalsgöttinnen; Du hast nur einen flüchtigen Blick durch den Vorhang gethan, fast nur ein Beispiel dessen gesehen, was in einer oder der andern Gestalt auf der ganzen Erde vorgeht. Wenn wir alles Elend des Lebens untersuchen und prüfen wollten, so würden wir am Ende für nichts mehr ein Herz haben. Es ist gerade eben so, als wenn Du zu genau in die Einzelheiten von Dinah's Küche blickst,« sagte St. Clare, während er sich zurücklegte und seine Zeitung wieder aufnahm.
Miß Ophelia setzte sich nieder, zog ihr Strickzeug hervor und begann mit Aerger und Unwillen daran zu arbeiten.
»Augustin, ich sage Dir, ich kann über diese Dinge nicht so hingehen wie Du,« begann sie nach einiger Zeit wieder. »Es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu vertheidigen; — das ist meine Meinung!«
»Was nun?« sagte St. Clare aufblickend. »Fängst Du von Neuem davon an?«
»Ich sage, es ist ganz abscheulich von Dir, ein solches System zu vertheidigen!« erwiederte Ophelia mit zunehmender Wärme.
»Ich — vertheidigen? Wer hat je behauptet, daß ich es vertheidige?« sagte St. Clare.
»Natürlich vertheidigst Du es, — Ihr thut es alle hier im Süden. Weshalb haltet Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?«
»Bist Du denn noch so unschuldig zu glauben, daß Niemand in der Welt jemals Etwas thut, was er nicht für recht hält? Thust Du oder hast Du nie Etwas gethan, was Du nicht für streng recht hieltest?«
»Wenn ich es thue, so bereue ich es, hoffe ich,« entgegnete Miß Ophelia, während sie mit ihren Nadeln eifrig fortrasselte.
»Das thue ich auch,« sagte St. Clare, eine Orange abschälend, »ich bereue es unaufhörlich.«
»Weshalb fährst Du denn aber dann damit fort?«
»Hast Du denn niemals dasselbe wieder gethan, meine gute Cousine, was Du bereut hast?«
»Nur, wenn die Versuchung für mich zu stark war,« sagte Miß Ophelia.
»Siehst Du, das ist gerade bei mir der Fall, die Versuchung ist für mich zu stark,« erwiederte St. Clare, »das ist die Schwierigkeit.«
»Aber ich nehme mir jedes Mal vor, es nicht wieder zu thun, und ich gebe mir Mühe, es zu unterlassen.«
»Gut, ich habe 's mir seit zehn Jahren immer und immer wieder vorgenommen,« sagte St. Clare, »aber ich weiß nicht, es ist nie ganz dahin gekommen. Bist Du, liebe Cousine, von allen Deinen Sünden rein geworden?«
»Cousin Augustin,« sagte Miß Ophelia ernsthaft, indem sie ihr Strickzeug niederlegte, »ich weiß, daß ich Deinen Tadel meiner Schwächen wohl verdiene. Ich weiß, daß Alles, was Du sagst, nur zu wahr ist, — Niemand fühlt das mehr als ich; aber dennoch glaube ich, daß zwischen Dir und mir einiger Unterschied vorhanden ist. Ich würde mir lieber meine rechte Hand abhauen lassen, als Tag für Tag mit dem fortfahren, was ich für unrecht halte. Allein meine Handlungsweise ist freilich so wenig übereinstimmend mit meinen Grundsätzen, daß ich mich über Deinen Tadel nicht wundere.«
»O Cousine,« sagte Augustin, indem er sich auf den Fußboden vor sie setzte, und seinen Kopf rückwärts in ihren Schooß legte, »ich bitte Dich, fange nur nicht an, die Sache so schrecklich ernsthaft zu nehmen! Du weißt ja, was ich immer für ein Taugenichts, für ein ungezogener Junge gewesen bin. Ich will Dich ja nur necken, — das ist Alles, — um zu sehen, wie Du ernsthaft wirst. Ich weiß ja, Du bist zum Verzweifeln gut; — es ist mir peinlich, nur dran zu denken.«
»Aber es ist ein ernster Gegenstand, mein August,« sagte Miß Ophelia, ihre Hand auf seine Stirne legend.
»Schrecklich ernst,« entgegnete er, »und ich — ach ich kann nie ernsthaft reden, wenn es so heiß ist. Die Fliegen und alles das lassen einen Menschen gar nicht zu einer moralischen Höhe der Gefühle gelangen; — und ich glaube wahrhaftig,« fügte er, plötzlich aufstehend, hinzu, »das ist eine richtige Theorie! Ich sehe jetzt deutlich ein, weshalb ihr nördlichen Völker immer tugendhafter seid als die südlichen, — jetzt ist mir Alles klar.«
»O August, Du bist ein Wirbelkopf!«
»Wirklich? Wohl, mag sein; aber jetzt will ich einmal ernsthaft reden; — aber Du mußt mir den Korb mit Orangen dort geben, wenn ich den Versuch machen soll. — Also,« fuhr er fort, während er den Korb an sich zog, — »ich will jetzt anfangen: — wenn es im Laufe der menschlichen Begebenheiten nothwendig wird, daß ein Mensch zwei oder drei Dutzend seiner Mitwürmer in Gefangenschaft halte, so erfordert eine billige Rücksicht auf die Meinungen der menschlichen Gesellschaft —«
»Ich sehe nicht, daß Du anfängst, ernsthaft zu reden,« unterbrach ihn hier Miß Ophelia.
»Warte einen Augenblick, — ich komme dahin, — Du wirst es gleich hören. Mit einem Worte, Cousine,« sagte er, während sein schönes Gesicht plötzlich einen ernsten Ausdruck annahm, »es kann meiner Ansicht nach über diese Sklavenfrage nur eine Meinung geben. Plantagenbesitzer, die Geld dabei verdienen können, — Geistliche, die den Meinungen der Pflanzer huldigen müssen, — Politiker, die dadurch die Herrschaft erlangen wollen, mögen die Sprache und alle ethische Lehren drehen und wenden, daß alle Welt über ihre Geschicklichkeit erstaunt, sie mögen die Natur und die Bibel mit zu ihrem Dienste zwingen, — so glaubt dennoch weder einer von ihnen noch die Welt an eine Sylbe ihrer ganzen Theorie. Mit einem Worte, es kommt vom Teufel, und ich denke, es ist ein recht hübsches Beispiel von dem, was er in seiner Weise thun kann.«
Miß Ophelia hielt mit Stricken inne und blickte erstaunt auf St. Clare, und dieser, der sich ihrer Verwunderung zu freuen schien, fuhr fort:
»Du scheinst Dich zu wundern, aber wenn Du mich ganz hören willst, so will ich mit der Sprache frei heraus gehen. Dieses verfluchte Geschäft, von Gott und Menschen verflucht, — was ist es? Reiße allen Schmuck herunter, der darum hängt, gehe auf die Wurzel des Ganzen und was ist es? — Weil mein Bruder Quashy unwissend und schwach ist, und ich klug und stark bin, — weil ich Macht und Verstand genug habe, es auszuführen, — deshalb darf ich ihm Alles stehlen, was er hat, es behalten und ihm nur grade so und so viel davon geben, als mir gefällt. Was zu schwer, zu schmutzig, zu unangenehm für mich ist, Quashy muß es thun. Weil ich nicht gern arbeite, so muß Quashy arbeiten. Weil die Sonne mich zu sehr brennt, so mag Quashy in der Sonne stehen. Quashy soll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Quashy soll thun, was ich will, und nicht was er will, all' sein Leben lang, und endlich so viel Aussicht auf den Himmel haben, als ich für gut befinde. Das ist's ungefähr, worin die Sklaverei besteht. Ich möchte Den sehen, der unsere Gesetzgebung über die Sklavenverhältnisse liest, wie sie niedergeschrieben ist, und mir etwas Anderes daraus machen kann. Sprich mir von den Mißbräuchen der Sklaverei! Unsinn! Das ganze System selbst ist die Quintessenz alles Mißbrauches! Und der einzige Grund, weshalb das Land nicht darunter zusammensinkt wie Sodom und Gomorra ist der, daß das Uebel selbst in einer viel gelinderen Weise angewendet wird, als es zuläßt. Aus Mitleid, aus Scham, weil wir vom Weibe geborene Wesen und nicht wilde Thiere sind, wagen Viele nicht die volle Gewalt zu gebrauchen, die unsere barbarischen Gesetze in unsere Hände legen. Und selbst wer am weitesten geht und die äußerste Härte ausübt, bedient sich der ihm gegebenen Macht nur innerhalb der gesetzlichen Gränzen.«
St. Clare war während dieser Rede aufgestanden, und schritt, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn er sich in Aufregung befand, lebhaft im Zimmer auf und ab. Sein schönes Gesicht, klassisch wie das einer griechischen Statue, glühte in der Wärme seiner Empfindungen, seine großen blauen Augen flammten, und aus allen seinen Bewegungen sprach eine sich selbst unbewußte Lebhaftigkeit. Miß Ophelia hatte ihn nie zuvor in einer solchen Stimmung gesehen und war völlig stumm vor Ueberraschung.
»Ich versichere Dich,« sagte er, plötzlich vor seiner Cousine stehen bleibend, — »es ist nicht meine Gewohnheit, viel über diesen Gegenstand zu sprechen und zu denken, — aber ich versichere Dich, es hat Zeiten gegeben, in denen ich gedacht habe, daß, wenn das ganze Land versinken wollte, um alle seine Ungerechtigkeit und sein Elend vor dem Tageslichte zu verbergen, ich willig mit versinken würde. Wenn ich während meiner vielfachen Reisen den Fluß auf und ab oft beobachtete, wie jeder viehische, widrige, gemeine, niedrige Kerl, den ich traf, durch unsere Gesetze die Freiheit genoß, der absolute Despot von ebenso viel Männern, Weibern und Kindern zu werden, als er Geld genug zusammen stehlen oder betrügen konnte, um zu kaufen; — und wenn ich solche Menschen als wirkliche Eigenthümer hülfloser Kinder, junger Mädchen und Frauen sah, so hätte ich mein Vaterland, ich hätte das ganze menschliche Geschlecht verfluchen mögen!«
»Augustin! — Augustin!« sagte Miß Ophelia, — »Du hast vollkommen genug gesagt. Nie in meinem Leben habe ich so Etwas gehört, selbst im Norden nicht.«
»Im Norden!« sagte St. Clare mit plötzlich verändertem Tone. »Puh! Ihr Nordländer habt alle kaltes Blut: — Ihr seid kalt in allen Dingen! Ihr könnt nicht einmal kräftig fluchen, wie wir, wenn's Noth thut.«
»Nun, aber die Frage ist,« sagte Miß Ophelia, —
»Ganz richtig, die Frage ist, — und eine verteufelte Frage ist es! — wie kamen wir in diesen Zustand von Sünde und Elend? Wohl, ich will Dir mit den guten, alten Worten darauf antworten, die Du mir Sonntags zu lehren pflegtest: »Ich kam dahin durch natürliche Abkunft.« Meine Sklaven gehörten meinem Vater, und was noch mehr ist, meiner Mutter; und jetzt gehören sie mir, mit allem ihrem Zuwachs, der nicht unbedeutend ist. Mein Vater, wie Du weißt, kam von Neu-England, und war grade so ein Mann, wie Dein Vater, — ein ächter, alter Römer, — aufrichtig, energisch, edelherzig und mit eisernem Willen. Dein Vater ließ sich in Neu-England nieder, um über Felsen und Steine zu herrschen und der Natur eine Existenz abzugewinnen; und der meinige ließ sich in Louisiana nieder, um über Männer und Weiber zu herrschen und durch sie eine Existenz zu gewinnen. Meine Mutter,« sagte St. Clare, auf ein am andern Ende des Gemaches befindliches Gemälde zugehend und es mit dem Ausdrucke der innigsten Verehrung in seinen Zügen betrachtend, »sie war göttlich! — Sieh mich nicht so an, Cousine! Du weißt, was ich meine. Sie war natürlich sterblichen Ursprungs, allein, so weit ich sehen konnte, war keine Spur menschlicher Schwäche oder menschlichen Irrthums an ihr zu finden; und Jeder, der sich ihrer erinnern kann, gleichviel, ob Sklave oder Freier, Freund oder Verwandter, sagt dasselbe. Glaube mir, Cousine, diese Mutter allein schützte mich jahrelang gegen gänzlichen Unglauben. Sie war eine wahrhafte Verkörperung des Neuen Testaments, — ein lebendiges Beispiel, das sich durch nichts Anderes erklären ließ, als durch seine Wahrheit. O Mutter! Mutter!« rief St. Clare, seine Hände in einer Art Entzückung faltend; und dann plötzlich sein Gefühl unterdrückend, kam er zurück, setzte sich auf den Sopha und fuhr fort:
»Mein Bruder und ich waren Zwillingsbrüder. Man sagt gewöhnlich, daß Zwillinge einander ähnlich sein müssen; allein wir waren verschieden von einander in fast allen Beziehungen. Er hatte dunkle, feurige Augen, rabenschwarzes Haar, ein schönes römisches Profil und eine üppige, bräunliche Farbe. Ich hatte blaue Augen, blondes Haar, griechische Züge und helle Farbe. Er war thätig und beobachtend, ich träumerisch und träge. Er war edelmüthig gegen seine Freunde und Personen seines Standes, aber stolz, herrschsüchtig und anmaßend gegen Untergebene, und unbarmherzig gegen Jeden, der es wagte, ihm Widerstand zu leisten. Wahrhaft waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art abstrakter Idealität. Wir liebten uns gegenseitig so wie Knaben gewöhnlich thun, — dann und wann, und im Allgemeinen; — er war meines Vaters Liebling und ich der meiner Mutter.
»Es war mir damals eine Art krankhafter Reizbarkeit des Gefühls eigen, die weder er noch mein Vater verstanden, und für die sie deshalb auch keine Sympathie hatten. Aber meine Mutter hatte sie, — und wenn ich deshalb mit Alfred Streit gehabt hatte, und der Vater mich finster anblickte, so ging ich nach dem Zimmer meiner Mutter und setzte mich zu ihr. Ich erinnere mich ihres Anblicks noch ganz deutlich, mit ihren bleichen Wangen, ihren tiefen, sanften, ernsten Augen, ihrer weißen Kleidung, — sie trug immer Weiß; und ich pflegte stets an sie zu denken, wenn ich in der Offenbarung Johannis von den Engeln las, die in reiner, weißer Leinwand gekleidet waren. Sie hatte großes Talent für Musik, und pflegte an ihrer Orgel zu sitzen und schöne alte Chorale der katholischen Kirche zu spielen und mit einer Stimme zu singen, die mehr der eines Engels als eines irdischen Weibes glich; und dann legte ich meinen Kopf in ihren Schooß, und weinte, und träumte, und fühlte — o, Dinge, die ich nicht auszudrücken vermochte!
»Zu jener Zeit wurde über Sklaverei nicht so viel gesprochen, wie jetzt: Niemand dachte daran, daß Unrecht darin läge. Mein Vater war ein geborener Aristokrat. Ich glaube, in einer früheren Existenz muß er den Cirkeln höherer Geister angehört, und jetzt alle den alten Hofstolz mitgebracht haben; denn dieser war tief begründet in seinem ganzen Wesen, obgleich er der Sohn armer und keineswegs vornehmer Eltern war. Mein Bruder war sein treues Abbild. Ein Aristokrat hat nun auf der ganzen Erde, wie Du weißt, über eine gewisse Linie hinaus durchaus keine menschlichen Sympathieen mehr. In England ist diese Linie anders gezogen als in Birmanien, und in Amerika wieder anders; aber der Aristokrat aller dieser Länder geht nie darüber hinaus. Was in seiner Klasse als Druck und Ungerechtigkeit angesehen werden würde, ist natürlich ein gleichgültiger Gegenstand in einer andern. Die Gränzlinie meines Vaters war die Farbe. Unter seines Gleichen konnte Niemand gerechter und edelmüthiger sein als er war; allein die Neger sah er durch alle mögliche Abstufungen der Farbe als nichts Anderes als einen Uebergang vom Menschen zum Thiere an. Ich glaube gewiß, wenn ihn Jemand grade heraus gefragt hätte, ob dieselben menschliche, unsterbliche Seelen hätten, so würde er nur stammelnd und stotternd Ja gesagt haben. Allein mein Vater war ein Mann, der sich nicht viel um das Geistige kümmerte, und religiöse Gefühle gar nicht besaß, ausgenommen eine Verehrung für Gott, als entschieden das Oberhaupt aller höheren Klassen.
»Wohl, mein Vater ließ etwa fünfhundert Neger arbeiten. Er war ein unbiegsamer, vorwärts strebender, pünktlicher Geschäftsmann; Alles war bei ihm in ein System gebracht und mußte mit äußerster Genauigkeit darin erhalten werden. Wenn Du nun bedenkst, daß alle Geschäfte nur durch eine Anzahl fauler, schwatzhafter, nachlässiger Arbeiter besorgt wurden, die ihr ganzes Leben lang jedem Motive fremd geblieben waren, etwas Anderes zu lernen, als zu »gaunern«, wie Ihr es in Vermont nennt, so wirst Du begreifen, daß in seiner Pflanzung nothwendig viele Dinge sein und geschehen mußten, die einem reizbaren Kinde, wie mir, schrecklich vorkamen. Ueberdies hatte er einen Aufseher, — einen großen, vierschrötigen Renegatensohn von Vermont, — mit Verlaub zu sagen — der seine förmliche Lehrzeit in Härte und Brutalität durchgemacht, und seine Prüfung bestanden hatte. Meine Mutter konnte ihn nie leiden und ich ebenso wenig; allein er gewann eine völlige Herrschaft über meinen Vater; und dieser Mensch war der absolute Despot auf unserer Besitzung.
»Ich war damals noch ein kleiner Bursche, aber hatte dieselbe Vorliebe wie jetzt für alles Menschliche, — eine Art Leidenschaft, die Menschheit zu studieren, gleich viel, in welcher Gestalt sie sich darbot. Ich war viel in den Hütten und unter den Feldarbeitern, und war natürlich ein großer Liebling. Alle Arten von Klagen und Beschwerden wurden in mein Ohr geflüstert, die ich meiner Mutter hinterbrachte, und zu deren Abhülfe wir eine Art Comité bildeten. Wir verhinderten auf diese Weise viel Grausamkeit, und wünschten uns Glück, so viel Gutes wirken zu können, bis, wie es oft geschieht, mein Eifer zu weit ging. Stubbs beschwerte sich bei meinem Vater, daß er die Arbeiter nicht mehr in Ordnung halten könne, und seine Stellung aufzugeben genöthigt sei. Mein Vater war ein zärtlicher, nachgiebiger Gatte, der sich aber vor Nichts scheute, was er für nothwendig erachtete; und so stellte er ohne Weiteres seinen Fuß, wie einen Felsen, zwischen uns und die Feldarbeiter. Er sagte meiner Mutter in der achtungsvollsten Weise, aber auch ebenso bestimmt, daß sie über die Haussklaven vollständige Herrin sei, aber daß er durchaus keine Einmischung von ihrer Seite in die Verhältnisse der Feldarbeiter erlauben könne. Er achtete und ehrte sie mehr als alle anderen lebenden Wesen; aber er würde dasselbe auch der Jungfrau Maria gesagt haben, wenn sie seinem Systeme irgendwie hinderlich geworden wäre.
»Ich hörte zuweilen meine Mutter über einzelne Fälle mit ihm streiten, — indem sie sein Mitgefühl zu erregen versuchte. Er hörte ihre rührendsten Vorstellungen mit der entmuthigendsten Höflichkeit und Gleichmüthigkeit an. »»Es läuft Alles darauf hinaus,«« pflegte er dann zu sagen, »»ob ich Stubbs entlassen muß, oder ihn behalten soll? Stubbs ist die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Wirksamkeit, — durch und durch Geschäftsmann, und so menschlich, wie es alle Anderen sind. Wir können nichts Vollkommenes haben; und wenn ich ihn behalte, so muß ich die ganze Art und Weise der Verwaltung aufrecht erhalten, selbst wenn dann und wann Dinge vorkommen, die nicht ganz zu billigen sind. Jede Regierung muß nothwendig gewisse Härten mit sich führen. Allgemeine Gesetze werden immer in gewissen einzelnen Fällen hart erscheinen.«« Diese letztere Ansicht schien mein Vater in fast allen Fällen von Grausamkeit als durchgreifend und beseitigend anzusehen. Und nachdem er dies gesagt hatte, zog er gewöhnlich seine Füße auf das Sopha, wie ein Mann, der ein Geschäft abgemacht hat, und begann entweder ein Mittagsschläfchen, oder las die Zeitung, je nachdem die Gelegenheit war.
Ohne Zweifel ist es, daß mein Vater eine Art Talent für einen Staatsmann besaß. Er würde Polen eben so gleichmüthig wie eine Orange zertheilt, und Irland eben so systematisch mit Füßen getreten haben, wie irgend ein andrer lebender Mensch. Zuletzt gab meine Mutter alle derartigen Versuche in Verzweiflung auf. Es wird nie früher bekannt werden, als am Tage des Gerichts, was edle und fühlende Seelen, wie die ihrige war, gelitten haben, wenn sie, gänzlich hülflos, in einen Abgrund von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geschleudert wurden, wo Niemand sie verstand. Was blieb noch Anderes übrig, als zu versuchen, ihre Kinder nach ihren Ansichten und Empfindungen zu erziehen? Allein Du magst sagen über Erziehung was Du willst, Kinder entwickeln sich hauptsächlich nur nach dem natürlich in ihnen vorhandenen Principe. Alfred war von der Wiege an ein Aristokrat; und während er aufwuchs, nahmen alle seine Gefühle und Gedanken instinktmäßig diese Richtung, und alle Ermahnungen der Mutter gingen in den Wind. Was mich betrifft, mir sanken sie tief in's Herz. Sie widersprach eigentlich nie einer Aeußerung meines Vaters, und schien selbst nie durchaus verschiedener Meinung von ihm zu sein; aber sie preßte, sie brannte in meine Seele mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernsten Gemüthes die Idee von der Würde und dem Werthe selbst der niedrigsten menschlichen Seele. Ich habe mit heiliger Ehrfurcht in ihr Gesicht geschaut, wenn sie Abends auf die Sterne deutete und zu mir sagte: »Sieh, dort, August! die ärmste, niedrigste Seele in unserer Pflanzung wird leben, wenn alle jene Sterne lange untergegangen sind, — wir leben so lange, wie Gott!««
»Sie hatte einige schöne, alte Gemälde, besonders eins, welches Jesus darstellt, wie er einen Blinden heilt. Diese machten einen tiefen Eindruck auf mich. »»Sieh', August,«« pflegte sie zu sagen, »»der blinde Mann war ein Bettler, arm und abschreckend; deshalb wollte er ihn nicht von fern heilen! Er rief ihn zu sich, und legte seine Hände auf ihn! Gedenke dessen, mein Sohn!«« Wenn ich unter ihrer Sorge hätte aufwachsen können, so würde sie mich vielleicht wer weiß zu welchem Enthusiasmus angeregt haben. Ich wäre vielleicht ein Heiliger, ein Reformator oder ein Märtyrer geworden; — aber ach! ich verließ sie, als ich dreizehn Jahre alt war, und sah sie nie wieder!«
St. Clare legte seinen Kopf in die Hand, und sprach mehrere Minuten lang gar nicht. Endlich blickte er wieder auf, und fuhr fort:
»Was für ein armseliger Plunder diese ganze menschliche Tugend ist! Ein Ding, das meistens nur von geographischer Länge und Breite, in Verbindung mit natürlichem Temperamente, abhängt, und häufig ein bloßer Zufall ist! Dein Vater, zum Beispiel, läßt sich in Vermont, in einer Stadt, wo alle frei und gleich sind, nieder, wird ein ordnungsmäßiges Mitglied der Kirche und Diakon, und tritt seiner Zeit in die Gesellschaft für Abschaffung der Sklaverei ein, und hält uns nunmehr alle für nichts Besseres als Heiden. Nichts desto weniger ist er in Gesinnung und Gewohnheit nur ein Seitenstück meines Vaters. Ich sehe gerade denselben starken herrischen Geist aus fünfzig verschiedenen Stellen bei ihm herausblicken. Du weißt sehr wohl, wie unmöglich es ist, irgend Jemanden in Eurem Dorfe davon zu überzeugen, daß Squire St. Clare sich nicht über ihm fühle. Außer Zweifel ist es, daß er, obgleich er in eine demokratische Zeit gefallen ist, und sich einem demokratischen Systeme angeschlossen hat, dennoch im Herzen ebensosehr Aristokrat ist, wie mein Vater, der über fünf bis sechs hundert Sklaven herrschte.«
Miß Ophelia schien geneigt, diese Charakteristik anzugreifen, und legte deshalb ihr Strickzeug nieder, um zu beginnen, allein er ließ sie nicht dazu kommen.
»Ich weiß Alles, was Du sagen willst,« fuhr St. Clare fort. »Ich behaupte nicht, daß Beide in der That ganz gleich waren; denn der Eine war in Verhältnisse gefallen, wo Alles seiner natürlichen Neigung entgegen strebte, und der Andre in solche, wo Alles dafür arbeitete; und daher kam es, daß Jener ein ziemlich eigensinniger, derber, anmaßender alter Demokrat, und Dieser ein eigensinniger alter Despot wurde. Aber wenn beide Pflanzungen in Louisiana gehabt hätten, so würden sie einander so ähnlich geworden sein, wie zwei Kugeln, die in derselben Form gegossen worden sind.«
»Was für ein unehrerbietiger Sohn Du bist!« sagte Miß Ophelia.
»Ich meine nichts Unehrerbietiges,« sagte St. Clare; »übrigens weißt Du, daß große Ehrerbietung nie meine starke Seite gewesen ist. Aber nun zu meiner Geschichte zurück:
»Als mein Vater starb, ließ er sein ganzes Vermögen seinen beiden Zwillingssöhnen, um es zwischen uns nach unserer eigenen Uebereinkunft zu theilen. Es athmet auf Gottes weiter Erde kein edelherzigeres Wesen als Alfred in seinem ganzen Verhältniß zu den ihm gleich Stehenden, und wir wurden mit dieser Eigenthumsfrage ohne das geringste unbrüderliche Wort oder Gefühl, schnell und leicht, fertig. Wir kamen überein, die Plantage gemeinschaftlich zu bearbeiten, und Alfred, dessen ganzes Wesen und Fähigkeiten doppelt so viel Kraft besaßen, als ich, wurde ein leidenschaftlicher Pflanzer, und zwar mit dem günstigsten Erfolge. Allein ein zweijähriger Versuch überzeugte mich vollkommen, daß ich kein Theilhaber in einem derartigen Geschäfte sein könne. Eine Anzahl von sieben hundert Sklaven zu besitzen, die ich nicht persönlich kennen, und für die ich kein individuelles Interesse empfinden kann, die gekauft, zusammengetrieben, unter Dach und Fach gebracht, gefüttert und zur Arbeit angespannt werden, grade wie Hornvieh, — die Nothwendigkeit der Vögte und Aufseher, die ewig erforderliche Peitsche als erster, letzter und unaufhörlicher Hebel, — das Ganze wurde mir unerträglich zuwider und eckelhaft, und wenn ich daran dachte, welchen Werth meine Mutter auf eine arme, menschliche Seele gelegt hatte, so wurde es mir sogar schrecklich!
»Es klingt wie Unsinn in meinen Ohren, wenn mir Jemand davon spricht, daß Sklaven diese und jene Genüsse haben! Bis auf den heutigen Tag selbst verliere ich noch immer die Geduld, wenn ich das unerträgliche Geschwätz mancher Eurer nördlichen Verfechter der Sklaverei höre, die in ihrem Eifer unsere Sünden beschönigen wollen. Wir kennen das besser. Sage mir Einer, daß irgend ein lebender Mensch jeden Tag von der ersten Morgendämmerung bis in die sinkende Nacht, unter dem fortwährend ihn beobachtenden Auge seines Herrn, an derselben eintönigen, langweiligen Beschäftigung fortzuarbeiten bereit ist, ohne dabei einen selbstständigen Willen auch nur im Geringsten äußern zu dürfen, und zwar alles dies für nichts als zwei Paar Beinkleidern und ein Paar Schuh jährlich, und eine solche Nahrung nebst Obdach, daß er arbeitsfähig erhalten wird! Wer da glaubt, daß menschliche Wesen sich unter solchen oder ähnlichen Verhältnissen wohl fühlen können, mag es selbst versuchen. Ich möchte den Hund kaufen, und würde ihn mit dem ruhigsten Gewissen an die Arbeit treiben!«
»Ich war immer der Meinung,« sagte Miß Ophelia, »daß Du, und Ihr alle hier, diese Dinge gut hießet, und sie nach der Bibel für recht hieltet.«
»Unsinn! So weit sind wir noch nicht gekommen. Selbst Alfred, der der ausgemachteste Despot ist, denkt nicht an diese Art von Vertheidigung; — nein, er steht hoch und stolz auf dem guten, alten, achtungswerthen Grunde, dem Rechte des Stärkeren, und sagt, und zwar sehr richtig wie ich glaube, daß der amerikanische Pflanzer nur dasselbe in anderer Form thue, was die englische Aristokratie und Kapitalisten mit den unteren Klassen thäten, nämlich, Fleisch und Bein, Leib und Seele derselben zu ihrem Nutzen und zu ihrer Bequemlichkeit verwenden. Er vertheidigt Beide, — und ich glaube, wenigstens consequent. Er sagt, es könne keine hohe Civilisation ohne Sklaverei der Massen geben. Es müsse, sagt er, eine untere Klasse da sein für rohe, physische Arbeiten und mit einer mehr thierischen Natur, damit eine höhere durch sie Muße und Mittel zur Erhöhung der Intelligenz und Bildung erlange, und die leitende Seele der unteren Klasse werde. Dies sind seine Gründe, weil er, wie er sagt, ein geborener Aristokrat ist.«
»Wie in aller Welt können diese beiden Stände mit einander verglichen werden?« sagte Miß Ophelia. »Der englische Arbeiter wird nicht gekauft, nicht verkauft, nicht von seiner Familie gerissen, und nicht gepeitscht.«
»Er hängt von dem Willen Desjenigen, der ihm Arbeit gibt, eben so sehr ab, als wenn er ihm verkauft wäre. Der Sklavenhalter kann seinen widerspenstigen Sklaven zu Tode peitschen lassen, — der Kapitalist kann seinen Arbeiter verhungern lassen, und was die Sicherheit der Familie betrifft, so ist es schwer zu sagen, was schrecklicher ist, seine Kinder verkauft, oder zu Hause verhungern zu sehen.«
»Aber es ist durchaus keine Entschuldigung für die Sklaverei, daß es andere, eben so schlimme Verhältnisse gibt.«
»Ich gab es für keine Entschuldigung aus, — ja, ich will sogar einräumen, daß unsere Art und Weise der Beschränkung menschlicher Rechte die dreistere und fühlbarere ist; weil, einen Menschen grade wie ein Pferd kaufen — seine Zähne, seine Glieder prüfen und untersuchen, und danach den Preis bezahlen, — Speculanten halten, Sklavenzüchter, Händler und Mäkler in menschlichen Körpern und Seelen, — das ganze Verhältniß in einem noch grelleren Lichte vor die Augen der civilisirten Welt bringt, obgleich im Ganzen genommen die Sache ihrem Wesen nach dieselbe ist, das heißt, einen Theil der menschlichen Wesen zum Nutzen und Vortheil eines anderen Theiles derselben, ohne Rücksicht auf die Wohlfahrt der Ersteren, verwenden.«
»Ich habe die Sache nie zuvor in diesem Lichte betrachtet,« sagte Ophelia.
»Wohl, ich bin ziemlich lange in England umhergereist, und habe genug von dem Verhältniß der unteren Klassen gesehen, um Alfred nicht widersprechen zu können, wenn er sagt, daß seine Sklaven besser daran seien, als ein großer Theil der Bevölkerung von England. Du mußt nämlich nach dem, was ich Dir gesagt habe, nicht glauben, daß Alfred ein harter Herr ist, — keineswegs. Er ist despotisch, unbarmherzig gegen Insubordination; er würde einen Kerl, der sich ihm widersetzte, eben so ruhig niederschießen wie einen Rehbock; aber er setzt im Allgemeinen seinen Stolz darein, seine Sklaven gut genährt und gut beherbergt zu sehen.«
»Wie kam es denn,« sagte Miß Ophelia, »daß Du Dein Pflanzerleben ganz aufgabst?«
»Wohl, wir trabten eine Weile mit einander fort, bis endlich Alfred deutlich genug sah, daß ich kein Pflanzer sei. Er hielt es für albern, daß ich, nachdem er fortwährend geändert, reformirt und verbessert hatte, um meinen Ideen zu genügen, immer noch unzufrieden war. Allein dies hatte darin seinen Grund, daß ich die ganze Sache haßte, — den Gebrauch der Männer und Weiber, die Fortführung dieser Unwissenheit, Brutalität und Laster, — nur, um Geld für mich zu verdienen! Ueberdies mischte ich mich fortwährend in die einzelnen Fälle. Da ich selbst einer der trägsten Sterblichen bin, so hatte ich zu viel natürliche Bruderliebe für die Trägen; und wenn arme, faule Bursche Steine in die Baumwollenkörbe thaten, um ihr Gewicht schwerer zu machen, oder wenn sie ihre Säcke mit Schmutz füllten, und obenauf nur Baumwolle legten, so kam mir dies genau so vor, als wenn ich es in ihrer Stelle selbst thun würde, so daß ich die armen Bursche deshalb nicht auspeitschen lassen konnte und wollte. Die Folge davon war natürlich, daß alle Disciplin in der Plantage aufhörte; und ich kam mit Alf ziemlich auf denselben Punkt zu stehen, auf dem ich mit meinem Vater in früheren Jahren gestanden hatte. Er sagte mir, daß ich ein weibischer Sentimentalist sei, und nie für ein derartiges Geschäft passen würde, und rieth mir deshalb, das in der Bank befindliche Vermögen mit dem Familiensitz in New-Orleans zu übernehmen, und Gedichte zu schreiben, während er die Plantage bewirthschaftete. So trennten wir uns und ich kam hierher.«
»Aber weßhalb hast Du denn Deine Sklaven nicht freigelassen?« fragte Ophelia.
»Ich weiß nicht, ich konnte mich nicht dazu verstehen. Sie zu halten, um für mich Geld zu verdienen, war mir nicht möglich; — allein sie zu haben, um Geld mit ausgeben zu helfen, schien mir nicht ganz so häßlich. Manche unter ihnen waren überdies alte Dienstboten des Hauses, für die ich Anhänglichkeit fühlte, und die Jüngeren waren deren Kinder. Alle waren auch mit ihrer Lage wohl zufrieden.«
Hier hielt er inne und schritt gedankenvoll im Zimmer auf und ab. Nach einer Pause fuhr er fort:
»Es gab einmal in meinem Leben eine Zeit, wo ich Pläne und Hoffnungen hegte, etwas mehr in dieser Welt zu sein, als ein bloßes Stück Treibholz, das sich hin und her werfen läßt. Ich fühlte eine dunkle Sehnsucht danach, ein Befreier zu werden, — mein Geburtsland von diesem Schandfleck zu reinigen. Ich glaube, alle jungen Männer haben einmal solche Fieberanfälle gehabt, — aber dann —«
»Weßhalb führtest Du es nicht aus?« sagte Miß Ophelia; »Du hättest Deine Hand nicht an den Pflug legen sollen, und rückwärts blicken.«
»Ganz recht; aber es ging nicht mit mir, so wie ich erwartet hatte, und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, es war bei uns Beiden eine nothwendige Folge der Weisheit; kurz, statt eine handelnde Person auf der Bühne der menschlichen Gesellschaft zu werden, und deren Wiedergeburt zu bewirken, wurde ich nichts als ein Stück Treibholz, das sich seitdem von Fluth und Ebbe hat umherwerfen lassen. Alfred macht mir wohl Vorwürfe, so oft wir uns sehen, und er hat recht, denn er steht wirklich über mir, — er thut etwas, er wirkt. Sein Leben ist eine logische Folge seiner Ansichten, während das meinige nichts als ein verächtliches non sequitur ist.«
»Mein lieber Vetter, kannst Du Dich mit einer solchen Rechtfertigung zufrieden stellen?«
»Zufrieden stellen? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich sie verachte? Aber um auf diesen Punkt wieder zurückzukommen, — wir sprachen von dem Befreiungsgeschäfte. Ich glaube nicht, daß meine Ideen über Sklaverei besonderer Art sind, denn ich finde Viele, die in ihren Herzen grade ebenso empfinden wie ich. Das Land seufzt unter der Last, und so schwer sie auch den Sklaven drückt, so leidet der Herr doch noch mehr darunter. Es bedarf keiner Vergrößerungsgläser, um zu erkennen, daß eine zahlreiche Klasse lasterhaften, sorglosen, entarteten Volkes ein großes Uebel für uns ist. Die Aristokraten und Kapitalisten in England können das nicht so empfinden wie wir, weil sie mit der Klasse, die sie entarten, in keinen solchen Verkehr kommen wie wir. Sie sind in unsern Häusern, sie sind die Gesellschafter unserer Kinder, und bilden deren Geister schneller, als wir es können. Wenn Eva nicht mehr Engel, als gewöhnliches Kind wäre, so würde sie ruinirt werden. Wir könnten ebensowohl die Pocken unter ihnen grassiren lassen und glauben, daß unsere Kinder nicht angesteckt werden sollten, wie sie in einem unwissenden und lasterhaften Zustande lassen, und annehmen, daß unsere Kinder davon nicht leiden werden. Allein unsere Gesetze verbieten ganz ausdrücklich jede Art eines allgemeinen Erziehungssystemes für dieselben, und zwar aus einem sehr weisen Grunde; denn habe nur erst eine Generation gründlich erzogen, so würde die ganze Sache wie eine Pulvermine in die Luft fliegen. Sie würden sich dann die Freiheit nehmen, wenn wir sie ihnen nicht geben wollten.«
»Und was denkst Du denn, daß das Ende von dem Allen sein wird?« sagte Ophelia.
»Ich weiß es nicht. So viel ist gewiß, — daß eine Musterung der Massen jetzt auf der ganzen Erde gehalten wird, und daß ein dies irae früher oder später kommen muß. Es ist dasselbe in Europa, in England und in Amerika. Meine Mutter pflegte mir von einem tausendjährigen Reiche zu erzählen, das kommen, und wo Christus herrschen werde, und alle Menschen frei und glücklich sein sollten. Und sie lehrte mich, als ich ein Knabe war, beten: »»Dein Reich komme!«« Zuweilen ist mir, als sei alles dieses Seufzen und Stöhnen eine Ankündigung dessen, was da kommen müsse, wie sie mir sagte. Aber »»wer wird den Tag Seiner Zukunft erleiden mögen?««
»Augustin, zuweilen denke ich, daß Du vom Reiche Gottes nicht sehr fern bist,« sagte Miß Ophelia, während sie ihr Strickzeug niederlegte und ihn mit tiefem Gefühle anblickte.
»Danke Dir für Deine gute Meinung; allein es geht mit mir auf und nieder, — aufwärts bis an die Himmelspforten in der Theorie, und nieder in den Staub der Erde in der Ausübung. Aber da erschallt die Glocke zum Thee! Komm! laß uns gehen, und sage nur nicht wieder, daß ich nie in meinem Leben ein ernstes Gespräch geführt habe.«
Am Theetische erwähnte Marie des Vorfalles mit Prue. »Ich glaube, Cousine,« sagte sie, »Sie werden uns hier für Barbaren halten.«
»Ich halte dieses Ereigniß allerdings für eine barbarische Handlung,« entgegnete Ophelia; »allein ich glaube nicht, daß Sie alle Barbaren sind.«
»Ich weiß,« sagte Marie, »daß es durchaus unmöglich ist, mit manchen von diesen Geschöpfen fertig zu werden. Sie sind so schlecht, daß sie nicht zu leben verdienen. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde so etwas nicht vorkommen.«
»Aber, Mamma,« sagte Eva, »die arme Frau war unglücklich, deshalb hatte sie sich dem Trunk ergeben.«
»Ach, Possen, als wenn das eine Entschuldigung wäre! Ich bin sehr oft unglücklich. — Ich glaube,« fügte sie sinnend hinzu, »daß ich größere Leiden erduldet habe, als sie je empfunden hat. Es liegt nur daran, daß sie alle so schlecht sind. Manche von ihnen lassen sich sogar durch keinen Grad von Strenge bändigen. Ich besinne mich, Vater hatte einen Mann, der so faul war, daß er stets davonlief, nur um der Arbeit zu entgehen, und trieb sich dann in den Sümpfen umher, und stahl und verübte Schändlichkeiten aller Art. Dieser Mensch wurde eingefangen und gepeitscht, wieder und wieder, und es half alles nichts. Das letzte Mal kroch er nur davon, denn er konnte nicht mehr gehen, und starb im Sumpfe. Hier war nun gar kein Grund dazu vorhanden, denn Vaters Arbeiter wurden alle sehr gut behandelt.«
»Ich habe einmal einen Burschen zu Paaren getrieben,« sagte St. Clare, »an dem alle Aufseher und Herren ihre Kräfte vergeblich versucht hatten.«
»Du?« sagte Marie; »ich möchte wohl wissen, wann Du je so Etwas ausgeführt hättest!«
»Es war ein kräftiger, riesengroßer Kerl, — ein geborener Afrikaner, der den rohen Instinkt der Freiheit in einem ungewöhnlichen Grade in sich trug, — ein ächter afrikanischer Löwe. Sein Name war Scipio. Niemand konnte etwas mit ihm anfangen, und er wurde deshalb von einem Aufseher an den andern verkauft, und kam so endlich in Alfred's Hände, weil dieser glaubte, er könne ihn bändigen. Wohl, eines Tages schlug er den Aufseher zu Boden, und war fort in die Sümpfe. Ich befand mich grade auf Alf's Plantage zum Besuch, denn es fand Statt, nachdem wir unsere Geschäftsverbindung bereits aufgelöst hatten. Alfred war aufgebracht im höchsten Grade; allein ich sagte ihm, daß es seine eigne Schuld sei, und machte eine Wette mit ihm, daß ich den Menschen bändigen wolle. Wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn einfinge, ich ihn haben solle, um meinen Versuch an ihm zu machen. Es wurde also eine Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten mit Hunden und Gewehren ausgewählt, und die Jagd begann. Ihr müßt wissen, daß die Menschen mit demselben Eifer auf eins ihrer Mitgeschöpfe Jagd machen, wie auf einen Rehbock, sobald es Gewohnheit geworden ist. Die Hunde bellten und heulten, und wir streiften durch Busch und Wald, und jagten ihn endlich auf. Er lief und sprang wie ein Rehbock, und ließ uns eine lange Zeit hinter sich; allein endlich blieb er in einem undurchdringlichen Rohrgebüsch stecken, und dann wandte er sich um, und setzte sich zur Wehr, und kämpfte, versichere ich Euch, brav gegen die Hunde. Rechts und links schmetterte er sie nieder, und tödtete drei mit seinen bloßen Fäusten, als ein Schuß ihn zu Boden streckte, und er verwundet und blutend beinahe dicht vor meinen Füßen zusammenstürzte. Der arme Mensch schlug sein Auge mit männlicher Verzweiflung zu mir auf. Ich hielt die Hunde und die übrigen Jäger zurück, als diese herankamen, und sich um ihn drängten, und verlangte ihn als meinen Gefangenen. Alles was ich thun konnte, war, daß ich sie verhinderte, ihn in ihrer heftigen Aufregung niederzuschießen; allein ich bestand auf mein Fangrecht, und Alfred verkaufte ihn an mich. Nunmehr fing ich meine Kur mit ihm an, und in Zeit von vierzehn Tagen hatte ich ihn so zahm und unterwürfig gemacht, wie man es nur wünschen konnte.«
»Was in aller Welt hast Du denn mit ihm gemacht?« fragte Marie.
»Es war ein sehr einfacher Prozeß. Ich nahm ihn in mein eignes Zimmer, ließ ein gutes Bett für ihn herrichten, und verband seine Wunden, und pflegte ihn selbst, bis er wieder aufstehen konnte; und nach einiger Zeit ließ ich Freischeine für ihn ausfertigen, und sagte ihm, daß er gehen könne wohin er wolle.«
»Und ging er?« fragte Miß Ophelia.
»Nein; der närrische Mensch riß die Papiere entzwei, und weigerte sich durchaus, mich zu verlassen. Ich hatte nie einen besseren Diener um mich, — zuverlässig und treu wie Stahl. Er ging später zum Christenthume über, und wurde so sanft wie ein Kind. Längere Zeit war er Aufseher über meine Besitzung am See, und stand seinen Geschäften musterhaft vor. Ich verlor ihn in der ersten Cholerazeit. Er opferte eigentlich sein Leben für mich; denn ich war krank, beinahe todtkrank, und als alle Anderen von Schrecken ergriffen flohen, blieb Scipio bei mir allein zurück, und arbeitete an meinem Körper wie ein Riese, und brachte mich richtig wieder in das Leben zurück. Aber der arme Mensch wurde angesteckt, und es war keine Rettung für ihn. Nie habe ich einen Verlust schmerzlicher empfunden, als diesen.«
Eva war allmählig näher und näher an ihren Vater herangekommen, als er diese Geschichte erzählte, während ihre schmalen Lippen halb geöffnet waren, und aus ihren großen, ernsten Augen das tiefste Interesse sprach.
Als er geendet hatte, warf sie sich plötzlich um seinen Hals, brach in Thränen aus, und schluchzte krampfhaft.
»Eva, liebes Kind! was ist Dir denn?« sagte St. Clare, während ihr zarter Körper von der Heftigkeit ihrer Empfindungen bebte und flog. »Dieses Kind,« fügte er hinzu, »müßte eigentlich nie so etwas hören, — es ist zu nervenschwach.«
»Nein, Papa, ich bin nicht nervenschwach,« sagte Eva, plötzlich sich sammelnd, mit einer für ein solches Kind wunderbaren Willenskraft. »Ich bin nicht nervenschwach, aber solche Dinge sinken mir in's Herz.«
»Was meinst Du damit, Eva?«
»Ich kann es Dir nicht sagen, Papa; ich habe viele, viele Gedanken. Vielleicht kann ich es Dir später einmal sagen.«
»Nun, so denke immer zu, Kind, — nur weine und quäle Deinen Papa nicht,« sagte St. Clare. »Sieh' hier, sieh', was für eine wunderschöne Pfirsich ich für Dich habe!«
Eva nahm die Frucht und lächelte, obgleich um ihre Mundwinkel noch immer ein fieberhaftes Zucken schwebte.
»Komm', sieh' hier den Goldfisch,« sagte St. Clare, ihre Hand nehmend, und mit ihr auf die Veranda hinaustretend. Einige Augenblicke später erscholl lautes Lachen durch die seidenen Gardinen, während Eva und ihr Vater sich einander mit Rosen warfen, und sich durch die Baumgänge des Hofes jagten.
Wir dürfen unsern Freund Tom über die Begebenheiten der höher Geborenen nicht ganz vergessen. Wenn uns deshalb unsere Leser nach seinem kleinen Verschlage über dem Stalle begleiten wollen, so können sie etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein einfaches, kleines Gemach, welches ein Bett, einen Stuhl, und ein rohes Gestell enthielt, auf dem Toms Bibel und Gesangbuch lagen, und wo er jetzt sitzt, mit seiner Tafel vor sich, in einer Beschäftigung begriffen, die ihm schweres Nachdenken zu verursachen scheint. Toms Sehnsucht nach Hause war nämlich so stark geworden, daß er sich von Eva einen Bogen Briefpapier erbeten hatte, und unter Aufbietung seines gesammten kleinen, wissenschaftlichen Schatzes, den er sich in Georg's Unterricht erworben, die kühne Idee gefaßt hatte, einen Brief zu schreiben; und jetzt grade war er beschäftigt, den ersten Entwurf dazu auf seiner Tafel niederzuschreiben. Tom war in nicht geringer Verlegenheit, denn er hatte die Figuren mancher Buchstaben ganz vergessen, und was er noch wußte, verstand er nicht anzuwenden. Und während er sich abmühte, und in seinem Eifer schwer athmete, stieg Eva wie ein Vogel hinter ihm auf seinen Stuhl, und blickte über seine Schulter.
»O, Onkel Tom! was für sonderbare Figuren machst Du da!« sagte sie.
»Ich versuche, an meine arme, alte Frau zu schreiben, Miß Eva, und an meine kleinen Kinder,« sagte Tom, während er mit der Kehrseite seiner Hand über die Augen fuhr; »aber ich fürchte, ich werde nicht damit fertig werden.«
»Ich wollte, ich könnte Dir helfen, Tom! Etwas schreiben kann ich. Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen; aber ich fürchte, ich habe sie wieder vergessen,« sagte Eva, indem sie ihren goldenen Kopf dicht an den seinigen hielt, worauf Beide sodann, gleich eifrig und gleich unwissend, das ernste Geschäft begannen, und unter vielfachen Zweifeln und Berathungen von Wort zu Wort schritten, und sich lebhaft über ihre Produktionen freuten.
»Ja, Onkel Tom, jetzt fängt es an, hübsch zu werden,« sagte Eva, während sie mit Entzücken darauf blickte. »Wie Deine Frau sich freuen wird, und die armen kleinen Kinder! O, es ist eine Schande, daß Du von ihnen hast fortgehen müssen! Ich will nächstens Papa darum bitten, daß er Dich zurückgehen lasse.«
»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herunterschicken, sobald sie es zusammenbringen könnten. Ich denke, sie wird es thun. Junge Master Georg sagte, er wollte mich holen, und gab mir diesen Dollar zum Zeichen,« erwiederte Tom, indem er den kostbaren Dollar unter seinen Kleidern hervorzog.
»O, dann kommt er gewiß!« sagte Eva. »Ich freue mich so!«
»Und ich wollte gern einen Brief hinschicken, daß sie wissen, wo ich bin,« sagte Tom, »und Chloë zu wissen thun, daß es mir gut geht, — denn sie war so unglücklich, das arme Wesen!«
»Tom!« rief St. Clare's Stimme, der in diesem Augenblicke in die Thür trat.
Tom und Eva sprangen auf.
»Was gibt's hier?« fragte St. Clare, indem er näher kam, und auf die Tafel blickte.
»O, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm schreiben,« sagte Eva, — »ist es nicht hübsch?«
»Ich will keinem von euch den Muth nehmen,« entgegnete St. Clare, »aber ich denke, Tom, es wird besser sein, wenn ich den Brief für Dich schreibe. Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt zu Hause komme.«
»Es ist sehr nothwendig, daß er schreibt,« sagte Eva, »denn seine Mistreß will Geld herunterschicken, um ihn auszulösen, — verstehst Du, Papa? sie hat ihm das versprochen.«
St. Clare dachte im Stillen, daß dies wahrscheinlich nichts als eine solcher Verheißungen sei, die gutmüthige Herrschaften ihren Dienstboten machen, um deren Schrecken vor dem Verkauftwerden zu mildern, ohne wirklich die Absicht zu haben, diese Erwartung je zu verwirklichen; aber er äußerte keine Bemerkung darüber, sondern befahl Tom nur, die Pferde aus dem Stalle zu holen.
Toms Brief wurde an demselben Abende in bester Form geschrieben, und auf die Post befördert.
Miß Ophelia fuhr inzwischen in ihren Haushaltungsarbeiten fort. Alle Dienstboten, von Dinah abwärts bis zum jüngsten Zwerge, waren darüber einverstanden, daß Miß Ophelia entschieden sehr »curios« sei, — eine Bezeichnung, durch welche die Dienstboten des Südens zu verstehen zu geben pflegen, daß ihre respectiven Vorgesetzten ihnen nicht zusagen.
Der höhere Cirkel des Haushalts, — wie Adolph, Jane und Rosa, — waren der Meinung, daß sie keine Dame sei, da Damen nie solche Arbeiten verrichteten, wie sie, und daß sie auch gar nicht das Aeußere einer Dame habe, und wunderten sich, daß sie überhaupt eine Verwandte St. Clare's sein könne. Selbst Marie erklärte, daß es für sie in hohem Grade ermüdend sei, die Cousine fortwährend so geschäftig zu sehen. Und in der That war Miß Ophelia's Thätigkeit so ununterbrochen, daß sich beinahe darin etwas Grund zur Klage finden ließ. Sie nähte vom Morgen bis in die Nacht mit einem Eifer, als wäre ein besonders dringender Grund dazu vorhanden; und wenn es dunkel wurde, und sie ihre Arbeit zusammengelegt hatte, so kam im Nu der ewig bereite Strickstrumpf zum Vorschein, und sie begann von Neuem mit demselben Eifer. Es war wirklich eine Arbeit, ihr zuzusehen.