„Ich möchte sie brennen sehen, – mein Seel'!“ sagte der kleine Jack.
„Kinder!“ sagte hier plötzlich eine Stimme, welche Alle aufschreckte. Es war Onkel Tom, welcher in die Thür getreten war, und die Unterhaltung mit angehört hatte. „Kinder!“ sagte er, „ich fürchte, Ihr wißt nicht was Ihr sprecht. Ewig ist ein schreckliches Wort; – 's schaudert Einen dran zu denken; – solltet das keiner menschlichen Kreatur wünschen.“
„Wir wollen's Niemanden wünschen, – nur den Seelenverkäufern,“ sagte Andy; – „man kann sich nicht helfen, die sind so schlecht.“
„Thut nicht die Natur selbst schreien gegen sie?“ sagte Tante Chloë. „Reißen sie nicht den Säugling gerade weg von Mutters Brust, und verkaufen ihn, – und die kleinen Kinder, wenn sie schreien, und sich festhalten an Mutters Kleidern, – reißen sie sie nicht los und verkaufen sie? Reißen sie nicht Mann und Weib auseinander?“ fuhr sie zu weinen anfangend fort, – „wenn's ihnen auch das Leben nimmt? – und fühlen sie was dabei? – trinken und rauchen sie nicht, und sind ganz gleichgültig dabei? – O Herr, wenn der Teufel die nicht holt, – wozu ist er dann nütze?“ Und Tante Chloë bedeckte ihr Gesicht mit ihrer buntgefleckten Schürze, und fing in vollem Ernste bitterlich an zu weinen.
„Bittet für die, so Euch beleidigen, sagt das gute Buch,“ bemerkte Tom.
„Bitten für sie,“ sagte Tante Chloë; – „o Herr! das ist zu viel! Ich kann nicht für sie beten.“
„'s ist Natur, Chloë, und Natur ist mächtig,“ sagte Tom, „aber des Herrn Gnade ist mächtiger; – außerdem, solltest auch an den schrecklichen Zustand denken, in dem die Seele solcher armen Kreatur ist, die solche Dinge thut; – solltest Gott danken, Chloë, daß Du nicht bist wie sie. – Weiß gewiß, – wollte lieber zehntausendmal verkauft werden, als die Verantwortung haben, die solche arme Kreatur hat auf sich.“
„Ich auch, ein gut Theil lieber,“ sagte Jack. „O Herr, wie würde 's uns gehen, Andy?“
Andy zuckte mit den Achseln, und gab ein beifälliges Pfeifen zu vernehmen.
„Ich bin froh, daß Master heute früh nicht fortgegangen ist, wie er wollte,“ fuhr Tom fort; – „das hätte mir weher gethan, als verkauft werden. Vielleicht, es wäre natürlich für ihn gewesen, aber mir wär's hart angekommen, – hab' ihn ja gekannt, als er noch ein Säugling war. Aber ich habe Master gesehn, und bin versöhnt nun mit Gottes Willen. Master konnte sich nicht anders helfen; er hat recht gethan, aber fürchte, daß doch Alles wird zu Grunde gehen, wenn ich fort bin. Master kann nicht überall herumkriechen und aufpassen, wie ich habe gethan, – und alle Enden zusammenhalten. Die Jungens meinen's ganz gut, aber sind mächtig nachlässig. Das macht mir Sorge.“
In diesem Augenblicke erscholl die Glocke, und Tom wurde in's Zimmer berufen.
„Tom,“ sagte sein Herr in gütigem Tone zu ihm, „ich mache Dich aufmerksam darauf, daß ich diesem Herrn Verschreibungen über tausend Dollar gegeben habe für den Fall, daß Du nicht da sein solltest, wenn er Dich verlangt. Er hat heut mit seinen übrigen Geschäften zu thun, und Du kannst den Tag für Dich frei haben. Geh', wohin Du willst, mein alter Junge.“
„Dank schön, Master,“ sagte Tom.
„Und paß' auf,“ sagte der Händler, „und bring's nicht über Deinen Herrn mit einem von Deinen Niggerpfiffen, denn ich will jeden Cent aus ihm herausdrücken, wenn Du nicht da bist. Wär' er mir gefolgt, so hätt' er gar nicht einem von Euch – glatten Aalen getraut!“
„Master,“ sagte Tom, – sich grade aufrichtend, – „ich war just acht Jahr alt, wenn alte Missis Euch in meine Arme legte, und Ihr wart noch kein Jahr alt. ‚Da,‘ sagte sie, ‚Tom, das wird Dein junger Herr sein; nimm ihn wohl in Acht,‘ sagte sie. Und nun wollt' ich Euch fragen, Master, hab' ich Euch je ein Wort gebrochen oder Euch zuwider gehandelt, besonders, seit ich ein Christ bin?“
Mr. Shelby war von seinem Gefühle vollständig überwältigt und Thränen drangen aus seinen Augen hervor.
„Mein guter Junge,“ sagte er, „Gott weiß, daß das wahr ist, was Du sagst; und wenn es in meinen Kräften stände, es zu verhindern, so sollte Niemand in der Welt Dich kaufen dürfen.“
„Und so wahr ich eine christliche Frau bin,“ sagte Mrs. Shelby, „Du sollst wieder eingelöst werden, sobald ich einigermaßen Mittel zusammenbringen kann. Mr. Haley,“ fügte sie zu Haley gewendet hinzu, „merken Sie sich ja genau, an wen Sie ihn verkaufen, und lassen Sie mich es wissen.“
„Gott, ja, warum denn nicht?“ sagte der Händler, „kann ihn ja in einem Jahr wieder 'raufbringen, nicht viel abgenutzt, und ihn zurückhandeln.“
„Ich will dann mit Ihnen handeln, und es soll Ihr Nutzen sein,“ sagte Mrs. Shelby.
„Natürlich,“ sagte der Händler, – „'s mir Alles gleich, handle hin und zurück, wenn es nur ein gutes Geschäft gibt. Will ja nur meinen Lebensunterhalt verdienen, Madame, das ist Alles, was unser Einer will, denk' ich.“
Mr. und Mrs. Shelby waren innerlich empört über die unverschämte Vertraulichkeit des Händlers, aber dennoch fühlten Beide die absolute Nothwendigkeit, ihre Gefühle zurückzuhalten. Je gefühlloser und schmutziger er erschien, desto größer war Mrs. Shelby's Furcht, daß es ihm gelingen könne, Elisa und ihr Kind wieder einzufangen, und um so mehr fühlte sie sich deßhalb gedrungen, jeden weiblichen Kunstgriff zu benutzen, um ihn noch länger aufzuhalten. Sie lächelte ihm deßhalb beifällig zu, schwatzte vertraulich mit ihm und that Alles, was sie konnte, um ihm die Zeit unbemerkt entfliehen zu lassen.
Um zwei Uhr endlich führten Sam und Andy die Pferde vor, wie es schien, bedeutend erfrischt und ermuthigt durch den am Morgen gehaltenen Rennlauf.
Sam kam frisch geölt vom Essen, mit einem Ueberfluß von eifriger und williger Geschäftigkeit. Während Haley sich näherte, prahlte er gegen Andy von dem sichern, ganz unzweifelhaften Erfolge, den das Unternehmen haben müsse, nachdem er nun endlich so weit gekommen sei, „dran gehen“ zu können.
„Euer Herr hält wohl keine Hunde?“ sagte Haley nachdenkend, während er sich anschickte aufzusteigen.
„Die Menge,“ sagte Sam triumphirend; „da 's Bruno, – 's ist ein Brüller! und dann hat hier auch noch jeder Nigger ein paar junge Hunde von einer Sorte oder anderer!“
„Pah!“ sagte Haley, – und fügte noch etwas Anderes mit Bezug auf die erwähnten Hunde hinzu, worauf Sam murmelte:
„Seh' nicht ein, wozu – was nöthig – drauf zu fluchen.“
„Aber Euer Herr hält keine Hunde (ich weiß es ganz gewiß), um Niggers aufzuspüren.“
„Unsere Hunde alle haben sehr scharfen Geruch. Glaube, 's ist die rechte Sorte, – haben zwar nie keine Praxis gehabt. Brave Hunde, Master, auf Alles, wenn Ihr sie loslaßt. Hier, Bruno,“ rief er, einem umherschlendernden Neufundländer zupfeifend, worauf dieser mit gewaltigem Geräusche auf ihn zugesprungen kam.
„Du sollst gehenkt werden!“ sagte Haley aufsteigend. „Komm, kriech' hinauf nun.“
Sam kroch demgemäß hinauf, dabei jedoch auf geschickte Weise Gelegenheit findend, Andy zu kitzeln, was diesen nöthigte, in ein helles Lachen auszubrechen, in Folge dessen Haley in heftigem Unmuthe mit der Reitpeitsche nach ihm hieb.
„'s ist erstaunlich, Andy!“ sagte Sam mit schrecklichem Ernste. „Dieß ein sehr wichtiges Geschäft; – mußt hier keinen Spaß treiben; – das ist keine Art, Master zu helfen.“
„Ich werde den graden Weg nach dem Flusse nehmen,“ sagte Haley mit Bestimmtheit, als sie die Gränzen der Besitzung erreicht hatten. „Ich weiß, welchen Weg alle Die nehmen, – die laufen Alle in die Niederung.“
„Sicher,“ sagte Sam, „das ist die rechte Idee. Master Haley trifft's just in die Mitte. Nun, da sind zwei Wege an den Fluß, – der Holzweg und die Chaussee; – welchen will Master nehmen?“
Andy blickte unschuldig zu Sam auf, überrascht, diese neue Geographie zu hören, aber bestätigte augenblicklich, was jener gesagt hatte, durch eine lebhafte Wiederholung desselben.
„Natürlich,“ sagte Sam, „sollte eher denken, Lizy ist den Holzweg gegangen, weil er einsamer ist.“
Haley, obgleich er ein erfahrener alter Fuchs war und stets mißtrauisch, war dennoch nahe daran, sich durch diese Ansicht bestimmen zu lassen.
„Wenn Ihr nicht Beide so verdammte Lügner wäret!“ sagte er gedankenvoll, während er einen Augenblick nachsann.
Der tiefsinnige Ton, in dem dieß gesagt wurde, schien Andy so über alle Maßen zu amüsiren, daß er ein Stückchen hinter Haley zurückblieb und sich vor Lachen so schüttelte, daß er Gefahr lief vom Pferde zu fallen, während Sam's Gesicht unbeweglich den schwermüthigsten Ernst bewahrte.
„Natürlich,“ sagte Sam, „Master kann thun, was er will; – gehen den graden Weg, wenn Master hält's für's Beste, – uns Alles einerlei. Ja, wenn ich so drüber studire, denk' ich auch, der grade Weg ist am Besten, – ohne Zweifel.“
„Sie wird natürlich einen einsamen Weg gewählt haben,“ sagte Haley, laut denkend, und Sam's Bemerkung nicht beachtend.
„Läßt sich da nichts sagen,“ fuhr Sam fort; – „Weiber immer sonderbar, – Weiber immer thun, was Ihr denkt, – gewöhnlich grade 's Gegentheil. Weiber von Natur entgegen, – und so, wenn Ihr denkt, sie sind gegangen den Weg, 's ist gewiß, Ihr thut am Besten und nehmt den andern, – dann findet Ihr sie ganz sicher. Hier nun ist meine Meinung, Lizy hat den Holzweg genommen, – also wäre 's am Besten, den graden zu nehmen.“
Diese gründliche, geschlechtliche Ansicht über die weibliche Natur schien Haley nicht sonderlich für den chaussirten Weg bestimmen zu können, und er erklärte seinen festen Entschluß, den andern zu wählen, und fragte Sam, wann sie diesen erreichen würden.
„Ein Stückchen weiter hinauf,“ sagte Sam, indem er Andy einen Wink mit dem Auge der ihm zugewendeten Seite seines Kopfes gab, und fügte dann im ernstesten Tone hinzu: „aber ich habe drüber nachgedacht und 's ist mir ganz klar, wir sollten nicht diesen Weg gehen. Bin nie diesen Weg gekommen, 's ist ein verzweifelt einsamer, – könnten uns leicht verlieren, – Gott weiß, wo wir hinkommen könnten.“
„Thut nichts,“ sagte Haley, „ich will dennoch diesen Weg gehen.“
„Nun ich nachdenke drüber,“ fuhr Sam fort, „ist mir's, als hätt' ich hören sagen, daß der Weg ganz abgesperrt ist durch Dämme und Zäune, und so – nicht wahr, Andy?“
Andy wußte es nicht gewiß; er hatte nur „reden hören“ von dem Wege, aber war ihn nie selbst gegangen. Mit einem Worte, er hielt sich ganz neutral.
Haley, gewohnt, das Gewicht der Wahrscheinlichkeiten zwischen größeren und geringen Lügen gehörig abzuwägen, nahm an, daß dasselbe sich zu Gunsten des erwähnten Holzweges neige. Er glaubte, daß die erste Erwähnung desselben von Seiten Sam's unwillkührlich gewesen sei, und seine verwirrten Versuche, ihm davon abzurathen, hielt er für verzweifelte Lügen, die aus späterem Nachdenken und der Absicht hervorgingen, Elisa außer Gefahr zu bringen. Als Sam deßhalb den bewußten Weg anzeigte, nahm er mit entschiedener Wendung seine Richtung in denselben, während Sam und Andy ihm folgten.
Dieser Weg war in der That ein alter, der früher zum Flusse geführt hatte, aber seit vielen Jahren, nach Errichtung der Chausseestraße verlassen worden war. Ungefähr eine Stunde weit zu reiten war er offen, aber nachher durch verschiedene Zäune und Farmgebäude abgesperrt. Sam wußte dies alles ganz genau – und der Weg war in der That schon seit so langer Zeit unfahrbar geworden, daß Andy niemals davon gehört hatte. Er ritt deßhalb mit der Miene pflichtschuldiger Ergebung weiter, und nur von Zeit zu Zeit ließ er einzelne Ausrufe hören, wie, „daß es sehr holpriger Weg“ und „sehr böse für Jerry's Fuß“ sei.
„Na denn, ich will Euch was sagen,“ begann Haley plötzlich, „ich weiß, was Ihr wollt mit all dem Geschwätze, – Ihr wollt mich von dieser Straße abbringen, aber 's hilft Euch nichts, – also thut Ihr besser, Ihr haltet 's Maul.“
„Master will seinen eigenen Weg gehen!“ sagte Sam mit dem Ausdrucke schmerzlicher Ergebung, gleichzeitig jedoch Andy sehr bedeutungsvoll zuwinkend, dessen Entzücken jetzt nahe daran war loszubrechen.
Sam schien in besonders guter Laune zu sein und that, als wenn er sich außerordentliche Mühe gebe, die Gegend scharf zu beobachten, indem er bald ausrief, daß er „einen Weiberhut“ auf der Spitze einer entfernten Höhe sehe, und bald Andy fragte, „ob das nicht Lizy sei – da unten in dem Hohlwege,“ und dabei diese und ähnliche Ausrufungen immer grade dann erschallen ließ, wenn sie sich an einer besonders rauhen Stelle des Weges befanden, wo das schärfere Antreiben der Pferde für alle Theile besonders unangenehm war, so daß Haley dadurch in einem Zustande fortwährender Aufregung erhalten wurde.
Nachdem sie auf diesem Wege etwa eine Stunde lang geritten waren, lief derselbe plötzlich in einen Ackerhof aus, welcher zu einer bedeutenden Farmbesitzung gehörte. Keine Seele war daselbst sichtbar, da alle Arbeiter auf dem Felde beschäftigt waren; allein da das nächste Scheunengebäude klar und deutlich quer über dem Wege stand, so konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß ihre Reise in dieser Richtung zu einem entschiedenen Ende gelangt sei.
„War's das nicht, was ich Euch vorher gesagt habe?“ sagte Sam mit der Miene beleidigter Unschuld. „Warum denken fremde Herren mehr zu wissen von der Gegend, als die, die drin geboren und erzogen sind?“
„Du Schuft!“ sagte Haley, „Du hast das Alles vorhergewußt.“
„Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ich's wußte, und Ihr wolltet mir nicht glauben! Ich sagte Master, daß Alles wäre gesperrt und daß ich nicht dächte, wir könnten durchkommen – Andy hat's gehört.“
Es war Alles zu wahr, als daß es hätte in Abrede gestellt werden können, und der unglückliche Mann mußte seinen Aerger mit so viel Anstand niederbeißen, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur Rechten, in gerader Richtung nach der Landstraße.
In Folge aller dieser verschiedenen Verzögerungen war es ungefähr drei Viertelstunden später, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebäude zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy waren einige Schritte weit hinter ihm zurück. In diesem kritischen Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der Wind sie ihm abgeweht hätte, in Folge dessen er einen lauten, ihm eigenthümlichen Schrei ausstieß, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurück, an dem der ganze Zug vorüber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.
Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu sein. Ihr Zimmer gewährte durch eine Seitenthür einen Ausgang nach dem Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabführenden Stufen hinunter. Der Sklavenhändler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem schwindelnden Momente schienen Elisa's Füße kaum den Boden zu berühren und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht hinter ihr folgten Jene, und – wie gestählt von einer Kraft, wie sie Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und flugartigen Sprunge, flog sie über den trüben Strom am Ufer hin bis auf die nächste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, – der nur in Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und Andy schrieen instinktmäßig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hände auf, als sie ihn gewahrten.
Das riesige, grüne Eisstück, auf welchem sie Fuß faßte, krachte und senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstück, während sie bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre Schuhe waren zurückgelassen – ihre Strümpfe von den Füßen geschnitten, – und jeder Fußtritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie fühlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.
„Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst!“ sagte der Mann mit einem Schwure.
Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht weit von ihrer alten Heimath eine Farm besaß.
„O Mr. Symmes! – retten Sie mich – bitte, retten Sie mich, – verbergen Sie mich!“ rief Elisa flehend.
„Wie, was ist das?“ sagte der Mann. „Ist denn das nicht Shelby's Dirne?“
„Mein Kind! – dieses Kind! – er hat es verkauft! Dort ist sein Herr!“ sagte sie, nach dem Kentucky-Ufer hindeutend. „O Mr. Symmes, Sie haben auch ein Kind!“
„Das habe ich,“ sagte der Mann, während er rauh, aber gütig sie das steile Ufer hinaufzog. „Ueberdieß bist Du eine brave Dirne. Ich achte Muth, wo ich ihn auch immer finde.“
Als Beide die Höhe des Ufers erreicht hatten, stand der Mann still.
„Ich möchte gern was für Dich thun,“ sagte er, „aber ich weiß keinen Ort, wo ich Dich hinbringen könnte. Das Beste, was ich thun kann, ist, daß ich Dir rathe, dort hinzugehen,“ sagte er, auf ein großes, weißes Gebäude deutend, welches isolirt an der Hauptstraße des Dorfes stand. „Geh dort hin; das sind gute Leute. Dort ist keine Gefahr für Dich, – die werden Dir helfen, – die sind in solchen Fällen immer bereit.“
„Gott segne Sie!“ rief Elisa inbrünstig.
„Keine Ursache, gar keine Ursache,“ sagte der Mann. „Was ich gethan habe, hat gar nichts zu bedeuten.“
„O, und nicht wahr, Herr, – Sie werden's Niemanden sagen?“
„Geh' zum Donnerwetter, Mädchen! Wofür hältst Du Einen? Versteht sich – nein,“ sagte der Mann. „Komm nun, geh' zu, wie eine brave, vernünftige Dirne, was Du bist. Hast Dir Deine Freiheit gewonnen und sollst sie behalten, so weit ich's helfen kann.“
Elisa wickelte ihr Kind dichter an ihren Busen, und schritt fest und eilig weiter. Der Mann blieb stehen und schaute ihr nach.
„Shelby wird dies vielleicht nicht gerade für 'nen sehr nachbarlichen Dienst halten, – aber was soll ein Mensch thun? Wenn er eine von meinen Dirnen auf demselben Striche findet, so mag er mir zurückzahlen. Hab's nie mit ansehen können, wie die armen Kreaturen rennen und keuchen, um sich zu retten, und dann die Hunde hinten drein. Weiß auch überhaupt nicht, warum ich für andere Leute jagen und fangen soll.“
So sprach dieser arme, heidnische Mann von Kentucky, welcher über seine constitutionellen Beziehungen und Verpflichtungen nie aufgeklärt worden war, und sich deßhalb verleiten ließ, in einer Art christlichen Weise zu handeln, welche er, wenn er sich in größerem Wohlstande befunden und mehr Aufklärung genossen hätte, – sich schwerlich erlaubt haben würde.
Haley hatte einen förmlich erstarrten Zuschauer der Scene abgegeben, bis Elisa am gegenüberliegenden Ufer verschwunden war, worauf er sich mit einem leeren, fragenden Blicke nach Sam und Andy umwandte.
„Das war kein übles Stückchen,“ sagte Sam.
„Ich glaube, das Weibstück hat sieben Teufel im Leibe!“ sagte Haley, „Gerade wie 'ne wilde Katze sprang sie!“
„Ja, nu,“ sagte Sam, sich in den Haaren kratzend, – „hoffe, Master wird uns entschuldigen – von dem Wege da. – Denke, habe nicht Courage genug – dazu!“ mit einem heiseren Lachen hinzufügend.
„Du lachst!“ sagte Haley brummend.
„Gott helf mir, Master, ich kann nicht anders – nun,“ sagte Sam, seinem lange zurückgehaltenen Entzücken vollen Lauf lassend. „'s sah so curios aus – wie sie sprang und hüpfte, – und nun, krack – das Eis – und plump! und platsch! – Spring' Du und – o Herr!“ – und Sam und Andy lachten, daß ihnen die Thränen an den Backen hinunter liefen.
„Wart', ich will Euch auf 'ne andere Weise lachen machen!“ sagte Haley, indem er mit der Reitpeitsche um ihre Köpfe schlug.
Beide duckten sich und rannen schreiend und jauchzend das Ufer hinab, und waren bei ihren Pferden, ehe er ihnen nachkommen konnte.
„Guten Abend, Master!“ rief Sam mit großem Ernste. „Vermuthe sehr, Missis wird um Jerry besorgt sein. Master Haley wird uns nicht länger brauchen, – Missis möcht' 's nicht gerne hören, wenn wir die Thiere über Lizy's Brücke ritten – heute Abend noch!“ und, Andy muthwillig in die Rippen stoßend, trabte er, von Letzterem gefolgt, in voller Eile davon, während der Wind ihr fernes, lautes Gelächter zu Haley zurücktrug.
Achtes Kapitel.
Ein würdiges Trio.
Die Dämmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren verzweifelten Rückzug über den Fluß unternahm. Die grauen Abendnebel, welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhüllten sie, als sie am jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr und ihrem Verfolger. Haley kehrte deßhalb langsam und mißmuthig nach dem kleinen Wirthshause zurück, um darüber nachzudenken, was weiter zu thun sei. Die Wirthsfrau öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, dessen Boden mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch mit einer glänzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene schlanke, hochlehnige Holzstühle standen, während über dem Kamine und oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter, hölzerner Sitz breitete seine unbequeme Länge vor dem Kamine aus, und hier ließ Haley sich nieder, um über die Unbeständigkeit menschlichen Glückes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.
„Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun?“ sagte er zu sich selbst, „daß ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen müssen, – was ich bin!“ und erleichterte sein Herz sodann dadurch, daß er eine nicht sehr ausgewählte Litanei von Verwünschungen und Schimpfnamen gegen sich ausstieß, welche, obgleich jeder mögliche Grund vorhanden ist, sie als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwähnt lassen wollen.
Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thür des Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.
„Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute Vorsehung nennen,“ sagte Haley. „Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.“
Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein fleischiger, muskulöser Mann, volle sechs Fuß hoch und im Verhältniß ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite nach Außen, was ihm ein wildes Aeußere verlieh, welches mit dem ganzen Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf- und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und rücksichtslose Gewaltthätigkeit verrieth, in der höchst vollkommensten Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeißer in menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken könnten, so würden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung und dem Eindrucke seiner Körperbildung haben. An seiner Seite befand sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein vollständiges Gegenstück zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale, lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dünnes, schwarzes Haar war sorgfältig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine Wendungen und Bewegungen drückten eine trockene, vorsichtige Schärfe aus. Der große, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem Branntwein ein und stürzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er endlich mit einer dünnen, zitternden Stimme und mit besonders vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte, betrachtete er es mit scharfem, wohlgefälligem Blicke, wie ein Mann, der der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und wohlbedachten Schlückchen zu leeren.
„Wahrhaftig, wer hätte das gedacht, daß ich's so gut treffen sollte? Sieh da, Locker, wie geht's Euch?“ sagte Haley vortretend und seine Hand dem großen Manne entgegen streckend.
„Der Teufel!“ war die höfliche Antwort. „Was bringt Euch denn hierher, Haley?“
Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks führte, hielt sofort mit seinem Schlürfen inne und streckte seinen Kopf vor, und betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern ähnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.
„Na, ich sage, Tom, das ist der glücklichste Zufall in der Welt. Ich bin in 'ner teufelsmäßigen Patsche, und Ihr sollt mir 'raushelfen.“
„Uf! so? – wahrscheinlich!“ grunzte sein höflicher Freund. „Man kann sicher auf so 'was rechnen, wenn Ihr Euch freut, Einen zu sehen, daß Ihr ihn zu irgend 'was braucht. Was gibts denn nun?“
„Ihr habt 'nen Freund hier?“ sagte Haley, etwas zweifelhaft auf Marks blickend, – „vielleicht ein Compagnon?“
„Ja,“ entgegnete Jener. „Hier, Marks! hier, das ist der Kerl, mit dem ich in Natchez zusammen war.“
„Werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen,“ sagte Marks, seine lange, dünne Hand wie eine Rabenklaue ausstreckend. „Vermuthe, Mr. Haley?“
„Derselbe,“ sagte Haley. „Und nun, meine Herren, da wir hier so glücklich zusammen getroffen sind, so denke ich, ich kann hier 'ne Kleinigkeit zum Besten geben, hier da, in der Wirthsstube. Also nun, alter Affe,“ sagte er zu dem Manne hinter dem Schenktische, „bring' uns heißes Wasser und Zucker und Cigarren, und 'ne gute Quantität ‚ächten Stoff‘, und dann wollen wir 'mal lustig sein.“
Der Anordnung gemäß wurden die Lichter angezündet, das Feuer zur hellen Flamme aufgestört, und bald saßen unsere drei Ehrenmänner um den Tisch, welcher mit den vorher aufgezählten Erfordernissen guter Kameradschaft reichlich bedeckt war.
Haley begann einen pathetischen Vortrag seiner eigenthümlichen Unglücksfälle, welchem Locker mit geschlossenem Munde und finsterer, mürrischer Aufmerksamkeit zuhörte. Marks, welcher mit großer Aengstlichkeit und Sorgsamkeit und sehr lebhaften Bewegungen beschäftigt war, sich ein Glas nach seinem eigenen, besonderen Geschmacke zu bereiten, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, und indem er sodann seine lange, scharfe Nase und Kinn bis beinahe in Haley's Gesicht steckte, schien er der ganzen Erzählung die gespannteste Aufmerksamkeit zu widmen. Der Schluß derselben schien ihn außerordentlich zu belustigen, denn er schüttelte schweigend seine Schultern und Seiten, und preßte seine dünnen Lippen mit dem Ausdrucke großen inneren Vergnügens zusammen.
„Also richtig angeführt, – nicht so?“ sagte er, – „he, he, he, he! – 's war gut gemacht!“
„Der verdammte Kinderhandel macht Einem unmenschliche Umstände im Geschäfte,“ sagte Haley mit sehr verdrießlicher Miene.
„Wenn wir 'ne Brut Dirnen ausfinden könnten, die nach ihren Jungen nichts fragen, – ich sage Euch, 's würde der größte moderne Fortschritt sein, den ich kenne, – nicht wahr?“ sagte Marks, indem er seinen Scherz mit einem stillen und wohlgefälligen Lächeln begleitete.
„Ganz recht,“ sagte Haley, – „ich hab's nie begreifen können; Junge machen ihnen doch 'ne schreckliche Menge Umstände; man sollte doch denken, sie müßten froh sein, wenn sie sie los würden, – aber nein. Und je mehr Umstände solch' ein Junges macht, und je weniger es nütze ist im Allgemeinen, desto mehr hängen sie dran.“
„Ja, Mr. Haley,“ sagte Marks, – „just reicht mir das heiße Wasser, – ja, Ihr sagt just das, was ich denke, und wir Alle. Einmal kauft' ich 'ne Dirne, als ich noch im Geschäfte war, – und 's war ein strammes, nettes Mensch, und die hatte ein Junges, ein elendes, kränkliches Ding, bucklich, und wer weiß was Alles. So gab ich's also weg an 'nen Mann, der's versuchen wollte und 's aufziehen, – kostete nichts, natürlich; – dachte nimmer, wißt Ihr, daß sie was darnach fragen würde, – aber, o Herr, nun hättet Ihr sehen sollen, wie sie los ging. Wahrhaftig, mir kam's vor, als wenn sie 's Balg gerade darum lieber hätte, just weil's so elend war und immer schrie und sie plagte; – und sie wollt' sich's nicht beibringen lassen und wollt's nicht glauben, und schrie und lief umher, als wenn sie Alles verloren hätte. 's ist meiner Seel' drollig, daran zu denken. Ja, was die Weiber für Begriffe haben, – da ist kein Ende dran!“
„Just so mit mir,“ sagte Haley. „Vorigen Sommer, unten am Flusse, kriegt' ich 'ne Dirne mit in den Handel, die hatte ein Kind, und 's sah ganz gut aus, und hatte Augen so hell wie Eure; aber, wie ich's näher besah, fand ich, 's war stockblind. So, wißt Ihr, dacht' ich, 's hätte weiter nichts auf sich, wenn ich's so mit weg gäbe in den Handel, ohne weiter was davon zu sagen; – und wurd's auch richtig los für ein Faß Whisky; aber wie 's von der Dirne los kriegen? – die war grade wie ein Tieger. Es war just ehe wir abgingen, und ich hatte meinen Trupp noch nicht zusammen gekettet; so – was hat sie zu thun? – sie springt auf 'nen Ballen Baumwolle wie 'ne Katze, und reißt einem von den Schiffsleuten ein Messer weg, und jagt 'ne Minute lang Alles in die Flucht, bis sie endlich sah, es half ihr nichts; und dann – dreht sie sich herum, und mit dem Kopf zuerst, und ihr Junges im Arm, stürzt sie sich in den Fluß, und, plump, – ging sie unter, und kam nie wieder herauf.“
„Pah!“ sagte Tom Locker, der diese Erzählungen mit schlecht verhehltem Widerwillen mit angehört hatte, – „Dummköpfe, alle beide! meine Dirnen machen mir solche Streiche nicht, – das sag ich Euch!“
„Wirklich! und wie macht Ihr's denn?“ fragte Marks dreist.
„Machen? was, – wenn ich 'ne Dirne kaufe, und sie hat ein Junges, das loszuschlagen ist, so geh' ich zu ihr 'ran, und halt' ihr meine Faust unter's Gesicht, und sage: ‚Gieb Acht, nun, wenn Du mir ein Wort hören läßt aus Deinem Munde, so zerschmettr' ich Dir 's Gesicht. Kein Wort will ich hören, – nicht den Anfang davon.‘ So sag' ich zu ihr, und: ‚das Junge da ist mein, und nicht Dein, Du hast nichts damit zu thun; – ich verkaufe 's an den Ersten besten, und merke Dir, daß Du mir keine Streiche machst, oder Du sollst wünschen, daß Du nie geboren worden wärest.‘ Sage Euch, sie merken's bald, s' ist kein Spaß zu machen, wenn ich sie habe. Ich mache sie so stumm wie Fische; und wenn eine anfängt, und schreit los, und dann –;“ und Mr. Locker ließ seine Faust mit einer solchen Gewalt auf den Tisch niederfallen, daß der unausgesprochene Schluß seiner Rede sich vollständig daraus erklären ließ.
„Das ist, was Ihr Nachdruck nennen könnt,“ sagte Marks, indem er Haley in die Seite stieß, und wieder in ein leises Kichern verfiel. „Ist Tom nicht ein kurioser Kerl? he, he, he! Tom, ich glaube, Ihr bringt's den Negerköpfen bei, – Euch verstehen sie, Tom, ohne Zweifel. Wenn Ihr nicht der Teufel selbst seid, so seid Ihr wenigstens sein Zwillingsbruder, – so viel sage ich!“
Tom nahm das Compliment mit angemessener Bescheidenheit auf, und begann eine so leutselige Miene anzunehmen, wie es, nach John Bunyan's Worten, „mit seiner hündischen Natur möglich war.“
Haley, welcher von den Vorräthen des Abends in reichem Maße zu sich genommen hatte, fühlte seine moralischen Fähigkeiten angeregt und gehoben, – was unter ähnlichen Umständen bei Männern von ernster und schweigsamer Natur kein ungewöhnliches Phänomen ist.
„Na, hört, Tom,“ sagte er, „Ihr seid wirklich zu schlecht, wie ich's immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, Ihr und ich haben öfters über diese Dinge gesprochen in Natchez, und ich habe Euch immer bewiesen, daß wir grade eben so viel machten und wären wohl auf in dieser Welt, wenn wir sie gut behandelten, und hätten außerdem mehr Aussicht endlich in's Himmelreich zu kommen, wenn Staub geht zu Staub, und dann nichts mehr zu holen ist, – Ihr wißt?“
„Pah!“ sagte Tom, „weiß ich nicht? – macht mir nicht übel mit Eurem Unsinn, – mein Magen ist so nicht in Ordnung;“ – und Tom schüttete ein halbes Glas reinen Brandwein hinunter.
„Ich meine,“ sagte Haley, sich in seinen Stuhl zurück legend, und sehr nachdrucksvoll gestikulirend, – „ich meine, 's war immer meine Absicht, meinen Handel so zu treiben, daß ich vor allen Dingen Geld bei verdiene, so viel wie Einer; aber dann, – Handel macht nicht Alles, und Geld macht nicht Alles, denn wir haben Seelen. Ich frage nichts darnach, nun, wer's hört, – und schere mich den Henker darum, – und kann's also grade heraus sagen. Ich glaube an Religion, und nächstens, wenn ich Alles sicher und in Ordnung habe, so will ich meine Seele auf diese Dinge richten; – also wozu nützt's, mehr Schlechtigkeit zu begehen, als durchaus nothwendig ist? – 's scheint mir gar nicht klug gethan.“
„Eure Seele richten!“ wiederholte Tom verächtlich; „sucht nur in Euch herum nach 'ner Seele, – thut besser, spart Euch alle Mühe, was das betrifft. Wenn der Teufel Euch durch ein Haarsieb siebt, so wird er keine finden.“
„Nun, aber, Tom, Ihr nehmt's übel,“ sagte Haley, „warum könnt Ihr's nicht gut aufnehmen, wenn ein Mensch zu Eurem Besten spricht.“
„Halt Euer Maul davon,“ entgegnete Tom brummisch. „Kann meist all' Euer Geschwätz aushalten, ausgenommen Euren frommen Unsinn. Und am Ende, was ist denn der Unterschied zwischen Euch und mir? 'S ist nicht, daß Ihr Euch ein Bißchen mehr daraus macht, oder daß Ihr ein Bißchen mehr Gefühl habt, – nein, 's ist reine, klare, hünd'sche Gemeinheit, – wollt' den Teufel betrügen, und Eure eigne Haut retten; – seh' ich nicht durch und durch? All Euer religiös Werden, wie Ihr's nennt, ist zu erbärmlich gemein für irgend eine Kreatur; – habt Euer ganzes Leben 'ne lange Rechnung mit dem Teufel gemacht, und wollt Euch dann davon schleichen, wenn's an's Zahlen geht! Pah!“
„Kommt', kommt', meine Herren, halt, das ist kein Geschäft,“ sagte Marks. „Ihr wißt, es giebt verschiedene Seiten, alle Dinge zu betrachten. Mr. Haley ist ein vortrefflicher Mann, ohne Zweifel, und hat sein eignes Gewissen; und Ihr, Tom, habt Eure Ansichten, und sehr gute, Tom; aber Streit anfangen, wißt Ihr, führt zu keinem Zwecke. Laßt uns also an's Geschäft gehen. Nun, Mr. Haley, was ist's? – Ihr wollt, wir sollen's übernehmen, die Dirne da einzufangen?“
„Die Dirne geht mich nichts an, – sie gehört Shelby; 's ist nur ihr Junges. Ein Esel war ich, daß ich den Affen gekauft habe!“
„Ihr seid meist immer ein Esel!“ sagte Tom brummisch.
„Na, Locker, keine Bisse weiter,“ sagte Marks, seine Lippen leckend; „Ihr seht, Mr. Haley will uns ein gutes Geschäft machen lassen, gewiß; nun seid 'mal ruhig; – diese Art Sachen abzumachen das ist grade mein Forte. Also, Mr. Haley, diese Dirne, – wie ist sie? was ist sie?“
„Nun, – weiß und hübsch, – gut aufgebracht. Ich hätte Shelby so 'n achthundert oder tausend für geboten, und doch noch ein gutes Geschäft mit gemacht.“
„Weiß und hübsch, – gut aufgebracht!“ sagte Marks, während seine scharfen Augen, Nase und Mund von Begierde strahlten; – „nun, schaut hier, Locker, ist das nicht eine prächtige Gelegenheit? Wir machen hier ein Geschäft für eigne Rechnung; – wir besorgen 's Fangen: – das Junge natürlich kriegt Mr. Haley, – und die Dirne bringen wir nach Orleans, und speculiren mit. Ist es nicht prächtig?“
Tom, dessen großer, schwerer Mund während der Mittheilung weit offen gestanden hatte, ließ ihn jetzt plötzlich zuschnappen, ungefähr so, wie ein großer Hund ein Stück Fleisch fest zu halten pflegt, und schien die Idee in Gemächlichkeit verdauen zu wollen.
„Seht,“ sagte Marks zu Haley, während er seinen Punsch umrührte, „seht, wir haben hier das ganze Ufer entlang, auf allen Punkten, Richter genug, die uns 'nen kleinen Gefallen in unsern Geschäften thun, – ganz billig. Tom besorgt das Festhalten und so, – und ich komme dann herein, – angezogen, – blanke Stiefeln, – alles großartig, wenn das Schwören abzunehmen ist. Solltet nur 'mal sehen,“ sagte Marks in einem Gefühle geschäftigen Stolzes, „wie ich dabei reden kann. Heut bin ich Mr. Twickem, von New-Orleans, – und morgen komm' ich von meinen Plantagen am Perl-Fluß; und ein andres Mal bin ich ein weitläufiger Verwandter von Henry Clay, oder sonst irgend 'nen alten Hahn in Kentucky. Ihr wißt, Talente sind verschieden. Tom ist ein Hauptkerl, wenn's an's Schlagen geht, – aber lügen, – nein, dazu ist er nichts nütze, Tom nicht, – seht, 's ist ihm gar nicht natürlich; aber, Herr, wenn da Einer ist, im ganzen Lande, der Alles und Jedes beschwören kann, und alle die Umstände und was dazu gehört, hinein bringen kann, und bringt's besser durch als ich, – den möcht' ich sehen! – Ich glaube, – meiner Seel' – ich käme durch, wenn auch die Richter genauer wären, als sie sind. Manchmal war's mir wirklich lieber, wenn sie genauer waren; – 's machte mehr Spaß, – wißt Ihr.“
Tom Locker, der, wie wir angedeutet haben, ein Mensch von langsamen Entschlüssen und Bewegungen war, unterbrach hier Marks dadurch, daß er seine schwere Faust in solcher Weise auf den Tisch niederfallen ließ, daß Alles davon wiederhallte. „Das 's genug!“ rief er.
„Gott sei bei Euch, Tom, Ihr braucht ja nicht alle Gläser zu zerbrechen!“ sagte Marks; „hebt Euch Eure Faust auf, wenn's Noth thut.“
„Aber, meine Herren, soll ich denn keinen Theil am Profit haben?“ fragte Haley.
„Ist 's nicht genug, wenn wir 's Junge für Euch fangen?“ sagte Locker. „Was wollt Ihr weiter?“
„So,“ sagte Haley, „wenn ich Euch 's Geschäft gebe, so ist's doch 'was werth, – wenigstens zehn Procent vom Profit, die Ausgaben abgerechnet.“
„Nu seht mir,“ sagte Locker mit einem schrecklichen Fluche seine schwere Faust von Neuem auf den Tisch nieder schlagend, – „kenn' ich denn Euch nicht, Daniel Haley? Denkt nur nicht, daß Ihr über mich kommen wollt! Nicht wahr, – Marks und ich, wir haben den Fanghandel angefangen grade nur um solchen Herren, wie Ihr seid, zu dienen, und nichts für uns selbst dabei zu haben? – Nein, noch lange nicht, wir wollen's Frauenzimmer haben – ganz, und Ihr haltet 's Maul, oder – versteht Ihr – wir wollen sie beide haben. – Wer sollt' uns hindern? – Habt Ihr uns nicht gezeigt, wie man 's machen muß? 'S ist uns so gut erlaubt wie Euch, denk' ich; – und wenn Ihr oder Shelby etwa Jagd auf uns machen wollt, – na, da seht zu wo die Rebhühner voriges Lager lagen; – wenn Ihr sie findet, soll's recht sein.“
„Schon gut, versteht sich, laßt 's nur so gehen,“ sagte Haley unruhig: – „Ihr fangt mir den Jungen dafür; – weiß ja, Tom, Ihr habt immer ehrlich mit mir gehandelt, und Euer Versprechen gehalten.“
„Ihr wißt's,“ sagte Tom, „daß ich keinen von Euren Schleich- und Schniffelwegen habe, aber ich will auch selbst den Teufel nicht belügen in meinem Geschäfte; – was ich sage, das halt' ich, – Ihr wißt das, Dan Haley!“
„Ganz recht, ganz recht, ich sagt's schon,“ entgegnete Haley, „und wenn Ihr mir nur versprechen wollt, den Jungen in acht Tagen oder so an irgend 'nen bestimmten Ort zu bringen, – das ist Alles, was ich will.“
„Aber, 's ist nicht Alles, was ich will, – lange nicht, –“ sagte Tom. „Ihr müßt nicht denken, ich bin mit Euch in Natchez im Geschäfte gewesen für nichts, Haley; – ich hab's gelernt von Euch 'nen Aal festzuhalten, wenn ich ihn gefangen habe. Ihr müßt mir fünfzig Dollar spucken, baar Geld, – oder mit dem Kinde geht's keinen Schritt vorwärts – kenne Euch!“
„Was, wenn Ihr ein Geschäft macht, was Euch 'en tausend oder sechszehnhundert rein einbringt, Tom, – das ist unbillig,“ sagte Haley.
„Ja, und haben wir denn nicht Geschäfte auf fünf Wochen vollauf, – mehr als wir machen können? Und wenn wir nun Alles liegen lassen und rennen hinter Eurem Jungen her und kriegen endlich 's Weibsstück doch nicht, – und Weibsvolk ist teufelmäßig zu fangen, – was dann? Werdet Ihr uns dann einen Cent bezahlen, – he, wollt Ihr? O ja, ich seh's Euch schon thun, – uf! – Nein, nein, Ihr schmeißt Eure fünfzig Dollar 'raus. Wenn wir 's Geschäft machen und 's lohnt sich, so sollt Ihr sie zurück haben; wenn nicht, so ist's für unsre Mühe, – das ist nicht mehr als billig, nicht wahr, Marks?“
„Versteht sich, versteht sich,“ sagte Marks mit versöhnendem Tone, – „'s ist nur ein Kostenvorschuß, versteht Ihr – he! he! he! – wir sind Advokaten. Wohl, wir müssen Alle bei guter Laune bleiben – versteht Ihr. Tom bringt Euch den Jungen wohin Ihr ihn haben wollt, – nicht wahr, Tom?“
„Wenn ich 's Junge finde, will ich's nach Cincinnati bringen und bei Granny Betcher, am Strande, lassen,“ sagte Locker.
Marks hatte inzwischen aus seiner Tasche eine schmutzige Brieftasche hervorgeholt, aus welcher er ein langes Papier herausnahm, sich niedersetzte und seine stechenden, schwarzen Augen darauf heftend, dessen Inhalt halblaut und abgebrochen zu lesen begann: „Barnes – Shelby Distrikt – Bursche Jim, dreihundert Dollar, todt oder lebendig. – Edwards – Dick und Luey – Mann und Frau, sechshundert Dollar; – Weib Polly mit zwei Jungen – sechshundert für sie oder ihren Kopf.“
„Ich laufe grade nur unsre Liste über, um zu sehen, ob wir das Geschäft handlich übernehmen können. Locker,“ sagte er nach einer Pause, „ich denke, wir müssen Adams und Springer auf die Spur setzen; die sind schon 'ne gute Weile hier notirt.“
„Werden zu viel fordern,“ sagte Tom.
„Das will ich schon abmachen; – sind noch jung im Geschäfte und müssen billig arbeiten,“ sagte Marks, während er fortfuhr zu lesen. „Hier sind drei ganz leichte Fälle, – haben natürlich nichts weiter zu thun, als sie niederzuschießen oder zu schwören, daß sie niedergeschossen sind, – können nicht viel fordern dafür. Die andern Fälle,“ fügte er hinzu, sein Papier wieder zusammenschlagend, „lassen sich schon noch 'ne Weile aufschieben. Also laßt uns die besondern Umstände hören, Mr. Haley. Ihr habt sie also gesehen, die Dirne, als sie an's Ufer kam?“
„Zuverlässig, – so deutlich, wie ich Euch sehe.“
„Und ein Mann half ihr das Ufer hinauf?“ fragte Locker.
„Freilich, das hab' ich gesehen.“
„Wahrscheinlich,“ sagte Marks, „ist sie irgendwo versteckt worden; aber wo – das ist die Frage. Tom, was sagt Ihr?“
„Müssen heute Abend noch über den Fluß, – keine Frage,“ sagte Tom.
„Aber da ist kein Boot,“ sagte Marks; – „und das Eis treibt fürchterlich, Tom, – ist's nicht gefährlich?“
„Weiß nicht – nichts, – aber 's muß geschehen,“ sagte Tom entschieden.
„Nun, aber,“ sagte Marks unruhig, „'s wird – seht nur,“ an das Fenster gehend, „'s ist finster wie in 'nem Wolfsrachen, und, Tom –“
„Kurz und lang, Ihr seid furchtsam, Marks; – kann aber nichts helfen, – müßt hinüber. Glaube gar, Ihr wollt hier ein paar Tage liegen bleiben, bis die Dirne in die Niederung geschleppt ist, nach Sandusky oder so, eh' Ihr Euch dran macht.“
„O nein, bin nicht furchtsam, – gar nicht,“ sagte Marks, „nur –“
„Was nur?“ sagte Tom.
„Ich meine 's Boot. Ihr seht, 's ist kein Boot hier.“
„Die Frau hat mir gesagt, daß eins kommt diesen Abend, und daß ein Mann drin überfahren will. Alles oder nichts, wir müssen mit ihm hinüber,“ sagte Tom.
„Ihr habt doch gute Hunde?“ sagte Haley.
„Die allerbesten,“ sagte Marks; „aber was helfen sie? Ihr habt nichts von ihr, um sie dran riechen zu lassen.“
„O ja,“ entgegnete Haley triumphirend. „Hier ist ihr Tuch, was sie in der Eile auf dem Bette zurückgelassen hat, – und ihr Hut auch.“
„Das ist gut,“ bemerkte Locker, „gebt's her.“
„Aber die Hunde könnten 's Weib beschädigen, wenn sie unversehends drauf zu kämen,“ sagte Haley.
„Freilich, das ist 'ne andre Frage,“ erwiderte Marks. „Unsre Hunde rissen neulich 'nen Kerl halb in Stücke, in Mobile, eh' wir sie von ihm loskriegen konnten.“
„Ja, also, seht, die Sorte wird verkauft darnach wie sie aussieht, also, seht, – das geht nicht,“ sagte Haley.
„Freilich,“ entgegnete Marks. „Außerdem, wenn sie irgendwo versteckt worden ist, hilft's auch nichts. Hunde sind nichts nütze hier in diesen Staaten, wo sie diese Ausreißer fahren; natürlich, sie können die Spur nicht finden. Sie sind nur weiter unten gut, in den Plantagen, wo die Niggers, wenn sie ausreißen wollen, selbst laufen müssen und keine Hülfe bekommen.“
„Na denn,“ sagte Locker, der inzwischen hinausgegangen war, um Erkundigungen einzuziehen, „ich höre, der Mann mit dem Boote ist gekommen; also Marks –“
Dieser Ehrenmann warf einen traurigen Blick auf die behaglichen Verhältnisse, die er verlassen mußte, aber erhob sich langsam von seinem Sitze, um zu gehorchen. Nach einigen weiter gewechselten Worten, das Uebereinkommen betreffend, händigte Haley mit sichtbarem inneren Sträuben, die fünfzig Dollar an Tom aus, und das würdige Trio trennte sich sodann für diesen Abend.
Wenn Einigen unter unsern gebildeten und christlichen Lesern die Gesellschaft zuwider ist, in welche sie in dieser Scene eingeführt worden sind, so müssen wir sie bitten, ihre Vorurtheile bei Zeiten zu bekämpfen, indem wir sie daran erinnern, daß das Geschäft des Einfangens der Sklaven jetzt angefangen hat zu einem gesetzlichen und patriotischen Berufe erhoben zu werden. Wenn all' das weite Land zwischen dem Mississippi und dem stillen Ocean ein großer Markt für Körper und Seelen wird und menschliches Eigenthum die locomotiven Tendenzen des neunzehnten Jahrhunderts beibehält, so können der Sklavenhändler und der Sklavenfänger leicht noch in den Reihen unserer Aristokratie Aufnahme finden.
Während diese Scene sich im Wirthshause zutrug, verfolgten Sam und Andy in höchster Selbstzufriedenheit ihren Rückweg. Sam befand sich im Zustande der vollkommensten Ausgelassenheit und drückte seinen Jubel durch übernatürliches Schreien und Geheul aller Art und durch die verschiedenartigsten Bewegungen und Verdrehungen seines ganzen Körpers aus. Zuweilen saß er rückwärts, mit dem Gesichte nach dem Pferdeschweife zugewendet und sprang dann plötzlich mit einem Schrei und Burzelbaume herum auf die andre Seite und zog sein Gesicht in eine ernste Länge und begann Andy in hochtrabenden Worten Vorhaltungen über sein Lachen und seine Narrenstreiche zu machen. Mit allen diesen Evolutionen gelang es ihm, die Pferde in vollster Eile zu erhalten, bis deren Hufe endlich zwischen zehn und elf Uhr auf dem gepflasterten Wege unter dem Balkone des Hauses erklangen. Mistreß Shelby flog hinaus auf den Balkon.
„Bist Du es, Sam? Wo sind sie?“ rief sie.
„Master Haley ausruht in dem Wirthshause; er 's schrecklich müde, Missis,“ entgegnete Sam.
„Und Elisa, Sam?“
„Sie 's über den Jordan, – wie man könnte sagen, im Lande Canaan.“
„Wie, Sam, was meinst Du?“ sagte Mrs. Shelby athemlos und beinahe ohnmächtig, als sie die mögliche Meinung dieser Worte faßte.
„Wohl, Missis, der Herr schützt die Seinen. Lizy ist über den Fluß gekommen, in Ohio, so merkwürdig, als wenn sie der Herr hinüber getragen hätte in 'nem feurigen Wagen und zwei Pferden.“
Sam's Frömmigkeitsader war immer sehr voll und warm, wenn er vor seiner Mistreß stand, und er pflegte sich dann stark in biblischen Figuren und Bildern zu bewegen.
„Komm' hier herauf, Sam,“ sagte Mr. Shelby, der seiner Frau in die Veranda gefolgt war, „und erzähle Deiner Mistreß, was sie zu wissen verlangt. Komm', komm', Emilie,“ fügte er dann hinzu, „Du bist kalt und frierst; Du gibst Dich Deinen Gefühlen zu sehr hin.“
„Meinen Gefühlen zu sehr hin? Bin ich nicht ein Weib und – eine Mutter? Sind wir nicht beide Gott für dieses arme Wesen verantwortlich? O mein Gott! schreibe diese Sünde nicht in unser Schuldbuch!“
„Welche Sünde, Emilie? Du siehst ja selbst, daß wir nur das gethan haben, was wir gezwungen waren zu thun.“
„Und dennoch lastet ein schreckliches Gefühl von Schuld auf mir,“ sagte Mrs. Shelby, – „ich kann es durch keine Vernunftgründe verscheuchen.“
„Hier Andy, Du, Nigger, sei munter!“ rief Sam unter der Veranda; „bringe hier diese Pferde in den Stall, – hörst nicht Master rufen?“ und gleich darauf erschien Sam, sein Palmblatt in der Hand, in der Thür des Zimmers.
„Nun, Sam, erzähle uns deutlich, was sich begeben hat,“ sagte Mr. Shelby. „Wo ist Elisa, wenn Du es weißt.“
„Wohl, Master, ich sah sie mit mein eigen Augen, wie sie ging 'nüber das schwimmende Eis. 's war ganz erstaunlich, 's war beinahe ein Wunder; – und dann sah' ich einen Mann, der half ihr 'nauf die Ohioseite, und dann war sie verschwunden in Nebel.“
„Sam, dies kommt mir etwas apocryphisch vor – dieses Wunder. Ueber das schwimmende Eis zu gehen, ist nicht so leicht,“ sagte Mr. Shelby.
„Leicht, – kein Mensch hätt's thun können ohne den Herrn. Ja, seht,“ sagte Sam, „'s war just so. Master Haley, und ich, und Andy, wir kommen an das kleine Wirthshaus am Flusse, und ich reite ein Stückchen voraus (war so begierig Lizy zu fangen, konnt' mich gar nicht halten) – und wie ich näher an's Fenster komme, da stand sie groß und breit, und Die hinter mir drein. So ich verliere meinen Hut, und schreie auf laut genug, um alle Todten aufzuwecken. Lizy, natürlich, hört's und duckt sich, wie Master Haley das Fenster passirt; und dann, seht, springt sie durch 'ne Seitenthür hinaus und hinunter an den Fluß. Master Haley sah sie ganz deutlich, und schrie uns zu, und er und ich und Andy, wir hinter ihr drein. – Sie springt grad' hinunter an den Fluß, und da ging ein Strom am Ufer entlang – zehn Fuß breit – und dahinter 'ne große Menge Eis auf und nieder – grade als wär's ein Eiland. Wir sind dicht hinter ihr, und ich dacht' mein Seel', er hätte sie sicher genug, – wenn sie mit einmal solchen Schrei ausstößt wie ich nimmer gehört, – und da war sie – grad' hinüber über den Strom – bis auf's Eis, und nun ging sie weiter – springend und schreiend, – und das Eis ging krack! – krack! – auf und nieder – und sie drüber weg springt grad' wie ein Bock! – O Herr! die Sprünge, die diese Dirnen in sich haben, 's ist unglaublich – denk' ich!“
Mrs. Shelby saß schweigend da, blaß vor innerer Aufregung, während Sam seine Geschichte erzählte.
„Gott sei gelobt, so ist sie nicht todt!“ sagte sie dann; „aber wo ist das arme Kind nun?“
„Der Herr wird sorgen,“ sagte Sam, seine Augen fromm aufrollend. „Wie ich gesagt habe, 's ist 'ne Vorsehung und kein Zweifel, wie Missis uns immer gelehrt hat. Da immer sind Werkzeuge, um des Herrn Willen zu thun. So, wenn's ich nicht gewesen wäre heut, sie wäre ein Dutzend Mal gefangen worden. War's nicht ich, der die Pferde los ließ diesen Morgen und bis gegen Mittag mit herum jagte? Und habe ich nicht Master Haley gut fünf Meilen weit vom Wege abgebracht, diesen Abend, oder er hätte Lizy so leicht eingeholt, wie ein Hund 'nen Affen. Diese Dinge alle Vorsehung.“
„Diese Dinge sind eine Art Vorsehung, die ich Dir in Zukunft rathe wohl zu vermeiden, Master Sam. Ich erlaube nicht dergleichen Streiche gegen Herren auf meiner Besitzung,“ sagte Mr. Shelby mit so vielem Ernste, wie er unter den obwaltenden Umständen in seinem Gesichte zusammenbringen konnte.
Es ist jedoch eben so vergeblich, einen Neger glauben machen zu wollen, daß man erzürnt gegen ihn sei, wie ein Kind; beide erkennen instinktmäßig den wahren Stand der Dinge, aller Bemühungen ungeachtet, den entgegengesetzten Eindruck zu erzeugen, und Sam wurde deßhalb durch diesen Vorwurf nicht im Geringsten entmuthigt, obgleich er die Miene ernster Betrübniß annahm und mit heruntergezogenen Mundwinkeln in höchst reuiger Haltung da stand.
„Master ganz recht – ganz recht; war sehr häßlich von mir – ohne Zweifel, – und natürlich, Master und Missis werden so 'was nicht gut heißen. Sehe das ein, ja – aber ein armer Nigger wie ich manchmal groß in Versuchung, häßlich zu handeln, wenn ein Mensch sich solchen Anschein geben will, wie da Mr. Haley; – er kein Gentleman; – wer so erzogen worden wie ich, das leicht kann sehen.“
„Gut, Sam,“ sagte Mrs. Shelby, „da Du Deine Fehler gebührender Maßen einzusehen scheinst, so magst Du nun zu Tante Chloë gehen und ihr sagen, daß sie Dir von dem kalten Schinken etwas geben soll, der von heut Mittag übrig geblieben ist. Du und Andy, Ihr müßt beide hungrig sein.“
„Missis groß viel zu gut für uns,“ sagte Sam, indem er seine Verbeugung mit großer Behendigkeit machte und das Zimmer verließ.
Unsere Leser werden bemerkt haben, was von uns schon früher angedeutet worden ist, daß Sam ein angeborenes Talent besaß, welches ihn in einem politischen Leben ohne Zweifel zu großer Auszeichnung erhoben haben würde, – das Talent, ein Kapital aus Allem zu machen, was sich ihm darbot, und es zu seinem besondern Preise und Ruhme zweckmäßig anzulegen. Nachdem er jetzt, wie er glaubte, hinreichende Frömmigkeit und Demuth an den Tag gelegt hatte, um sich die Zufriedenheit des herrschaftlichen Wohnzimmers zu sichern, klappte er sein Palmblatt um den Kopf mit einer Art rakish, free and easy air, und wandte sich dem Gebiete Tante Chloë's zu, mit der Absicht, diesen Abend in der Küche eine sehr bedeutende Rolle zu spielen.
„Ich will reden zu diesen Niggers,“ sagte er zu sich selbst, „nun ich 'ne Gelegenheit habe. Herr! wie will ich das rollen auf, daß sie sollen starren!“
Es muß hier erwähnt werden, daß es von jeher zu Sam's größten Genüssen gehört hatte, seinen Herrn als Diener auf Reisen zu politischen Versammlungen jeder Art begleiten zu dürfen, wo er, auf irgend einem eisernen Gitter sitzend oder hoch oben in einem Baume hängend, die Redner mit dem größten Wohlgefallen anzuhören schien, und sodann zu den verschiedenartigen Brüdern seiner eignen Farbe hinab stieg, welche sich zu demselben Zwecke hier versammelt hatten, und diese durch die seltsamsten Possen und Nachahmungen zu ergötzen suchte, welche jedoch alle von ihm mit dem feierlichsten und unerschütterlichsten Ernste zum Besten gegeben wurden; und obgleich die um ihn zunächst versammelten Zuhörer meist Brüder seiner eigenen Farbe waren, so geschah es doch nicht selten, daß diese von einem Kranze hellerer Gesichter eingeschlossen wurden, welche lachend und winkend zu Sam's größter Genugthuung zuhörten. Sam sah überhaupt die Redekunst als das Feld seines Berufes an und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, diesen Beruf zu verherrlichen.
Leider herrschte zwischen Sam und Tante Chloë seit alten Zeiten eine Art chronischer Fehde, oder vielmehr eine entschiedene Kälte; allein, da Sam, als nothwendige Unterlage zu seinen Operationen, auf etwas Solides aus dem Departement der Vorrathskammer speculirte, so beschloß er bei dieser Gelegenheit den möglichst versöhnendsten Ton anzustimmen; denn er wußte sehr wohl, daß, obgleich die von „Missis“ gegebenen Befehle ohne Zweifel buchstäblich befolgt werden würden, es dennoch für ihn von Vortheil sein könne, wenn es ihm zugleich gelänge, den guten Willen Tante Chloë's für sich zu gewinnen. Er erschien deßhalb vor ihr mit einer rührenden Miene von Erschöpfung und Resignation, wie Jemand, der um eines verfolgten Mitmenschen willen namenlose Leiden ausgestanden hat, – brachte die von „Missis“ erhaltene Weisung vor, sich an Tante Chloë wegen der zur Wiederherstellung seines Gleichgewichts erforderlichen Speisen und Getränke zu wenden, – und erkannte dadurch auf unzweifelhafte Weise ihr Hoheitsrecht über das ganze Küchendepartement mit allen Zubehörungen an.
Die List gelang vollkommen; denn nie wurde eine arme, einfache, unschuldige Seele durch einen Stimmen sammelnden Parlamentscandidaten leichter gewonnen, als Tante Chloë durch Sam's Schmeicheleien; und wenn er selbst der verlorene Sohn gewesen wäre, so hätte er nicht mit mehr mütterlicher Freigebigkeit überschüttet werden können. Er fand sich also sehr bald, glücklich und ruhmvoll vor einer zinnernen Pfanne sitzend, welche eine Art olla potrida alles dessen enthielt, was in den letzten zwei bis drei Tagen auf den Tisch gekommen war. Saftige Scheiben Schinken, goldene Stücke Kornkuchen und Fragmente einer Pastete von jeder denkbaren mathematischen Figur, Hühnerflügel, Kropf und Magen, Alles zeigte sich in einer malerischen Mischung; und Sam, als Beherrscher alles dessen, was er übersehen konnte, saß mit fröhlich auf die Seite gedrücktem Palmblatte davor, und erlaubte huldreich Andy, an seiner rechten Seite zu sitzen.
Die ganze Küche war angefüllt mit seinen Gevattern, die von ihren verschiedenen Hütten herbeigeeilt waren und sich hineingedrängt hatten, um das Resultat der Tagesbegebenheiten zu hören. Jetzt hatte Sam's glorreiche Stunde geschlagen. Die Geschichte des Tages wurde mit jeder möglichen Ausschmückung wiederholt, die dazu dienen konnte, den Effekt zu erhöhen; denn Sam, gleich einigen unserer modernen Dilettanti, ließ nie eine Erzählung an ihrer Vergoldung dadurch verlieren, daß sie durch seine Hände ging. Brüllendes Gelächter begleitete den Bericht, und wurde von der jüngern Brut, welche in verschiedenen Gruppen auf dem Erdboden und in allen Ecken umher lag, aufgenommen und fortgesetzt. Sam hingegen bewahrte während dieses Tumultes und Gelächters den unerschütterlichsten Ernst, nur von Zeit zu Zeit seine Augen aufrollend und seinen Zuhörern unaussprechlich komische Blicke zuwerfend, ohne jedoch seinen salbungsreichen Ton zu verlassen.
„Seht, Landsleute,“ sagte Sam, während er eine Entenkeule mit großer Energie aufhob, – „Ihr seht nun, dieses Kind grade – wie das ist ein Schutz geworden für Euch alle, – ja, Euch alle, denn wer einen von unsern Leuten versucht zu langen, ist eben so gut, als wenn alle: Ihr seht, das Princip 's dasselbe, – das ist klar. Und jeder von diesen Treibern, der da kommt hier herum schnüffeln nach unsern Leuten, ja, er soll mich treffen in seinem Wege; – ich bin der Kerl, mit dem er anbinden muß, – ich bin der Kerl, zu dem Ihr alle kommen müßt, Brüder, – ich will aufstehen für Eure Rechte, – ich sie vertheidigen bis zum letzten Hauch!“
„Aber Sam, erst diesen Morgen sagtest Du mir, daß Du Master helfen wolltest, Lizy zu fangen, – scheint mir doch, 's hängt nicht recht zusammen, was Du sagst,“ bemerkte Andy.
„Ich will Dir sagen, Andy,“ entgegnete Sam mit dem Ausdrucke einer furchtbaren Ueberlegenheit, „mußt nicht sprechen, von was Du gar nicht verstehst, – Burschen wie Du, Andy, meinen's gut, aber können nicht die großen Princips von Handlungen colludiren.“
Andy machte eine verlegene Miene, besonders in Folge des gewichtigen Wortes „colludiren,“ welches alle die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft als entscheidend in der Sache ansahen, während Sam fortfuhr:
„Das war Gewissen, Andy; – als ich dachte drauf Lizy zu verfolgen, glaubt' ich, Master sitze den Weg; als ich fand, Missis saß den andern Weg, das war Gewissen noch mehr, – denn 's immer besser für unser Einen auf Missis Seite halten, – so Du siehst also, ich bin persistent auf jedem Wege, und halte auf Gewissen – und auf Princips. Ja, Princips,“ sagte Sam, einem Gänsehalse einen enthusiastischen Stoß versetzend, – „wozu sind Princips gut, wenn wir nicht persistent sind, ich möchte wissen? – Da, Andy, kannst den Knochen hier haben, – 's ist noch was dran.“
Da Sam's Zuhörer mit offenem Munde an seinen Worten hingen, so konnte er nicht anders als fortfahren.
„Dieser Gegenstand von Persistenz, Brüder Niggers,“ sagte Sam mit einer Miene, als wolle er auf ein höchst abstraktes Thema eingehen, – „ist ein Ding nicht ganz klar für manchen Einen. Seht, wenn ein Mensch ist ganz einen Tag und Nacht für eine Sache, und den nächsten für 'ne andre, die Leute sagen (natürlich genug) er ist nicht persistent; – Andy, reich' mir das Stück Kornkuchen da. – Aber wollen's näher anschauen. Ich hoffe, die Herren und die Damen vom schönen Geschlecht werden 'ne ordinäre Gleichung entschuldigen. Hier! ich will hinauf steigen den Heuhaufen. Gut, ich setze meine Leiter diese Seite, – 's geht nicht; – dann, versteht sich, ich setze meine Leiter just die andere Seite, – bin ich nicht persistent? Ich bin persistent, weil ich irgend eine Seite hinauf steigen will, wo meine Leiter ist; – seht Ihr nicht das alle?“
„'S ist das Einzige, wo Du je bist persistent in, Gott weiß!“ murmelte Tante Chloë, welche allmählig anfing aufsätzig zu werden, da die Fröhlichkeit des Abends für sie – nach einem biblischen Gleichnisse – „wie Essig auf der Kreide“ war.
„Ja, wirklich!“ sagte Sam, erfüllt von Abendessen und Ruhmgefühl, zu einer letzten Anstrengung sich erhebend. „Ja, meine Mitbürger und Damen vom andern Geschlecht im Allgemeinen, ich habe Princip's, – bin stolz zu bekennen, – sind vortrefflich in dieser Zeit und aller Zeit. Ich habe Princips, und halte fest dran wie vierzig; – ja, Alles was ich denke, ist Princip, ich gehe hinein; – ich fragte nicht, wenn sie mich verbrennen wollten lebendig, ich ging grade 'nauf an den Scheiterhaufen, ich wollte, – und sagte, hier ich komme, mein Blut zu gießen für meine Princips, mein Vaterland, und die gemeinen Vortheile der menschlichen Gesellschaft.“
„So,“ sagte Tante Chloë, „ich denke, eins von Deinen Princips wird sein, endlich zu Bett zu gehen, und nicht alle Welt aufzuhalten bis 'n frühen Morgen. Nu, Ihr da, Jungens, wenn Ihr nicht 'was an den Kopf haben wollt, macht fort, – mächtig schnell!“
„Niggers! Ihr alle!“ sagte Sam, sein Palmblatt mit Wohlwollen schwenkend, „ich gebe Euch allen meinen Segen; – geht zu Bett und seid gute Jungens!“
Und nach dieser pathetischen Benediktion zerstreute sich die Versammlung.