Neuntes Kapitel.
Worin es sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist.
Der Schein eines behaglichen Feuers fiel auf den Teppich eines kleinen, bequemen Wohnzimmers, und schimmerte auf den Seiten der Theetassen und der blank geputzten Theekanne, als Senator Bird sich seine Stiefeln auszog, als Vorbereitung dazu, seine Füße in ein Paar neuer, schöner Pantoffeln schlüpfen zu lassen, welche seine Frau für ihn während seiner Abwesenheit in seinen Geschäften als Senator gefertigt hatte. Mistreß Bird, ein Bild innerer Wonne in diesem Momente, war beschäftigt, das Arrangement des Tisches zu treffen, während sie dabei von Zeit zu Zeit ermahnende Bemerkungen an eine Zahl fröhlicher Kleinen ergehen ließ, welche sich mit allerhand Arten nicht zu beschreibender, muthwilliger Streiche belustigten, die je Mütter seit der Sündfluth in Erstaunen gesetzt haben.
„Tom, laß den Thürknopf los, es kömmt ein Mann! – Marie! Marie! zupfe die Katze nicht an dem Schwanz, – armes Thierchen! Dim, Du mußt nicht auf den Tisch klettern, – nein! – Ach, Du kannst nicht glauben, mein Lieber, wie Du uns Alle überrascht hast, Dich heut Abend noch hier zu sehen!“ sagte sie, als sie endlich einen Augenblick Zeit gefunden, auch ein paar Worte an ihren Mann zu richten.
„Ja, ja, ich dachte, ich wollte grad 'mal hinunterlaufen, eine Nacht hier zubringen und mich zu Hause pflegen. Ich bin todtmüde und mein Kopf thut mir weh.“
Mrs. Bird warf einen Blick nach der Kampferflasche, welche in dem halb geöffneten Wandschranke stand, und verrieth die Absicht, sie holen zu wollen, allein ihr Mann verhinderte es.
„Nein, nein, Marie, nicht doktern, eine Tasse guten, heißen Thees und etwas von unserer guten Hauskost ist Alles, was ich brauche. 's ist ein ermüdendes Geschäft, – diese Gesetzgebung!“
Und der Senator lächelte, als wenn er sich in dem Gedanken gefiele, sich als eine Art Opfer für sein Vaterland anzusehen.
„Nun,“ sagte seine Frau, als die Geschäfte am Theetische allmählich nachzulassen schienen, „was ist denn im Senate verhandelt worden?“
Es war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung bei der sanften, kleinen Mistreß Bird, daß sie sich jemals den Kopf mit dem beschwerte, was im Senatshause vorging, indem sie weislich bedachte, daß sie genug mit ihren eigenen Geschäften zu thun habe. Mr. Bird schlug deßhalb seine Augen verwundert auf und sagte nur:
„Nicht viel von Bedeutung.“
„Aber ist es denn wahr,“ fuhr seine kleine Frau fort, „daß ein Gesetz erlassen worden ist, was verbietet, den armen farbigen Leuten, die manchmal des Weges kommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte davon reden, daß ein solches Gesetz im Vorschlage sei; aber ich konnte mir nicht denken, daß irgend eine christliche Gesetzgebung es wirklich erlassen könne!“
„Wie, Marie, Du wirst ja förmlich ein Politiker, – mit einem Male,“ sagte Mr. Bird lächelnd.
„Nein, Thorheit! Ich kümmere mich für gewöhnlich nicht im Geringsten um Eure Politik, aber dieses würde ich für etwas durchaus Grausames und Unchristliches halten. Nicht wahr, lieber Mann, ein solches Gesetz ist nicht erlassen worden?“
„Es ist allerdings ein Gesetz erlassen worden, mein Kind, welches verbietet, den von Kentucky herüber kommenden flüchtigen Sklaven fortzuhelfen. So weit haben es diese rücksichtslosen Abolitionisten getrieben, daß unsere Brüder in Kentucky in gewaltiger Aufregung sind, und es sowohl nothwendig wie christlich und billig zu sein scheint, daß von Seiten unseres Staates Etwas geschehe, um diese Aufregung zu stillen.“
„Und worin besteht das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen Kreaturen ein Nachtlager zu geben, und ihnen etwas zu essen und ein paar alte Kleidungsstücke zu reichen, und sodann ruhig wieder fortzuschicken? – oder thut es das?“
„Allerdings, meine Liebe, das würde helfen und begünstigen sein, – verstehst Du?“
Mrs. Bird war eine furchtsame, scheue, kleine Frau, ungefähr vier Fuß groß, mit sanften, blauen Augen, einem Gesichtchen, so zart wie eine Pfirsichblüthe, und einer weichen, sanften Stimme. Was ihren Muth betraf, so war es bekannt, daß ein mäßiger Truthahn sie durch sein erstes Kollern oft in die Flucht gejagt hatte, und ein gewöhnlicher Haushund sie durch bloßes Zähnefletschen zur Unterwürfigkeit bringen konnte. Ihr Mann und ihre Kinder waren ihre Welt, und in dieser herrschte sie mehr durch Bitte und Ueberredung, als durch Gründe und Befehle. Es gab nur eine Art von Veranlassung, die sie zu Heftigkeit aufreizen konnte, und diese war gerade gegen ihr sanftes, mitfühlendes Gemüth gerichtet; – jede Art von Grausamkeit versetzte sie in heftige Leidenschaft, die um so auffallender und unerklärlicher war, als sie mit der gewöhnlichen Sanftmuth ihres Gemüthes in so grellem Widerspruche stand. Obgleich sie für gewöhnlich die nachsichtigste Mutter und so sehr leicht zu erbitten war, so bewahrten ihre Söhne dennoch ein sehr ehrfurchtsvolles Andenken an eine strenge Züchtigung, die sie ihnen einst ertheilt hatte, als sie in Verbindung mit einigen gottlosen Buben der Nachbarschaft ein hülfloses Hühnchen gesteinigt hatten.
„Ich sage Dir,“ pflegte Bill zu sagen, „ich war ganz erschrocken damals. Mutter kam auf mich zu, als wenn sie rasend wäre, und peitschte mich, und warf mich in's Bett, ohne Abendbrod, ehe ich nur zur Besinnung kommen konnte; und nachher hörte ich Mutter'n vor der Thüre weinen, was mir noch mehr weh that, als alles Andere. Ich sage Dir, wir Jungens haben nie wieder ein Huhn gesteinigt!“
Bei der gegenwärtigen Veranlassung erhob sich Mrs. Bird schnell mit hoch gerötheten Wangen, die ihre ganze Erscheinung verschönerten, ging mit einer ganz entschlossenen Miene auf ihren Mann zu und sagte zu ihm in entschiedenem Tone:
„Nun, John, ich möchte wissen, ob Du solch ein Gesetz für recht und christlich hältst?“
„Du wirst mich doch nicht todt schießen, Marie, wenn ich ja sage?“
„Ich hätte es nie von Dir gedacht, John; – nicht wahr, Du hast nicht dafür gestimmt?“
„Ganz gewiß habe ich, mein schöner, kleiner Politiker.“
„So solltest Du Dich schämen, John! Arme, heimathlose, obdachlose Geschöpfe! Es ist ein schändliches, schlechtes, abscheuliches Gesetz, und ich will bei der ersten Gelegenheit, die sich mir darbietet, es übertreten; und ich hoffe, daß sich mir eine darbieten wird, gewiß! Es ist weit gekommen, wenn eine Frau nicht mehr ein warmes Abendbrod und ein Bett solchen verkümmernden Kreaturen geben kann, gerade deßhalb, weil sie Sklaven sind, und ihr ganzes Leben lang mißhandelt und gedrückt worden sind!“
„Aber, Marie, höre mich nur einmal an. Deine Gefühle sind ganz wahr und achtungswerth, und ich liebe Dich um ihrer willen; aber, meine Theuerste, wir dürfen unser Urtheil nicht mit unsern Gefühlen davon laufen lassen; bedenke, es hat nichts mit unsern Privatempfindungen zu thun, – es handelt sich hier um große, allgemeine Interessen, – es herrscht und steigert sich täglich eine so allgemeine Aufregung, daß wir unsere Privatempfindungen bei Seite setzen müssen.“
„Höre, John, ich verstehe nichts von Politik, aber ich kann meine Bibel lesen; und die sagt mir, daß ich Hungrige speisen, Nackte kleiden und die bekümmerten Herzens sind, trösten soll; und meiner Bibel bin ich zu folgen entschlossen.“
„Allein in Fällen, in denen eine solche Handlungsweise von Deiner Seite große allgemeine Nachtheile zur Folge haben würde –“
„Gott gehorchen kann nie allgemeine Uebel herbei führen; ich weiß, es kann nicht. Es ist immer am sichersten, überall das zu thun, was Er uns gebietet!“
„Höre mich nur einmal an, Marie, und ich kann Dir einen ganz klaren Beweis geben, daß –“
„O Thorheit, John! Du könntest die ganze Nacht sprechen, es würde Dir doch nicht gelingen. Ich frage Dich, John, könntest Du ein armes, frierendes, hungriges Wesen von der Thür jagen, weil es ein entlaufener Sklave ist? Könntest Du es thun?“
Um die Wahrheit zu sagen, unser Senator hatte das Unglück, ein Mann von ganz besonders menschenfreundlichem, zugänglichem Gemüthe zu sein, und Jemanden von sich zu stoßen, der sich in Noth und Elend befand, war nie seine starke Seite gewesen; und was die Verlegenheit, in welche ihn dieses Argument versetzte, noch vermehrte, war das, daß seine Frau es wußte, und also einen Angriff auf einen ganz unzuvertheidigenden Punkt machte. Er nahm deßhalb zu den unter solchen Umständen gewöhnlichen Mitteln, Zeit zu gewinnen, Zuflucht: er sagte „hm“ und hustete mehrmals, und nahm sein Taschentuch heraus, um seine Brillengläser abzuwischen. Mrs. Bird inzwischen, die den vertheidigungslosen Zustand des feindlichen Gebietes erkannte, war gewissenlos genug, ihren Vortheil noch weiter zu verfolgen.
„Ich möchte Dich das wohl thun sehen, John, – wahrlich! Zum Beispiel, ein Weib in ein Schneegestöber hinausstoßen; oder vielleicht würdest Du sie aufnehmen und dann in's Gefängniß abliefern, – nicht wahr? Das wäre ganz was für Dich!“
„Es würde natürlich eine sehr unangenehme Pflicht für mich sein,“ begann Mr. Bird in gemäßigtem Tone.
„Pflicht, John! gebrauche nicht diesen Ausdruck! Du weißt, es ist keine Pflicht, es kann keine Pflicht sein! Wenn Leute wollen, daß ihre Sklaven nicht davonlaufen, so mögen sie sie gut behandeln, – das ist meine Ansicht. Wenn ich Sklaven besäße (was, ich hoffe, nie geschehen wird), so möchte ich wohl sehen, ob sie mir oder Dir davonlaufen würden, John. Ich sage Dir, sie laufen nicht davon, wenn sie glücklich sind; und wenn sie entfliehen, – die armen Wesen! – so haben sie genug an Kälte, Hunger und Furcht auszustehen, auch wenn sie nicht von Jedermann feindlich behandelt und verfolgt werden; Gesetz oder nicht, ich will es nimmer thun, so helfe mir Gott!“
„Marie! Marie! Meine Liebe, laß mich mit Dir aus Gründen streiten,“ sagte Mr. Bird.
„Ich hasse dieses Streiten aus Gründen, John, – besonders über solche Gegenstände. Ihr Politiker habt eine Weise, eine einfache, richtige Sache gänzlich zu verdrehen, und wenn es zum Handeln kömmt, so glaubt Ihr selbst nicht dran. Ich kenne Dich zu gut, John, Du hältst es ebenso wenig für recht wie ich, – und Du würdest es ebenso wenig thun wie ich.“
In diesem kritischen Momente steckte der alte Cudjoe, der einzige schwarze Diener des Hauses, seinen Kopf in die Thür und bat, „daß Missis in die Küche kommen möchte;“ und unser Senator, ziemlich erleichtert, schaute seiner kleinen Frau mit einer komischen Mischung von Vergnügen und Aerger nach, und setzte sich sodann in den Lehnstuhl und begann die Zeitungen zu lesen.
Wenige Augenblicke nachher wurde die Stimme seiner Frau in einem hastigen, eifrigen Tone an der Thür gehört: – „John! John! bitte, komm' einen Augenblick hierher!“
Mr. Bird legte die Zeitungen bei Seite und ging nach der Küche, wo er über den Anblick erschrack, der sich ihm darbot. Ein junges, schlank gebautes Frauenzimmer, mit zerrissenen und gefrorenen Kleidungsstücken, nur mit einem Schuhe bekleidet, während von dem andern verwundeten und blutenden Fuße der Strumpf herabgerissen war, befand sich in einer todtenähnlichen Ohnmacht auf zwei Stühlen liegend. Der Ausdruck des verachteten Geschlechtes lag auf ihrem Gesichte, aber jeder Umstehende fühlte unwillkührlich die rührende, traurige Schönheit desselben, während die steinerne Schärfe, der kalte, starre, todtenähnliche Anblick einen feierlichen Schauer über Jeden ausgossen. Mr. Bird hielt den Athem an und stand schweigend da. Seine Frau und deren einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dinah, waren eifrigst bemüht, wiederbelebende Mittel zur Anwendung zu bringen, während der alte Cudjoe den Knaben auf seinem Schooße hielt, ihm die Schuhe und Strümpfe auszog und die kalten kleinen Füße zu erwärmen versuchte.
„Nu sicher, ist's nicht ein schrecklicher Anblick zu sehen!“ sagte die alte Dinah mitleidig; „'s scheint, sie ist von der Hitze ohnmächtig geworden. Sie war ziemlich munter als sie hereinkam, und fragte, ob sie sich hier ein Bißchen wärmen könnte; und ich wollte sie just fragen, wo sie her käme, als sie gradezu ohnmächtig niederfiel. Hat nie viel harte Arbeit gethan, vermuthe, nach ihren Händen.“
„Armes Wesen!“ sagte Mrs. Bird mitleidig, während das Frauenzimmer langsam ihre großen, schwarzen Augen aufschlug, und gedankenlos um sich schaute. Plötzlich fuhr ein schmerzhafter Zug über ihr Gesicht, und sie sprang auf mit den Worten: „O mein Harry! Haben sie ihn?“
Der Knabe, als er dies hörte, sprang von Cudjoe's Schooß, und lief an ihre Seite, indem er seine Arme zu ihr hinaufstreckte. „O, da ist er! da ist er!“ rief sie.
„O Madame,“ fuhr sie in wilder Aufregung fort, „ich bitte Sie, beschützen Sie uns! lassen Sie sie ihn mir nicht nehmen!“
„Niemand soll Dir hier ein Leid zufügen, armes Weib,“ sagte Mrs. Bird, ihr Muth einflößend. „Du bist hier sicher; fürchte nichts.“
„Gott segne Sie!“ sagte das Weib schluchzend und ihr Gesicht bedeckend, während der Knabe, als er seine Mutter weinen sah, auf ihren Schooß zu steigen versuchte.
Durch manche sanfte, weibliche Zusprache, die Niemand besser verstand als Mistreß Bird, wurde das arme Weib allmählig ruhiger. Ein einstweiliges Bett wurde für sie auf den Sitz am Feuer aufgeschlagen; und nach kurzer Zeit fiel sie mit dem Kinde in einen festen Schlaf, welches, nicht weniger ermüdet, ebenfalls in tiefen Schlummer versank, während sie es in ihrem Arme hielt; denn die Mutter widerstand mit fieberhafter Angst jedem, auch dem freundlichsten Versuche, es ihr abzunehmen, und selbst während des Schlafes preßte sich ihr Arm mit krampfhaftem Drucke um dasselbe, als könne sie selbst dann nicht in ihrer wachsamen Hut betrogen werden.
Mr. und Mistreß Bird waren nach ihrem Zimmer zurückgegangen, wo, so sonderbar es erscheinen mag, von keiner Seite irgend eine Erwähnung der vorangegangenen Unterhaltung gemacht wurde, indem Mrs. Bird eifrig zu stricken begann, und Mr. Bird sich den Anschein gab, als lese er die Zeitungen.
„Ich möchte wissen, wer und was sie ist!“ sagte endlich Mr. Bird, das Blatt niederlegend.
„Wenn sie aufwacht und sich erholt hat, können wir es hören,“ entgegnete Mrs. Bird.
„Höre, Frau!“ sagte Mr. Bird, nachdem er wieder eine Weile über seinen Zeitungen gebrütet hatte.
„Was, lieber Mann?“
„Sie könnte wohl keins von Deinen Kleidern tragen, wenn Du einen Saum ausließest, oder so etwas? Sie scheint etwas größer zu sein als Du.“
Ein stilles Lächeln schimmerte über Mistreß Bird's Gesicht, während sie antwortete: „Wir wollen sehen.“
Nach einer neuen Pause brach Mr. Bird von Neuem hervor: „höre Frau!“
„Was denn nun?“
„Sieh, da ist der alte Mantel von Bombasin, den Du besonders aufhebst, um ihn über mich zu breiten, wenn ich mein Nachmittagsschläfchen mache, – den könntest Du ihr wohl geben, – sie braucht neue Kleidung.“
In diesem Augenblicke schaute Dinah in die Thür mit der Anzeige, daß die Frau erwacht sei, und Missis zu sehen wünsche.
Mr. und Mistreß Bird gingen nach der Küche, von ihren beiden ältesten Söhnen gefolgt, während die jüngere Brut vorher schon in ihre Betten sicher niedergelegt worden war.
Die Frau saß jetzt aufrecht auf dem Sitze am Feuer, unverwandt in die Gluth mit einem ruhigen, schmerzlichen Ausdrucke schauend, der von ihrer vorherigen, wilden Aufregung sehr verschieden war.
„Hast Du nach mir verlangt?“ sagte Mrs. Bird in sanften Tönen. „Ich hoffe, Du fühlst Dich jetzt wohler, arme Frau.“
Ein tiefer, bebender Seufzer war die einzige Antwort; aber sie schlug ihre dunklen Augen auf, und heftete sie auf die Fragende mit einem so trostlosen, flehenden Blicke, daß der kleinen Frau augenblicklich die Thränen in die Augen traten.
„Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wir sind Freunde hier, arme Frau! Sage mir, woher Du kommst, und was Du willst?“ sagte sie.
„Ich kam von Kentucky,“ entgegnete die Frau.
„Wann?“ fragte Mr. Bird, das Verhör fortsetzend.
„Diesen Abend.“
„Auf welche Weise kamst Du herüber?“
„Ich ging über das Eis.“
„Ueber das Eis?“ wiederholten alle Umstehenden.
„Ja,“ entgegnete die Frau langsam. „Gott half mir, und ich ging über das Eis; denn Jene waren hinter mir, – dicht hinter mir, – und es gab keinen andern Weg!“
„O Herr!“ rief Cudjoe, „Missis, das Eis ist lauter Stücke und Blöcke, – geht auf und nieder in dem Wasser!“
„Ich wußte das, – ich wußte es!“ sagte sie wieder mit lebhafter Aufregung; – „aber ich that es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich's könnte, – ich dachte nicht, daß ich hinüber kommen würde, aber 's war mir gleich! ich konnte nur sterben, wenn's nicht gelang. Der Herr half mir; – o Niemand weiß, wie groß die Hülfe des Herrn ist, bis er's versucht,“ sagte die Frau mit flammendem Auge.
„Warst Du Sklavin?“ fragte Mr. Bird.
„Ja, Herr, ich gehörte einem Manne in Kentucky.“
„War er hart gegen Dich?“
„Nein, Herr, er war ein guter Herr.“
„Oder war Deine Mistreß hart gegen Dich?“
„Nein, o nein! meine Mistreß war immer gut gegen mich.“
„Was hat Dich denn aber veranlaßt, eine gute Heimath zu verlassen, und davon zu laufen, um Dich solchen Gefahren auszusetzen?“
Die Frau schaute auf zu Mrs. Bird mit einem scharfen, forschenden Blicke, und es entging ihr nicht, daß diese in tiefe Trauer gekleidet war.
„Madame,“ sagte sie plötzlich, „haben Sie jemals ein Kind verloren?“
Die Frage kam unerwartet, und war ein Stoß auf eine frische Wunde; denn erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab gelegt worden.
Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in Thränen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:
„Warum fragst Du mich das? – ja, ich habe ein Kind verloren.“
„Dann werden Sie für mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach dem andern, – ich ließ dort ihre Gräber zurück, als ich fortging, – und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er war Alles, was ich besaß. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, – ihn verkaufen – verkaufen nach Süden hinunter, – das Kind, das noch nie in seinem Leben seine Mutter verlassen hatte! – Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich wußte, daß ich nie wieder zu etwas tauglich sein würde, wenn sie es thaten; und als ich deßhalb wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren, und daß er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie verfolgten mich, – der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre von Masters Leuten, – und sie kamen dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich auf's Eis, – und wie ich hinüber kam, weiß ich nicht, – das Erste, was ich mich besinnen kann, war, daß mir ein Mann das Ufer hinauf half.“
Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium gelangt, wo Thränen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach der ihnen eigenthümlichen Weise, das innigste Mitgefühl.
Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen nach jenen Tüchern durchsucht hatten, von denen Mütter wissen, daß sie dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des mütterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht vollständig im Taschentuche; und die alte Dinah, über deren schwarzes, ehrliches Gesicht die Thränen hinab strömten, rief wiederholt, und mit all' der Inbrunst einer Brüderversammlung: „O Herr! sei uns gnädig!“ während der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockärmel reibend und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend, zuweilen aus demselben Schlüssel, und mit großer Inbrunst, antwortete. Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den Rücken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemüht seine Kehle zu reinigen, und seine Augengläser abzuwischen, wobei er sich zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht hätte erregen können, wenn Jemand im Stande gewesen wäre, ihn genau zu beobachten.
„Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, daß Du einen guten Herrn gehabt habest?“ rief plötzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich plötzlich nach der Frau umwandte.
„Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen; – und meine Missis war gut; – aber sie konnten sich nicht anders helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, – ich kann nicht sagen, wie, – war es geschehen, daß ein Mann sie in seine Gewalt bekommen hatte, und daß sie ihm seinen Willen thun mußten. Ich horchte, und hörte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie für mich bat und stritt, – und er sagte, daß er sich nicht helfen könne, und daß die Papiere schon alle unterschrieben wären; – und dann nahm ich mein Kind, und verließ meine Heimath, und floh. Ich wußte, es wäre ganz fruchtlos gewesen, wenn ich hätte versuchen wollen zu leben, nachdem sie 's gethan hätten, – denn dies Kind ist Alles, was ich habe!“
„Hast Du keinen Mann?“
„Ja, aber er gehört einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Süden zu verkaufen – ich werde ihn wohl nie wieder sehen!“
Der ruhige Ton, in welchem die Frau diese Worte sagte, hätte einen oberflächlichen Beobachter verleiten können zu glauben, daß sie sich in vollständiger Apathie befinde; aber aus ihrem großen dunklen Auge sprach ein stummer, tiefer Schmerz, der einen ganz andern Gemüthszustand verrieth.
„Und wohin willst Du denn gehen, meine gute Frau?“ fragte Mistreß Bird.
„Nach Canada; – wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Ist es sehr weit von hier, – Canada?“ sagte sie, mit einfachem, vertrauungsvollem Blicke zu Mrs. Bird aufschauend.
„Armes Wesen!“ sagte Mrs. Bird unwillkührlich.
„Ist es sehr weit von hier, – glauben Sie?“ fragte die Frau eifriger.
„Viel weiter, als Du glaubst, armes Kind!“ sagte Mrs. Bird; „aber wir wollen versuchen und sehen was sich für Dich thun läßt. Hier, Dinah, schlage ihr ein Bett auf in Deinem eignen Zimmer, dicht bei der Küche, und ich will überlegen was morgen früh für sie gethan werden kann. Inzwischen fürchte nichts, liebe Frau; setze Dein Vertrauen auf Gott, er wird Dich beschützen.“
Mrs. Bird und ihr Mann kehrten in das Zimmer zurück. Sie setzte sich in ihren kleinen Wiegenstuhl vor das Feuer und schaukelte sich gedankenvoll hin und her, während Mr. Bird im Zimmer auf und ab schritt, und vor sich hin murmelte: „Puh! pah! fatale, verdammte Geschichte!“ Endlich, zu seiner Frau heran tretend, sagte er:
„Höre, Frau, sie wird von hier fort müssen, heute Nacht noch. Der Kerl wird ihr nach sein auf der Spur und wird morgen früh bei guter Zeit hier sein. Wenn's das Weib allein wäre, so könnte sie ruhig liegen bleiben, bis Alles vorüber ist; aber der kleine Bengel wird nicht still sein können, wenn da ein Trupp Pferde und Menschen ankommt; er wird uns alle verrathen, indem er den Kopf durch irgend ein Fenster oder eine Thür steckt. 'S wär' ein schönes Gericht Fische für mich, wenn Beide gerade jetzt hier gefangen würden! Nein, sie müssen diese Nacht noch fort.“
„Diese Nacht! Wie ist das möglich? – Wohin denn?“
„Gut, ich weiß schon, wohin,“ sagte der Senator, indem er mit nachdenkender Miene anfing, seine Stiefel anzuziehen, und dann innehaltend, als sein Bein halb hinein war, sein Knie mit beiden Armen umschlang und sich in tiefstes Nachsinnen zu verlieren schien.
„'S ist eine verdammte, fatale Geschichte,“ sagte er endlich, seinen Stiefel von Neuem anziehend, „das ist gewiß!“ Als der eine Stiefel glücklich angezogen war, saß der Senator mit dem andern in der Hand da und schien die Figuren des Teppichs gründlich zu studiren. „Aber 's muß doch geschehen, sehe keinen andern Weg, – häng' die ganze Geschichte!“ und er zog den andern Stiefel hastig an und schaute zum Fenster hinaus.
Mrs. Bird war eine sehr discrete kleine Frau, – eine Frau, die nie zu ihrem Manne sagte: ich hab's Dir vorher gesagt! und bei der gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie recht wohl errieth, welche Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, hütete sie sich weislich, in dieselben einzugreifen, sondern saß ganz ruhig in ihrem Stuhle und schien ganz vorbereitet, die Beschlüsse ihres Herrn und Gemahls zu hören, sobald er für gut befinden sollte, dieselben zu äußern.
„Siehst Du,“ sagte er, „da ist mein alter Freund, Van Trompe, der von Kentucky herüber gekommen ist und alle seine Sklaven frei gelassen hat, – er hat einen Platz gekauft, etwa sieben Meilen weit die Bucht hinauf, tief in der Waldung drin, wo Niemand hinkommt, ausgenommen, wenn er absichtlich hingeht; – und es ist ein Ort, der nicht leicht ausgefunden wird. Da ist sie sicher genug; aber das Uebel ist, daß Niemand mit einem Wagen diese Nacht dahin fahren kann, als ich selbst.“
„Warum denn nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Fuhrmann.“
„Ganz gut, aber hier, das ist die Sache. Man muß zweimal über die Bucht fahren, und die zweite Ueberfahrt ist sehr gefährlich, wenn man die Richtung nicht genau kennt. Ich bin hundertmal durchgeritten, und kenne ganz genau alle Wendungen, die ich zu nehmen habe. Also Du siehst, da hilft nichts. Cudjoe muß die Pferde, ungefähr um zwölf Uhr, so still wie möglich anspannen, und ich will sie hinüber bringen; und dann, um der Sache einen Anschein zu geben, muß er mich bis an das nächste Wirthshaus bringen, um mit der Post nach Columbus weiter fahren zu können, die ungefähr zwischen drei und vier Uhr dort ankommt, und so hat es dann den Schein, als wenn ich den Wagen blos zu diesem Zwecke genommen hätte. Ich werde morgen früh recht zeitig in meinen Geschäften sein, aber ich glaube, ich werde nicht viel nütze sein nach alle dem, was gesprochen und gethan worden ist; aber, zum Henker, ich kann nicht anders!“
„Dein Herz ist in diesem Falle besser, als Dein Kopf, John,“ sagte seine Frau, ihre kleine weiße Hand in die seinige legend. „Hätte ich Dich je lieben können, wenn ich Dich nicht besser gekannt hätte, als Du Dich selbst?“ Und die kleine Frau sah bei diesen Worten so hübsch aus, während Thränen in ihren Augen glänzten, daß der Senator dachte, er müsse ganz entschieden ein außerordentlicher Mensch sein, um ein so hübsches Wesen in eine so leidenschaftliche Bewunderung für ihn versetzen zu können; und was konnte er unter diesen Umständen also anderes thun, als gelassen fortgehen, um nach dem Wagen zu sehen. An der Thür hielt er jedoch einen Augenblick an, und kam dann zurück, indem er zaudernd sagte:
„Marie, ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, – aber da ist die Kommode voll von Sachen von – von – unsrem armen kleinen Henry.“ So sagend wandte er sich schnell um und schloß die Thür hinter sich.
Die Frau öffnete eine nach einem kleinen Schlafgemach führende Thür, welches dicht neben dem Wohnzimmer belegen war, setzte ein Licht auf ein darin befindliches Bureau, und nahm einen Schlüssel aus einem kleinen Kästchen hervor, den sie gedankenvoll in das Schloß eines unterhalb befindlichen Schubkastens schob, und hielt dann plötzlich inne, während zwei Knaben, welche kinderähnlich ihren Tritten gefolgt waren, hinter ihr standen und ihre Mutter schweigend und mit bedeutsamen Blicken betrachteten. Und o Mutter, die Du dieses liesest, ist in Deinem Hause nie ein Kästchen oder irgend ein Behältniß gewesen, dessen Oeffnen für Dich wie das Wiederöffnen eines kleinen Grabes war? O glückliche Mutter, die Du das nie erfahren hast.
Mrs. Bird öffnete den Schubkasten langsam. Es lagen darin kleine Röckchen von verschiedener Form, Stöße von Hemdchen und Reihen von kleinen Strümpfchen, und aus den Falten eines Papieres blickten selbst ein Paar kleiner, getragener Schuhe mit abgeriebenen Fußspitzen hervor. Ein hölzernes Pferdchen und ein Wagen, ein Kreisel und ein Ball lagen darin, – alles Angedenken, die mit mancher Thräne und dem bittersten Schmerze gesammelt worden waren! Sie setzte sich nieder an den Kasten, lehnte ihr Haupt in ihre Hände, und weinte, bis die Thränen durch ihre Finger in den Kasten niederfielen; dann plötzlich sich aufrichtend, begann sie mit ängstlicher Eile die einfachsten und dauerhaftesten Stücke auszusuchen und sie in ein Bündel zu sammeln.
„Mamma,“ sagte der eine Knabe, ihren Arm sanft berührend, „willst Du denn diese Sachen fortgeben?“
„Meine lieben Kinder,“ entgegnete sie sanft und ernst, „wenn unser lieber kleiner Henry vom Himmel herabblickt, so wird er sich freuen, daß wir dieß thun. Mein Herz hätte sich nie dazu verstehen können, sie an eine gewöhnliche Person fort zu geben, aber ich gebe sie einer Mutter, deren Herz noch mehr gebrochen und noch kummervoller als das meinige ist, und ich hoffe, Gott wird ihnen seinen Segen mit geben!“
Es gibt in dieser Welt besonders gesegnete Seelen, aus deren Kummer Freuden für Andere entsprießen; deren irdische Hoffnungen, wenn sie mit vielen Thränen ins Grab gelegt worden sind, der Same zu heilenden Blumen und zu Balsam für Leidende und Trostlose werden. Und zu diesen gehörte die zarte Frau, die jetzt mit der Lampe dort sitzt und aus deren Augen langsame Thränen fallen, während sie die Angedenken ihres eignen verlorenen Kindes für die ausgestoßene Heimathlose sammelt.
Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird einen Kleiderschrank, nahm ein oder zwei einfache, brauchbare Kleider heraus, setzte sich an ihrem Arbeitstische mit Nadel, Scheere und Fingerhut nieder, und begann schweigend den ihr von ihrem Manne empfohlenen Proceß des „Auslassens,“ und fuhr emsig damit fort, bis die alte Uhr in der Ecke des Zimmers zwölf schlug und sie ein leises Rasseln der Räder vor der Thür hörte.
„Marie,“ sagte ihr Mann, mit dem Mantel auf dem Arme eintretend, „Du mußt sie nun aufwecken; wir müssen fort.“
Mrs. Bird legte schnell die verschiedenen, von ihr gesammelten Artikel in einen kleinen Mantelsack, bat ihren Mann, diesen in den Wagen bringen zu lassen und ging hinaus, um die Frau zu wecken. Bald darauf erschien diese, in einen Mantel gehüllt, mit Hut und Shawl, was Alles ihrer Wohlthäterin angehört hatte, in der Thür, ihr Kind auf dem Arme tragend. Mr. Bird drängte sie in den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den Tritt desselben. Elisa lehnte sich hinaus und streckte ihre Hand aus, eine Hand, so sanft und schön wie die war, die als Erwiederung gereicht wurde. Sie heftete ihre großen, dunkeln Augen mit unbeschreiblichem Ausdrucke auf Mrs. Bird's Gesicht und schien sprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegten sich, – sie versuchte ein, zweimal, aber kein Laut wurde hörbar, und indem sie endlich nur himmelwärts zeigte, mit einem nie zu vergessenden Blicke, sank sie in ihren Sitz zurück und bedeckte ihr Gesicht. Die Thür schloß sich und der Wagen fuhr fort.
Welche Lage war dies nun für einen patriotischen Senator, der die ganze Woche vorher den gesetzgebenden Körper seines Geburtslandes angeregt hatte, strengere Bestimmungen gegen flüchtige Sklaven und deren Helfer und Mitschuldige zu erlassen!
Unser guter Senator wurde in seinem Geburtsstaate von keinem seiner Brüder in Washington in Betreff derjenigen Beredsamkeit übertroffen, welche diesen unsterblichen Ruhm erworben hatte! Wie stolz er dort gesessen hatte, mit den Händen in der Tasche, während er die sentimentale Schwäche derjenigen bespöttelte, die die großen Staatsinteressen über das Wohl einiger elenden Flüchtlinge vergessen wollten! Er war kühn wie ein Löwe in dieser Sache, und „vollständig überzeugt“ davon, so wie jeder, der ihn hörte; allein seine Vorstellung von einem Flüchtlinge war lediglich eine Vorstellung, welche den Buchstaben, aus denen das Wort bestand, – oder höchstens der Abbildung irgend eines kleinen Zeitungsbildes entnommen war, welches einen Mann mit einem Stocke und Bündel darstellte und die Unterschrift trug: „dem Unterzeichneten entlaufen!“ Die zauberische Wirkung wirklichen Elends, – das flehende, menschliche Auge, die schwache, zitternde Hand, das verzweifelnde Flehen um Beistand, der hülflose Todesschmerz, – diese waren ihm fremd geblieben. Er hatte nie daran gedacht, daß ein Flüchtling eine unglückliche Mutter, ein wehrloses Kind sein könne, – gleich dem, das jetzt das wohlbekannte Mützchen seines kleinen verlorenen Henry trug, und da unser armer Senator weder von Stein noch von Stahl, sondern ein Mensch war, und dazu ein edelherziger, so muß Jeder sehen, daß er sich mit seinem Patriotismus in einer bösen Lage befand. Du brauchst nicht über ihn zu frohlocken, guter Bruder des Südens, denn wir haben Winke bekommen, daß Mancher von Euch unter ähnlichen Umständen nicht anders gehandelt haben würde. Wir haben Grund anzunehmen, daß in Kentucky sowohl wie in Mississippi edle, großmüthige Herzen schlagen, denen nie eine Schilderung menschlichen Leidens vergeblich gemacht worden ist. Also, guter Bruder, ist es billig, daß Du von uns Dienste erwartest, die Dein eigenes braves ehrenhaftes Herz Dir nicht zu leisten erlauben würde, wenn Du in unsrer Stelle wärest?
Dem sei, wie ihm wolle, wenn unser guter Senator ein politischer Sünder war, so befand er sich auf dem besten Wege, dafür eine nächtliche Buße zu thun. Es hatte seit längerer Zeit anhaltendes Regenwetter geherrscht und der weiche, fruchtbare Boden von Ohio ist, wie jedermann weiß, ganz besonders für die Fabrikation von Schlamm geeignet, – und der Weg war überdies ein Ohio'scher Bahnweg der guten, alten Zeit.
„O bitte, was für eine Art Weg mag dies sein?“ fragt irgend ein östlicher Reisender, der gewohnt ist, keine andern Ideen mit einem Bahnwege zu verbinden, als die der Ebenheit und Schnelligkeit.
So wisse denn, unschuldiger, östlicher Freund, daß in den gesegneten Regionen des Westens, wo der Koth von sublimer, unergründlicher Tiefe ist, Straßen von runden, rohen Scheiten gebaut werden, welche man dicht und quer über einander legt und sodann mit Erde, Rasen, oder was immer zur Hand sein mag, bewirft, – und dies nennt selbstzufrieden der Eingeborene einen Weg, und versucht sofort darauf zu fahren. Im Laufe der Zeit wäscht natürlich der Regen Rasen und Erde ab, und die Scheite verlieren ihre ursprüngliche Lage und nehmen allerhand malerische Stellungen an, auf und nieder und quer, mit verschieden Abgründen und Gleisen schwarzen Schlammes dazwischen.
Ein solcher Weg war es, welchen unser Senator jetzt stolpernd verfolgte, während er sich mit moralischen Betrachtungen in so ununterbrochener Weise beschäftigte, wie die Umstände es zuließen, indem der Lauf des Wagens etwa folgender Art war: – bump! bump! bump! platsch! nieder in den Schlamm! – Der Senator, die Frau und das Kind verändern ihre Sitze so plötzlich, daß sie ohne besondere Vorbereitung gegen die Fenster der Seite liegen. Der Wagen steckt fest, während Cudjoe außerhalb sehr laut mit den Pferden verhandelt.
Nach wiederholtem Anziehen und Reißen der Zügel, gerade in dem Augenblicke, wo der Senator alle seine Geduld verliert, hebt sich plötzlich der Wagen in Bogen, – die beiden Vorderräder gehen nieder in einen andern Abgrund, und der Senator, die Frau und das Kind, fallen in bunter Mischung auf den Vordersitz, – des Senators Hut ist ihm ohne alle Ceremonie bis über Augen und Nase hinunter gedrückt, und er hält sich für vollständig ausgelöscht; das Kind schreit, und Cudjoe hält außerhalb eine sehr lebhafte Anrede an die Pferde, welche toben und schlagen, und unter wiederholten Peitschenhieben die Stränge reißen. Der Wagen springt auf in einen neuen Bogen, – nieder gehen die Hinterräder, – und Senator, Frau und Kind fliegen zurück auf den Rücksitz, während die Ellbogen des Ersteren Elisa's Hut sehr unsanft berühren, und ihre beiden Füße sich in dem Hute des Senators eingeklemmt befinden, welcher ihm während des Stoßes vom Kopfe gefallen ist. Nach einigen Augenblicken hat der Wagen das Morastloch verlassen; – der Senator findet seinen Hut, die Frau bringt den ihrigen wieder in Ordnung, und beruhigt das Kind, und Alle bereiten sich auf eine Wiederholung vor.
Eine Zeit lang mischt sich nur das regelmäßige bump! bump! der Abwechselung halber, mit einigen Seitenstößen, und die Reisenden fangen an sich Glück zu wünschen, daß ihre Lage dennoch nicht so ganz schlimm ist; allein endlich, und zwar mit einem heftigen Stoße, daß Alle in die Höhe und dann mit unglaublicher Schnelligkeit in ihren Sitz zurückgeworfen werden, hält der Wagen plötzlich ganz still, und nach einer längeren und sehr lebhaften Bewegung außerhalb, erscheint endlich Cudjoe an der Wagenthür.
„Verzeihen Sie, Herr, 's ist mächtig dunkel hier; – weiß nicht, wie wir 'raus kommen sollen; – denke, wir müssen frische Gleise legen.“
Der Senator steigt verzweiflungsvoll aus, indem er vorsichtig mit dem einen Fuße nach einem festen Grunde sucht; – nieder fährt ein Fuß in eine bodenlose Tiefe, – er versucht ihn wieder herauszuziehen, allein er verliert das Gleichgewicht und fällt in den Schlamm, aus welchem er durch Cudjoe in einem höchst traurigen Zustande wieder hervorgezogen wird.
Aber wir wollen aus Mitleid für unsere Leser uns jeder weiteren Schilderung enthalten; genug, es war spät in der Nacht, als der Wagen endlich, triefend und mit Koth bedeckt, die Bucht verließ, und vor der Thür eines großen Farmgebäudes anhielt.
Es kostete nicht wenig Geduld und Ausdauer, die schlafenden Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der ehrenwerthe Besitzer und öffnete die Thür. Es war ein großer, struppiger Orson von Mann, volle sechs Fuß und einige Zoll hoch, und in ein rothwollenes Jagdhemde gekleidet. Eine ziemlich schwere Decke rothen Haares, in einem entschieden ungekämmten Zustande, und ein mehrere Tage alter Bart, verliehen dem Ehrenmanne ein, im gelindesten Ausdrucke, nicht sehr einnehmendes Aeußere. Er stand einige Minuten lang, das Licht hoch erhoben haltend, stumm da, und schaute unsere Reisenden mit einer finsteren, mystischen Miene an, die wirklich komisch war. Unser Senator hatte einige Mühe, ihm das ganze Sachverhältniß vollkommen deutlich zu machen; und während der gute Mann sein Bestes thut, es gehörig aufzufassen, wollen wir unsere Leser etwas näher mit ihm bekannt machen.
Der brave, alte John Van Trompe war früher ein sehr bedeutender Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky. Da er nichts weiter zu tragen hatte, als seine eigene Haut, und da er von Natur ein großes, gutes, gerechtes Herz besaß, welches im richtigsten Verhältniß mit seinem gigantischen Körper stand, so hatte er schon seit längeren Jahren mit Mißbehagen die Wirkungen eines für den Unterdrücker und den Unterdrückten gleich nachtheiligen Systems beobachtet. Eines Tages endlich, begann John's großes, gutes Herz zu sehr zu schwellen um seine Fesseln länger tragen zu können; und so nahm er sein Taschenbuch aus seinem Schreibtische hervor, und ging hinüber nach Ohio, und kaufte ein Viertel eines ganzen Stadtgebietes, üppiges Land, fertigte Freilassungsscheine für alle seine Sklaven aus, – Männer, Weiber und Kinder, packte sie auf Wagen, und sandte sie fort, um sich dort niederzulassen; und dann wandte sich Ehren John der Bucht zu, und ließ sich auf einer kleinen, abgelegenen Farm nieder, um sich seines Bewußtseins und seiner Betrachtungen zu freuen.
„Seid Ihr der Mann, der ein armes Weib und ein Kind aufnehmen will, um sie nicht den Sklavenhäschern in die Hände fallen zu lassen?“ sagte der Senator mit Nachdruck.
„Denke schon, daß ich's bin,“ entgegnete Ehren John mit demselben Nachdrucke.
„Ich dachte so,“ sagte der Senator.
„Wenn Jemand kommen solle,“ sagte der gute Mann, seine große, muskulöse Figur aufrichtend, „na, so will ich ihn empfangen; habe auch sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, die für ihn bereit sind. Bestellt ihm nur mein Compliment,“ fügte John hinzu, „und sagt ihm nur, 's komme gar nicht drauf an, wie bald er komme, – macht gar keinen Unterschied,“ sagte John, durch seine struppigen Haare fahrend, und in lautes Lachen ausbrechend.
Matt, ermüdet und gebrochen, schleppte sich Elisa bis an die Thür, während ihr Kind in festem Schlafe auf ihrem Arme lag. Der rauhe Mann hielt das Licht vor ihr Gesicht, und indem er dann eine Art mitleidigen Grunzens ausstieß, öffnete er die Thür eines kleinen Schlafzimmers, welches neben der großen Küche lag, in der sie standen, und bedeutete sie, da hinein zu gehen. Er holte ein Talglicht, zündete es an, setzte es auf den Tisch, und wendete sich dann an Elisa.
„Brauchst Dich hier nicht zu fürchten, mein Wort, laß kommen wer will. Bin fertig für alles das,“ sagte er, auf einige handfeste Gewehre deutend, die über dem Kamine hingen: – „und die Meisten, die mich kennen, wissen, daß es nicht gut gethan ist, Einen aus meinem Hause wegzuholen, so lange ich drin bin. Also nun, lege Dich hin und schlafe, so ruhig als wenn Dich Deine Mutter wiegte,“ sagte er, während er die Thür zumachte.
„Das ist ein ungewöhnlich hübsches Weibsbild,“ sagte er dann zu dem Senator. „Ja, ja, die Hübschen haben die größte Gefahr auszustehen, oft, wenn sie ein Bißchen Gefühl haben, wie ordentliche Frauenzimmer haben sollen. Kenne das alles.“
Der Senator theilte ihm kurz, in wenigen Worten, Elisa's Geschichte mit.
„O! o! sieh Einer!“ sagte der gute Mann mitleidig; „nun ja! das ist natürlich, versteht sich, armes Wesen! – gehetzt wie ein Thier, grade deshalb, weil sie natürliche Gefühle hat, und das thut, was keine Mutter anders kann. Ich sage Euch, diese Dinge hätten mich beinahe zum Fluchen gebracht, – zu wer weiß was,“ sagte der ehrliche John, während er seine Augen mit der Kehrseite seiner großen, fleckigen Hand wischte. „Ich sage Euch, Mann, es hat Jahre und Jahre gedauert, daß ich nicht in die Kirche ging, weil die Geistlichen da in unsrer ganzen Gegend predigten, daß die Bibel alle diese Schändlichkeiten gut heiße, – und ich konnte nicht mit ihnen fertig werden, mit ihrem Griechisch und Ebräisch, und so ließ ich sie hinter mir, Bibel und Alles. Bin nie in der Kirche gewesen, bis ich einen Pfarrer fand, der 's Alles verstand, Griechisch und Alles, und der grade das Gegentheil sagte; und dann hielt ich fest dran, und ging in die Kirche, – so ist's,“ sagte John, der inzwischen emsig beschäftigt gewesen war, einige vortreffliche Flaschen Cider zu öffnen, die er nunmehr, bei dieser Pause, seinem Gaste offerirte.
„Solltet nun grade hier bleiben, bis es Tag wird,“ sagte er in herzlichem Tone; „ich will meine alte Frau wecken, und Ihr sollt ein Bett im Nu fertig haben.“
„Ich danke Euch, mein guter Freund,“ sagte der Senator, „ich muß fort, um die Nachtpost nach Columbus zu treffen.“
„So, nun, wenn Ihr müßt, so will ich Euch ein Stück begleiten, und Euch einen Richteweg zeigen, der Euch besser hinbringen wird, als der, auf dem Ihr kamt. Das ist ein bitter böser Weg.“
John zog sich an, und war bald fertig, mit einer Laterne in der Hand, um des Senators Wagen einen Hohlweg hinab zu führen, der hinter seinem Hause hinlief. Als sie von einander schieden, drückte der Senator ihm einen Zehndollarschein in die Hand.
„Das ist für sie,“ sagte er kurz.
„Ja, ja,“ entgegnete John mit ähnlicher Kürze.
Beide reichten sich die Hand, und schieden.
Zehntes Kapitel.
Das Eigenthum wird fortgeschafft.
Der Februarmorgen blickte trübe und feucht durch Onkel Tom's Hüttenfenster. Er schien auf traurige Gesichter, den Spiegel trauriger Herzen. Vor dem Feuer stand der Tisch, auf dem eine Plettdecke lag; über einem Stuhl am Feuer hingen einige grobe, aber reine Hemden, und Tante Chloë hatte ein andres vor sich auf dem Tische ausgebreitet. Sorgfältig plettete sie jede Falte und jede Naht mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, und hob nur von Zeit zu Zeit ihre Hand zum Gesichte auf, um die Thränen abzuwischen, die herabliefen.
Tom saß dabei, die aufgeschlagene Bibel auf dem Knie haltend, und seinen Kopf in die Hand lehnend, – aber keiner sprach. Es war noch früh, und die Kinder lagen alle fest schlafend in ihrem Rollbette.
Tom, der im vollsten Maße das sanfte, weiche Gefühl für Häuslichkeit hatte, welches ein besondrer charakteristischer Zug dieses unglücklichen Geschlechtes ist, stand auf und ging schweigend an das Bett seiner Kinder, um sie zu betrachten.
„'s ist das letzte Mal,“ sagte er.
Tante Chloë antwortete nicht, sondern plettete nur mit erhöhtem Eifer das grobe Hemd weiter, das bereits so glatt war wie Hände es machen konnten; und indem sie endlich ihr Eisen mit einem verzweifelnden Stoße bei Seite schob, setzte sie sich am Tische nieder, und erhob ihre Stimme, und weinte.
„Glaube schon, wir müssen gefaßt sein; aber, o Herr! wie kann ich? Wenn ich nur wüßte, wo Du hinkämst, und wie sie Dich behandeln werden! Missis sagt, sie will versuchen, und Dich einlösen in ein oder zwei Jahren; aber, o Herr, da kommt ja keiner zurück, der hingegangen ist! Jeder wird ja umgebracht! Hab's ja gehört, wie sie abgetrieben werden da in den Plantagen!“
„'s wird derselbe Gott da sein, Chloë, wie hier.“
„Mag sein,“ sagte Tante Chloë, „aber der Herr läßt schreckliche Dinge geschehen, manchmal. Ich kann da keinen Trost drin finden, – nein!“
„Ich bin in Gottes Hand,“ sagte Tom, „nichts kann gehn weiter als er es will; und da ist eins, wofür ich ihm kann dankbar sein. Ich bin's, der verkauft ist, und hinunter gehen muß, und nicht Du oder die Kinder. Ihr seid hier sicher; – was kommt, kommt nur über mich, und der Herr wird mir helfen, – ich weiß, er wird.“
Braves, männliches Herz! – das seinen eignen Kummer niederdrückt, um andre geliebte Wesen zu trösten! Tom sprach mit schwerer stockender Stimme, aber sprach brav und männlich.
„Laß uns an unsre Wohlthaten denken!“ fügte er mit bebender Stimme hinzu, als wenn er dessen gewiß wäre, daß er das Bedürfniß fühle, an diese sehr ernstlich zu denken.
„Wohlthaten!“ sagte Tante Chloë, „sehe keine Wohlthat drin! 's ist nicht recht! 's ist nicht recht, daß es so sein muß! Master hätte 's nie sollen so kommen lassen, daß Du für seine Schulden genommen werden konntest. Hast ihm Alles verdient, was er für Dich kriegt, doppelt. Er war Dir Deine Freiheit schuldig, und hätte sie Dir geben sollen, vor Jahren schon. Mag sein, daß er sich jetzt nicht helfen kann, aber ich fühle 's, 's ist doch unrecht; – nichts bringt das heraus aus mir. Solches treues Geschöpf, wie Du gewesen bist, – hast immer seine Geschäfte vorgesetzt, überall, vor Deinen eignen, – und immer an ihn mehr gedacht als an Dein eigen Weib und Kinder! Wer Herzliebe und Herzblut verkaufen kann, um herauszukommen aus seiner Noth, – der Herr wird ihm schon dafür lohnen!“
„Chloë! nun, wenn Du mich lieb hast, sprichst Du nicht so, wenn 's vielleicht grade das letzte Mal ist, daß wir so mit einander reden! Und ich sage Dir, Chloë, 's geht mir ganz zuwider, ein Wort gegen Master zu hören. Ist er nicht als ein Säugling in meinen Arm gelegt worden? – 's ist natürlich, daß ich viel auf ihn halte, – und Master kann nicht so viel auf den armen Tom halten. Masters sind gewöhnt, sich alle solche Sachen thun zu lassen, und denken natürlich nicht so viel davon; – 's kann's Niemand erwarten. Setz' ihn andern Mastern an die Seite, – wer hat die Behandlung und 's gute Leben, wie ich's gehabt habe? Und er hätte das nie über mich kommen lassen, wenn er 's hätte vorher sehen können. Ich weiß gewiß!“
„'s ist gut, irgendwo steckt da doch was Unrecht's,“ sagte Tante Chloë, in der ein hartnäckiger Gerechtigkeitssinn vorherrschend war; – „ich kann's nicht ausfinden, wo es steckt, aber irgendwo ist was Unrecht's, – das weiß ich gewiß.“
„Du solltest aufblicken zum Herrn über uns, – er ist über Alle – kein Sperling fällt vom Dache ohne ihn.“
„Es will mich nicht trösten, aber 's kann wohl sein, es sollte,“ sagte Tante Chloë. „Aber 's Reden hilft alles nichts; ich will nur jetzt den Kornkuchen herausnehmen, und Dir ein gutes Frühstück zurecht machen, denn wer weiß, wenn Du wieder eins findest.“
Um die Leiden der nach dem Süden verkauft werdenden Neger gehörig zu würdigen, müssen wir daran erinnern, daß alle instinktmäßigen Neigungen dieses Geschlechtes besonders stark sind. Ihre Anhänglichkeit an Orte namentlich ist dauernd; sie sind zwar nicht kühn und unternehmend, aber häuslich und anhänglich. Man rechne hinzu alle die Schrecken, mit denen Unwissenheit das Fremde, Unbekannte bekleidet, und ferner den Umstand, daß nach dem Süden verkauft werden dem Neger von früher Jugend an als der äußerste, schrecklichste Grad von Strafe vorschwebt. Die Drohung, welche mehr schreckt, als gepeitscht werden oder Tortur irgend einer Art, ist die, den Fluß hinab geschickt zu werden. Wir haben selbst den Ausdruck dieses Gefühl's und den ungekünstelten Schrecken beobachtet, mit dem sie in ihren Mußestunden bei einander sitzen, und sich schauderhafte Geschichten von dem Süden erzählen, der ihnen als
„Das unentdeckte Land, von dessen Gränzen
Kein Reisender je kehrt,“
gilt. Ein Missionär unter den entflohenen Negern in Canada erzählte uns, daß viele von ihnen bekannt hätten, verhältnißmäßig gütigen Herrn entflohen zu sein, und sich den Gefahren der Flucht ausgesetzt zu haben, lediglich durch den furchtbaren Schrecken dazu bewogen, den sie vor dem Verkauftwerden nach dem Süden hegten, einem Schicksale, das drohend über den Häuptern Aller, über Männern, Weibern und Kindern hänge. Dies erfüllt den Afrikaner, der von Natur geduldig und schüchtern ist, mit heroischem Muthe, und läßt ihn Hunger, Kälte und Schmerzen tragen, und sich den Gefahren der Wildniß, und den noch schrecklicheren Strafen des Wiedereinfangens aussetzen.
Das einfache Morgenmahl dampfte jetzt auf dem Tische, denn Mistreß Shelby hatte Tante Chloë von ihren Dienstleistungen im Herrenhause für diesen Morgen entbunden. Die arme Seele hatte alle ihre geringen Kräfte zu diesem Abschiedsmahle erschöpft, – hatte ihre besten Hühner geschlachtet und gebraten, und ihren Kornkuchen mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, ganz nach dem Geschmacke ihres Mannes, zubereitet, und brachte endlich noch ein Paar Krüge hervor mit einigen aufbewahrten Raritäten, die nur bei ganz besondern Gelegenheiten zum Vorschein kamen.
„O Pete,“ sagte Mose triumphirend, „haben wir nicht ein prächtiges Frühstück auf dem Tisch!“ in demselben Augenblicke nach einem Stücke Huhn greifend.
Tante Chloë gab ihm eine unerwartete Ohrfeige. „Da nun, kräht über 's letzte Frühstück, das Euer armer Tate hier zu Hause essen wird!“
„O Chloë!“ sagte Tom sanft.
„Ach, ich kann mir nicht helfen,“ sagte Tante Chloë, ihr Gesicht in der Schürze bergend! „ich bin so voll Jammer, das macht mich so häßlich.“
Die Knaben blieben still stehen, und sahen erst ihren Vater, und dann ihre Mutter an, während das jüngste Kind an den Kleidern derselben empor kletterte, und einen gebieterischen, befehlenden Schrei zu erheben begann.
„Da!“ sagte Tante Chloë, ihre Augen trocknend und das Kind aufhebend; – „nun bin ich fertig, denk' ich, – nun iß etwas, – das hier ist mein bestes Huhn. Da, Jungens, sollt' auch was haben, arme Bälger! Mamme ist häßlich gegen Euch gewesen.“
Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung, sondern machten sich mit großem Eifer an die Vorräthe, und es war gut, daß sie es thaten, denn sonst würde von keiner Seite zu diesem Zwecke viel gethan worden sein.
„Nun,“ sagte Tante Chloë, nach dem Frühstück geschäftig aufstehend, „ich muß nun Deine Kleider zusammenthun. 's ist zwar so gut, wie nicht; werden sie doch alle nehmen. Kenne ihre Wege, – sind schmutzig, wie Koth, sind sie! Also hier, Deine Unterjacken, gegen den Fluß, hier in der Ecke; sei vorsichtig, denn 's wird Dir keiner wieder welche machen. Dann hier sind Deine alten Hemden und hier die neuen. Habe die Strümpfe hier gestopft, gestern Abend, und neue Hacken eingesetzt, – aber, o großer Gott, wer wird sie je wieder ausbessern?“ und Tante Chloë war von Neuem so überwältigt, daß sie ihren Kopf an die Seite des Kastens lehnte und schluchzte. „Nur dran zu denken! – kein Mensch, der was für Dich thun wird, krank oder gesund! Ich weiß nicht, wozu ich noch gut sein soll!“
Die Knaben, nachdem sie Alles verzehrt hatten, was auf dem Tische zu finden war, begannen ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was um sie vorging; und als sie ihre Mutter weinen sahen und das traurige Gesicht ihres Vaters gewahrten, fingen sie auch an zu wimmern und ihre Hände zu den Augen zu erheben. Onkel Tom hatte das jüngste Kind auf seinem Knie, und ließ es sich nach Herzenslust damit vergnügen, sein Gesicht zu kratzen und sein Haar zu zausen, während es von Zeit zu Zeit laute Ausbrüche von Wonne hören ließ, die augenscheinlich aus eigenen inneren Betrachtungen hervorgingen.
„Krähe nur, krähe, armes Geschöpf!“ sagte Tante Chloë, „kommst auch noch an die Reihe! wirst leben und sehen, wie Dein Mann verkauft wird, oder selbst verkauft werden; – und diese armen Jungen da werden auch verkauft werden, ohne Zweifel, wenn sie zu was gut sind, – taugt nicht, wenn Niggers zu was gut sind!“
In diesem Augenblicke rief einer der Knaben laut: „Da, Missis kommt herein!“
„Sie kann nichts mehr helfen; – was nützt 's kommen?“ sagte Tante Chloë.
Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloë setzte ihr einen Stuhl in einer auffallend mürrischen Weise hin. Sie schien jedoch weder die Handlung noch die Art und Weise zu beachten. Sie sah blaß und aufgeregt aus.
„Tom,“ sagte sie, „ich komme um –“ aber plötzlich inne haltend und die schweigende Gruppe vor sich betrachtend, setzte sie sich nieder auf den Stuhl, bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuche und brach in heftiges Schluchzen aus.
„Nun, Missis, o nein, nicht – das nicht?“ sagte Tante Chloë, ihrerseits auch in Weinen ausbrechend, und einige Augenblicke lang war die ganze Gesellschaft in Thränen. Und in diesen Thränen, die Alle gemeinschaftlich vergoßen, Hohe und Niedere, schmolz aller Groll und alle Bitterkeit der Unterdrückten hinweg. O Ihr, die Ihr Leidende besucht, wißt Ihr nicht, daß Alles, was Euer Geld kaufen kann, wenn es mit kaltem, abgewandtem Gesichte gegeben wird, nicht so viel werth ist, wie eine warme Thräne, die aus wahrem Mitgefühl geweint wird?
„Mein guter Tom,“ sagte Mrs. Shelby, „ich kann Dir nichts geben, was für Dich von Nutzen wäre. Wollte ich Dir Geld geben, so würde es Dir nur genommen werden. Aber ich verspreche Dir heilig und vor Gott, daß ich Dich nicht aus meinen Augen verlieren und Dich zurückkaufen will, sobald ich genug Geld dazu aufbringen kann, bis dahin vertraue auf Gott!“
Hier riefen plötzlich die Knaben, daß Master Haley komme und unmittelbar darauf flog durch einen sehr unceremoniösen Stoß die Thür auf. Da stand Haley in sehr übler Laune, indem er die vorhergehende Nacht einen langen Ritt gemacht hatte und das in Verfolgung seiner Beute gehabte Mißgeschick nicht sonderlich zur Aufheiterung seines Gemüthes beitrug.
„Komm,“ sagte er, „Nigger, bist Du fertig? – Diener, Madame!“ fügte er, seinen Hut abnehmend, hinzu, als er Mrs. Shelby gewahrte.
Tante Chloë machte den Kasten zu und band einen Strick darum, und stand dann auf, den Händler finster anblickend, wobei ihre Thränen sich in Feuerfunken zu verwandeln schienen.
Tom erhob sich geduldig, um seinem neuen Herrn zu folgen, und legte den schweren Kasten auf seine Schulter. Seine Frau nahm das jüngste Kind auf den Arm, um ihn bis an den Wagen zu begleiten, und die andern Kinder, noch immer weinend, folgten nach.
Mrs. Shelby trat zu dem Händler heran und hielt ihn einige Augenblicke fest, indem sie in sehr eifrigem Tone zu ihm sprach; und während dieß geschah, bewegte sich die ganze Familie einem Wagen zu, der angespannt und bereit vor der Thür stand.
Alle Sklaven der Besitzung, Alt und Jung, hatten sich in großer Menge versammelt und umgaben ihn, um ihrem alten Genossen ein letztes Lebewohl zu sagen. Tom war von Allen als der erste Diener und als ihr christlicher Lehrer angesehen worden, und es zeigte sich deßhalb unter ihnen, namentlich unter den Weibern, viel aufrichtige Theilnahme und Betrübniß.
„Wie, Chloë, Du trägst's besser als wir?“ sagte eins der Weiber, welches in heftigem Weinen begriffen war und die finstere Ruhe bemerkte, mit der Chloë am Wagen stand.
„Bei mir ist's mit den Thränen vorbei!“ entgegnete sie, grimmig den Händler anblickend, der sich näherte, „mag nicht weinen vor dem alten Schuft da!“
„Steig hinein!“ sagte Haley zu Tom, während er durch die Menge von Sklaven hindurchschritt, die ihn mit finsteren Blicken betrachteten.
Tom stieg ein und Haley zog unter dem Wagensitze ein Paar schwerer Fußschellen hervor, welche er um seine Fußgelenke befestigte. Ein unterdrücktes Stöhnen von Unwillen rann durch die ganze Versammlung, und Mrs. Shelby rief von der Veranda aus hinab:
„Mr. Haley, ich versichere Sie, diese Vorsicht ist ganz unnöthig.“
„Weiß nicht, Madame,“ entgegnete Haley, – „habe schon fünfhundert Dollar hier auf dem Platze verloren, kann mich durchaus nicht solcher Gefahr noch 'mal aussetzen.“
„Was konnte sie anders von ihm erwarten?“ sagte Tante Chloë, innerlich empört, während ihre beiden Knaben die Lage ihres Vaters nun mit einem Male zu begreifen schienen, und sich an die Kleider ihrer Mutter hängend heftig schluchzten und stöhnten.
„Es thut mir leid,“ sagte Tom, „daß Master Georg nicht hier ist.“
Georg hatte einen Ausflug in die Umgegend auf einige Tage unternommen, um einen Jugendfreund zu besuchen; und da er früh am Morgen abgereist war, ehe das Gerücht von Tom's Unglück sich allgemein verbreitet hatte, so war es ihm unbekannt geblieben.
„Bringt Master Georg meinen Gruß,“ sagte er dringend zu seiner Frau und den Umstehenden.
Haley hieb auf die Pferde, und mit einem festen, traurigen Blicke, den er unverwandt auf seine heimathliche Stätte richtete, sah Tom sie allmählig vor seinen Augen verschwinden.
Mr. Shelby war um diese Zeit nicht zu Hause. Er hatte Tom im Drange der Nothwendigkeit verkauft, um aus der Gewalt eines Mannes zu kommen, den er fürchtete, – und sein erstes Gefühl nach dem Abschlusse des Geschäftes war das innerer Beruhigung gewesen. Allein die Vorstellungen seiner Frau erweckten seine halb schlummernde Reue, und Tom's männliche Uneigennützigkeit hatte die Peinlichkeit seiner Empfindungen erhöht. Vergeblich sagte er sich, daß er ein Recht habe es zu thun, – daß Jedermann es thue, – und daß Viele sogar es thäten, ohne die Entschuldigung der Nothwendigkeit für sich zu haben, – sein Gefühl wollte sich dadurch nicht beruhigen lassen; und um nicht die traurigen Schlußscenen mit ansehen zu müssen, hatte er eine kleine Geschäftsreise in die Umgegend unternommen, in der Hoffnung, daß bei seiner Rückkehr Alles vorüber sein werde.
Tom und Haley rasselten den staubigen Weg entlang, bei allen den vertrauten Oertern vorüber fliegend, bis die Gränzen der Besitzung hinter ihnen lagen, und sie sich auf der offenen Landstraße befanden. Als sie ungefähr eine Meile weit gefahren waren, hielt Haley plötzlich vor der Thür eines Hufschmieds an, nahm ein paar Handschellen aus dem Wagen hervor und trat damit in die Schmiede, um eine Aenderung derselben vornehmen zu lassen.
„Diese hier sind etwas zu klein für seinen Bau,“ sagte Haley, die Handschellen zeigend und auf Tom deutend.
„Mein Seel'! ist denn das nicht Shelby's Tom? – er hat ihn doch nicht verkauft?“ sagte der Schmied.
„Ja, er hat ihn verkauft,“ entgegnete Haley.
„Warum nicht gar, wirklich?“ sagte der Schmied, „wer hätte das gedacht! Je, ich glaube, Ihr habt nicht nöthig, ihn auf diese Weise fest zu machen, – er ist die treueste, beste Seele –“
„Ja, ja,“ sagte Haley, „aber Eure guten Seelen sind grade die rechten, um davon zu laufen. Die Dummen, die nichts darnach fragen, wohin sie gehen, und andere Versoffene, die sich aus nichts was machen, die bleiben und haben's eher gern, nach allen Gegenden herumgerollt zu werden; aber grade diese Hauptkerle, die hassen's wie die Sünde. Hilft nichts, – die Schellen müssen dran, – hat Beine, wird sie schon gebrauchen – kein Zweifel!“
„Na, Mann,“ sagte der Schmied, unter seinem Arbeitszeug umher suchend, „die Plantagen da unten sind auch nicht grade der Platz, wo ein Kentucky-Nigger hin verlangt; sie sterben da ziemlich schnell, – nicht wahr?“
„O ja, sterben ziemlich schnell; von Klima und sonst so sterben sie so, daß immer ein ziemlich starker Markt ist,“ sagte Haley.
„Man sollte aber doch meinen, daß es ein Jammer wäre, so 'nen ruhigen, ordentlichen, guten Kerl zu haben, so einen wie Tom, und ihn denn nun da fertig machen zu lassen in den Zucker-Plantagen.“
„Na, er hat 'ne gute Aussicht. Ich habe versprochen, was für ihn zu thun; – will sehen, daß ich ihn bei irgend 'ner guten, alten Familie in's Haus bringen kann; und wenn er dann 's Fieber aushält und 's Klima, na, so hat er 's so gut wie 's irgend ein Nigger nur verlangen kann.“
„Seine Frau und Kinder hat er wohl da gelassen?“
„Ja; aber wird schon 'ne andre da kriegen; – 's gibt ja Weiber genug da überall,“ sagte Haley.
Tom saß inzwischen traurig außerhalb der Schmiede, während diese Unterhaltung geführt wurde. Plötzlich hörte er einen schnellen, kurzen Hufschlag hinter sich, und ehe er sich vollständig von seiner Ueberraschung erholen konnte, sprang Master Georg in den Wagen, schlang in wilder Aufregung seine Arme um Tom's Nacken, und schluchzte und schalt aus Leibeskräften.
„Ich sage, es ist abscheulich! Ich frage nichts danach, was sie sagen, wer 's auch ist! Es ist eine Schande! Wenn ich ein Mann wäre, sollten sie es nicht thun, – sollten sie es ganz bestimmt nicht thun!“ rief er mit unterdrücktem Schluchzen.
„O Master Georg! das thut mir wohl!“ sagte Tom. „Ich konnt 's nicht tragen, daß ich fort mußte, ohne Sie noch 'mal gesehen zu haben! Das thut mir wahrlich wohl, – Sie können's nicht glauben!“
Bei diesen Worten machte Tom eine Bewegung mit seinen Füßen, und Georg's Blicke fielen auf die Fessel.
„Welche Schande!“ rief er, seine Hände aufhebend. „Ich schlage den alten Kerl nieder, – ja, ich thue es!“
„Nein, Sie thun 's nicht, Master Georg; und müssen nicht so laut sprechen. Es kann mir zu nichts helfen, ihn ärgerlich zu machen.“
„Gut, ich will es nicht thun, um Deinetwillen; aber nur dran zu denken, – ist es nicht abscheulich? Sie haben mich nicht holen lassen, haben mir nicht einmal Nachricht davon gegeben, und wenn Tom Lincoln nicht gewesen wäre, so hätte ich gar nichts davon gehört. Ich sage Dir, ich habe sie ausgescholten, Alle zusammen zu Hause!“
„Das war wohl nicht recht, Master Georg!“
„Ich konnte nicht anders! Es ist eine Schande, sage ich! – Sieh' hier, Onkel Tom,“ fügte er dann hinzu, seinen Rücken gegen die Schmiede wendend und in geheimnißvollem Tone sprechend: „ich habe Dir meinen Dollar gebracht!“
„O, ich kann ihn ja nicht annehmen, Master Georg, nein, um Alles in der Welt nicht!“ sagte Tom ganz gerührt.
„Aber Du sollst ihn nehmen!“ sagte Georg; „sieh' hier, – ich sagte es Tante Chloë, daß ich's thun wollte, und sie hat mir den Rath gegeben, ein Loch hineinzubohren und eine Schnur hinein zu ziehen, so, nun kannst Du ihn um den Hals hängen und ihn verstecken; sonst würde dieser gemeine Räuber ihn Dir wegnehmen. Ich sage Dir, Tom, ich möchte mit ihm anbinden! es würde mir gut thun!“
„Nein, thun Sie 's nicht, Master Georg, denn es würde mir nichts Gutes bringen!“
„Wohl, ich will es nicht thun, um Deinetwillen,“ sagte Georg, seinen Dollar geschäftig um Tom's Hals hängend; „aber nun knöpfe Deinen Rock fest drüber zu und bewahre ihn, und jedes Mal, wenn Du ihn ansiehst, so denke daran, daß ich zu Dir hinunter kommen will und Dich zurück holen. Ich habe mit Tante Chloë darüber gesprochen; ich habe ihr gesagt, daß sie nichts fürchten soll; ich will dafür sorgen, und ich will Vater'n zu Tode ärgern, wenn er 's nicht thut!“
„O Master Georg, Sie müssen nicht so von Ihrem Vater reden.“
„Gott, Onkel Tom, ich meine ja nichts Böses!“
„Und nun, Master Georg,“ fuhr Onkel Tom fort, „Sie müssen immer ein guter Sohn sein; bedenken Sie, wie viele Herzen da sind, die an Ihnen hängen. Halten Sie immer fest an Ihrer Mutter und fallen Sie nie in solche thörichten Wege, wie Knaben sie manchmal haben, und wollen zu groß sein, um auf ihre Mutter zu hören. Will Ihnen was sagen, Master Georg, der Herr gibt manche gute Dinge zweimal, aber 'ne Mutter gibt er nur einmal. Sie werden nie wieder 'ne solche Frau finden, Master Georg, und wenn Sie hundert Jahr alt werden. Also nun, Sie halten fest an ihr, und werden groß, und werden ihr Trost sein, – da, das ist mein guter Sohn, – nicht wahr, Sie wollen?“
„Ja, ich will, Onkel Tom,“ sagte Georg ernsthaft.
„Und sein Sie vorsichtig was Sie sprechen, Master Georg. Junge Leute, wenn sie in Ihr Alter kommen, sind eigenwillig, manchmal, – 's ist Natur; aber wirkliche Gentlemen, wie Sie einer sein werden, ich hoffe, lassen nie Worte fallen über ihre Eltern, die nicht ehrerbietig sind. Sie sind doch nicht böse, Master Georg?“
„O nein, gewiß nicht, Onkel Tom; Du hast mir immer gute Lehren gegeben.“
„Bin älter, Sie wissen,“ sagte Tom, indem er die schönen lockigen Haare des Knaben mit seiner großen starken Hand strich, aber dabei mit einer Stimme sprach, die so weich wie die eines Weibes war, „und ich sehe Alles was in Ihnen steckt, – Klugheit, Stand, Lesen, Schreiben, – und Sie werden aufwachsen und ein großer, gelehrter, guter Mann sein, und alle Leute im Orte, und Ihr Vater und Ihre Mutter werden stolz auf Sie sein. Sein Sie auch ein guter Herr, wie Ihr Vater, – und ein guter Christ, wie Ihre Mutter. Denken Sie an Ihren Schöpfer in den Tagen wo Sie jung sind, Master Georg.“
„Ja, ich will wirklich gut sein, Onkel Tom, ich gelobe 's Dir!“ sagte Georg, „und sei Du nicht muthlos. Ich will Dich auf jeden Fall zu uns zurück haben. Wie ich Tante Chloë diesen Morgen gesagt habe, – ich will Dein Haus neu ausbauen lassen und Du sollst ein eignes Zimmer haben mit einem Teppich darin, wenn ich ein Mann bin. O, Du sollst noch gute Zeiten haben!“
Haley trat in die Thüre der Schmiede mit den Handeisen in der Hand.
„Hört, Mister Haley,“ sagte Georg mit einer Miene großer Ueberlegenheit, während er aus dem Wagen sprang, „ich werde es meinen Eltern anzeigen, wie Ihr Onkel Tom behandelt!“
„Soll mir lieb sein,“ sagte der Händler.
„Ich sollte denken, Ihr müßtet Euch schämen, Euer ganzes Leben lang Männer und Weiber aufzukaufen und sie wie Vieh zusammen zu schließen! Ich sollte meinen, Ihr müßtet Euch selbst abscheulich vorkommen!“ sagte Georg.
„So lange Eure vornehmen Leute noch Männer und Weiber kaufen wollen, – bin ich so gut wie jene,“ sagte Haley; „'s ist nicht schlechter verkaufen, als kaufen.“
„Ich werde keines von beiden thun, wenn ich ein Mann bin,“ sagte Georg. „Ich schäme mich heut, daß ich ein Kentuckier bin; – früher war ich immer stolz darauf.“ Und Georg saß auf seinem Pferde so grade, und blickte mit einer solchen Miene um sich, als erwarte er, daß der ganze Staat davon durchdrungen werden solle.
„Leb' wohl, Onkel Tom, behalte guten Muth!“ sagte Georg.
„Leben Sie wohl, Master Georg,“ entgegnete Onkel Tom, ihn zärtlich und mit Bewunderung anblickend. „Gott der Allmächtige segne Sie! – Ach, Kentucky hat nicht Viele wie Sie!“ fügte er hinzu, als das freie, offene Gesicht des Knaben seinem Blicke entzogen war. Fort flog Georg, und Tom schaute ihm nach, bis der Hufschlag seines Pferdes nicht mehr zu hören war, – der letzte Ton, der letzte Blick aus seiner Heimath. Aber über seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, da wo jene jugendlichen Hände den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom hob seine Hand auf und drückte sie fest auf sein Herz.
„Nun höre, Tom, ich will Dir was sagen,“ sagte Haley, während er an den Wagen trat und die Handschellen hinein warf, „ich meine, Du sollst 's gut bei mir haben, wie 's meine Nigger immer haben; und also sag' ich Dir gleich zum Anfang, Du bist ehrlich gegen mich, und ich bin gut gegen Dich. Bin nie hart gegen meine Nigger, – thue immer 's Beste für sie, was ich kann. Also, Du siehst, das Gescheidste ist, Du bist ruhig und zufrieden und machst mir keine Streiche; denn die Niggerstreiche kenn' ich alle, und werde damit fertig. Wenn Niggers ruhig sind und versuchen nicht davon zu laufen, so haben sie gute Zeit bei mir; und wenn nicht, na, denn so ist 's ihre eigne Schuld und nicht meine.“
Tom versicherte Haley, daß er nicht die Absicht habe, davon zu laufen. Die Ermahnung schien in der That ziemlich überflüssiger Weise an einen Mann gerichtet zu sein, der schwere Fußeisen an seinen Beinen trug. Allein Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, sein Verhältniß zu neuen Waarenartikeln stets mit kleinen derartigen Ermahnungen zu eröffnen, die darauf hinwirkten, wie er glaubte, ihnen guten Muth und Zutrauen einzuflößen, und die Nothwendigkeit unangenehmer Scenen zu verhüten.
Und hier nehmen wir für jetzt von Onkel Tom Abschied, um die Schicksale andrer Personen unserer Erzählung zu verfolgen.