„Ist's nicht ein prächtiges Kind?“ sagte Tom, es von sich entfernt haltend, um es in seiner ganzen Länge zu betrachten; und sodann aufstehend setzte er es auf seine breite Schulter und begann mit ihm zu springen und zu tanzen, während Master Georg mit dem Taschentuche nach ihm schnappte, und Mose und Pete, welche inzwischen zurückgekehrt waren, dergestalt hinter her brüllten, daß Tante Chloë erklärte, sie verliere ihren Kopf in dem Lärmen. Da jedoch, ihrer eigenen Angabe zufolge dies eine chirurgische Operation war, welche sich täglich wiederholte, so verminderte diese Erklärung nicht im geringsten die Heiterkeit der Kinder, bis sie sich vollständig müde getanzt, gewälzt und geschrieen hatten.
„Na, denn, hoffe, nun seid Ihr fertig,“ sagte Tante Chloë, die inzwischen ein aus einem rohen Kasten bestehendes Rollbett hervorgezogen hatte; „nun, Mose und Pete, hier hinein, denn wir haben jetzt Betstunde.“
„O Mutter, noch nicht. Wir wollen mit in Betstunde, – Betstunde ist so komisch, – wir gern in Betstunde.“
„Ah was, Tante Chloë, schieb's wieder hinunter, und laß sie mit aufbleiben,“ sagte Master Georg mit Bestimmtheit, der rohen Maschine einen Stoß gebend.
Nachdem Tante Chloë auf diese Weise den Schein gewahrt hatte, schien sie höchlich erfreut, den Kasten wieder bei Seite schieben zu können, indem sie sagte: „Gut, vielleicht thut's ihnen gut!“
Nunmehr löste sich das Haus in eine Comite auf, um die Vorbereitungen und Vorrichtungen für die Betstunde zu berathschlagen.
„Wo nun Stühle her bekommen, ich weiß wahrlich nicht,“ sagte Tante Chloë.
Da die Betstunde seit längerer Zeit regelmäßig jede Woche bei Onkel Tom gehalten worden war, ohne Hülfe von mehr „Stühlen,“ so war einige Aussicht vorhanden, daß sich gegenwärtig vielleicht ein Ausweg finden lassen werde.
„Onkel Pete hat beide Beine von der alten Stuhl abgesungen – vorige Woche,“ bemerkte Mose.
„Du geh! weiß gewiß, Du hast sie abgebrochen, selbst,“ sagte Tante Chloë, „so einer von Deinen Streichen.“
„Aber er steht noch,“ sagte Mose, „wenn er nur an der Wand stehen bleibt.“
„Denn Onkel Pete muß nicht sitzen drin, denn er rückt immer, wenn er anfängt singen. Einen Abend er beinahe durch das ganze Zimmer gerückt,“ sagte Pete.
„Ho, denn lass' ihn sitzen drin,“ sagte Mose, „und denn er wird anfangen: ‚O Heilige und Sünder kommt –‘ und denn bricht er ein;“ – und Mose ahmte dabei den näselnden Ton des alten Mannes genau nach und wälzte sich zugleich an der Erde, um ein Bild der zu erwartenden Katastrophe zu geben.
Während Mose und Pete dies zwischen sich verhandelten, waren zwei leere Fässer in die Hütte gerollt worden, und nachdem beide durch an die Seiten gelegte Steine einen festen Stand bekommen hatten, wurden Bretter darüber gelegt, so daß durch diese Vorrichtung, mit Hülfe verschiedentlicher umgestülpter Eimer und anderer ähnlicher Hausgeräthe, die Vorbereitungen beendigt waren.
„Master Georg liest die Bibel so wunderschön, na, ich weiß, er wird doch hier bleiben, und uns was lesen,“ sagte Tante Chloë, – „ich dächte, s'wäre gleich viel mehr interessant.“
Georg bequemte sich sehr gern dazu, denn welcher Knabe ist nicht jeder Zeit zu Allem bereit, was ihm eine Art Wichtigkeit verleiht. Das Zimmer füllte sich bald mit einer gemischten Versammlung vom alten, greisen achtzigjährigen Patriarchen bis zum jungen Mädchen und dem fünfzehnjährigen Buben hinab, von denen Mehrere nachbarlichen Familien angehörten und Erlaubniß erhalten hatten, dieser Versammlung beizuwohnen.
Nach einer einleitenden Unterhaltung über die verschiedenartigsten Gegenstände, je nachdem sie gerade die Interessen der anwesenden Andächtigen berührten, begann zum augenscheinlichen Ergötzen Aller der Gesang. Selbst die störende Einwirkung der näselnden Töne konnte den mächtigen Eindruck der natürlich schönen Stimmen in Gesängen, die zugleich lebhaft und geistig waren, nicht vernichten. Der Text war zuweilen der wohlbekannter gewöhnlicher Kirchenhymnen, und zuweilen von einem unbestimmteren, milderen Charakter, wie er namentlich in den freien Brüderversammlungen zu hören ist.
In vielen dieser Gesänge kamen wiederholte Beziehungen auf „die Ufer des Jordan“, „die Felder Canaan's“ und „das neue Jerusalem“ vor; denn der Geist des Negers, von Natur mit Leidenschaftlichkeit und Einbildungskraft begabt, wählt sich Hymnen und Ausdrücke eines lebhaften, malerischen Charakters; und während die Anwesenden sangen, lachten Einige derselben, und Andere weinten, und noch Andere schlugen die Hände zusammen, oder drückten sich die Hände in Entzückung, als wenn sie schon glücklich am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt wären.
Master Georg las auf Verlangen die letzten Kapitel der Offenbarung, wobei er oft durch Ausrufungen wie: „O hört nur das!“ „O denkt an das!“ „Wird das nicht alles geschehen?“ u. s. w. unterbrochen wurde.
Georg, der ein aufgeweckter Knabe, und in religiösen Gegenständen von seiner Mutter wohl unterrichtet worden war und sich hier ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung sah, warf von Zeit zu Zeit Erklärungen seiner eignen Eingebung mit hinein, natürlich mit dem erforderlichen Ernste und der nöthigen Würde, wofür er von den Alten gesegnet und von den Jungen bewundert wurde; und Alle stimmten endlich darin überein, daß „ein Geistlicher es nicht besser auslegen könne, als er,“ und daß „es wirklich zum Erstaunen sei!“
Onkel Tom galt in der ganzen Nachbarschaft als eine Art Patriarch in religiösen Gegenständen. Da in seinem Geiste, vermöge natürlicher Anlage, das moralische Gefühl vorherrschend war, und da sein Geist einen größeren Umfang und größere Bildung besaß, als seine Gefährten sich dessen zu rühmen vermochten, so wurde er von Allen mit großer Achtung und als eine Art Geistlicher angesehen; und der einfache, herzliche, aufrichtige Ausdruck seiner Ermahnungen hätte vielleicht selbst höher gebildete Personen erbauen können. Aber es war namentlich die Art des Gebets, worin er sich auszeichnete. Nichts konnte die rührende Einfachheit, die kindliche Begeisterung seines Gebetes übertreffen, so getreu gehalten in der Sprache der Bibel, die ein so integrirender Theil seines Wesens geworden zu sein schien, daß sie unwillkührlich seinen Lippen entfloß. Er betete in der Ausdrucksweise eines frommen, alten Negers „gerade hinauf.“ Und einen solchen Eindruck äußerte stets sein Gebet auf die Empfindungen der Andacht unter seiner Zuhörerschaft, daß oft Gefahr drohte, es möchte ganz verloren gehen unter dem Ausbruche der Gefühle und Antworten von allen Seiten.
Während sich diese Scene in der Hütte des Sklaven zutrug, fand eine davon sehr verschiedene in dem Salon des Herrn statt.
Der Sklavenhändler und Mr. Shelby saßen wieder in dem früher erwähnten Eßzimmer beisammen, an einem Tische, der mit Papieren und Schreibmaterialien bedeckt war.
Mr. Shelby war beschäftigt, verschiedene Packete Wechsel zu überzählen und zu überrechnen, und schob sie sodann zu dem Händler hinüber, der sie ebenfalls nachzählte.
„Alles richtig,“ sagte der Händler; „nun also unterzeichnen diese da!“
Mr. Shelby zog hastig die Verkaufsbriefe an sich und unterzeichnete sie, wie ein Mann, der über ein unangenehmes Geschäft hinwegeilt, und schob sie sodann mit dem Gelde zur andern Seite hinüber. Haley zog hierauf aus einer stark abgenutzten Brieftasche ein Pergament hervor, welches er, nachdem er es zuvor überblickt hatte, an Mr. Shelby aushändigte, der es mit einer Bewegung unterdrückten Eifers an sich nahm.
„Wohl, die Sache ist gemacht,“ sagte der Händler aufstehend.
„Ist abgemacht!“ sagte Mr. Shelby in sinnendem Tone und wiederholte nach einem langen und tiefen Athemzuge: „ist abgemacht!“
„Ihr scheint mir nicht sonderlich damit zufrieden zu sein,“ sagte der Händler.
„Haley,“ sagte Mr. Shelby, „ich hoffe, Ihr werdet nicht vergessen, was Ihr mir auf Eure Ehre versprochen habt, daß Ihr nämlich den Tom nicht verkaufen wollt, ohne vorher zu wissen, in was für Hände er geht.“
„Warum? Ihr habt jetzt gerade dasselbe gethan,“ sagte der Händler.
„Umstände, wie Ihr wohl wißt, nöthigten mich,“ sagte Shelby in stolzem Tone.
„Wohl, sehet, die können mich auch nöthigen,“ sagte der Händler. „Indeß, will mein Bestes thun, ihm 'ne gute Koje zu verschaffen; – und was mich betrifft, so braucht Ihr nicht besorgt zu sein, daß ich ihn schlecht behandele. Wenn's etwas in der Welt gibt, wofür ich dem Herrn dankbar bin, so ist's, daß ich nicht grausam bin.“
Nach den Erläuterungen, welche der Händler zuvor über die Principien seiner Menschlichkeit gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese Erklärungen nicht sonderlich beruhigt; allein da sie die einzige Beruhigung waren, die er finden konnte, so ließ er den Händler schweigend gehen und suchte Zerstreuung in einer einsamen Cigarre.
Fünftes Kapitel.
Die Gefühle lebenden Eigenthums unter wechselnden Besitzern.
Mr. und Missis Shelby hatten sich am Abend in ihr Zimmer zurückgezogen. Er streckte sich in einem großen, bequemen Armstuhle und las einige Briefe, die mit der Nachmittagspost angekommen waren, während sie vor dem Spiegel stand und die verwickelten Flechten und Locken wieder glatt bürstete, welche Elisa zuvor gemacht hatte; denn als ihr die bleichen Wangen und verweinten Augen derselben zu Gesicht gekommen waren, hatte sie sie von ihren Dienstgeschäften für diesen Abend entbunden und sie zu Bett geschickt. Ihre gegenwärtige Beschäftigung erinnerte unwillkührlich an die Unterhaltung dieses Morgens mit ihrer Dienerin. Indem sie sich deßhalb zu ihrem Manne umwandte, sagte sie nachlässig:
„Sage mir doch, lieber Arthur, wer war denn der ordinaire Mensch, den Du heut an unsern Mittagstisch zogst?“
„Haley ist sein Name,“ sagte Shelby, sich unbehaglich in seinem Stuhle umwendend und seine Augen unverwandt auf den Brief gerichtet haltend.
„Haley! Bitte, sage mir, was ist er denn? und was mag er denn nur für Geschäfte hier gehabt haben?“
„Nun, s'ist ein Mann, mit dem ich einige Geschäfte gemacht hatte, als ich zum letzten Male in Natchez war,“ sagte Mr. Shelby.
„Und deßhalb machte er sich's hier so bequem und kam und lud sich zum Mittagessen ein, – ja?“
„Nein, ich lud ihn ein; ich hatte einige Rechnungen mit ihm abzumachen,“ sagte Shelby.
„Ist er ein Sklavenhändler?“ fragte Mrs. Shelby, eine gewisse Verlegenheit im Wesen ihres Mannes erkennend.
„Warum, mein Kind, was bringt Dich denn auf die Frage?“ sagte Mr. Shelby aufblickend.
„O nichts, – nur, Elisa kam heut nach Tische weinend und in größter Verzweiflung zu mir und sagte, Du sprächest mit einem Händler und sie habe ihn gehört Dir ein Gebot für ihren Jungen machen, – das alberne Gänschen!“
„So?“ sagte Mr. Shelby, wieder auf seinen Brief blickend, der einige Augenblicke lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien, obgleich er nicht bemerkte, daß er ihn verkehrt in der Hand hielt.
„Es muß heraus, jetzt oder später,“ sagte er im Geiste zu sich.
„Ich sagte Elisa,“ bemerkte Mrs. Shelby, während sie fortfuhr, ihr Haar zu bürsten, „daß sie eine Närrin sei, sich solche Angst zu bereiten, und daß Du nie irgend etwas mit solchen Menschen zu thun habest. Ich wußte ja, daß Du nie die Absicht hattest, irgend einen unserer Leute zu verkaufen, – am wenigsten an solchen Menschen.“
„Richtig, Emilie,“ sagte der Mann, „so habe ich immer gedacht und gesagt; allein die Sache ist, meine Verhältnisse sind jetzt von der Art, daß ich jetzt nicht mehr umhin kann. Ich werde einige meiner Leute verkaufen müssen.“
„An dieses Geschöpf? Unmöglich! Shelby, das kann nicht Dein Ernst sein.“
„Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß es wirklich mein Ernst ist,“ sagte Mr. Shelby. „Ich habe mich dazu verstanden, Tom zu verkaufen.“
„Was? unsern Tom? – dieses gute, treue Geschöpf! – ist Dein treuer Diener von seiner Kindheit an gewesen! – O Shelby! – und Du hast ihm außerdem die Freiheit versprochen, – Du und ich, wir haben hundertmal mit ihm davon gesprochen. – Wohl, nun kann ich Alles glauben, – nun kann ich auch glauben, daß Du den kleinen Harry, das einzige Kind der armen Elisa, verkaufen könntest!“ sagte Mrs. Shelby in einem Tone, der eine Mischung von Kummer und Unwillen verrieth.
„Wohl, da Du doch einmal Alles wissen mußt, – es ist so. Ich habe versprochen, Tom und Harry zu verkaufen; und ich sehe nicht ein, weßhalb ich um einer Handlung willen für ein Ungeheuer gehalten werden soll, die von Andern jeden Tag verübt wird.“
„Aber warum unter Allen grade diese wählen?“ sagte Mrs. Shelby, „wenn Du überhaupt verkaufen mußt.“
„Weil diese die höchste Summe von Allen einbringen, – das ist der Grund. Ich hätte allerdings noch eine andere Wahl treffen können, wenn Du so willst. Der Kerl machte mir ein hohes Gebot für Elisa. Hätte Dir das besser zugesagt?“
„Der Elende!“ sagte Mrs. Shelby mit Heftigkeit.
„Ich habe ihn natürlich keinen Augenblick angehört; – aus Rücksicht für Dich wollte ich nicht. Laß mir also wenigstens so viel Gerechtigkeit widerfahren.“
„Mein Lieber,“ sagte Mrs. Shelby sich sammelnd, „verzeihe mir. Ich war überrascht, und gänzlich unvorbereitet für diese Nachrichten; aber gewiß wirst Du mir erlauben, ein Fürwort für diese armen Geschöpfe einzulegen. Tom ist ein edelherziger, treuer Mensch, wenn er auch schwarz ist. Ich glaube, Shelby, daß, wenn es nöthig wäre, er sogar willig sein Leben für Dich hingeben würde.“
„Ich weiß es, – ich glaube es, – aber was hilft das alles? Ich kann mir nicht anders helfen!“
„Warum nicht ein Opfer in Geld bringen? Ich will gern meinen Theil daran tragen. O, Shelby, ich habe mich bemüht, – gewissenhaft bemüht, wie eine Christin soll, – meine Pflichten gegen diese armen, einfachen, abhängigen Geschöpfe zu erfüllen. Ich habe für sie gesorgt, sie unterrichtet, über sie gewacht, und alle ihre kleinen Sorgen und Freuden seit Jahren gekannt; und wie kann ich jemals wieder meinen Kopf unter ihnen aufrichten, wenn wir, um eines kleinen, erbärmlichen Gewinnes willen, ein so treues, vortreffliches, vertrauungsvolles Wesen, wie den armen Tom, verkaufen, und in einem Augenblick ihn von Allem losreißen, was wir ihn schätzen und lieben gelehrt haben? Ich habe ihnen die Pflichten der Familie gelehrt, der Eltern und der Kinder, des Gatten und des Weibes; und wie kann ich den Gedanken tragen, öffentlich anerkennen zu müssen, daß wir, sobald es sich um den Werth des Geldes handelt, keine Pflicht und kein Band ehren, wie heilig es auch immer sein möge. Ich habe mit Elisa über ihren Knaben gesprochen, – über ihre Pflicht gegen ihn als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu beten, und ihn nach christlichen Grundsätzen zu erziehen; und was soll ich nun sagen, wenn Du ihn von ihr reißest, und ihn verkaufst, Seele und Leib, an einen gemeinen Menschen ohne alle Grundsätze, – nur um etwas Geld zu gewinnen? Ich habe ihr gesagt, daß eine menschliche Seele mehr werth sei, als alles Geld in der Welt: und wie kann sie nun meinen Worten Glauben schenken, wenn sie uns, im Widerspruche hiermit, ihr Kind verkaufen sieht, – vielleicht zu seinem sichern Ruine an Leib und Seele!“
„Es thut mir leid, daß Du Dir das so sehr zu Herzen nimmst, Emilie, – wahrlich,“ sagte Mr. Shelby, „und ich ehre Deine Empfindungen, wenn ich sie auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung theile, aber ich versichere Dir heilig, daß es nichts nützt, – ich kann mir nicht anders helfen. Es war nicht meine Absicht, Dir dies zu sagen; aber, um die reine Wahrheit zu gestehen, es bleibt mir keine andere Wahl, als entweder diese Beiden oder – Alles zu verkaufen. Haley ist in den Besitz einer Hypothek gekommen, welche, wenn ich sie nicht unverzüglich abzahle, Alles verschlingt. Ich habe zusammengescharrt und gekratzt, was möglich war, ich habe geborgt und Alles gethan, nur nicht gebettelt, und der Preis für diese Beiden war grade noch nöthig, um das Fehlende zu decken, und so mußte ich sie dran geben. Haley hatte an dem Kinde Gefallen gefunden, und wollte auch kein anderes Arrangement eingehen. Ich war in seiner Gewalt und mußte es thun. Wenn es Dir so nahe geht, diese verkauft zu sehen, würde es besser sein, wenn Alle verkauft würden?“
Mrs. Shelby stand wie vom Schlage gerührt. Endlich, sich wieder zu ihrer Toilette wendend, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und seufzte tief.
„Das ist der Fluch der Sklaverei! – Ein Fluch für den Herrn wie für den Sklaven! Ich war eine Thörin zu glauben, daß ich aus einem so tödtlichen Uebel noch etwas Gutes bilden könne. Es ist eine Sünde, unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, Sklaven zu halten; ich fühlte das immer, – ich dachte das immer, als ich noch ein Mädchen war, – ich fühlte es noch mehr, als ich in den Kirchenverband getreten war; aber ich dachte, ich könne es mit Gold überziehen, ich könne durch Güte, Sorgfalt und Belehrung das Verhältniß der Meinigen besser machen, als es in der Freiheit sein würde, – Thörin, die ich war!“
„Aber Weib, Du wirst ja ein vollständiger Abolitionist.“
„Abolitionist! Wenn Jene von der Sklaverei so viel wüßten wie ich, so möchten sie reden. Wir bedürfen ihrer nicht. Du weißt, daß ich Sklaverei nie gebilligt habe, – daß ich nie gewünscht habe, Sklaven zu besitzen.“
„Ja, in diesem Punkte bist Du verschiedener Meinung von vielen weisen und gelehrten Männern,“ sagte Mr. Shelby. „Erinnerst Du Dich an Mr. B...'s Predigt, vor einigen Wochen?“
„Ich will solche Predigten nicht hören; ich mag Mr. B. nie wieder in unserer Kirche hören. Geistliche können dem Uebel vielleicht nicht abhelfen, – können es nicht heilen, so wenig wie wir, – aber es vertheidigen! – das ging immer gegen meinen Verstand. Und ich glaube, Du selbst hast auch von der Predigt nicht viel gehalten!“
„Ich muß gestehen,“ sagte Mr. Shelby, „diese Geistlichen treiben die Sache zuweilen noch weiter, als wir armen Sünder es thun würden. Wir Weltmenschen müssen gewaltig oft ein Auge zudrücken, und uns an Manches gewöhnen, was nicht ganz in Ordnung ist; aber wir mögen's nicht leiden, wenn Weiber und Geistliche groß und breit auftreten und in solchen Dingen noch weiter gehen als wir. Aber nun, meine Liebe, hoffe ich, hast Du die Nothwendigkeit eingesehen, und Dich überzeugt, daß ich das Beste gethan habe, was die Umstände zuließen.“
„O ja, ja,“ sagte Mrs. Shelby hastig und zerstreut, ihre goldene Uhr in der Hand wiegend, und fügte sodann nach einer Pause gedankenvoll hinzu: – „ich besitze keine Juwelen von einigem Werthe, aber – würde diese Uhr nicht vielleicht etwas nützen? – sie war sehr theuer, als sie gekauft wurde. Wenn ich nur wenigstens Elisa's Kind retten könnte, so würde ich gern Alles opfern, was ich habe.“
„Es thut mir leid, sehr leid, Emilie,“ sagte Mr. Shelby, „daß Dir dies so sehr zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist, Emilie, Alles ist bereits abgemacht; die Verkaufsscheine sind bereits unterschrieben und in Haley's Händen, und Du mußt Gott danken, daß es nicht noch schlimmer ist. Der Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle zu Grunde zu richten, – und nun sind wir ihn glücklich los. Wenn Du den Mann kenntest, wie ich ihn kenne, so würdest Du einsehen, daß wir einer großen Gefahr entgangen sind.“
„Ist er denn so hartherzig?“
„Nicht hart und grausam grade, aber ein Mensch wie Leder, – ein Mensch, der für nichts Anderes lebt, als für Handel und Gewinn, – kalt und ohne Bedenken, und unerbittlich wie Tod und Grab. Er würde für einen guten Gewinn seine eigne Mutter verkaufen, – ohne dabei der alten Frau irgendwie Uebles zu wünschen.“
„Und diesem Elenden gehören der gute, treue Tom, und Elisa's Kind!“
„In der That, meine Liebe, dies liegt mir schwer auf dem Herzen, – ich kann nicht daran denken. Haley will die Sache schnell betrieben haben, und schon morgen Besitz ergreifen. Ich werde mein Pferd aus dem Stalle nehmen, bei guter Zeit, und mich auf und davon machen. Ich kann Tom nicht sehen, das ist gewiß; und Du thätest auch am besten, wenn Du eine Fahrt irgendwohin unternähmest, und Elisa mit Dir führtest. Laß die Sache abgemacht werden, während sie aus dem Wege ist.“
„Nein,“ sagte Mrs. Shelby, „ich will auf keine Weise Mitschuldige oder Mithelferin in diesem grausamen Geschäfte sein. Ich will den armen, alten Tom sehen, und möge Gott ihm Kraft geben in seinem Unglück! Sie sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen kann. Was Elisa betrifft, so wage ich nicht an sie zu denken! – Gott sei uns gnädig! Was haben wir denn gethan, daß diese grausame Nothwendigkeit über uns kommen muß?“ –
Es gab einen Zuhörer dieser Unterhaltung, an den Mr. und Mrs. Shelby wenig dachten.
In Verbindung mit dem Zimmer, in welchem sich Beide befanden, stand ein geräumiges Kabinet, welches nach dem äußeren Gange führte. Als Elisa von Mrs. Shelby für den Abend entlassen worden war, hatte ihr fieberhaft aufgeregter Geist sie an dieses Kabinet erinnert, und sie hatte sich dort versteckt, und mit fest gegen die Spalte der Thüre gedrücktem Ohre kein Wort der ganzen Unterhaltung verloren.
Als die Stimmen allmählig erstarben, schlich sie leise davon. Blaß, fröstelnd, mit starren Zügen und zusammengepreßten Lippen, schien aus dem zarten, furchtsamen Geschöpfe, was sie bisher gewesen war, ein ganz anderes Wesen geworden zu sein. Sie schlich vorsichtig den Flur entlang, hielt einen Augenblick an der Zimmerthür ihrer Herrin an, hob ihre Hände auf wie in stummem Rufe zum Himmel, und schlich dann in ihr eignes Zimmer. Es war ein stilles, reinliches Gemach, auf demselben Flure mit dem Zimmer ihrer Herrin belegen. Hier war das freundliche, sonnige Fenster, wo sie so oft singend, mit ihrer Näherei beschäftigt, gesessen hatte; dort stand eine kleine Büchersammlung, vor der verschiedene kleine Schmuckartikel, Geschenke des Weihnachtsfestes, in sorgfältiger Ordnung lagen; hier befand sich ihre einfache Garderobe, im Wandschranke und in der Kommode; hier, mit einem Worte, war ihre Heimath, die im Ganzen genommen bisher eine glückliche gewesen war. Aber dort, auf dem Bette, lag ihr schlummerndes Kind, dessen lange Locken nachlässig um seine bewußtlosen Züge fielen, während sein rosiger Mund halb geöffnet war, seine kleinen, fetten Hände ausgestreckt auf der Bettdecke lagen, und ein Lächeln, gleich einem Sonnenstrahle, sich über das ganze Gesicht breitete.
„Armes Kind! armes Wesen!“ sagte Elisa, „sie haben Dich verkauft! aber Deine Mutter will Dich dennoch retten!“
Keine Thräne fiel auf das Kissen; in solchen Momenten hat das Herz keine Thränen; – es tröpfelt nur Blut, bis es sich still und schweigend ausgeblutet hat. Sie ergriff ein Blatt Papier und Bleifeder, und schrieb eilig folgende Worte:
„O Mistreß! theure Mistreß! halten Sie mich nicht für undankbar, – denken Sie nicht zu hart von mir, – ich habe Alles gehört, was Sie heut Abend mit dem Herrn gesprochen haben. Ich will es versuchen, mein Kind zu retten, – Sie werden mich nicht verdammen! Gott segne Sie, und lohne Ihnen alle Ihre Güte!“
Nachdem sie dieses Blatt hastig zusammengelegt und addressirt hatte, öffnete sie eine Kommode, und legte ein kleines Packet Kleidungsstücke für das Kind zurecht, welches sie mittelst eines Taschentuches fest um ihren Leib band; und so zärtlich ist die Sorge einer Mutter, daß sie selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, ein oder zwei Lieblingsstücke seines Spielzeugs mit in das Packet zu legen, während sie einen bunt gemalten Papagei zurückbehielt, um ihn damit zu unterhalten, wenn sie ihn aufwecken mußte. Es kostete einige Mühe, den kleinen Schläfer zu ermuntern; allein nach einigen Versuchen saß er im Bette auf, und spielte mit seinem Vogel, während seine Mutter sich den Hut aufsetzte und das Tuch umhing.
„Wo willst Du hingehen, Mutter?“ fragte er, als sie sich mit seinem Röckchen und seiner Mütze dem Bette näherte.
Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen, daß er sogleich merkte, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse.
„Still, Harry,“ sagte sie, „Du mußt nicht laut sprechen, oder sie hören uns. Ein böser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht lassen, – Mutter will ihrem kleinen Harry das Röckchen anziehen und die Mütze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so daß der böse Mann ihn nicht fangen kann.“
Während dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt, und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflüsterte, recht still zu sein, öffnete sie eine Thüre ihres Zimmers, welches in die äußere Veranda führte, und schlich leise hinaus.
Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so dicht wie möglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still geworden war, und sich ängstlich um ihren Hals klammerte.
Der alte Bruno, ein großer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte. Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter Spielgefährte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann, obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit großem Bedenken zu erwägen schien, was diese nächtliche Promenade zu bedeuten haben möge; denn mehrmals stand er still, und blickte außerordentlich ernsthaft erst nach Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das Fenster von Onkel Toms Hütte, wo Elisa still stand und leise an die Scheibe klopfte.
Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu einer späten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte, so war die Folge davon, daß, obgleich es jetzt zwischen zwölf und ein Uhr war, er und seine würdige Ehehälfte noch nicht schliefen.
„Guter Gott! was ist das?“ sagte Tante Chloë, aufspringend und hastig den Fenstervorhang wegziehend. „Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich an, Alter, schnell! – da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller Welt! Ich will die Thür aufmachen.“
Wie gesagt, so geschehen. Die Thüre flog auf, und der Schein des Talglichtes, welches Tom in der Eile angezündet hatte, fiel auf das bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flüchtlings.
„Gott helf! – Ich fürchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank, oder was ist vorgegangen mit Dir?“
„Ich will entfliehen, Onkel Tom und Tante Chloë, – und mein Kind mit mir nehmen, – Master hat es verkauft!“
„Verkauft?“ riefen Beide einstimmig, ihre Hände vor Schrecken aufhebend.
„Ja verkauft,“ sagte Eliza mit fester Stimme. „Ich kroch diesen Abend in das Kabinet an Mistreß's Thür, und hörte, wie der Herr ihr erzählte, daß er meinen Harry und Euch, Onkel Tom, an einen Händler verkauft habe; und daß er diesen Morgen fort reiten wolle, und daß der Händler heut' Besitz ergreifen wolle.“
Tom hatte während dieser Rede mit aufgehobenen Händen und aufgerissenen Augen wie ein Träumender da gestanden. Langsam und allmählig, wie er die Bedeutung begriff, sank er in seinem alten Stuhl zusammen, und ließ sein Haupt auf das Knie herabfallen.
„Der gute Gott sei uns barmherzig!“ sagte Tante Chloë. „O, es scheint mir, es kann nicht wahr sein! Was hat er denn gethan, daß der Herr ihn verkaufen sollte?“
„Nichts hat er gethan, – es ist nicht deßwegen. Master verkauft ihn nicht gern; und Mistreß, – ach, sie ist immer gut. Ich hörte, wie sie für uns stritt und bat; aber er sagte ihr, daß Alles vergeblich sei, daß er in der Schuld dieses Mannes sei, und daß dieser Mann ihn in seiner Gewalt habe; und daß, wenn er ihn nicht rein ausbezahle, es damit enden müsse, daß das ganze Gut mit allen Leuten verkauft würde, und er fortziehen müsse. Ja, ich hörte ihn deutlich sagen, daß er keine andere Wahl habe, als entweder diese beiden oder Alles zu verkaufen, weil der Mann ihn so hart dränge. Master sagte, es thäte ihm leid; aber o! Missis, – Ihr hättet sie sprechen hören sollen! Wenn sie keine Christin und kein Engel ist, so hat es nie einen gegeben. Ich bin ein schlechtes Weib, daß ich sie so verlasse, aber ich kann nicht anders. Sie sagte selbst, eine Seele sei mehr werth als die Welt, – und dieser Knabe hat eine Seele; und wenn ich ihn fortschleppen lasse, wer kann dann wissen, was daraus wird? Es muß recht sein; – aber wenn es unrecht ist, so mag Gott mir verzeihen, denn ich kann nicht anders!“
„Nun, Alter,“ sagte Tante Chloë, „warum gehst Du nicht auch? Willst Du warten, bis Du den Fluß 'nuntergeschleppt wirst, wo sie Niggers tödten mit schwerer Arbeit und Hungerleiden? Ich wollte viel, viel lieber sterben, als dahin gehen, jemals! S' ist noch Zeit, – mach' fort mit Lizy, – Du hast 'nen Paß zu kommen und zu gehen, alle Zeit. Komm', mach' auf, – ich will Deine Sachen zusammen suchen.“
Tom hob langsam seinen Kopf auf, und blickte kummervoll und gefaßt um sich und sagte:
„Nein, nein, – ich will nicht gehen. Laß' Elisa gehen, – sie hat recht! Ich wollte nicht der Eine sein, zu sagen, nein - 's ist nicht in Natur für sie, zu bleiben; aber Du hast gehört, was sie sagte! Wenn ich verkauft werden muß, oder alles Volk auf dem Gute, und Alles geht zu Grunde, nun – so laßt mich verkauft werden. Denke, kann's tragen so gut wie Einer,“ fügte er hinzu, während ein Seufzer und eine Art Schluchzen seine breite, rauhe Brust convulsivisch erschütterte. – „Master hat mich immer am Platze gefunden, – er soll es immer. Ich habe nie mein Wort gebrochen, – und nie meinen Paß nirgend gegen mein Versprechen gebraucht, und will es nimmer. S' ist besser, daß ich allein gehe, als daß Alles genommen und verkauft wird. Master ist nicht zu tadeln, Chloë, und er wird sorgen für Dich und die armen –“
Hier wandte er sich zu dem breiten Rollbett um, welches voll von kleinen, wolligen Köpfen lag, und brach gänzlich zusammen. Er lehnte über dem Rücken eines Stuhles, und bedeckte sein Gesicht mit seinen großen Händen. Schweres und tiefes Stöhnen machte den Stuhl unter ihm wanken, und große und schwere Thränen fielen durch seine Finger auf den Fußboden; grade solche Thränen, Mann, wie Du über dem Sarge Deines Erstgeborenen weintest; solche Thränen, Weib, wie Deinem Auge entströmten, als Du das Schreien Deines sterbenden Säuglings hörtest. Denn, Herr, er war ein Mann, und Du bist auch nur einer; – und, Weib, wenn gleich mit Seide und Juwelen bedeckt, bist Du doch nur ein Weib, und in des Lebens schweren Stunden fühlt Ihr beide denselben Schmerz!
„Und nun noch,“ – sagte Elisa, während sie in der Thür stand, „ich sah und sprach noch diesen Nachmittag meinen Mann, als ich keine Ahnung von dem hatte, was kommen würde. Sie haben ihn ganz niedergetreten, und er sagte mir heut', daß er entfliehen wolle. Bitte, seht zu, ihm Nachricht zu geben. Sagt ihm, wie ich gegangen bin, und warum; und sagt ihm, daß ich versuchen wolle, Canada zu erreichen. Ihr müßt ihm meinen Gruß bringen, und ihm sagen, im Fall ich ihn nie wieder sehen sollte,“ – hier wandte sie sich um, und stand einen Augenblick lang Jenen mit dem Rücken zugewandt; dann fügte sie mit heiserer Stimme hinzu: „ihm sagen, daß er immer gut sein möge, – um mich im Himmel wieder zu sehen.“
„Ruft Bruno herein,“ fügte sie hinzu. „Macht die Thür vor ihm zu, gutes Thier! Er darf nicht mit mir gehen!“
Einige Worte und Thränen noch, ein einfaches Lebewohl, und ihr verwundertes, erschrecktes Kind in ihre Arme drückend, schlich sie leise davon.
Sechstes Kapitel.
Die Entdeckung.
Mr. und Mrs. Shelby fanden in Folge der langen Besprechung am Abend nicht sehr bald ihren Schlaf, und schliefen deßhalb am nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich.
„Ich wundre mich, wo Elisa bleibt,“ sagte Mrs. Shelby, nachdem sie die Glocke mehrmals vergeblich gezogen hatte.
Mr. Shelby stand vor seinem Toilettenspiegel, und wetzte sein Rasirmesser, und grade in diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein farbiger Knabe brachte das Rasirwasser herein.
„Andy,“ sagte seine Mistreß, „geh' an Elisa's Thür, und sage ihr, daß ich schon dreimal geschellt habe. Armes Wesen!“ fügte sie seufzend hinzu.
Andy kehrte bald zurück, aber mit Augen, die vor Erstaunen weit aufgerissen waren.
„O Missis! Lizy's Kommode ist alles offen, und ihre Sachen alles umher, – und ich glaube, sie ist davon!“
Mr. Shelby und seine Frau erkannten in demselben Moment, was geschehen war. Er rief: „Dann hat sie Verdacht geschöpft, und ist fort!“
„Gott sei gedankt!“ sagte Mrs. Shelby. „Ich hoffe es!“
„Weib, Du sprichst wie eine Thörin! Wahrhaftig, das wird eine schöne Verlegenheit für mich geben, wenn sie wirklich fort ist. Haley sah, daß ich zauderte, dieses Kind zu verkaufen, und nun wird er denken, ich habe mit dazu geholfen, es fortzuschaffen. Das berührt meine Ehre!“ Und Mr. Shelby verließ eiligst das Zimmer.
Nun begann etwa eine Viertelstunde lang ein Laufen und Schreien, und Thürenauf- und Zumachen, und Gesichter in allen Farben und Schattirungen wurden an verschiedenen Orten sichtbar. Nur eine Person, die vielleicht etwas Licht über die Sache hätte verbreiten können, sagte kein Wort, und das war die oberste Köchin, Tante Chloë. Schweigend und mit einer finstern Wolke auf ihrem sonst so frohen Gesichte, war sie beschäftigt, die Zwiebacke für das Frühstück zu rösten, als wenn sie von der allgemeinen Bewegung um sie her nichts hörte und sähe.
Sehr bald hing etwa ein Dutzend junger farbiger Sprößlinge, gleich ebenso vielen Krähen, auf dem eisernen Gitter der Veranda, jeder fest entschlossen, der Erste zu sein, der dem fremden Herrn die Nachricht bringe.
„Er wird ganz toll werden, mein Seel'!“ sagte Andy.
„Wird er nicht fluchen?“ sagte der kleine schwarze Jack.
„Ja, denn er flucht immer,“ sagte die wollköpfige Mandy. „Ich hören ihn gestern, bei Tische, ich hören denn Alles, weil ich in Missis Kammer gewesen, wo die großen Töpfe sein, – da ich Alles hören.“ Und Mandy, die nie zuvor in ihrem Leben an die Bedeutung eines Wortes, welches sie gehört, mehr gedacht hatte als eine schwarze Katze, gab sich nun das Ansehen eines besonderen Wissens, und vergaß dabei gänzlich zu erwähnen, daß, obgleich sie sich zur angegebenen Zeit zusammengekauert in der Geschirrkammer befunden, sie dort die ganze Zeit fest geschlafen hatte.
Als endlich Haley erschien, gestiefelt und gespornt, wurde er von allen Seiten mit der bösen Nachricht begrüßt. Die jungen Kobolde an der Veranda wurden in ihrer Erwartung, ihn „fluchen“ zu hören, nicht getäuscht, denn er that dies mit einer Geläufigkeit, die Alle höchlich ergötzte, während sie sich duckten und schmiegten, um außerhalb des Bereiches seiner Reitpeitsche zu sein, und dann, ihn in vollem Chore verhöhnend, unter endlosem Gelächter in einen Haufen auf dem dürren Rasen unter der Veranda zusammenfielen, und nach Herzenslust schrieen und lärmten.
„Wenn ich die kleinen Teufel nur hätte!“ murmelte Haley zwischen den Zähnen.
„Aber Ihr habt sie nicht!“ rief Andy mit triumphirendem Lachen hinter dem Rücken des unglücklichen Händlers her, als dieser entfernt genug war, um nicht mehr gehört zu werden, und schnitt ihm die abscheulichsten Gesichter nach.
„Nun wahrhaftig, Shelby, dies ist ein ganz sonderbarer Handel!“ sagte Haley, während er ohne Umstände in dessen Wohnzimmer trat. „Es scheint, die Dirne ist fort mit ihrem Jungen!“
„Mr. Haley, Mistreß Shelby ist gegenwärtig,“ sagte Shelby.
„Ah, ich bitte um Verzeihung, Madame,“ sagte Haley, sich ein wenig verneigend, doch immer noch mit finsterer Stirn; „aber ich muß es noch 'mal sagen, dies ist 'ne sehr sonderbare Nachricht. Ist es wahr, Herr?“
„Mr. Haley,“ sagte Shelby, „wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so müssen Sie in Ihrem Betragen das Decorum eines Gentleman beobachten. Andy, nimm dem Herrn den Hut und die Reitpeitsche ab. Setzen Sie sich. Ja, mein Herr, ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, daß das junge Frauenzimmer, nachdem es entweder unsere Unterhaltung behorcht oder deren Inhalt auf andere Weise erfahren hat, während der Nacht mit ihrem Kinde entflohen ist.“
„Ich muß gestehen,“ sagte Haley, „ich erwartete hier ehrlichen Handel.“
„Halt, Herr!“ sagte Mr. Shelby, sich scharf gegen ihn umwendend, „wie soll ich diese Bemerkung verstehen? Sobald Jemand meine Ehre in Zweifel zieht, so habe ich nur eine Antwort.“
Diese Worte machten Eindruck auf den Händler und er bemerkte nun mit gemäßigterer Stimme, daß es verdammt hart für einen Menschen sei, der sich ehrlich auf einen Handel eingelassen habe, auf diese Weise hintergangen zu werden.
„Mr. Haley,“ sagte Shelby, „wenn ich nicht annähme, daß Sie einigen Grund zur Unzufriedenheit hätten, so würde ich selbst nicht die rohe und unhöfliche Weise, mit der Sie diesen Morgen in dieses Zimmer traten, geduldet haben. Ich muß Ihnen jedoch so viel sagen, da es nothwendig zu sein scheint, daß ich keine Bemerkungen erlauben werde, die mich einer Unredlichkeit in diesem Geschäfte beschuldigen. Ueberdies werde ich es für meine Pflicht halten, Ihnen jeden möglichen Beistand durch Benützung meiner Pferde, Diener u. s. w. zu leisten. Also mit einem Worte, Haley,“ fügte er, plötzlich aus dem Tone einer gemessenen Kälte in seinen gewöhnlichen freimüthigen verfallend, hinzu, „das Beste, was Sie thun können, ist, guter Laune zu bleiben, und mit mir zu frühstücken, und dann wollen wir sehen, was zu thun ist.“
Nach diesen Worten erhob sich Mrs. Shelby, indem sie erklärte, daß ihre Geschäfte sie verhinderten, diesen Morgen beim Frühstücke gegenwärtig zu sein; und nachdem sie sodann eine Mulattin von ganz wohlgefälligem Aeußern beauftragt hatte, beim Frühstücke den Herren aufzuwarten, verließ sie das Zimmer.
„Alte Dame – mag ihren ergebenen Diener nicht leiden, durchaus nicht,“ sagte Haley, mit einiger Anstrengung, einen möglichst vertraulichen Ton anzunehmen.
„Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in dieser Weise reden zu hören,“ bemerkte Mr. Shelby trocken.
„Bitte um Verzeihung; natürlich nur Scherz, – versteht sich,“ sagte Haley, ein Lachen erzwingend.
„Es giebt gewisse Scherze, die nicht angenehm sind,“ entgegnete Shelby.
„Verdammt dreist, seit ich die Papiere unterzeichnet habe, – der Teufel soll ihn holen!“ brummte Haley für sich. „Ganz vornehm seit gestern.“
Nie verursachte der Fall irgend eines Premierministers bei Hofe mehr Sensation als Tom's Schicksal unter seinen Gefährten auf dem Gute. Es war der Gegenstand des Gespräches in jedem Munde und überall; und auf dem Felde wie im Hause geschah fast nichts Anderes als daß die möglichen Folgen dieses Ereignisses besprochen wurden. Endlich trug Elisa's Flucht – ein ganz unerhörter Fall auf dem Gute – noch dazu bei, die allgemeine Aufregung zu erhöhen.
Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich genannt wurde, weil seine Haut ungefähr um drei Schatten schwärzer war als die seiner andern ebenholzfarbigen Brüder auf dem Gute, betrachtete die Sache von allen Seiten und Gesichtspunkten mit einer Schärfe des Urtheils und einer Fürsorge für seine eigne Wohlfahrt, die dem besten Patrioten in Washington Ehre gemacht haben würde.
„Ein böser Wind, das weht hier jetzt, – das 's gewiß!“ sagte Sam mit geheimnißvoller Miene, während er beschäftigt war, seine Beinkleider höher hinaufzuziehen und an Stelle eines abgerissenen Knopfes einen langen Nagel zu befestigen. „Ja, 's ist ein böser Wind, das weht,“ wiederholte er. – „Da, Tom ist nieder, – natürlich, Platz für einen andern Nigger 'naufzukommen, – und warum ich nicht dieser Nigger? Tom – reitet in's Land, – Stiefeln geputzt – Paß in Tasche – ganz groß wie Kuffe – wer anders als er? Nu, warum nicht Sam? – Das ist, was ich wissen möchte.“
„Halloh, Sam, – Sam! Master will, Du sollst Bill und Jerry fangen,“ sagte Andy, Sams Selbstgespräch unterbrechend.
„Hoho, was 's nun los, Junge?“ fragte Sam.
„Haha, weißt nicht – gar – daß Lizy ist ausgerissen, mit ihrem Jungen?“
„Du geh' zu Deiner Großmutter!“ sagte Sam mit unaussprechlicher Verachtung, „wußt's 'nen Haufen früher als Du, dummer Nigger!“
„Gut, Master will, Bill und Jerry soll 'sattelt und 'zäumt werden; und Du und ich soll mit Master Haley gehen, und suchen nach ihr.“
„Gut, das 's die rechte Zeit!“ sagte Sam. „S' ist Sam, der jetz' nöthig ist, – in solcher Zeit; ja, er's der Nigger. Sehn, ob ich sie nicht fange, nun; Master soll sehen, was Sam kann!“
„Eh, aber Sam,“ sagte Andy, „Du besser denkst noch 'mal nach; denn Missis will nicht, sie soll gefangen werden, – Missis wird Dir in die Wolle fahren.“
„Hoho!“ sagte Sam, seine Augen weit aufreißend. „Wie wissen Du das?“
„Hört' sie sagen so – mir selbst – diesen Morgen, wenn ich Master Wasser brachte. Sie schickte mich nach Lizy, zu sehen, warum sie nicht kommen that, sie anziehen; und wenn ich ihr sagte, daß sie davon war, stund sie grad' auf und sagt: ‚Der Herr sei gelobt!‘ und Master, er schien ganz toll, er sagte: ‚Weib, sprichst wie ein Narr!‘ Aber eh, sie wird ihn bringen 'rum! weiß schon, ganz genau, wie das wird sein, – sage Dir, 's ist immer 's Beste, bei Missis stehen, – sage Dir!“
Der schwarze Sam kratzte sich nach dieser Mittheilung seinen wolligen Schädel, welcher, wenn er auch nicht sehr tiefe Weisheit enthielt, doch einen großen Theil jener besondern Art Klugheit besaß, die in der Volkssprache am besten dadurch auszudrücken ist: „daß er wußte, auf welcher Seite das Brod mit Butter geschmiert ist.“
„Kann's kein Mensch nie sagen, – was will geschehen in dieser Welt,“ sagte er endlich.
Sam sprach wie ein Philosoph, einen besondern Nachdruck auf „dieser“ legend, als wenn er eine ausgedehnte Kenntniß andrer Welten habe, und deshalb nach reiflicher Ueberlegung zu diesem Schlusse gelangt sei.
„Nun doch, ganz gewiß, hätte ich gesagt, Missis würde die ganze Welt nach Lizy durchfegen,“ fügte Sam sinnend hinzu.
„Und das würde sie,“ sagte Andy, „aber – kannst denn nicht durch 'ne Leiter sehen, schwarzer Nigger? Missis will nicht, daß dieser Master Haley Lizy's Jungen haben soll, – das ist's!“
„Hoh!“ rief Sam mit einer unbeschreibbaren Betonung, die nur Denen bekannt sein kann, welche sie unter den Negern gehört haben.
„Und ich will Dir noch mehr sagen, – und Alles,“ sagte Andy, „ich meine, am besten Du machtest jetzt hinter die Pferde her, – ganz schnell dazu, – denn ich höre Missis fragen nach Dir, – hast lange genug hier 'rum genarrt.“
Sam begann nunmehr in allem Ernste sich an das Geschäft zu machen, und erschien nach einiger Zeit mit Bill und Jerry in kurzem Gallop graden Weg's nach dem Hause zureitend, und indem er geschickt absprang, ehe noch die Pferde daran dachten, still zu stehen, brachte er sie, gleich einer Windsbraut, grade an die Seite des Pferdepfostens heran. Haley's Pferd, welches ein munteres junges Hengstfüllen war, schlug aus, und bäumte sich, und riß gewaltsam am Halfter.
„Hoho!“ sagte Sam, „scheu? bist du?“ und sein schwarzes Gesicht leuchtete von einem sonderbaren, boshaften Scheine. „Ich will dich festmachen,“ sagte er.
Auf dem Platze stand eine große Buche mit breiten schattigen Zweigen, deren kleine, scharfe, dreieckige Nüsse den Boden unterhalb bedeckten. Eine derselben zwischen seinen Fingern haltend, nahte sich Sam dem Füllen, streichelte und klopfte es, und bemühte sich scheinbar, die Unruhe desselben zu stillen. Unter dem Scheine, den Sattel befestigen zu wollen, schob er geschickt die kleine, scharfe Nuß darunter, so daß die geringste Last auf dem Sattel das reizbare Gefühl des Thieres schmerzhaft erregen mußte, ohne eine sichtbare Schramme oder Wunde zu verursachen.
„Da!“ sagte er, seine Augen mit einem beifälligen Grinsen rollend, „ich es festgemacht.“
In diesem Augenblicke erschien Mrs. Shelby auf dem Balkone, und winkte ihm. Sam näherte sich mit einem eben so festen Entschlusse, sich angenehm zu machen, als es je ein Bewerber um eine leere Stelle am Hofe von St. James oder in Washington that.
„Weshalb hast Du Dich so lange herum getrieben, Sam? Ich ließ Dir durch Andy sagen, eilig zu sein.“
„Gott helf mir, Missis,“ sagte Sam, „Pferde kann nicht alle im Nu gefangen werden; – waren ein gut Stück Weg die Weide hinunter gerannt, und Gott weiß, wo alles.“
„Sam, wie oft muß ich Dir sagen, nicht die Worte zu gebrauchen: ‚Gott helf, und Gott weiß,‘ und solche Dinge? Es ist sündlich.“
„O Gott sei mir gnädig! Ich 's ganz vergessen, Missis! Ich will nichts solches mehr sagen.“
„Ja aber, Sam, grade in diesem Augenblicke hast Du es wieder gesagt.“
„Habe ich? Gott! ich meine – ich wollts nicht sagen, Missis.“
„Du mußt auf Dich Acht geben, Sam.“
„Laßt mich nur zu Athem kommen, Missis, und ich will ganz ordentlich reden; – ich sehr Acht geben.“
„Gut, Sam, Du mußt mit Mr. Haley reiten, und ihm den Weg zeigen, und ihm helfen. Nimm die Pferde wohl in Acht, Sam, Du weißt, Jerry war vorige Woche etwas lahm; reite sie nicht zu schnell.“
Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedämpfter Stimme und besonderem Nachdrucke.
„Laßt mich nur machen!“ sagte Sam, seine Augen bedeutungsvoll rollend. „Gott weiß! – Hei! – hab's nicht gesagt, das!“ fügte er mit einer possierlichen Affectation von Schrecken hinzu, die selbst Mrs. Shelby wider Willen zum Lachen nöthigte. „Ja, Missis, ich die Pferde schon in Acht nehmen.“
„Nu, Andy,“ sagte Sam, als er zu seinem Stande unter der Buche zurückkehrte, „siehst Du, ich würd' gar nicht wundern, wenn den Herrn sein Thier 'nen Satz machen sollte, nachher, wenn er aufsteigen will. Weißt ja, Andy, Thiere machens so,“ und gab Andy bei diesen Worten in höchst bedeutungsvoller Weise einen Stoß in die Seite.
„Hei!“ sagte Andy, mit dem Ausdrucke augenblicklichen Verständnisses.
„Ja, siehst Du, Andy, Missis will Zeit gewinnen, – das ist klar, – das ein blinder Mann sieht. Ich will dazu was thun. Siehst nun, Du machst alle die Pferde da los, laß sie alle permiskus hier um diese da 'rum springen, und 'nunter da an den Wald, und ich denke, Master soll so schnell nicht fortkommen.“
Andy grinste.
„Siehst Du,“ sagte Sam, „siehst Du, Andy, wenn so was sollt' passiren, wie Masters Pferd widerspenstig sein, – und ausschlagen, – denn Du und ich just lassen gehn uns're, ihm zu helfen, eh' wir wollen ihm helfen, – o ja!“ Und Sam und Andy legten ihre Köpfe zurück, und brachen in ein unmäßiges aber unterdrücktes Lachen aus, und schnappten mit den Fingern, und schlugen mit den Hacken aus in unbegränztem Entzücken.
In diesem Augenblicke erschien Haley in der Veranda. Etwas besänftigt durch eine Anzahl Tassen vortrefflichen Kaffe's kam er schmunzelnd und schmalzend in ziemlich guter Laune heraus. Sam und Andy griffen nach gewissen Stücken von Palmblättern, die sie gewohnt waren, als ihre Hüte zu betrachten, und eilten nach dem Pferdepfosten, um dem „Master zu helfen.“
Sam's Palmblatt war auf sehr sinnreiche Weise von jeder Art Flechtung befreit, und die grade auf- und abwärts stehenden Nebenschößlinge verliehen der ganzen Kopfbedeckung einen solchen Schein von Freiheit und Trotz, daß sie irgend eines Fejee-Häuptlings würdig gewesen sein würde; während Andy den Scheitel seiner Kopfhülle mit einem geschickten Drucke zusammenpreßte, und sich so wohlgefällig umschaute, als wollte er sagen: „Wer sagt, daß ich keinen Hut habe?“
„Nun, Jungens,“ sagte Haley, „jetzt munter; wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„Nicht einen Moment, Master!“ sagte Sam, indem er Haley die Zügel seines Pferdes in die Hände gab und den Steigbügel hielt, während Andy die andern beiden Pferde vom Pfosten los machte.
In demselben Augenblicke, wo Haley den Sattel berührte, hob sich das feurige Thier in einem plötzlichen Sprunge von der Erde, und warf seinen Herrn einige Fuß weit auf den weichen trockenen Rasen. Sam versuchte mit einem wilden Schreie einen Griff nach den Zügeln, aber erreichte weiter nichts, als daß er das vorher erwähnte, hoch aufstehende Palmblatt dem Pferde in's Auge stieß, was keineswegs zur Beruhigung der erregten Nerven desselben beitrug. Indem es ihn deßhalb mit heftiger Gewalt umrannte, zwei oder dreimal ein verächtliches Schnaufen ausstieß, und kräftig mit den Hufen in die Luft schlug, jagte es dem unteren Ende des freien Platzes zu, während Bill und Jerry ihm folgten, welche Andy, der Uebereinkunft gemäß, nicht verfehlt hatte, los zu machen, und nun mit verschiedenen wüthenden Ausrufungen zu noch größerer Eile antrieb. Und nun folgte eine Scene der größten Verwirrung. Sam und Andy rannen und schrieen, – Hunde bellten hier und dort, – und Mike, Mose, Mandy, Fanny, und alle die jüngeren Sprößlinge des Gutes, weiblichen wie männlichen Geschlechts, rannen und schlugen in die Hände, pfiffen und schrieen mit unmäßiger Geschäftigkeit und unermüdlichem Eifer.
Haley's Pferd, ein Schimmel, flüchtig und feurig, schien mit großem Wohlgefallen auf den Geist der ganzen Scene einzugehen; und indem es zu seinem Rennlaufe, einen freien Platz, von beinahe einer halben Meile Ausdehnung vor sich hatte, der nach allen Seiten hin sich in eine unbegränzte Waldung sanft abdachte, schien es besonderes Vergnügen daran zu finden, seine Verfolger nahe herankommen zu lassen, und dann, wenn sie sich ihm bis auf eine Hand breit genähert hatten, schnaubend und springend davon zu fliegen, und weit hinab in einen der Holzwege zu galoppiren. Nichts war Sam's Absicht weniger, als daß irgend eins der Pferde früher gefangen werden solle, als er für zeitgemäß hielt, – und dabei waren die Anstrengungen, die er machte, wirklich heroisch. Gleich dem Schwerdte Coeur de Lion's, welches stets voran und im dicksten Gefechte flammte, war Sam's Palmblatt überall sichtbar, wo nicht die entfernteste Gefahr vorhanden war, daß das Pferd gefangen werden könne; – da sprang er in vollem Laufe drauf los, und schrie: „drauf! drauf! fang ihn! fang ihn!“ in solcher Weise, daß in einem Augenblicke Alles in die vollständigste Verwirrung gesetzt war.
Haley rann inzwischen auf und ab, und schwor und fluchte und stampfte mit dem Fuße abwechselnd. Mr. Shelby bemühte sich vergeblich, Befehle vom Balkone aus hinunter zu rufen, und Mrs. Shelby stand bald lachend, bald sich wundernd am Fenster ihres Zimmers, – jedoch nicht ohne eine leise Ahnung dessen, was dieser ganzen Verwirrung zu Grunde lag.
Endlich, ungefähr gegen zwölf Uhr Mittags, erschien Sam triumphirend, auf Jerry reitend und Haley's Pferd an der Seite führend, welches zwar von Schweiß triefend war, aber dessen noch immer flammende Augen und ausgedehnten Nasenlöcher verriethen, daß der Geist der Freiheit es noch nicht gänzlich verlassen hatte.
„Er's gefangen!“ rief Sam mit triumphirender Miene. „Wenn's nicht ich gewesen wäre, die Alle hätten sich können quälen, – Alle! aber ich ihn gefangen.“
„Du!“ brummte Haley in keiner sehr liebenswürdigen Stimmung, „wenn Du nicht gewesen wärest, so würde Alles das nicht geschehen sein.“
„Gott helf mir! Master,“ sagte Sam im Tone tiefster Betrübniß, „ich, der 'rumgejagt und gerannt ist, daß der Schweiß mir 'nunter läuft!“
„Gut, gut!“ sagte Haley, „Du hast mich um beinahe drei Stunden mit Deinem verfluchten Unsinn gebracht; – nun fort, keine Narrheiten weiter.“
„Wie, Master?“ sagte Sam in einem beschwörenden Tone, „ich glaube, Ihr wollt uns Alle umbringen, – Pferde und Alle. Hier, wir sind Alle just fertig, umzufallen, und die Pferde rauchen nur so von Schweiß. Denke, Master wird nicht wollen aufbrechen, nur erst nach Tische. – Masters Pferd muß abgerieben werden, – hat sich ganz voll gespritzt; – und Jerry ist noch dazu lahm! – glaube nicht, Missis wird uns lassen reiten so just nun. Gott helf mir, Master, – wir wollen sie schon noch fangen, – warten thut nichts. Lizy nie war großer Läufer nicht.“
Mrs. Shelby, welche von der Veranda aus diese Unterhaltung nicht ohne großes Vergnügen mit angehört hatte, beschloß nunmehr, auch ihren Theil zu thun. Sie trat deßhalb hervor, drückte in höflichster Weise ihr Bedauern über Haleys Unfall aus, und bat ihn dringend, zum Mittagessen zu bleiben, indem sie hinzufügte, daß die Köchin es sofort auf den Tisch bringen sollte.
Unter diesen Umständen sah Haley sich genöthigt, sich, obgleich mit sehr zweifelhafter guter Laune, in das Wohnzimmer zu begeben, während Sam, seine Augen mit unaussprechlicher Bedeutung hinter ihm her rollend, sodann die Pferde mit der ernsthaftesten Miene nach dem Stalle führte.
„Hast ihn gesehen, Andy? hast ihn gesehen?“ sagte Sam, nachdem er glücklich hinter eine ihn verbergende Scheune gelangt war und die Pferde an einen Pfosten befestigt hatte. „O Herr, war's nicht ein Spaß, zu sehen – wie er tanzte und schlug und fluchte. Fluche nur, alter Kerl (sagt' ich zu mir), – willst Dein Pferd jetzt haben, oder willst warten, bis ich's fange? (sagte ich). O Herr, ich denke, ich seh'n noch jetzt!“ Und Sam und Andy legten sich gegen die Scheune und lachten aus vollem Herzen.
„Hätt'st nur sehen sollen, wie toll er aussah, als ich's Pferd 'rauf brachte. Guter Gott, glaub', er hätt' mich umgebracht, wenn er gedurft hätte; – und da stand ich – ganz unschuldig und demüthig.“
„O ja, ich sah Dich,“ sagte Andy, „bist Du nicht ein altes Pferd, Sam?“
„Glaub's beinahe, ich bin's,“ sagte Sam. „Hast nicht Missis gesehen – oben am Fenster? Ich sah's, wie sie lachte.“
„Nein,“ sagte Andy, „hatte so gelaufen, habe nichts gesehen.“
„Wohl, siehst Du,“ sagte Sam, indem er ernsten Gesichts dazu schritt, Haley's Tony abzuwaschen, – „ich habe mir angenommen eine Gewohnheit, was man Beobachtung nennen kann, Andy. S' ist 'ne sehr wichtige Gewohnheit, Andy; und ich rathe Dir's, zu üben, weil Du jung bist. – Heb' den Hinterfuß hier auf, Andy. Siehst, Andy, 's ist Beobachtung, was allen Unterschied macht zwischen Niggers. Hab' ich nicht gesehen, wo der Wind her kam, diesen Morgen? Hab' ich nicht gesehen, was Missis wollte, wenn sie auch nichts sagte? Das 's Beobachtung, Andy. Glaube, 's ist, was man 'ne Gabe nennen kann. Gaben ist verschieden in verschiedenen Leuten, aber Uebung thut groß viel.“
„So? ich glaube, wenn ich Deiner Beobachtung nicht geholfen hätte, diesen Morgen, würdest Deinen Weg nicht so gut gefunden haben,“ sagte Andy.
„Andy,“ erwiderte Sam, „bist ein hoffnungsvolles Kind, – kein Zweifel! Denke groß viel von Dir, Andy, – schäme mich nicht, Ideen von Dir anzunehmen. Sollen Niemand übersehen, Andy, denn der Klügste wird auch manchmal angeführt. Und nun, Andy, laß uns in's Haus gehen; – bin gewiß, Missis gibt uns 'nen ganz besonders guten Bissen – diesmal.“
Siebentes Kapitel.
Der Kampf der Mutter.
Es ist unmöglich, sich ein mehr verlassenes und verlorenes menschliches Wesen zu denken, als Elisa in dem Augenblicke war, wo sie ihre Schritte von Onkel Tom's Hütte abwendete. Ihres Mannes Leiden und Gefahren, die Gefahr ihres Kindes, Alles vermischte sich in ihrem Geiste mit einem dunkeln, betäubenden Gefühle des großen Wagnisses, welches sie unternahm, indem sie die einzige Heimath verließ, die sie jemals gekannt hatte, und sich von dem Schutze einer Freundin losriß, die sie geliebt und geehrt hatte. Dazu kam die Trennung von jedem ihr vertrauten Gegenstande, – von dem Orte, an dem sie aufgewachsen war, den Bäumen, unter denen sie gespielt hatte, den Gebüschen, in denen sie so manches Mal Abends an der Seite ihres jungen Gatten gewandelt hatte, – jeder Gegenstand, der in der kalten, sternhellen Nacht vor ihr lag, schien sie vorwurfsvoll zu fragen, wohin sie sich von einer so glücklichen Heimath wenden wolle?
Aber stärker als Alles war das Gefühl der Mutterliebe, welches sich vor der so nahe drohenden, schrecklichen Gefahr zu einem Paroxismus von Raserei steigerte. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite gehen zu können, und unter anderen Umständen würde sie ihn nur an der Hand geführt haben; allein jetzt machte sie der bloße Gedanke, ihn aus ihren Armen zu lassen, schaudern, und während sie eilends vorwärts schritt, preßte sie ihn mit krampfhaftem Drucke an ihren Busen.
Der gefrorene Boden knarrte unter ihren Füßen und sie zitterte bei diesen Tönen; jedes rauschende Blatt und jeder fliehende Schatten machte ihr Blut im Herzen erstarren und trieb ihre Füße zu noch größerer Eile an. Sie wunderte sich innerlich selbst über die Stärke, die sie zu durchströmen schien; denn sie fühlte die Last ihres Kindes wie die einer Feder, und jede neu aufsteigende Regung von Furcht schien die übernatürliche Kraft zu erhöhen, die sie forttrug, während von ihren bleichen Lippen häufige Anrufe an einen Freund im Himmel flossen: „Gott, hilf mir! Gott, rette mich!“
Wenn es Dein Harry wäre, Mutter, oder Dein William, der Dir morgen früh durch einen rohen Sklavenhändler entrissen werden sollte, – wenn Du den Mann gesehen und gehört hättest, daß die Papiere unterzeichnet und übergeben wären, und Du hättest nur Zeit von Mitternacht bis zum Morgen, um Deine Flucht zu bewerkstelligen, wie schnell würden Deine Schritte sein? Wie viel Meilen würdest Du nicht in jenen wenigen, kurzen Stunden zurücklegen können, mit dem Liebling an Deiner Brust, – die kleinen, schlafmüden Hände auf Deiner Schulter, und die zarten, weichen Arme um Deinen Nacken geschlungen?
Denn der Knabe schlief. Anfangs hatten ihn die Neuheit der Umstände und die Unruhe wach erhalten; aber seine Mutter hielt so ängstlich den Athem und jeden Laut zurück, und hatte ihn so fest versichert, daß, wenn er nur still sei, sie ihn sicherlich retten werde, daß er beruhigt ihren Nacken umschlang, und schon halb entschlummert nur noch Fragen an sie richtete.
„Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?“
„Nein, mein Liebling, schlafe, wenn Du müde bist.“
„Aber, Mutter, wenn ich einschlafe, wirst Du doch nicht zugeben, daß er mich nimmt?“
„Nein, so Gott mir helfe!“ sagte die Mutter mit blässerer Wange und hellerer Gluth in ihrem dunklen Auge.
„Gewiß nicht, Mutter?“
„Gewiß nicht!“ sagte die Mutter mit einer Stimme, vor der sie selbst erschrack, denn sie schien von einem geistigen Wesen in ihr zu kommen, das keinen Theil an ihr habe; und der Knabe senkte seinen kleinen, müden Kopf auf ihre Schulter, und war bald entschlummert. Wie die Berührung dieser warmen Arme, der sanfte Hauch seiner Athemzüge an ihrem Nacken ihren Bewegungen neues Leben und Feuer zu verleihen schienen! Es kam ihr vor, als wenn aus jeder Berührung, jeder Bewegung des schlummernden, auf sie vertrauenden Kindes elektrische Ströme neuer Kraft auf sie ausströmten. Erhaben ist die Herrschaft des Geistes über den Körper, die Fleisch und Nerven unüberwindlich macht, und die Sehnen sich wie Stahl spannen läßt, so daß Schwache so mächtig werden.
Die Grenzen der Farmbesitzung, die Gebüsche, die Waldung schwanden dämmernd an ihr vorüber, während sie weiter schritt; aber sie hielt nicht an, sie eilte vorwärts, einen vertrauten Gegenstand nach dem andern hinter sich zurücklassend, bis die röthlichen Strahlen des ersten Tageslichtes sie, manche lange Meile weit von jeder Spur vertrauter Gegenstände entfernt, auf der offenen Landstraße fanden.
Sie hatte öfters ihre Herrin auf Besuchen bei Bekannten in dem kleinen Dorfe T– nicht weit vom Ohioflusse, begleitet, und kannte den Weg dahin genau. Dorthin zu eilen und über den Ohiofluß zu fliehen, waren die ersten Umrisse ihres Fluchtplanes gewesen; darüber hinaus konnte sie nur auf Gottes Hülfe vertrauen.
Als Wagen und Pferde sich auf der Landstraße zu bewegen begannen, wurde sie vermöge der einem aufgeregten geistigen Zustande so eigenthümlichen Schärfe des Fassungsvermögens inne, daß ihr eilender Schritt und ihr verstörtes Aeußere Veranlassung zu Aufmerksamkeit und Verdacht geben könnten. Sie ließ deßhalb den Knaben auf die Erde nieder, brachte ihre Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, und ging so schnell, wie es sich mit der Bewahrung des äußeren Scheines vertrug, weiter. In ihrem kleinen Vorrathe hatte sie für eine hinreichende Quantität von Kuchen und Aepfeln gesorgt, deren sie sich als Mittel bediente, um den Fortschritt des Kindes zu beschleunigen, indem sie den Apfel einige Schritte weit vorauswarf, dem der Knabe sodann mit allen Kräften nacheilte; und diese List öfters wiederholt, brachte sie über manche halbe Meile hinweg.
Nach einiger Zeit kamen sie an eine dichte Waldung, durch die ein klarer, murmelnder Bach floß. Da der Knabe über Hunger und Durst klagte, so stieg sie mit ihm über den umgebenden Zaun, setzte sich hinter einem großen Felsen nieder, der sie den auf der Landstraße Vorübergehenden verbarg, und reichte ihm sein Frühstück aus ihrem kleinen Bündel. Der Knabe wunderte sich und war traurig, daß sie nicht essen wolle; und als er seine Arme um ihren Nacken schlang und etwas Kuchen in ihren Mund zu drücken versuchte, war es ihr, als müsse das in ihrer Kehle aufsteigende Gefühl sie ersticken.
„Nein, nein, Harry, mein liebes Kind! Mutter kann nicht essen, bis Du in Sicherheit bist! Wir müssen fort, – fort, bis wir an den Fluß kommen!“ Und sie eilte wieder auf den Weg zurück, und zwang sich wieder, ordentlich und in ruhiger Haltung weiter zu gehen.
Sie war jetzt viele Meilen über denjenigen Theil der Gegend hinaus, wo sie persönlich bekannt war. Im Falle sie irgend Jemanden begegnen sollte, der sie kannte, dachte sie, daß die allbekannte Güte der Familie, der sie angehörte, jeden Verdacht insofern unterdrücken werde, als es eben um deßhalb unwahrscheinlich erschien, daß sie auf der Flucht sein könne. Da sie überdies so weiß war, daß ihre farbige Abstammung, ohne besonders scharfe Beobachtung, nicht erkennbar war, und ihr Kind dieselbe Farbe hatte, so war es für sie um so leichter, ihren Weg ohne Erregung von Verdacht fortsetzen zu können.
In dieser Annahme hielt sie um Mittag bei einem niedlichen, reinlichen Farmhause an, um sich auszuruhen und um ein Mittagsmahl für ihr Kind und sich selbst zu erlangen; denn, indem die Gefahr mit der zunehmenden Entfernung abnahm, ließ auch die übernatürliche Spannung ihres Nervensystemes nach, und sie fühlte sich ermattet und hungrig.
Die Wirthin, welche freundlich und geschwätzig war, schien froh zu sein, daß irgend jemand bei ihr eingekehrt sei, mit dem sie schwatzen könne, und nahm deßhalb Elisa's Angaben, „daß sie einen kleinen Ausflug mache, um Freunde einige Tage zu besuchen,“ ohne weitere Prüfung und Untersuchung als richtig an.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichte sie das Dorf T–, am Ohioflusse, müde zwar, und mit wunden Füßen, aber immer noch stark im Herzen. Ihr erster Blick war auf den Fluß, der gleich dem Jordan zwischen ihr und dem Canaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Es war jetzt in der ersten Zeit des Frühjahrs, weßhalb der Fluß angeschwollen und unruhig war, und große Schollen schwimmenden Eises im trüben Wasser schwerfällig auf- und niederschwankten. Vermöge der eigenthümlichen Gestaltung des Ufers an der Kentucky-Seite, wo das Land sich weit in das Wasser hinein erstreckte, hatte sich das Eis in großen Massen angesammelt, und der enge Kanal, welcher diese Landzunge umfloß, war mit übereinander geschichteten Schollen so angefüllt, daß sich daselbst ein förmlicher Wall gebildet hatte, welcher das heranschwimmende Eis aufhielt, und dieses eine Art wellenförmigen Flosses bildete, welches den ganzen Fluß bedeckte und sich beinahe bis dicht an das Ufer der Kentucky-Seite erstreckte.
Elisa stand einen Augenblick still, diesen unglücklichen Zustand der Dinge betrachtend, welcher, wie sie sogleich erkannte, das Ueberfahren der gewöhnlichen Fähre verhindern mußte, und begab sich sodann in ein kleines Wirthshaus am Ufer, um Erkundigungen einzuziehen.
Die Wirthin, welche mit Braten und Schmoren, als Vorbereitungen zum Abendessen beschäftigt war, hielt, mit der Gabel in der Hand, inne, als Elisa's sanfte und klagende Stimme sie anredete.
„Was giebts?“ sagte sie.
„Geht jetzt hier keine Fähre über, die Reisende nach B– bringt?“ fragte Elisa.
„Nein, jetzt nicht!“ sagte das Weib. „Die Boote gehen jetzt nicht.“
Der Ausdruck von Furcht und getäuschter Hoffnung in Elisa's Gesichte fiel der Frau auf, und sie fragte:
„Ihr wollt wohl überfahren? – Jemand krank? Ihr scheint in großer Unruhe zu sein?“
„Ich habe ein Kind, das gefährlich krank ist,“ sagte Elisa. „Ich bekam gestern Abend die erste Nachricht davon, und bin nun den ganzen Tag gewandert, in der Hoffnung, hier eine Fähre zu finden.“
„So, das ist freilich unglücklich,“ sagte die Frau, deren mütterliche Sympathie angeregt worden war. „Ihr thut mir wahrlich leid. Solomon!“ rief sie dann zum Fenster hinaus nach einem kleinen Hintergebäude, worauf ein Mann mit einer Lederschürze und sehr schmutzigen Händen erschien.
„Höre, Sol,“ sagte die Frau zu ihm, „geht denn der Mann mit den Fässern heute Abend noch hinüber?“
„Er sagte, er woll's versuchen, wenn's einiger Maßen rathsam wäre,“ entgegnete der Mann.
„Da ist ein Mann hier, ein Stück Weg's weiter hinunter, der diesen Abend mit Waaren hinüberfahren will, wenn's geht; er wird zum Abendessen hier sein. So thut Ihr am besten, Ihr setzt Euch und wartet hier. Was für ein lieber kleiner Bube,“ sagte die Frau, dem Knaben ein Stück Kuchen reichend.
Allein das Kind, übermäßig erschöpft, weinte vor Müdigkeit.
„Armer Wurm! er ist nicht daran gewöhnt, so weit zu gehen, und ich habe ihn so getrieben,“ sagte Elisa.
„Nun, so nehmt ihn in das Zimmer da,“ sagte die Frau, ein kleines Schlafgemach öffnend, in welchem ein bequemes Bett stand.
Elisa legte den ermüdeten Knaben darauf, und hielt seine Hände in den ihrigen, bis er eingeschlafen war. Denn für sie war hier keine Ruhe. Wie ein Feuer in ihren Gebeinen trieb der Gedanke an ihren Verfolger sie weiter, und mit sehnsüchtigen Blicken schaute sie auf die finsteren, brausenden Wellen, die zwischen ihr und ihrer Freiheit lagen.
Allein hier müssen wir für jetzt von ihr Abschied nehmen, um den Lauf ihrer Verfolger zu begleiten.
Obgleich Mrs. Shelby versprochen hatte, daß das Essen so schnell wie möglich auf den Tisch gebracht werden solle, so zeigte sich doch bald, daß mehr als eine Person dazu erforderlich sei, um einen Handel zu machen. Ungeachtet dessen also, daß der Befehl in Haley's Gegenwart ertheilt, und wenigstens durch ein Dutzend jugendlicher Boten an Tante Chloë befördert worden war, ließ diese würdige Dame dennoch nichts als ein wiederholtes mürrisches Schnaufen als Antwort darauf hören, und fuhr in ihren Geschäften auf eine sehr gemächliche und umständliche Weise fort.
Aus irgend einem besondern Grunde, schien sich die allgemeine Meinung unter der Dienerschaft verbreitet zu haben, daß Mistreß über etwas Verzug nicht besonders ungehalten sein werde; und es war wunderbar, was für eine Menge widriger Umstände sich ereigneten, um den Lauf der Dinge zu verzögern. Ein unglücklicher Bursche schüttete die Sauçe aus; und dann mußte die Sauçe de novo gemacht werden, und zwar mit gehöriger Sorgfalt und Umständlichkeit, wobei Tante Chloë mit der hartnäckigsten Genauigkeit verfuhr, und auf alles Antreiben zur Eile nur kurz antwortete, „daß sie keine rohe Sauçe auf den Tisch bringen wolle, um Anderen beim Fangen behülflich zu sein.“ Ein Andrer stolperte und fiel mit dem Wasser nieder, und mußte deßhalb von Neuem an den Brunnen gehen, um frisches zu holen; und wieder ein Andrer schüttete die Butter als Hinderniß in den Lauf der Begebenheiten; und während dessen gelangten von Zeit zu Zeit kichernde Nachrichten in die Küche, daß Master Haley gewaltig unruhig sei, und auf seinem Stuhle nicht still sitzen könne, sondern unaufhörlich zwischen Fenster und Thür auf und nieder laufe.
„Geschieht ihm recht!“ sagte Tante Chloë unwillig. „Wird ihm schon noch schlimmer ergehen, bald, wenn er seine Wege nicht ändert. Sein Herr wird ihn rufen, und wie wird er dann aussehen!“
„Er kommt in die Hölle, ohne Zweifel!“ sagte der kleine Jack.
„Er verdient's!“ sagte Tante Chloë mit grimmiger Miene, – „ich sage Euch – er hat viele, viele, viele Herzen gebrochen!“ sagte sie, inne haltend in ihrer Beschäftigung, und mit aufgehobener Gabel in ihrer Hand; „'s ist, was Master Georg in der Offenbarung liest: – ‚Seelen, schreien unter dem Altare den Herrn um Rache an, gegen Solche!‘ – und der Herr wird sie hören! – er wird!“
Tante Chloë, welche in der Küche sehr geachtet war, wurde von Allen mit offenem Munde angehört; und da das Mittagessen endlich glücklich abgesendet worden war, so hatte die ganze Küchenbevölkerung Muße mit ihr zu schwatzen, und ihre Bemerkungen anzuhören.
„Solche müssen ewig brennen, – ganz gewiß, – nicht wahr?“ sagte Andy.