Zuschauerinnen in einem sibirischen Dorfe.
Mehrmals fanden wir die Straße durch Eisenbahnarbeiten unterbrochen. Man legte ein zweites Geleise auf der transsibirischen Eisenbahn oder vielmehr, man baute eine zweite transsibirische Linie, von der die den Zug benutzenden Reisenden wahrscheinlich nichts bemerkten. Denn es ist eine Linie, die ihren besonderen Bahndamm hat und unabhängig von der andern entsteht; sie funktioniert für sich und verdoppelt so die Vorteile der transsibirischen Bahn, indem sie zugleich die Nachteile eines doppelten Geleises vermeidet. Wenn die eine Brücke einstürzt, wird die andere Brücke unversehrt bleiben; nichts kann den Verkehr völlig unterbrechen. Die neue Eisenbahnlinie wird ihre Stationen, ihre Telegraphenleitung und ihre Bahnwärter für sich haben.
An einer Stelle waren wir Zeugen eines erschütternden Anblicks.
Auf einer Dammstrecke der neuen Eisenbahn arbeiteten Hunderte von Männern in gleichmäßiger grauer Kleidung, die wir für Soldaten hielten. Wir glaubten an ihnen die neue Felduniform zu erkennen. Als wir aber näherkamen, bemerkten wir, daß jedem einzelnen eine Kette um den Fuß geschlungen war. Posten, bewaffnet mit Gewehren mit aufgepflanztem Bajonett, die Kapuze auf den Rücken geschlagen, die Zigarette im Munde, hielten ringsherum Wache. Als wir an ihnen vorüberkamen, hielten die graugekleideten Männer in ihrer Arbeit inne und richteten sich alle auf, um uns schweigend zu betrachten; dann grüßten sie durch Abnehmen der Mützen. Ihr Kopf war halb geschoren, daß er aussah wie eine schreckenerregende, groteske Clownperücke. Bei dieser traurigen Entdeckung durchschauerte es uns eisig, und wir murmelten:
„Die Sträflinge!“
Sie betrachteten uns fortwährend. Wir waren schon weit weg, und sie schauten uns noch immer nach. Wir fühlten uns von ihrer glühenden, schweigenden Aufmerksamkeit verfolgt. In ihrer Phantasie bedeuteten wir die Flucht. Wer weiß, welch bedeutsames Ereignis unsere Vorüberfahrt in dem entsetzlich gleichförmigen Leben einer Herde Menschen bildete, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren und die nur noch mit Nummern gerufen wurden.
Abends 7 Uhr gelangten wir bei regnerischem Wetter nach Sima. Wir hatten 225 Kilometer zurückgelegt. Im Restaurant der nächsten Eisenbahnstation gelang es uns, mit sauerer Sahne zubereiteten Borscht und Koteletts zu erhalten, welch letztere sich aber als ungenießbar herausstellten; auch fanden wir unseren Benzin- und Ölvorrat im Hause eines jüdischen Kaufmanns vor, des Agenten der Firma Nobel, bei dem wir übernachteten.
Sima bedeutet im Russischen „Winter“. Wir fanden diesen Namen beklagenswerterweise äußerst angemessen. In Sima war die Kälte fast unerträglich, und wir sagten scherzend zueinander:
„Der Juli steht vor der Tür!“
Das Sonderbare war dabei, daß unser Wirt uns versicherte, daß es bis vor zwei Tagen unerträglich heiß gewesen sei. Es schien gerade, als ob uns die Kälte durch Sibirien geflissentlich begleiten wollte, um die Honneurs des Hauses zu machen.
Früh 4 Uhr waren wir schon wieder unterwegs. Natürlich war der Himmel bedeckt, die Luft naßkalt. Die Pelze genügten nicht mehr, uns vor der Kälte zu schützen, und wir hatten noch Kapuzen und unsere wasserdichte Kleidung angelegt; wir sahen unförmlich aus, wie Eskimos.
Seit einigen Tagen wiederholte sich dieselbe ärgerliche meteorologische Erscheinung: in der Nacht klarte der Himmel vollständig auf; wir fuhren am schönsten Morgen ab; bei Sonnenaufgang zeigte sich im Westen etwas Nebel; dieser stieg weiter empor, wurde zur Wolke, umzog und bedeckte den ganzen Himmel — und es begann zu regnen. Dieser Wechsel vollzog sich in einer halben Stunde. Es war, als ob sich der Westen zu unserem Empfange rüstete. Ettore, der beim Morgengrauen stets auf das festeste davon überzeugt war, daß wir „einen herrlichen Tag“ haben würden, konnte sich gar nicht zufrieden geben: er rief jeden Augenblick, nach Westen deutend: „Wo ist denn diese unerschöpfliche Wolkenquelle? Wird sie denn nie ein Ende nehmen?“, und schloss betrübt mit den Worten: „Was für ein Land!“
Die Straßen waren ziemlich belebt von Telegas, so daß wir auf die Launen der Pferde gut achtgeben mußten, um kein Unglück zu verursachen. Die Verwunderung wirkte lähmend auf die Kutscher.
Einbooten des Automobils.
Es ereigneten sich Auftritte von überwältigender Komik. Ein an eine Telega gespanntes Pferd, erschreckt durch das Nahen des Automobils, das jedoch im Schritt fuhr wie stets, wenn wir Pferden begegneten, bäumte sich in die Höhe, warf die Telega um, schleuderte die Ladung und den Muschik, der das Gefährt lenkte, heraus und ging durch. Der wackere Mann, der sich so unfreiwillig auf die Erde gesetzt fand, fuhr fort, uns mit demselben Lächeln zu betrachten, mit dem er uns vor seinem Sturz angesehen hatte, ohne an seinen Wagen und sein Pferd zu denken, als ob er in Gedanken versunken wäre und wie verhext überhaupt nichts von der plötzlichen Veränderung seines Sitzes wahrgenommen hätte! Als wir näherkamen, grüßte er uns:
„Guten Tag! Woher kommen Sie?“
„Von Peking.“
Er faltete die Hände und betrachtete uns offenen Mundes. Ein Bauer zu Pferde brach bei unserem Anblick in Gelächter aus; unversehens machte sein Reittier erschreckt einen Seitensprung und schleuderte ihn aus dem Sattel; er erhob sich, immerfort lachend, und sagte in ganz zufriedenem Tone:
„Haha! Besser ein Wagen ohne Pferd als ein Pferd ohne Wagen! Hahaha!“
Wir müssen zugeben, daß trotz all unserer Vorsicht die Zahl der umgestürzten Telegas außerordentlich groß war. Die Pferde scheuten, auch wenn das Automobil stillstand; sie erblickten in ihm wer weiß was für ein reißendes Tier. Und die Telegas, Wagen, schmal, um überall durchzukommen, hoch, um Furten passieren zu können, und leicht, um im Moraste nicht steckenzubleiben, haben alle erforderlichen Eigenschaften, um mit der größten Leichtigkeit umzustürzen. Die meisten Bauernpferde in Sibirien tragen kein Gebiß, sondern nur einen dünnen Zaum. Zu alledem kam die Verblüffung der Leute. Sie beschäftigten sich nur mit dem Gedanken, was zum Teufel denn dieses große graue Ungeheuer sei, das da auf der Straße hin und her schwankte und stolperte. Sie hörten auf nichts, weder auf Warnungen noch auf Ratschläge, und sehr oft mußten wir halten, absteigen, die Pferde am Zaume fassen und zur Seite führen.
Einmal begegneten wir einer Postkutsche, einem großen Tarantaß, in dem alle, Reisende und Kutscher, den Schlaf des Gerechten schliefen. Die drei Pferde faßten in ihrem Schreck einmütig den Entschluß, kurzerhand umzukehren. Niemand wachte auf. Wir überholten den Tarantaß ohne Zwischenfall; nach einigen Kilometern sahen wir ihn von der Höhe eines Hügels aus wieder, wie er fortfuhr, den bereits zurückgelegten Weg noch einmal zu machen. Wir konnten uns des Lachens nicht erwehren, als wir an die Überraschung der Reisenden und des Kutschers dachten, wenn sie sich beim Erwachen nach einer so langen Fahrt auf derselben Poststation wiederfinden würden, von der sie abgereist waren.
Ausbooten am Ufer eines sibirischen Flusses.
Oft versperrten große Herden von Rindern oder Pferden die Straße, und wir mußten warten, bis alle Tiere vorbei waren. Sie waren mißtrauisch, ängstlich und zögerten, angetrieben von dem Stachelstocke der Hirten, die hin und her galoppierten, um ein Tier, das fliehen wollte, zurückzuscheuchen. Es fehlte uns also auf dieser Fahrt nicht an Abwechslung. Viele Kilometer weit befanden wir uns zwischen einsamen, nach Harz duftenden Gehölzen. Wir glaubten in den Alleen eines unermeßlichen Parkes dahinzufahren; alles stand in Blüte, und die Wiesen und Waldblößen luden in ihren schweigenden Schatten ein. Wenn wir aber von fern ein Tal bemerkten, so waren wir sicher, ein Dorf in ihm anzutreffen.
Die Dörfer flüchten sich in die Täler, um Schutz vor den stürmischen Winden zu suchen, die von den eisigen Tundren im Norden kommen, und um Wasser zu haben. Die Isbas drängen sich an klaren Bächen zusammen, an deren Ufern riesige Herden von Gänsen schnattern, die dazu bestimmt sind, in gefrorenem Zustande auf die großen Wintermärkte in Rußland verschickt zu werden. Am Ein- und Ausgange des Ortes erhebt sich ein schwarz und weiß gestreifter Pfahl mit einer Tafel, auf der der Name des Ortes, die Entfernung bis zum nächsten Dorf, die Zahl der Feuerstellen und der Einwohner angegeben sind — kurz, ein förmlicher statistischer Auszug zur Bequemlichkeit der Beamten, die herkommen, Steuern einzukassieren oder Soldaten auszuheben. Eine Tafel zeigt die Wohnung des Starosten an, eine andere das „Semstwoskaja Dom“, das heißt das Gebäude, in dem die Beamten das Recht zu wohnen haben. Es liegt in all diesem ein militärischer Zug; es hat den Anschein, als gehörten all diese Häuser zu einem Regimente, als seien sie gezählt, in Reih und Glied gestellt, und müßten wie die Zelte eines Lagers stets gewärtig sein, auf den ersten Befehl von oben abgebrochen und anderwärts wieder aufgebaut zu werden. Man möchte sagen, nicht die Notwendigkeit, sondern ein Befehl habe sie erstehen lassen. Die Dörfer befinden sich in nahezu gleichen Abständen von 20 zu 20 Kilometern und machen den Eindruck großer Vorpostenstellungen, die über den Moskowskij Trakt verteilt sind. In der Tat sind sie an erster Stelle Etappen, und dann erst Dörfer.
Bis vor wenigen Jahren, bevor die Eisenbahn Sibirien durchquerte, bezeichneten sie die Tagemärsche der Deportierten, die jetzt der Zug in Gefängniswagen mit vergitterten Fenstern befördert. Am Ende jedes Dorfes befindet sich noch die Etappenstation der aus dem Vaterlande Ausgewiesenen. Es ist ein großes, niedriges, quadratisches Holzhaus mit unzugänglichen, mit festen Eisenstäben verwahrten Fenstern, das in einem von einer Einfriedigung umschlossenen Hofe liegt. In dem Hofe erheben sich einige wenige Gebäude, eine Schmiede vielleicht, ein Bureau, ein Schlafsaal für die Soldaten; ringsumher Schilderhäuser für die Wachtposten. Jetzt sind die Türen mit Brettern vernagelt, niemand darf hinein, alles zerfällt. Diese leeren, aus den Fugen gehenden Häuser machen einen unheimlichen, geisterhaften Eindruck. Sie scheinen nicht nur verlassen, sondern sogar gemieden. Es ist unmöglich, sie ohne Bewegung zu betrachten. Sie sind entstanden, um den Schmerz zu beherbergen, und man fragt sich, ob von all den körperlichen und seelischen Qualen, die so lange Jahre hindurch in diesen Räumen geweilt haben, nichts übriggeblieben sei, ob nicht das Gefühl der Trauer und des Widerwillens, das man empfindet, wenn man in ihrer Nähe vorbeikommt, von einem noch lebendigen Kummer, der in der Luft liegt, herrühre, von einer geheimnisvollen Ausströmung der Klagen, von einem verhallenden Echo von Worten der Verzweiflung, das die Dinge um uns wiedergeben und das die Seele empfindet.
Jedes an einem Bache gelegene Dorf bot uns eine Brücke zum Hinüberfahren, natürlich eine Holzbrücke. Nach unserem Sturze hatten wir vor den Brücken insgesamt einen heiligen Respekt. Wir suchten mit der größtmöglichen Geschwindigkeit über sie hinwegzukommen, nicht sowohl aus Furcht, sie unter uns zusammenbrechen zu sehen, als um das Krachen der Bretter nicht hören zu müssen. Es war in uns eine unbesiegliche Abneigung gegen das Geräusch zerbrechenden Holzes zurückgeblieben, eine rein physische Empfindung, eine instinktive Erinnerung. Das Krachen eines Holzstückes unter den Rädern hatte auf uns die Wirkung eines Alarmsignals; die Gedanken mochten anderwärts weilen und auch fortfahren, dort zu bleiben, aber der Körper fuhr auf und machte sich zur Abwehr bereit! Und auf den Brücken, namentlich den großen und hohen, die über tiefe Schluchten, reißende Ströme und Abgründe hinwegführten, empfanden wir eine seltsame Genugtuung, ein negatives Vergnügen sozusagen, das wir jedesmal durch eine beinahe unwillkürliche Bemerkung ausdrückten: das Vergnügen, nicht hinabzustürzen. Wir sagten:
„Wenn diese Brücke aus den Fugen gegangen wäre, wir würden nichts mehr davon erzählen können! Wir würden zerschmettert sein!“
Alle waren wir froh, nicht unten auf dem Grunde zu liegen, wenn wir uns vorbeugten, um, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, über das Geländer zu sehen. Wir freuten uns, nicht zerschmettert untenzuliegen.
Am 4. Juli trafen wir gegen 2½ Uhr nachmittags in Nischne-Udinsk ein, das etwa 500 Kilometer von Irkutsk entfernt liegt. Wir wurden von der Polizei empfangen, die uns sogar eine Wohnung in ihrem Amtsgebäude eingeräumt hatte. Es ist nun einmal so, gewisse Ehren kommen nur großen Männern und Verbrechern zu! Ein Gendarm bereitete uns Tee, ein Gendarm machte uns die Betten, ein Gendarm kochte unser Essen. Es war die gebändigte Gewalt. Man stelle sich vor, einem strammstehenden Gorodowoi die Gerichte zu nennen, die er auf den Tisch bringen soll! Das Außerordentliche dabei war, daß die Speisen vorzüglich waren.
Während der Fürst den Polizeikommandanten und die Beamten empfing, während Ettore, der den Vorrat an Brenn- und Schmiermaterial glücklich gefunden hatte, die Maschine putzte und mit Nahrung versorgte, hatte ich einen heldenmütigen Kampf mit dem Telegraphenamte von Nischne-Udinsk zu bestehen, der damit endete, daß es mir gelang, meinen Bericht abzusenden. Nach den opiumrauchenden Telegraphisten in Hsin-wa-fu hatte ich kein seltsameres Amt mehr angetroffen. Bei Überreichung der Depesche fragte der Beamte:
„Was für eine Sprache ist dies?“
„Italienisch“, erwiderte ich.
„Wir befördern nichts Italienisches.“
„Sie müssen italienische Depeschen befördern gemäß den internationalen Bestimmungen.“
„Wer gibt uns aber die Versicherung, daß es wirklich Italienisch ist?“
„Ich.“
„Das genügt nicht.“
Die Geduld drohte mir zu reißen, aber es gelang mir, sie noch einmal zusammenzuflicken, und ich antwortete ruhig:
„Lassen Sie die Depesche jemand lesen, der Italienisch versteht.“
„Niemand versteht hier Italienisch.“
„Kurz und gut!“ rief ich, „wollen Sie die Depesche befördern oder nicht?“
„Wir wollen die Depesche als chiffrierte befördern.“
„Meinetwegen.“
„Die Worte, die mehr als zehn Buchstaben haben, werden doppelt gerechnet.“
„Meinetwegen.“
„Haben Sie die Freundlichkeit, uns den Chiffreschlüssel und die russische Übersetzung mitzuteilen. So bestimmt es das Gesetz für chiffrierte Telegramme.“
In Nischne-Udinsk.
Das war zuviel! Ich lief, um mir Hilfe zu holen, und traf Herrn Radionoff, unseren guten Reisegefährten, der uns anfänglich nur ein Stück über Irkutsk hinaus hatte begleiten wollen und jetzt die augenscheinliche Absicht verriet, uns nicht mehr verlassen zu wollen.
Ich zog ihn nach dem Telegraphenamte und teilte ihm meine Erbitterung mit; wir sprachen beide auf den Beamten ein. Vergeblich! Dann hatte ich einen guten Gedanken; ich nahm ein Formular, füllte es mit einem empörten Proteste aus und ließ diesen als dringendes Telegramm an den Generaldirektor der Telegraphenverwaltung von Sibirien in Irkutsk telegraphieren. Eine Stunde später war die italienische Sprache in Nischne-Udinsk amtlich anerkannt! Als Journalist aber sehnte ich mich von Herzen nach den kleinen chinesischen Telegraphisten zurück, die in den fernen, aus Lehm gebauten Telegraphenämtern der Wüste Gobi von jedem Verkehr abgeschnitten sind, nach jenen wackeren bezopften Telegraphisten, die an den Kopf meiner Depesche „Nummer 1“ setzen mußten und sie ohne Irrtum und ohne Verspätung über alle Kabel des Orients hinweg beförderten!
Abends spät entschloß sich Freund Radionoff, uns zu verlassen. Der Wind und die Kotspritzer hatten ihm unversehens eine Augenentzündung verursacht, die es ihm nicht mehr gestattete, die Genüsse einer längeren Automobilfahrt zu würdigen. Als er sich von mir verabschiedete, erklärte er mir mit einem Anflug vertraulicher Genugtuung:
„Wissen Sie, ich bin auch ein bißchen Journalist!“
„Wirklich?“
„Jawohl. Heute habe ich eine Depesche an die Irkutsker Zeitungen aufgegeben. Hier ist sie: ‚Auf Automobil Borghese erreichten wir Nischne-Udinsk 2 Uhr 35. Herrliche Fahrt.‘“
„Ist das alles?“
„O nein! Es war noch die Unterschrift dabei.“
Fünfzehntes Kapitel.
Im Jenisseibecken.
In der Taiga. — Kansk. — Das zusammengekettete Rad. — Krasnojarsk. — Die Macht der beiden Dokumente. — Der Übergang über den Kemtschug. — Atschinsk. — Wir bleiben stecken.
Nischne-Udinsk ist nur ein großes Dorf am Ufer der Tschuna, eines der zahlreichen Nebenflüsse der Angara. Wir fuhren des Morgens um 4 Uhr durch seine schmutzigen Straßen und jagten einige friedliche Familien von Schweinen, die ausgestreckt in den Pfützen der Straße längs der Häuser schliefen, in die Flucht. Der eine oder andere Frühaufsteher unter den Bewohnern sah uns mit verschlafenem, mißtrauischem Gesicht nach. Dem Automobil voraus fuhr ein Polizeitarantaß, bemannt mit einem Offizier und gelenkt von einem Gendarmen, um uns den Weg nach dem 275 Kilometer entfernten Kansk zu zeigen. Bei einem Straßenübergang über den Eisenbahndamm hielt der Tarantaß.
„Sie können jetzt nicht mehr irren,“ rief der Offizier; „folgen Sie nur jenem Wege dort. Do svidania!“
„Do svidania! Spasibo!“ — „Adieu! Vielen Dank!“ riefen wir.
Das Automobil beschleunigte seinen Lauf dem neuen Ziele entgegen. Wir fuhren in einem dichten, eisigen Nebel, der uns das Gesicht naß machte und unsere Pelze mit Tauperlen benetzte. Eine Zeitlang hofften wir, es würde der Sonne gelingen, ihn zu zerstreuen. Die Sonne kam auch auf Augenblicke zum Vorschein, aber nur bleich. Wir riefen ihr Worte der Ermutigung zu.
„Immer tüchtig drauf los, Beste. Also los!“
Wir erblickten in jener atmosphärischen Erscheinung eine Art Kampf zwischen der Sonne und dem Nebel. Bald hatte der eine die Oberhand, bald die andere. Wir ergriffen natürlich für die Sonne Partei. Ettore bemitleidete sie:
„Die Ärmste, sie tut, was sie kann!“
Aber die Sonne wurde schmählich geschlagen. Sie suchte ihr Heil in der Flucht, und wir bekamen sie nicht mehr zu sehen. Der Nebel stieg, um in Form von Regen wieder herabzufallen, und den ganzen Tag über wurden wir von Wasser, Wind, Kälte und Schmutz gepeinigt. Die Straßen waren nicht so gut wie die in der Nähe von Irkutsk. Wir waren einige Male gezwungen, auf das Grün der Wiesen auszubiegen, um Löchern, tiefen Wasserlachen oder verdächtig aussehenden sumpfigen Stellen aus dem Wege zu gehen. Wir begegneten niemand mehr. Die Gegend wurde immer öder. Die Felder und Wiesen räumten ihren Platz den Bäumen. Wir betraten das Gebiet der „Taiga“, des endlosen sibirischen Waldes. Um 9 Uhr früh rollten wir bereits in seinem unheimlichen Halbdunkel dahin.
Die Straße ist eine durch den Wald gehauene Schneise. Die Menschen haben sich einen Weg gebahnt, aber auf lange Strecken ist der Wald zur Rechten wie zur Linken undurchdringlich. Die Region der Taiga erstreckt sich bis an die Steppen der Tundren; sie ist ausgedehnt wie ein Kaiserreich; in dem größten Teile dieser Welt der grünen Baumriesen hat sich die Menschheit mit Mühe nur das Durchgangsrecht erobern können. Wir fuhren viele Dutzende von Kilometern inmitten der überwältigenden düsteren Menge von Tannen, hundertjährigen Kiefern und weißstämmigen Birken. Während wir die Anhöhen hinauffuhren, hatten wir zuweilen einen Ausblick auf die endlose Waldfläche. In uns stieg das peinigende Gefühl der Einsamkeit auf, das uns beklemmte, weil sie, eingeengt durch jene unermeßliche schattige Schranke, die sich zu beiden Seiten von uns erhob, infolge des Dämmerlichtes, das sich von dem mit schweren Wolken bedeckten Himmel herabsenkte, noch düsterer und grauenerregender wirkte.
Blicke in die Taiga.
Jenes zahllose Volk von Bäumen schien zu leben und sich schweigend zu verteidigen, es schien den Willen zu haben, uns einzuschließen und zurückzuhalten. An den Windungen der Straße schlossen sich die Bäume vor uns und hinter uns zusammen, als rückten sie unmerklich vor, als versperrten sie uns den Weg und verlegten uns jeden Rückzug. Man hätte sagen können, sie bewegten sich, sobald wir sie nicht beobachteten. Immer wieder verlor sich der Weg im Dickicht; es war, als sei er von diesem verschlungen. Die rötlichen, gerade aufsteigenden, riesenhohen Stämme der Kiefern waren erhaben wie Säulen. Dichte, urwaldähnlich verschlungene Gebüsche drangen bis an den Saum der Straße vor und bildeten lange, undurchdringliche Gehege, die die jungfräuliche Majestät des Waldes beschützten. An einer Stelle sprang ein großer Wolf, durch das rasche Nahen des Automobils überrascht, in eilendem Laufe quer über den Weg; wir störten das Urwaldsleben der Taiga.
Mitunter wurde der Wald lichter, wir stießen auf Blößen, dann auf Wiesen und in den Tälern auf einsame Dörfer, deren Bewohner im und vom Walde leben, umgeben von unermeßlichen Holzstößen, die vielleicht für den Eisenbahnbau bestimmt sind. Es waren Dörfer von häßlichem Aussehen; sie schienen zufrieden, daß sie nichts von der Welt wissen und ihre eigene Welt sind, und waren bewohnt von blonden Holzhauern von athletischem Körperbau. Diese Menschen sind Freunde und Feinde der Taiga; sie lieben und bekämpfen sie, strecken ihre riesenhaften Stämme zu Boden und glauben an die poetischsten Waldmärchen; die Bäume sind ihre Gefährten und ihre Opfer. In der Nähe der Isbas reihen sich, die Deichseln wie zwei Arme emporgereckt, riesige Wagen aneinander, die zum Fortschaffen der Stämme dienen, und ringsherum weiden Pferde, die vor dem Automobil scheuen und in langen Galoppsprüngen davonstürmen.
Eine Überraschung wartete unser. Mit einem Male erblickten wir zwischen den Zweigen die Telegraphenpfähle, und bald darauf befanden wir uns wieder dicht an der Eisenbahn. Ein langgedehntes Pfeifen erscholl, und ein Zug holte uns mit lautem Keuchen ein. Einige Minuten lang fuhren wir Seite an Seite mit dem Zuge. Aus den Fenstern grüßten uns die Reisenden und riefen uns Abschiedsworte zu. Aber bald entfernte uns unser Pfad wieder von der Eisenbahn, und wir befanden uns von neuem in tiefer, unberührter Stille. Es war für uns eine flüchtige Berührung mit der Welt gewesen inmitten jener Waldeinsamkeit; die Menschheit hatte uns in dem Schweigen des Waldes einen kurzen Ermutigungsruf zukommen lassen.
Am Nachmittag brach ein heftiges Gewitter los. Die Blitze zuckten, und der Donner hallte beständig von Tal zu Tal wider. Die Straße füllte sich mit Wasser, und der strömende Regen hüllte alles in einen dichten Schleier. Bei dem Dorfe Taitisk setzten wir in einem Boote über den Fluß Birüssa, einen Nebenfluß der Tschuna, die wir am Morgen bei Nischne-Udinsk überschritten hatten. Reißend, angeschwollen und trüb wie ein großer Gebirgsstrom, rollte er seine Fluten dahin. Das Gewitter hatte sich verzogen, aber einige Stunden später, als wir in das Tal des Kan hinabfuhren, überraschte uns ein neues Unwetter. Auf einem großen Trajektboote, das dem auf der Selenga bei Werchne-Udinsk ähnlich war, setzten wir über den Kan, während dieses neue wütende Gewitter im bleichen Scheine der Blitze tobte.
In einer Lichtung der Taiga.
Im Kan trafen wir den ersten Fluß, der sich in den Jenissei ergießt. Wir hatten endgültig das Becken der Angara verlassen und betraten Mittelsibirien. Kansk am Ufer des Kan erwies sich als eine Stadt. Es lag ein Anstrich von Großartigkeit über ihr, der von zwei Dingen herrührte: von dem Nebel, der die Umrisse der Stadt undeutlich machte und vergrößerte, und von der Anwesenheit einer gewerblichen Anlage am Ufer des Flusses. Ein junger Mann, dem Aussehen nach ein Student, der sich ebenfalls auf dem Fährboot übersetzen ließ und der uns gegrüßt hatte, verstand das Wort „Fabrik“, das wir von jenem Gebäude mit den hohen Schornsteinen gebrauchten, und wandte sich an uns mit den Worten:
„Nein, es ist keine Fabrik.“
„Was ist es denn sonst?“
„Es würde besser für Kansk sein, wenn sie nicht bestünde. Sie verarmt das Land, statt es zu bereichern. Sie ist sein Verderb. Sie ist der Verderb Rußlands.“
„Nun also, was ist es denn?“
„Eine staatliche Schnapsbrennerei.“
Wir waren durchnäßt, als hätten wir den Fluß durchschwommen. Die Straßen des Ortes fanden wir überschwemmt und verlassen; nur ab und zu kam eine Droschke vorübergerumpelt. Wir kehrten in einem alten, aus Holz erbauten Gasthofe ein, dem besten der Stadt, wohin man das für uns angekommene Benzin und Öl brachte. Der Gasthof hatte keine andern Nachtgäste mehr; aber der Billardsaal im Erdgeschoß war gedrängt voll von Beamten, voller Lärm und Rauch. In der Nacht mischten sich in das weithin vernehmbare Rauschen des Regens das Stimmengewirr der Spieler und das Klappern der Billardkugeln.
Um 3 Uhr morgens waren wir schon wieder unterwegs. Wir wollten frühzeitig Krasnojarsk, das etwa 230 Kilometer entfernt lag, erreichen. Kurz vor der Abfahrt kam ein Polizeioffizier, um uns die Begleitung zweier bewaffneter Soldaten anzubieten.
„Unmöglich!“ bemerkte Borghese. „Sie würden uns nicht folgen können.“
„Nehmen Sie sie doch auf dem Automobil mit,“ riet der Offizier.
„Wir haben nur Platz für uns drei.“
„Wir haben erfahren, daß Räuber im Walde sind. Vor einiger Zeit überfielen die Revolutionäre eine Kaserne in Krasnojarsk, bemächtigten sich der Waffen und der Munition und öffneten die Tore des Gefängnisses. Im Gefängnisse saßen 70 Verbrecher, die alle ausbrachen. Bis jetzt sind von ihnen erst 30 wieder aufgegriffen worden.“
„Und die übrigen 40?“
„Die übrigen haben sich in kleine Banden geteilt und treiben sich in der Gegend des Jenissei umher. Sie tauchen bald hier, bald dort auf, aber wir haben keine Truppen verfügbar, um Jagd auf sie zu machen. Sie plündern öfters die Wagen auf dem ‚Trakt‘, im Walde. Zum Glück geht jetzt hier die Eisenbahn durch, und den wenigen Reisenden, die durch den Wald müssen, geben wir, wenn es achtbare Leute sind, Bedeckung mit.“
Auf der Straße durch die Taiga.
Ein Automobil anzuhalten ist eine etwas schwierige Sache, namentlich für den, der noch keins gesehen hat! Nur ein Unfall hätte uns den Räubern in die Hände liefern können. Übrigens war keine Möglichkeit vorhanden, die Soldaten mitzunehmen, und wir beabsichtigten nicht, aus Furcht vor einem möglichen Überfall mit der zu Fuß marschierenden Bedeckung Schritt zu halten und sieben Tage auf die Fahrt nach Krasnojarsk zu verwenden.
Von Myssowaja bis hierher hatten wir von nichts anderm als von den Räubern sprechen hören, und wir waren daher über diese Art Gefahren auf der Heerstraße etwas skeptisch. Die Bedeckung wurde dankend abgelehnt. Der Offizier machte eine Bewegung, als wollte er sagen: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“
Als Ersatz dafür baten wir wie in Nischne-Udinsk, auf den rechten Weg geleitet zu werden. In eine Stadt zu kommen, ist nicht so schwierig, wie aus ihr herauszufinden. Der Offizier stieg in eine Droschke und gab dem Kutscher, der im Galopp davonfuhr, einen Befehl. Wir folgten.
Außerhalb der Stadt verließ uns der Offizier und ermahnte uns:
„Seien Sie auf Ihrer Hut!“
Dieser 6. Juli war einer der schlimmsten Tage unserer Reise.
Wir wurden beständig von einem wolkenbruchartigen Regen verfolgt, von einer wahren Sintflut, die die Wege der Ebene überschwemmte und die der Hügellandschaft aushöhlte und aufwühlte. Es war unmöglich, mit einer gewissen Schnelligkeit vorwärtszukommen, und sei sie für eine Maschine von 50 Pferdekräften noch so bescheiden. Das Automobil glitt aus, es konnte sich auf dem klebrigen Moraste nicht halten; die Laufräder hörten streckenweise auf zu greifen und drehten sich in tollem Wirbel heulend herum, Straßenschmutz und Wasser in die Luft schleudernd. Es ist unmöglich, einen Begriff von dem Zustande der sibirischen Straßen bei einem solchen Regen zu geben.
In den Dörfern, wo die Herden mit ihren Tritten den Boden uneben machten, ist der Morast tief und weich. Die Räder versinken darin bis an die Naben, und der Schmutz spritzt um die Speichen herum. Auf weite Strecken hin trafen wir die sogenannte „schwarze Erde“ an, die sicher die fruchtbarste der Welt ist, aber auch die dem Automobilsport feindlichste. Die schwarze Erde wird von der tausendjährigen Verwitterung von Pflanzen gebildet; sie ist eine Art Moor, ein früherer Sumpf, der bei Regenwetter wieder zum Sumpfe wird. Sie ist mit organischen Bestandteilen gesättigt, seifenartig und leicht; wenn sie durchnäßt ist, gibt es nichts Schwierigeres, als im Gleichgewicht über sie hinwegzukommen. Das Automobil blieb stecken und zeigte einen bedauernswerten Ungehorsam gegen das Steuerrad: es drehte sich im Kreise herum, warf sich zur Seite, und oft hatten wir Mühe, es dicht am Rande tiefer Gräben zum Stehen zu bringen.
Eine Panne in der Taiga.
Wir waren noch nicht allzu weit von Kansk entfernt, als wir an eine kleine, mit schwarzer Erde bedeckte Anhöhe gerieten. Länger als eine Stunde mühten wir uns ab, darüber hinwegzukommen, indem wir alle Mittel versuchten, die die Praxis uns gelehrt hatte. Es war unmöglich. Müde und erbittert beschlossen wir umzukehren. Einige Werst entfernt befand sich ein Straßenübergang in gleicher Höhe mit dem Eisenbahndamm und dabei ein Bahnwärterhäuschen. Wir suchten Unterkunft bei dem Bahnwärter und ließen die Maschine auf der Straße stehen; es blieb uns nichts anderes übrig. Wir mußten warten, bis der Regen nachließ und die Straße trocken wurde.
Die Frau des Bahnwärters zündete den Samowar an, wir breiteten die Pelze und die wasserdichten Kleider rings um den warmen Ofen und setzten uns in das kleine Zimmer, finster und schweigsam wie Verurteilte. Seit unserer Ankunft in Sibirien hatten wir nur einen Tag gutes Wetter gehabt, und gerade an jenem Tage war eine Brücke mit uns eingestürzt. Hatte es nicht den Anschein, als verfolge uns ein tückischer Feind? Jeden Augenblick sahen wir zum Fenster hinaus. Es regnete immerzu. Der Himmel war dunkel und hing schwer herab. Es handelte sich nicht um Stunden, es handelte sich um Tage, vielleicht um Wochen.
Die Mittagszeit nahte heran. Der Bahnwärter zog seinen Mantel an, setzte die Mütze auf, nahm den Signalstab von der Wand und ging hinaus. Seine Frau eilte, die Schranken des Straßenüberganges zu schließen, und bald darauf donnerte ein langer Zug vorüber, der die Fensterscheiben erklirren und das Häuschen erzittern ließ. Er kam von Kansk. Der Wärter kehrte zurück, legte Mantel und Mütze ab, stopfte sich eine Pfeife und sagte zu uns:
„Das Wetter ändert sich nicht.“
„Ist denn der Sommer immer so in Sibirien?“
„Die ältesten Leute können sich eines derartigen Sommers nicht entsinnen. Seit zwei Monaten regnet es beinahe unaufhörlich. Noch nie haben wir im Juli solche Kälte und so viel Regen gehabt. Die Feldarbeiten sind unmöglich. Im Gouvernement Jenisseisk ist die Ernte vielfach vernichtet. Wir werden in diesem Winter Hungersnot haben.“
Wir konnten nicht unentschlossen sitzenbleiben, dem Vorbeifahren der Züge zusehen und in der Nähe eines Ofens Zigaretten rauchen. Wir mußten irgendein Mittel finden, über diese vermaledeite schwarze Erde hinwegzukommen, und mußten ein sinnreiches Mittel ausdenken, die Räder am Gleiten zu verhindern. Hierin lag das Problem. Auf diesen Straßen wären Zahnräder am Platze gewesen! Ettore ging hinaus und begann an der Maschine zu arbeiten. Er mußte einen Plan haben. Er war der Mann der Aushilfsmittel. Wir sahen ihn in der Tat die Ketten von den Winden abnehmen und sie um den Gummireifen des linken Laufrades schlingen. Die Idee war äußerst geistreich, und wir spendeten ihm rückhaltlosen Beifall.
„Jetzt wollen wir es einmal versuchen!“ rief der wackere Mechaniker, als er das mit der Kette umwickelte Rad, das er mittels der Winde vom Boden hochgehoben hatte, wieder auf die Erde stellte.
„Ja, wir wollen es versuchen!“
Wir sprangen auf unsere Sitze, und fort ging es.
In der Taiga.
Wenige Minuten später bekamen wir den Feind in Sicht. Das Automobil erklomm rasch die Anhöhe, die uns so oft zum Rückzuge gezwungen hatte. Ungefähr in der Mitte blieb die Maschine einen Augenblick unentschlossen stehen — aber nur einen Moment; die Kette riß wie eine Kralle den Boden auf, gelangte auf festen Boden und griff Zoll für Zoll weiter ein. Wir überwanden die Höhe und brauchten von nun an nicht mehr zu halten. Trotzdem mußten wir eine große Unannehmlichkeit mit Geduld und Ergebenheit ertragen. Die Kette wühlte eine außerordentliche Menge Schmutz auf und schleuderte ihn auf das Automobil und auf uns, so daß alles davon bedeckt wurde. Wir konnten nur mit Mühe die Augen offenhalten. In den Dörfern lagen in den Straßenschmutz eingebettet Stücke Holz, Zweige, Steine, die die Ketten herausbaggerten und uns auf den Rücken warfen. Aber wir kamen vorwärts! Wir hatten keine Furcht mehr, im Moraste steckenzubleiben. Der Regen, den ein eisiger, heftiger, schneidender Wind uns gerade entgegentrieb, peitschte uns das Gesicht.
Dutzende von Kilometern führte uns der Weg wieder in die Taiga zurück. Vom dunkeln Himmel herab sammelten sich oft die niedrighängenden Wolken um uns und umgaben uns mit einem dichten Nebel, in dem die Bäume des Waldes bizarre, gespenstische Gestalten annahmen. Die Massen der Tannen zeichneten sich in dunkeln, phantastischen Umrissen, mit ragenden Spitzen ab, die den Türmen und Giebeln, den Konturen schattenhafter gotischer Städte glichen. Niemals erblickten wir den Horizont klar. Alles rings um uns war undeutlich und blaß. Es blieben uns von den Gegenden, durch die wir kamen, nur verworrene, unbestimmte Erinnerungen wie von Dingen, die wir geträumt hatten. Genau erinnern wir uns nur an das wilde Rauschen der Bergströme, an das Niederklatschen des Regens auf die Bäume und an das Rieseln in den Gräben zu beiden Seiten der Straße — kurz, es ist uns ausschließlich das Bild fallender und fließender Wassermassen im Gedächtnis geblieben. Die Gießbäche waren angeschwollen und trüb, die Flüsse voll bis zum Rande.
Aber wir fanden überall Brücken. Eine von ihnen führte über die Kisbna, eine lange Brücke, die unter dem Anprall der reißenden Strömung, die gegen die Pfeiler drängte, in allen Fugen erzitterte.
Nach langen Stunden der Einsamkeit sahen wir mit einem Male drei wie Muschiks gekleidete, aber mit Gewehren bewaffnete Männer auf der Straße stehen.
„Sind das die vielbesprochenen Räuber?“ fragten wir uns, als wir sie erblickten.
„Oder vielleicht harmlose Zollwächter, die Jagd auf Schmuggler machen?“
Zollwächter oder Schmuggler: wir machten die Mauserpistole schußbereit und behielten jede Bewegung der drei im Auge. Die Männer ihrerseits beobachteten uns regungslos. Man sah, sie waren über ein so unerwartetes Zusammentreffen im Innern der Taiga aufs höchste erstaunt. Als wir 50 Schritt von ihnen entfernt waren, warteten sie nicht mehr. Sie flüchteten in das Gebüsch, wo sie stehenblieben und uns mit entsetzter Miene betrachteten. Sie waren so außer Fassung, daß wir ihnen mit vollem Erfolge die Börse oder das Leben hätten abverlangen können!
Es war 6 Uhr, als wir aus den Wäldern herauskamen und in dämmernder Ferne einen großen Fluß schimmern sahen, den Jenissei. Eine Stunde später langten wir an seinem rechten Ufer an, gegenüber den Glockentürmen und blauen Kuppeln von Krasnojarsk. Es ist ein prächtiger Fluß, der zwischen hohen, grünen Ufern breit und rasch dahinströmt, als hätte er Eile, sich von der langen Winterruhe zu erholen; er wird durchfurcht von Dampfern, durchschnitten von den leichten, eigenartigen heimischen Booten, die aus einem einzigen ausgehöhlten Baumstamme angefertigt sind. Vor der Stadt teilt sich der Jenissei in zwei Arme, über die wir auf großen, festen Trajektbooten übersetzten. Polizeibeamte erwarteten uns und geleiteten uns durch fast menschenleere Straßen nach einem Gasthofe. Krasnojarsk schlummerte in dem immerwährenden Lichtscheine der sibirischen Nacht.
Wir hielten uns einen ganzen Tag dort auf, einen langweiligen Sonntag, den wir im Gasthofe zubrachten, weil es draußen regnete, die Geschäfte geschlossen, die Straßen still waren und die Stadt ein verödetes Aussehen hatte, als sei die Bevölkerung vor irgendeiner drohenden unbekannten Gefahr geflohen. Wir stiegen immer wieder in den Hof hinunter, um einen Blick auf das Automobil zu werfen, das einem „großen Reinemachen“ unterzogen wurde. Es hatte es auch nötig; der Schmutz war in solcher Menge in die Öffnungen der Kühlvorrichtung gedrungen, daß er die freie Atmung dieser Lunge des Motors behinderte. Dem Schmutze schrieben wir auch jenen Zwischenfall mit der erhitzten Bremse zu, der uns bei unserer letzten Etappe zum Halten veranlaßt hatte. Dank der Polizei fanden wir in Krasnojarsk wie in den andern Städten unseren Ergänzungsvorrat an Brenn- und Schmiermaterial vor. Stets war es die Polizei, die es sich angelegen sein ließ, das Depot ausfindig zu machen und uns zu übermitteln, gleichgültig, ob am Tage oder in der Nacht.
Das Automobil war stets von Publikum umgeben, einem gewählten Publikum von Beamten und Offizieren, weil die Menge keinen Zutritt zu dem Hofe hatte. Nicht ohne Verwunderung trafen wir darunter auch Engländer an, zu denen wir im Gefühle einer Verwandtschaft aller Westeuropäer freundschaftliche Beziehungen anknüpften. Es waren Ingenieure, die von der bezauberndsten aller Tätigkeiten, der Goldgewinnung, nach Sibirien gelockt worden waren. In Krasnojarsk hört man von Gold in derselben Weise sprechen wie in Kalifornien.
Es scheint, als berge Sibirien unter den reichen Schichten fruchtbarer Erde noch ganz andere Reichtümer. Im Becken der Lena, des Jenissei, des Amur und vieler kleinerer Flüsse findet sich Gold im Überfluß. In der Goldgewinnung kommt Sibirien sofort hinter den Vereinigten Staaten, Australien und Transvaal. Dabei ist man noch gar nicht dazu gekommen, die Adern auszubeuten. Mit den einfachsten Mitteln sammelt und wäscht man den goldhaltigen Sand der Flußanschwemmungen. Seit einigen Jahren jedoch führt man die Arbeit nach rationelleren Methoden aus. Die Eisenbahn hat die Beförderung der komplizierten Maschinen des modernen Bergbaus möglich gemacht. Wegen der Maschinen, der Ingenieure und der Leitung der Arbeit hat man sich nach England gewandt, dem Lande der Meister in der Goldgewinnung. Aber auch abgesehen vom Golde hat Krasnojarsk früher unmittelbare Beziehungen zu England unterhalten, eigenartige Beziehungen, die in der Stadt beinahe die trügerische Hoffnung erweckten, ein Seehafen zu werden.
Fahrt über einen sibirischen Fluß.
Ein englischer Reeder namens Wiggins hatte den kühnen Plan gefaßt, in den wenigen Wochen — sechs oder sieben —, in denen das Nördliche Eismeer eisfrei ist, durch das Karische Meer zu fahren und in die Jenisseimündung einzudringen, um einen neuen Handelsweg nach Sibirien zu suchen. Im Jahre 1874 unternahm er diesen Versuch mit einem Schiffe namens „Diana“, und er gelang ihm; 1878 wurde die gewonnene Erfahrung in den Dienst der Praxis gestellt, und es wurden Waren an den Mündungen des Jenissei und des Ob ausgeschifft. Sieben Jahre später bildete sich eine englische Gesellschaft zum Zweck der regelmäßigen Organisation dieser Sommerschiffahrt. Die Geschäfte gingen aber schlecht, und die Gesellschaft löste sich auf, ebenso eine zweite Gesellschaft. Sibirien war noch nicht reif. 1895 aber, als die Eisenbahn in diesem unermeßlichen Gebiet die erste Entwicklung der Industrie hervorrief, bildete sich eine dritte englische Gesellschaft. Diesmal gingen die Geschäfte glänzend. 1898 kam eine neue Handelsflotte an. Die russische Regierung jedoch, die diese Unternehmungen anfangs durch Ermäßigung oder Erlaß der Zölle begünstigt hatte, zog später jede Begünstigung zurück, und seitdem ist es mit der Schiffahrt zu Ende. Krasnojarsk wird fortan kein Seehafen mehr sein!
Am Abend herrschte im Gasthofe gewaltiges Leben. Es fand eines jener großen sibirischen Bankette statt, welche an die Üppigkeit antiker Gastmähler erinnern.
Zwei unserer englischen Freunde stiegen am Morgen des 8. Juli früh 4 Uhr in eine Droschke und zeigten uns den Weg aus Krasnojarsk heraus. Braucht es noch einer besonderen Versicherung, daß es regnete? Einen Kilometer von dem Ort verabschiedeten wir uns von unseren Führern mit einem herzlichen „Good bye!“ und fuhren auf schauderhaften Wegen über leichte, grasbewachsene Anhöhen weiter. Es ging bergab und bergauf, wie wenn ein Kahn über die Täler und Kämme der Wellen tanzte. Es begann eine Fahrt, die der des gestrigen und vorgestrigen Tages glich, durch Wiesen und Wälder und kleine Strecken bebauten Landes in der Nähe der Dörfer; alles war naß, düster, traurig. Langsam verflossen die Stunden, langsam wurden die Kilometer zurückgelegt, und die kleinen Zwischenfälle der Reise, das komische Erstaunen der Muschiks, das Scheuen der Pferde, unsere Ankunft auf ländlichen Märkten, auf denen wir die lächerlichsten Verwirrungen anrichteten, vermochten nicht, uns aufzuheitern und uns zum Sprechen zu bewegen. Finster und verärgert saßen wir auf unseren Plätzen.
Mitunter empfanden wir einen wahren Haß gegen unser Geschick wie gegen einen Feind. Wir waren der Ansicht, daß ein feindlicher Wille uns absichtlich Schwierigkeiten in den Weg legte. Denn es waren nicht unvermeidliche Hindernisse wie die Gebirge von Kalgan oder der Lauf des Iro; nein, es waren Schwierigkeiten, die eine Stunde vor unserer Ankunft nicht vorhanden gewesen sein konnten und die eine Stunde später nicht mehr vorhanden sein würden. Sie schienen geschaffen, uns zu ermüden, uns zu erbittern. Wir befanden uns in der für gewöhnlich trockenen Jahreszeit, und doch hörte es nicht auf zu regnen. Diese Straßen hätten ausgezeichnet sein müssen und waren unpassierbar; ein sonniger Tag hätte sie in guten Zustand versetzt, und die Sonne kam nicht zum Vorschein. Unsere Berechnungen, unsere Voraussicht — alles war umgestürzt. Wir hatten geglaubt, in einem Tage von Krasnojarsk nach Tomsk zu gelangen, und wir würden drei, vielleicht gar vier dazu brauchen! Sibirien zeigte sich hartnäckig, als wollte es uns nicht durchlassen, und wir fühlten, wie sich unser gereizter Wille in Eigensinn verwandelte.
Gegen 9 Uhr gelangten wir an das Ufer eines Flusses, des Kemtschug, eines Nebenflusses des Tschulym, der seinerseits wieder ein Nebenfluß des Ob ist; es war bei Bolschaja, einem kleinen Dorfe, das den Namen des „großen“ führt.
Wir fragten nach dem Trajektboot, dem gewohnten Paravieda, das die Telegas übersetzt.
„Es war eins vorhanden,“ antworteten uns die Einwohner, die sich sofort um uns versammelten, „aber das Hochwasser hat es mitgerissen und zum Sinken gebracht. Es liegt eine halbe Werst von hier im Wasser.“
Wir fragten, ob eine Brücke in der Nähe sei. Die Landleute überschritten den Fluß auf einem gebrechlichen, zwei Hände breiten Stege, auf dem es schon gefährlich war, sich zu Fuß darüber zu wagen.
„Es war eine Brücke da,“ erklärten sie uns, „aber das Hochwasser hat sie zerstört.“
„Dann wird es wohl eine Furt geben.“
„Nein. Der Fluß ist in der Mitte über Mannshöhe tief, und man kann nicht hinüberwaten.“
So wollten wir die Eisenbahnbrücke benutzen, wie wir es in Transbaikalien getan hatten.
„Wo ist die Eisenbahn?“ fragten wir.
„Dort unten, zehn Werst von hier.“
„Gibt es eine Straße, auf der man hingelangen kann?“
„Nein.“
„Einen Fußweg?“
„Nein. Es ist lauter Wald, und man kommt nur zu Fuß oder zu Pferde fort.“
Wir waren ratlos. Ein kleiner Fluß wie der Kemtschug schlug uns ein Schnippchen! Wir rechneten aus, wieviel Zeit der Bau eines breiten, festen Flosses in Anspruch nehmen würde: es waren mindestens zwei Arbeitstage. Da griffen wir zu einem Gewaltmittel. Wir ließen den Starosten rufen.
Es war ein alter Muschik mit weißem Barte, bekleidet mit einem samtenen, mit Stickereien besetzten Armiak, der ihm das Aussehen eines heruntergekommenen Bojaren gab. Fürst Borghese überreichte ihm die amtlichen, vom Ministerium des Innern und dem Polizeidirektor des Kaiserreiches ausgestellten Schriftstücke, die allen Behörden befahlen, uns jede Hilfe und jeden Schutz angedeihen zu lassen, und sagte zu ihm in feierlichem Tone:
„Lesen Sie!“
Unglücklicherweise konnte der Starost nicht lesen und betrachtete würdevoll die Dokumente, die er verkehrt in der Hand hielt. Aber ein junger Mensch, der eine Militärmütze trug, nahm sie ihm aus der Hand und las sie den versammelten Einwohnern laut vor.
Der Starost verneigte sich tief. Was auf jene wackeren Leute den meisten Eindruck machte, war der Titel des Fürsten und seine Eigenschaft als Parlamentsmitglied.
„Er ist Mitglied der italienischen Duma!“ hörten wir sie in bewunderndem Tone wiederholen.
„Er ist ein Knjäs.“
„Er hat eine Podoroschnaja von der Regierung.“
„Es ist so gut, als wäre er ein Kurier des Kaisers!“
Der Starost fragte, was er tun solle. Der Fürst erwiderte ihm, er müsse unbedingt vor Abend noch in Atschinsk sein. Er müsse daher sobald wie möglich über den Fluß. Es wurde eine kurze Beratung unter den Muschiks gehalten, an deren Schlusse der Alte mit einer Verbeugung erklärte, er hoffe uns in einigen Stunden über den Kemtschug setzen zu können. Inzwischen lud er uns ein, in seiner Isba zu warten, wo uns seine Frau in den Ehrentassen Tee anbot.