Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt. Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns, bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher; kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich. Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch. Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr — bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend —, als man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.
Später holten wir die Sänften ein, die uns am Morgen überholt hatten. Die Maultiertreiber sprangen aus dem Sattel, um die aufgeregten Tiere zu beruhigen, die in jähem Schreck wild durcheinander rannten; die Sänften, die zuerst hin und her schwankten wie Nachen auf bewegter See, machten gegen den Willen der Insassen halt infolge der entgegengesetzten Meinungen, die die an das Gefährt gespannten Maultiere über die einzuschlagende Richtung sehr energisch betätigten. Wir konnten noch sehen, wie hinter den emporgehobenen und zur Seite geschobenen Vorhängen die würdigen Reisenden uns mit der Miene des tiefsten Erstaunens betrachteten, das nicht frei von Unwillen war; rasch fuhren wir an ihnen vorbei, indem wir ihnen ein freundliches Lebewohl zuriefen. Dies war unsere Rache.
Am Abend machten wir in einem reizenden Dorfe halt, in Schem-pao-wan, das von wahrhaft patriarchalischem Alter ist. Innerhalb der Mauern herrscht eine bezaubernde Ruhe, man hört nur das Gezwitscher der Vögel. An jeder Tür hängen an dem oberen Balken zwei bis drei Käfige mit singenden Wüstenlerchen; ihre Triller erfüllen die Luft. Es ist eine seltsame, durchdringende, volle, laute Musik, der die auf den Schwellen hockenden Bewohner schweigend lauschen. Die Mongolen bringen von ihren Ebenen Tausende dieser zierlichen gefangenen Sänger, für die die Chinesen eine große Vorliebe zeigen, auf den Markt. Die Chinesen geben ihren Stimmen den Vorrang vor jedem andern Ton, als ob sie in ihnen etwas Göttliches erkennten. Die überschwemmte Dorfstraße hat sich in einen Sumpf verwandelt, in dem sich die Häuser und das Blau des Himmels widerspiegeln. Seit uralter Zeit muß sich diese kleine Wasseransammlung zwischen den Häusern festgesetzt haben, weil man nichts zu ihrer Entfernung tut und Weiden Zeit gehabt haben, an ihren Rändern zu wachsen und ihren Durst in dem stillen Wasser zu löschen. Die Einwohner gehen auf erhöhten Fußsteigen um sie herum. Wagen kommen nicht in das Dorf.
Jetzt nähert sich ein kleiner Trupp, ein Bild aus alten Zeiten. Auf einem weißen, mit roter Seide aufgezäumten Maultiere reitet eine vornehme Dame vorüber, reichgekleidet in gestickte Gewänder, das Gesicht weiß und rot geschminkt, die kleinen Lippen blutrot gefärbt, den Hut mit Blumen geschmückt. Eine Figur, wie von einer chinesischen Vase. Die Pekinger Mode ist nicht bis hierher gedrungen; hier leben noch die Trachten vergangener Jahrhunderte. Vor und hinter der Dame schreiten Diener; sie begibt sich vielleicht zu einem Feste. Wir bleiben stehen, um sie zu beobachten, während sie eine kleine gewölbte Brücke überschreitet und bei unserem Anblick anmutig ihr Gesicht mit dem Ärmel bedeckt.
Wo ist das Tier?
Wir durchstreiften das Dorf, nachdem wir das Automobil in einer vor den Toren gelegenen Karawanserei eingestellt hatten. Als wir zurückkehrten, fanden wir den Hof mit Menschen, Kamelen, Wagen und Pferden angefüllt. Es waren Karawanen angekommen. Das Personal der Herberge eilte geschäftig hin und her. Hier wurden riesige Haufen Getreide für die Tiere abgemessen, dort trug man den Männern Schüsseln mit dampfendem Reis und hohe Berge von Weißbrot auf. In einem Winkel des Hofes nahm ein Zauberer mit Hilfe einer angezündeten Kerze und einiger magischer Worte Beschwörungen vor zum Zwecke der Heilung eines alten kranken Maultieres, das den Zauber inmitten einer schweigenden Zuhörerschaft resigniert über sich ergehen ließ. In den weiten raucherfüllten Küchen brannten alle Feuer, und bei dem rötlichen Lichte von Talgfackeln bewegten sich die Köche mit nackten, schweißigen Rücken wie die Schmiede in einer antiken Schmiedewerkstatt. Um das Automobil herum war wieder eine Menschenmenge versammelt, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, das Tier zu suchen. Wir stellten fest, daß der chinesische Bauer sich die rätselhafte Erscheinung am logischsten durch die Vorstellung eines Zugtiers erklärte. Nur hielten die Intelligentesten daran fest, daß es sich nicht um ein Pferd handle, sondern um irgendein unbekanntes, fabelhaftes Tier, das von uns gefangen gehalten werde, und wenn sie den rauhen Ton der Hupe hörten, so sagten sie: „Das ist seine Stimme.“
In diesem Jahrmarktstrubel tauchten zwei russische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett auf. Es war Militär der Gesandtschaft, das die russische Post nach Kalgan und Kiachta brachte. Sie kamen von Peking und überbrachten uns Nachrichten von den drei übrigen Automobilen, die, wie sie wußten, am Abend vorher in Pa-ta-ling angelangt waren. Sie hatten sie diesseits der Großen Mauer angetroffen; die Automobile hätten in Huai-lai übernachtet. Wir hatten seit frühmorgens 65 Kilometer zurückgelegt, 20 davon mit dem Motor. Wir waren den andern also um 35 Kilometer voran; in Kalgan würden sie uns einholen.
„Das Abendblot ist angelichtet!“ hörten wir rufen. Pietro stand neben uns, mit Schüsseln in den Händen, und lächelte uns hinter dem Dampf der ausschließlich von ihm bereiteten Speisen an. Pietro ist auch Koch.
Als wir später zwischen Abendessen und Zubettgehen vor unserem Zimmer saßen und einige Zigaretten rauchten, sahen wir den schwarzen Schatten hoher Berge sich von dem gestirnten Himmel abheben.
„Es sind die Berge von Ki-mi-ni“, bemerkte der Fürst.
„Also noch Aufstiege!“
„Und schwierige. Kalgan liegt jenseits.“
„Werden wir hinüberkommen?“
„Wer weiß! Morgen wird es einen heißen Tag geben.“
Und so war es.
Wir brachen auf, als es noch Nacht war.
Kaum ließ ein leichter Lichtschimmer — dem vom Monde ausgehenden gleichend — die Sterne im Osten erblassen. Es war schwer, den Weg zu unterscheiden. Der alte Aufseher der Kulis, der die Gegend kannte, ging voran, um das Gelände zu erkunden. Wir konnten es nicht wagen, mit dem Motor zu fahren, und im übrigen hatten wir nur noch wenige Kilometer in der Ebene zurückzulegen, ehe wir an die Gebirgspässe von Ki-mi-ni gelangten. Unsere Chinesen marschierten ohne Anstrengung weiter, mit dem raschen Gange des Maultieres, des Pferdes und des Esels gleichen Schritt haltend. Bei Sonnenaufgang befanden wir uns am Fuße eines gewaltigen, einzelnstehenden Berges, des Lien-ya-miao.
Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.
Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges, hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.
Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken, geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille des Gefängnisses.
Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben. Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden. Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.
Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.
Wir begannen hinaufzuklimmen.
Ankunft der französischen und des holländischen Automobils in Kalgan.
Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund. In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die andern zur Eile veranlaßten.
Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.
Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los, vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden, die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege. Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.
Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten. Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück, als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt, und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere Schulter.
Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund hinabzusenken.
Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war. Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt, es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft, die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle, Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen. Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.
Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war. Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten, die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren; zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab und versanken bis an den Leib.
In der Nähe des Dorfes stand die Straße unter Wasser. Zur Rechten und Linken dehnten sich von hohen Dämmen umgebene und trotzdem ebenfalls überschwemmte Reisfelder aus. Es gab keine Wahl; wir mußten durch. Unsere Leute entblößten ihre Beine und wateten in den Pfuhl hinein. Der Übergang schien trotz seiner Länge gut vonstatten zu gehen. Hoffnungsvoll maßen wir mit den Augen die Entfernung bis zum trockenen Lande. Noch zwei Minuten, und wir waren in Sicherheit. Das Wasser gurgelte unter unseren Schritten.
Mit einem Male blieb das Automobil stehen.
„Vorwärts, vorwärts!“ rief Ettore.
„Dummköpfe!“ riefen wir, „gerade in diesem Augenblick ausruhen zu wollen!“
„Weiter, weiter! Eine Rast ist jetzt verhängnisvoll. Wir versinken!“
Die Automobile im Hofe der Russisch-Chinesischen Bank in Kalgan.
Aber die armen Chinesen hatten nicht freiwillig haltgemacht. Sie begriffen die Gefahr sehr wohl. Sie zogen aus Leibeskräften und schrien vor Aufregung. Die drei Tiere stemmten die Hufe unter einem Hagel von Peitschenhieben ein und streckten ihre mageren Hälse vor. Die Seile waren gespannt, das Chassis ächzte. Vergebens. Die Maschine schien festgenagelt zu sein. Mehrmals wurde der Versuch, sie zu bewegen, wiederholt, bald langsam, bald heftig, in jeder Weise. Man mußte andere Mittel ausfindig machen. Wir schickten uns an, Ketten um die Bäume zu schlingen und Taue zu benutzen. Die Chinesen aber, die mit ihren nackten Füßen auf dem Grunde des Wassers hin und her tasteten, fühlten, daß die Räder an etwas gestoßen hatten. Pietro berichtete es uns.
„Großer Stein!“
Ein großer Stein? Die Hebel her! An die Arbeit! Wir waren entschlossen, selbst einen Berg zu zertrümmern, als die Kulis, die mit den Händen nach einem Ansatzpunkte für die Hebel suchten, erkannten, daß es sich nicht um einen Stein handle. Und Pietro erklärte:
„Große Wurzeln!“
In der Tat waren es die Wurzeln einer riesigen Weide, die ein wenig abseits stand, üppig grünend und so gleichgültig, als träfe sie nicht die geringste Verantwortung. Es war nichts anderes zu machen, als die Wurzeln mit der Axt abzuhauen. Eine seltsame und ganz neue Arbeit beim Automobilsport! Wer uns gesehen hätte, hätte geglaubt, wir wären mit dem märchenhaften Unternehmen beschäftigt, das Wasser zu spalten. Die Hiebe fielen regelrecht; ein in den Grund gesteckter Pfahl gab die Richtung an, in der sie geführt werden mußten.
Die abgehauenen Wurzeln wurden mit den Armen gefaßt, gezogen, herausgerissen, gezerrt und gedreht, bis die Räder völlig frei waren. Dann verließen wir rasch den Pfuhl und legten einige Kilometer ohne anzuhalten zurück, froh, wieder einen Weg zu finden, der, wenn er auch schlecht war, uns doch nicht heimtückisch mit unsichtbaren Gefahren bedrohte. Der Weg führte uns auf das sandige Flußufer zurück und wand sich dann von neuem zwischen Feldern, Hainen und Dörfern hindurch. An jeder Pfütze machten wir halt, um mit einem wohligen Gefühl Hände und Gesicht in das frische Wasser zu tauchen.
„Where do you go?“ — „Wohin wollen Sie?“
Diese Frage, die in englischer Sprache an uns gerichtet wurde, während wir an einem einsam und verlassen dastehenden Tempel vorbeikamen, bewirkte, daß wir uns mit der größten Verwunderung umwandten. Wir sahen nur einen Chinesen, der im Schatten eines Baumes saß und uns unverwandt betrachtete. War er es, der uns angeredet hatte?
„Wo wollen Sie hin?“ wiederholte er.
„Nach Kalgan. Und Sie, wer sind Sie?“
„Ich bin ein Ingenieur der Kalganer Eisenbahn.“
„Und was treiben Sie hier?“
„Ich studiere.“
„Was studieren Sie?“
„Die Kalganer Eisenbahn.“
„Viel Vergnügen.“
„Warten Sie doch!“
„Warum?“
„Ich will mich von Ihnen verabschieden.“
Und der wackere Ingenieur unterbrach das Studium der Kalganer Eisenbahn, das große Ähnlichkeit mit einem sanften Schlummer hatte, und kam würdevoll auf uns zu, um zu zeigen, daß er mit den fremden Sitten vertraut war. Er streckte uns allen die Hand hin, wiederholte: „Adieu, adieu!“ und kehrte in den Schatten seines Baumes zurück.
Wir machten halt, um in dem Wirtshaus des Dorfes Schan-schui-pu einige miserable Brotfladen zu essen. Mit einem Male hallte der Hof von dem Hufschlage zweier im Galopp ankommender Pferde wider. Wir sahen zwei chinesische Soldaten absteigen, zerlumpt, schmutzig, die Patronentasche am Gürtel, die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt, den Säbel an der Seite — das Ganze überragt von zwei Brigantengesichtern. Pietro lief herbei:
„Soldaten vom Mandarin von Hsin-wa-fu“, sagte er.
„Was wollen sie?“
„Sie kommen auf Befehl des Mandarinen, um uns anzusehen.“
Nachdem die Briganten uns betrachtet hatten, stiegen sie wieder zu Pferde und verschwanden.
Wir machten uns wieder auf den Weg. Nach kurzer Zeit nahm uns das Gebirge von neuem auf.
Zwei Felsbastionen mit einer Unzahl rötlicher Klippen kamen uns immer näher. Noch zwei Pässe! Und von neuem steile, sich zwischen den Steinblöcken hindurchschlängelnde Pfade.
Der Weg war der schlechteste von allen, die wir bisher zurückgelegt hatten. Wir hatten nicht sowohl mit der Schwierigkeit steiler und tiefer Abhänge zu kämpfen wie auf dem Lien-ya-miao, als vielmehr mit den uns von den rauhen, nackten Felsen entgegengestellten Hindernissen. Wir zogen über durchlöcherte Blöcke, Erhöhungen, Spalten, Zacken hinweg. Die Strömung des Wassers, der Huf der Maultiere und der breite Fuß der Kamele hatten in vielen Jahrhunderten kaum die gröbsten Unebenheiten auf dem engen Gebirgspfade geglättet. So langsam und vorsichtig das Automobil auch gezogen wurde, es schwankte fortwährend bei den Unebenheiten des Bodens, blieb bald mit dem einen, bald mit dem andern Rade stecken, rollte infolge der Höckerigkeit der Steine sprungweise zurück, versank mit den Radfelgen in tiefe Spalten. Und voller Besorgnis vernahmen wir das metallische Klirren des von dem Ziehen mitgenommenen Chassis, das leise Knarren des Holzes an den Rädern, eine Menge von dumpfen Tönen, die ich weiß nicht von welchem Teile der Maschine herrührten, das leise, kaum vernehmbare Klagen des Stahls, das von der Tätigkeit zerstörender Insekten hervorgebracht zu sein schien. Alle Verbindungen des Automobils erlitten eine Spannung, für die sie nicht bestimmt waren, und jene Geräusche kündigten unendlich kleine Verschiebungen, minimale Abweichungen an, die aber doch der Beginn einer verhängnisvollen Veränderung sein konnten! Es war das Skelett der Maschine, welches litt, welches ermüdete, und die Müdigkeit der Maschine wird durch kein Ausruhen geheilt.
An manchen Stellen war jeder Schritt ein Problem. Ettore ging zu Fuß voran, um die nächste Straßenstrecke besser beurteilen zu können; die Haut an seinen Händen war von dem Steuerrade abgescheuert, das über und über zitterte und der Kraft der Arme nicht gehorchte.
Mit einem Male lassen zwei Kulis schreiend das Seil los und fangen an sich zu raufen.
Alle übrigen verlassen gleichfalls die Arbeit und stürzen unter einem Höllengeheul auf die Kämpfenden zu. Der alte Aufseher bläst bis zur Atemlosigkeit in seine Pfeife, das Attribut seiner gehorsamheischenden Würde. Pietro schreit von der Höhe des Sattels herab ebenfalls. Wir wissen nicht, was wir denken sollen. Eine Meuterei, eine Revolte?
Wir stürzen auf die Unruhestifter los wie Wächter der öffentlichen Sicherheit auf die Teilnehmer an einer staatsgefährlichen Kundgebung und drängen uns mit Gewalt durch, bis es uns endlich gelingt, die ersten beiden Chinesen, die sich inzwischen bei ihren Zöpfen gefaßt haben und einander voller Wut das Gesicht zerkratzen, am Kragen zu packen. Es sieht aus, als wenn Weiber sich stritten.
„Was gibt es?“ donnern wir. „An die Arbeit! Vorwärts!“
„Pietro, was ist geschehen?“
Der unbezahlbare Pietro erklärt es uns und bringt uns zum Lachen. Die beiden Chinesen hatten sich wegen einer Verletzung des Ehrgefühls geschlagen. Der eine hatte zum andern gesagt: „Du strengst dich nicht an, du arbeitest nicht; warum bist du überhaupt mitgekommen?“ Die Beleidigung war schwer. Der andere, ein Knabe von mädchenhaftem Aussehen, dem wir deswegen den Spitznamen „das Fräulein“ gegeben hatten, stürzte sich auf den Beleidiger, um ihn am Zopfe zu ziehen, was in den Augen eines Chinesen einen entsetzlichen Racheakt bedeutet. Die Gefährten waren eingeschritten, um den Streit zu schlichten.
„Pietro, wie wird die Sache enden?“
„Sie ist doch schon zu Ende,“ erwiderte er uns erstaunt; „wenn man einen am Zopfe gezogen hat, so ist alles zu Ende.“
Und in der Tat sehen wir unsere Helden, angeschirrt an ein und dasselbe Seil, ohne die geringste Spur von Groll wieder nebeneinander ziehen; von dem Streite haben sie kein anderes Andenken davongetragen, als einige blutige Risse, die sie sich von Zeit zu Zeit mit dem Ärmel abwischen.
Die Automobile an der Schwelle der Mongolei.
Die Schwierigkeiten des Weges nahmen plötzlich unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.
Der Pfad schlängelte sich zwischen Felswänden hin, die so nahe aneinanderstanden, daß wir sie auf beiden Seiten berührten, wenn wir die Arme ausbreiteten. Mit welcher Angst im Herzen zogen wir durch jene gewundenen Felsgänge! Es war uns, als müßte das Automobil hier eingeklemmt steckenbleiben. Umzukehren wäre unmöglich gewesen. Unten näherten sich die Felswände so sehr, daß eins der Räder immer ein wenig auf dem Felsenvorsprung fahren mußte. Die Maschine stand während des ganzen Marsches schief. Es bedurfte einer wunderbaren Sicherheit des Auges und der Hand, um sie zu lenken. Es handelte sich dabei um Zentimeter, ja um einen einzigen Zentimeter. Mitunter drehte sich Ettore, nachdem er die Bremsen heftig angezogen und die Maschine hierdurch zum Stillstand gebracht hatte, um und rief entmutigenden Tones: „Es geht nicht!“ Dann mußte man zur Spitzhacke greifen, einige Vorsprünge weghauen, messen, es noch einmal versuchen, indem man bei dem Rufe: „Man-man-ti!“ „Langsam!“ nur die Menschen allmählich anziehen ließ.
Die größere Gefahr bestand für die Hinterräder. Sie wurden derart unten eingeklemmt und zwischen die Füße der beiden Wände gepreßt, daß sie sich auseinanderzubiegen drohten wie die beiden Striche eines V. Wir fürchteten, daß die Speichen oder die Achse des Differenzialwerks brechen könnten. Als sie aber aus dem Engpaß herauskamen, nahmen sie zu unserer Freude wieder ihre parallele Stellung ein. Zuweilen konnte man jedoch nicht umhin, zu glauben, daß die Anhänger der kleinen Automobile recht hätten. Fünf Zentimeter weniger Breite, und wir wären mit geschlossenen Augen überall durchgekommen.
Der erste Halt in der Mongolei.
Bei einer Wendung hörten wir einen Stoß, begleitet von einem unheilverkündenden Knirschen. „Es ist vorbei!“ riefen wir angstvoll. Das Automobil war mit der einen Seite heftig angestoßen. Zum Glück hatte sich der Schaden auf die Schutzwand beschränkt, die zersplittert war, sowie auf den Tritt, der sich nach hinten gebogen hatte. Ettore wütete; er hätte die Hälfte seines Lebens darum gegeben, wenn er mit einem Schlage aus diesen Schluchten, die sich endlos hinzuziehen schienen, herausgewesen wäre.
Die Felsschluchten begannen mit sandigen Strecken abzuwechseln. Die Felsen wurden kleiner, der Sand nahm zu. Am Nordfuße der Berge haben die stürmischen Winde, die aus der Mongolei kommen, Dünen aufgetürmt und so die Klippen unter ihren eigenen zerriebenen Trümmern begraben. In den Tälern bildet der Sand weite, die Abhänge einebnende Flächen, die großen gelben Flüssen gleichen. Allmählich langten wir auf den abgerundeten Gipfeln jener Dünen an, und zwar auf Wegen, die durch den jahrhundertelangen Karawanenverkehr in den Sand getreten worden waren. Von da erblickten wir zum ersten Male die einem Ozean gleichende, in der Klarheit des Horizontes blau verschwimmende mongolische Hochebene.
Hier erwarteten uns endlose Steppen und die Wüste. Hier winkte uns die Eilfahrt, die Befreiung, das Leben des Okzidents.
Wir warfen die Hüte in die Luft und ließen in den klaren Himmel hinein einen Ruf der Begeisterung ertönen: Evviva!
Fünftes Kapitel.
An der Schwelle der Mongolei.
Die Neugier eines Mandarinensohnes. — Telegraph und Opium. — Im Kampf mit dem Schmutze. — Kalgan. — Zwischen Ta Tsum-ba und Tu-tung. — Fertig.
Die mongolische Ebene mit ihrer ozeanartigen Beschaffenheit hat die Eigentümlichkeit, daß sie sich höher erhebt als die höchsten Berge. Sie scheint von einer ungeheueren Flut emporgehoben worden zu sein, 1500 Meter hoch. Man hat gesagt, China sei das Land des Widersinns; hier hat man ein phantastisches Beispiel davon: die Berge unten und die Ebene oben. Unterhalb der unermeßlichen Steppen zeichnen sich die Berge von Kalgan ab mit den längs ihrer Kämme verstreuten Türmen der letzten Mauer.
Der Anblick dieses Horizontes, der in der Richtung unseres Zieles frei und offen vor uns liegt, flößt uns neuen Mut ein. Seit zwölf Stunden waren wir unterwegs, aber unsere Müdigkeit ist verschwunden. Vorwärts, vorwärts! Und eilenden Schrittes stiegen wir die steilen Abhänge der Dünen hinab in der Richtung auf die sandige Ebene von Hsin-wa-fu. Hinter uns verdämmerte in der Ferne der Lien-ya-miao, den wir am Morgen überschritten hatten.
Die Ebene ist bedeckt von alten Gräbern, einstürzenden Bogen, Steinen, baufälligen kleinen Pagoden. Wir näherten uns einer großen Stadt, und die Umgebungen der großen Städte sind dem Gedächtnis der Verstorbenen geweiht; der Tod heiligt alle, die hier bestattet liegen und deren Geister viel Bedeutung und viel Einfluß auf das Leben der Bewohner besitzen. Hsin-wa-fu ist die Hauptstadt des Bezirks und Sitz eines Gouverneurs; es hat eine Garnison und sogar ein kleines Fort, das nach dem Einfalle der Fremden errichtet und vorsichtigerweise in einem kleinen Erlengebüsch vor den Toren versteckt wurde.
Wir sahen die Mauern ihre Zinnen über die brennende Ebene erheben, zitternd im Widerprall der Sonnenstrahlen, als unsere Aufmerksamkeit von einer großen Staubwolke in Anspruch genommen wurde, die sich in der Richtung auf Hsin-wa-fu erhob. Nach kurzer Zeit bemerkten wir, daß sie von einer Anzahl Reiter herrührte, die im Galopp auf uns zusprengten und sich rasch näherten. Nach der Kleidung zu urteilen, waren es Chinesen jedes Standes. An der Spitze der Gruppe ritten die beiden verdächtig aussehenden Soldaten, die nach uns gesehen hatten, als wir in Schan-schui-pu die Brotfladen aßen. Diese Leute kamen also unsertwegen. Als sie in unsere Nähe gelangt waren, hielten sie, ohne sich im mindesten die Mühe zu nehmen, uns zu begrüßen, beobachteten uns einige Minuten mit offenbarer Unzufriedenheit, wandten dann ihre Pferde und sprengten mit verhängtem Zügel davon.
Einen Augenblick hatten wir uns mit der Hoffnung geschmeichelt, sie seien gekommen, um uns Gastfreundschaft anzubieten, und hatten uns für diesen Fall unseren ganzen Vorrat von chinesischen Begrüßungs- und Höflichkeitsformeln zurechtgelegt. Wir konnten uns nun dieses Reitermanöver nicht erklären. Pietro aber hatte Zeit gefunden, mit einem der beiden Soldaten zu sprechen, und belehrte uns:
„Haben gesehen jungen Mann gekleidet blaue Seide, zu Pferd vor allen andern?“ fragte er.
„Ja; nun, und?“
„Junger Mann sein Sohn des Mandarinen. Haben gesehen dicken Mann mit Brille und Strohhut wie mein Hut? Dicker Mann sein großer Gelehrter, Lehrer von Sohn von Mandarin. Andere sein Freunde, Beamte, Diener ...“
„Was wollten sie denn?“
„Wollen sehen laufen Automobil. Automobil nicht laufen, alle weggehen nicht zufrieden.“
Sie hatten nicht unrecht, diese alle, müssen wir gestehen. Es wird dem Sohne des Mandarinen von Hsin-wa-fu nicht alle Augenblicke die Gelegenheit geboten, die berühmte abendländische Maschine zu sehen, die rasch wie der Wind fährt. Und nun wurde die Ankunft des Ki-tscho amtlich aus Peking mittels einer telegraphischen Depesche des Wai-wu-pu gemeldet. Man weiß, daß einer von ihnen mit schwindelerregender Schnelligkeit durch die Dörfer und Flecken gerast ist und in Schem-pao-wan übernachtet hat. Soldaten werden zur Erkundung ausgeschickt und kommen, die Sporen in die Weichen der Pferde gedrückt, mit der Nachricht zurück: „Er ist da!“ Um ihn zu sehen, muß man einen weiten Weg machen, und es bildet sich eine regelrechte Expedition, die im Galopp davonsprengt. Das fremde Wundertier erscheint am Horizont, es nähert sich. Es scheint langsam anzukommen, vielleicht ist dies aber nur die Folge der Ungeduld. Noch kurze Zeit, und der Sohn des Mandarinen nebst Lehrer und Begleitern stoßen schließlich auf einen langsam sich bewegenden massiven Wagen, gezogen von einem Esel, einem Maultier, einem Pferde, die wiederum von einer willigen Schar von Söhnen des Himmels unterstützt werden! Nein, im Grunde hatten sie gar nicht so unrecht, wenn sie sich von uns sehr enttäuscht zeigten.
Beim Betreten der Vorstadt, die sich wie ein ungeordnet hinausgeworfener Teil der zu eng gebauten Stadt ausnimmt, erwartete uns eine große Menschenmenge, die durch das Kommen und Gehen der Reiterschar des Mandarinen neugierig geworden war. Sie umringte uns, wobei sie einen Höllenstaub aufwirbelte, und geleitete uns zu einer Karawanserei.
Unser Einzug glich mitnichten einem Triumphzug. Es wurde uns jener volkstümliche Empfang zuteil, wie er gewöhnlich wandernden Seiltänzergesellschaften bereitet wird; dasselbe Publikum, gutgelaunt, neugierig, zerlumpt, begierig auf den Beginn der Vorstellung und bereit, sich im Augenblick des Einsammelns zu zerstreuen. Wir betraten den Hof der Herberge, und die Leute drängten nach. Das Automobil hielt in der Mitte, und das Publikum bildete einen Kreis um dasselbe. Es gab keine Möglichkeit, die Leute zu entfernen. Was will man? Da draußen sieht man Europäer so selten, kommt so wenig mit ihnen in Berührung, daß man keine Möglichkeit hat, sie näher kennen zu lernen; deshalb haßt man sie auch nicht. Wir hatten ein wohlwollendes, geduldiges Publikum. Es interessierte sich für unsere Kleider, bewunderte uns vom Hute bis zu den Schuhen, lächelte beim Klang unserer Worte und wartete. Es wartete auf irgendein wunderbares Vorkommnis, würdig der Wesen, die für Wundertiere gelten; zum Überfluß erzählten unsere Kulis der Menge von den phänomenalen Leistungen des Ki-tscho.
Ettores Eigenliebe stand unter dem Druck mehrerer Atmosphären; er litt Qualen des unbefriedigten Ehrgeizes. Seitdem wir dem Sohne des Mandarinen begegnet waren, hätte er am liebsten die das Automobil ziehenden Menschen und Tiere losgeschirrt und wäre mit voller Geschwindigkeit in Hsin-wa-fu eingefahren. Schließlich fühlte er plötzlich das Bedürfnis einer Entladung; er drehte die Kurbel des Motors, faßte das Steuerrad und senkte den Auslösungshebel. Das Automobil schoß vorwärts und begann einen rasenden Lauf rund um den Hof, inmitten einer unbeschreiblichen Verwirrung, einer kopf- und besinnungslosen Flucht. Die Zuschauer wußten nicht, wohin sie sich retten sollten, sie liefen hin und her, als wären sie mit einem wildgewordenen Stier in einen Raum eingeschlossen. Aber bald sahen sie ein, daß der Stier abgerichtet war, daß er sich regelmäßig innerhalb des Kreises bewegte, daß er genau auf dieselben Punkte zurückkehrte und nicht die mindeste Absicht hatte, ein Blutbad anzurichten. Jetzt blieben sie stehen. Doch in diesem Augenblick drohte ihnen eine andere, bedeutend ernstere Gefahr. Sie war durch das Tor in Gestalt einer Schar mit Stöcken bewaffneter chinesischer Soldaten eingetreten, die unter dem Befehl eines Offiziers standen, der seinem Äußern nach mehr einem Kuli glich, aber mit goldenen Tressen geschmückt war. Die Stöcke erhoben sich über die Köpfe der Menge und sausten auch auf deren Schultern nieder. Doch nicht lange, denn nach wenigen Sekunden befand sich keine Schulter mehr im Bereich der Stöcke; der Hof war leer.
Unser chinesisches Publikum.
Nach diesem vollen Erfolge nahmen die Soldaten strategische Stellungen ein: zwei Mann am Tore, zwei zu beiden Seiten des Automobils, zwei als Wache auf der Straße, der Offizier in der Küche der Herberge. Der Mandarin von Hsin-wa-fu hatte mit Schutz und Verteidigung nicht gegeizt. Später schickte er einen Beamten mit der Frage, wann wir abzureisen gedächten. Konnte er diensteifriger sein, als er war?
In Hsin-wa-fu gibt es etwas, was ich nie vergessen werde: das Telegraphenamt.
Vor allem, weil ich vier Kilometer zu gehen hatte, um es zu finden, und natürlich vier Kilometer zurück, und an diesem Tage hatten wir bereits ihrer fünfzig zurückgelegt. In einer einsamen Straße innerhalb der Mauern senken sich die Telegraphendrähte von ihren Stangen herab auf ein Haus, das schweigend wie ein Tempel daliegt. In dem Tempel traf ich zwei Telegraphisten an, vertieft in eine wichtige, delikate Beschäftigung, die das chinesische Gesetz neuerdings verboten hat: sie rauchten Opium; sie waren auf dem Kang hingestreckt, hielten ihre klarinettenähnlichen Pfeifen in der Hand und waren eingehüllt in den duftenden schweren dichten Rauch des Betäubungsmittels.
„Kann ich ein Telegramm aufgeben?“ fragte ich höflich, nachdem wir die üblichen Grüße ausgetauscht hatten.
Tiefes Schweigen. Ich setzte mich. Nach einigen Minuten begann ich von neuem:
„Ich möchte ein Telegramm aufgeben ...“
Einer der Raucher näherte sich mir, machte sich im Zimmer etwas, ich weiß nicht was zu schaffen, ging zur Tür und rief, man solle den Tee bringen.
„Wollen Sie ein Telegramm von mir befördern?“ rief ich nochmals.
Jetzt begann ein Gedanke im Kopfe des kaiserlichen Beamten zu dämmern. Er betrachtete mich und sagte in einem halbwegs verständlichen Englisch:
„Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und Peking. Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei Stunden mit Peking. Von 7 bis 11 mit Kalgan und ...“
„Sehr schön. Mein Telegramm geht nach Europa. Nehmen Sie Telegramme nach Europa an?“
Tiefes Schweigen. Der Tee kam an. Ich trank eine Tasse davon, während ich mich daran machte, das Telegramm zu schreiben.
„Nehmen Sie also Telegramme nach Europa an? Ja oder nein?“
Der Beamte betrachtete mich gelassen, als habe er mich jetzt erst erblickt, und antwortete mit Seelenruhe:
„Europa? Wir stehen in direkter Verbindung mit Kalgan und mit ...“
„Und mit Peking, ich weiß, aber ...“
„Drei Stunden am Tage mit Kalgan und drei ...“
„Und drei Stunden mit Peking, ich weiß!“
„Von 7 bis 11 mit ...“
„Mit Kalgan, ich weiß, das genügt mir! Danke. Auf Wiedersehen!“
Ich stürmte wütend hinaus, Worte murmelnd, die wenn sie auch reich an energischer Ausdruckskraft sind, es doch nicht verdienen, mit Hilfe der Druckpresse verbreitet zu werden.