7. Kapitel.
Ein freier Tag.
1. Die Fußtour.
ercys Steifheit war wieder vergangen. Schon längst hatten ihn die Freunde eingeladen, am nächsten freien Tage mit ihnen einen Ausflug zu den schönen Seen zu machen, welche, von Waldstreifen umsäumt, in einiger Entfernung auf der Prärie ihre silbernen Spiegel ausdehnten. Dort gedachten sie sich mit Fischen, Schwimmen und Kahnfahren weidlich zu vergnügen.
Auch Großpapa Donnel und dessen gleichgesinnter Freund Georg Keenan hatten ihre Teilnahme zugesagt.
Da sie alle auf der ‚Ehrenliste‘ standen, so durften sie sich die Vergünstigung, allein auszugehen, unbedenklich versprechen.
Der ersehnte Tag kam, und gleich nach dem Frühstück sah man die kleine Gesellschaft, mit Fischgerätschaften ausgerüstet und mit Lebensmitteln reichlich versorgt, muntern Sinnes aus dem Hofe des Kollegs treten und die Richtung nach den Seen einschlagen.
„Welch ein prächtiger Morgen!“ sprach Keenan und atmete in langen Zügen die frische, kräftige Luft ein. „Man könnte beinahe poetisch werden!“
„O ja!“ sagte Percy entzückt:
„Du Aufschneiderchen!“ scherzte Donnel. „Wo sind denn die Berge und die Gipfel?“
„Ich dachte nicht an bestimmte Berge. Hier in Kansas giebt es ja nur niedrige Hügel. Aber die Verse kamen mir so von selbst in den Sinn, als Georg sprach: Welch ein prächtiger Morgen. — Seht doch, wie die Dächer des Städtchens im ersten Sonnenlicht zittern!“
„Wie Tennyson so schön in seinem ‚Sonnenaufgang in Maurach‘ sagt,“ fuhr Georg mit verstelltem Ernste fort;
Percy sah ihn stutzend an.
„Bist Du sicher, Georg, daß Tennyson dieses wirklich geschrieben hat?“
„Um die Wahrheit zu sagen, Percy, so ist es ein Produkt mehrerer Künstler, Tennyson hat die äußeren Umrisse des ersten Teiles gezeichnet, und ich fügte die pikanten Einzelheiten ein. Der zweite Teil aber ist von meinem Freunde Donnel hier.“
„Der zweite Teil kann sich sehen lassen,“ meinte Percy. „Aber er ist sicher noch länger; er hört viel zu plötzlich auf.“
„Da hast Du schon recht, Schlauberger,“ erwiderte der junge Poet. „Zu Hause will ich Dir die ganze Fortsetzung zeigen. Hier kann ich doch nicht anfangen zu deklamieren.“
„Obgleich der Morgen schon danach ist; alles so schön, so ruhig und klar! — Ich habe die frische Luft und den hellen Sonnenschein so gern. Du nicht auch, Tom?“
„Ja — ich denke,“ sprach Tom. Er war noch ganz in Staunen versunken, daß Percy über Gedichte mit solcher Sicherheit und Wortfülle zu reden verstand. Auch diese Frage war nicht ganz nach seiner Art. Wohl liebte auch er Sonnenschein und frische Morgenluft; allein es war ihm noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß man darüber auch sprechen könne. In diesem Punkte war er noch viel mehr ein Kind, als Percy, wie viel er auch sonst vor demselben voraus hatte.
„Wie weit sind die Seen vom Pensionat entfernt?“ fragte Percy.
„Ungefähr eine Stunde,“ erwiderte Harry.
„O wie schade! Ich dachte, wir wären gleich da! Aber jetzt muß ich schon wieder umkehren.“
„Wie? Umkehren? Warum?“ riefen alle.
„Ja! Eine Stunde hin und eine Stunde zurück, das halte ich nicht aus. Zu Hause durfte ich nie länger als zwanzig Minuten spazieren gehen. Mehr darf ich mir nicht zumuten. Ach es thut mir so leid! Ich dachte, es würde ein so schöner Tag, und jetzt ist es mit aller Freude vorbei!“
Betrübt setzte sich Percy auf einen großen Stein am Wege und begann sein Mißgeschick zu bejammern.
„Unsinn!“ sprach der kräftige Tom. „Niemand weiß, was er kann, bevor er es versucht hat.“
„O, ich brauche es nicht erst zu versuchen,“ versicherte Percy und schüttelte seine Locken zurück. „Ich weiß ganz genau, daß so etwas für mich zu viel ist.“
„Du Knäblein, du Würmchen, du Krabbelkäfer, du Zartpüppchen!“ zankte Donnel in gutmütigem Ärger. „Weißt Du, wofür ich Dich halte, wenn Du nicht mitgehst?“
„Ich hoffe für nichts Schlechtes,“ sprach Percy beklommen.
„Für eine Gans!“
„Das thäte mir sehr leid, Johann.“
„Aber ich thu’s.“
„Und ich auch!“ drohte Keenan.
„Und ich auch! Und ich auch!“ riefen alle zusammen.
„Ich will aber lieber eine Gans mit zwei gesunden Beinen sein, als ein Krüppel.“
„Ich bitte Dich, Percy,“ sprach jetzt Tom, „steh’ auf und geh’ mit uns! Thu’ es, um unsertwillen! Wenn Du müde wirst, werden Dich Donnel und Keenan tragen. Sie thun es gern und sind stark genug dafür.“
„Gut! ich will es wagen, weil es Euch freut. Aber Ihr sollt Euch meinetwegen keine Mühe machen.“
Also faßte sich Percy ein Herz, stand auf und schritt mit voran.
Auf einmal sagte Tom:
„Percy, Du bist im Irrtum.“
„Wie so?“
„Du sagtest ja, Du könntest nicht mehr aushalten, als zwanzig Minuten, und jetzt bist Du schon eine halbe Stunde auf den Beinen. Sieh nur meine Uhr!“
„Wirklich!“ rief Percy voll Freude. „Und ich fühle noch gar keine Müdigkeit!“
Nach weiteren zehn Minuten beschloß man mit Rücksicht auf Percy, eine Pause zu machen. Aber der wollte nichts davon wissen, bis ihn nach vergeblichen Überredungsversuchen Tom schließlich mit Gewalt auf einen Stein niedersetzte.
„Du hattest doch recht, Johann,“ sprach er zu Donnel, „daß Du mich für eine Gans halten wolltest, wenn ich nicht weiter ginge. Ich merke immer mehr, daß ich schrecklich einfältig bin.“
„Aber Du wirst auch schrecklich schnell gescheit,“ tröstete Johann Donnel.
Harry Quip bat jetzt Percy, eine Geschichte zu erzählen.
„Sehr gern; aber hier geht es nicht. Wir bleiben ja nicht lange hier sitzen.“
„Dann sing’ uns ein Liedchen!“ sprach Tom, und aller Augen richteten sich voll Erwartung auf Percy.
Percy lächelte, summte ein wenig leise vor sich hin, um seine Geige zu stimmen, und sang:
Die Zuhörer horchten mit sprachlosem Erstaunen. Noch nie hatten sie empfunden, wie jemand gleichsam seine Seele in den Klang seines Gesanges legt. Zudem waren sie, gleich Percy, mit einer einzigen Ausnahme Kinder irischer Familien, die mit großer Liebe an ihrem alten Vaterlande hingen. Ein Loblied auf Irland, in so vollendet schöner Weise vorgetragen, war deshalb für alle etwas Unwiderstehliches. Sie zogen im Geiste hin zu der grünen Insel St. Patricks, der Heimat ihrer Vorfahren, mit ihren spiegelhellen Seen und rauschenden Flüssen, mit ihren epheu-umrankten Ruinen, den Trümmern herrlicher Schlösser und Klöster, die, von Tyrannenhänden zerstört, den verjagten Kindern des Landes nachtrauern. Nicht alle konnten alles verstehen, aber alle waren so ergriffen, daß, als Percy geendet, niemand recht das Gespräch wieder aufnehmen mochte.
„Ich bin von französischer Abstammung,“ begann endlich Keenan, „und habe auch englisches Blut in meinen Adern. Aber heute ist kein Irländer auf der ganzen Welt für Irland mehr begeistert, als ich.“
Harry, Willy und Joseph schauten in ehrfurchtsvoller Bewunderung den kleinen Sänger sprachlos an.
„Percy, ich gäbe Dir alle meine Fertigkeiten,“ sagte Tom, „wenn ich auch so etwas könnte!“
„Ich habe es von meiner Schwester Elise gelernt. Es freut mich, daß es Euch gefällt. Ich habe noch einen großen Vorrat von schönen Liedern, und will singen, so oft es Euch Vergnügen macht.“