9. Kapitel.
Ein freier Tag.
3. Schwimmen und Rudern.
ie Gesellschaft begann jetzt ihre Fischerei von neuem und war vom Glücke begünstigt. Auch Percy warf seine Angel nicht vergebens aus. Zu seiner eigenen und seiner Freunde angenehmern Überraschung fing er noch acht kleinere Fische.
Tom zog seine Uhr.
„Jetzt wäre es wohl Zeit zum Schwimmen!“
„Ihr wollt doch hier nicht schwimmen!“ rief Percy voll Schrecken.
„Gewiß! Warum denn nicht?“
„Die Schildkröten könnten Euch ja in die Beine beißen! Hu!“ Und Percy schauderte.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ versicherte Tom. „Sie thun Dir nichts.“
„Mir, Tom? Mir? Ich darf mich nicht ins Wasser wagen. Ich kann ja noch gar nicht schwimmen.“
Tom ging zu einem der Ranzen, die man mitgebracht hatte und kam mit einer neuen Schwimmhose zurück.
„Hier, Percy, das ist von meiner Seite ein Gegengeschenk für die schönen Photographieen, die du uns neulich verehrt hast.“
Allein Percy legte die Hände auf dem Rücken zusammen, und sein Gesicht drückte nichts weniger aus als Freude oder Dankbarkeit.
„Aber, Percy, ist denn das die Art, ein Geschenk anzunehmen?“
Jetzt fühlte sich der fein erzogene Knabe an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Er zwang sich zu einem Lächeln und empfing die Gabe des Freundes mit seiner gewöhnlichen anmutvollen Verbeugung.
„Ich bin Dir wirklich sehr verbunden, Tom. Verzeihe mir, daß ich so spröde that! Es war mir ganz sicher nicht bedacht. — Wie nett sie ist! Kein Zebra hat so schöne, zierliche Streifen. Ich lege sie in mein Pult, und so oft ich sie sehe, will ich mich an Dich erinnern.“
Diese seltsame Verwendung einer Schwimmhose wollte Tom natürlich nicht gefallen.
„Es ist doch keine Photographie von mir!“ sprach er. „Gebrauchen sollst Du sie! Schwimmen ist nicht so schwer, wie Du meinst. Manche finden es leichter als Klettern.“
„Das Wasser ist so kalt, Tom! Ich bekomme sicher einen Schnupfen.“
„Nur, wenn Du zu lange drin bleibst oder Dich nachher nicht bewegst.“
„Und wir wollen Dich schon jagen,“ rief Quip, der eben ins Wasser gesprungen war und wieder auftauchte, vom See aus.
Aus Gefälligkeit gegen Tom beschloß Percy endlich, das Wagnis zu unternehmen. Er unterdrückte einen Schrei, als er den Fuß in das kalte Wasser setzte, hielt dann aber doch eine gute Zeit aus. Tom und Joseph Whyte blieben stets um ihn, bemühten sich, ihm einige Winke für seine ersten Schwimmübungen zu geben, und sorgten, daß er nicht an Stellen geriet, wo der See zu tief war.
Eben hatte Percy seine Kleider wieder angelegt, als ein lauter Juchzer seinen Lippen entfuhr. Ein kleines Boot, von Quip gesteuert und von Keenan gerudert, erschien an einem Ufervorsprung.
„O Georg! Harry! bitte, laßt mich auch hinein! Hurra! das wird lustig!“
„Was, Percy, Du willst in ein Boot?“ fragte Tom, der noch im Wasser war, mit ernster Miene. „Du weißt doch, wie leicht die Boote umkippen!“
„La, la! ich bin nicht bange!“ rief der Leichtfuß Percy. „Ich will rudern lernen.“
„Komm, spring’ hinein!“
Percy setzte sich zu Georg in die Mitte des Kahnes.
„Gieb mir auch ein Ruder, Georg!“
„Da! Nachher kannst Du sie beide bekommen. Aber versuch’ es erst mit dem einen. Vor allem mußt Du nun Takt halten lernen.“
„Giebt es hier Takt?“ fragte der Musiker.
„Und zwar Sieben-Elftel,“ erklärte der Steuermann lachend.
„Laß den Quip schwätzen, Percy! — Das Takthalten besteht darin, daß Du zu gleicher Zeit mit mir das Ruder einsetzest, anziehst und heraushebst.“
Percy heftete seine Augen auf Keenans Ruder und that richtig die ersten Ruderschläge.
„Wenn Du so fortmachst, Percy,“ sprach Quip, „so lernst Du auch bald, wie man eine Krabbe fängt.“
„So? wie geht das denn?“
„Du lernst es ganz von selbst, ohne Anstrengung, Du brauchst auch nicht dabei aufzupassen.“
„Wirklich?“ fragte Percy verwundert, und schaute zu Quip auf. Dabei wandte er naturgemäß seine Aufmerksamkeit vom Rudern ab; er tauchte nicht tief genug ein, zog aber doch mit gewohnter Kraft an. Infolgedessen fiel er nach hinten und würde sich den Kopf wohl arg angestoßen haben, hätte nicht Keenan, der dieses Mißgeschick erwartete, ihn sogleich am Knie ergriffen und festgehalten.
„Du kannst es! Du kannst es!“ rief Quip mit unsäglichem Vergnügen. „Das ist so ganz das richtige Krabbenfangen. Du brauchst Dich jetzt nie mehr zu üben.“
„Gewiß!“ sprach Keenan. „Die beste Anwendung dieser neuen Kenntnis ist, daß Du sie gar nicht anwendest.“
Percy brachte sich in die frühere Stellung, schüttelte die Locken zurück, rückte seine Mütze zurecht und begann fröhlich wieder zu rudern. Für Quips Neckerei aber nahm er, ohne es zu wollen, bald Rache. Als derselbe nämlich einmal über eine kleine Ungeschicklichkeit des Anfängers lachte, flog ihm von Percys Ruder eine gute Ladung Wasser in den offenen Mund und erstickte das Lachen, als wäre es ein winziges Feuerflämmchen.
Kurz darauf steuerte Harry ans Land, stieg aus und verschwand im Walde.
„Was hat er, Georg?“ fragte Percy.
„Er ärgert sich vielleicht.“
„O, das thut mir leid. Habe ich ihn beleidigt? Ich wollte es sicher nicht. Er ist ein so guter Junge.“
„Das ist er. Aber sieh dort zwischen den Bäumen den Rauch aufsteigen. Donnel oder Tom hat schon ein Feuer angezündet, um unser Mittagessen herzurichten, und Quip thut nichts lieber als kochen. Er ist meistens unser Oberkoch und Speisemeister, und wir sind mit seiner Thätigkeit sehr zufrieden.“
„So? das freut mich!“ sprach Percy. Auch er war in der edlen Kunst der Speisebereitung durchaus nicht unerfahren. Wie in anderen Sachen hatten ihm auch hierin die sechs Schwestern einige Fertigkeit anerzogen. Deswegen hatte er schon geglaubt, heute damit seinen Freunden einen Dienst leisten zu können. Allein jetzt sprach er gar nicht darüber, sondern beschloß, den Erzeugnissen von Harrys Kochkunst alle Ehre anzuthun.
Um ein Uhr setzte sich die Gesellschaft zum Essen nieder. Das Tischgebet bestand diesesmal bloß in einem andächtigen Kreuzzeichen.
Donnel konnte sich nicht enthalten zu fragen, woher wohl die Rosen auf Percys Wangen kämen.
„Von der Bewegung,“ erwiderte Keenan.
„Und davon, daß Du ein Junge wirst,“ fügte Tom bei.
„Ja,“ meinte Percy, „ich bin jetzt doch lieber ein Junge, als alles andere in der Welt. — Und welch einen Hunger ich habe!“
„Schwimmen und Rudern und Krabbenfangen macht immer Appetit, und ordentliches Kochen hilft nach,“ sprach Quip, der mit weißer Schürze geschäftig dastand, und mit großer Genugthuung seine Produkte verschwinden sah.
Der Nachmittag verflog in gleich angenehmer Unterhaltung.
Auf dem Heimwege aber that Percy sein Bestes, um mit Singen und Erzählen seine Freunde zu unterhalten. Von Müdigkeit zeigte er keine Spur, obgleich er doch den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war.
„Jetzt kann ich aber einen Riesenbrief an meine Schwestern schreiben. Ich erzähle ihnen, was ich alles schon gelernt habe: bockspringen, werfen, angeln, rudern, Krabben nicht fangen, und auch ein kleines bißchen Schwimmen.“
„Das glauben sie Dir gar nicht,“ meinte Donnel.
„O doch! Sie glauben mir alles, was ich sage.“
„Aber das Wichtigste hast Du ausgelassen,“ bemerkte Tom.
„Was denn?“
„Du mußt vor allem schreiben, daß Du auf einen Baum geklettert seist und doch nicht wüßtest, wie man das Klettern macht, Du könntest klettern, obgleich Du es nicht gelernt hättest.“