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Percy Wynn

Chapter 19: 13. Kapitel. Ist das ein Feigling?
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About This Book

A shy new pupil arrives at a boys' boarding school and slowly becomes part of daily life through friendship, tests of character, and steady moral development. He faces mischief, rivalries, pranks, games and sporting contests, as well as more serious incidents that lead to rescues, illness, and recovery. Episodic chapters mix adventure, quiet reflection, and communal celebrations to show how play, discipline, and peer relationships shape courage, loyalty, and conscience. Recurring companions both challenge and support him, and the school environment provides the framework for the youths' ethical formation and growing social bonds.

13. Kapitel.
Ist das ein Feigling?

Sobald Percy vom Hofe aus nicht mehr gesehen werden konnte, begann er zu laufen. Von seiner Steifheit fühlte er in der Aufregung nichts mehr. Niemand hätte bei seinem Anblick geglaubt, daß er zehn Minuten vorher sich kaum durch den Hof zu schleppen vermochte.

Ein paar Minuten rannte er dahin. Allein dann traten auch schon die ersten Zeichen der Ermattung ein. Sein Atem wurde kürzer, heftiger und lauter, und sein Herz fing an rascher zu schlagen.

„O mein Gott, mein Gott! Was soll ich anfangen?“ murmelte er, während sein Lauf sich in ein schnelles Gehen verwandelte. „Ich bin ja so schwach und müde! Und Tom und Harry sind in Gefahr! Mein heiliger Schutzengel, hilf mir!“

Doch während der ersten Viertelstunde schritt er immerhin noch rüstig voran, obgleich ein Ruf zu seinem unsichtbaren Begleiter fast jeden seiner Schritte begleitete.

„Ein gutes Viertel des Weges! Gott sei Dank! Jetzt mutig ans zweite!“

Mit einem neuen, innigen Gebete zu seinem Engel, den er mit dem Auge eines lebendigen Glaubens sich gegenwärtig sah, setzte er sich wieder in Trab.

Aber dieses Mal verließen ihn die Kräfte viel schneller. Um seine Leiden und Befürchtungen zu erhöhen, machte sich auch die frühere Lähmung wieder fühlbar. Jeder Schritt verursachte ihm Schmerzen. Sein Gesicht glühte vor Anstrengung und war von Schweißtropfen ganz bedeckt. Aber die krampfhaft zusammengepreßten Lippen und der feste, entschlossene Blick zeigten deutlich, daß ein starker, männlicher Wille in diesem schwachen Körper wohne. Jeder Schritt kostete Mühe und Pein, aber jeder Schritt wurde auch aufgeschrieben an jenem Orte, zu dem Pein und Müdigkeit keinen Zutritt haben, weil er der Wohnplatz ungestörten Friedens und seliger Ruhe ist.

Percys Schmerzen nahmen mit jeder Minute zu. Bald quollen ihm die Thränen aus den Augen und rollten die Wangen herab. Aber jetzt war es zum Umkehren schon zu spät. Jetzt konnte nur noch er, er allein, Tom und Harry retten. Und doch, wie heftig drängte es ihn, sich niederzulegen! Wie einladend erschien seinen Augen das verdorrte, herbstliche Gras!

„O, ich komme nicht weiter!“ dachte er. „Aber wenn ich nicht weiter komme, werden Tom und Harry — nein, ich halte aus! Vorwärts! So lange ich nicht umfalle, gehe ich voran!“

Abermals begann er zu laufen, und merkwürdigerweise hielt er jetzt länger aus, als das erste Mal, obgleich ihm der Schmerz einen Seufzer um den andern entpreßte.

Ein heftiger Luftstoß von Norden traf ihn, ergriff seinen Hut und führte ihn wirbelnd weg. Der Wind begann sein gefühlloses Spiel mit Percys Lockenhaar zu treiben; bald schlug er es ihm vor die Augen, bald ließ er es lang in der Lust flattern. Aber darauf konnte der Knabe nicht achten. Es galt ja Tom und Harry zu retten.

Ist das noch Mamas Herzkäferchen von Anfang des Schuljahres? Derselbe, der meinte sterben zu müssen, wenn er weiter als zwanzig Minuten gehe? Er ist es und ist es nicht. Diesen Opfergeist brachte er schon aus dem Elternhause mit; allein seine Körperkräfte hätten damals nicht ein Dritteil dieser Anstrengungen zu leisten vermocht.

Eine starke halbe Stunde war er nun schon unterwegs. Da stieß er in seinem peinvollen Laufe mit dem Fuße an einen Stein, daß er wankte und hinstürzte. Schwindel überkam ihn, und zugleich stieg das blinde, aber sehr mächtige Verlangen in ihm auf, liegen zu bleiben, wo er lag. Der Kopf sank ihm zur Erde; die Augen schlossen sich; er war beinahe bewußtlos. Tom und Harry schienen verloren. Da erschauerten plötzlich seine Glieder — vielleicht von der Kälte des nahenden Abends; er schlug die Augen auf, das Bewußtsein kehrte zurück.

„O Maria, hilf!“ stöhnte er.

Mit Aufbietung aller Willenskraft erhob er sich und nahm den Weg wieder unter seine Füße. Freilich schwindelte ihm noch, und sein Herz pochte laut hörbar. Aber er zwang sich voran — weiter, weiter!

Auf einmal entfuhr seinen Lippen ein Laut — es war kein Schrei — der Freude. Die Brücke, die Panibrücke war in Sicht, noch weit weg, aber in Sicht.

„O Gott sei Dank!“ sprach er oder versuchte er zu sprechen, denn die zersprungenen Lippen versagten ihren Dienst.

Abwechselnd gehend und laufend eilte er mit erneuertem Mute der Brücke zu. Je näher sie kam, um so mehr wuchs seine Hoffnung und ersetzte die schwindenden Kräfte. Noch ein Lauf — ein paar hundert Schritte — jetzt ist die Brücke erreicht.

Zitternd, atemlos, den Ausdruck des Schmerzes in dem von Schweißtropfen und Thränen überronnenen Antlitze langte er an; seine Kleider und selbst sein Haar waren mit Staub bedeckt. Da lehnte er, todmüde, aber innerlich frohlockend, an einen Pfosten und ließ sein Auge die Gegend auf und ab durchmustern. Doch von Tom und Harry gewahrte er nichts. Er zog die Pfeife hervor und setzte sie an die Lippen; sie gab einen starken, durchdringenden Ton. Allein auch ihre Stimme blieb ohne Antwort. Kein Laut unterbrach die Einsamkeit der Prärie; keine Bewegung gewahrte er, als das träge, schleichende Wasser des Flusses.

Er wollte weiter gehen. Aber wohin? Den Fluß hinauf oder hinab? Noch nie hatte ihn ein Spaziergang an diesen Fleck der Prärie geführt. Er wußte auch nicht, welche Plätze für Tom und Harry eine besondere Anziehungskraft besaßen, so daß er sie dort hätte aufsuchen können.

Da fiel ihm ein, daß die beiden Freunde ja vom Flusse aus über die Prärie heimgehen wollten, und daß dieser Weg bei weitem der kürzere sei. Das konnte aber nur der Fall sein, wenn sie sich weiter stromaufwärts befanden. Ohne Zögern machte er sich also wieder auf.

In einer Entfernung von ungefähr tausend Schritten sah er eine leichte Erhöhung, von deren Scheitel er sich einen Rundblick über die Ebene und namentlich über das Flußufer versprach. Dorthin schleppte er sich also mit Einsetzung aller Kräfte, welche Liebe und Hoffnung in den erschöpften Gliedern noch rege machen konnten. Auf halbem Wege sah er sich gezwungen, einen Augenblick zu rasten; es kam ihm vor, als drehe sich um ihn herum alles im Kreise. Er war nahe daran, abermals hinzusinken.

„Herz Jesu, gieb mir Kraft!“

Wieder konnte er sich voranschleppen. Noch ein paar Minuten voll Schmerz und Anstrengung, und er stand oben.

Zum Teil war seine Erwartung erfüllt; denn die Höhe gewährte eine ziemlich weite Aussicht. Allein die beiden Knaben vermochte er nicht zu entdecken.

Percy brach nicht in Thränen aus; sein Kummer war für Thränen zu tief. Sollten also trotz all seiner Anstrengung die lieben Freunde ihrem Schicksal nicht entrinnen?

Noch einmal durchschweifte sein ermattetes Auge den Gesichtskreis. Gegen Westen hin, nicht sehr nahe, hob sich eine langgestreckte Hügelwelle scharf vom klaren Abendhimmel ab. Standen nicht zwei Figuren auf ihrem Scheitel? Percys Sehkraft war zu sehr geschwächt, um das mit Sicherheit sagen zu können. Aber wenn sie es wären, was half es ihm? So weit reichte ja die Stimme eines Halbtoten nicht. Und womit könnte er sich ihnen sonst bemerklich machen? — Ach ja, die Pfeife. Wieder ließ er sie schrill und laut ertönen.

Wurde sie gehört? Wandten sich die zwei Gestalten, in denen er seine Freunde zu erblicken glaubte, bei ihrem Schalle um? Noch einmal pfiff er und versuchte mit letzter Kraft ihre Namen zu rufen. Armes Kind! Dein Rufen würde kaum ein Vögelchen aufscheuchen, wenn es auch gerade vor Dir säße.

Das Gefühl des Schwindels nahm zu. Percy wußte kaum noch, was er that. Er bückte sich nieder und suchte am Boden umher, wonach, das hätte er selbst nicht sagen können. Ein langer Stock, der wohl einmal als Angelrute gedient hatte, lag dort im dürren Grase. Percy ergriff ihn, nahm sein Taschentuch, knüpfte es hastig an das eine Ende desselben und schwenkte es dann hoch in der Luft hin und her, so lange, bis er wankte und ohnmächtig zu Boden fiel.