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Persönlichkeit

Chapter 7: DIE FRAU
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About This Book

Eine Sammlung von Essays untersucht das Verhältnis von körperlichem, geistigem und seelischem Selbst und fragt nach der Natur und dem Zweck der Kunst, wobei eine Kritik wissenschaftlicher Reduktion und der Festlegung enger ästhetischer Normen deutlich wird. Weitere Beiträge behandeln Erneuerung und Wiedergeburt, Ansätze zu persönlicher Bildung und Schulgründung, religiöse Betrachtungen sowie Überlegungen zur Stellung der Frau und zur Entwicklung der Persönlichkeit. Stilistisch verbinden die Texte philosophische Reflexionen mit persönlichen Einfällen und plädieren für eine Kunst als Ausdruck selbstloser Freude und unmittelbarer Lebendigkeit statt bloßer Zweckmäßigkeit oder dogmatischer Regeln.

Allein der Mensch hat noch eine tiefere Leidensquelle. Auch er muß seinen Lebensunterhalt suchen und sich gegen all die Feindseligkeiten der Natur und der Menschen behaupten. Aber das ist nicht alles. Das Wunder ist, daß der Mensch, der in derselben Welt geboren ist, wie die Tiere, der dieselben Lebensprobleme zu lösen hat wie sie, noch etwas anderes hat, um das er kämpft und sorgt, obgleich er es nie ganz zu erfassen vermag. Nur in flüchtigen Augenblicken spürt er seine unmittelbare Berührung, und mitten im Genuß seines Reichtums, in Luxus und äußerem Behagen, umgeben von allen Schätzen dieser Welt fühlt der Mensch doch immer, daß diese Dinge ihm nicht genügen, und aus der Tiefe seines Herzens ringt sich das Gebet, das er nicht an die Naturkräfte der Erde richtet, an Luft oder Feuer, sondern an ein Wesen, das er nur dunkel ahnt — das Gebet: „Rette mich, triff mich nicht mit dem Tode!“

Wir meinen damit nicht physischen Tod, denn wir alle wissen, daß wir sterben müssen. Der Mensch fühlt instinktiv, daß dies Leben nicht sein endgültiges Leben ist, daß er nach einem höheren Leben trachten muß. Und dann ruft er zu Gott: „Laß mich nicht in diesem Tal des Todes. Hier findet meine Seele keine Befriedigung. Ich esse und schlafe, und finde doch weder Sättigung noch Ruhe. Ich darbe mitten in all diesem Reichtum.“ Wie das Kind nach der Nahrung schreit, die aus dem eigenen Leben der Mutter quillt, so schreit unsre Seele nach der ewigen Mutter: „Errette mich vom Tode, gib mir Leben von deinem Leben. Ich darbe! Hier finde ich keine Nahrung, und der Tod breitet schon seine Schwingen über mich. Errette mich!“

Vī́śvāni deva savitar duritā́ni párā suva! [18]

O Gott, mein Vater, nimm diese Welt von Sünden von mir! Wenn dies Selbst alles für sich zu gewinnen sucht, dann stößt es sich beständig wund. Denn das Leben der engen Selbstsucht ist gegen seine wahre Natur; sein wahres Leben ist ein Leben der Freiheit, und daher verletzt es unaufhörlich seine Flügel an den Käfigwänden. Das Selbst kann in solchem Gefängnis kein Genüge und keinen Sinn finden. Es ruft aus: „Ich gelange nicht zu meiner Erfüllung!“ Es schlägt gegen die Stäbe des Käfigs, und seine Schmerzen sagen uns, daß nicht das Leben des Ichs, sondern das weitere Leben der Seele sein wahres Leben ist. Dann rufen wir: „Zerbrich dies Gefängnis, ich sage mich los von diesem Ich. Zerbrich alle seine Sünden, all sein selbstsüchtiges Wünschen und Trachten, und nimm mich als dein Kind an, — dein Kind, nicht das Kind dieser Welt des Todes.“

Yád bhadráṃ tán na ā́ suva [19] ! Gib uns das, was gut ist. Sehr oft sprechen wir dies Gebet und bitten unsern Vater, uns das zu geben, was gut ist, aber wir wissen nicht, wie Furchtbares uns zuteil würde, wenn Gott uns unsre Bitte in vollem Maße gewährte. Es gibt nur sehr wenige unter uns, die, wenn sie erkennen, was das höchste Gute ist, noch darum bitten können. Nur der kann es, der sein Leben gereinigt und es aus den Ketten des Bösen befreit hat, der furchtlos Gott bitten kann, sein Werk an ihm zu tun. Er, der sagen kann: „Ich habe meinen Geist von allen selbstsüchtigen Impulsen und von aller Angst und Sorge des engen Lebens im Ich befreit“, und nun kann ich voll Zuversicht beten: „Gib mir, was gut ist, in welcher Gestalt es auch sei, sei es Leid, Verlust, Schmach, Verlassenheit — ich werde es mit Freuden hinnehmen, denn ich weiß, es kommt von dir.“

Aber wie schwach wir auch sein mögen, dies muß unser Gebet sein. Denn wir wissen, daß, wer in Gott seinen Vater erkannt hat, alles, was aus seinen Händen kommt, willig hinnimmt, und müßte er auch in Leid und Elend versinken. Das ist wahre Freiheit. Denn Freiheit ist nicht da, wo nur äußeres Glück ist. Sondern wenn wir Gefahr und Tod, Mangel und Leid Trotz bieten können und uns doch frei fühlen, wenn wir nicht den geringsten Zweifel haben, daß wir in unserm Vater leben, dann kommt alles wie eine frohe Botschaft zu uns, und wir können es mit Demut und Freude empfangen und unser Haupt in Dankbarkeit beugen.

Námaḥ śambhavā́ya [20] .

„Anbetung dir, von dem alle Freuden des Lebens kommen.“ Wir heißen sie froh willkommen, all die verschiedenen Ströme der Freude, die du durch verschiedene Kanäle uns zuleitest, und wir neigen uns in Anbetung vor dir.

Mayobhavā́yaca.

„Anbetung dir, von dem die Wohlfahrt der Menschen kommt.“ Wohlfahrt enthält beides, Freude und Leid, Gewinn und Verlust. Dir, der du mit Schmerz, Sorge und Not unser Leben segnest, — dir sei Anbetung.

Námaḥ śivā́ya ca śivátarāya ca [20] .

„Anbetung dir, dem Gütigen, dem Allgütigen.“

Dies ist der vollständige Text. Der erste Teil ist das Gebet um Erkenntnis, daß wir nicht nur in der Welt der Natur, in der Welt von Erde, Luft und Wasser leben, sondern in der wahren Welt der Seele, in der Welt der Liebe. Und wenn wir erkannt haben, daß wir von dieser Liebe getragen werden, dann empfinden wir die Disharmonie unsres Lebens, das von Liebe nichts weiß. Wir empfinden sie erst, wenn wir Gott als unsern Vater erkannt haben. Aber sobald wir zu dieser Erkenntnis gekommen sind, fühlen wir die Disharmonie unsres Lebens so stark, daß sie uns vernichtet und wir dies Leben als Tod empfinden. Wir können es nicht mehr ertragen, sobald wir uns bewußt werden, daß die Liebe unsres Vaters uns umgibt.

Dann kommt das Gebet um Befreiung aus der Gewalt der Dinge und um das höchste Gut, um die Freiheit in Gott.

Und dann der Schluß. Wir beugen uns in Anbetung vor Ihm, in dem alle unsre Freuden sind, in dem die Wohlfahrt unsrer Seele ist, in dem das Gute ist:

Om, S̀āntiḥ, S̀āntiḥ, S̀āntiḥ. Om.


DIE FRAU

WENN die männlichen Geschöpfe ihrer natürlichen Neigung zum Kämpfen nachgeben und einander töten, so läßt die Natur dies zu, weil die weiblichen Wesen ihrem Zweck unmittelbar, die männlichen ihm dagegen nur mittelbar dienen. Sparsam, wie sie ist, liegt ihr nicht besonders an der Erhaltung der hungrigen Brut, die mit zänkischer Gefräßigkeit über alles herfällt und doch sehr wenig dazu beiträgt, die Rechnung der Natur zu bezahlen. Daher können wir beobachten, wie in der Insektenwelt die Weibchen dafür sorgen, daß die männliche Bevölkerung sich auf die kleine Zahl beschränkt, die zur Erhaltung der Art unbedingt notwendig ist.

Weil nun aber den männlichen Wesen in der Menschenwelt so wenig Pflichten und Verantwortung der Natur gegenüber blieben, so waren sie frei, anderen Beschäftigungen und Abenteuern nachzugehen. Man definiert den Menschen als das Tier, das Werkzeuge macht. Dies Werkzeugmachen liegt nicht mehr im Plan der Natur. Ja, durch unser Vermögen, Werkzeuge zu machen, sind wir imstande, der Natur Trotz zu bieten. Der männliche Mensch, der den größten Teil seiner Kräfte frei hatte, entwickelte dies Vermögen und wurde furchtbar. So ist es gekommen, daß, wenn auch auf den Gebieten des natürlichen Lebens das Weib noch den Thron behauptet, den die Natur ihr zuerkannt, auf geistigem Gebiet der Mann seine eigene Herrschaft errichtet und ausgedehnt hat. Denn zu diesem großen Werk brauchte er Bewegungsfreiheit und innere Ungebundenheit.

Der Mann machte sich diese verhältnismäßige Freiheit von physischer und seelischer Gebundenheit zunutze und ging unbelastet an die Erweiterung seines Lebensgebiets. Hierbei beschritt er den gefahrvollen Weg gewaltsamer Umwälzungen und Zerstörungen. Immer wieder wurde von Zeit zu Zeit alles, was er mit großem Fleiß angehäuft, hinweggefegt und der Strom des Fortschritts an der Quelle verschüttet. Und wenn auch der Gewinn beträchtlich war, so war im Vergleich damit der Verlust noch ungeheurer, besonders wenn man bedenkt, daß mit dem Wohlstand eines Volks oft auch seine Geschichte unterging. Aus diesen wiederholten Katastrophen hat der Mensch die Wahrheit gelernt, wenn er sie sich auch noch nicht völlig zunutze gemacht hat, daß er bei allem, was er schafft, das sittliche Gleichmaß wahren muß, wenn sein Werk nicht untergehen soll; daß ein bloßes unbegrenztes Anhäufen von Macht nicht zu wahrem Fortschritt führt; daß Ebenmaß des Baues und Harmonie mit seiner Basis zu wirklichem Gedeihen nötig sind.

Dies Ideal der Festigkeit und Dauerhaftigkeit ist in der Natur der Frau tief gegründet. Es macht ihr niemals Freude, nur immer weiterzueilen und dabei Pfeile eitler Neugierde mitten ins Dunkel hinein zu schießen. Sie wirkt instinktiv mit allen ihren Kräften dahin, die Dinge zu einer gewissen Vollendung zu bringen, — denn das ist das Gesetz des Lebens. Wenn auch in der Bewegung des Lebens nichts endgültig ist, so ist doch jeder Schritt desselben ein vollständiges rhythmisches Ganze. Selbst die Knospe hat ihr Ideal vollkommener Rundung, ebenso die Blume und die Frucht. Aber ein unvollendetes Gebäude hat nicht das Ideal der Ganzheit in sich. Wenn es sich daher unbegrenzt immer weiter ausdehnt, so wächst es über sein Maß hinaus und verliert das Gleichgewicht. Die männlichen Schöpfungen intellektueller Kultur sind babylonische Türme, sie wagen es, ihrer Basis zu trotzen, und stürzen daher immer wieder ein. So wächst die Menschheitsgeschichte auf Trümmerschichten empor, es ist kein ruhig fortschreitendes Wachsen unmittelbar aus der mütterlichen Erde. Der gegenwärtige Krieg gibt ein Bild davon. Die wirtschaftlichen und politischen Organisationen, die nur mechanische Kraft darstellen, die aus dem Intellekt geboren ist, sind geneigt zu vergessen, daß ihr Schwerpunkt in dem Mutterboden des Lebens liegen muß. Die Gier, Macht und Besitz anzuhäufen, die ihr Ziel niemals vollständig erreichen kann, die nicht im Einklang steht mit dem Ideal sittlicher und geistiger Vollkommenheit, muß schließlich mit eigener Hand ihren schwerfälligen Bau einreißen.

Im gegenwärtigen Stadium der Geschichte ist die Kultur fast ausschließlich männlich; es ist eine Kultur der Macht, welche die Frau abseits in den Schatten gedrängt hat. Daher hat diese Kultur ihr Gleichgewicht verloren und taumelt nur von einem Krieg zum anderen. Ihre Triebkräfte sind zerstörender Art, und ihr Kultus fordert eine erschreckende Zahl von Menschenopfern. Diese einseitige Kultur stürzt eben wegen ihrer Einseitigkeit mit ungeheurer Schnelligkeit von Katastrophe zu Katastrophe. Und endlich ist die Zeit gekommen, wo die Frau eingreifen und diesem rücksichtslosen Lauf der Macht ihren Lebensrhythmus mitteilen muß.

Denn die Aufgabe der Frau ist die passive Aufgabe, die der Erdboden hat, der nicht nur dem Baum hilft, daß er wachsen kann, sondern auch sein Wachstum in Schranken hält. Der Baum muß die Freiheit haben, sich ins Leben hineinzuwagen und seine Zweige nach allen Seiten auszubreiten, aber all seine tieferen Bande werden vom mütterlichen Boden geborgen und festgehalten, und nur dadurch kann der Baum leben. Unsre Kultur muß auch ihr passives Element haben, auf dem sie tief und fest gegründet steht. Sie muß nicht bloßes Wachstum, sondern harmonische Entfaltung sein. Sie muß nicht nur ihre Melodie, sondern auch ihren Takt haben. Dieser Takt ist keine Schranke, er ist das, was die Ufer dem Fluß sind: sie geben seinen Wassern, die sich sonst im Morast verlieren würden, dauernden Lauf. Dieser Takt ist Rhythmus, ein Rhythmus, der die Bewegung der Welt nicht hemmt, sondern sie zu Wahrheit und Schönheit rundet.

Die Frau ist in weit höherem Maße mit den passiven Eigenschaften der Keuschheit, Bescheidenheit, Hingebung und Opferfähigkeit begabt als der Mann. Die passiven Eigenschaften der Natur sind es, die ihre ungeheuren Riesenkräfte zu vollendeten Schöpfungen der Schönheit umwandeln, — die die wilden Elemente zähmen, daß sie mit zarter Fürsorge dem Leben dienen. Diese passiven Eigenschaften haben der Frau jene große und tiefe Seelenruhe gegeben, die so nötig ist, um das Leben zu heilen, zu nähren und zu hegen. Wenn das Leben sich nur immerfort ausgäbe, so wäre es wie eine Rakete, die in einem Blitzstrahl aufsteigt und im nächsten Augenblick als Asche niederfällt. Das Leben aber soll einer Lampe gleichen, die noch weit mehr Leuchtkraft in sich birgt, als ihre Flamme zeigt. Und die passive Natur der Frau ist es, in der dieser Vorrat von Lebenskraft aufgespeichert ist.

Ich habe an einer anderen Stelle gesagt, daß man bei der Frau des Westens eine gewisse Ruhelosigkeit beobachtet, die nicht ihrer wahren Natur entsprechen kann. Denn Frauen, die besonderer und gewaltsamer Anregung in ihrer Umgebung bedürfen, um ihre Interessen wachzuhalten, beweisen nur, daß sie die Berührung mit ihrer eigenen, wahren Welt verloren haben. Offenbar gibt es im Westen eine große Anzahl von Frauen, die, ebenso wie die Männer, alles, was gewöhnlich und alltäglich ist, verachten. Sie sind immer darauf aus, etwas Außergewöhnliches zu finden, und strengen alle ihre Kräfte an, eine unechte Originalität hervorzubringen, die, wenn sie auch nicht befriedigt, doch überrascht. Aber solche Anstrengungen sind nicht das Zeichen wahrer Lebenskraft. Und sie müssen den Frauen verderblicher sein als den Männern, weil die Frauen mehr als die Männer die Träger der Lebenskräfte sind. Sie sind die Mütter des Menschengeschlechts, und sie haben ein lebendiges Interesse an den Dingen, die sie umgeben, eben an den Dingen des alltäglichen Lebens; wenn sie dies Interesse nicht hätten, müßte die Menschheit untergehen.

Wenn sie dadurch, daß sie beständig Anregung von außen suchen, einer Art geistiger Trunksucht verfallen, so daß sie ohne ihre tägliche Dosis sensationeller Erregung nicht mehr auskommen können, so verlieren sie das feine Empfinden, das sie von Natur haben, und mit ihm die schönste Blüte ihrer Weiblichkeit, und zugleich die Kraft, die Menschheit mit dem zu versehen, was sie am nötigsten braucht.

Des Mannes Interesse für seine Mitmenschen wird erst wirklich ernst, wenn er sieht, daß sie besondere Fähigkeiten besitzen oder von besonderem Nutzen sein können, aber eine Frau fühlt Interesse für ihre Mitmenschen, weil sie lebendige Geschöpfe, weil sie Menschen sind, nicht weil sie einem besonderen Zweck dienen können oder weil sie eine Fähigkeit haben, die sie besonders bewundert. Und weil die Frau diese Gabe hat, übt sie solchen Zauber auf unsre Seele aus; die überschwängliche Fülle ihres Lebensinteresses ist so anziehend, daß sie allem an ihr, ihrer Rede, ihrem Lachen, ihrer Bewegung, Anmut verleiht; denn Anmut fließt aus dieser Harmonie mit dem Leben, das uns umgibt.

Zum Glück für uns hat unsre Alltagswelt die feine und unaufdringliche Schönheit des Alltäglichen, und wir brauchen nur unser eigenes Empfinden offen zu halten, um seine Wunder zu begreifen, die nicht in die Augen fallen, weil sie geistiger Art sind. Wenn wir durch den äußeren Vorhang hindurchblicken, so finden wir, daß die Welt in ihren alltäglichen Erscheinungen ein Wunder ist.

Wir erfassen diese Wahrheit unmittelbar durch die Gabe der Liebe, und die Frauen erkennen durch diese Gabe, daß der Gegenstand ihrer Liebe und Zuneigung trotz seiner zerlumpten Hülle und scheinbaren Alltäglichkeit unendlichen Wert hat. Wenn die Frauen die Teilnahme am Alltäglichen verloren haben, dann schreckt die Muße sie mit ihrer Leerheit, weil, nachdem ihr natürliches Empfinden abgestumpft ist, sie nichts mehr in ihrer Umgebung finden, das ihre Aufmerksamkeit beschäftigt. Daher schwirren sie von einer Tätigkeit zur anderen, nur um die Zeit auszufüllen, nicht um sie zu nützen. Unsre alltägliche Welt ist wie eine Rohrflöte, ihr wahrer Wert liegt nicht in ihr selber, sondern in der Musik, die der Unendliche durch ihr leeres Innere ertönen läßt, und die alle die vernehmen, welche die Gabe und die Ruhe des Gemüts haben, auf sie zu hören. Aber wenn die Frauen sich gewöhnen, jedes Ding nach dem Wert einzuschätzen, den es für sie selbst hat, dann können wir darauf gefaßt sein, daß sie wütend gegen unsern Geist Sturm laufen, um unsre Seele von der stillen Begegnung mit dem Ewigen fortzulocken und uns dahin zu bringen, daß wir versuchen, die Stimme des Unendlichen durch den sinnlosen Lärm rastloser Geschäftigkeit zu übertäuben.

Ich will damit nicht sagen, daß das häusliche Leben das einzige Leben für eine Frau sei. Ich meine, daß die Welt des Menschlichen die Welt der Frau ist, sei es die häusliche Welt oder sei es draußen im Leben, solange nur ihre Betätigung dort dem Menschen gewidmet ist, und nicht abstraktes Streben nach Organisation.

Alles rein Persönliche und Menschliche ist das Gebiet der Frau. Die häusliche Welt ist die Welt, wo jedes Individuum nach seinem eigenen Wert geschätzt wird; hier gilt nicht der Marktwert, sondern der Wert, den die Liebe gibt, das heißt der Wert, den Gott in seiner unendlichen Gnade allen seinen Geschöpfen beilegt. Diese häusliche Welt hat Gott der Frau zu eigen gegeben. Sie kann die Strahlen ihrer Liebe nach allen Seiten weit über ihre Grenzen hinaus leuchten lassen, ja, sie kann selbst aus dieser ihrer Welt hinaustreten, wenn der Ruf an sie ergeht, daß sie als Weib sich draußen bewähre. Aber eins ist gewiß, und diese Wahrheit darf sie nie vergessen: im Augenblick, wo sie geboren ist und die Mutterarme sie zuerst umschließen, da ist sie im Mittelpunkt ihrer eigenen, wahren Welt, in der Welt rein menschlicher Beziehungen.

Die Frau sollte ihre Gabe gebrauchen, durch die Oberfläche hindurch ans Herz der Dinge zu gelangen, wo in dem Geheimnis des Lebens ein unendlicher Reiz verborgen liegt. Der Mann hat diese Gabe nicht in dem Maße. Aber die Frau hat sie, wenn sie sie nicht in sich ertötet, — und daher liebt sie die Geschöpfe, die nicht wegen ihrer hervorragenden Eigenschaften liebenswert sind. Der Mann hat seine Pflichten in seiner eigenen Welt, wo er beständig Macht und Reichtum und Organisationen aller Arten schafft. Aber Gott hat die Frau gesandt, daß sie die Welt liebe. Und diese Welt ist eine Welt alltäglicher Dinge und Begebenheiten, keine Märchenwelt, wo die schöne Frau Jahrhunderte schläft, bis sie von dem Zauberstab berührt wird. In Gottes Welt haben die Frauen überall ihren Zauberstab, der ihr Herz wach hält — und dies ist weder der goldene Zauberstab des Reichtums, noch das eiserne Zepter der Macht.

Alle unsre geistigen Führer haben den unendlichen Wert des Individuums verkündet. Der überhandnehmende Materialismus der heutigen Zeit ist es, der die einzelnen den blutdürstigen Götzen der Organisation erbarmungslos opfert. Als die Religion materialistisch war, als die Menschen ihren Göttern dienten, weil sie ihre Tücke fürchteten oder dadurch Reichtum und Macht zu erlangen hofften, da war ihr Kultus grausam und forderte Opfer ohne Zahl. Aber mit der Entwicklung unsres geistigen Lebens wurde unser Gottesdienst der Gottesdienst der Liebe.

In dem gegenwärtigen Stadium der Kultur, wo die Verstümmelung von Individuen nicht nur geübt, sondern verherrlicht wird, schämen die Frauen sich ihres weiblichen Gefühls. Denn Gott hat sie mit seinem Evangelium der Liebe gesandt als Schutzengel der einzelnen, und in diesem ihrem göttlichen Beruf bedeuten ihnen die einzelnen mehr als Heer und Flotte und Parlament, mehr als Kaufhäuser und Fabriken. Sie haben hier ihren Dienst in Gottes eigenem Tempel der Wirklichkeit, wo Liebe mehr gilt als Macht.

Aber weil die Männer in ihrem Stolz auf Macht angefangen haben, lebendige Dinge und menschliche Beziehungen zu verspotten, so schreien eine große Anzahl von Frauen sich heiser, um zu beweisen, daß sie nicht Frauen sind, daß sie ihrem wahren Wesen treu sind, wenn sie Macht und Organisation vertreten. Sie fühlen sich heutzutage in ihrem Stolz verletzt, wenn man in ihnen nur die Mütter der Menschheit sieht, die ihren einfachen Lebensbedürfnissen und ihrem tieferen seelischen Bedürfnis nach Mitgefühl und Liebe dienen.

Weil die Männer mit salbungsvoller Frömmigkeit den Dienst ihrer selbstgefertigten Götzenbilder: Staat, Nation usw., predigen, zerbrechen die Frauen beschämt den Altar ihres wahren Gottes, der vergebens auf ihr Opfer dienender Liebe wartet.

Schon lange sind unterhalb der festen Rinde der Gesellschaft, auf die die Welt der Frau gegründet ist, Wandlungen vor sich gegangen. Neuerdings ist die Kultur mit Hilfe der Wissenschaft in wachsendem Maße männlich geworden, so daß man sich um das Wesen und die Eigenart der einzelnen immer weniger kümmert. Die Organisation greift über auf das Gebiet persönlicher Beziehungen, und das Gefühl muß dem Gesetz weichen. Es hat von männlichen Idealen geleitete Gemeinschaften gegeben, in denen der Kindesmord herrschte, der grausam das weibliche Element der Bevölkerung soweit wie möglich niederhielt. Dasselbe, nur in anderer Form, geschieht in der modernen Kultur. In ihrer zügellosen Gier nach Macht und Reichtum hat sie die Frau fast ganz aus ihrer Welt gedrängt, und das Heim muß von Tag zu Tag immer mehr dem Geschäftszimmer Platz machen. Sie beansprucht die ganze Welt für sich und läßt der Frau fast keinen Raum mehr. Sie schädigt sie nicht nur, sondern verhöhnt sie.

Aber der Mann kann durch seinen Machtwillen die Frau nicht ein für allemal zum bloßen Zierstück herabwürdigen. Denn sie ist der Kultur nicht weniger notwendig als er, vielleicht mehr. In der Entwicklungsgeschichte der Erde sind große verheerende Umwälzungen über sie hingegangen, als die Erde noch nicht die lockere Weichheit ihrer Reifezeit erreicht hatte, die allen gewaltsamen Kraftentfaltungen Trotz bietet. Und auch die Kultur des materiellen Wettbewerbs und des Kampfes der Kräfte muß einem Zeitalter der Vollkommenheit weichen, dessen Kraft tief in Güte und Schönheit wurzelt. Zu lange schon steht der Ehrgeiz am Steuer unsrer Geschichte, so daß der einzelne sein Recht erst jedesmal den Machthabern mit Gewalt entwinden und die Hilfe des Bösen in Anspruch nehmen muß, um das zu erlangen, was gut für ihn ist. Aber solche Zustände können immer nur eine Zeitlang dauern, denn die Saat, die die Gewalt ausgestreut hat, liegt wartend und heimlich wachsend in den Rissen und Spalten und bereitet im Dunkel den Zusammenbruch vor, der hereinbricht, wenn man es am wenigsten erwartet.

Obgleich daher in dem gegenwärtigen Stadium der Geschichte der Mann seine männliche Überlegenheit behauptet und seine Kultur mit Steinblöcken aufbaut, ohne sich um das Prinzip des wachsenden Lebens zu kümmern, so kann er doch die Natur der Frau nicht ganz in Staub zermalmen oder in totes Baumaterial umwandeln. Man kann wohl der Frau ihr Heim zertrümmern, aber sie selbst, ihre Art, kann man nicht töten. Was die Frau zu erlangen sucht, ist nicht nur die Freiheit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie dem Mann die Alleinherrschaft im Erwerbsleben zu entreißen sucht, sondern sie kämpft auch gegen seine Alleinherrschaft auf dem Gebiete der Kultur, wo er ihr täglich das Herz bricht und ihr Leben verödet. Sie muß das verlorene soziale Gleichgewicht wiederherstellen, indem sie das volle Gewicht ihrer Weiblichkeit der männlichen Schöpfung gegenüber in die Waagschale wirft. Der Riesenwagen der Organisation fährt kreischend und krachend auf der Heerstraße des Lebens dahin, Elend und Verstümmelung auf seinen Spuren zurücklassend, denn was kümmert's ihn, wenn er nur eilig weiterkommt. Daher muß die Frau in die zerquetschte und zertrümmerte Welt der Einzelwesen eintreten und sie alle als die Ihrigen in Anspruch nehmen, die Unbedeutenden und Unbrauchbaren. Sie muß die schönen Blumen des Gefühls liebend schützen vor dem tötenden Spott kalter, kluger Tüchtigkeit. Sie muß all das Ungesunde und Unreine hinwegfegen, das die organisierte Machtgier in der Menschheit hervorrief, als sie sie ihrer natürlichen Lebensbedingungen beraubte. Die Zeit ist gekommen, wo die Verantwortung der Frau größer ist als je zuvor, wo ihr Arbeitsfeld weit über die Sphäre häuslichen Lebens hinausreicht. Die Welt ruft durch ihre geschmähten Individuen ihre Hilfe an. Diese Individuen müssen wieder in ihrem wahren Wert erkannt werden, sie müssen wieder ihr Haupt zur Sonne heben dürfen und durch die erbarmende Liebe der Frau den Glauben an die Liebe Gottes wiedergewinnen.

Die Menschen haben die Widersinnigkeit der heutigen Kultur gesehen, die auf Nationalismus gegründet ist, d. h. auf Volkswirtschaft und Politik und den daraus folgenden Militarismus. Sie haben gesehen, daß sie ihre Freiheit und Menschlichkeit aufgeben mußten, um sich den ungeheuren mechanischen Organisationen anzupassen. So können wir hoffen, daß sie ihre kommende Kultur nicht nur auf wirtschaftlichen und politischen Wettbewerb und Ausbeutung gründen werden, sondern auf soziales Zusammenwirken aller Völker, auf die geistigen Ideale der Nächstenliebe und gegenseitigen Hilfe, und nicht auf die wirtschaftlichen Ideale des größtmöglichen Nutzungswerts und der mechanischen Tüchtigkeit. Und dann werden die Frauen an ihrem wahren Platz sein.

Weil die Männer so riesige und ungeheuerliche Organisationen zustande gebracht haben, sind sie zu dem Glauben gekommen, daß diese Macht, andere zu verdrängen, ein Zeichen von Größe und Vollkommenheit sei. Dieser Glaube hat bei ihnen so fest Wurzel geschlagen, daß sie schwer die Unwahrheit ihres gegenwärtigen Fortschrittsideals erkennen werden.

Aber die Frau kann mit ihrem unverfälschten Gefühl und mit der ganzen Kraft ihrer Menschenliebe an diese neue Aufgabe, eine geistige Kultur aufzubauen, gehen, wenn sie sich nur einmal ihrer Verantwortlichkeit bewußt wird; denn freilich, wenn sie oberflächlich und kurzsichtig ist, wird sie ihre Mission verfehlen. Und gerade weil die Frau von dem Mann beiseite gedrängt war und gewissermaßen im Dunkel lebte, wird ihr jetzt in der kommenden Kultur volle Entschädigung werden.

Und jene menschlichen Wesen, die sich ihrer Macht rühmen und mit ihrer Ausbeutung nirgends haltmachen wollen, die den Glauben an den wahren Sinn der Lehre ihres Herrn und Meisters, daß die Friedfertigen das Erdreich besitzen sollen, verloren haben, sie werden in der nächsten Lebensgeneration zuschanden werden. Es wird ihnen ergehen, wie es in den alten, vorgeschichtlichen Zeiten den großen Ungeheuern, den Mammuts und den Dinosauriern erging. Sie haben ihr Erbe auf dieser Welt verloren. Sie hatten Riesenmuskeln für ungeheure körperliche Leistungen, aber sie mußten Geschöpfen weichen, die weit schwächere Muskeln hatten und weit weniger Raum einnahmen. Und so werden auch in der kommenden Kulturperiode die Frauen, die schwächeren Geschöpfe — schwächer wenigstens nach ihrer äußeren Erscheinung —, die weniger muskulös sind und immer zurückstanden, immer im Schatten dieser großen Geschöpfe, der Männer, lebten, ihren Platz einnehmen, und jene größeren Geschöpfe werden ihnen weichen müssen.


FUSSNOTEN:

[1] Edward Robert Bulwer-Lytton, Sohn des Dichters Edward Bulwer und selbst Dichter, 1876-80 Vizekönig von Indien.

[2] pers. durbār oder darbār, Audienz, öffentlicher Empfang der mongolischen Fürsten.

[3] Taittiriya — Upaniṣad 2, 7, 1.

[4] Kabīr, einer der Begründer der neueren indischen Mystik, Sohn eines armen muhammedanischen Webers in Benares, lebte von etwa 1440 bis 1518. Ein Schüler Rāmānandas, verkündete er seine Religion der Gottesliebe, in der indische und muhammedanische Vorstellungen zusammenflossen, wurde von beiden Lagern als Ketzer verfolgt und schließlich 1495 aus Benares verbannt. Seine Lieder wurden aus schriftlichen Quellen und mündlicher Überlieferung von Kshiti Mohan Sen, einem Lehrer an Tagores Schule, gesammelt und in vier Bänden herausgegeben. Danach hat der Dichter selbst eine Auswahl ins Englische übertragen: Songs of Kabir. Translated by Rabindranath Tagore. London 1915. Kabir pflegt seine Lieder zu zeichnen, indem er am Anfang der letzten Strophe seinen Namen nennt (vgl. S. 89). — Die angeführte Stelle aus XVII, p. 62 f.

[5] S. Sādhanā S. 28. (Der Anfang Ṛgveda 10, 113, 1.)

[6] Die älteste erhaltene Kodifizierung der indischen Rechtssatzungen und Sitten; berühmtes Lehrgedicht, das unter dem Namen Manu's, des mythischen Vaters des Menschengeschlechts, geht.

[7] Eine der schönsten und der kürzesten Upanischaden (Texte der altindischen Mystik), gewöhnlich nach dem ersten Wort als Iśā-Upaniṣad bezeichnet. S. Sechzig Upanishads des Veda, aus dem Sanskrit übersetzt von Paul Deussen. (Leipzig 1905.) S. 523-8.

[8] Songs of Kabir (s. S. 32) LXXVI, p. 121.

[9] Ebenda XVII, p. 67.

[10] Der Schluss ist kaum richtig wiedergegeben. Genauer Deussen: „ja, ich sehe sie, deine lieblichste Gestalt; und jener dort, der Mann dort, ich bin es selbst!“ (Tagore: he is I Am.)

[11] Das vieldeutige Wort kratu ist eher mit Geist wiederzugeben.

[12] Songs of Kabir LXXXII, p. 129.

[13] Eṣāsya paramā gatiḥ,
Eṣāsya paramā sampat,
Eṣo 'sya paramo lokaḥ,
Eṣo 'sya parama ānandaḥ.
(Bṛhad āraṇyaka-Upaniṣad 4, 3, 32).

[14] Vgl. oben S. 76.

[15] Taittirīya-Up. 2, 7, 1.

[16] Mit Ausnahme der 4 ersten Worte die berühmte Gāyatrī (Ṛgveda 3, 62, 10), s. Sādhanā S. 15.

[17] Du bist unser Vater. Sei unser Vater! Anbetung sei dir! (bodhi kann „sei“ und „erwache, merke auf etwas“ bedeuten. Die Erklärung des Textes nimmt es in letzterem Sinne, zu dem Verb budh — erwachen, bewußt werden, wissen).

[18] Ṛgveda 5, 82, 5.

[19] Ṛgveda 5, 82, 5.

[20] Vājasaneyi-Saṃhitā 16, 41. Ebenso die folgenden Zitate.

70: „Sterben“ → „Streben“
# S. 189: „… zu unserem persönlichen Wesen kommen. so finden wir …“ Satzpunkt wurde durch Komma ersetzt.
# S. 199: nach „befreit.“ Anführungzeichen (“) wurde ergänzt.
# S. 218: „Wagschale“ → „Waagschale“

Dieser Text enthält eine Reihe von Zitaten, die in Sanskrit abgefasst und in lateinischer Transliteration mit Hilfe diakritischer Zeichen dargestellt werden. Sollte Ihr Browser diese Zeichen nicht sinnvoll anzeigen, ist es notwendig, eine Unicode-fähige Schrift zu verwenden.

Das Sanskrit-Zitat auf S. 197 wurde wie im ursprünglichen Text wiedergegeben. Das Originalzitat nach http://fiindolo.sub.uni-goettingen.de/gretil/1_sanskr/1_veda/1_sam/1_rv/rvpp_05u.htm lautet:

„viśvā ni deva savitaḥ duḥ-itāni parā suva yat bhadram tat naḥ ā suva“