Quant’ è bella giovinezza,
Ma si fugge tuttavia.
Chi vuol esser lieto, sia:
Di doman non c’è certezza.
und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche Stube zu tragen.
Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins Wirtshaus und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte und daß der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte nach dem greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf gegossen hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er längst tot und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank Waadtländer, hörte den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit dem Vater durch den Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter redete und gestikulierte, war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch nie. Fortwährend umgaben mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad, Rösi Girtanner, die Mutter, Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie ein schönes Bilderbuch, bei dem man sich wundert, wie schön und wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die in der Wirklichkeit nicht halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir vorbeigerauscht, vergangen, fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich in mir ausgezeichnet: ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis aufbewahrt.
Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich begrüßt, hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht. Es schien mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz erwachte, vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und rüttelte an meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der Föhn an einer zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im Hause aus. Ich stieg durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den See, machte den verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse Seenacht. Feierlich schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast völlige Mond hing in der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze des Schwarzenstocks erreicht. Es war so still, daß ich den fernen Sennalpstock-Wasserfall leise brausen hören konnte. Die Geister der Heimat und die Geister meiner Jugendzeit berührten mich mit ihren bleichen Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit ausgestreckten Händen und schmerzlichen, unverständlichen Geberden.
Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem Wahren und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum hatte ich in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und Schmerzen gelitten — ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen um eine traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?
Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte mich geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen wäre.
Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und es würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller, als ich merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror plötzlich und ich eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd und wach und sann über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle und was mir nötig wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das Herz des Daseins zu kommen.
Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?
Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn nie in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das Leben sauer gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der Mutter Tod allein gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich fast ganz vergessen. Ich mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett und ich stünde allein und verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen, die mir fremd geblieben war und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte.
So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich gab ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit ihm, las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die in Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich holte Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu vertreiben. Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und klagte endlich, als ich ihn fragte was ihm fehle: „Ich glaube, du willst deinen Vater nimmer ins Wirtshaus lassen.“
„Keine Rede,“ sagte ich, „du bist der Vater und ich der Bub und wie’s gehalten werden soll, ist deine Sache.“
Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir marschierten selbander zum Wirtshaus.
Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich, irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes abzuwarten. „Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?“ fragte ich den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen Achseln und lächelte schlau und abwartend: „Je, wie du willst!“ Ehe ich reiste, suchte ich einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie, ein Auge auf ihn zu haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur Besteigung des Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe überschaute ich Gebirg und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst entfernter Städte. All dies hatte mich als Knaben mit mächtigem Verlangen erfüllt, ich war ausgezogen mir die schöne weite Welt zu erobern, und nun lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so schön und so fremd wie je, und ich war bereit aufs neue hinüberzugehen und noch einmal das Land des Glückes zu suchen.
Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere Zeit nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück, besorgte das Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach Perugia voraus. Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort langsam und behaglich zu Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum freundschaftlichen Verkehr mit dem Volke keinerlei Künste zu verstehen; das Leben dieser Leute liegt stets an der Oberfläche und ist so simpel, frei und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen sich mit einer Menge von Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder geborgen und heimisch und beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe menschlichen Lebens nicht wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem schlichten Volke zu suchen.
In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein schadhaft gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum Leben zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil, mit den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den Ohrringen auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe von Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann ein silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch ihr jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen Rosenkranz mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte. Wenn sie dann zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den bewundernden Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag auf ihrem runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott versöhnten Seele.
Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den ersten Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen, lobte den Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und sensationeller Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und politische Fehden besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und balgten sich die Katzen, Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um meinen guten Ruf aufrecht zu erhalten, durchstöberte ich die Legende nach erbaulichen und rührenden Geschichten und freute mich, neben wenigen andern Bücher auch Arnolds „Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen“ mitgebracht zu haben, dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen Variationen in ein vulgäres Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben ein Weilchen stehen, hörten zu, plauderten mit, und oft wechselte so die Gesellschaft an einem Abend drei, vier mal, nur Frau Nardini und ich waren seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen Rotwein im Fiasko neben mit stehen und imponierte dem armen und mäßig lebenden Völklein durch meinen stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich am Gespräch von der Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und begannen an meine Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze machte noch überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter ihnen waren einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern des Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen verliebt, denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre Schönheit mir stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien. Öfter stellte sich auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn des Bäckermeisters, ein geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge Tiere nachahmen, wußte über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten voll von frechen und schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte, hörte er mit einer Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich nachher aber über die heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften Fragen, Vergleichen und Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und unverhohlenen Entzücken der meisten Zuhörer.
Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden an und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten. Ihr entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im voraus peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte sie ins Herz geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und Beobachtungen offen und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen Einkauf, wieviel ich bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht übervorteilt würde. Sie ließ sich die Lebensläufe der Heiligen erzählen und machte mich dafür mit den Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und der Küche bekannt. Eines Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich hatte zum rasenden Entzücken der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied gesungen und einen Jodler losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten den Klang der fremden Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf beim Jodeln auf und nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu sprechen. Die Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und seufzte sentimental, und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen Liebesgeschichten zu erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber meine Kahnfahrt mit der Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es war mir sonderbar, diese Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je ein Wort anvertraut hatte, nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft zu erzählen, angesichts der südlich schmalen steinernen Gassen und der Hügel, über welchen der rotgoldene Abend duftete. Ich erzählte ohne viel Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer würden lachen und mich necken.
Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.
„Ein so schöner Mann!“ rief eines der Mädchen lebhaft aus. „Ein so schöner Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!“
Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers Haar und sagte: „Poverino!“
Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als ich aber auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. „Nein, essen Sie selbst! Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück erzählt haben.“
„Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,“ sagte ein brauner Weinbauer.
„O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?“
„Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder hier, und sogar den Geliebten der Erminia.“
Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre bildete mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, diese Träume zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die behagliche Freundschaft zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise denken. Wäre nicht der Traum meiner zukünftigen Dichtung und die drohende Ebbe meiner Kasse gewesen, so wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht auch, gerade der Ebbe wegen, die Nardini geheiratet. Doch nein, was mich abhielt, war mein noch nicht vernarbter Schmerz um Elisabeth und das Verlangen sie wiederzusehen.
Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir vielleicht der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als ich je in der Heimat verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die Hand so herzlich und von so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die Leute gaben mir Früchte, Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in den Wagen und ich hatte das ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden, denen es nicht einerlei war, ob ich ging oder blieb. Frau Annunziata Nardini aber gab mir beim Scheiden einen Kuß auf beide Wangen und hatte Tränen in den Augen.
Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch war ich ein wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum Manne wünschte.
Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen. Auch sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung äußerer Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge, so peinlich sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich Elisabeth nicht haben konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und Denkweise blieb mir unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie ja nach wie vor, so viel ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die naive Heiterkeit meines Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus heilsam gewesen. Von jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und Schnurrige gehabt und mir nur die Freude daran selber durch Ironie verdorben. Nun ging mir allmählich der Blick für den Humor des Lebens auf und es schien mir immer möglicher und leichter, mich mit meinen Sternen zu versöhnen und mir von der Tafel des Lebens noch den einen oder anderen schönen Bissen zu gönnen.
Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und denkt nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder Rückkehr aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel kam und dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg ich von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und seither trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne wenigstens einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu lassen.
Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke betrachten lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und schließliches Verschwinden die Welt nicht groß erregen und beschäftigen. Man behält ein Lebensziel, einen Lieblingstraum im Auge, aber man kommt sich nimmer unentbehrlich vor und gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um ohne Gewissensbisse eine Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen, einen Vers zu pfeifen und der lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu werden. Bisher war ich, ohne daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, doch eigentlich ein Herrenmensch gewesen und hatte es weder an Selbstverehrung noch an der Mißachtung geringerer Leute fehlen lassen. Nun sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß im Kreise der Kleinen, Bedrückten und Armen das Dasein nicht nur ebenso mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer, wahrhaftiger und vorbildlicher ist als das der Begünstigten und Glänzenden.
Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau beliebte mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute mich den ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer verspäteten Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen Erfahrung hatte ich immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als müßten sie an den hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre grausame Freude haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen entehrenden und peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus dem Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu starken Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein gespannt werden, so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den Widerstrebenden in der zu jener Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage auf der Bank festzuhalten. Da dies Festhaltendürfen als Hochgenuß und große Ehre galt, wurden nur jeweils die sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen Tugendausbünde, der grausamen Wonne teilhaftig. Die spaßige Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich sogar ein paar mal in meine Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus Traumerfahrung weiß, wie elend einem in solcher Lage ums Herz ist.
VII.
Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. Ich konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich mein Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen Redakteur oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie haben, und nun diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen er mir Ereignisse mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er glaubte, sie würden mir Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein Scheunenbrand, dann der Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das Ergebnis einer Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen grotesk tönenden Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, denn es waren doch Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und mir und seit Jahren die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie erquickten mich auch als ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich besprach Monat für Monat manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen ländlichen Ereignissen an Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand.
Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der eine lebte nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen der Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von München eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen neurasthenischen Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen verächtlich und hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen und machte mich natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam nur ein verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner aber machte in einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten Wollen verkannt, stützte sich auf Zola und machte aus meiner verständnislosen Kritik nicht nur mir, sondern dem eingebildeten und prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen Vorwurf. Der Mann hatte damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen gesunde und würdige Zeit seines Literatenlebens gehabt.
Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer langen Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.
Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein Büchlein verliert nichts, wenn ich darüber schweige.
Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.
Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören, am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst geschaffen, sondern Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind. Ich wollte daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und gleich den Träumen unsrer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste Kern jedes Wesens ist dieser Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das wir in uns tragen, widerspricht und glaubt an den Tod.
Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur Natur Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die Kunst des Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen predigen. Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend mächtigen Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen, was für ein maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser und Städte täglich blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch schämet von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges Treiben entfaltet und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt. Ich wollte euch erzählen, welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich Einsamer und Schwerlebiger in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß ihr, die ihr vielleicht glücklicher und froher seid als ich, mit noch größeren Freuden diese Welt entdecket.
Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein und so voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht mehr fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich empfangen würdet, wenn sie zu euch kämen.
Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht, wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie ein heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt.
Ich wollte — ich wünschte — ich hoffte —, das klingt nun freilich komisch. Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß bekäme, wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt. Nicht nur im Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die ich auf Reisen und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar Wochen eines voll wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles Sichtbare in der Welt aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne Verbindungen. Es waren Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie enthielten in kurzen Worten lauter reale Dinge: Bilder aus Gassen und Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und Städten, erlauschte Gespräche von Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern, ferner Wetterregeln, Notizen über Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein, Pflanzen, Tiere, Vogelflug, Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich auch kurze Geschichten daraus bearbeitet und veröffentlicht, als Natur- und Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen zum Menschlichen. Mir war die Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder die Reise einer Wolke auch ohne menschliche Staffage interessant genug gewesen.
Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen, doch hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es möchte vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden. Nun sah ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen bevölkern müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug dargestellt werden könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole heute noch daran nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes und im Grunde Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend es ist, statt einer abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu studieren, und meine Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz neuen Bildern.
Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah, wie viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch, wie das viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich mich besonders gerne und häufig mit Kindern ab.
Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen als das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von der übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an allen meinen Bekannten dieselbe Erscheinung — das Ergebnis des Umstandes, daß jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während doch keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte ich an mir selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den Kern dringen zu wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich fand sie überall auch schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder unbewußt, lieber eine Rolle mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv kundgeben.
Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler bei mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich enttäuscht war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich suchte. Ich brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir weder das Volk der Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit Sehnsucht dachte ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde und Begleiter meiner vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen war ich viel gewandert und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen gefunden.
Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und studierte viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es kamen ein paar traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und Wünsche lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und wieder halbe Nächte beim Wein verbrütete.
Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben; doch war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte ich eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen.
Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein wenig nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit zollgroßen Ziffern in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei seinem Hantieren an einen mit Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern war ein kleines Handlexikon der Handwerksburschensprache. Man findet den kleinen Kartonband fast in allen deutschen Handwerksburschenherbergen, ein gut gemachtes und ergötzliches Büchlein.
Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch.
„Was gibt’s?“ frage ich.
„Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das wirklich studiert?“
„Studiert hab’ ich die Kundensprache auf der Landstraße,“ erwiderte ich, „aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.“
„Wahrhaftig!“ rief er. „Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze gewesen?“
„Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in mancher Penne übernachtet.“
Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen.
„Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?“ fragte ich ihn.
„Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht meine schlechteste Zeit.“
„Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?“
„Bloß einmal, in Durlach!“
„Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei einem Schoppen?“
„Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir hereinkommen und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie nicht bloß Schindluder mit mir treiben wollen.“
Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner gehen sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den Schreiner. Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte durch eine finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus die Treppe auf und ab und fand schließlich an einer Türe einen geschriebenen Schild mit des Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt in eine sehr kleine Küche, wo ein mageres Weib das Abendessen rüstete und zugleich über drei Kinder zu wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben und erheblichem Getöse erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die nächste Stube, wo der Schreiner mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß. Er knurrte bedenklich, da er mich im Finstern für einen zudringlichen Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab mir die Hand.
Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die Hausfrau eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an die Küche meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der Kocherei. Bei uns wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art Kleister verkocht, welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig zu essen ist. Auch hier war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben noch die Speise retten, indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und mich eiligst der Zubereitung selber annahm. Die Frau fügte sich und war erstaunt, der Reis gelang leidlich, wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe an und auch ich erhielt meinen Teller.
Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr, eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie sie in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem ärmlichen Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten hier keine Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe arme Leben auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb und viel zu gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren.
Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier das Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie mich auf Schulen schickten.
Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks, vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich der Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß mich hier statt der Salontöne Realitäten umgaben.
Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß und von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine sanfte Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir andere pilgerten langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten wir uns auf eine Bank, die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach und wir Männer überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof und den schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt und still und schien Sorgen zu haben.
„Wo fehlt’s, Meister?“ fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er sah mir verloren und traurig ins Gesicht.
„Sehen Sie’s denn nicht?“ fing er an. „Die Agi will mir sterben. Ich weiß es schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie hat ja immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran glauben.“
Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf.
„Sehen Sie,“ lachte er traurig, „Sie glauben ja auch nicht dran, daß das Kind durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle Jubeljahr einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der Herrgott ein Wörtlein mit mir reden will. ’s ist ja nur ein Kind, und gesund ist sie nie gewesen, aber weiß Gott, sie war mir lieber als die andern zusammen.“
Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt, umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen von den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine Seele und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und gab je und je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden, hörten Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher Abendhauch, die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme Luft, am Himmel ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben über, die Bäume hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still geworden. Sie dachten an die Engel der Mohnblüten, Nelken und Glockenblumen, indeß wir Alten an die kleine Agi dachten, deren Seele schon bereit war Flügel zu empfangen und uns kleine bange Schar zu verlassen.
In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen, konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen hübscher und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte und nun sahen wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für Wochen oder Tage unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu sprechen. Es war in der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und wußte von selber, daß er daran ging die Stücke für einen Kindersarg zusammenzusuchen.
„Es muß doch nächstens geschehen,“ sagte er, „und da mach ich es lieber nach Feierabend für mich allein.“
Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz. Es war ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz.
„Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für heute ist’s genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.“
Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis zum letzten Tage um sie her war.
Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und stark; der Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied, streichelte das Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling.
Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die Agi dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der unser Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und die Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof klang.
Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder, balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten uns unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen Engel im Himmel zu haben.
Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr und das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen Strom der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt suchte ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles längst auf dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich die heiße Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem Schreinershaus und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte. Früher wäre es mir ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt zu bleiben.
Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und ihrem Vater später von der Reise erzählen würde.
In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die Werke der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt in Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab gemieden, nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten Kneipen und Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen schönen Jahre denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte mir ihre Adresse. Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes Namen, sah an den Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die alten Zeiten mir lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus ihrem Schlaf mit leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild der geliebten welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben. Weiterschlendernd besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr Sommernachtfest begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in dessen Mansarde ich drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den Erinnerungen trat mir unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die neue Liebe war doch stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch stiller, bescheidener und dankbarer.
Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie fortwährend im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit denkend, und an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor welcher ich Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen. Die durch kein Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich nie so beglückend und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick der Wolke ruhig und dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der frühern Wirren und Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in mir fühlte — auch sie reifer und stiller geworden.
Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend.