Gottwerdung — Menschwerdung
Am Land unterbrach plötzlich ein Ruf den schweren Sterbegesang. Eine Stimme schrie: „Der weiße Gott verschont uns! Der weiße Gott ist freundlich!“ Und da brüllten alle und sprangen auf: „Der Priester muß hin! Er hat gelogen! Der weiße Gott ist freundlich!“
Der weiße Gott hat nicht alle getötet. Er hat eine Anzahl getötet, weil die sieben Dörfer seine freundliche Ankunft mit Speer und Pfeil empfingen. Peter war im Augenblick ein heiliges Tabu, gegen das alle gesündigt hatten. Der alte blinde Priester wurde, als man auszog, ihn zu töten, an einem Balken unter seinem Haus gefunden. Er hatte sich in einer Rotangschlinge erhängt. Die sieben Dörfer wälzten sich in ungeheuren, vermischten heiligen Gefühlen. Sie wagten nicht zum Boot hinüberzublicken, in dem der weiße Gott saß, der sie mit Worten getötet hatte, wie der Donner des Himmels die Menschen tötet. Sie sahen nur, wie weit übers Meer ein Regenbogen stand. Den Regenbogen schlug der große Geist der Erde als Brücke zwischen dem Reich der Seelen und dem der Körper, und der weiße Gott wird auf ihm davongehen und Kililiki verlassen. Und sie huben an zu jammern und zu wehklagen. Sie riefen sich zu, er habe keinen Schwanz und er sei nicht der weiße böse Geist. Der Gott des Meeres habe ihn geschickt, wie er vor Zeitabständen die Mutter Kililiki schickte, um die Dörfer zu gründen. Aber auf dem Grund ihres Wesens waren sie sich nicht klar bewußt darüber, ob er nicht doch der böse weiße Gott aus der Geschichte des Steinbruchs Mutter und gekommen war, ihren Leibern die Seelen hinwegzunehmen. Aber dadurch, daß sie das glaubten, fühlten sie sich bedroht, und sie schrien, er sei ein guter Geist und mächtig, und sie nannten ihn: Donnermund. Sie sprachen und entsetzten sich, hofften und bangten und flehten. „Donnermund hat den Priester in einer Rotangschlinge erhängt, ohne ihn anzurühren. Wehe! Wehe uns! Wir haben das heiligste Tabu verletzt.“ Drei Männer zogen sich furchtsam und sterbenssüchtig in ihre Pfahlhütte zurück und starben noch in derselben Nacht aus Angst vor der Rache des Tabus, an dem sie sich vergangen hatten. Alle Schweine der sieben Dörfer wurden noch vor dem Abend getötet.
Die Menschen glaubten, die Schweine seien auf rätselhafte Art durch jene weißen Geister gekommen und, daß ihr Blut nun zum großen Geist zurückkehrte, versöhnte Donnermund. Die Bewohner des Dorfes Vater, vor dem Donnermund gelandet, zogen alle aus. Das Grauen stand am Strand aufgerichtet wie eine dunkle Höhle. Ein Loch war dort, in dem sich die Luft verzitternd in die Geheimnisse der Nacht verwebte, die über dem Kopf eines jeden Menschen einherlief und voll Ungewißheit und Tabu war.
Donnermund saß, während dies geschah, auf dem Steuersitz, das Gesicht gegen Land gekehrt, die Revolver in der Hand. Die Sonne knallte auf seinen Kopf und seinen Rücken. Er riß mit raschem Griff das Segel ab und zog es hinterwärts über seinen Kopf. Er war gespannt wie seine Revolver, denn er wartete auf einen neuen Angriff. Eine aufwühlende Erregung wirbelte durch sein Blut, die Nerven schienen aus seiner Haut herauszusprühen, und das Geschehene stand riesenhaft und blutig in ihm, wie eine Schöpfertat. „Was mochten sie weiter tun?“ fragte er sich, und diese Frage, deren Antwort für ihn Sein oder Nichtsein bedeutete, machte so ungefähr alles aus, was stundenlang seinen Kopf durchfuhr. Er sah, wie die Menschen sich mit einemmal erhoben, tief vom Strand zurückwichen und nicht herüberschauten. In der Dämmerung sah er auch, wie das Dorf auszog, und er knirschte ihnen nach, im Zorn darüber, daß sie um sein Leben gespielt hatten: „Ihr Bluthunde!“ Es kam ihm allmählich sonderbar vor, wie alles zugegangen war und zu seinem Besten geendigt hatte. Langsam, während er beobachtete, was die Feinde taten, wuchsen Sicherheit und Trotz, und er begann zu ahnen, was für einen unerwarteten, ja wunderbaren Sieg er gefeiert hatte. Aber es war alles noch dumpf und roh in ihm von dem großen gewaltsamen Ereignis, daß er sich das Leben gerettet und Menschen getötet hatte. Er begann einen furchtbaren Hunger zu verspüren, und er aß und trank lange.
Im zweiten Dorf versammelten sich nun alle Menschen des großen Wassers, lebendige und tote. Die Flüchtlinge stellten sich aus den Wäldern ein. Die Priester begannen die Reinigungszeremonien, um Menschen und Landschaft vom zorndrohenden Tabu zu befreien. Rund um das Dorf wurde Feuer aus Kokosschalen und Palmenfasern unterhalten, um die bösen Geister fernzuhalten. Die Priester begannen bei den Leichen, die vor dem Pfahlhaus des Häuptlings Möwenschnabel nebeneinander lagen. Der König lag allein. Aus einem kleinen Loch in seinem faltigen großen Bauch sickerte Blut, und niemand wagte es, das Loch anzuschauen. Denn aus ihm hatte Donnermund die Seele herausgerissen. Ein jeder der Toten hatte solch eine kleine Höhle, der Königssohn hatte die seinige in der Stirn, der Häuptling des sechsten Dorfes in der Flanke, ein Mann des zweiten Dorfes im Unterleib ... Zehn Tote lagen da. Und sie waren verdammt, denn Donnermund hatte ihre Seelen alle zu den kleinen Löchern herausgerufen, und sie konnten nun nicht mehr in ein Tier schlüpfen und von ihm ins All verpflanzt werden.
Aber wegen der Lebenden mußten die Leichen vom Tabu befreit werden. Der Priester zerschlug über dem König eine Kokosnuß und bespritzte die Leiche mit dem Saft, der aus dem Innern quoll. Er sprach, rund um sie gehend, dunkle Laute dazu, die sich heftig erregt steigerten und in einen schwerfällig heißen Gesang endigten, während die Schritte in stürmischen plumpen Kadenzen rasch rund um die Toten auf den Boden klopften. Der Häuptling Möwenschnabel meinte plötzlich mitten aus seiner Erregung heraus mit gleichmütigem Sinn: „Der König braucht viel Befreiung. Seine Seele war lange Zeitabschnitte in seinem Körper.“ Dann fiel er wieder in das brütende, geängstigte Stöhnen und Brummen, mit dem die Menschen rundum die Reinigung mitmachten.
Die Priester eines jeden Dorfes bewarfen, nachdem sie die Toten erledigt hatten, ihre Angehörigen mit dem Saft der Kokosnuß, sprachen und sangen, und unmerklich riß diese Zeremonie ab, und die Menschen kamen in ruhigere Stimmung, hofften, und während die Priester noch Kokoswasser streuten, unterhielten sie sich, Männer und Frauen, schon heiteren Sinnes über allerlei. Sie dachten bei sich: Wenn unser Mund dem neuen Tabu fernbleibt, so merkt uns das neue Tabu vielleicht nicht mehr, so wie ein Taschenkrebs, wenn er kein Loch findet, sich unbeweglich wie ein Stein zusammenrollt und dem Auge entgeht.
Aber der Häuptling Möwenschnabel brachte die Rede wieder auf Donnermund. Möwenschnabel war der zweite Häuptling, und da alle Söhne des Königs tot waren und er auch, wie der König, den Vogel Kakadu zum Stammvater hatte, so war er an der Reihe, König zu werden. Und er wäre König, sobald die Prügelzeremonie getan worden wäre, mit der der König eingesetzt wurde. Er fand sich in dieser heiligen Stellung Donnermund näher als alle andern, ja verwandt mit ihm, denn sein Totem war auch das Totem Kililikis gewesen, die vor ungezählten Zeiten zusammen mit dem Ulawun die Insel gegründet hatte.
Und auch Kililiki war vom großen Wasser gekommen. So bei sich rechnend, wie er seine neue Macht gewinnen und vergrößern könnte, weilten seine Gefühle ununterbrochen bei Donnermund und den Ereignissen des Tages, und von Stunde zu Stunde fühlte er sich enger in diese Geschehnisse hineingeflochten. Er wühlte sich weiter, blind und unaufhaltsam, wie eine Quelle im Boden. Er war tabu, er, der zweite Häuptling, morgen der König. Er war der, den Donnermund, wenn er über den Regenbogen zurück zur Heimat gegangen war, zurückgelassen hatte. Aber war Donnermund zurückgegangen? Saß er nicht etwa noch in seinem großen weißen Kanu vor dem Königshaus am Strand? Bereit, die sieben Dörfer zu verschlingen? Doch ihn verschlang er nicht. Er war aus seinem Mutterstamm.
Da sprach Möwenschnabel in das angeregte Plaudern hinein, bei dem die Männer rundum am Boden hockten:
„Donnermund ist mein Ohm!“
Erst wollte ein Schrei aus jeder Brust. Aber dann sagte sich jedes Gemüt: Solch etwas Großes muß wahr sein! Und einige Priester, die durch ihre Erziehung und ihren Beruf zur Schlauheit gelangt waren, spürten etwas von dem, was Möwenschnabels Willen anstrebte. Sie wußten, daß ihre Macht auf denselben Grundbalken stand wie die des Königs, und der Häuptling und der Priester Kokosbast vom zweiten Dorf sagte gleich: „Möwenschnabel wird jetzt unser König. Seine Lippen lassen nur Wahrheit aus seiner Seele.“
Möwenschnabel rief: „Wir müssen Donnermund Essen bringen.“
Hämisch und neidisch entgegnete der Häuptling Muschelkalk: „Donnermund ging über den Regenbogen heimwärts.“ Er schwoll an vor Zorn, daß er nicht auf den Einfall gekommen war. Er kicherte lauernd, biß eine Betelnuß an und sprühte den ersten herben Saft gewaltsam zwischen seinen breiten Lippen vor sich in die Dunkelheit. Dann biß er die Nuß und die Pfefferschote wie ein Menschenfresser und stopfte sich zehn Holzlöffel voll Kalk ins Maul, bis kein Platz mehr drin war und kaute und spuckte.
Niemand antwortete ihm.
Möwenschnabel sagte: „Bringt Kokosnüsse, Bananen und Taro! Ich bring’ dem Ohm im großen weißen Kanu Essen.“
Der Priester Kokosbast rief: „Bereitet euch zum Königsfest! Wir prügeln, wenn die Sonne dreimal stieg, den Häuptling Möwenschnabel zum König. Berührt zweimal zwischen Sonne und Sonne kein Weib!“
Durch alle Männer stieg wie eine befriedigte Wut die Lösung des schweren Tages, und sie schafften Kokosnüsse, Taro und Bananen herbei.
Möwenschnabel belud sich damit und ging geradeaus zwischen den Feuern in die Nacht hinein. Aber als er den Lichtkreis verlassen hatte, zerschlug er eine Nuß und spritzte den Saft über sich, und achtete sorgsam darauf, daß nichts auf den Weg fiel und von bösen Geistern gefunden werden konnte. Er war nun gefeit. Doch je mehr er sich dem Dorf Vater näherte, um so dunkler und ungewisser bestrahlte ihn die Macht Donnermunds, und er bückte sich erst, und als er das Boot in den Sternen leuchten sah, legte er sich nieder und kroch mit seiner Last weiter. Er schlüpfte hinter das verlassene Königshaus, wand sich zwischen den Hauspfosten durch, um den Hag herum und erreichte zwischen Bambusbüschen den Bereich des großen Baumes. Er sah das Boot schief auf dem wasserlosen Strand liegen, und nichts rührte sich, und die Sterne „zwei Leute“ leuchteten schon hoch, fern von ihrem östlichen Beginn, über den großen Baum. Da legte er sein Essen in den Sand und schlich zurück.
Und wie er dem Dorf Vater schon so fern war, daß er sich aufrichten und ruhig davongehen konnte, da sagte er sich: „Donnermund ist mein Ohm!“
Peter wachte bis tief in die Nacht hinein. Die Ebbe entführte das Wasser unter dem Boot und das Schiff legte sich schief. Er hatte daran gedacht, das Boot von Land zu stoßen und in die Nacht hinauszusegeln. Vielleicht fand er einen Platz, wo keine Dörfer waren. So sah er sich unerwartet gezwungen zu bleiben. Er rückte kaum auf seinem Sitz. Wie ein Sklavenvogt war der mächtige Wunsch zu leben hinter all seinen Sinnen her. Er schaute und horchte in die buschige Finsternis des Ufers hinein, das der Sternenglanz ungewiß bestrich. Es war ihm, als wöbe das feilende Schrillen der Grillen ein eisernes Netz über den Boden, und plötzliche, unsichtbare Flügelschläge schreckten ihn auf. Seine Haut war wie elektrisiert von der Spannung aller Nerven und empfand jede Änderung des Luftdruckes wie ein Quecksilber, und wenn die Müdigkeit doch Meister wurde, so schlug er hart mit den Knöcheln der Faust auf die Holzkante und der Schmerz erfrischte ihn auf Minuten. Wenn er so von neuem ganz erwachte, dann überströmte plötzlich das verschlungene leidenschaftliche Lärmen der Nachtinsekten seine Ohren, dann überfiel die unkenntliche, lebendige Krausheit der Nachttiefen seine spähenden Blicke wie ein wilder feindlicher Angriff ... bis seine abspannenden Sinne, sein müd gemartertes Gehirn sich wieder nach und nach von der Außenwelt zurückzuziehen begannen, all das undeutlich Furchtbare, Unerkenntliche sachte sich mäßigte und zu einem milden Wogen sich dämmte und zu Nichts verschwand. Einmal wachte er nicht wieder auf. Im Schlafen sank er um und rutschte langsam von der Bank lang hin auf den Boden.
Er schlief, bis das Tageslicht hell auf seine Lider drückte und sprang auf, entsetzt, todesgewiß und sah nichts als ein leeres Dorf zwischen Bäumen und auf dem Strand zwei Kokosnüsse, ein Bündel Bananen und einige Taroknollen. Da überlegte er sich: Es war einer dagewesen, der das gebracht hatte. Peter hatte ihn nicht gesehen. Also war der Wilde gekommen, während er schlief. Der Wilde hätte ihn töten können. Weshalb legte er ihm Nahrungsmittel hin statt dessen? Fürchtete man ihn und getraute man sich nicht, ihn hinzurichten? Die Speisen waren vergiftet worden, weil man sich fürchtete, ihn selbst im Schlaf zu berühren. Er ließ sie liegen. Er knackte den Zwieback und trank laues Wasser dazu, und die mächtige Sonne stieg in seinem Rücken hoch und strahlte übers Meer und brannte geil über die fette Insel.
Da drang auf einmal am Ufer zwischen den Häusern eine große Schar Schwarzer hervor. Sie waren alle mit Blumen und Blättern, Muscheln und Farben geschmückt und trugen keine Waffen. Sie kamen wie im Tanz heran, und Peter griff erschrocken nach dem Revolver. „Es ist eine Falle!“ sagte er sich. Die Schwarzen blieben hinter dem Hause des Königs stehen und einer kam aus ihnen heraus. Das war ein großer Mensch, mit einer gewölbten Brust, und er hatte einen fast sanften Kopf, auf dem sich die Frisur glänzend schwarz hochtürmte und wie eine Rokokohecke beschnitten war. Der kam wiegend heran, langsam und lächelnd. „Das ist eine Falle!“ sagte Peter und war unschlüssig. Der Schwarze rief: „Ohm Donnermund, ich bin der Häuptling Möwenschnabel und werde, wenn die Sonne sich zum drittenmal aus dem Osten hebt, zum König geprügelt ...“
Peter verstand nichts von seinen Worten. Er hörte nur: sie waren freundlich und sanft, und er war mißtrauisch und hielt den Revolver bereit. Er war entschlossen zu schießen, sobald der Schwarze die eine Baumwurzel erreicht hätte, die etwa dreimal so weit, wie das Boot lang war, sich aus dem Sande aufkrümmte. Und er schrie in seiner Erregung und der trotzigen Entschlossenheit: „Du schwarzer Laushund! Zurück! Ich schieße! Zurück!“
Und kaum hatte er ein Wort laut gesagt, so war Möwenschnabel wie ein Fisch schnellend zurückgesprungen und lief der großen geschmückten Schar zu, und die ganze Schar hatte kaum die Worte gehört, so warf sie sich herum, floh und brüllte: „Er ruft unsere Seelen aus dem Leibe.“ Alle tasteten sich entsetzt ab, ob sie nicht das furchtbare kleine Löchlein irgendwo verspürten. Als aber Möwenschnabel die Fliehenden erreichte, da kicherten sie im Davonlaufen und meckerten und machten: „Krr! krr!“ höhnisch und schadenfroh, und der Häuptling Muschelkalk zog Mund und Nase zusammen, daß sein Gesicht aussah wie zwei nebeneinandergeklebte schwarze, wellige Muscheln und feixte: „Der Ohm ist schlecht in der Laune. Krr! krr!“ Aber Möwenschnabel sagte nur großhin: „Er hat mir zugerufen, daß er den sieben Dörfern noch zürnt.“
An dem Tag kamen sie nicht zurück. Peter hatte bei einer genauen Durchsuchung des Bootes eine kleine Eisenkiste gefunden, die mit Signalraketen gefüllt war. Es waren fünfzehn Raketen. Er sagte sich: „Ich brenn’ sie ab. Drei an jedem Abend, eine jede eine Stunde nach der andern ...“ Aber welches Auge ging durch diese maßlose Abseitigkeit des Meers, um sie zu sehen? Er wußte, daß es nur Feuerwerk wäre, Sterne, die steigen und ersticken und sonst nichts sind. Er sah an der Stätte, wo die Menschen vorhin gestanden waren, ein Räuchlein aufsteigen und verließ zum erstenmal das Boot, um sich das Feuer zu holen. Es war brennender Bast. Er sammelte Holz und Bast und schürte am Strand ein Feuer und hielt sich’s bis zum Abend. Gequält umging er den Haufen frischer Nahrungsmittel, der noch immer im Sand lag. Er ließ sie, so sehr sie ihn lockten. An den Häusern standen nur hohe Palmen, deren Früchte er nicht erreichte, und er mißtraute denen, die am Boden lagen. Er knackte Zwieback. Das Wasser war warm und riechend geworden. Er wußte, in den beiden Nüssen liegt eine köstliche Quelle. Der große Baum warf in den Stunden um Mittag einen fetten Schatten über sein Boot; der Schatten umstieg ihn wie ein laufeuchtes Bad. Er zog Jacke und Hemd aus und die Luft rötete rasch seine blonde Haut. Er begann auch im seichten Wasser zu baden, als die Flut kam, und hätte gern einen Fisch gefangen und verbrachte mit zahllosen, kleinen, immer in die Nähe des Boots gebundenen Verrichtungen den Tag; die Augen hatte er nie vom Revolver abgewandt, die Sinne waren ununterbrochen aufs Sterben gerichtet, und es war ihm, als überströme ein tiefer Fluß sein klares Bewußtsein und als läge er auf dem Grund des grünen, schwerfließenden Wassers, und droben über der gläsernen, zähen Halbdurchsichtigkeit stand das Leben.
Die Menschen aus den sieben Dörfern am großen Wasser durchzogen ihre Siedlungen eine nach der andern. Sie wußten nicht, was sie tun sollten. Daß Donnermund kein unbedingt böser Geist war, das mußten sie sich sagen. Denn er ließ alle Seelen in den Körpern und behexte niemanden, und Möwenschnabel soll er zugerufen haben, er zürne noch wegen des Angriffs. So mochte es wohl sein. Und morgen zürne er nicht mehr, sang es in ihnen, denn die Kokosnüsse wuchsen rascher auf den Palmen und die Taros gediehen dicker. Die Bananen reiften zahlreicher, als der Mund sie brauchte ... Morgen zürnt Donnermund nicht mehr. Aber nehmen wir ihn nicht so in den Mund, sonst wird er immer wieder auf uns aufmerksam. Wir wollen ihm einen andern Namen geben, wenn wir von ihm sprachen. Sein Name sei Wolkenglanz. Denn seine Haut ist der Glanz der Wolken auf dem Rand des großen Wassers ... Und dann sprechen sie wollüstig über Wolkenglanz, der nun nicht mehr hörte, wenn ihr Mund bei ihm weilte, und ihre Bäuche waren unruhig stechend und voll von seiner Rätselhaftigkeit, seinem Ungewissen und Unbekannten.
Aber, als es dunkel geworden war, gingen die Männer langsam und vorsichtig zum Dorf Vater. Sie gingen durch den Wald und über das Dorf hinaus und dann an die Küste, und wie sie den Sand betraten, auf dem Ebbe war, und den großen Baum erkannten, da stieg unter dem Baum unversehens die Feuerschlange auf, bohrte sich heftig wie ein Pfeil schräg übers Meer hinan und stieg und stieg, und in die Eingeweide der Männer raste wie ein Speer der gewaltige Schrecken. Sie fielen hin und stammelten und schauten der wilden Feuerschlange entsetzt nach. Nichts war in ihnen, wie das große leere Entsetzen. Aber auf einmal verlöschte die Feuerschlange. Ihr Kopf neigte sich in der Finsternis und spaltete sich langsam und sacht in zehn große strahlende Sterne, die stärker leuchteten als die Sterne der Nacht und lange und mild droben auseinander segelten und auf andere Sterne niederglitten.
Da schauten sich die Männer des großen Wassers an und lachten: „Kch! Kch!“, feixten ein jeder mit sich und riefen: „Schön! Schön!“ und blieben im Sand sitzen, wundersam berührt, bis einer nach einer langen Weile sagte: „Wolkenglanz ist in der Feuerschlange zum großen Geist zurückgeflogen.“ Aber der hatte das kaum aus dem Mund, so stieg eine zweite Schlange hoch und säete sich sacht droben auseinander und pflanzte ihre blinkenden Kugeln auf die Sterne. Da rief Möwenschnabel mit starker Stimme: „Der Ohm macht Sterne!“
Und langsam wurde Pirath zu einem Gott.
Der Schiffbrüchige, Einsame machte nun jeden Abend Sterne. Jede Nacht, wenn die Sterne „Zwei Brüder“ weit von ihrem östlichen Aufgang standen und das Sternbild Schlange über den Rand des großen Wassers stieg, schlich Möwenschnabel mit Kokosnüssen, Bananen und Taro zum großen Baum und legte die Nahrungsmittel in den hellen Sand. Peter sah den neuen Haufen an jedem Morgen neben dem alten Haufen liegen, und wenn er seinen hölzernen Zwieback knackte, sagte er sich, nicht mehr so entschlossen: „Sie sind vergiftet.“ Die geschmückten Männer kamen jeden Morgen ins Dorf Vater, und Möwenschnabel trat jeden Morgen vor und Peter schrie, mit dem Revolver in der Hand. Aber er schrie jeden Morgen weniger heftig und weniger, und Möwenschnabel trat jeden Morgen weiter ans Schiff heran, und die Flucht wurde von Tag zu Tag weniger ungestüm ...
Eines Morgens lag der fünfte Haufen am Strand. Da glaubte Pirath, daß er sicher sei, und er faßte einen Entschluß. Als Möwenschnabel dem Boot entgegenkam, nahm Pirath den Revolver in die linke Hand, ließ den Schwarzen möglichst nahe herankommen und sprang plötzlich mit einem großen Satz auf ihn zu. Der Häuptling schnellte herum, die Männer warfen sich im wirren Haufen dem Wald entgegen. Möwenschnabel hetzte wie ein Kasuar dahin, aber mit seinen langen Beinen erreichte Peter ihn bald, griff in seinen hohen schönen Haarwuchs und riß ihn rückwärts zum Boot zurück. Die Männer hielten ihre Flucht an. Sie versteckten sich in die Bambusbüsche und lugten zwischen den Stangen hervor, was Wolkenglanz mit dem Häuptling machen wollte. Sie atmeten kaum. Sie dachten alle: Jetzt reißt er seinen Mund so groß auf wie sein Kanu und schlingt Möwenschnabel hinunter.
Als Peter mit dem Schwarzen bei den fünf Haufen angekommen war, nahm er eine Banane, riß sie auf und steckte sie dem Wilden ins Maul. Er machte dazu mit dem Mund die Bewegungen des Essens. Der Schwarze ließ im Sand kniend seine dummen dunkeln Augen in den gelblichen Scheiben hin und her zucken, wie gefangene wilde Tiere, die mit der Kette davonspringen wollen. Dann aß er die Banane. Peter schlug mit dem kleinen Beil eine Nuß auf. Der Schwarze trank ihren Saft und aß ihr Fleisch.
Und da klopfte Pirath ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte: „Gut!“
Auf Kililiki war aber der Schulterschlag die feierliche Begrüßung des Gastgebers an seine Gäste, und kaum hatten die Eingebornen in den Bambusbüschen diese Zeremonie gesehen, so sprangen sie heraus und tanzten und brüllten glückselig und riefen: „Wolkenglanz ist der Ohm des Häuptlings.“ Und Peter sah Möwenschnabel auf einmal kindlich beglückt sich niederhocken. Die dummen schwarzen Augen leuchteten auf einmal kindlich fröhlich, und die rauhen schwarzen Hände strichen wie treue Hundepfoten über seinen Arm. Möwenschnabel brach eine Nuß auf und trank an, Peter nahm sie und trank weiter wie ein Marder an einem Hahnenhals; während Möwenschnabel eine andre aufbrach, verschlang Peter das Fleisch der ersten und nahm dem Schwarzen auch die zweite aus der Hand. Möwenschnabel aß dann eine dritte, und sie gingen zu den Bananen. Peter aß hastig. Alle Poren waren ihm offen nach frischer Nahrung. Möwenschnabel glaubte, mit ihm Schritt halten zu müssen, und sie verschlangen um die Wette Nüsse, Bananen und Taro. Währenddessen war die Schar der Wilden immer näher gekommen. Sie standen bald einige Schritte entfernt im Halbkreis um die Essenden und lachten und feixten, machten „Ö! Ö! Ö!“ Der Priester Kokosbast ging unter ihnen umher und sprach auf sie ein, und Möwenschnabel aß Bissen um Bissen Wolkenglanz nach; dann hatte Peter genug, und auch der Schwarze hielt sofort auf, grinste Wolkenglanz brüderlich an, streichelte mit den Hundepfoten über den Ärmel und stieß zwei Rülpser aus. Peter lachte: „Mahlzeit!“
Die Wilden erschraken und zuckten auf, um kehrtzumachen. Aber es kam nichts nach hinter dem einen Wort. Sie begriffen nun schon, daß er Wörter hatte, die Fangkraft über die Seele und Wörter, die das nicht besaßen. Sie lachten und grunzten und wollten alle das Wort nachsprechen und kamen dabei immer näher an Peter heran und faßten tollpatschig nach seinen Händen, nach seinen Backen, und die weiße Farbe ging nicht ab. Peter wich allmählich zum Boot zurück.
Da auf einmal war es, als ob ein toller Schrei tanzend durch alle Kehlen fuhr. Die Schwarzen sprangen, reckten die Arme und ließen sie wie Hämmer niedersausen, und Peter sah plötzlich, daß sie sich alle über seinen Eßkameraden herwarfen und auf ihn einzuschlagen begannen.
Die ganze Schar geriet in eine kreiselnde Bewegung. Bald stampften sie in regelmäßigen Schritten, die wie leiser Donner im Boden widerschollen, um den Liegenden herum, bald verwirrten sie den schwerfälligen Reigen zu einem chaotischen Brüllen und sprangen, und ein jeder schlug auf Möwenschnabel ein. Der saß mit einem Gesicht in dieser wilden Gärung, als ob ihn die Schläge nichts angingen. Sein Herz war zufrieden. Der Ohm hatte geholfen. Er wurde König. Er dachte weiter an nichts. Aber auf einmal sah er den Häuptling Muschelkalk auf sich zudringen. Das kleine, in der Breite gezweiteilte Gesicht seines alten Gegners war wild gefältet, und Möwenschnabel bemerkte, daß der andre einen Stein in der Hand hatte. Da stieß er unversehens, ehe Muschelkalk bis an ihn herankommen konnte, zwischen den andern Tanzenden mit dem Fuß gegen den Bauch des Häuptlings. Dieser brach stumm in sich zusammen. Er wurde aus dem Kreis geschleppt. Die Zeremonie ging weiter. Die kreiselnde Bewegung machte die Männer toll, und die uralte Gewohnheit dieses Festes steigerte mit ihrem geheimen geisterhaften Sinn den heiligen Wahnsinn. Möwenschnabel blutete schon aus mehreren Löchern im Kopf, und eine Schulter war aufgerissen. Die Priester der Dörfer schlugen auf Trommeln, die aus gehöhlten Baumstämmen bestanden, den Takt und sangen alte Psalmen, deren Worte keinen Sinn mehr hatten und deren ferne dumpfe Melodie das Blut in allen Adern aufwühlte und glühend machte.
Peter sah dem zwiespältig erregt zu. Es war ihm rasch klar, daß die Wilden irgendeine Sitte übten, und er hatte oft gelesen, daß diese Tänze die Blutgier entzündeten. Er sah sich wieder in Gefahr und verschanzte sich ins Boot. Aber niemand kümmerte sich um ihn. Dann schlugen die Trommeln fünf regelmäßige dunkle Schläge, und auf einmal hörte der Hexensabbat auf, und die Männer setzten sich lachend und kichernd auf den Boden, plauderten und schrien. Möwenschnabel erhob sich. Er blutete über und über. Er ging an Peter vorbei und schickte dem Ohm ein zufrieden lächelndes „Ö!“ zu. Dann stieg er ins Meer.
Der Fluch des Geborenseins war aus ihm herausgebleut. Die Wut der Männer hatte ihn gereinigt zum Königsein. Machtvolle Dämonie zog in ihn ein. Er war ein Vater, von alters her heilig und doch von Mißgunst und Bosheit der Menschen umlagert. Sie hatten ihm gezeigt, daß sie ihn, den Höchsten, töten konnten. Statt des Todes hatten sie ihm das Bewußtsein ihres Mißtrauens und ihrer Kraft gegeben. Und nun erstrahlte er vom heiligsten Tabu, und nicht einmal den Schorf der Wunden, die sie ihm geschlagen, durfte ihre kleinste Bewegung anrühren.
Am Abend dieses Tages verschoß Peter seine letzte Rakete. Er sah sie in die Gewaltigkeit des einsamen Sternenhimmels dringen, zuerst mit begehrlichem Zischen wie ein machtvoll brünstiger Ruf zwischen den Sternen dahinschießen, ein Ruf, der sich über die ganze Erde weben sollte. Und dann verglühte sie rasch in den märchenhaften, zarten Regen der Leuchtkugeln, die geräuschlos zwischen den hohen Sternen erloschen, und nichts war mehr in seiner Hand, den Menschen der andern Welt, der er angehörte, von ihm zu zeigen. Wiewohl er wußte, daß niemand seinen Ruf vernommen haben könnte, begann er in die Nacht hinein zu warten. Er entzündete ein hohes Feuer am Ufer, um die Stelle zu zeigen, wo er harrte. Aus der fernen Nacht scholl der Lärm der Tänze und Gesänge, mit denen man im zweiten Dorf die Königseinsetzung feierte, und die Garamut dröhnte dunkel hinein, wie ein Pulsschlag der fremden Erde, zu der er verbannt war.
Unter dem fernen Lärm stieg in seinem vergeblich harrenden Herzen Europa auf. Es stieg auf wie die letzte Rakete und begann geräuschlos und farbig zwischen den Sternen zu versinken. Die Schwarzen kannten seinen Revolver nicht. Das war gewiß. Und wohl nie hatten sie also einen Weißen gesehen. Gab es denn noch eine Insel auf der Welt, die so einsam war, daß kein europäisches Schiff sie erreicht hatte? Das fremde Singen und die dunkeln Stöße der Trommeln hetzten seine Gedanken. Er sah den Zug der Menschen in weißen Städten in mächtigem Mechanismus die Straßen überströmen, und Maschinen surrten zielstark unter niedern weiten Hallen, denen einmal alle seine heftigsten Gedanken gegolten hatten und verflohen wie ein prasselnder Regen auf einer Asphaltstraße. Er sank hin unter der drückenden Melancholie des grauen Verregnens. Er wachte in die blaue Nacht, und Europa sollte verschollen und versunken sein unter ihrer dampfenden Hitze. Er warf Holz übers Feuer, die Flamme loderte heißer auf, und seine Sehnsucht schwoll und sank wieder nieder, wenn das Reisig verbrannt war, und wurde auch tiefer, schwebender, verwehender Regen. Europa starb langsam und heftig in ihm. Es starb so, wie einst eine Frau in ihm erstorben war, von der er Erde und Himmel erhofft hatte. Fliegende Hunde stiegen wie flatternde dunkle Tücher über dem Lichtstrahl aus den Bäumen. Ein Schrei scholl im Wald. Die Grillen arbeiteten die Finsternis in grellen Lärm um. Im Wald flog der Schall des unbegreiflichen Festes der Wilden wie eine Seele, die ein Netz über die Insel, die Küste und ihn sponn, um ihn zu trennen von dem, was war.
„Als ob ich auf dem Mars wäre!“ sagte er und biß die Zähne in die Lippen und schlug seine Fäuste raffend über die linke Brust, um seiner Tränen Meister zu werden. Er wachte und dachte die ganze Nacht und unterhielt sein vergebliches Feuer. Die Verlassenheit stand rauh und schroff über ihm wie ein ungeheuerliches Karstgebirg, und jenseits ging eine Welt unter für den Schiffbrüchigen.
Die Menschen kehrten zum Dorf Vater zurück. Peter sah, als er morgens im Schatten seines Baumes erwachte, ihre Scharen die Hüttenkreise füllen, dann und wann bis an sein Boot herankommen und wieder gehen. Er sah auf der Treppe des größten Hauses, das auf hohen Pfählen stand, den Schwarzen, den sie gestern geprügelt hatten. Möwenschnabel hatte seine Wohnung ins Königshaus verlegt. Der Schwarze winkte Peter zu, indem er erfreut lachte, einmal mit dem Kopf in die Höhe fuhr und „Ö!“ rief. Da ging Peter zu ihm. Er stieg die Leiter hinauf und setzte sich neben ihn. Er öffnete den Mund und fuhr mit der Hand öfter hin, das Zeichen des Essens machend; der Schwarze unterlegte dies Zeichen mit einem Laut, und das erste Wort, das Peter von der Sprache Kililikis lernte, war das Wort für Essen.
Der Schwarze rief, und Frauen erschienen in den kleinen Öffnungen der Hütten, die hinten um das Königshaus herumlagen. Die Frauen brachten Kokosnüsse und zwischen Blättern gebackne kalte Fische. Das Dorf umstellte den dünnen Zaun des Königshags, und Männer und Weiber nickten mit dem Kopf in die Höhe, grinsten Peter glücklich zu und quetschten den kurzen Laut: „Ö! Ö!“ aus ihrem Mund. Möwenschnabel aber nahm Peter ins Innere der Hütte, das ein einziger großer Raum, vollgestopft mit Gegenständen und Waffen war. Dort richtete er ihm am Essensplatz das Mahl auf kleinen Mattentellern an, und er schickte die Weiber fort, die sich in die Tür drängten. Und während Peter aß, nahm er den ersten Sprachunterricht beim König, und er lernte die Namen der einzelnen Speisen.
Als er fortging, nahm er einen der Bogen und ein Bündel Pfeile mit. Er wollte ihn gebrauchen lernen, weil er ihn zur Verteidigung des Lebens oder zum Erwerb seines Unterhalts nötig hatte. Dann zog er auf dicken Bambusrollen sein Boot hoch ans Land herauf, daß die Flut es nicht mehr erreichte. Er schob es an den Baum an und baute das große Segel als ein Dach darüber. In der Nacht war ein Regen vorbeigerauscht, der wohl nicht lange gedauert hatte; aber das Laub war doch nicht dicht genug, um das Wasser abzuhalten. Der König schickte ihm Matten, mit denen er sich ein Schlaflager machte. Er sammelte einen Haufen Kokosnüsse auf und brachte sie ins Boot, und als das die Eingeborenen sahen, schleppten sie alles Eßbare an, worüber sie verfügten. Peter war auf Wochen verproviantiert.
Als es dunkel wurde und die fliegenden Hunde aus dem Walde heraus in die Dämmerung stürzten und sich wie Lappen durch die Luft schwangen, schoß er danach. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß er gleich beim ersten Schuß traf. Das sahen die Eingeborenen, und alle, die den fliegenden Hund im Totem hatten, wurden bang. Sie liefen zum Häuptling Muschelkalk und sagten ihm: „Wolkenglanz schießt unsern Stammesvater tot!“ Den Häuptling, der von dem trächtigen Fußtritt Möwenschnabels daniederlag, beschlich eine wahnsinnige Furcht. Er wußte, daß er das heiligste Tabu verletzt hatte, denn aus Eifersucht und Neid sann er auf weiter nichts als darauf, daß er den glücklichen König Möwenschnabel beseitigen könnte, und er hatte schon zehn, zwölf wilde, blutdurstige Mordarten erwogen. Er fiel auf sein Lager zurück. Sein Unterleib begann fürchterlich zu stechen. Er rief: „Wehe, wehe! Wolkenglanz tötet den Stammesvater, und die Seele weiß nicht, wohin sie im Tod gehen soll.“ Das Fieber durchraste ihn wütend. Der Fußtritt hatte ihm eine Ader gesprengt, an der er sich verblutete. Er aber glaubte, er müsse sich in den Tod hineindenken, weil er ein Tabu angerührt hatte, das an Macht das seinige zehnmal und öfter übertraf. Er starb in der Nacht. Die Garamut warf die Nachricht seines Todes rasch in die Küstendörfer. Alle des Stammes vom fliegenden Hund sahen ihre letzte Stunde gekommen. Sie versteckten sich im Wald und heulten, denn Wolkenglanz erschoß ihren Stammesvater, der ihre Seelen in die Steinbilder im Steinbruch Mutter getragen hatte. Und so wußten sie nicht, was ihrer elenden verfluchten Seele widerfuhr. Möwenschnabel aber nützte die Gelegenheit. Der fliegende Hund war der Rivalenstamm und hatte vordem durch eine Bluttat dem Totem Kakadu das Königshaus geraubt, bis der Ahn Möwenschnabels seine alten Rechte wieder eroberte, indem er den Ahn Muschelkalks erschlug.
Doch war der Stamm „Fliegender Hund“ noch stark an der ungestillten Wut gegen diesen Mord. Er reizte sich ununterbrochen heimlich zur Rache auf an dem geschändeten Blut. Die Stellung Möwenschnabels war darum keineswegs sicher. Nun war es dem König in die Hand gespielt worden, seine Sache sicherzustellen. Wolkenglanz zeigte an, daß er die Vernichtung des Totems wollte, und der König machte sich daran, das Werk zu vollenden, das der weiße Gott symbolisch begonnen hatte, als er den ersten fliegenden Hund zufällig mit seinem Pfeil durchbohrte. Mit Hilfe der Priester, die seinem Stamm angehörten oder ergeben waren, wurde das Werk vollbracht. Sie schoben die menschliche Angelegenheit in die Schicht, die unsichtbar und dämonengefüllt über den Köpfen der Menschen stand. Man fing so viel Männer des fliegenden Hundes ein, als man erwischte, und man band sie an die Palmstämme. Dann umwickelte man die Gebundenen um die Stämme mit breiten Bananenblättern, so daß man nichts mehr von ihnen sah, und schnürte das Bündel von Fleisch, Knochen, Blättern und Holz mit Baststricken und Rotang so fest zusammen, daß die Seile gespannt waren wie Bogensehnen. Das geschah noch in der Nacht. Peter hörte die Weiber heulen. Sie flohen oder wurden mit Keulen erschlagen. Das Blut der Schwarzen schäumte gärend. Die Bewegungen, die Griffe, die Schläge, das Einbinden wurden heiß und scharf und machten sich mit knapper Sachlichkeit, wie bei Tieren, die Beute jagen. Die Nacht flimmerte rot von Blut und Totschlag.
Als Peter am nächsten Morgen ins Dorf ging, gesellte sich ihm Möwenschnabel bei. Möwenschnabel war ein junger sehniger Mensch, seine Haut hatte einen hellen Schimmer, sein Kopf war hoch und die Nase schmal und einwärts geschweift. Aber er hatte einen dünnen langen Mund, der sich spitzte wie ein Wolfsmaul. Möwenschnabel hatte brennend rote Hibiskusblüten in seinem hohen, gepflegten Haar. Seine Augen waren wie blau bestaubt und die großen Ovale fast orangenfarben angelaufen.
„Gelb und Blut!“ sagte sich Peter, als er hineinsah. Möwenschnabel verzog das Maul zu lächelndem Gruß, entblößte das vom Betelkauen blutig gefärbte Gebiß und stieß sein „Ö!“ hervor.
Aber da sah Peter die sonderbar formveränderten Palmstämme. Er trat an einen heran und erschrak. Ein leises Wimmern stieg in dem Blattpaket auf und gurgelte wie Blasen, die sich tief von einem moorigen Grund erheben. Er zeigte mit der Hand fragend hin und sah den Schwarzen an. Dorfmänner umringten die beiden rasch, lachten glückselig. Sie hatten alle rote Blumen in den Haaren. Der König ahmte das Bogenschießen mit den Armen nach und sprach ein Wort mehrmals dazu. Peter verstand nicht. Das gurgelnde Stöhnen erregte ihn. Er nahm sein Messer und schnitt die Stricke durch, begann die Blätter abzureißen, und plötzlich löste sich etwas vom Palmstamm und fiel plump nieder. Es war ein Mensch. Er wand sich zuckend am Boden. Die Augen quollen aus den Höhlen, der Mund war verzerrt aufgerissen, und Schaum und Blut sprudelten aus ihm. Peter lief zu einem zweiten Stamm, schnitt rasch auf, und der Mensch fiel und regte sich nicht mehr. Ein dritter lebte noch. Ein vierter war tot. Der fünfte war tot.
Und zugleich, wo Peter dunkel zu verstehen begann, daß dies hingerichtete Feinde seines schwarzen Freundes waren, verwirrten sich seine Vorstellungen an der Grausamkeit des Geschehenen, sank all sein weißer Halt zusammen und rohe Gelüste sprangen ihn an wie Tiger. Es war ihm, als sei er wie eine Kugel auf einen Stein auf diese furchtbare Tat aufgeschlagen und prallte immer weiter, blutdürstig sie fortzusetzen. Er wollte dem farbigen Hund, der sie verrichtet, an die Kehle rasen und den roh springenden Adamsapfel zerfleischen, das Leben dieses Tiers zu Brei vernichten. Er sprang auf ihn zu. Aber im letzten Augenblick fand seine Wut nichts als eine furchtbare Ohrfeige, die mit einem plumpen Klatsch in das schwarze Gesicht sprang. Diese Ohrfeige war lächerlich gegenüber der dämonischen Erregung, aus der sie kam.
Möwenschnabel jedoch lächelte unbeirrt. Durch die Zuschauer lief ein freudiges Murren. Die Mäuler kamen in Bewegung und brachten frohe Laute hervor. Sie riefen: „Seht! Seht! Auch Wolkenglanz schlägt Möwenschnabel zum König. Der fliegende Hund ist niedergewürgt. Seine Seele irrt umher und findet den Weg nicht nach Mutter in den großen steinernen Gott. Wir müssen unser Essen, die Abfälle und unsern Speichel bewahren vor den bösen Geistern der Seele des fliegenden Hundes, daß sie uns nicht behexen. Aber Wolkenglanz, der Töter des fliegenden Hundes, steht uns bei.“
Peter sah fassungslos um sich. Das Rätsel blieb ihm starr verschlossen. Er war auf dem Mars. Eine kalte verlassene Wehmut rann durch seine Adern. Er ging zum Boot und brachte den Apothekerkasten heraus. Aber er wußte nicht, was er mit den beiden, wie Karpfen nach Luft und Leben zuckenden Leibern tun sollte. Er rieb die Quetschstriemen, die die Stricke gelassen, mit Salbe ein. Er faßte nach den schlagenden Armen und bog sie in einer regelmäßigen Bewegung ein und zog sie wieder aus, wie man Ertrunkenen das Leben wieder zu gewinnen versucht. Er hielt das Ätherfläschchen in ihre Nase. Die schlagenden Glieder dämpften nach und nach ihre Verzweiflung. Der Kampf erlosch, und die beiden Halbtoten fielen in Schlaf.
„Was tut der Ohm Wolkenglanz?“ fragte der König. Aber Peter verstand und beachtete ihn nicht. Die Männer rundum sahen angstvoll dem Beginnen des Gottes zu und bissen erregt auf ihre Betelnüsse. Sie prusteten den ersten herben Saft wie einen Sprühregen aus und wagten nicht einander anzuschauen. „Er gibt die Seele in den Körper zurück!“ stotterten sie. Und das Grausen packte sie, und sie gingen, sich in die dunkelste Ecke der Hütten zu ihren Lieblingsweibern hocken, sprachen nicht mehr und fürchteten die zweifeldunkle Kraft des Gottes. Die zwei Hingerichteten erhoben sich bald und gingen zu ihrem Dorf zurück. Niemand rührte sie an. Ihre Geschichte sprach sich eilig durch alle Dörfer herum, die Männer und Frauen, die man im Wald nicht aufgespürt hatte, kamen zurück, und Wolkenglanz stieg an Macht wie an Rätselhaftigkeit. Niemand fühlte sich mehr sicher vor ihm, und zugleich, wo in der Tiefe des beunruhigten Blutes roher Drang aufstieg und um den Gottesmord sich unbewußt die Adern erhitzten, dämpfte das furchtbar Drohende, ewig mit Donner und Verdammnis beladene Tabu diese urhafte Wildheit zu zitternder Straffurcht, zager Todessüchtigkeit und kindlich naiver Ergebenheit zurück.
Peters Kraft wurde nun jeden Tag beansprucht. Es kamen Verliebte, es kamen Rachsüchtige, es kamen eifersüchtige Verdächtler, es kamen Frauen, denen die Kinder immer starben, es kamen kranke Behexte ... Sie sprachen ihn mit den schönen, bald wie ein Bach im Wald verschmelzenden, bald wie ein niederkrachender Baumstamm roh aufstoßenden, bald wie ein Vogelschrei kindlich tirilierenden Lauten ihrer Sprache an. Die Wörter merkten sich, wie naive Naturgeschehnisse, so leicht und tief. Pirath benahm sich eingehend zu jedermann, und wenn er nicht verstand, so nickte er lächelnd trostvoll oder suchte durch allerlei Zeichen seine Sprachkenntnisse weiter zu bilden und führte dadurch den Hilfesuchenden unbewußt so weit ab vom Gegenstand seiner Sorge, daß er seine Wünsche erfüllt glaubte. Die meisten Krankheiten waren ungepflegte, beschmutzte Geschwüre und Fieber, die aus den in die Küstenwälder zwischen die Dörfer gebetteten Sümpfen aufstiegen. Das konnte er alles heilen, und da die Menschen glaubten, eine jede Krankheit sei die Folge einer Behexung durch einen Fluch, so gewann die Gottwerdung Piraths von Tag zu Tag an Festigkeit und Umfang.
Er hielt die Phantasien der Menschen in Aufregung. Überall hin trug er sein europäisches Gewissen, wetterte gegen jeden faulen Schmutz, gegen Trägheit und Lässigkeit, gegen Grausamkeit und Mordlust. Das verstanden diese Menschen nicht, bei denen die Instinkte ein ungedeckter Brunnen waren und der Impuls so viel wie die Tat. Denn sie lebten zu lange mit der Natur zusammen, wie zwei, die im Beischlaf sich einander vermengen, und hielten sich an das mütterliche Beispiel, das sie an Pflanzen und Tieren, an Wasser und Wolken sahen. Oft sprachen sie über die Unverständlichkeiten des mächtigen Wolkenglanz. Aber ihre Liebe zum Plaudern ging damit heimlich und vorsichtig um, und sie wandten allerlei geheime Schutzmittel an, um sich ihrer Klatschsucht ungestraft hingeben zu können. Sie nannten ihn dann jedesmal, wo sie ihn erwähnten, mit einem neuen Namen, den sie im Augenblick des Sprechens erfanden und den dennoch jeder verstand. So bildete sich Pirath in diesen Gemütern zu einem Kreis von gesonderten Vorstellungen aus, von denen eine jede einen bestimmten Namen hatte. Die Menschen konnten ihn nicht in einen Begriff fassen. Er war in viele Kräfte der Natur gespalten. Sie verehrten, liebten, fürchteten und haßten ihn. Die Phantasien bildeten alles um, was mit ihm in eine Berührung kam, und so waren zum Beispiel jene wenigen, die von der allgemeinen Vertilgung des Totems Fliegender Hund errettet worden waren, fortan zu einer neuen, von dämonischer Scheu umgebenen, tabugeladenen Kaste geworden, weil Wolkenglanz den zwei Hingerichteten die Seele zurückgegeben hatte.
Etwas Besonderes reizte die Gemüter: Er ließ sich unbeweibt!
In den Dörfern lebten schöne Mädchen. Sie hatten ebenmäßige, gedämpft wilde Gesichter, die schlanken Beine stiegen in heißem Schwung der Schenkel in die Hüften, die Brüste standen wie große spitze Zitronen, hart wie unreife Früchte, reif wie goldene Bananen, und die Schultern überstiegen sie, breiter als die Hüften, und mit einer genauen Muskulatur, als ob sie allein die spitz starrenden festen Brüste, die gewölbte Kugel des Bauches, die ausschweifend zusammengehaltenen Hüften tragen müßten. Die farbige Haut, auf deren dunkelem Grund helle Töne flimmerten, war ihm wie ein Fell von seidigem Glanz, von lebendig polierter Bronze, in die sich die geile Sonne gefangen hatte. Peter schaute ihnen gereizt nach, wenn sie vorbeigingen und ihre weißen großen Gebisse vor dem glücklich scheuen Gruß: „Ö!“ weit entblößten.
Alle Mädchen warteten, daß Wolkenglanz zum Mutterbruder ginge und um sie bat. Alle Stämme warteten, daß ihre Mädchen die Götterkinder im weißen großen Kanu empfängen und gebaren. Aber in Pirath bildete das Weiße seiner Herkunft eine sagenhafte Scheu aus vor dieser letzten, innigen Vermischung.
Fast wie in einem Wunder, so unversehens fühlte er sich diesem primitiven Volk hinwachsen. Er verstand Einrichtungen, Sitten, Verhältnisse aus seinem Instinkt heraus. Einige Monate vergingen. Er konnte schon mit den Menschen in den Lauten sprechen, die dieser Urwald zusammen mit der Meereseinsamkeit gebildet hatte. Er empfand auch, daß all die Mädchen und Stämme auf ihn harrten. Da war ihm über dem allem, als ob die körperliche Hingabe an die Weiber der letzte Verzicht auf Europa sei, und er wollte nicht verzichten — so verloren und verlassen Kililiki auch im Ozean lag. Der Krampf seines nach Europa sehnsüchtigen Herzens machte die Begehr nach den Weibern zu etwas Sündhaftem, machte seine Keuschheit zu einem Symbol; die Bewahrung der heimatlich weißen Persönlichkeit stand in ihr. Aber ach, er wußte, daß seine Anstrengungen, dies Symbol aufrechtzuerhalten, immer mehr blutlose Gebärde würden.
Monate flossen dahin, unaufhaltsam und sanft, und Peter erlebte in einer manchmal blutig gereizten, manchmal schwerfällig dunkeln Melancholie vorfrühlingshafte Änderungen in sich. Er erlebte, als sei es an einem Menschen neben sich, den er kannte, wie das europäische Gewissen, das Ummodeln jeder Erscheinung in geistig vermünzte Werte, langsam von dem Urwald überwuchert wurde, der um die Hüttenkreise der Dörfer vom gelben Sandufer aus, wie heimliches Frauenhaar über den Venusberg, sanft aufregend, verbergend, süßer Fruchtbarkeit willenlos ergeben, die Höhen überquoll. Er verspürte diesen Nebenmenschen, der ihm so innig verwachsen war, in ein weiches Aufgehen in dieser einsam fremden Natur versinken, und eine üppige Entfaltung der Phantasie drängte sich machtvoll durch. Impulse stiegen trächtig und greifbar wie Taten durch seine Adern. Die voraussetzungslosen Formen der Natur, die keine Erinnerungen in sein Blut geritzt hatten, wirkten vertiefend und beschleunigend hinein. Ihre sorglose Üppigkeit und selbstverständliche Begrenzung waren ihm wie eine erreichbare Ewigkeit. Die Zeit hörte auf. Er verlor das kurze Verrechnen der Tage gegeneinander. Tage und Jahre kosteten nichts. Die Zeit spaltete sich nicht mehr in Arbeitszeiten und Nächte. Sie war wie ein kreisender Globus von Glut und Schatten, die hellen Stunden heiße Flammen, die dunkeln schwarzes Versinken, aus dem mächtige Träume stiegen. Wie im Traum, so schränkte auch im Wachen keine Kraft die seinige ein. Er lebte, wie sein Blut ihn trieb. Er lebte wie die Pflanzen, von keiner Sorge gehindert, keine Hemmung kam ihm in die Quere.
Er wurde allmählich sich weniger wertvoll und wuchs immer inniger in die Natur zurück. Er war nicht mehr ein dunkles kleines Glied, beengt und gezerrt, verantwortungsvoll und bescheiden in die europäische Kette gespannt. Er war selber ein Urwald.
Durch Wochen hindurch vollzog sich dieser sachte Übergang. Kaum gab er sich Rechenschaft darüber. Einmal, als er in einem kleinen Kanu aufs Meer zum Fischen segelte, fühlte er an dem Benehmen der Fregattenvögel und Möwen, die über ihm hin und her strichen, daß etwas sich mit einer Spannung lud, daß etwas gefährlich und drohend wurde. Er wußte nicht, was geschah. Die Beobachtung sickerte unbewußt in sein Blut, pulste durch seine Adern und bewog ihn, sein Kanu landeinwärts zu drehen. Da hetzte es hinter ihm her wie eine wirbelnde Angst. Er erreichte das Land, bevor der furchtbare Orkan ausbrach, den keine Wolken und kein Wind angezeigt, dessen gefährliches Kommen aber die Vögel seinem Blut gemeldet hatten.
Von diesem Tag ab bemerkte er öfter plötzlich, wie er den schärferen Witterungsinstinkt der Tiere benutzte, um sich vor Gefahren zu schützen, um einen Rückweg von verlorenen Waldwanderungen zu finden, um Nahrung zu suchen oder das Wetter zu prüfen. Aber auch dies Bewußtsein begann nach und nach in die unsichtbare Tiefe zu sinken.
An einem Morgen, als alle Männer schon in den Wald gegangen, schickte sich Peter an, in seinem Kahn stehend, den Bogen zu spannen, wobei ihn junge Weiber umstanden.
Die Weiber schauten zu und plauderten mit ihm über ihre Kinder, ihre Männer, Essen und Wetter. Auf einmal, während er sich niederbückte, hörte er jähes Schreien. Er richtete sich auf.
Die Frauen stoben schon zwischen den Hütten davon, und nahe bei ihm am Ufer stand ein Mann, den er auf der Insel nie gesehen hatte.
Das Bild der Gestalt flog mit einem Blick den erstaunten Peter an. Der Fremde hatte eine rötliche Hautfarbe. Er war klein, mit einem kegelförmigen dicken Kopf, auf dem drahtiges Haar aufstarrte. Seine Nase unter den geschlitzten und schiefen Augen war nicht groß, aber schwer und hing in einer gebrochenen Linie auf den dünnen geschwungenen Mund zurück.
Der dicke fremde Kopf schaute Peter mit dumpfem Entsetzen an, einen Augenblick nur, dann schoß die kleine Gestalt in die Höhe, warf sich herum und raste davon. Peter setzte mit einem Sprung über den Bootsrand und flog mit seinen langen Beinen hinterdrein. Der Kleine durchstürmte das Dorf, lief am Wald entlang und schlüpfte wie eine Eidechse plötzlich ins Dickicht.
Peter lief ihm blind und ohne Gefühl nach, war nur mehr ein Jäger, dem das Blut in den Augen flimmerte. Nach einer Weile verlief sich der jähe Anfall.
Als Peter durch den Wald zurückging, fiel ihm plötzlich ein, wie die Weiber sich gegen den Fremden benommen hatten. Sie kannten ihn. Er gehörte einem Geheimnisse an, das man ihm vorenthielt.
Deshalb hatte er keine Aussicht, etwa von Möwenschnabel mehr zu erfahren, und Peter nahm sich vor, seine Waldstreifen weiter auszudehnen und einmal in einem Kanu ganz um die Insel herumzufahren. Das hatte er bis dahin sonderbarerweise nie getan, und es fiel ihm nachträglich auf, daß die Fischer ihn stets abgehalten hatten, nach dem Norden zu segeln.
Das dachte er sich nun und sagte zu Möwenschnabel:
„Wir segeln jetzt um die Insel!“
Möwenschnabel sagte erschrocken: „Nein!“
„Weshalb nicht?“ fragte Peter.
„Im Norden wohnt in einem Loch am Ufer der böse Geist.
Der böse Geist hat unsere Mutter Kililiki getötet, hat ihre Seele behext und hält sie an einer langen, langen Rotangschnur und läßt sie, wie einen Falken über die Tauben, über die Menschen niederstürzen, die dort vorbeirudern.
Die verhexte Seele wohnt in der Luft und im Wasser. Sie kann von überall her über uns ...“
Peter ließ Möwenschnabel weiter reden. Er horchte nicht zu.
Der König überschüttete ihn mit weitläufigen dunkeln Worten, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
Peter ging in sein Boot.
Er hatte die Tage, die er seit der Ankunft an der Insel in seinem Boot wohnte, mit Kerben am Bootrand eingezeichnet und sie in Gruppen zu zehn abgeteilt. Er begann diese Kerben abzuzählen. Er kam bis zu dreihundert, und es stand noch eine Reihe vor ihm. Da ließ er es plötzlich bleiben.
„Was ist hier Zeit?“ fragte er sich. Ein Tag sind tausend Jahre und tausend Jahre sind ein Tag. Er war ein verschlagener Mönch von Heisterbach und ließ sich tief vor dem Wunder Kililikis versinken.
„Ich will die Tage nicht mehr anzeichnen! Was ist Zeit?“ fragte er sich noch einmal.
Und plötzlich erschien in diesen geheimnisvoll versinkenden Vorstellungen das Bild eines jungen braunen Mädchens.
Sie hieß Seeschwalbe und war ihm einmal unvermittelt im Wald begegnet. Da war sie stehengeblieben. Ihre schlanken Hüften stiegen sonnenbraun aus dem grünen Gestrüpp, wie aus einem Bad. Sie öffnete zum Lachen den Mund, und ihr großes und leuchtendes Gebiß legte sich bloß und war mächtig und unwiderstehlich, wie ein junges Raubtier.
An diese Begegnung dachte Peter in hin und her hastenden Vorstellungen. Er hatte sich immer ausgemalt, seine Kraft bestände darin, daß er die Weiber mied. Das fiel auf einmal lächerlich in ihm zusammen. Weiber waren, wie das atmende Laub an den Bäumen, wie die Ranken an den Lianen, menschliche Verknüpfungen mit der gewaltigen Natur. Sie waren die Wirklichkeit der Phantasie, das Gewähren der schöpferischen Güte, die dunkle innige Wölbung der Gebärmutter, aus der das Urleben sich herausschmiegte, die geheimnisvoll finstere Grotte, in der das Fleisch seine Haut und seine Lebensfähigkeit gewann.
Während er so grübelte, bemerkte er zugleich, daß die Vögel heftig über den Boden niederdrangen, plötzlich hochschnellten und im Bogen zur Erde zurückgingen. Gleich trieb ein Zug von Käfern am Bug vorbei und hastete dahin, wie in einer Flucht. Kleine Insekten überholten sie und Ameisen kamen, stauten sich, als sammelten sie Mut und in der Masse Kraft, es mit einem Feind aufzunehmen. Alles Leben trieb aus einer Richtung heraus auf den Bug seines Bootes zu. Die gleitenden Vögel, die sich wie Pfeilschüsse immer wieder auf die Erde warfen und wie Bumerangs im Bogen in die Luft zurückkehrten, näherten sich ihm rasch. Er stand auf und wartete, und auf einmal schlang sich um den Bug eine der giftigen schmalen und kleinen Schlangen herum.
Sie sah das plötzlich große Leben vor sich, unterbrach die aalende Wanderung, hob den Kopf und blies die Backen auf. Sie sammelte alle elektrische Kraft ihrer Ringe vor der großen Gefahr. Ihre Muskeln luden sich rasch und ballten sich, ihre Wirbel bereiteten sich zum Sprung, das Gift schwoll in der Drüse, die Stoßzähne zitterten. Aber bevor sie auf das weiße Feindliche losspringen konnte, hatte Peter mit einem Brett ihre Wirbelsäule zerbrochen. Die Schlange wand sich in unselig machtlosen, verdammten Krümmungen. Es war ihr, als ob der Sand sie umklammerte, als ob die Erde sie an sich saugte. Peter tötete sie vollends mit dem Brett und schleuderte sie zurück ins Gras. Die Seeschwalben stürzten über sie her und hackten im Flug in sie hinein. Die Ameisenarmee machte in Eilmärschen kehrt. Aber ein Reiher nahm die Schlange rasch mit übers Wasser. Sie hing wie ein totes Seil in seinem Schnabel, und er flog mit ihr vom Ufer davon. Die Seeschwalben stürzten in erregter Befriedigung, satt und glücklich vor Rache, hinter ihm her. Die Insekten, Käfer und Ameisen gingen, jede wieder von Sorge frei, der Richtung ihres Lebenserwerbs zu.
Übers Meer zog Regen heran. Wie eine schleifende graue Wand näherte er sich. Peter richtete das schützende Segel, das nur mehr aus Fetzen bestand, auf dessen größte Löcher Matten befestigt waren. Dann aber dachte er sich, es sei gut, wenn er sich auszöge und den seichten Strand hinab im Baden dem Regen entgegenginge. Seine Kleider mußte er vorsichtig behandeln. Das weiße Drilchzeug hatte der Zeit und Witterung und dem vielen Waschen schließlich nicht mehr standhalten können. Es war brüchig geworden. Er zog die Jacke und dann die Hose mit Sorgfalt aus, legte sie unter ein Brett ins Trockene und schritt dann dem Regen zu.
Da schimmerte auf einmal, wie ein Schlag durch die Luft, ein breiter mächtiger Regenbogen auf. Er stützte einen Fuß seiner Brücke scheinbar in den schweren alten Baum und trat mit dem andern, vor Farbigkeit strahlend, in das schieferdunkle Ungemessene des Raumes hinein. Peter schritt rasch aus. Er wollte in die farbige Nebelbrücke hinein. Die flimmernden Dünste wichen vor ihm zurück.
Aber Schildkröte, der ein Gefolgsmann des Königs war und nahe am Ufer im Sand saß, während das geschah, sah, wie Wolkenglanz rasch in die farbensprühende Säule des Regenbogens hineinging. Er erschrak. Zuerst verschlug ihm der Atem. Der Regen stürzte hastig heran. Wolkenglanz verschwand fast in den niederrauschenden Fluten. Der Regenbogen stieg breit in die dunkeln Wolken, wurde von ihnen halb verschlungen, wie von einem urhaften Krokodil, und Schildkröte sprang entsetzt auf, lief heulend ins Dorf, weinte, daß die Tränen wie der Wolkenbruch über die Blätter des Baumes an seinen Backen rannen, und brüllte:
„Der Gott Wolkenglanz verläßt Kililiki. Der Segen verläßt Kililiki. Die bösen Geister werden sich über Kililiki werfen!“
Männer und Frauen drangen aus den Hütten. Der Regen peitschte ihnen in die Augen. Sie sahen nichts. Nur die Trümmer des Regenbogens standen noch in der grauen Luft. Und alle erinnerten sich, daß Wolkenglanz über einen Regenbogen zu ihnen gekommen war. Und alle schrien auf einmal: „Der Gott Wolkenglanz ist auf dem Regenbogen zurückgekehrt. Wehe! Wehe!“ Möwenschnabel trat, vom Lärm aus seinem dunkeln Hause geführt, auf die schmale Veranda über der Leiter, hörte und glaubte, sein letzter Augenblick sei gekommen. Die Regen rasten knatternd hernieder. Sie trommelten auf Blätter, Dächer und Erdboden wie Steine. So sang der ewige Geist des heimkehrenden Sohnes Wolkenglanz das Tanzlied. Das war der heftige Lärm des Regens, und der ewige Vater brach hinter Wolkenglanz den Regenbogen ab. Deshalb sah man nur noch ein Stück des Bogens blaß in den hohen finstern Regenmassen.
Der Regen schleppte schwer und eilig über die Insel weiter. Er war bald davongerauscht, und gefrischt von der heftigen Kühle, über und über rinnend von Tropfen und Nässe, stand Wolkenglanz auf einmal wieder an seinem Boot. Die untergehende Sonne flog, wie leuchtende Tiere, auf seiner nassen Haut auf. Er flimmerte und blitzte und strahlte Licht aus und gehörte wieder Kililiki.
Da war heiße Freude im Dorf Vater, und die Männer, Frauen und Kinder kamen heran und tätschelten sein göttliches weißes Fell.
„Du, Ohm Wolkenglanz, warst beim väterlichen ewigen Geist!“ meckerte Möwenschnabel, der sich nicht fassen konnte vor Glückseligkeit. Er ergriff mit blöden, schmeichelnden Fingern Peters Handgelenk, bald seinen Daumen oder eine Brustwarze oder den Oberarm und tänzelte um ihn. „Der Ohm Wolkenglanz liebt Kililiki. Kililiki liebt ihn. Du, Ohm Wolkenglanz, kommst von einer großen Reise heimwärts zu Kililiki, und wir Männer und Frauen werden deine Rückkunft feiern.“
Es wurde ein großes Tanzfest angesagt. In der übernächsten Vollmondnacht sollte es stattfinden. Die Tage, die nun kamen, änderten das Leben der Dörfer vollkommen. Auf einmal löste ihre sonnenbeladene Stille sich in ein Summen und Brummeln auf, das früh mit dem Tagesgrauen anfing. Die Männer und Weiber gingen kaum mehr in die Pflanzungen. Sie holten sich nur, was sie zum Essen nötig hatten. Wo eine Gruppe beisammensaß, begann sie bald leise die alten Tanzmelodien zu singen, einer stieß mit einem Holz an einen Hauspfahl den Takt der Garamut, und im Sitzen machten alle die uralten Bewegungen, deuteten mit den Füßen die Tanzschritte an, ließen die Arme gehen und wiegten den Oberkörper. Und dann konnte es vorkommen, daß auf einmal die ganze Schar ins Flammen geriet, aufsprang und eine der Figuren tanzte. Sonst verspann sich tagsüber das Summen der Tanzweisen mit der Sonne über die Dörfer.
Wenn es dunkel wurde, fanden sich die Tänzer zusammen und übten.
Im Dorf des Häuptlings Fischreiher, das das siebente Dorf war, lebte der alte Mangostein, ein Ohm von Seeschwalbe. Er war berühmt als Erfinder von Tänzen und brachte jedes zweite Jahr eine Neuheit, die rasch in allen Dörfern aufgenommen und Mode wurde; das brachte ihm viel Muschel- und Zahngeld ein, denn die Tänze und Lieder waren ihrem Urheber geschützt. Mangostein erfand einen Tanz, der das Erdkommen und Erdwandern Wolkenglanzes darstellte. Er nannte den Tanz „Regenbogen“, und das war auch der Name, den Peter nun endgültig bekam.
Der Tanz sollte zusammen von den Männern aller sieben Dörfer getanzt werden, und man begab sich sofort an das schwierige Einstudieren. Mangostein ging zu den Holzschnitzern. Die mußten kleine Schnitzereien machen, die das Boot Peters darstellten, es aber halb als Kanu, halb als Muschel ausgestalteten und lebhaft bemalten. Es wurden viele Dinge darauf gemalt. Der Regenbogen stand darauf, die Wolke stand darauf, das große Wasser, die Insel Kililiki und die sieben Dörfer; das Farnkraut Tausendfuß war darauf gemalt, als das Zauberkraut gegen angehexte Krankheiten; ein Bogen und Pfeil und der fliegende Hund; der tote Mensch und der tote Geist, der weibliche Geschlechtsteil und der Bambus, der Regen und der große Geist über den Wolken ...
Und während dies Kunstwerk hundertfältig entstand und in neuen Erdfarben frisch in den Häuptlingshütten erglänzte, ging die Seele Regenbogens hinein, wohnte drinnen, und das Schiff war das Symbol der Allgegenwärtigkeit des erdgekommenen Gottes. Abends wurde es den Männern gegeben, und sie übten den Tanz, in einer Hand die Seele Regenbogens darbietend, mit der andern Kräuter und Blumen schwingend. Pirath wurde darüber der Regenbogen, die Fleischwerdung, der Zusammenhang zwischen Kililiki und der Überwelt des großen Geistes über den Wolken.
Die Männer übten in den Mondnächten den Tanz bis zum Aufbruch der Sonne und fielen dann in ihren Hütten in die Schlafecke und erwachten erst nach der Mittagsstunde, wenn der Hunger in ihren Leibern herumstieß. Dann begannen sie gleich wieder, und ihr Leben war nur Spiel und Traum in diesen Wochen. Herrlich, wunderbar und gottgemacht nannten sie dieses Leben. Sonst dauerte das Einüben eines Tanzes, der so schwierig und vielfach wie der Tanz „Regenbogen“ war, drei, vier anstrengende Monate. Die Aktualität der Ereignisse, die der Tanz „Regenbogen“ darstellte — ein jeder hatte alles unmittelbar miterlebt —, war für alle ein Ansporn und ein heftiger Reiz. Sie brauchten sich nicht erst mühselig in den Sinn hineinzuleben. Sie nahmen mit immer wacher Kraft, mit fortwährend aufgestacheltem Verständnis die Erklärungen und Darstellungen des Tanzmeisters Mangostein auf. Sie gruben Melodien, Worte und Bewegungen sofort in sich ein, und als die Vollmondnacht sich nach fast zwei Monaten näherte, waren sie vorbereitet und warteten auf das Ereignis, das wie ein Wunder vor ihrem Lebensweg lag und nur darauf harrte, von den Menschen in Besitz genommen zu werden.
Peter wußte, was vorbereitet wurde. Er verhielt sich dagegen, wie Erwachsene vor einer Bescherung, mit einer gemäßigten Spannung und einer gespielten Diskretion. Er lebte in einem leidenschaftlichen Auf und Ab. Bald floß er wie ein dunkler Strom, voll nächtiger Melancholie, voll rauschender Unrast und Sehnsucht nach seiner Heimat, seinem Bruder, seiner Tätigkeit, und dann konnte es geschehen, daß dieser Strom plötzlich verrann und, wie ein drohendes Stauwehr seinen Wall endlich bricht, ergoß sich die Glückseligkeit und die paradiesische Erfüllung der widerstandslosen Natürlichkeit Kililikis über ihn. Er fühlte, daß seine letzten Vorfrühlingstage vor ihm standen und daß der Sommer wartete, dessen reifender Saft mächtig aus dem Schoß der schwarzen einsamen Südseeinsel in ihn drang.
Als er früh am Tage des Festes vom Baden kam und die Sonne rasch seine Haut getrocknet hatte, wollte er seine Hose anziehen. Da riß das eine Bein von unten bis oben auf; morsch wie es war, konnte der Schaden nicht mehr gutgemacht werden, und Pirath entschloß sich zu der großen, für ihn symbolisch werdenden Entscheidung, von nun an nackt zu gehen wie die andern. Er riß einen noch brauchbaren Streifen aus der Hose und machte mit ihm einen der schmalen Schamgürtel, die zwischen den Beinen durchgezogen und hinten und vorn an einem Strick befestigt wurden, der den Leib umspannte. Diesen Schamgürtel trugen von der Mannbarkeit an die Männer Kililikis.