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Piraths Insel

Chapter 7: Zur ersten Station
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About This Book

The narrative follows Peter Pirath, co‑owner of a fat‑products factory, as financial strain and divergent desires unsettle his marriage to Ree. Scenes portray a domestic confrontation over household economics, the threatened sale of horses, and awkward displays of pride and longing, while the couple’s dogs mirror rising tension. Beyond the home, social circles spread gossip and cast moral judgments that intensify the couple’s dilemma. Through intimate episodes and social commentary, the work examines the clash between material necessity, personal pride, and emotional needs.


Zur ersten Station

Drei Stationen kamen an Peter Piraths Reisen. Drei Stationen, an denen er sozusagen den Zug verließ, verweilte, rückwärts schaute und die Fahrpläne neuer Richtungen studierte.

Bis zur ersten Station wurde er gepflügt. Bis zur zweiten Station kam er in Saft, und vor der dritten, da er ernteschwer geworden war, da ...

In Genua ging Peter Pirath an Bord des „Fürst Bülow“. Der Hotelwagen brachte ihn zum Kai, er stieg den Holzsteg aufs Zwischendeck hinauf und von dort die Eisenstiegen weiter aufs Promenadendeck. Schiffsoffiziere standen halb höflich bereit, halb militärisch wichtig und barsch umher. Der Kapitän grüßte Pirath mit einem väterlichen und zugleich weltmännischen Lächeln und einem verweilenden Anschlag an die vierfach bebänderte Mütze. Der Obersteward bemächtigte sich Piraths im Handumdrehen mit einer nur halb ausgeführten, aber doch formvollendeten Verbeugung.

Pirath ging hinter diesem Mann her das Promenadendeck entlang. Mit dem linken Auge sah er den Kai, in buntem Gewimmel von fremdem Volk bedeckt, mit ungewohnten Gebärden belebt, und mit dem rechten Auge sah er auf einmal, er mußte unwillkürlich den Schritt anhalten, einen jungen Menschen in einem Stuhl an der weißlackierten Wand tief rückwärts liegen und lesen. Peter begann seine Reisen wie eine religiöse Tat. Er folgte nur ungern dem Obersteward, um sich seine Kabine zeigen zu lassen. Er wollte sich über die Reling legen und schauen. Die steile Stadt schickte aus den üppigen Klötzen ihrer Paläste, die wie Felsenblöcke über Schluchten die Straßen bildeten, dieses farbige fremde Gewimmel von Volk herab. Das bewegte sich am Kai, mitten im Geruch der fernen Küsten, der an den Dampfern und Seglern abfloß, wie eine unbekannte Seele, die unbewußt den Schleier von sich lüpfen will und heischte, geschaut zu werden. Und dieser junge Mann lag tief rückwärts und las. Das war Pirath außerordentlich merkwürdig.

Er eilte hinter dem Obersteward her, warf einen Blick in seine Kabine und flüchtete wieder an Deck. Der junge Mann lag noch immer und las. Es war ein junger Mann, der unter einer blauen Seglermütze sachlich kurz geschorene rote Haare hatte und gepflegt pedantisch gekleidet war. Er war von stämmiger kurzer Gestalt, hatte ein Gesicht mit einer zu kleinen Nase, fest gerundeten Backenknochen, eine breite Stirn, einen scharfen Mund und einen mädchenhaften rosazarten Teint. Seine Augen ertranken in den spiegelnden Scheiben seines Kneifers. Seine roten Brauen hoben sich leicht, als Pirath vorbeiging, und senkten sich fast im selben Augenblick wieder in das Buch. Er war etwas weitsichtig und hielt das Buch steifarmig vor sich hoch. Das Buch hatte einen klatschigen Deckel, dessen Titel Pirath schon von fern lesen konnte: Die Welt und der deutsche Gedanke.

Der erste Gedanke Piraths war, als er diesen Titel gelesen hatte: Dies Buch könnte dir auch vielleicht nützen. Aber er wunderte sich, daß ein junger Mensch so untätig einem Buch hingegeben sein konnte, wo vor seiner Nase die lieblichste, ein wenig märchenhafte Lust eines fremden Volkes auf dem Kai tanzte. Denn es war ein strahlender, windgekühlter Augusttag. Peter empfand eine leise Enttäuschung in der inneren Erhebung, mit der er den ersten Schritt auf dem Schiff getan hatte. „Ich wollte, dieser junge Mann wäre nicht an Bord!“ sagte er sich. Er dachte, wie störend solch ein trockenes Pflänzchen in dem engen Lebensraum sei, in dem auf drei, vier Wochen ein lebendiger Haufen Menschen fremdem Klima entgegenfuhren und eng aneinander die Welt erlebten. Pirath stellte sich an einer solchen Bordgesellschaft von vornherein alles harmonisch vor.

Der Kapitän stand auf einmal vor ihm, führte die Hand an die Mütze und sagte mit einer kleinen lächelnden Verbeugung: „Kapitän Schnell.“ Peter nannte seinen Namen, und der Kapitän sprach gleich diesen Namen nach, so als ob er ihn seit längerem kannte. Das kam Peter Pirath vertraut vor, und er begann den Kapitän zu lieben. Der Kapitän war der gute Geist der Fahrt in die Welt, die Pirath begann, ein modernisierter wiedergekehrter Mentor, und ohne Hemmungen erzählte Pirath in dieser ersten Stunde auf dem Dampfer, da dieser zur Abreise rüstete, von seinen Zwecken und fragte den Kapitän nach einzelnen Persönlichkeiten, an die er Empfehlungen besaß. Doch es schien ihm, da er diese Namen nannte, als ob der Kapitän etwas spöttisch täte und sich zurückzöge. Aber dann sah er, wie die blauen Augen des Kapitäns auf den lesenden Jüngling fielen und zugleich der kurze ergraute Bocksbart seines großen gesunden Gesichtes sich vorn etwas hob. Da sagte er sich, daß der Rothaarige wohl die Ursache der plötzlichen Änderung sei.

Am Kai landeten drei Droschken. Der ersten entstieg eine schlanke straffe Frau in einfachem weißen Kleid. Sofort begann ihre Blondheit sonderlich in der Sonne zu leuchten. Ihr folgte ein großer Mann, der seinen Bauch steil vor sich hintrug und mit seinem Panama seinen riesenhaften Kopf halb verbarg. Die anderen Droschken luden noch einige Herren und Damen aus, an denen nichts Besonderes zu sehen war. Der Dickbäuchige grüßte herauf. Die straffe Frau ebenfalls. „Wir sind da, Käpten! Sie können fahren!“ rief der Dickbäuchige. Dann stellte er sich an die Spitze der Gesellschaft, hielt die Hände wie eine Trompete an den Mund, und während er den wippenden Holzsteg heraufkam, blies er den Wilhelmusmarsch hinein. Die Damen und Herren folgten lachend. Der Kapitän sagte zu Peter: „Entschuldigen Sie!“ und war unversehens verschwunden. Der Dickbäuchige tauchte die Eisentreppe herauf und rief: „Käpten! Wo ist der Käpten?“ Er grüßte Pirath. Er lächelte ihn von ganz nah mit seinem großen geröteten Gesicht an. Aus diesem Gesicht sprang die Nase in einem scharfen Winkel heraus, wie eine geometrische Figur an einem krausen Gewächs. Dann stellte er sich, einen Augenblick erstarrt tuend, vor dem rothaarigen Leser auf. Der schaute flüchtig zu ihm hin, grüßte sanft errötend. Der Dickbauch drehte sich zu der straffen Frau um und sagte, indem er mit dem Daumen rückwärts auf den Jüngling zeigte: „Heut abend weiß er ihn auswendig.“ Sie fragte: „Wen?“ — „Den deutsche Gedankche in der Wällt!“ antwortete der Dickbäuchige in einem fremden gutturalen Deutsch. Er war ein Holländer.

Der Rote errötete wiederum und lächelte kühl. Er versank tiefer in sein Buch. Pirath legte sich mit dem Rücken an die Reling und schaute die schöne Frau an. Ob sie die Frau des Dickbäuchigen war?

„Soll ik Ihnen wat seggen, Herr Backhaus?“ wandte der Holländer sich wieder an den Lesenden. Dann bückte er sich nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Jüngling lächelte kühl abwehrend und selbstbewußt. Der Holländer richtete sich laut gröhlend wieder auf. Er schaute Pirath an und tippte mit dem Daumen auf die Stirn. Der Jüngling erhob sich und ging, das Buch in der Hand, davon.

„Mrs., so sehen die jungen Manen aus, die sich heutzutage die Welt ankuken gehen. Dat is Chebrauch in die deutschen Kolohnjen,“ sagte der Holländer.

Da wußte Pirath, daß sie nicht seine Frau war.

Als das Schiff schon fuhr, kam der Obersteward zu Pirath und sagte: „Der Herr Kapitän bittet um die Ehre, Herrn Pirath bei den Mahlzeiten am Kapitänstisch zu sehen.“ Peter sagte: „Danke.“

Als er abends im Smoking in den Speisesaal kam, fand er, daß er zwischen dem Holländer und der straffen Frau saß. Der Holländer führte das Gespräch. Der Kapitän blieb diesen ersten Abend auf der Brücke. Der Holländer fragte Pirath nach seinem Reiseziel. Peter erzählte in Andeutungen. Nachher war es ihm, als ob der Holländer sich ein wenig um ihn bemühte. Aber er ging nicht ein auf Piraths Antwort, sondern trieb gleich das Gespräch auf die Erlebnisse des Tages in Genua zurück. Pirath erkannte in den andern Tischgenossen die Insassen der Droschken, die zugleich mit dem Holländer und der Frau am Kai angekommen waren. Er nahm sich vor, mit dem Holländer, der nach Sumatra zu reisen schien, bei erster Gelegenheit über seine Zwecke zu sprechen.

Pirath überlegte sich, was er seiner Nachbarin sagen könnte. Er fand nichts, und er genierte sich seiner Unbeholfenheit vor ihr. Er spürte, daß sie ihn öfter anschaute. Ihre merkwürdige Sprechweise fiel ihm auf. Sie sprach fließend Deutsch, aber mit einer fremden Aussprache. Er schnappte nach dieser Eigenart, um das anknüpfende Gespräch zu finden, legte sich einen schönen und gescheiten Satz zurecht. Aber als er ihn sagen wollte, fand er ihre Blicke wie wartend auf sich gerichtet, und das verwirrte ihn. Aus dem schönen und gescheiten Satz wurde die unbeholfene Frage: „Von wo sind die gnädige Frau? Darf man sich erkundigen?“

Sie antwortete mit einem, wie Peter schien, übertrieben höflichen und entgegenkommenden Lächeln: „Aus Tschikaügoü!“

Peter verstand nicht, aber er genierte sich vor der Schwierigkeit, sich den Namen deutlicher vorsprechen zu lassen, und er sagte: „So!“ Aber die Fremde nahm dann unversehens das Gespräch in die Hand und spielte wie mit einem Ball damit. Peter unterhielt sich unerwartet leicht, und er begann diese Gewandtheit, den klug ausnutzenden Verstand der Dame zu bewundern. Die Nachbarin verstand es, die Unterhaltung wechseln zu lassen, und Peter fand, daß sie gleichermaßen mit Humor wie mit der Fähigkeit ernster Rede ausgestattet sei. Aus ihren Gesprächen ging ihre Weltgereistheit hervor, und Berlin, Hongkong, Sydney, Neuyork waren ihr geläufig wie Hannover und Hildesheim dem Pirath. Da fühlte er, der so ganz seinen begonnenen Reisen angehörte, wie sie, die Vielgereiste, ihm überlegen war. Er sah jetzt in ihr etwas wie eine Führerin.

Das war, was Peter Pirath während des ersten halben Tages an Bord des „Bülow“ erlebte. Er gab sich wohl Rechenschaft darüber ab: Drei Menschen hatten sich ihm heut genähert, die straffe kluge Frau, der dickbäuchige Holländer und der Kapitän, und allen dreien ordnete er sich unter. Da tat er bei sich als der Schlaue. „Man muß aus allen Blüten Honig saugen!“ sagte er. Aber ganz im Innern gefiel es ihm nicht, daß er der war, der geführt werden sollte. Er war zu anderm ausgereist.

Nach Tisch saß Pirath mit dem Holländer in der Bar. Sie tranken schwarzen Kaffee, und Pirath bot dem Holländer eine seiner großen Zigarren an. Der Holländer schien sich auszukennen und sagte: „Oh!“ sehr erstaunt, diese Zigarre hier zu finden. Er brannte die Zigarre umständlich an. Dann versuchte er diskret Pirath zum Erzählen zu bringen. Peter aber dachte immer an die Klugheit seiner Tischnachbarin. Er fragte den Holländer: „Von wo ist meine Tischnachbarin?“

„O, die Mrs. Tschikaügoü? Aus Tschikaügoü!“

„Wo ist das?“

„Ich schreib Ihnen das Wort. Dann wissen Sie es!“ Er schrieb auf einen Zeitungsrand: Chicago. „Sie ist eine Deutsch-Amerikanerin, Mrs. Haug.“

„Sie ist sehr gescheit!“ sagte Peter.

„Sie ist eine reiche Witwe!“ warf der Holländer hin. „Ha, wenn man nicht verheiratet und so häßlich wäre ...“ Nach einer Weile sagte er noch und lächelte halb spöttisch dazu, halb anzüglich: „Aber Sie!“

Pirath erschrak. Er stotterte: „O, ich! ...?“

Auf einmal erschien ihm Ree. Er hatte nicht vermocht, diese Katze in seinem Bett zu halten. Wie sollte er jetzt die Welt erobern? Eine Stimmung von Niedergeschlagenheit und Zweifel verbreitete sich kleinmütig über ihn.

Der Holländer ging wieder dazu über, von der Reise zu sprechen. Er nannte als sein Ziel Sumatra und pries den Aufschwung, den diese Insel genommen hatte. Peter aber glitten die Gedanken fortwährend von Ree auf die blonde Amerikanerin über.

Als sie sich am nächsten Tag zum Essen begaben, fanden sie einen Unbekannten am Tisch. Der Fremde stand sofort auf, sobald jemand kam, verbeugte sich und sagte: „Hartmuth Hei, Schriftsteller und Tigerjäger.“ Er tat das auch beim Kapitän, der als letzter kam. Der Kapitän schaute ihn eine Sekunde verwundert an. Dann sah er durch den Saal. Unversehens stand der Obersteward an seiner Seite, bückte sich zu ihm nieder und flüsterte: „Der Herr hat sich einfach hingesetzt. Als ich ihm einen andern Platz anwies, sagte er, dieser Stuhl ist doch frei. Ich kann ja gleich da sitzenbleiben. Weshalb mich derangieren?“

Während des Essens erzählte Herr Hartmuth Hei ununterbrochen Abenteuer von Jagden, bei denen er sich heldenhaft benommen hatte. Bald war es einem Tiger in Indien schlecht bekommen, daß er Hei zu stark auf die Pelle rückte, bald mußte ein afrikanischer Löwe dran glauben. Hei sagte: „Vor einigen Jahren war ich im Innern Sumatras. Ich hatte Tigerspuren verfolgt, war an einen moorigen Fluß im Urwald gekommen und ein steiles Ufer hinabgeglitten. Ich sah am Ufer einen Stein aus dem Wasser ragen, wollte grad mit einem Satz darauf. Da hob sich der große Stein aus dem Wasser, hob sich immer ... immer ... ein rosarotes Loch erschien darunter und gelbe Stumpen, wie Kinderköppe so dick, und ich sah auf einmal, daß ich im Begriff gewesen war, in das Maul eines Hippopotamus zu springen. Ich ...“

„Seggen Sie, wie alt sind Sie?“ fragte grob der Holländer.

Hei blieb der Mund offen. Allmählich sagte er: „Achtunddreißig! Welche Frage!“

„Dann waren Sie acht Jahre alt, wie Sie das ... wie seggt man? ... Abentuur mit die Hippopotamus gehabt!“

„Wieso?“

„Weil ich dreißig Jahr in Sumatra leb und in dieser Teid ein Hippopotamus dort nicht gesehen wurde.“

Aber Hei entgegnete belebt: „Ha, gesehen wurde! Merken Sie sich, meine Herrschaften, gesehen wurde! Die Flußpferde sind allerdings rar auf Sumatra geworden, und ich dürfte der einzige europäische Jäger sein, der eins vor die Flinte bekam. Ich fahr fort mit meiner Erzählung ...“

„Dat is unnodig!“ sagte der Holländer.

„Weshalb, wenn ich fragen darf?“

Den andern wurde die Sache peinlich. Die Amerikanerin wandte sich auffällig an Pirath und begann ein Gespräch mit ihm über deutsche Frauen. Der Kapitän rief den Kellner herbei und studierte ausgiebig in der Speisenkarte. Der Holländer aber sagte ruhig: „Weil ick Ihnen dat segge!“

Hei zuckte mit den Schultern und wandte sich an seinen Nachbarn, einen deutschen Beamten, der als Richter in die Südsee reiste. Dem erzählte er das Abenteuer zu Ende. Der Richter hörte zu, als ob er zehn Kilometer vom Erzähler weg sich hinter seinen hohen Kragen verschanzte. Der Holländer verspeiste mit gutem Appetit, als ob er Hei nichts gesagt hätte, ein Tournedos. Er rief laut lachend einem Landsmann an einem Nachbartisch etwas auf holländisch zu, das niemand verstand. Hei horchte auf.

Man erwartete ein peinliches Nachspiel nachher an Deck. Der Kapitän heftete sich an den Holländer, um für alle Fälle bereit zu sein. Mrs. Haug sagte zu Pirath: „Seien Sie lieb, und laden Sie uns alle in die Bar ein. Den Jäger lassen Sie ruhig beiseit liegen. So was ist häufig auf Schiffen. Man muß sie immer zehn Meter vom Leib und natürlich einige tausend Kilometer von der Seele halten. Aber Mynheer Goed wollen wir von ihm entfernen. Kommen Sie, wir trinken Champagner.“

Diese kameradschaftliche Vertraulichkeit berührte Peter innig. Er wollte der Amerikanerin die Hand küssen. Aber dann sagte er nur: „Furchtbar gern!“

Als der Champagner eingegossen wurde, sah Hei von draußen zu dem Fenster herein, an dem der Tisch stand. Er streckte plötzlich seinen mageren Kopf weit vor wie ein Hahn durchs Fenster, so daß alle erschraken. Er rief: „Sieh da! Unser Tisch versammelt sich zu fröhlichem Tun!“ Dann kam er herein, schob einen Sessel zwischen Pirath und die Amerikanerin und bemerkte leichthin: „Sie gestatten!“ Nach hinten rief er: „Steward, einen Sektlutscher!“

Die Gesellschaft schaute sich betroffen an. Die Amerikanerin begann laut zu lachen. Der Kapitän rückte unruhig und peinlich berührt hin und her und warf lange Blicke auf den Schriftsteller. Der Holländer tat so, als ob niemand an den Tisch gekommen wäre. Der Richter versteifte den Kopf in den hohen Kragen hinein und sah den Kapitän an. Der Kapitän blickte wie nach Hilfe rund um sich. Hei neigte sich zur Amerikanerin: „Befleißigen sich die Gnädigste auch der hohen Jagd?“ Sie antwortete lachend und nebenbei: „Ja, auf sonderbare Menschen!“ — „Auch sehr interessant!“ machte Hei. Aber er war schon zu Peter hinübergeglitten: „Und in dem Herrn hab ich wohl einen Kollegen vor mir?“ — „Wieso?“ fragte Pirath, sich zurückziehend. — „Nun, die ganze Gestalt, das Exterieur, so wie die Muskeln übern Rücken gehen und die Brust herausgeweitet zwischen den Schultern sich wölbt. Sie könnten, parbleu! einem Nilpferd mit einem Ruck den Hals umdrehen.“

Pirath wurde ganz verlegen, als der andre seine Gestalt so beschrieb, und er errötete über und über. Er war nicht so kühn, zu Mrs. Haug aufzuschauen.

Aber während Hei mit Pirath sprach, hatte der Holländer sich zum Kapitän hinübergebeugt und ihm zugeflüstert: „Jetzt geht einer nach dem andern mit seinem Glas an die andre Tisch, in die Huk drüben!“ Der Kapitän lachte und sagte es weiter. Pirath sah, wie der Nachbar der Amerikanerin sich zu ihr neigte und wie sie lachend ja winkte. Der Holländer erhob sich, nahm sein Glas in die Hand und ging steif an einen andern Tisch. Da stieß der Richter Pirath an und flüsterte ihm zu: „Einer nach dem andern geht mit seinem Glas an den andern Tisch“ ... Der Kapitän stand auf und der Richter schloß sich ihm an. Als er weg war, sagte die Amerikanerin: „Herr Pirath, geben Sie mir Ihren Arm ...“ Sie führte ihn um das Deck herum, blieb dann stehen und schaute ihn an.

„Soll ich’s Ihnen sagen?“ fragte sie lächelnd.

„Bitte, ja!“ antwortete Pirath. „Was ist es denn?“

„Sie waren ganz rührend, wie er das von Ihren Muskeln sagte und Sie rot wurden ...!“ Und sie ließ ihren Arm mit einer zärtlichen Schwere in seinem liegen.

Pirath war verwirrt.

„Aber lieber Herr Pirath, sind Sie denn solch ein Kind? Wir sind Reisekameraden! Wir können uns doch sagen, was uns aneinander gefällt und uns bedeutsam aneinander zu sein scheint. Kommen Sie, wir gehn wieder zu den andern.“

Peter kam sich wieder als Schüler vor und versuchte seine Verlegenheit zu bemeistern. Sie setzten sich nebeneinander an den neuen Tisch. Sie sahen Hei allein mit dem letzten ihrer Tischgenossen in der andern Ecke sitzen. Der Holländer schimpfte: „So eene Wanz!“ Da erhob sich drüben auch der andre, flüsterte in die Luft hinein: „Verzeihung!“ und kam mit ernstem Gesicht graden Schritts zu den andern. Aber kaum saß er da, als Hei aufstand, sein Glas nahm und ebenfalls herüberkam. Er sagte: „Sie haben recht, meine Herren. Es zieht drüben. Und das ist in den Tropen Gift. Zugluft — schlimmer als ein Elefant, gefährlicher als ein angeschossener Tiger. Übrigens eine Geschichte von einem angeschossenen Tiger ...“

Hei saß wieder neben Pirath und wandte sich an ihn. Pirath drehte sich leicht weg. Aber das beirrte Hei nicht. Er begann: „Also einmal in Birma mit dem Maharadscha von Pnumpum war ich auf der Jagd ...“

„Wenn Sie fortfahren von die Jagdgeschichtchens, denn geh ich auch auf die Jagd!“ sagte der Holländer drohend.

„An Bord?“ lachte Hei. „Was wollen Sie hier erlegen? Mit welcher Waffe? Bitte?“

„Ich will ... hei Wanzen will ich erdrücken. Mit die Daumen ...“

Aber Hei rief hinein: „O, reden Sie nicht von Wanzen, Mynheer! Da war ich einmal drunten in Afrika im Dschungel ...“

Der Holländer lachte zum Kapitän hin: „Für solche Wanzen ist ein Küsten Kanon niet groot genug.“

„Na, aber wirklich!“ rief Hei erstaunt. „Sie kennen die Geschichte? Von der Wanze und der Kanone ...?“

Aber alle begannen zu lachen. Man bog sich hin und her vor Lachen. Goed wieherte, daß ihm die Tränen in die grünen Äuglein sprangen. Er brüllte: „Die ganze deutsche Kriegsmarin mit her an diese Wanz!“

Die Amerikanerin sagte leis zu Pirath: „Gehen wir.“ Der Richter und der Kapitän erhoben sich. Andre taten desgleichen. Man ging ein wenig herum und stellte sich draußen an der Reling zusammen. Der Windzug, der aus dem finstern Meer aufrauschte, spielte durch die Haare und Kleider. Auch Goed stand da. Auf einmal war Hei ebenfalls zwischen ihnen. Goed und Hei stellten sich zu Pirath, und es war ihm, als ob sie sich heimlich um ihn streiten wollten. Peter bemerkte das verwundert. Was wollen sie mit mir? fragte er sich. Dies ungleiche Paar! Der hungrige Schwindler und der imponierende, großmächtige Pflanzer!

Im Stuhl hinter ihnen an der weiß lackierten Wand lag der rothaarige Jüngling und las. Er hatte noch immer sein Buch mit dem klatschigen Deckel: Die Welt und der deutsche Gedanke. Pirath wollte den beiden entgehen, weil er sich über ihr Benehmen nicht klar wurde. Er setzte sich neben den Lesenden und begann ein Gespräch mit ihm.

„Sie lesen immer in diesem Buch?“ fragte er.

„Ja, gewiß!“ antwortete der andre.

„Ist es so fesselnd?“

„Nun wohl!“ sagte Backhaus. „Ich will mir mit deutschem Bewußtsein die Welt anschauen.“

„Und dann?“

„Dann übernehm ich das Geschäft meines Vaters.“

„In Hamburg?“

„Nein, in Kassel!“

„Das lernen die deutschen jungen Leute jetzt wohl von den Engländern?“ fragte Peter. „Zuerst umschauen, wie die Welt aussieht. Lehrjahre! Und dann erst zu Haus beginnen. Nicht wahr?“

„Das deutsche Bewußtsein erwacht jetzt!“ sagte der junge Backhaus. „Hätte es das früher getan, so wäre es besser um uns.“

„Nun, es geht uns doch nicht schlecht.“

„Aber falsch. So wie unser moderner Turnunterricht zu Haus die Glieder neu schult, so müssen wir auch den Geist, das Bewußtsein unsrer Persönlichkeit neu erziehen.“

„Das steht in diesem Buch?“

„Nein. Es ist mehr historisch. Schon das Ergebnis sozusagen.“

„Verzeihen Sie, Herr Backhaus, das ist mir unklar. Noch kein Geschäft, aber schon eine Bilanz.“

„Es handelt sich hier um höhere Dinge als Geschäft.“

„Aber Sie nannten doch als Endziel das Geschäft Ihres Vaters in Kassel. Meinen Sie denn nicht, daß, wenn uns das Geschäft in die Welt führt, eben dieses Geschäft das höchste der Dinge ist. Das Geschäft natürlich in der ganzen Atmosphäre einer deutschen Mentalität ...? Das Geschäft als Spitzenführer der Gruppe unsrer guten deutschen Eigenschaften. Anders wäre es doch wieder der alte verstaubte deutsche Stubengeist!“

Der Blonde machte: „Nun ja!“ Er strengte sich an, nachzudenken, und seine blauen Augen gingen unruhig hin und her und fielen dann aufs Buch und waren gleich still und besänftigt. Aber auf einmal, als Pirath schon dachte, er sagt nichts mehr, bemerkte er ganz ruhig und bestimmt: „Es nutzt doch alles nichts, bis der Krieg entscheidet!“

Der Holländer kam und nahm Pirath hinweg. „Wat seggt der deutsche Gedanke?“ fragte Goed. Pirath erzählte. Goed antwortete, ein wenig nebenbei: „Die Deutsche sind tüchtige Menschen. Aber ihr müßt eure Gedanke zu Haus lassen. Wisse Sie, was ist Welt? Welt ist Geld! Und nicht sich über ein Buch versammeln und mit dem Kopf drüber brühen, wie die Hühner auf die Eiern brühn. Tun! Das müßt ihr. Dann gibt es nichts Besseres in die Kolohnjen als der Deutsche. Aber diese Gedanke ... diese Gedanke ... Wenn ein Deutscher ein Loch in seinen Schuhn hat, dann denkt er zuerst über die Entstehung der Schuh nach, dann studiert he die Fabrikation von das Ledder in den dicke Buks ... Englishman — all right! Sie gehn nicht rundum in Gedanken, aber mit der Faust darauf zu.“

Pirath war ärgerlich, daß einer das deutsche Wesen so nicht erkennen konnte. Er antwortete gereizt: „Lassen Sie die Engländer gradaus auf ihren Pfeffersack und ihren Fußball zugehn. Wir sind Deutsche! Das ist etwas andres! Wir wollen auch in Geschäftssachen fühlen, wie uns das Herz schlägt.“

„Durchschnittlich siebzigmal in der Minut!“ lachte Goed, „wie bei die andern Nationen.“ Allmählich führte er dann, während sie zahllose Male ums Deck gingen, das Gespräch auf seine Pflanzungen auf Sumatra. Er erklärte, wie viel Möglichkeiten diese Insel noch berge.

Einmal sah Pirath, daß die Amerikanerin mit einem langen Blick ihm entgegenschaute, während sie so umhergingen. Er hätte gern mit ihr gesprochen. Aber er hörte zum erstenmal etwas, was seinem Unternehmen galt, und in Gedanken versuchte er fortwährend beim Pflanzer etwas von seinen großen Plänen anzubringen. Ein zögernder Instinkt befahl ihm aber vorsichtig zu sein, und da sagte er gar nichts, weil es ihm unehrlich erschienen wäre, mit halben Verdeckungen zu sprechen. Der junge Backhaus ging jetzt allein umher, das Buch unter die Achsel geklemmt. Der Tigerjäger stand im Winkel hinter dem Rauchzimmer und erzählte ununterbrochen.

Peter hatte seine Zeichnungen und Arbeiten über die Zentrifuge mitgenommen. Er dachte sich, die lange Schiffahrt ließe ihm vielfach freie Zeit, die er mit der Fortsetzung der Arbeiten ausnützen könne. Aber das sorglose und ein wenig planlose Hinundher, das Neue der Atmosphäre an Bord, die steigende Hitze hinderten ihn, voll und ganz an die Arbeit zu kommen. Er fühlte sich dann unzufrieden mitten in einer Anhäufung von Sorglosigkeit, wenn er so halb tätig, halb abschweifend sich über seine Papiere bückte. Es haftete auch ein feindseliger Geruch von Vergangenheit an diesen Blättern und Notizen. Ree entstieg ihnen, und allmählich bildeten sich die Empfindungen, die er aus ihnen empfing, stets zu dem einen Eindruck zusammen, daß in dem Land, das hinter ihm verschwand, in dem Leben, das anfing, ein wenig wesenlos hinter ihm zu werden, er versagt hatte, er jämmerlich unterlegen war.

Ein paarmal versuchte er dabei sich zusammenzuraffen. Aber dann lehnte er sich auf. Er gab sich damit zufrieden, daß er die Pläne der Zentrifuge in der bisher erreichten Form dem Bruder überlassen hatte, der sie dem Patentamt vorlegen und in der Fabrik einführen wollte.

Es kamen nun auch große, gemeinsame Ausflüge in den Häfen, die sie anliefen. Er fuhr mit Mrs. Haug, mit Goed und dem Richter nach Pompeji. Das war Ablenkung und Neues. Er wollte es ganz haben und befreite sich von allen andern Sorgen. Pompeji ließ ihn ohne Eindruck.

Als sie auf den Dampfer zurückgekehrt waren, sagte er der Amerikanerin: „Es sind Stumpen einer Stadt. Ich hab Ruinen nie geliebt, und diese haben nicht einmal das Malerische von Ruinen deutscher Burgen!“

Als sie ihm antwortete, ob es ihn nicht ergreife, daß Pompeji eine Stadt sei, die man nicht sterben lasse, sah er, in der Erinnerung, den Ausflug auf einmal mit andern Augen an. Sie standen abends an Deck zusammen, und er sagte ihr, wie richtig und schön ihre Bemerkung gewesen und daß ihm darnach erst der Sinn in das Trümmerfeld gekommen sei.

Sie bemerkte darauf: „Ich möchte mit Ihnen durch die Welt reisen!“ Und Peter fühlte sein Herz wärmer gehen, und es war ihm auf einmal, als täte es ihm wohl, die Asche, die in ihm lag, etwas zu entfernen und ihr zu zeigen, was drunter brannte. Denn so weit seine Heimat auch hinter ihm lag, aus seinen Adern war Ree nicht gewichen. Um nicht erzählen zu müssen ging er von der Amerikanerin fort und umwanderte ungezählte Male das Deck, während die Ladebäume knarrend arbeiteten und in der Tiefe auf dem Wasser in beleuchteten Kähnen Musikbanden neapolitanische Lieder fruchtbar machten.

Pirath ließ sein Leben hinter sich — und sein Leben war zusammengefaßt in den harten Schlag: Ree — als etwas, das unwürdig war. Nicht Ree war minderwertig. Aber er, er hätte sich nicht in diese Luft begeben sollen, er, der eine Energie war und doch sein Gemüt wie ein Moor in sich trug. Und da Ree keine Wurzeln in seinem Leben schlagen konnte, wucherte dieses Verhältnis auf seinem Gemütsleben wie auf einem Komposthaufen.

Die Amerikanerin schaute ihm unverhohlen nach, wenn er an ihr vorüberging. Sie empfand es nicht als eine Beleidigung, daß er sie hatte stehen lassen. Sie sagte sich: Es ist, als sei er irgendwo wund. Bei gewissen Dingen verliert er seine breite Ruhe und fängt an zu pendeln. Dieser Mann steht kurz hinter einem Erlebnis. Und als er wieder vorbeiging, sprach sie ihm leis für sich in den Luftzug hinein nach, der hinter seinem raschen Gehen sie streifte: „Es wäre süß, Sie zu lieben, mein Herr! Und von Ihnen geliebt zu sein, so zwischen Neapel und Hongkong.“

Das Schiff fuhr einige Tage ohne Unterbrechung durchs Mittelländische Meer. Der nächste Hafen war Port Said. Für Peter, den Unerfahrenen, entwickelte sich das Leben an Bord verführerisch sorglos und weich und bildete eine neue ungeahnte Realität, der er sich mit vollem Herzen hingab. Man plauderte, schaute, spielte, aß, trank, scherzte, die Welt lag fern um die Scheibe des Horizonts herum und konnte nicht über einen kommen. Selbst an Hei hatte man sich gewöhnt. Seine Aufdringlichkeit war manchmal nicht ohne Witz. Nur der Kapitän widersetzte sich. Wenn man ihm sagte: „Hei ist doch ein Scherz!“, dann machte er empört: „O, gehn Sie!“ und sprach von etwas anderm. Hei fuhr fort, Pirath aufzusuchen, und erzählte ihm wunderbare Jagdgeschichten, die Pirath nicht glaubte. Hei ließ dafür Pirath seine Getränke aufschreiben. Er log und schmarotzte sich im Kreis durch die Schiffsgesellschaft und versuchte, als niemand seine Jägergeschichten mehr hören wollte, mit einer geheimen Mission wichtig zu tun, die er nicht direkt, aber verdeckt im Auftrag eines großen Staates, der natürlich nur Deutschland sein konnte, unternahm. Dadurch leitete er den Zorn und das besondere Mißtrauen des Richters auf sich, der nach der Südsee fuhr.

Der Richter sagte zu Pirath, indem er vor Empörung rot wurde: „Das ist ein Schwindler!“

Der Holländer meinte: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne uns weismachen zu wollen, daß er wegen seiner guten Flint Erbprinz von Johore wird.“

Die Amerikanerin vermutete: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne versucht zu haben, uns alle anzupumpen. Und bei einem wird es ihm gelingen. Bei Ihnen, Herr Pirath, wo er anfangen wird.“

„Weshalb bei mir?“

„Er riecht den Neuling in Ihnen, den Reisedilettanten.“

Goed sagte: „So wie ich Bekenntnis von Ihne hab, Herr Pirath, geben Sie ihm Kredit bis zu drei Nulle!“

„Er wird sich schneiden!“ rief Pirath.

Der Richter: „Dem Schwindler! Bis zu drei Nullen?!“

Mrs. Haug: „Nein, nein! Nichts! Ich werde über Ihr gutes Herz wachen.“

Der Holländer löste die Aufregung in Lachen auf: „Mrs. Tschikaügoü als schützender Engel! Ik hab ja niet gesagt, daß auch noch ein Ziffer vor die Nulle kommt!“

Dann kam Hei.

Goed rief: „Hei, hei, schau, wer kommt wieder? Vertrau ik meine Augen, der Herr Hei!“

Der Hei lachte und sagte: „Mijnheer, Sie haben Augen, wie ein Boa-Constrictor-Jäger. Das ist eine Jagd. Gottverdomme ...!“

Herr Goed hielt beschwörend die Hände vor: „Bitte Jagd, nicht mehr Jagd! Man fühlt sich seinem Leben niet mehr seuker! Mit all Ihre Boa Constrictor, Tigers und rasende Elefants und dem Sumatra-Nilpferd. Ik lauf davon. Komme Sie mit, Mrs. Tschikaügoü?!“

Hei hielt Pirath am Jackenknopf fest: „Für Sie hätt’ ich was,“ sagte er, als die andern davon waren. „Es reisen so viele, die Jagdmärchen erzählen, daß einem ehrlichen Jäger, wenn mal einer kommt, niemand glaubt. Aber hier haben Sie’s schwarz auf weiß, mit Schrift und Kamera festgehalten.“

Hei zog eine alte Nummer der Woche heraus und schlug eine Seite auf. Pirath las: Moderne Tropenjagd von Hartmuth Hei. Hei drückte ihm die Zeitschrift hin. Pirath sollte lesen. Als sie sich später wieder trafen, fragte Hei: „Glauben Sie mir nun? Sie wenigstens? Auf Sie kommt es mir an.“

„Weshalb gerade auf mich?“

„Weil ich etwas Großes mit Ihnen vorhab.“

„Nicht möglich!“

„Ja, ich brauch nicht um Diskretion zu bitten, denn ich weiß, daß Sie’s machen, machen müssen, sobald ich Ihnen die notwendigen Aufschlüsse gegeben habe.“

„Ich warte.“

„Wir industrialisieren ein großes Jagdgebiet in Hinterindien.“

„Wer ist das: wir?“ fragte Pirath.

„Nun: Sie und ich. Hören Sie, Pirath. Da bin ich mit einem Maharadscha befreundet, einem Fürsten, einem König von immensen Gebieten. Aber der Nervus rerum, voilà, der ging ihm aus. Cherchez la femme. In seinem Harem hat er tausend Mächens, eins schöner als das andre. Das kostet sein Vermögen. Denn es müssen immer tausend sein und nicht nur aus Indien. Da sitzen die schönsten Europäerinnen drunter. Und er ist bereit, sein Gebiet zur Jagd zu verpachten. Es wimmelt von Elefanten, von alten Bullen mit Stoßzähnen, wie ein deutscher Eichbaum so dick.“

Pirath wollte ihn los sein und sagte: „Stoßzähne interessieren mich nicht. Dumdumkugeln noch weniger! Also ...“

„Still! pst!“ machte der Hei und hob den Finger. „Ich hab ja noch etwas in der Reserve. Weshalb wende ich mich denn gerade an Sie, an Herrn Peter Pirath, Mitinhaber der Firma Jens Pirath Söhne, unsere größten Kopraverarbeiter. O, ich weiß, mein Lieber. Tigerjäger und Schriftsteller! Mitarbeiter der Woche. Abgesandter der ... na, gehst du, Hei! Maul zu! Diplomatie! Ich weiß, wer meine Mitreisenden sind. Es gibt, na, raten Sie mal was? Es gibt in dem Fürstentum hinter den Bergen immense, unbekannte ... un...be e..kann...te! horchen Sie auf, Pirath, unbekannte Palmenwälder, sozusagen Palmenurwälder. Wir verbinden Stoßzähne, Kokospalmen mit den schlechten Finanzen des Haremkönigs Katipatituli und sind jemacht! Nun sprich, Freund! Wat seggst de nu?! Starr, was?! Un...be...kann...te ...“

Der Hei stand da wie ein Hahn neben einer Henne, der sich eben überlegt, ob er oder ob er nicht. Seine kleinen grauen Augen, die sonst verschwommen glänzten, hatten etwas Starres bekommen. Sie lauerten.

Peter überlegte sich rasch. Ganz wahr konnte es nicht sein, was Hei ihm sagte. Denn solche Palmenwälder warten wohl nicht auf Hei. Aber wenn auch nur etwas dran wahr wäre? Es lockte ihn, wenn er sich auch sträubte. Denn Hei war gewiß eine Art von Hochstapler. Hochstapler können auch einmal in ihrem bewegten Hinundher auf etwas Solides stoßen. Donnerwetter, Palmenurwälder in einem unbekannten Fürstentum! Hermann! Hermann! Das wäre was ... Dies Glück! Schon an der ersten Station!

Hei merkte, daß der Fisch um den Köder herumging.

Er schob ihn noch einmal vor: „Die Stoßzähne übernehm ich. Die Kopra Jens Pirath Söhne. Und vielleicht fällt etwas von den tausend Weibern zum Zeitvertreib auch auf uns, wenn wir droben sind.“

Er klapperte mit den schlaffen Augendeckeln und schlug sich auf die Schenkel.

In diesem Augenblick trat Mrs. Haug auf sie zu und sagte zu Peter: „Darf ich eine Sekunde Ihre Dienste beanspruchen, Herr Pirath?“ Sie führte ihn weg. Hei schaute ihr wütend zu und stampfte mit dem Fuß auf. Er schickte ihr ein unflätiges Wort nach und ging in die Bar, wo der Holländer Cocktails zum besten gab. „Ich schließ mich an!“ sagte Hei. „Vor dem Essen ist so ein Cocktailchen doch das Beste. Wie mischen Sie ihn? Scherry und ... was? ... ’n Schuß Gin! Famos! Aber solche Scherry-Cocktails wie es die im Haus des Gouverneurs von Waßmann in Deutsch-Ost gab, als ich dort mit Schillings im Tanganjika auf Krokodile jagte ...“

Der Holländer brüllte: „Halten Sie das Maul! Gottverdomme!“

Hei schaute ihn unentschlossen ein Weilchen an. Schließlich zuckte er mit den Schultern und bemerkte: „Da kann man nichts machen. Gesondheid, Mijnheer! Proscht, meine Herren!“

Der Barsteward lachte. Hei warf ihm einen giftigen Blick zu. Er sagte verächtlich: „Sie Bierganymed!“

Die Amerikanerin zog Peter ins Musikzimmer. „Was hat er Ihnen so Dringliches vorgeschlagen? Sie haben nicht einmal Zeit gefunden, nach mir umzuschauen ...“

Das sagte sie kameradschaftlich und selbstverständlich, ohne Koketterie. Pirath lehnte sich auf. Sie ist doch nicht meine Reisemutter! Ich fahr in die Welt, um Palmenpflanzungen für Piraths Söhne anzulegen und soll mich von Mrs. Tschikaügoü im Gehstuhl herumführen lassen.

„Jetzt lehnen Sie sich gegen mich auf!“ sagte unvermittelt Frau Haug.

Peter antwortete einfach: „Ja!“

„Nein, lieber Freund, das ist nicht recht. Ich bin eine sehr erfahrene Frau und vielleicht ein wenig gescheiter als Sie intelligenter Mann, und herumgekommen ...“

Pirath grollte hin: „Auf einen Hei fall’ ich, trotz meiner Unterlegenheit, doch nicht so ohne weiteres herein!“

Sie sagen selber: „Nicht ohne weiteres! Das bedeutet doch, daß Sie ihm zugehorcht haben. Daß er etwas sagte, was Sie beschäftigt.“

„Ja!“

„Er ist aber durch und durch ein lumpiger Schwindler. Ich kenn’ ihn. Ich hab ihn auf Sumatra gesehn, und er kennt mich auch. Er ist frech wie Gassendreck. Zu tun, als ob wir uns nie gesehen hätten. Dort hat er in einem Haus schmarotzt und hochgestapelt, in dem ich verkehrte, bei einem Tabakpflanzer. Alle seine Jagdgeschichten von Sumatra sind Feuilletonerfindungen. Und mit Ihnen hat er nichts anders vor, als daß er Geld von Ihnen erschwindeln will.“

Sie sprach zum Schluß ganz heftig. Das reizte Peters gekränkten Ehrgeiz wieder auf. Er sagte spöttisch: „Ich danke Ihnen für Ihre mütterliche Vorsorglichkeit.“ Bei sich: „Wie wird sie so heftig! Als ob sie eifersüchtig wäre, daß ein andrer Mensch mit mir in Berührung kommt. Hat sie mich vielleicht gepachtet?“

Das Gespräch verlief in Mißstimmung. Als Pirath ging, lächelte die Amerikanerin ihm herzlich nach. Er ist lieb; der Riese ist wie ein Kind. Aber dann faßte sie der böse Gedanke, was die Welt wohl aus diesem weichen Mann machen mochte, der ausgezogen war, sie zu erobern. Denn sie kannte das Erbteil des alten Piraten Jens an ihrem Freund noch nicht. Die fatale Energie!

Der Hei bemächtigte sich Piraths, sobald es ihm möglich war. „Nun? Überlegt?“ schnauzte er ihn an. „Der Holländer dürfte auch zugreifen wollen, wenn er’s wüßte.“

Hätte das Gespräch mit der Amerikanerin nicht stattgefunden, so wäre Pirath dem Hei ohne weiteres über den Mund gefahren. Er hätte ihm gesagt: „’n Buckel runter!“ So fand er es selbstverständlich, mit Gefahr und Schwindel noch erst ein wenig zu spielen.

M...m...! wiegte Pirath mit dem Kopf hin und her, als ob er halb zustimme. Der Hochstapler war aus seinem Beruf heraus ein Optimist. Er mißverstand drum Piraths M...m! und legte es so aus, daß der Karpfen zugebissen hatte, jedoch noch etwas gleichgültig tat, um zu verbergen, daß er schon an der Angel hing. Der Karpfen tut schlau! flüsterte der Hei sich wonnig zu. Ich werde ihm eins hinter den Kopf geben, dann vergeht ihm die Schläue. Laut sagte er zu Pirath: „N... ja! Also nein oder ja! Oder der Holländer! Aber eins vorausgeschickt. Als Provision bekomm’ ich vor dem Nachtessen zehn Blaue. Sonst bleibt der Maharadscha Katipatituli, der natürlich nicht so heißt, in seinen Finanzschwierigkeiten zwischen seinen tausend Weibern in Hinterindien, wo natürlich die Palmenwälder nicht liegen. Also Pirath, zeigen Sie, daß Sie ein großer Kaufmann sind, ein echter moderner Deutscher. Verhindern Sie, daß diese Geldquelle in ausländische Hände fließt. Prr, zugegriffen! Der Auerochskopf hängt mit gebrochnem Genick in Ihren Muskeln.“

Sieh, sieh! Der Hei ist sicher! Und wie er frech geworden ist! Es kam Pirath nun humoristisch vor. Er dehnte die Geschichte aus und meinte: „Lieber Herr Hei, es ist eine große Sache. Viel Geld! ’n bisken viel Geld! Wieviel gedenken Sie hineinzulegen ...?“ Hei schaute ihn sonderbar an ... „Nun sehn Sie, ich weiß. Sie sind der Kopf, die einführende Energie ...“ Hei nickte mit aufleuchtenden Augen. „... Wie gesagt, viel Geld! Da Sie aber nun glauben, Herr Goed möchte auch, so wollen wir ihn doch einfach hinzuziehen. Mit seiner Finanzkraft und kolonialen Erfahrenheit! Die Größe des Objekts verträgt zwei Nationen ...“

Hei legte Pirath heftig die Hand auf den Arm: „Still! pst!“ sagte er und klappte einmal mächtig mit den schlaffen Augendeckeln über seinen grauen verwischten Augen. „Der Holländer möchte. Schauen Sie mir in die Augen, Pirath, Hand her! Diskretion! — Der Holländer ist ein Schwindler!“

„Wa...as?“ fragte Pirath.

„Ehrenwort! Ich kenn ihn. Ein Schwin...dler! Er tut großmächtig an Bord. Wollen sehen, ob er in Penang seine Zeche bezahlen kann ... Auf Sumatra ...“

Aber Pirath lachte Hei laut ins Gesicht. So ein kleiner Betrüger, so ein hochstapelndes Wichtchen spuckt nach Mijnheer Goed, dem soliden, breitbeinigen, historisch aussehenden Pflanzer. „Hören Sie mal, Herr Hei,“ fuhr ihn Pirath an, „kennen Sie auf Sumatra ein Haus so und so ...?“

Da sah Hei melancholisch zu ihm auf: „Jugendsünden!“ flüsterte er ganz zerschmelzend. Aber plötzlich änderte er die Haltung. „Das haben Sie von der Amerikanerin. Pfui! Sie soll sich was schämen, einem Mann seine Jugendeseleien nachzurechnen. Gerade sie!“

„Weshalb gerade sie?“ fragte Pirath rasch.

„No, reden wir nicht weiter drüber. Eine Dame. Seien wir galant! Was hat diese ... Dame mit unserm Geschäft zu tun? Sie haben meinen Artikel gelesen. Die Aufnahmen beschwören sozusagen die Wahrheit. Sie können mir trauen. Zehn Blaue, und Sie erfahren als Erstes Namen und Lage der Palmenurwälder ... Ur...wälder! und des Harems mit den tausend Weibern, zu denen die Amerikanerin als tausendundeinte gehörte, denn ... pst, Hei, Maul zu. Tiger gehen dich was an, Stoßzähne! Aber diese Mrs. Tschikaügoü ...!“

Da sagte Pirath eisig, obschon es in ihm wie bei einem Erdbeben zuging: „Ich geb Ihnen die tausend Mark, wenn Sie den Satz zu Ende sprechen.“

Heis faule graue Augen wurden starr und die Augdeckel klappten wie ein verrückter Vorhang. Aber schon besann sich Peter, und eine brennende Scham überätzte ihn, daß er sich diesem Subjekt gegenüber so gehen gelassen hatte. Hei schien zu fürchten, daß der andre hinter sein Wort gehen könnte und beeilte sich: „Die Amerika ...“

Aber Pirath brüllte: „Seien Sie still!“ Er lief davon. Er ging in seine Kabine, legte einen Tausendmarkschein in ein Kuwert. „Der Hund bekommt das schöne Geld!“ sagte er. Er spuckte in das Kuwert hinein, bevor er es schloß. Dann klingelte er und sagte dem Kellner: „Bringen Sie das dem Schriftsteller Hei.“

Als der Kellner zum Weggehen die Tür öffnete, ging draußen die Amerikanerin vorbei. Peter starrte auf die Tür, sah in ein einsames, üppiges, von Palmen umstandenes Pflanzerhaus, an dem alle Jalousien tief versperrt waren und hörte eine bekannte Stimme drin. Er schüttelte sich wütend. „Was geht das mich an? Was geht das mich an?“ fragte er sich gequält und zornig.

Beim Nachtessen war er schweigsam und ließ seine Nachbarin allein reden. Plötzlich sagte sie: „Sie antworten mir kaum. Seien Sie doch nicht so unhöflich!“ Pirath befleißigte sich dann eines spöttischen und erregten Entgegenkommens, das sie mit fragenden Blicken erwiderte. Als das Essen vorbei war, setzte er sich eine lange Weile in seine Kabine und rauchte dort seine Zigarre, statt der Gewohnheit nach ins Rauchzimmer zum schwarzen Kaffee zu gehen und zwischen seinen Tischgenossen zu sitzen. Später stellte er sich vorn am Schiff einsam an die Reling. Er stand eine Weile da im vollen Licht einer Decklampe, da sah er von hinten den dicken Holländer mit wackelndem Bauch heranlaufen; mit kurzen, hastigen, durch die Kleider behinderten Schritten folgte ihm Mrs. Haug. Als Goed bei Pirath ankam, rief der Holländer ganz außer Atem: „Weten Sie, wat Mrs. Tschikaügoü gesagt hett! ‚O, der Herr Pirath sind ein so schöner Mann!‘ Dat hat sie gesagt!“

Er lachte Mrs. Haug an, die wie wartend straff stand und vom Laufen erregt atmete. Goed rief: „Seuker, dat haben Sie gesagt! Zu mir!“ Pirath wurde über und über rot und warf ihr einen empörten Blick zu. „Plump wie ein Amerikaner!“ sagte er für sich. Sie aber stieß mit dem Fuß auf und ging davon. Goed sagte zu Pirath dann: „Kommen Sie mit in die Bar! Ick wünsche Ihnen etwas zu zeigen!“

Sie gingen. Sie setzten sich allein an einen kleinen Tisch. Goed zog aus der Tasche ein Pack Papiere, breitete eine in farbigen Flächen zusammengesetzte Karte aus und zeigte Pirath die grünen großen Flecken: „Die gehören meiner Maatschappij. Und die gelben gehören Ihnen, wenn Sie wollen. Sie sind uns vorge... wie sagt man ... gezeechnet! Grün ist Rubber und Gelb hat alte Kokonutbestände, die man vergroteren kann. Sie, Herr Pirath, sind niet wie soviel Deutsche, wie der Herr Deutsche Gedanke! Sie lesen! Sie greifen zu. Die Welt ist Geld!“

Unvermittelt fragte er, was Hei ihm am Vormittag gesagt hätte. Peter erzählte es. „Schwindler!“ antwortete Goed. Mehr sagte er nicht. „Aber dies ist gut, exzellent. Deli-Sumatra wächst, Atjeh Co. prima, prima!“

Pirath schaute die Karte an. Hier bot sich ihm Ernstes, das wußte er. Goed war ein Ehrenmann. Die holländischen Kolonien genossen, seitdem der Kautschukschwindel vorbei war, den besten Ruf. Sonst ließen nicht England und Amerika ihre Kapitalien dorthin fließen. Goed bemerkte auch: „Rund um uns warten Engländer und Amerikaner. Sie overstromen, overschwemmen das Land mit Geld! Da ist es der deutsche Gedanke, zuzugreifen, vorzukommen, mitzukommen. Herr Backhaus aber leeset nur.“

Pirath sagte: „Man müßte sich das anschauen, natürlich!“

Da begehrte Goed auf: „Verdomme! Wat anschauen! Wer hat Bekenntnis von die Geschäftsdepeschen, die in Kolombo liegen? Schauen Sie sich die Hochöfen und die Minen von Rote Erde an, wenn Sie Aktien darvon koopen? Dat is eene Maatschappij. Man setzt auf sie. Man setzt nicht auf sie. Ça dépend du goût.

„Oder von der Vorsicht!“ lachte Pirath.

„Mit Vorsicht hat noch niemand nichts gemacht!“

„Und ohne Vorsicht sind viele schon hereingefallen.“

„Oder reich geworden!“

Da sah Peter im dunklen leeren Raum des offenen Fensters vor sich das helle blonde Gesicht der Amerikanerin. Es schaute nicht herein, sondern war in die Fahrtrichtung des Schiffes gedreht, der Wind schlug fest auf das Gesicht, das im Licht des Fensters stand, es schaute etwas aufwärts, es kniff die Augen in dem heftigen Luftstrom fest zu, und der Wind blies die blonden krausen Haare wie Schaum rückwärts. In der weißen Seidenbluse strafften sich die Brüste. Sie stand plötzlich da, voll Leben und doch wie eine Erscheinung.

Pirath antwortete dem Holländer zerstreut: „Nun ja, es muß aber doch nicht gleich sein.“ Goed sagte ruhig und nebensächlich: „Aber neen, aber neen! Eine gode Sache! Aber lassen Sie sich ein Rat gewen von einem erfahrnen Ostasiat: Ihr Deutsche hättet die Welt in die Handen, aber ihr seid niet couragiert. Ihr leset den Deutsche Gedanke in der Welt und wisset niet, wi ist die Welt. Der Herr Backhaus draußen vergißt über seinem Buch, sich die Welt anzusehen. Ganz zu hinderst in die Kopfen, da spielt sich das Leben af für die Deutsche. Ich bin erfahren. Herr Pirath, gehen wir bisken an die Luft!“

Peter sah die Amerikanerin nicht mehr. Der junge Mann mit der knotigen Gestalt und dem flaumigen Teint lag in seinem Stuhl und hielt das ewige Buch aufgeschlagen vor sich hin. Aber er schaute in die Finsternis. Dort donnerten die Wogen, die am Steven zerbarsten.

„Er sieht aus nach dem deutschen Gedanken in der Welt!“ sagte Goed.

Hei lehnte mit andern an der Reling und sprach. Pirath schaute nicht hin. Er schämte sich. Er ging bald zu Bett. Er war heut unzufrieden und gequält. Ree stieg so oft aus seinen Gedanken auf und wechselte plötzlich, wurde blond und drückte die Augen fest im Wind zu. Dort flatterte ein Tausendmarkschein. Heis schlaffer Augendeckel klappte danach wie ein Froschmaul und schlug ihn aus der Luft herab in seine Hosentasche. Peter schämte sich. Er fand keinen Schlaf und ging aufs Deck hinaus.

Es waren noch viele Reisende auf. Morgen lief der Dampfer Port Said an, und die meisten verließen dort das Schiff. Peter legte sich in seinen Stuhl, schloß die Augen und stöhnte auf. Da sagte eine Stimme neben ihm in der Dunkelheit:

„Sind Sie bös auf mich?“

Pirath schrak auf. Die Amerikanerin saß neben ihm und schaute herüber. Ihre hellen Augen und ihre blonden Haare leuchteten in der Finsternis.

„Sie mißverstehen mich. Sie kennen keine Menschen, die viel reisen, denen das Reisen Heimat ist und die darum sich leicht zu andern Menschen stellen, leicht und oberflächlich, und Dinge sagen, die in Häusern zu sagen gegen den Geschmack verstieße. Seien Sie mir nicht bös!“ bat sie in herzlichem Ton und schaute ihn an.

In Peter zerschmolz die Verstimmung. Es kam über ihn wie eine Erlösung, und er sagte nur: „Nein, nein!“

Sie reichte ihm die Hand. Es fiel ihm auf, daß alle ihre vielen und reichen Ringe an den Fingern fehlten. Da drängte etwas Peter, zu beichten, daß er dem Schuft tausend Mark gegeben habe, um etwas über sie zu erfahren. Sie machte eine heftige Bewegung, faßte sich aber rasch, und Pirath sagte: „Ich ließ es mir nicht sagen. Ich bin davongelaufen.“

Beide schwiegen. Sie trennten sich dann versöhnt und herzlich zufrieden.

Am nächsten Morgen ankerte der „Fürst Bülow“ in Port Said. Mrs. Haug, Pirath, der Holländer, der Richter und ein fünfter schlossen sich zusammen, fuhren mit dem Expreß nach Kairo und wollten am Abend im Expreß nach Suez reisen. Dort erwartete der „Bülow“ sie. In Kairo mieteten sie zwei Automobile. Der Holländer stieß die beiden Herren unversehens in das eine, sprang selber nach, und das andere blieb für Peter und Mrs. Haug. Sie fuhren froh und gesprächig durch die Sonne zu den Pyramiden.

Als sie zurück nach Kairo sollten, sagte Goed zu seinen beiden Begleitern: „Ick sag jetzt dem andern Chauffeur: Go on! Die zwei werden sowieso niet viel auf unsere Geselligkeit halten. Wir haben noch Zeit auf den zweiten Zug nach Suez, und in Kairo gibt’s wat zu sehen, wat sich for eine Dame niet konveniert!“

Der Richter und der andere lachten. Es entging Mrs. Haug und Pirath, daß das zweite Auto zurückblieb. Sie erreichten den Zug, und Pirath sorgte sich um die drei Kameraden. Aber Mrs. Haug versicherte ihm, daß der Kapitän eben ein paar Stunden länger warten müßte, bis die Herren mit dem zweiten Zug kämen.

Sie gingen gleich in den Speisewagen und bekamen einen Tisch für sich. Der hastig gedrängte Tag war übervoll und schön gewesen. Sie fuhren bequem. Sie tranken Champagner zum Essen, und es war warm um sie. Es war ein milder, herzlicher Odem, der sie umfloß. Peter erzählte von zu Hause, von seinem Bruder und der Fabrik. Aber vor seinem Schicksalsschlag stauten sich seine Worte, und er ging drüber weg und erklärte ihr eingehend, was er in der Welt suchte. Er erzählte von Heis Angebot und sprach dann auch von den Gesellschaften Goeds und von dem, was Goed ihm darüber gesagt und zu lesen gegeben hatte.

„Ich kann nun natürlich nicht,“ sagte Peter, „gleich mit beiden Beinen in diese erste Sache hineinspringen. Aber es scheint mir sehr vorteilhaft, daß ich Herrn Goed traf. Solch ein solid fundamentierter Mann! Wissen Sie, wie ein historischer holländischer Pflanzer kommt er mir vor. Was meinen Sie: Es ist ein Glück für mich!“

Frau Haug antwortete: „Gestern hab ich Sie beleidigt, indem ich das zu Herrn Goed sagte. Ich will das gutmachen, indem ich Ihnen einen Rat gebe.“

Sie schaute Peter an. Er hob sein Glas gegen sie und wartete.

„Als ich Sie vor Hei warnte, da lehnten Sie sich gegen mich auf. Ich möchte nicht als eine fortwährende Verneinerin ausschauen. Wenn Sie wüßten, wie fest mein Leben auf ‚ja‘ aufgebaut ist! Sie dürfen hier draußen sich nicht anders unter Geschäftsleute begeben als mit der Auffassung: Sie gehen in einen Kessel voll Haie. Sie sind ein Neuling. Man weiß, was Sie wollen. Man kartelliert sich, um Sie zu verspeisen. Man feixt und ... kurzum, man freut sich auf den, nicht beleidigt sein! Dilettanten. Man will Sie in einem Hops nehmen. Und was Hei plump machte, machen andre mit erfahrenem Geschick und Sicherheit. Selbst die Frommen werden ihre Schnäbel nach Ihnen wetzen. Europa begann hier draußen als Pirat. Es bleibt, soweit es kann, bei dieser Tradition. Sagen Sie,“ lachte sie auf, „Ihr Ahne, der den Namen gab, kommt doch nicht etwa über Singapur oder Kolombo nach Deutschland?“

Peter lachte dagegen: „Einigermaßen schon. Aber was Sie sagen, ist mir doch nichts Neues. Mit diesem Wissen beginnt man ja seine Reise.“

„Lieber Herr Peter, ja, Sie wissen es. Aber wissen und anwenden sind sich fremde Dinge. Sie werden sehen.“

„Ich wende es nicht an? Wo hätte ich Gelegenheit gehabt, Sie zu dieser Ansicht über meine Handlungsweise zu bringen?“

Die Amerikanerin fragte unvermittelt: „Wieviel gedenken Sie in das Goedsche Unternehmen zu stecken?“

Peter überlegte: „Das kann ich nicht so sagen. Vielleicht dreißigtausend, vielleicht fünfzigtausend Mark. Mehr vorerst auf keinen Fall!“

„Sehen Sie, und diese dreißig, vielleicht fünfzigtausend Mark werden verloren sein, weil Sie Ihr Wissen nicht anwenden.“

Peter schaute sie fragend an.

„Ich weiß nichts von Goed!“ sagte sie. „Aber er hat die Manieren der Haifische von hier draußen an Ihnen gezeigt. Man überfällt nicht unbekannte Reisende mit Geschäften an Bord, wenn man nicht Hunger nach ihnen hat. Das gehört zur Bordpsychologie. Und man hat nicht sehr Hunger nach ihnen, wenn man hier draußen selber genug zu essen bekommt. Sie werden die Erfahrung machen, daß die Leute im Osten möglichst wenig von Europa heranziehen. Sie selber werden drum auch Schwierigkeiten finden, um Ihre Pläne durchzusetzen. Man wird Sie für einen Outsider halten und als solchen behandeln. Das ist hier nicht beliebt. Aus diesen Gründen trau ich Herrn Goed nicht. Surely, Master Goed is not a good man!

Dann schwiegen beide. Peter fühlte sich verwirrt von dem, was er gehört hatte. Er glaubte, was diese erfahrene und kluge Frau ihm sagte. Es stritt gegen alles, was er sich an seinem Unternehmen gedacht hatte. Brauchen sie nicht Geld, guten Willen, fremde neue Kraft draußen? Ich bring von allem. So hatte er sich sein Werk vorgestellt. Daß es Schwindler dort gab wie daheim, war selbstverständlich. Aber es mußte doch noch jungfräulicher Boden draußen sein, und den Ernsten und Starken müßte er willkommen sein.

Er überlegte sich das wieder und sagte es ihr. „Nun machen Sie mich unsicher,“ fügte er hinzu.

Da lachte sie und reichte ihm die Hand. „Das will ich nicht! Tun Sie, wie Ihr Inneres Sie leitet. Ich kenne Sie ja eigentlich nur von der Gemütsseite. Und Ihre sicheren Instinkte sind ja mehr als meine Erfahrungen ...“ Dann änderte sie die Stimme: „Weshalb haben Sie das Gespräch auf diesen Weg gebracht? Sie erzählten von sich und von zu Hause. Ist das nicht viel interessanter und näher? Denn was man auf den Reisen erlebt, sind nicht Menschen wie Sie, sondern bestenfalls wie der Richter. Wie Hei! Goed! Wenn sie auch verborgen lassen, was hinter ihnen treibt, so tragen sie doch den Geruch davon an sich. Pfui! Weshalb lebt man so?!“

Peter schaute sie heftig an und fragte: „Sie haben mir nie ein Wort von sich erzählt? Nie haben Sie mich nur ein wenig davon sehen lassen, was Sie so von Schiff zu Schiff treibt.“

„Es wäre wohl wertvoll für Sie zu wissen, was das sein mag?“ lachte sie.

„Sehr wertvoll!“ antwortete Peter ernst.

„Ich weiß. Sie bestachen ja sogar den Hei!“

Da hielt Peter ihr rasch die Hand hin: „Bitte nicht. Ich schäme mich. Und ich bin ja gleich davongelaufen.“

Aber es kam plötzlich etwas Dunkles in seine Laune. Seine Augen zogen sich einmal heftig zusammen.

Der Zug brüllte wild durch die Nacht. Die fremde Finsternis raste draußen feindselig zurück, und wie aufgescheuchte verwirrte Vögel flatterten die erleuchteten Fenster mit dem Zug durch die Nachtwüste. Peter fühlte, daß eine heftige harte Wehmut in sein Herz fuhr.

Die Amerikanerin schaute auch hinaus. Sie neigte ihren blonden Kopf in den Luftzug, der gleich rasend ihre Löckchen erfaßte. Ein heißer Atemzug war in dieser Nachtluft. Sie hatte halb das Zusammenzucken der Augen gesehen. Nun schaute sie dem Schatten Piraths und ihrem eigenen Schatten nach, die vergrößert und verzerrt in einem hellen, verschobenen Viereck neben dem Zug durch die Nacht flogen. „Dieser schöne starke Mann liebt mich!“ sagte sie sich. Auch ihr wurde ein wenig weh ums Herz. „Du rastloses Herz!“ flüsterte sie ihrem Blut zu, „sei still! Freu dich! Nimm solang deine Zeit ist.“

Peter griff auf das Gespräch zurück: „Ich hab mich noch nie über etwas so geschämt wie über diesen Augenblick!“

Da fuhr ihr Kopf aus dem Fenster auf: „Sie sind streng! Streng wie ein Mönch!“

Peter schaute nieder und antwortete: „Man ist ja auch so etwas wie ein Mönch. So einsam!“

„Ich frag nicht, ob Sie keine Frau finden oder gefunden haben. Denn ich glaube, es steht eine hinter Ihrer Strenge.“