Zur zweiten Station
Peter Pirath arbeitet schon im dritten Monat in einer Palmenpflanzung auf Java. Er ist dort Assistent. Den ganzen Tag geht er unter Palmen und verteilt die Arbeit an braune Javaner, die in lässiger Arbeitsgleichgültigkeit im dünnen Schatten der Palmen wirken, und an gelbe Chinesen, deren unermüdliches Arbeitsgewissen ihn aufstachelt und ihm ein Volkswunder Gottes dünkt. So geht Peter Pirath weite Wege unter Palmen, wo die braunen Nüsse in Pyramiden aufgehäuft sind. Er kommt an Haufen von Männern und Weibern, die die Nüsse aufschlagen und das weiße Fleisch, die Kopra, herausschälen. Er läßt das Fleisch zu den großen Darren führen, wo es in zahllosen Eisenblechfächern getrocknet wird. Er läßt die getrocknete Kopra in Säcke zu sechzig Kilogramm füllen, aufspeichern und von Weile zu Weile in den kleinen Dampfer verladen, der der Gesellschaft gehört und die Kopra nach Sumatra bringt. Acht Tage sieht er nur Nüsse schlagen und ausschälen, acht Tage dörrt er, acht Tage kümmert er sich um Aufspeicherung und Verpackung.
Er wohnt im Gästehaus des Hauptverwalters. Er hat die Stelle, auf der er ein Gehalt von dreihundert holländischen Gulden im Monat bezieht, durch einen Brief des Konsuls Behnke an den Hauptadministrateur, einen Bayern namens Föhr, bekommen. Deshalb wohnt er im Gästehaus des Verwalters. Das Haus ist zu groß für ihn. Er benutzt nur zwei Zimmer, die an der offenen Veranda liegen. Diese Veranda öffnet sich wie eine Höhle ins Haus hinein, und Peter Pirath sitzt abends dort und nimmt sein Nachtessen, liest europäische Zeitungen und fachliche Bücher, oder studiert Javanisch, oder denkt in die Nacht hinaus, die vom Meer gekühlt und vom eisernen Schrillen der Millionen Insekten durchlärmt wird.
Schöne braune javanische Mädchen gehen an ihm vorbei. Der Sarong, mit Gold durchwirkt, sitzt prall über die spitzen Brüste, umgürtet eng die Hüften, daß wie eine leichte Kuppel der Bauch sich vorne hebt. Die Mädchen sagen nichts zu ihm. Sie gehen des Abends auf der Veranda an ihm oft vorbei mit dem leis drehenden, gespannten Gewölbe ihres Bauches und den auf und ab schlüpfenden Hüften, und wenn sie vorbeigegangen sind und Peter sie rückwärts sieht und ihre beiden Kugeln dort unter dem Sarong wie Früchte reif hüpfen, dann weiß er: sie möchten in dein Bett. Aber obschon er weiß, daß nichts von seiner Seele mit in diese tierhaft leibliche, urwaldwirre, gewaltige Verführerischkeit der jungen Javanerinnen fiele, so widersteht er doch den Lockungen seines Rückgrates. Der Ethiker! Er sitzt so weltenfern einsam in dem heißen und doch wie von kühlem Reif beatmeten javanischen Abend und läßt die schönen Weiber hängen. Sie gehen nur an ihm vorbei, um von ihm gepflückt zu werden. Er brauchte sie nur mit den Augen zu berühren, und sie fielen in sein Bett, wie reife saftige Mangos.
Er aber geht in sein Wohnzimmer, in dem eine unsichtbare Hand eine Stehlampe angedreht hat, setzt sich unter die Lampe an den Tisch und zieht aus der Schublade ein kurzes dickes Büchlein. Dorthinein schreibt er — in Notizenstil —, was er am Tage gesehen, erfahren und gedacht hat.
Der erste Teil des Buches ist voll von Ewe. Dort singt die sorglos uneingeschränkte Genießerischkeit jenes paradiesischen Monats auf Zeylon.
Der zweite Teil ist Arbeit, Lernen, Selbstbeschränkung, Einfügen in den kleinen Kreis.
Dieser zweite Teil beginnt mit dem Abend, den er beim Konsul Behnke in Medan verlebt hatte, nachdem er Ewe noch nicht verwunden hatte und in seiner ersten Eroberertat geprellt worden war. Diese Einzeichnung liest er manchmal. Sie lautet:
„Der Konsul kam mir entgegen und sagte: ‚Ich hab nur Sie geladen, weil ich dachte, daß wir dann ungestörter das besprechen können, was Ihnen am Herzen liegt. Nicht einmal meine Frau ist da. Sie ist augenblicklich zugunsten ihrer roten Blutkörperchen mit den zwei Kindern in Deutschland.‘ Später im Gespräch über unsre Angelegenheit sagte er: ‚Es ist ein Buch erschienen: „Königliche Kaufleute“. Ich hab’s nicht gelesen, aber dieser Titel kitzelt alle diese Hamburger und Bremer bis nach Jokohama. Doch das gibt’s nicht mehr: „Königliche Kaufleute!“ Wir in den alten soliden Häusern sind nur noch Krämer. Sehr geregelter Massenverkauf gegen vorsichtige kleine Gewinste. Daneben Spekulanten. Ehrliche, glückliche und verunglückende und meistens andre. Goed wurde aus dem ersten der zweite und aus dem zweiten der dritte; Tropenschicksal: Aufschwung und Niedergang in einem Atemzug.
Sie, Herr Pirath, kommen mit Temperament und Gewissen in die Tropen. Ob das gut oder schlecht ist, ist Nebensache. Es kommt darauf an, wie man es mit seinen Geschäften — versöhnt, wenn es in einem bewußt bleibt.
Gehen Sie in die Südsee. Da ist es noch jungfräulich. Hier ist alter angelsächsischer gepflügter Tropenboden. Die Jungfräulichkeit der Südsee erwartet Ihr Temperament und Ihr Geld. Hier braucht man das nicht. Ich kenne einen Beamten dort, der wirklich etwas von der Gegend und der Sache versteht. Der wird Ihnen mehr als gerne helfen ...‘
Ich: ‚Auf dem Bülow fuhr der Amtmann Ledinski mit, der ...‘
Der Konsul: ‚Komisch, den meine ich gerade.‘
Der Konsul will ihm schreiben.
Der Konsul: ‚Arbeiten Sie wie jeder hier: Von der Pike auf! Sie brauchen ja nicht die technischen Einzelheiten so genau zu kennen, nur einen Einblick nehmen, Boden, Arbeitsart und vor allem die Menschen kennen lernen, wissen, in welcher Atmosphäre ein Pflanzungs- und Handelsbetrieb hier steht.‘
Empfehlung an den Direktor Föhr auf Java, seinen Freund ...“
Diese Aufzeichnung las Peter öfters. Von ihr ging ja sozusagen das neue Gesicht aus, mit dem er jetzt schaute. Und wenn Peter diese Aufzeichnung liest, in dem nach dem Tageslauf der Sonne wie von einer fernen Kühle beatmeten javanischen Abend, in seinem leichten schönen Haus an der Küste, dann lebt er wieder die langsame, qualvolle Übergangszeit durch, die jenem Tag folgte. Nicht die Tat, die ihm den Verlust von einhundertundfünfzigtausend Gulden und seine Sicherheit brachte, rechnet er sich bös an, sondern die Ursache. Die Tat, ob gut oder Sünde, ist heilig.
Ewe, von der im Grunde diese Tat ausging, ist in der Entfernung in ihm sonderbar schön ausgereift. Im Verzicht, zu dem er sich endgültig durchkämpfte, ist sie vom Zeitlichen befreit worden und ist gedanklich groß und edel. Sie war ein Mensch, daß er hätte achtungsvolle Scheu vor ihrem Geheimnis haben müssen, statt haltlosen Egoismus. Ihr Geheimnis ist eine Erschaffungstat in ihm geworden, ein Prinzip, erfüllt mit dunkler Notwendigkeit und Fruchtbarkeit.
Weil er menschlich an ihr gefehlt hatte, deshalb ist er dem Preller unterlegen. Er spürt den Zusammenhang mit seinem innerlichen Erlebnisse jenes Abends auf Zeylon als Fehl und Sühne. Eine katholische Philosophie. Er dachte, so etwas sei ihm fremd. Aber es scheint, als ob sich die katholische Erziehung von vor der Reformation her in seinem Blute durchsetzte.
Wie Ewe, so trägt Peter auch Goed tief in sich vergraben. Beide liegen in ihm wie ausstrahlende Radiumkörper. Sie sind erlebte zeitlose Symbole geworden.
In seiner verwunderten Bewunderung vor dem Leben und der Philosophie der Tausende von chinesischen Arbeitern, mit denen er auf Java zu tun hat, ist er den Einrichtungen dieses Volkes nachgegangen und hat das alte, das urhafte Zeichen des Jinjangs gefunden. Die Unerschaffenheit der Welt war eine leere Scheibe. Allmählich entwickelten sich in ihr zwei Lebewesen, zwei Keimzellen, eine männliche und eine weibliche, eine positive und eine negative, ein Prinzip des Guten und eines des Bösen, und diese beiden Prinzipien umschlangen sich zur Fruchtbarmachung; die Welt entstand aus ihnen und besteht in ihnen weiter. Überall, wo Chinesen waren, sah er die Zeichen des Jinjangs, eine Scheibe, in der ein roter und ein schwarzer Fötus ineinander geschlängelt liegen, wie zwei Körper beim Begatten. Die Elektrizität, die sich vereinigt, wenn zwei gegensätzliche Strömungen, eine positive und eine negative, sich treffen, war eine physikalische Betätigung dieser uralten chinesischen Philosophie, dieser Philosophie, die alle europäische Philosophie als spekulativen Wahn, als Spielerei auf angenommenen, aber im Innern unbeständigen Werten verhöhnte. Das war eine Philosophie, die so wahr war wie Musik. Man konnte ihr Körper geben, die unmittelbar den Weg zum Dasein fanden.
Wie dieses Jinjangbild seiner chinesischen Arbeiter stand die vorfrühlingshaft verwühlte Zeit in ihm, die eine war das Jin, die andere das Jang, und die beiden hatten sich in ihm getroffen und ihn zu seinem neuen Schauen und Leben fruchtbar gemacht.
Peter denkt sich dann auch aus, wie es sich in ihm dabei wiederholt hatte, daß eine Katastrophe seine Selbstachtung, seinen Mut zerstört, ihn zu einem armen zerzausten Vogel gemacht, aus dem Nest geworfen hatte, daß er mitleidsweich, närrisch gegenstandslos wie ein Schlemihl geworden, sozusagen ins Nichts geglitten war.
Und aus diesem Nichts, aus diesem wie verfluchten Brachboden waren ihm dann neue und unerwartete Energien aufgesprossen. Er mußte sich, so wie es bei Ree gegangen war, vom Bösen abhäuten, und erst nach dem Weg durch diese Hölle war er wieder stark, war er wieder Ackerboden.
Das war es, was Hermann immer das Erbteil des alten Jens Peter nannte, die Sturmsicherheit der Pirathen.
Peter hatte in der Zeit der Scham, nach Befreiung ringend, seinem Bruder eine Darstellung seiner Katastrophe geschrieben. In dem Brief war Hermann angefleht worden, das verlorene Geld auf Peters Konto zu verrechnen. Sonst könnte er nicht geheilt werden. Hermann müsse Peters Eitelkeit diese Konzession machen.
Auf diesen Brief hatte er noch keine Antwort.
Der Direktor Föhr war sehr entgegenkommend zu seinem Assistenten; er behandelte ihn mehr als Gast. Er lud ihn ein, wenn Bekannte oder Freunde kamen. Peter lernte viele Menschen kennen. Er trank auch im Klub mit den Angestellten und den Besuchern und zog sich vor keinem Fest zurück. Er stand mit allen andern mitten in der Daseinsart des Betriebs. Aber er sah nicht mehr sich in jedem Fremden und hielt sich zurück aus den Menschen. Er ließ jeden nach seiner Art leben und ging nicht den Menschen, sondern dieser Art zu leben, nach. Dadurch gewann er eine Ruhe des Überblickens, die er nie gekannt hatte und die ihn mit einer stillen Sicherheit zu erfüllen begann.
Es kamen viele Menschen an ihm vorbei: Männer aller Arten, Gesetzte und Abenteurer, Verlorene und Gerettete, Hilfesuchende und Verrückte, die glaubten, die Tropen und die Pflanzung hätten sie durchaus nötig. Er absorbierte alle diese Vorübergehenden. Furchtbare Schicksale erlebte er aus nächster Nähe, er beschaute langsame und schnelle Aufstiege und das mitleiderregende Stillstehen der meisten seiner Kollegen, die ihm in besonderen Stunden erzählten, mit was für Erwartungen sie vor fünf oder zehn Jahren die Heimat tauschen wollten. Er versuchte den kleinen Wirrgängen der fremden Arbeiterseelen zu folgen und hatte beim Schlichten von Streitigkeiten, wie sie oft zwischen Chinesen und Javanern ausbrachen, ein ungewöhnliches Glück.
Was der Hauptadministrateur durch die Gewalt und Schlagkraft seiner Persönlichkeit vollbrachte, das gelang Peter durch seine einfühlende Art. Föhr sagte ihm einmal: „Sie haben eine so sonderbare Weise mit meinen Arbeitern. Ich sah nie eine glücklichere Hand als die Ihrige. Was ich mit meinen Muskeln kaum fertig bringe und was die Herren Assistenten mit ihrem europäischen Dünkel und ihrer Nichtigkeit stets versauen, das machen Sie ... ich weiß nicht wie ... nicht weich und nicht energisch ... so selbstverständlich machen Sie das. Ich lass’ bei solchen Konflikten ja auch den Arbeiter sehen, wie wichtig ich seine kleine Sache nehme. Aber Ihnen gelingt es, den Mann zu überzeugen, daß Europa nur nach Java kommt, um Streitereien zwischen Chinesen und Javanern zu schlichten. Potz der Tausend, das ist eine neue Macht, die Sie dem weißen Fell über das braune und das gelbe sichern.“
Während dieses Gesprächs fuhren sie im Auto Föhrs durch die Pflanzung. Die Pflanzung bedeckte Land von der Größe eines deutschen Fürstentums. Sie war in einige Bezirke eingeteilt, die A. B. C. hießen und von denen jeder seinen Verwalter, seine bestimmten Assistenten und seine Arbeitsbevölkerung hatte. In der Mitte eines jeden Bezirks lagen, wie eine Insel, die Kolonie der Europäer und die Arbeiterhäuser, die Barren- und Lagerräume. Föhr fuhr jeden Tag von Bezirk zu Bezirk. Er hatte eine gottspielende Art des unerwarteten Überallseins. Er lenkte sein Auto wie ein Akrobat über die engsten und holprigsten Wege und schlang es durch Palmen hindurch. Er war milder zu den farbigen Arbeitern als zu den europäischen Angestellten. Die Arbeiter vertrauten auf ihn, die Europäer fürchteten ihn. Er behandelte die Menschen nach der Achtung, die er vor ihnen hatte. Die Arbeiter und Arbeiterinnen grüßten lachend oder verehrungsvoll, indem sie schon von fern den Hut abnahmen und stehenblieben, die Europäer ergeben.
Als Föhr und Peter von der Fahrt zurückkamen und das Auto langsam um eine Ecke in der Arbeiterniederlassung fuhr, kamen einige Mädchen herangelaufen und riefen etwas. Föhr hielt an und fragte. Da trat eine vor und sagte: „Der Assistent hat mich geschlagen!“ Sofort riefen die andern aufgeregt: „Und mich auch! Und mich auch!“ Sie schrien durcheinander. Föhr lachte und beruhigte sie. „Welcher Assistent?“ fragte er. Da sagten sie alle durcheinander: „Der da!“ und zeigten auf Peter.
Peter war betroffen. Er sagte: „Was haben die Weiber? Es ist nicht wahr!“
„Lassen Sie sie!“ sagte der Direktor lachend. Den Mädchen rief er zu: „Es wird untersucht.“ Er ließ das Auto anspringen und fuhr weiter. Sie waren gleich vor seinem Haus. Föhr bat Peter: „Essen Sie mit mir zu Nacht.“
Sie sprachen dann über die Beschuldigung. Sie war Peter ein Rätsel. Er behandelte alle Leute stets mit großer Milde und Ruhe.
Der Direktor lächelte und sagte: „Es ist die Aufregung nicht wert. Seien Sie nur ruhig. Wir bekommen schon heraus, was da los ist. Irgendeiner scheint da gehetzt zu haben. Kennen Sie die Mädchen?“ fragte er plötzlich.
Peter sagte: „Nein.“
Da lachte der Direktor auf: „So, so! Ich glaub, dann hab ich’s schon! Sie keuscher Joseph!“
Peter schaute ihn ein wenig erschrocken an.
Föhr sagte bestimmt: „Sie berühren kein Weib auf meiner Pflanzung.“
„Woher wissen Sie? ...“
„Weil dies die Mädchen waren, die Ihnen sozusagen kontraktlich zustehen. Sie arbeiten in Ihrem Haus. Und wenn Sie sie nicht kennen ...“
„Ich versteh!“ lachte Peter. „Rache der Verschmähten.“
„Das ist landesüblich!“ entgegnete nebenbei der Direktor. „Die bekommen morgen jede fünf auf ihre schönen Backen. Sie haben schöne Backen.“
„Ich schau ihnen manchmal nach, wenn sie davongehen.“
Der Direktor sagte: „Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Das ist das einzige, was von meinem Gewissen hier draußen blieb: ich bedaure, daß ich mich mit den farbigen Weibern eingelassen habe. Praktisch gesprochen, ich habe sie nie gefürchtet, und es hat nie Folgen, weder schlechte noch gute gehabt. Dem einen schadet’s, der andre bleibt eben der Herr. Bei mir ist dies Bedauern vielleicht nur eine unüberdachte Äußerung des weißen Dünkels. Je mehr wir uns von der Natur entfernen, um so mehr bilden wir uns ein. Man soll zwar nichts tragischer nehmen, als es ist, und es ist selten etwas tragisch. Aber ich genier’ mich vor mir, wenn ich an meinen Harem denke.“
Peter antwortete darauf: „Ich meinerseits mache Ihnen auch das Geständnis, daß es mir nicht immer leicht fällt, diese Hüften vorbeigehen zu lassen, wenn ich abends auf der Veranda sitze. Aber ich schau ihnen nur halb und sozusagen durch die Gitter meiner javanischen Grammatik nach, und dann ... geht’s.“
Föhr lachte: „Das Gitter ist zerbrechlich!“
Durch Peters Gedanken wogte, wie ein Licht, Ewe.
Sie legten sich nach dem Essen in die Streckstühle und rauchten frische Manilazigarren zum Whisky. Sie sprachen nicht mehr viel. Der Vorfall und das, was er aufgedeckt hatte, hielt einstweilen ihre Gedanken im Innern. Peter wurde sich seiner Tugendhaftigkeit eigentlich erst bewußt durch ihn. Föhr sann nach über diesen sonderbaren Peter, der als Mitinhaber einer großen Firma, Weltreisender usw. solchen Prinzipien folgte, als Unerfahrener eine so sichere Behandlung der Eingeborenen ersonnen hatte und sonst doch ein Mensch schien, der nichts Außergewöhnliches an sich hatte, weder in gutem Sinn noch nach der üblichen verrückten Seite. Nur manchmal kam es ihm vor, als ob im ganzen Zug dieses blonden hünenhaften Wesens etwas ungeweckt schlief, eine Energie vielleicht zusammengekugelt lag, die nicht gelöst sein wollte ... Sonst geben die Menschen doch allen Dampf ab, den sie haben. Meist ist es ja beträchtlich wenig. Aber gerade, wenn sie zu uns in die Tropen kommen, dann wollen sie doch gleich mit Aeroplangeschwindigkeit die vermeintlichen rasenden Möglichkeiten des Glücks in Besitz nehmen ...
Auf einmal sagte Föhr seinem Gast das, was er über ihn dachte. Föhr, der König, war nicht gewohnt, vor andern zurückzuhalten.
Als Peter hörte, wie sich sein Wesen in einem andern Bewußtsein formte, war er sehr erstaunt, denn es schien ihm vertraut zu sein, daß etwas in ihm auf Entfaltung wartete.
Föhr sagte noch: „Die meisten Menschen, die bis auf unsre Pflanzung oder nach Batavia schwemmen, sind merkwürdig, wenn sie das sind, nicht durch ihr Wesen, sondern durch ihre äußeren Schicksale.“
In Peter strömten, da ein andrer, den er für so bedeutend und kraftvoll hielt wie diesen Direktor, in das dunkle Chaos seiner Gefühle gegriffen hatte, die Vorstellungen zuhauf. Sie waren in ihm gelöst worden, wie ein Wind Wolken zum Wandern löst. Er fühlte sich dazu gedrängt, Geheimstes von sich einem andern Bewußtsein zu übermitteln, damit es dadurch für ihn selber an Körperlichkeit gewänne, in dieser Zeit des Übergangs zum Sicheren und Abgegrenzten. Er sagte:
„Ich hab eine sonderbare, erschöpfende Art, Erlebnisse in mir sich ausleben zu lassen. Sie müssen mich stets wie bis zum Nichts zerstören, bevor ich wieder zum Gleichgewicht und zu Kräften komme.“
Der Direktor lachte. Es klang halb spöttisch: „Sie sind Jesus in der Wüste.“
Föhr hatte das Bedürfnis, stets den Dingen auch nebensächlicher Art ihren Anschluß ans Große, ans Allgemeine, Vergangene und Zeitlose zu geben. In seinem Beruf dachte er genau, scharf und detailliert, wie eine Präzisionsmaschine, die auf Bruchteile von Millimetern feilen muß. Aber wenn er aus diesem praktischen Weg herauskam, dann wollte er nichts, als irgendeiner Anregung, die von weither an ihn herankam, durch ein Wort einen raschen Ausdruck geben. Er wollte die Kraft seines Kopfes nur spüren; diese Gedanken schlug er aus seinem Hirn wie Felsbrocken. Er dachte sie nicht aus. Das Unausgeformte, das in ihnen lag und nur das Wesentliche faßte, schien ihm so lebenswahrer und schöpferischer zu sein, als wenn er der Anregung weiter nachging und die Ätze seines scharfen und skeptischen Kopfes die Größe des Einfalls rasch zu zersetzen begann.
Der Verwalter hob sich langsam aus dem Streckstuhl und trank seinen Whisky aus. Er schmiß die dicke halbgerauchte Manila in die Nacht hinein und schaute nach, wie sie an einem Stamm in Funken zerstob. Er warf sich wieder zurück und rief: „Boy, one Whisky more,“ und sagte fast zugleich schon: „Ich fühle meinen Jesum hier“ — er zeigte auf seinen Kopf — „und hier“ — er zeigte auf seinen Bizeps. „Der Jesus wechselt mit Umständen und Zeit. Ich habe Urwald, javanische Arbeitswiderspenstigkeit, chinesische Unbegreiflichkeit und europäische Geldgier und Unfähigkeit organisieren müssen. Ganz aus dem Rohen heraus. Ein wenig Erschaffer muß man spielen. Da sinkt Moral hin. Alles ist Objekt, reine Masse. Also Erschaffer spielen. Wenn man aus dem mehr oder weniger fertigen Europa kommt, dann heißt es: den Kopf umordnen. Zwischen uns gesagt: es ist auch das nicht nötig, und meine Administratoren, die Sie kennen, und die Kollegen von den andern Gesellschaften brauchten den Kopf nicht umzuordnen, weil sie keinen hatten. Es geht doch, wie Sie sehen. Die Java-Coffee verteilt auch hundert Prozent.“
„Und was sagt auf die Dauer der umgeordnete Kopf bei Ihnen?“ fragte Pirath.
Ein javanisches Mädchen schlich langsam vorbei. Der Sarong spannte über ihre steilen, zitronenförmigen Brüste, ihre Hüften tanzten. Der Gang hatte etwas absichtlich Verweilendes. Das Weiß der rasch herüberblickenden Augen leuchtete mahnend.
Da fuhr Föhr gegen das Weib auf: „Geh fort, Kreuzdonner!“ schrie er. Ruhig lächelnd wandte er sich zu Peter zurück und antwortete ihm: „Der umgeordnete Kopf, dem es eine Reihe von Jahren gut ging, ist nun schließlich dazu gekommen, sich nach seiner primären Ordnung zurückzusehnen. Er will nicht mehr mit den Dunkelheiten von drei Rassen rechnen und hofft, daß er in drei Jahren in einem Haus am Starnberger See sich Java und Kopra sehr aus der Ferne betrachten kann. Das wäre dann so etwas wie meine Erlösung.“
Föhr sprang auf, schlug mit der Faust durch die Luft und sagte fast schreiend: „Das ist, was einem bleibt von fünfundzwanzig Jahren Tropen! Und ich hab doch Erfolg gehabt. Ich komm mir armselig vor mit meiner Sehnsucht nach dem armseligen Starnberger See. Aber diese Luft hat mich ausgetrunken ...“
Er hielt die starke, etwas aufgeschürzte Nase seines spitzen glattgeschorenen Kopfes über die Veranda schnuppernd in die weiche, nur leicht gekühlte Nachtluft, in der das Schrillen von Insekten und das Verdonnern der Dünung ineinanderflossen und unbekannte Tiere manchmal einen Schrei, wie einen Dolchstoß so heftig, so tragisch, aufwarfen. Peter schaute ihm zu. Er ging seinen Gedanken nach und lebte doch bei diesem Mannesherzen, das sich wie ein empörter Hengst rückwärts bäumte vor der Fremdheit draußen, die es nicht ganz besiegen konnte.
„Ach was!“ sagte Föhr plötzlich roh und warf sich auf seinen Streckstuhl zurück, daß das Rotanggeflecht krachte und schrie. „Whisky, boy!“ rief er sanft tuend, und als der Javaner herankam, faßte Föhr ihn um den Hals und schüttelte ihn heftig. Der Javaner schlug das Weiße seiner Augen leuchtend auf, der kleine Körper zappelte erschreckt. Föhr entließ ihn mit einem milden Stoß aus seinen Händen, der Braune torkelte und drohte zu fallen, aber Föhrs Hände hatten ihn schon wieder unter den Achseln und stellten ihn auf die Beine. „Du brauner Hund,“ sagte er lachend, „wir wollen dir doch nichts tun. Wir sind doch zivilisierte Orang blanda, weiße Orang-Utans, wie ihr Schweinepack uns nennt. Whisky, Whisky, rasch, mein Junge!“ rief er, und der Javaner glitt lautlos in die Dunkelheit des Hauses.
„Morgen müssen wir noch Ihre drei Doñas prügeln!“ sagte Föhr. „Wollen Sie dabei sein? Sie sehen alle drei wunderbar aus, aus dieser Vogelschau. Je fünf über beide Backen. Das genügt. Die Weiber haben ja schließlich recht, Sie Jesus in der Wüste.“
„Vielleicht geht’s auch ohne Prügel,“ versuchte Peter.
Föhr schwieg. Der Lärm der Nacht strömte über die beiden Einsamen, die auf der Veranda in die Stühle versanken. Nach einer Weile sagte der Direktor plötzlich: „Wir wollen sie anders bestrafen.“
Er rief einen Diener und befahl ihm auf javanisch: „Dasima, Samium und Mela sollen gleich herkommen und alle Diener und der Koch.“
„Die Babus schlafen,“ antwortete der Diener widerspenstig.
Föhr schaute ihn an, und der Braune hastete eilig hinweg. Föhr sagte zu Peter: „Er glaubt, wir wollen uns eine für die Nacht aussuchen. Es ist der auch bei uns bekannte Neid.“
Nach einer Weile kamen die Weiber. Sie hatten sich schön gekleidet, gebatikte Sarongs um die Hüften gelegt und einen farbigen Schleier um den Kopf gezogen. Föhr lachte: „Sehen Sie, sie glauben, wir wollen uns jeder eine wählen.“
Aber die Weiber standen da und schauten gleichgültig und eher abwehrend an den Europäern vorbei. Föhr fuhr sie streng an. Er sprach Javanisch mit ihnen.
„Der Assistent sagt, es ist nicht wahr, daß er euch geschlagen hat.“
Sofort quietschten alle drei: „Er hat uns geschlagen. Er hat uns auf die Schultern und aufs Gesicht und aufs Gesäß geschlagen. Und mich hat er auch auf den Bauch geschlagen.“
Der Direktor winkte „nein“ mit dem Kopf.
Die Mädchen schrien frech weiter: „Doch, er hat uns geschlagen.“
Peter schaute sie an, gespannt, aber auch bekümmert. Denn er gab sich Mühe, alle Leute gut zu behandeln. Auch er winkte „nein“ und sagte: „Wie könnt ihr das sagen? Ich hab euch nie angerührt.“
Da schrie Mela, die wildeste und schönste, die ihre großen Brüste vor sich trug wie Gewölbe voll Schwung, Schatten und Gewalt, zu Föhr: „Er hat uns geschlagen, auch wenn er nein sagt. Er kann nein sagen, denn der Tuwan, der Herr, gibt uns immer recht gegen die Assistenten!“
Da stand Föhr langsam auf, ging auf sie zu und gab ihr eine Ohrfeige. Die Ohrfeige kam Mela unerwartet. Sie erschrak, aber sie nahm sie entgegen, ohne zu zucken. Er sagte ruhig: „Ich geb dem recht, der recht hat. Ob das ein Assistent, eine Babu, ein Chinese, ein Javaner oder ein Hund ist. Das wißt ihr. Der Assistent hat euch nicht geschlagen. Ihr lügt ...“
Rund um die Weiber standen die braunen Diener. Einige lachten. Die andern schauten bös und dumm drein.
„Ich weiß, weshalb ihr lügt. Ihr lügt, um euch zu rächen. Ihr geht jeden Abend über die Veranda, wenn der Assistent dort nach dem Nachtessen sitzt. Und ihr wollt, daß er euch mit schlafen nimmt. Das wollt ihr nur, damit er euch dann Geschenke macht. Ihr wollt nicht mit ihm gehen, weil es im Bette schön ist. Ihr wollt euch verkaufen, ihr schmutzigen Mädchen.
Aber der Assistent liest in Büchern und kümmert sich nicht um euch. Deshalb seid ihr erzürnt gegen ihn. Ihr bekommt keine Geschenke, und so sagt ihr: er schlägt euch. Die Mela hat euch verführt, das zu sagen ...“
Die drei Mädchen standen da mit bösen und trotzigen Gesichtern. Sie schauten an Föhr vorbei. Die Männer begannen zu kichern.
„Und wißt ihr, weshalb der Assistent liest? Weil seine Bücher schöner sind als ihr. In den Büchern stehen gute Dinge. Ihr seid schlecht. Ihr seid habgierig und habt kein Feuer im Blut. Ihr seid unsauber. Ihr badet nicht. Ihr seid häßlich. Eure Gesichter sind wie Kokosnüsse so uneben. Eure Leiber riechen wie Durianfrüchte. Ihr haltet euch so krumm wie ein Pavian. Eure Stimmen sind so häßlich wie die von Papageien. Ihr habt Glieder, die so schlaff sind wie getrocknete Tintenfische. Geht fort, ihr häßlichen Weiber! Ihr bekommt nicht einmal Schläge auf den nackten Hintern, obschon ihr das verdient. Denn ich will den Jungen es nicht antun, daß sie welke und häßliche Hinteren sehen. Geht!“
Föhr legte sich nieder. Die Weiber standen da, leidenschaftlich bewegt, bösartig wie angebundne Schlangen. Die Jungen kicherten.
„Weshalb geht ihr nicht?“
Da rief Mela frech und bös: „Ich will Schläge!“ Die beiden andern riefen nach: „Ich will Schläge!“
„So! Weshalb?“ fragte Föhr.
„Ich hab keinen häßlichen und welken Hintern!“ zischte Mela.
„Das sagst du! Ich sag aber, du hast einen!“
„Der Tuwan hat ihn nicht gesehen!“ entgegnete Mela rauh.
„Davor hat Mohammed mich bewahrt,“ sagte der Direktor ernst. Er schwieg einige Sekunden und fragte dann: „Er ist häßlich, oder ihr habt gelogen, und der Assistent hat euch nicht geschlagen.“
„Dann haben wir gelogen!“ brach es aus Mela heraus.
Die drei Weiber standen schlank und gerade da und reckten ihre Körper auf, daß Brüste und Bauch die Sarongs auseinandersprengen wollten.
„Und wir wollen keine Geschenke!“ sagte das Mädchen. Die beiden andern schrien auch: „Wir wollen keine Geschenke.“
„Was wollt ihr denn?“ fragte Föhr.
Aber da schwiegen sie und schauten mit ihren großen feurigen Augen wild vor sich hin in die Lampe.
„Dann hab ich euch nichts mehr zu sagen, geht!“
Nachdem die Mädchen und die Diener gegangen waren, sagte Föhr zu Peter:
„Das war Hölle für die drei! Sie werden drei Monate nicht mehr lügen.“
Als Pirath in der Nacht zu seinem Hause kam, brannte die Lampe in seinem Schlafzimmer. Die Sterne schienen durch die Palmen durch. Die Nacht war tief und schwarz und die Luft mit einem scharfen, keimigen Meerdunst gefüllt. Peter spürte die Finsternis wie einen Leib seinen Körper streifen. Er erinnerte sich an eine Nacht im Roten Meer.
An seiner Treppe standen drei dunkle Gestalten. Sie standen so, daß der Schein der Lampe sie ein wenig berührte. Peter erkannte rasch, daß es die Mädchen waren. „Wollen sie sich an dir rächen?“ sagte er sich. Er erschrak ein wenig, machte sich dann angriffsbereit und ging gerade auf sie zu. Er sah die fremden Augen in der Nacht leuchten, wie aus Höhlen heraus. Der große weiße Kranz schimmerte. Die drei standen stolz und schön aufgereckt. Er schaute sie fest an und ging vorbei. Keine sagte ein Wort. Keine machte eine Bewegung. Die Sternenfinsternis floß über sie wie über Säulen.
Peter schaute durch die Jalousien seines Fensters noch einmal auf sie herab. Er kämpfte auf einmal heftig gegen diese braunrassige Luderhaftigkeit; es war ihm, als sprühte sein Blut durch die Haut zu diesen drei reifgehobenen wartenden Leibern, in denen Stolz und Gemeinheit, Rache und Hingebung geheimnisvoll eins waren. „Ich will nicht! Ich will meine Muskeln behalten!“ knirschte er. Er trat unwillig vom Fenster, zu dem die drei dunkeln Augenpaare nun heraufschillerten, und setzte sich an den Tisch. Er begann wieder zu schreiben, was der Tag gebracht hatte. Er riß nacheinander zwei Seiten heraus.
Er konnte nicht schreiben. Die Nacht feilte, schrie, feixte, roch, sprudelte. Er drohte ihr anheimzufallen, sich in der fremden Nacht ertrinken zu lassen. Die Mädchen warteten draußen. Ihr Schoß war krause Verführung, süßer wuchernder Urwald. Die Nacht lauerte in ihrem Schoß wie eine Sünde von einer tötenden Brutalität. Weshalb warf er sich nicht hin, nahm, trank, brüllte ... und schlief. „Ach, ich Jesus in der Wüste!“ klagte er. „Ich hab daheim versagt und muß nun wandern, suchen, mir selber Erlöser werden! Ich fühl jetzt meinen Jesus in mir, meinen eigenen Jesus. Denn es ist eine Lüge, daß dieser Gesalbte einmal eine leibliche Gestalt annahm. Ein jeder Mensch trägt den eigenen Gesalbten in seiner Brust. Es ist eine Lüge, und unsere Symbole zu Hause sind verwuchert und entweiht, damit einige Menschengruppen, die das Symbol zu verwalten vorgeben, ihre Macht über das Volk behalten.“ Wie klar empfand er das in dieser Stunde der Versuchung und des Verlorenseins in der tropischen Nacht! Das Meer rauschte wie eine Höhle, und die Grillen feilten grell, die Sterne machten die Bäume und Sträucher und Rasen leise schäumen. Die drei Mädchen sangen jetzt. Ihr Gesang war, als ob er das glasig fremde Sternenlicht verspönne. Das Gewebe ihres eintönigen, leisen und fremdlich aufduftenden Psalms strömte ins Haus herauf, strudelte an den Wänden entlang und wollte das deutsche Herz überströmen.
Aber das deutsche Herz, das seinen Erdulder und Erlöser entdeckt hatte, wehrte sich gegen den Gesang der drei braunen Münder. Das deutsche Herz roch den starken Atem, der den singenden Weibern aus den roten Mündern entströmte wie ein riechender, fremder Fluß im Urwald. Der Mann sank übers Bett und drückte die Fäuste an die Schläfen. Er wußte, es geschieht dir nichts, wenn du deinem Blut nachgibst; es wird nur eine Sünde sein, nur ... eine ... Sünde. „Sünden sind, damit sie begangen werden!“ hat einmal jemand ihm gesagt. Wer ...? Wo ...? Wann ...?
Ewe!
Peter sprang vom Bett. Er richtete seine starke Gestalt wuchtig in die strudelnde tropische Nachtluft und rief laut den Namen: „Ewe.“ Wie eine Glocke läutete der Name in die verborgen tobende Stille der Nacht. Der Gesang der drei Weiber brach ab. Der Name hatte ihn gelöscht. Peters Herz erhob sich um die ferne, in ihr Geheimnis dahingesunkene schöne, kluge und reife Frau. Der Spuk der javanischen Nacht zerschmolz. Ewe stand süß wie ein Berg, edel wie die hohen Schwärme der Sterne und ewig wie das bronzene Wogen des Ozeans in dem deutschen Herzen, das seine Erlösung gefunden hatte. Ein Erlebnis hatte sich aufgelöst in den Brodem der Phantasie. Eine Kreuzigung war vorbei. Ein Herz gerettet.
Draußen, wo unwillig und bös drei halbnackte schöne junge Weiber verschlungen an Sträuchern dahinstrichen, in denen Glühkäfer aufleuchtend sich begatteten, da wartete schon die nächste Versuchung. Als Peter so frei aufgereckt dastand und wunderbar Herr seines Innern geworden war, war es ihm, als spürte er seine Kräfte in sich stehen wie einen Baum. Sein Temperament und sein Intellekt waren vom fremden Klima aufgepflügt, waren in vielfachen Kreuzungen widerspruchsvoll berührt worden, waren nach hundert Richtungen gezückt. Kampfesselig, mannesbewußt fühlte er den Willen in seiner weißen Faust eine fremde spukhafte Nacht erwürgen. „Was ist’s, der Gefahr aus dem Wege zu gehen?“ sagte er plötzlich. „Man muß sie über seine Muskeln kommen lassen!“ Und er ging rasch auf die Veranda hinaus, von der Fruchtbarkeit seines plötzlichen Gedankens ungebärdig erfüllt und rief: „Mela!“ Er rief das Wort wie zum Kampf in die Sternennacht. Das Wort hielt, wie das unerwartete Anspringen eines Tieres, die drei Weiber an, die nicht fern unter den Palmen aneinander geschlungen davongingen. Sie blieben stehen, sie schauten alle drei zurück und lachten befriedigt und satt. Sie standen da mit ihren schönen, aneinander ruhenden Leibern, mit ihrem auf den Europäer gezückten Willen, wie die Scheide Javas. Dann löste sich Melas monumentale Brust aus dem Gemengsel der nackten braunen Arme und Schultern, und das junge Weib schritt langsam und geradeaus der Begierde des Weißen zu.
Peter nahm sie kurz, streng und wild. Kein Augenblickchen zitternden Nachgebens kam in seine Seele. Er blieb ganz sich selber und ihr der Herr.
Er dachte immer in den abspannenden Lüsten dieser Nacht, die wie Gewitterregen durch seinen Körper fielen, an Ewe und sehnte sich doch nicht nach ihr. Sie floß fern und verwunden, tief in den Schollen seines Seins, wie ein Geist gewordenes Licht. Er war im Bund mit ihr, und er sündigte nicht, daß er das braune Weib gerufen hatte. Sein Leib lag dann bis zum Morgenlicht einsam in einer süßen Abspannung. Er hatte die braune Seele in Besitz genommen, und sein weißer Wille zog auf Eroberung in die Urwälder.
Am nächsten Morgen wurden ihm zwei Briefe gebracht.
„Hermann!“ rief er erschrocken und glücklich und brach den ersten Brief auf, ohne den anderen anzuschauen. Er las mit fliegenden Augen und mit hastig nehmendem Gefühl. Ach, Gott, ja, das war der liebe, kleine, runde und edle Hermann. Peter wollte weinen. Der Brief war die Antwort auf die Beichte. Es stand etwa drin: „Ja, wenn Du gedacht hast, daß ich glaubte, Du brauchtest nur tausend Mark Passage auf einem Dampfer zu bezahlen, um sofort Jens Peter Pirath Söhne eine üppige Plantage in die Fettkessel zu werfen, so hast Du die Meinung, die ich von Dir habe, doch überschätzt. Du weißt, das einzige Buch, das ich immer wieder lese, sind die Schicksale des Wilhelm Meister. Daraus hab ich erfahren, wie man seine Lehrjahre machen muß. Du bist auf der Walze, lieber Geselle, und ich bin sicher, daß Du ein Meister werden wirst. Spring über Deinen ersten Schlag hinweg, wenn er nicht gelang. Es ist ja nur kindlicher Ehrgeiz, wenn Du verlangst, den Mißerfolg selber und allein tragen zu müssen.
Im übrigen arbeiten schon drei Deiner Zentrifugen daran, ihn gutzumachen. Das sind famose Maschinen, die Du uns vor Deinem Sprung in die Welt noch da ließest, Bruder ...“
Es war ein langer Brief voll Einzelheiten aus der Heimat, ein Brief, der einen liebkühlenden Atem in das offene sonnendurchspülte Haus brachte, ein wenig wehmütige Sehnsucht, krasse und milde Erinnerungen, Zuversicht, Stolz, Liebe. Und dann stand noch als Anmerkung: „Dein Prozeß ist geordnet. Alles vorbei und nach Wunsch gelöst.“ Peter mußte sich wirklich zuerst fragen: Was für einen Prozeß hab ich denn? — Dann lächelte er, und ein Wörtchen klang und verklang rasch in ihm: Ree! Viel mehr als ein Klang war es nicht.
Das andere Schreiben war von Ledinski aus der deutschen Südsee. Mit Ledinski korrespondierte Peter. Sie hatten sich allgemeine Dinge in den beiden Briefen geschrieben, die sie gewechselt hatten: über Pflanzungen, Koprapreise, Möglichkeiten des Marktes, über Arbeiterfragen, die wichtig und ungelöst wie ein Schatten die deutschen Inseln überlagerten. Ledinski schrieb ihm, die Eingeborenen dieser Inseln seien fast unbrauchbar und werden immer arbeitsunwilliger. Peter schilderte ihm die Tüchtigkeit der chinesischen Kuli.
Aber in diesem Brief schrieb der Amtmann:
„Die Aussichten auf meiner Insel sind einfach ungemessen. Die Deutschen sehen sie nicht. Australische Unternehmer fangen ihnen augenblicklich das Beste weg, und ich bin an die beschränkte Macht meiner Stellung gebunden. Ich möchte diese australische Invasion auch gar nicht verhindern — vorläufig. Denn ich hoffe immer noch, daß sie den deutschen Kapitalisten die Morgenkörner aus den Augen putzt. Aber was weiß man denn in Deutschland von unserer Südsee? Ein vortreffliches System hat ihre Kenntnis bei uns zurückgehalten. Und mir waren immer — gouvernemental — die Hände gebunden. Fuhr außerdem nie als Commis voyageur der Südsee in die ‚goldenen‘ Ferien. Ich sah auf dem Schiff die Wirkung jener Technik an Ihnen. Wissen Sie noch, wie wir uns auf einem Dampfer unterhielten? Die schöne und kluge Frau Haug! Ich wurde kratzbürstig, als sie mich fragte. Jetzt sind die Ferien vorbei.
Ich vertraue Ihnen an, daß ich es fertig brachte, in unserer Nähe (der beste Einladehafen) ein ziemlich beträchtliches Gebiet frei zu halten — gegen alle Intrigen. 5000 Hektar. Zum größten Teil sandiger Boden mit Wasser, von dem man ehedem glaubte, er trage nichts. Europäisches Augenmaß: fett ist gleich fruchtbar ...! Schon vor zehn Jahren legte ich eine kleine Probe- und Musterpflanzung an. Daraufhin ist es im Laufe der Jahre der beste Boden für Palmen geworden. Er trägt etwa 5/4 Tonne pro Hektar. Der andere eine Tonne.
Noch mit den Zahlen locke ich Sie, die Sie auf den beigelegten Blättern finden. Diese Berechnungen sind von mir durch zwei Jahrzehnte Tätigkeit geprüft. Sie sehen daraus, daß eine Tonne im eigenen Betrieb etwa 80 Mark kostet + 100 Mark Fracht, Spesen und Eintrocknungsabzüge bis Hamburg, macht 180 Mark. Sie wissen ja auch, daß die Palme stabile Ernten gibt. Die Preise sind seit Beginn des Pflanzens in regelmäßiger Steigerung, augenblicklich zahlt Hamburg 640 Mark für die Tonne. Und weshalb sollte solch ein Welthandelsartikel einem Preissturz ausgesetzt sein? Selbst für den Fall eines Kriegs, den wir seit einiger Zeit ja alle im Osten erwarten, scheint mir wenigstens nichts Bleibendes zu befürchten zu sein.
Aber kommen Sie! Als unser Gast natürlich, sagt meine Frau über meinen Rücken, da sie erstaunt ist, daß ich einen so langen Brief schreibe, und auf so lange, wie es Ihnen beliebt. Kommen Sie bald, denn die Choiseuil Compagnie, die an der andern Küste unserer Insel 5000 Hektar in Pflanzung genommen hat, liegt mit einem schweren Auge auf meinen 5000 Hektar. Wenn auch das Gesetz einen größeren Besitz als 5000 Hektar in einer Hand verhindert, so verhindert kein Gesetz die Gründung einer neuen Gesellschaft und die Vorliebe, mit der der Deutsche das ausländische Kapital behandelt. Ich könnte dann, wenn mit ernsten Waffen auf mich losgegangen wird, die Sache nicht mehr retten, denn, wenn auch vielleicht geschätzt, so bin ich keineswegs beliebt an hoher Stelle. Dafür kann und weiß ich zuviel, und vor allem tu ich zuviel! Sie wissen, wie das ist ...“
Pirath ging gleich die beigefügten Berechnungen durch. Er fand, daß sie ungefähr mit dem übereinstimmten, was er auf Java erfahren hatte. Der Unterschied war nur im Bodenwert und in den Löhnen bedeutend, aber für ein noch nicht erschlossenes Land begreiflich.
Er berechnete: Die Fabrik arbeitete zu Hause bisher mit drei Systemen durchschnittlich 18 000 Tonnen jährlich. Ein Drittel Sesamsaat, ein Drittel Erdnüsse und ein Drittel Kopra. Also 6000 Tonnen Kopra. Das ergab in merkwürdiger Übereinstimmung die Ernte jener 5000 Hektar. Diese Pflanzung könnte also in acht Jahren Jens P. Pirath Söhne vom Kopra-Zwischenhandel frei machen.
Pirath schrieb dem Bezirksamtmann gleich, er sei fest entschlossen, sich der Sache mit allem Ernst anzunehmen. Er müsse nur mit der Reise warten, bis er auf Java frei würde. Auf alle Fälle bäte und berechtige er den Amtmann, für den Fall von Gefahr, das Land mit den Ansprüchen von Jens Peter Pirath Söhne zu belegen. Er schrieb ihm noch mit, was Föhr über die Südsee-Pflanzungen meinte. Er nenne sie immer: Palmenkarusselle. Wie das Pferd im Innern, wenn das Ding mal dreht, auch im Schlaf herumläuft, so gingen sie von selber. Er brauchte dort nur Verwalter, die nicht immer besoffen sind. „Die Kerle leben von unserer Geschicklichkeit!“ fluchte er. „Wir treiben die Preise, kanalisieren den Markt, und sie schieben so mit hinein.“
Peter versiegelte den Brief. Er hatte ihn am Abend nach Schluß seiner Arbeit geschrieben. Er steckte die Kopie in die Tasche und überlegte sich, ob er nicht mit Föhr diese Angelegenheit durchbesprechen sollte. Zwar war er sich bewußt, daß er unabhängig von Föhrs Meinung bei seiner Zusage bliebe. Denn Föhr war jetzt oft wunderlich gereizt und widerspenstig und zugleich von einer Vertrautheit zu Pirath, die Peter oft peinlich war. Unentschlossen, was er tun sollte, verließ er sein Haus. Er ging einen Umweg hinten durch das javanische Arbeitsdorf herum und sah dort Föhr auf einmal aus dem Haus kommen, in dem das kleine Gefängnis war. Der Administrator stürmte auf ihn zu, den Panama in der Hand, den spitzen Schädel mit Schweißtropfen besetzt und sagte, als er ihn erreicht hatte, wie außer Atem:
„Jetzt sah ich Ihre Mela. Ich bin weg. Herrlich, herrlich, wie ...“ Föhr formte ununterbrochen mit seinen Händen lebhaft und begeistert zwei Hügel ... „wie soll ich sagen, wie ... wie zwei Weltkugeln, wie ... nun ja, ich hab ihr fünf geben lassen.“
Pirath erschrak. „Wegen meiner?“ fragte er verwundert.
„Nein, ich bin unterrichtet. Sie haben sich ausgesöhnt. Ich weiß alles, was geschieht. Ich bin Gott auf A. B. und C. der Java-Amsterdam-Maatschappij. Ja, ja, also die Mela hat heut früh einen Chinesen bezichtigt, er habe ihr ein silbernes Armband gestohlen. Ich fragte: ‚Woher hast du das Armband gehabt?‘ Sie sagte: ‚Vom Assistenten ...‘ Föhr tippte Peter auf die Brust ..., aber ich sagte: ‚Du schlaues Luder! Du lügst und beschuldigst den Chinesen, damit ich erfahren soll, daß deine Hinterbacken den Gefallen des Assistenten gefunden haben.‘ Aber den Einfall fand ich so ulkig und sonderbar, daß ich ihr die Lüge durchgehen ließ, um so mehr als ihre Brüste mir entgegenprangten. Die schönsten Brüste der Java-Amsterdam-Maatschappij. Dann kam sie aber mittags nicht zur Arbeit. Weshalb? Sie habe ein blutiges Hemd. Wir führen ja doch Kalender darüber. Das war also nicht wahr. Sie vertraute auf die vergangene Nacht, das Rabenaas. So sind sie! Sie glauben, per Bett können sie die Disziplin vom Weg spucken, wie eine Mücke, die auf einem Blatt vor einem sitzt. Da diktierte ich ihr fünf zu. Sehen Sie, erst mußte ich aber ungerecht sein! Wegen der Brüste! Ekelig. Starnberger See! Der Schrei nach dem Starnberger See! Wieviel von uns sind schon zwischen zwei Weiberbrüsten ins Tiefe gerutscht. Ich verkomm! Lieber Pirath, nach fünfundzwanzig Jahren von mehr oder weniger Sauberkeit solche Sachen. Sagen Sie selber!“
Peter fragte sich: „Ist er nicht betrunken?“ Es widerte ihn ein wenig an, und er entschloß sich gleich, von seinem Brief an Ledinski nichts zu sagen. Dann tat dieser gewaltige und tüchtige, starke Mann ihm aber leid, der nicht erwarten konnte, sein Leben in die Seele einer deutschen Landschaft zu retten.
„Sagen Sie selber!“ drang Föhr in ihn. Ein Dunst von Alkohol flog Peters Gesicht an. Er wendete sich leicht ab. Das bemerkte Föhr. Da nahm er sich zusammen und sprach etwas von der Pflanzung. Sie durchschritten die Terrassenanlagen vor Föhrs Haus am Meer. Ketten von rotem Hibiskus kreuzten sich mit steifblütigen weißen Frangipanen, und weinrote Bougainvilles überschäumten einen langen Laubengang. Über andern blühenden Teichen erhoben sich als Abschluß mit grotesker steifer Feierlichkeit eine Reihe von Agaven, die ihre trächtigen Blütenstengel hoch aus den Blättern gegen die untergehende Sonne hoben. Hinter dem Hause wogten die Palmenwälder heran, mächtig in ihrer tropischen Eleganz, stark in ihrer unentwegten Fruchtbarkeit, widerspruchsvoll: Park, Urwald, Welthandel, drahtlose Telegraphie, Aufschwung und Niedergang ...
„Bald kann ich die Palmen nit mehr aanschaun,“ sagte Föhr in süddeutschem Dialekt, den er sich sonst abgewöhnt hatte. Peter durchlebte die Ahnung der haltlosen Geschehnisse, die im Innern dieses starken Mannes stürmten und ihn zu stürzen drohten. Jetzt, wo seine Seele den Duft des heimatlichen Sees schon so stark roch. Waren das die Tropen? Er schaute in die wirbelnde Buntheit, in die ineinandergepreßte Wirrsal von Farben und Formen rundum auf der großen Gartenterrasse. Die dunkeln Agaven standen wie Giraffen kahl und hochhalsig und uferlos dumm im sprühenden tiefen Sonnenlicht, das sie vergrößerte. Peter faßte Föhr unterm Arm und lenkte ihn in die Laube der Bougainville, und die weite, von Buntheit bebende Luft fuhr um die beiden rasch gestillt zusammen zu einer kühlen, schattigen, schweigsamen Kugel. Sie setzten sich in breite chinesische Sessel. In der Laube brannte schon die grelle Vergasungslampe, die jeden Abend um dieselbe Zeit von einem dazu bestimmten Diener angezündet wurde.
„Da haben Sie eine meiner Pfostenzigarren,“ sagte Peter. „Rauchen wir sie zusammen, als Friedenszigarre mit der Luft hier rundum.“
„Sie geben mir die Adresse Ihres Händlers. Die rauch ich auch am ... Also sooft ich jetzt noch einmal Starnberger See sage, so viele Whisky entzieh ich mir täglich!“ fuhr Föhr gegen seine eigene Rede auf.
Sie brannten die Zigarren an. Ihr Duft änderte den Geruch der steif mit Blumengerüchen und ferner Feuchtigkeit vollgepumpten Luft. Föhr schnupperte mit seinem eingetätschten Korken von Nase rund um seinen Kopf hinter dem Geruch her. Dann begannen sie ruhig und in leichter Ermattung nach dem heißen Tag über mancherlei zu reden und kamen in eine Unterhaltung, die sie einander nahe brachte und aneinander fesselte und die nach und nach sehr persönlich wurde. Sie söhnten sich in diesen Gesprächen beide mit der Mißstimmung der letzten halben Stunde rasch aus. Föhr ließ eisgekühlten Champagner kommen. Er fürchtete, die Laube und damit die Stimmung aufzugeben, diese Stimmung von seelischem Gleichgewicht, in dessen einer Schale Europa lag, während Unwägbarkeiten die andere füllten.
Er fragte, als es Abendessenszeit war: „Haben Sie Hunger? Ich habe keinen. Der Boy soll kalten Fasan bringen, eine Platte voll, und wir essen das so mit den Fingern. Nicht decken, gelt, wir bleiben so, bitte.“
Peter war einverstanden. Auch er fühlte sich glücklich. An einer unbekannten fernen Küste sproß es unter seinem Willen auf. Da zog er die Kopie seines Briefes an Ledinski heraus und gab sie Föhr zu lesen. Föhr las rasch und lachte dann auf.
„Also unter uns!“ ... Er tippte sich an die Stirn ... „Was haben sich eigentlich diese Koprafabrikanten drüben so lange gedacht? Ich sitze hier wie eine gespannte Flinte. Fünfundzwanzig Jahre wart ich auf das eine: Kommt denn nicht endlich einer auf die Idee, unsere hundert Prozent Dividende zu durchschauen und selber zu pflanzen, was er verarbeitet? Also wie Sie kamen, da war ich wie erlöst. Unsere holländischen Inseln sind ja wohl jetzt zu. Aber die Südsee ...! Das geht gewiß! Sie werden dort mit primitiveren, aber günstigeren und leichteren Verhältnissen rechnen können. Ich sah’s an der Aufstellung Ihres Bekannten. Die Arbeiter sind billiger, viel billiger. Taugen aber nichts. Sie werden sich schließlich doch zu Chinesen entschließen müssen.“
„Das hab ich mir auch schon gedacht!“ warf Peter ein.
„Gehen Sie hin, so rasch wie möglich!“ sagte Föhr.
Aber Peter entgegnete: „Ich will mein halbes Jahr hier fertig machen.“
„Was suchen Sie denn noch hier? Den Einblick, den Sie brauchten, haben Sie. Da drunten geht’s ja von selbst, wenn der Verwalter zu Anfang ein bißchen gut schmiert. Es ist ja wurscht. Ich geb Ihnen private Aufzeichnungen. Sie sollen allerdings vertraulicher Natur sein. Aber Sie sehen daraus, wie die Java-Amsterdam-Maatschappij geworden ist. Ich vertraue Ihnen ...“
Peter entgegnete: „Sie sind vielleicht jetzt in einer Laune, die ... Ich möchte nicht, daß Sie morgen bedauern, und bitte Sie, es mir nicht zu geben.“
Föhr sprang auf und lief davon. Er rief zurück: „Potztausend, so einer!“ Rasch war er wieder da und hatte ein fingerdickes, steif gebundenes Heft in der Hand. Er gab es Peter: „Ich werde morgen nicht bedauern. Arbeiten Sie’s durch. Es wird nicht umsonst sein. Wo wir hier anfingen vor soviel Jahren, da fangen Sie jetzt in Buka an. Nur daß die Koprapreise derweil um etwa ... etwa ... zweihundert Prozent gestiegen sind. Und damals ging’s uns auch nicht schlecht. Nach der ersten Krise.“
Sie plauderten lange. Föhr war vom Champagner wieder zum Whisky geraten. Er hatte den Korbsessel gegen den Liegestuhl vertauscht. In einem fernen Winkel brannte eine Glühbirne. Ein Ballen von großen und kleinen Insekten umwirbelte die feurige Kugel und tanzte mit dem Licht, das sie aus der gleichmäßigen Flut der Sternennacht von weit rundum erregend anzog. Peter war auf einmal ungeduldig, wegzukommen. Der Inhalt des Buches lockte ihn mächtig. Flüchtige Berechnungen entstiegen seinem Gehirn, ob man die Eingebornen gegen Chinesen umtauschen könnte. Die Berechnungen versprühten immer wieder plötzlich, und andre Vorstellungen hoben sich um die steif fruchtbare Urwaldküste des schwarzen Buka. Er begann auch Föhr zu fürchten, der jetzt mächtig Whisky trank und die ruhige Versenktheit ihrer bisherigen Unterhaltung zu durchbrechen anfing. Er redete heftige Sätze, unterbrach sich immer wieder und rief zwischen seine eigene Rede: „Ich sag’s nicht, ich sag das Wort nicht, Starnberger See kommt nicht über meine Lippen. Noch ein Whisky, Junge.“
Er richtete sich auf einmal auf in der Dunkelheit und sagte Peter leise: „Wenn Sie hierbleiben wollten die zwei Jahre, ich würde durchsetzen, daß Sie mein Nachfolger werden. Administrateur können Sie morgen sein. Ich hab heut den Hermings an die Luft gesetzt.“ Seine Stimme erhob sich allmählich ... „So etwas von Unfähigkeit! Welch Glück, daß Gott die Kopra immer gleich wachsen läßt. Wenn es nur um ein Prozent vom Können meiner dreißig Assistenten abhing, so hätten wir immer Mißernten. Ich werde jetzt die Arbeiter zu Assistenten machen und die Assistenten zu Käfersuchern. Diese Köppe von aufgeblasener Dummheit! Man muß selber für alles mit Kopf sein. Ist Europa denn dümmer geworden in den letzten zwanzig Jahren! Sagen Sie mir das! Oder welches neue System treibt die Unfähigsten in den Tropendienst? Nun gehen Sie auch hier weg!“
Peter lenkte ab: „Wir sehen uns ja in zwei Jahren in Deutschland wieder. Mein Haus liegt zwar nicht am See, dessen Namen man nicht sagen darf, aber es wird Ihnen trotzdem drin gut gehen, wenn Sie kommen.“
Aber Föhr ließ sich nicht abbringen. Er klagte: „Ich komm ja nicht! Ich verkomm ja hier noch in den zwei letzten Jahren. Die Geschichte mit den prangenden Brüsten der Mela ... Boy, noch einen Whisky ... Ich erzählte ja. Und zwischen den Brüsten der farbigen Weiber geht ein watershoot für weiße Liebhaber in die Tiefe. Der Mohammed soll sie alle zu seinen Huris nehmen, daß wir Christen diese Plage bis in alle Ewigkeit los werden! Aber schön sind sie, die Äser. Die Mela ... wie zwei Erdkugeln! Die ganze Geilheit des Urwaldes hat an diesem Paar Backen mitgearbeitet. Ich muß ihr morgen noch einmal fünf geben lassen.“
Peter lachte peinlich berührt: „Das können Sie einfacher haben.“
„Wie denn?“ fragte Föhr gierig.
„Ich schick sie Ihnen jetzt herüber.“
Föhr rief auf: „Pirath, Sie sind der Verführer Beelzebub. Weiche! Weiche ...!“ Lauernd aber fragte er gleich darauf: „Was machen Sie denn heut abend?“
„Ich arbeite Ihre Aufzeichnungen durch.“
Da besann sich Föhr. Er sagte sich bezwingend: „Nein, Spaß! Gehen Sie schlafen! Es ist Zeit.“
Er erhob sich, und sie verabschiedeten sich.
Peter ging einsam durch die schrillende Nacht seinem Haus zu. Diese Kämpfe und das Unterliegen, das Gewaltsame und das Versagende des Direktors erregten ihn. Als Peter vor vier Monaten kam, war dieser Mann wie stählern gewesen, von einer unwandelbaren Gleichmäßigkeit. Er spürte, als ob die fremde, dampfend weiche Luft wie ein Gift in seinen Atem und seine Nase dränge. Er wehrte sich gegen Java. Weshalb hatte er Mela gestern nacht gerufen? Es verursachte ihm Pein, an die Nacht zu denken. Er ging rasch auf seine Veranda hinauf. Es brannte Licht in seinem Zimmer. Mela machte sich drin zu schaffen. Ihr großes und edel tierisches Gesicht lachte ihm unmerklich zu, und ihr Leib straffte verständnisinnig die Brüste und den Bauch auf, als er sie ansah. Er sagte ihr schroff: „Geh! Der Tuwan Administrateur wünscht dich.“ Sie zögerte. Er drängte: „Geh, geh! Rasch hinüber! Sonst gibt’s was! Geh!“
Da ging sie. Er schaute nicht nach, wohin. Er setzte sich an den Tisch und öffnete das Buch Föhrs. Er las einen Anfang von Ziffern und Zahlen, die sich zu dem immer mächtiger werdenden Gebäude einer glasklaren, wuchtigen Sprache aufbauten. Er las und machte sich Notizen, und während draußen Meeresrauschen und Insektenlärm sich im fernen Licht unter Palmen ineinander bohrten, versank er mit weit und hart arbeitenden Gedanken in die Geschichte der Java-Amsterdam-Maatschappij. Er las vor allem eine Bestätigung der kurzen aber raschen Erfahrungen seiner letzten vier Monate. Eine Sicherheit und Kraft überkamen ihn, daß er glaubte, er knete über zweitausend Meilen Entfernung hinweg die richtungs- und sinnlose Urfruchtbarkeit der schwarzen Urwaldküste Bukas in jene wie geometrische Figuren gebaute Häuserwürfel hinein, in denen seine Zentrifugen jetzt rauschend kreiselten und dem wachsenden weißen Volk dienten.
Einige Wochen später wurde Föhr krank. Er wehrte sich gegen die Fieber, die ihn durchprasselten und sein Blut verschlangen. Er wollte sich nicht legen. Im Bett war er wehrlos. Dann kamen die fremden Geister aus den Palmbäumen, aus dem Schoß des Bodens, der vor zwanzig Jahren randlosen Urwald getrieben hatte, aus der dumpfigen Sonnenluft, aus dem Feuer der flackernden braunen Augen und aus der schleimigen Phantasie der Javaner und erwürgten ihn unversehens. Er raste umher, ruhelos, mit heftigen Launen, er schrie und schlug. Er wurde mager und klapperig, seine Haut ergelbte, seine Augen färbten ihr Weißes und zitterten in den Höhlen, als ob sie in einem heimtückisch unsichtbaren Feuer verschwelten.
„Einer hat mir Bambushärchen ins Essen gestreut!“ schrie er einmal. „Jetzt weiß ich’s.“ Er ging dann immer lauernd, spionierend umher. Er aß nichts mehr. Alles an ihm war Mißtrauen, und einmal sah er, als er hinter einer Jalousie verborgen spähte, Mela aus der Küche seines Hauses in den kleinen Hof treten, wo die Destillierfässer das Wasser von einem in das andre rinnen ließen. Da sprang er wahnsinnig auf sie los, griff nach ihrem Hals und würgte sie zu Boden. Weit und breit war kein Mensch. Föhr hatte seine Riesenkraft in der Krankheit behalten. Er preßte den Kopf hinterrücks auf die Steine und stemmte mit einem Knie die schweren Brüste nieder. Wild flüsterte er dem erstickenden Weib zu: „Du Aas hast mir Bambushaare ins Essen geworfen! Jetzt weiß ich’s! Was machst du in der Küche? Sprich! Warst du’s! Du verdammte Hure! Du fleckiger Teufel! Sprich, sag ich. Gesteh’s! Bambushaare! Ich muß krepieren. Was? Ich befehl dir: Sprich!“
Aber das Weib sagte nichts mehr. Ihre Augen quollen auf. Ihr Körper lag auf den Steinen gebogen wie ein in einer Netzmasche im Wehren verreckter Fisch. Ihr Mund war weich und weit geöffnet, und die Lippen hingen herunter. Das weiße Gebiß schimmerte. Da stand Föhr auf, schaute sie kalt an und sagte befriedigt: „So!“ Darauf ging er ins Haus und legte sich ins Bett.
Er starb in der Nacht.
Peter war an diesem Tag in Batavia gewesen und kam mit dem Auto am nächsten Vormittag zurück. Er hörte, was geschehen war. Er sah die Leiche des Weibes, aus dessen üppiger Fruchtbarkeit das Leben verkrampft gewichen war, sah die blauen Quetschwunden an ihrem mächtigen Hals und wandte sich ab. Er sah die Leiche Föhrs. Sie lag im weißen Anzug, in dem er sich ins Bett geworfen, weit ausgestreckt auf der Matratze. An den Füßen staken noch die weißen Tuchschuhe. Die Augen waren glasig weit offen, wie fürchterlich schillernde Gewölbe, unter denen dunkle Urrätsel gingen. Der Mund stand weit und bös aufgereckt, als bisse er nach Teufeln, und der Rücken hielt im Starrkrampf den Leib etwas aufgerundet. Die Füße drückten sich tief in die Matratze hinein.
Ein schwarzer ungeheuerlicher Widerwillen fiel über Peter her. Sein Wille war wie von grünspanigen heißen Dämpfen getrübt. Er flüsterte nur vor sich her: „Der fremde Tod! Immer dasselbe. Der fremde Tod!“ Er ging in sein Haus. Es hetzte rundum ihn nieder, von der Decke, durch die Fenster, aus den Wänden. Er fürchtete sich. Er packte seine Koffer, hastig und wild. Seine Arme zitterten. Es bebte über seinen Rücken, durch seinen Leib. Seine Beine waren kraftlos. „Bin ich auch krank?“ fragte er sich erschrocken. Er hetzte weiter und fuhr dann in der schrillen Sonne der Mittagsstunde im Auto durch die Pflanzung davon. Hinter dem Wagen raste der Staub auf und stürzte unter dem aufgeklappten Dach herein, und die böse, ekelhafte Feindseligkeit der ganzen Pflanzung strömte über sein Herz, wie ein Meer, das die Dämme gebrochen hatte.
In Batavia wurde er erst ruhiger. Er ging zu dem deutschen Konsul und erzählte ihm, was geschehen war. Der Konsul sagte ihm, er könnte Java ruhig verlassen. Da er an dem fatalen Tag nicht am Schauplatz der Tat war, brauchte man ihn nicht, und seine Abreise könnte keine Folgen für ihn haben.
Einige Tage später fuhr er mit der „Manila“ des Norddeutschen Lloyd über Makassar nach den Inseln. Die Nachricht, daß er die Südsee besuche, war ihm schon lang vorausgeeilt. In der Hauptsiedelung Luabar, wo der Sitz der größeren Pflanzungs- und Handelsgesellschaften war, sah man seiner Ankunft mit einem etwas aufgeregten Mißtrauen entgegen. Er war von Europa aus jemandem angekündigt worden. Dieser erzählte von Pirath den andern Herrn. Sie saßen zusammen in dem mit Eingeborenenwaffen angefüllten Zimmer Archibalds, eines Australiers. Dieser hatte die Tatsache, daß alle Frauen Luabars untereinander zerstritten waren, weil jede die Stellung ihres Mannes für die bedeutendste haben wollte, ausgenützt, um den Männern die Möglichkeit zu schaffen, manchmal beisammenzusitzen. Er hatte seinem Geschäft deshalb eine Schankstube beigegeben, die stets gut besucht war. Denn in Luabar gab es weder Wirtschaft, noch Hotel. Als bei Archibald von dem bevorstehenden Besuch erzählt wurde, warf Herr Steifkragen seine Augen vorsichtig lauernd über die Kneifergläser und wartete, bis sich ein anderer äußerte. Herr Foß ließ seiner Gewohnheit nach seine Augen umherwirbeln und drehte mit dem Körper auf dem Stuhl wie eine Bauchtänzerin. Dann kaute er aus dem rechten Mundwinkel heraus: „Fehlt ooch noch, daß nu sämtliche Fettwarenonkels von drüben die Prozente kontrollieren kommen!“