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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman cover

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Chapter 10: Intermezzo.
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About This Book

Two brothers are portrayed in close contrast: one extroverted, theatrical, and self-mythologizing, often favored by the household; the other withdrawn, ironic, and prone to imitation, retreating into observation and private rituals. Their small-town family life, school and amateur theatricals provide recurring scenes of rivalry, parental partiality, and performance as identity. Through episodes of boasting, quiet record-keeping, shifting rooms, and mimicry, the narrative considers how pride, insecurity, and habit shape personal relations and the siblings' differing approaches to love, social standing, and selfhood.

Wie lange ihr enges Verhältnis zu Pitt dauern würde, wußte sie selbst nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in allem was das Leben anging, überlegen fühlte, in die Hand zu nehmen, und jetzt, wo sie ihn näher kennen lernte, ward ihr dies Gefühl befestigt. Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmöglich. Nur ein paar Tage waren sie zusammen im Süden, dann verlangte sie zurück in ihre Tätigkeit. Pitt gewöhnte sich daran ihr in allem sich zu fügen. Sie verlangte, daß er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein Vater würde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich kennt, denn nach seiner Schätzung taugen im Grunde nur die Menschen etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!

Sie setzte es durch, daß Pitt sein Examen bei der nächsten Gelegenheit machte. Er sagte, er fühle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel Semester er nun allmählich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er sich jetzt noch nicht sicher fühle, würde er sich niemals sicher fühlen. Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen könne er nicht, und das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einfluß hinter ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, daß ihn jemand trieb; zum Scheine weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer Forderung. Die hörte er so gern, und mit Vergnügen sagte er dann endlich lächelnd: Nun also — in Gottes Namen! — Und nach ein paar Monaten machte er das Examen und etwas später bekam er auch den Doktortitel, da Herta sagte, es käme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas mehr arbeite. Dann aber gab es Kämpfe was nun werden sollte. Referendar werden wollte er nicht, er wollte überhaupt nun nichts mehr mit der ganzen Juristerei zu tun haben; wußte aber auch nichts anderes. Ihr war diese Eröffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrückt. Dann begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, daß Pitt sich zu allem bereit erklärte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm nach diesen Gesprächen auch nicht mehr so entsetzlich wie früher: Hertas Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die größten, einflußreichsten Verbindungen, durch sie würde es ihm leicht werden, eine gute einträgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie vielleicht nie erreicht hätte, und großen Eindruck machte es ihm, daß er dann kein königlicher Angestellter war, sondern daß er unter einer Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater selber war. — Herta lächelte für sich, als er ihr eines Tages erklärte: Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; — er meinte damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich später aus uns beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus für dich und wir besuchen uns wann wir mögen! — Laß uns nicht daran denken, sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht anders möglich, als daß wir den Schritt tun, den die meisten tun, die zusammen bleiben wollen. — Pitt verzog unwillkürlich das Gesicht, wie wenn er etwas Bitteres schmecke. — Wäre dir der Gedanke so schrecklich? fragte sie. — O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach öfter von der Möglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie sich ihre und Pitts nähere Zukunft aus. Sie sprach von einem schönen Haus, das sie sich bauen würden. Sie wußte schon den herrlichsten Platz dafür. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen, auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren würden, von ihren Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der Ahnenbilder, von denen sie ihm erzählte, die zu Haus im großen Saale hingen, und er wunderte sich über ihren festen Zusammenhang mit ihrer Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher Zusammenhang gänzlich, und bei ihren Worten überschlich ihn zuweilen ein dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.

Wie ist es nur möglich, sagte er einmal, daß ein Mensch so stark verwandtschaftlich empfinden kann! — Es kommt eben nur auf die Verwandten an! entgegnete sie. Das ließ er gelten, obwohl er wußte, daß da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach nichts davon aus, da er fühlte, daß, wenn sie dann darüber stritten und er Herta schließlich recht gäbe, eine Einigung doch nur ganz oberflächlich sein würde. Und zugleich rührte diese Frage überhaupt an Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.

Du möchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem Luftschloß redete, daß wir unser Haus verschlössen und gar niemand hereinließen? — Er lächelte, und zugleich durchzog ihn eine halb peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein sein würden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, für ihn war es vorläufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin wäre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister: Lauter blonde, großgewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten unter sich Ähnlichkeit, wie die verschiedenen Blätter desselben Baumes. — Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter mitgab, wie er ins erste Semester ging. — Deinem Vater bist du nicht ähnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu diesem Kopf gekommen! — Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller Ähnlichkeit, zu laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren. — Es wäre besser, sagte er endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Körper aufgäben und nur aus Kopf beständen! Wieviel Aufregung und Gräßliches würde ihnen erspart bleiben. — Und das sagst du zu mir?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Möchtest du, fuhr sie fort, daß wir beide körperlos wären? Ist dir dein Körper so wenig lieb? Er antwortete nicht. — Was für einen Unsinn redest du! Mein Körper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber möchte ich auf alles, alles verzichten als den kleinsten körperlichen Makel haben; du redest wie ein alter Mann und sollst dich schämen! — Er lachte und zuckte die Achsel, und wie er sie so blühend vor sich sah, den lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er: Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, daß sie nicht körperlos ist! und schloß sie heftig in seine Arme. — Siehst du nun wie dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so bewegungslos, daß endlich seine Gedanken abirrten, bis er die körperliche Ermüdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren Armen befreite.

Höre, sagte sie eines Tages, morgen kommen meine Eltern her; sie reisen nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich möchte, daß du sie sähest. — Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. — Was werden deine Eltern denken? fragte er ausweichend. — Sie werden sich die Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, daß ich kein Kind mehr bin und daß ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit abgefunden. Meine Mutter weiß übrigens über dies Bescheid; sie weiß über alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wäre noch viel schwerer gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten hätte. — Pitt war über diese letzte Eröffnung sehr erstaunt. Ich glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! — Herta lächelte und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich glaube, du achtest die Frauen überhaupt viel zu wenig. — Vor meinem Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; — übrigens machst du dir von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den allergrößten Blick für Menschen und Dinge, es ist etwas Großzügiges in seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nächsten Angehörigen empfindet er wie ein gewöhnlicher Bürgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber abgewöhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut für dich, für deine spätere Zukunft, wenn er jetzt ein günstiges Bild von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, daß du keinen Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du fühlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?

Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien sie ihm jedesmal etwas fremd. — Er legte den Arm um sie, küßte ihr glänzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor ihm bestehen. —

Pitt zog sich zu Hause um, zögernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah lange hinein — und mit einem plötzlichen Entschluß entkleidete er sich wieder, zog seinen gewöhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.

Damit verletzte er sie sehr. — Hast du denn absolut nicht den Wunsch gehabt sie kennen zu lernen? — Er schüttelte den Kopf. — Manchmal verstehe ich dich nicht! — Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah sie nicht an dabei. — Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte sie, man muß Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen. Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.

Es war ihr ein Bedürfnis von Zeit zu Zeit von ihm bestätigt zu hören, wie sehr er sich innerlich umgewandelt fühlte. Es erfüllte sie mit Stolz, daß sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen aufzurichten und ihm das Gefühl seiner Kraft zurückzugeben. Dies Bewußtsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas Kameradschaftliches bekam; überall war sie die selbstverständlich Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, daß es doppelt auffällig war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.

Jeden Morgen — ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war — holte sie ihn in der Frühe zum Spazierengehen ab; er war immer schon längst fertig und bereit, ehe sie ankam; das frühe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte sich, einen wie großen Teil seines Lebens er früher verschlafen hatte. Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht unangenehm. Sein Gedächtnis, das in den letzten Zeiten etwas nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frühesten Jahren.

Manchmal überraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß und in eine Ecke starrte. Er lächelte; — wie doch alte Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht zufrieden und glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! —

Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Pläne für ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer früher gemalten Bilder. Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzählte wo sie dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, daß ihn dies nicht sonderlich interessierte, obgleich er sich Mühe gab ihren Erinnerungen zu folgen und selbst etwas von ihren Gefühlen zu empfinden. — Du hast recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu tun und es wäre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefühlen etwas anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafür bin ich auch kein Mann.

Höre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul; gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen, und heute ebenfalls; weißt du, das geht nicht; wenn du das öfter tust, mußt du mich künftig abholen! Du mußt dich an eine ganz regelmäßige Tageseinteilung gewöhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. — Am nächsten Morgen war sie überrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. — Sie lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah: so war es nicht gemeint von mir, außerdem ist es für dich doch ein Umweg! — Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmäßigkeit zurückzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf den Morgen. Doch kam es immer häufiger vor, daß er dann am Morgen mit dem Gefühl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen treffen wollten, aber er wußte, daß sie ihm dann Energielosigkeit vorwerfen würde. Fast mißmutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber wenn er dann dieses Mädchen vor sich sah, das, unbekümmert um Wind und Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann das Gefühl überkam: Sie gehört mir und niemand anders — und wenn er ihre kräftige Hand fühlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann vergaß er das Gefühl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein müsse, daß dieses vollendete Geschöpf sein eigen sei. Und doch — wenn sie dann zusammen durch die Felder gingen, wünschte er sie manchmal fort. Mitunter fühlte er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich dies Gefühl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst verbreitend. — Laß mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege stehen bleibend, ich weiß nicht was es ist — aber ich muß allein sein, jetzt! — Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurück und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fühle ich noch viel mehr Angst. —

Ähnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhüllter, freier. — Wir sehen uns doch morgen wieder! du mußt doch jetzt schlafen! — Sie sah ihn ganz verständnislos, mit großen Augen an: Gerade jetzt, jetzt wollte er gehen, wo alles in ihr drängte, noch länger mit ihm zusammen zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit zurückzufinden? — Er zögerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.

Ich weiß es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend, zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefühl, du seist mir in Wirklichkeit ganz fern. — Er widersprach alsdann mit großer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie sprachen nur das aus, was er selber fühlte und nicht fühlen wollte.

Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr herging, wir sehen uns zu oft, wir dürfen unser Gefühl nicht abstumpfen. — Das verstand sie nicht: Mein Gefühl wird nicht abgestumpft; und wie denkst du es dir denn wenn wir später einmal vielleicht wirklich dauernd zusammen leben? — Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und allmählich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drängte. — Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wußte er nicht mehr; er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich stärker und immer stärker und ließ sich nicht mehr bezwingen; was er seit geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer quälenderer Deutlichkeit: daß sein Glück den Höhepunkt überschritten hatte, daß es mit langsamem Schritte abwärts ging. Die erste große Zeit, wo alles unfaßlich, neu, als reiches Geschenk über ihn gekommen war, diese erste Zeit war längst vorüber, das Größte war ihm zur Gewohnheit geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine Täuschung gewesen, als wäre er im Grunde stets allein geblieben. Aber nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann wieder allein sein würde?

Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trüge.

Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm gegenübersaß und in eine Ecke starrte. — Er sah sie an wie ein hilfloses Tier.

Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. — Liebst du mich nicht mehr? fragte sie einmal. — Er antwortete nicht. — Weißt du es selber nicht? — Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe. So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. — Was ist es dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrückt? — Ich glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal hinstellst, dort oben, in deinem Lande — das Haus — deine Familie — wir selbst, auf immer verbunden — — Es überlief sie kühl. Vor all dem hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. — Ja, sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du weißt doch wie ich bin, es ist alles so schnell über mich gekommen, ich kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ändern, du hast soviel Geduld mit mir gehabt und mußt sie weiter haben, du weißt doch selbst am besten, wie sehr du mich schon geändert hast, das hätte außer dir niemand, niemand vermocht! — Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er ihre Arme fühlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.

Aber am nächsten Tage war es wieder da. — Wenn ich jetzt nicht glücklich bin, so habe ich kein Recht auf Glück! Dieses Wort, das er sich schon früher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bösen Traum umher. — Bin ich denn verrückt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr? Aber sogar diese Selbstgespräche verloren an unbewußter Ehrlichkeit, er hörte sich wie einen andern, er wußte kaum selber mehr, was echt, was unecht an ihm war. — Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es begann eine Zeit der Kämpfe für sie, der ewigen Selbstverleugnung, der Überwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie, alles könne vorübergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, daß es besser sei, sie sähen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll, während für ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie näherte sein Gefühl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmählich zu leiden. Sie begann zu fühlen, daß auch dieses Erlebnis zu einem Ende führen würde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab ihr ihre Kraft zurück. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. — Ich weiß es, sagte sie, daß du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst, dein Gefühl für mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein würden. Ich will nicht sagen, daß ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen leben kann, wenn ich später dauernd mit ihm verbunden werde; du weißt aus meinem früheren Leben, daß ich nicht so denke: Aber mit jemand zusammen leben, der in einem späteren Zusammenleben nur etwas Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht aufwiegen könnte, was es an äußeren Unannehmlichkeiten im Leben gibt — denn um die handelt es sich nur — das kann ich nicht! Von einem solchen Menschen weiß ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie für mich nötig ist! — Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du nennst das äußere Unannehmlichkeiten — für mich sind sie untrennbar vom Leben überhaupt!

Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben. Seine entsetzliche, plötzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor einem späteren, gebundenen, bürgerlichen Leben, nachdem er eine große Zeit lang alles überwunden zu haben schien durch ihre Liebe — war dies nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und für einen Augenblick noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?

Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten Selbstverständlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner Natürlichkeit, er wurde gekünstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur. Und mehr und mehr drängte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages faßte sie den Entschluß, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.

Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn nicht mehr. — Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, muß ich allem ein Ende machen; ich will nicht, daß etwas, das mir hoch steht, herabgezogen wird, bis es schließlich triviale Gewohnheit wird, die man bestehen läßt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise führen viele Verhältnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir auch zu gut, überhaupt ein solches Leben weiter zu führen, wie wir es tun. — In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulösen; das ganze Zimmer, jedes einzelne Möbel schien sich plötzlich zu einer unerhörten Bedeutung vorzudrängen; er sah mit einem Male, daß hier ein Bild etwas schief hing, daß dort die Kante am Sekretär ein ganz wenig abgestoßen war, daß jener Stuhl nicht ganz so schön mehr wäre, wenn seine Lehne sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfügte — und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. — Ich liebe dich, wie ich nur überhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und blitzschnell schoß der Gedanke dazwischen: die vielen i’s im Anfang meines Satzes! Ich werde verrückt, was um Gottes willen ist dies! An Gott glaube ich nicht einmal. — Wie du nur überhaupt einen Menschen lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt für einen Augenblick fast wie einen Maßstab der ganzen Höhe des Raumes ansah, obgleich er verzweifelt auf sie blickte. — Alles Glück, fuhr sie fort, ist dir nur eine Selbsttäuschung, du bist überhaupt unfähig einen Menschen zu lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das weiß ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht über mich bekommen, ich bin zu kräftig, als daß ich nicht alles überwinden könnte. Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann für einen andern, aber ich muß weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist unmöglich. Ob ich jemals einen andern heirate weiß ich nicht, aber das ist gewiß: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.

Alles an ihr atmete Kraft und Schönheit wie sie so sprach. Er war vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurückgekehrt; ein Schmerzgefühl durchriß ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie könnte ich sonst so empfinden! Und er stürzte an ihre Brust, in aller Angst vor der Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fühlte ihre Arme, aber sie umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. — Ich kann nicht von dir fort, rief er heftig, du mußt bei mir bleiben, du wirst sehen, daß du dich in mir getäuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwöre dir, daß ich anders bin, nur laß mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! —

Er preßte seine Wange an ihren Kopf und starrte über ihre Schulter hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem gegenüberhängenden Spiegel ansahen. — Herta schwieg und er ward beruhigter. — Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschluß, fuhr er fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du dir selbst nicht klar bist über alles, — und mitten zwischen die Worte, die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, daß ich ihre Gestalt von hinten sehe. — Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage. Laß mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann laß mich wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich fügen, ohne Widerspruch. — Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich: während der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drüben redete und nicht er selbst, obgleich er wußte, daß er sprach. Jetzt kehrte er den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und — als erwache er aus einem dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte sie und brach in Tränen aus. Er fühlte ihren Körper und wußte plötzlich mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stück Leben, das sich von mir losreißen will, das einzige lebendige, das ich besitze. — Sie strich über sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe ich dann alles anders. — Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei. Fühlte er wirklich stark zu mir, er würde mich nicht bitten, er würde mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen müssen wie heute. Er löste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und geleitete ihn so zur Tür. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden für einen Augenblick den Schauer offener und doch verschlossener Welten. — Wie mit einem Entschluß schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fühlte ihre Lippen auf den seinen.

Sowie er draußen auf der Straße war, löste sich die Spannung in ihm. Es war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise überstanden hat. Die augenblickliche Gefahr schien vorüber, und, wie es bei solchen Krisen zuweilen geht, daß der Patient, noch eben Abschied nehmend von einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurückgeschenkt ist, als etwas Selbstverständliches hinnimmt — — so richteten sich Pitts Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Daß Herta nach drei Tagen noch bei ihrem Entschluß verharren würde, glaubte er nicht. Und er selber: Er würde sich Mühe geben, daß sie mit ihm zufrieden war. Sie würden miteinander sprechen, er würde ihr sagen, daß es wirklich für sie beide besser wäre, wenn sie sich nicht so sehr oft sähen — denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei dem Gedanken, daß sie vielleicht wieder tagtäglich beieinander wären — und damit war dann alles Schlimme beseitigt. — Aber trotz aller beruhigender Gefühle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist eigentlich geändert gegen früher?

Der nächste Tag verging, der übernächste auch, der dritte begann. Hatte Herta seinen Vorschlag ganz wörtlich aufgefaßt? Mehr und mehr hatte sich diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemächtigt. — Es ist nur das Wetter schuld, — dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. —

Am Abend ging er hin zu ihr, im rötlichen Dämmer der Laternen, deren Lichter wie flimmernde trübe Kugeln im Grau zu schweben schienen.

Wenn sie nun auf ihrem Entschluß bestände?

Eine alte Frau öffnete auf sein Läuten. Mit schlürfendem Schritt ging sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurück, den das gnädige Fräulein für ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. — Verreist! antwortete die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufügen hatte, zog sie sich wieder zurück und schloß die Tür.

Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Stoß vor die Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefühl war in ihm. Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Straße. Er sah nicht, welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhören, als sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten Laternen blieben allmählich hinter ihm, dann befand er sich in einem endlosen stummen Grau. Endlich stieß er mit dem Fuß gegen etwas Festes, gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den Blick ins Nichts geheftet. —

Achtes Kapitel.

Fox Sintrup hatte, nachdem er die Stadt Lottes und Herrn Könneckes mit Protest verließ, bald hier, bald dort studiert. Schließlich blieb er in einer größeren Universitätstadt, die ihm behagte. Er arbeitete wenig, wurde aber im Laufe der Zeit ein großer Feinschmecker und Weinkenner. Dazu unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu den gewaltigsten Persönlichkeiten.

So ein Lerchenzungenragout — also es geht doch nichts über so ein Lerchenzungenragout! — So sprach er in der Weinstube, sah alle Freunde der Reihe nach an und fügte hinzu: Höchstens ein Nachtigallenzungenragout, das soll noch besser sein, das kenne ich nicht; dann erzählte er, wie er neulich beim Kriegsminister eingeladen worden sei, verstummte aber plötzlich — scheinbar in ratloser Überraschung. — Teufel noch mal! rief er endlich und schlug mit der Hand auf den Tisch, indem er die Gegenübersitzenden wie in starrer Überlegung ansah, — das habe ich ja total verbummelt! Kellner! Briefbogen, Kuvert und einen Dienstmann! — Während der Kellner verschwand, erklärte Fox, er sei auch für heute abend beim Kriegsminister eingeladen, habe diese Einladung aber vollkommen vergessen. — Schon manchmal hatten seine Freunde Zweifel an seinen Angaben erhoben, aber was er nun tat, schlug jedes Mißtrauen nieder. Mit Bleistift schrieb er flüchtig einen kurzen Brief, während ihm seine Nachbarn ins Papier schauten. Er entschuldigte sein Ausbleiben, das er um so mehr bedauere, als er nun leider darauf verzichten müsse, mit seiner Exzellenz dem Handelsminister über seine nationalökonomische Broschüre zu sprechen, die demnächst erscheinen werde. — Der Brief ward gefaltet, kuvertiert, auf den Umschlag der volle Name und die Adresse des Kriegsministers geschrieben, und dem Dienstmann eingeschärft, das Ganze sofort, aber sofort beim Hausdiener im Palais abzuliefern. Sintrup verkehrt beim Kriegsminister! hieß es nun, und sein Ansehen war wieder um eine kleine Stufe gestiegen. Niemand hatte bemerkt, daß Fox jenen Brief nicht mit seinem Namen, sondern mit zwei unleserlichen Anfangsbuchstaben unterzeichnete. Mochte der Kriegsminister sich denken, was er wollte! —

Fox war und konnte jetzt alles; er hatte sehr viel gelesen, sehr viel herumgehorcht und viel erfahren, manches Schwierige aus gedruckten Abhandlungen auswendig gelernt. — Ja du lieber Gott, die Menschen führen immer das Wort „Kunst“ im Munde, was ist denn nun eigentlich Kunst? Er nagelte den andern mit seinen Augen fest, und dann wurde mit scheinbarer intensiver Anspannung des Geistes irgendeine komplizierte Definition geboren, die er tags zuvor gelesen und memoriert hatte. Er schriftstellerte, es erschienen hier und da in den Blättern in der Tat Artikel von ihm, mit seinem vollen Namen gezeichnet. Früher schon hatte er politische Broschüren erscheinen lassen, diese aber alle anonym, denn: — Na, Sie können sich ja denken! Man zweifelte an seiner Autorschaft, aber gelegentlich, wenn Freunde ihn besuchten, ließ er sie einen Blick in die dunkle kleine Kammer tun: Da lagen die Broschüren stoßweise, verstaubt, und er sagte bedauernd: Ja, vom Schriftstellern wird man nicht reich, wenn man Talent hat. — Die Broschüren hatte er alle aus irgend einem Lagerraum, wo sie vergessen lagen, aufgekauft. Er schrieb auch Essays über veraltete, altmodische Schriftsteller, die er ausgrub auf Bibliotheken; sie erschienen zwar nicht gedruckt, aber die Manuskripte lagen bei ihm zu Hause, und er las sie vor; sie klangen gut, merkwürdig echt war darin der Stil der Zeit getroffen. Allerdings hatte er alles eigentlich abgeschrieben aus irgend einem verschollenen Buch, das niemand kannte. Seine Bemühungen, sich im Ansehen der Menschen aufrecht zu erhalten und es immer noch zu steigern, waren allmählich ins Groteske gewachsen und bedurften viel mehr Nachdenken und Aufwand als seine früheren gelegentlichen Mystifikationen. Und da Fox im Grunde eigentlich schwerfällig und faul war, so kostete ihn dies Treiben viel Sorge und Selbstdisziplin. Er wurde ein Opfer seiner selbst.

Fox galt auch als guter Rezitator; es war bekannt, daß er einst Schauspielstunde gehabt hatte und daß sein Lehrer ihm beim Abschied sagte: Wenn Sie nicht zur Bühne gehen, mach ich meine Unterrichtsbude zu! — Na, zur Bühne war er nicht gegangen, und im Vortrag der Gedichte vermied er streng alles was an die Bühne erinnerte. Nicht scharf genug konnte er die Unsitte der meisten Schauspieler verurteilen, die die Gedichtform mit der dramatischen verwechseln, beim Vortrag mit den Händen agieren und wie auf der Bühne Mimik treiben: Wie unendlich fein hatte schon Goethe diesen Unterschied präzisiert! Auf den Bahnen galt es fortzuschreiten, da galt es wieder anzuknüpfen. Unwillkürlich geriet Fox, wenn er so redete, in die Spuren seines Bruders, dessen Gedanken er, getaucht in die Farbe seiner eigenen Sprache, wiederholte. Er konnte dies ohne jede Gefahr, von Pitt hatte hier niemand eine Ahnung, niemand war dabei gewesen, wenn er ihm seine Gedichte vortrug. Fox übte sich auch im Aufstellen barocker Behauptungen, wie sie zuweilen von den Lippen seines Bruders kamen. Bei Pitt waren sie ein künstlerisches Spiel, er glaubte selbst nicht an sie, hielt sie aber, wenn man dann opponierte, mit allen Mitteln der Dialektik aufrecht; diese fehlten Fox nun gänzlich. Die Einwände, die man ihm entgegenwarf, nahm er nicht wie Bälle, denen man geschickt ausweichen, denen man durch ein einziges Wort eine neue Richtung geben, die man parieren und auf den Angreifer zurückschlagen kann, sondern sie lagen da wie dicke Holzklötze, über die seine Füße stolperten. Aber das schadete nichts: Mit einer Handbewegung, wie Pitt sie liebte, wenn er seine Worte an mindere Leute verschwendete, bis er selber ungeduldig wurde, schnitt er die Gegenrede ab und verschanzte sich hinter eine vielsagende Miene, die bei ihm ganz von selber dazu kam. Wie er noch mit Pitt zusammen war, ging sein ganzes Bestreben dahin, selbständig neben seinem Bruder zu erscheinen, seinen Einfluß zu verleugnen. Nun zehrte er sehr von der Vergangenheit, suchte er seinen Bruder auch in seinen Äußerlichkeiten zu kopieren, verband er dessen Sonderlichkeiten mit dem Pompe seiner eigenen Persönlichkeit, und niemand sah das unscheinbare kleine Schiff, das diesen stolzen Dreimaster in seinem Fahrwasser hinterherzog. Zuweilen war es, als wenn die Maske plötzlich rutschte: So sagte er, ehe er seine Militärzeit antrat, einmal mit kapriziös leidender Stimme: Dienen ist doch schlimmer als tot sein! — Nanu, Sintrup, rief einer, ich denke du willst es mindestens bis zum Hauptmann bringen? — Da sah ihn Fox erst unsicher an, dann sammelte er sich und antwortete im schneidigst zurechtweisenden, kurzen Tone: Na ja?!

Fox war gern gesehen in seinen Kreisen. Er zählte nun schon zu den alten Semestern, zu den sehr alten sogar, denn sein Examen hätte er eigentlich seit langem machen müssen, und Herr Sintrup wies in seinen Briefen darauf hin, Pitt säße doch nun längst in „Amt und Würden“. Fox tröstete dann immer mit dem Hinweis auf seine glänzende Karriere und auf die wahnsinnig vorzüglichen Anlagen seines Kopfes. Und zunächst ließ sich auch Herr Sintrup noch trösten, da er alles glaubte und ja auch gedruckte und ungedruckte Bestätigungen dieser Talente erhielt. — Aber Fox brauchte enorm viel Geld, so daß Herr Sintrup sich oft fragte, wo das noch hinauswolle. In den vornehmen Wirtshäusern war er ein gern gesehener und bestbedienter Gast, dem es nicht darauf ankam eine ganze große Gesellschaft freigiebig zu bewirten, wenn er in Laune war. Mit Stolz sah er die Spitze seiner Nase sich braun färben und erklärte denen, die den Grund nicht wußten, mit bedauernder Stimme, das käme vom vielen Burgundertrinken, was auch der Fall war. Manchmal machte er sich selber Sorgen um seine vielen großen Geldausgaben, und in der Erwägung, daß man stückweise teurer einkauft als wenn man en gros bestellt, ließ er sich zuweilen ganze Lieferungen kommen und legte sich auch aus demselben Grunde einen Weinkeller an. Bezahlt wurde wenig oder nichts von diesen Dingen, denn man kannte ihn als einen guten, sichern Kunden. Überall erweckte er den Anschein größter Vertrauenswürdigkeit, und er selber hielt sich für eine Art Ehrenmitglied der menschlichen Gesellschaft. —

An festgesetzten Tagen der Woche besuchte ihn jetzt regelmäßig ein Fräulein, welches in seiner übrigen Zeit einem durchaus einwandfreien, anständigen Gewerbe nachging. Sie war jung und ziemlich hübsch, und bezog ein monatliches Gehalt von ihm für ihre Toiletten, die stets niedlich und sauber waren. Sie liebte Fox nicht gerade, aber sie hatte ihn doch recht gern. Er fragte sie nie nach ihrer Vergangenheit, hatte ihr aber angedroht, wenn er den Schein eines Verdachtes merke, so werde Entsetzliches geschehen. Er habe von seiten seiner mütterlichen Familie korsisches Blut in den Adern, sie solle es nicht in Wallung bringen! —

Sie verehrte ihn sehr, und da sie nicht viel Temperament besaß, ward es ihr nicht schwer sein Gebot zu halten. — Mädchen mit Temperament, pflegte Fox zu sagen, sind nicht mein Fall; viel besser so eine, die abwartet, wie man selbst gestimmt ist! Die haben keine Launen und man kann immer auf sie rechnen; wenn man sich mal trennt, geschieht es ohne Aufregung und Geschrei. — Fox war dieser Dame zwar nicht absolut treu, aber sie bestand auch nicht darauf, nachdem sie ihn erst darum gebeten hatte und mit den kurzen Worten abgefertigt wurde: Männer sind einmal polygam! was sie nicht verstand und sich erklären ließ.

Es gehörte zu Fox’ Ehrgeiz, die Mädchen, die er liebte, zu sich heraufzuziehen, ja er sah es sogar als seine soziale Pflicht an. — Jede Woche bekam das Fräulein ein neues Buch von seinem Regal, bis zum nächstenmal mußte sie es durchgelesen haben und angeben können was darin stand. Auch führte er sie in die Musikliteratur ein, indem er ihr Lieder vorsang und wohl auch dieses oder jenes Musikstück vorspielte, das er noch von seiner Gymnasiastenzeit her auswendig konnte. — Er hatte jetzt Singstunden genommen, seinem Programm der allseitigen Ausbildung folgend. Er sang mit vielem Gefühl, und war es ein Volkslied, so wollte das Fräulein unbefangen einstimmen, was er ihr aber, sich langsam auf dem Klavierstuhl drehend, mit einem ausdrucksvollen Blick verbot. Dann setzte er ihr den Unterschied auseinander zwischen Kunstgesang und Naturgesang: Jedes für sich allein sei schön, aber beide zusammen bildeten eine unerträgliche Einheit. Und sie nickte mit dem Kopf und sagte, sie begreife alles. Wenn Fox sich dann auf seinem Stuhle zurückdrehte und den Erlkönig von Schubert sang, so stand das Fräulein leise auf, ging zu dem kleinen Schränkchen im andern Winkel des Zimmers und entzündete eine Kerze, die sie dort brennen ließ. War Fox mit seinem Liede fertig, drehte er sich wieder langsam mit seinem Stuhle, diesmal nach der andern Seite, starrte das Licht, noch halb im Reiche der Musik, aber doch wie etwas Bekanntes, Selbstverständliches an, erhob sich, nahm es und verschwand, und kam nach einigen Minuten wieder, während deren das Fräulein still seine Rückkehr erwartete und solange einfach die Augen schloß. —

Selbst diesem Fräulein gegenüber war ihm sein eigentlicher und eigener Wert nicht genügend, doch wandte er ihr gegenüber niemals komplizierte Mittel an, um sich zu heben, sondern arbeitete nur mit groben, die ihren Zweck vollständig erfüllten, denn sie glaubte alles, ohne sich jedoch wesentlich dafür zu interessieren. Wenn sie so am Tisch saßen, und er ihr von seinen grundlegenden Arbeiten auf diesem und jenem Gebiete erzählte, nickte sie eifrig und dann immer unmerklicher mit dem Kopfe, und erst wenn die Worte kamen: Ich kann dir sagen, mein neues Werk wird wie eine Bombe einschlagen! wurde sie für einen Augenblick lebendiger, da er bei dem Worte „Bombe“ auf den Tisch schlug, was sie jedesmal etwas zusammenfahren ließ, obgleich sie es ja eigentlich schon wußte.

Ist sie wohl etwas indolent? dachte er manchmal. Er gab sich dies im Grunde zu, auch sah er, daß es ihm wohl nie gelingen würde sie zu sich heraufzuziehen, aber das schadete auch nichts: Goethes Frau hatte auch weit unter dem Olympier gestanden, mit dem er sich übrigens in keiner Weise vergleichen wollte — und dieses Fräulein würde er ja überdies niemals heiraten, was sie auch ganz genau wußte und nicht erstaunlich fand.

So hatte er Monate und Jahre ein breites und durch nichts verbittertes Dasein geführt, als ihm sein Vater eines Tages mitteilte, er habe starke geschäftliche Einbuße erlitten, es sei die höchste Zeit, daß Fox an sein Examen denke. Er habe ihn nun lange genug erhalten und sei mit seiner Geduld zu Ende. — So sah er sich denn genötigt, sich von einem jener eigens für diesen Zweck vorhandenen Individuen für das Examen einpauken zu lassen. Ihm brummte der Kopf bei diesem Pauken, das Fräulein mußte ihn überhören, und wenn etwas nicht stimmte, so hatte sie die Schuld. Nach solchen Lernereien fühlte er dann das Bedürfnis sich auszuspannen. Diese Ausspannungen wurden sehr häufig. Die leichteren Weine wirkten nicht mehr, er trank ganz schwere; und auch die spülte er fast wie Wasser hinunter; am nächsten Morgen war er dann untauglich zu jeder Arbeit, und doch mußte er immer wieder trinken; der Wein war das einzige was einigermaßen half gegen die Last der Arbeit und die düsteren Ideen, die allmählich in ihm aufzusteigen begannen. Er fühlte, daß das gute Leben ein für allemal ein Ende haben werde, zumal auch seine Gläubiger in immer größerer Zahl anfingen sich zu regen und schließlich dreist und dreister wurden. — Fast ununterbrochen rauchte er die schwersten Zigarren; seine Hände begannen zu zittern, sein Blick bekam etwas Glasiges. Der Geist des Weines, eine schwirrende Fülle von Paragraphen, der blaue Rauch des Tabaks, das alles wirbelte in ihm durcheinander. Das Examen kam heran, ging über ihn, ließ ihn zurück, und Fox war durchgefallen!

Andern Tags saß Herr Sintrup im Sofa und studierte die Kursberichte. Da wurde ihm ein sonderbarer Brief überbracht; das Kuvert war unfrankiert, zerrissen, und mit dem Bemerk versehen: Von der Post verschlossen. Die Buchstaben der mangelhaften Adresse waren verklext und tanzten auf und nieder, und ebenso sah es auf dem Briefbogen aus, auf dem irgendeine Flüssigkeit halb klebrig eingetrocknet schien. — Aus einem Entrüstungsruf fiel Herr Sintrup in den andern: Diese Schande, diese Gemeinheit, diese Schamlosigkeit! Frau Sintrup trat verschlafen ein, und nun hörte sie es: Fox war durchgefallen, und damit nicht genug: In der Betrunkenheit hatte er diesen Brief geschrieben, in vollkommenster Betrunkenheit! Als einen Witz teilte er seine Schande mit! Seine Schande und seine Schulden!

Am selben Morgen starrte Fox mit ausdruckslosen Augen vom Bette aus gegen die Decke und dachte immer: was habe ich gestern nur an den Alten geschrieben, was war es nur — irgend etwas Fürchterliches.

Am folgenden Tage läutete es, und dann stand Herr Sintrup vor ihm. Er war zunächst so erregt, daß er kaum sprechen konnte; dann ging das Donnerwetter los, Fox ließ es über sich ergehen, kleinlaut, wortlos, ganz ohne sich zu verteidigen. Dann forderte Herr Sintrup Aufschluß über seine Schulden; er verlangte die Rechnungen zu sehen. Mit unsicheren Händen kramte Fox in seinen Laden und holte Papier auf Papier hervor, drehte seine Gestalt zur Seite und hörte nur ab und zu Töne, die sein Vater durch die Nase stieß, kurz und wütend, so wie ein Hund, der niest. — Dann stand Herr Sintrup auf, trat zu ihm hin und durchbohrte ihn mit seinem Blick: Kannst du mir in die Augen sehen? Hat dir dein Vater ein solches Lebensbeispiel gegeben? Wie ich so alt war wie du, habe ich schon lange selbst verdient, und vorher, als ich noch Geld von zu Haus bekam — überlegt habe ich mir jeden Pfennig, den ich ausgab, dreimal umgedreht habe ich ihn, kaum eine Flasche Bier habe ich mir geleistet, und wenn ich mir einen Hering spendierte, verteilte ich ihn auf zwei Abende! Und du, und du? Sieh deinen Bruder Pitt an! Er ist kein leuchtendes Vorbild, er hat auch ziemlich lange Zeit bis zum Examen gebraucht, aber in punkto Geld ist er ein Vorbild! Nie hat er auch nur einen Pfennig mehr gebraucht als er hatte! — Das weißt du ja gar nicht, sagte Fox etwas bissig, denn er ärgerte sich, seinen Bruder als Beispiel vorgehalten zu bekommen, vielleicht hat er viel mehr Schulden als ich! Im selben Augenblick aber erinnerte er sich daran, daß er ihn kürzlich schriftlich um eine größere Summe angegangen habe, und daß dies Geld sogleich auch eintraf; seine Worte erschienen ihm schlecht gegen Pitt. Und deshalb fügte er hinzu: Ich glaube ja gar nicht, daß es so ist, absolut nicht, aber wenn es nun so wäre, wenn er nun zehnmal soviel Schulden hätte als ich? Was wolltest du denn dann erst sagen?! — Die Logik ist ja reizend! spottete Herr Sintrup. — Ja, bitte, antworte mir doch erst mal, ich setze also voraus, Pitt hätte soviel Schulden, daß meine ganz klein dagegen erscheinen! — Diese Worte kamen langsam, pointiert heraus, in abstrahierend objektivem Tone, und doch mit einer innerlichen stotternden Zerfahrenheit, während er seinen Vater mit festem Blicke anzusehen strebte und sein Kopf ganz leise, unsicher hin und her ging. — Blödsinn! rief Herr Sintrup, zeig mir diese zehnfachen Rechnungen und dann laß uns weiter darüber reden! Bis jetzt halte ich mich an deine eigenen. Er schlug wütend mit der Hand auf all die Papiere. Da waren Zigarrenkistchen für fünfzig Mark, für siebzig Mark, das flog nur so! Und die Summe für Delikatessen, die Fox im Laufe der Zeit — meist ohne das Fräulein — vertilgt hatte, war so hoch, daß Herr Sintrup entrüstet rief, soviel brauche er für seinen Haushalt das ganze Jahr nicht, und seine Frau aß doch auch gern Delikatessen! — Was denkst du nun, daß wird?? Glaubst du, ich zahle dir das alles? — Nee — sagte Fox, so in die Enge getrieben, obgleich er eigentlich gar keinen Zweifel daran erhoben hatte. Herr Sintrup wurde durch dies halb trocken herausgesprochene Wort einen Moment aus dem pathetischen Dunst, in dem er sich befand, herausgerissen, dann gab er seiner Stimme wieder Nachdruck und fuhr fort: Das fällt mir auch gar nicht ein, und übel wärest du dran, du Patron, wenn du nicht eine so schwache Mutter hättest. Für diesmal bist du gerettet: Sie zahlt dir deine Schulden und zieht das Geld von deinem Erbteil ab! Fox sah überrascht auf, denn dies hatte er nicht erwartet. Im selben Augenblick aber fühlte er sich wieder auf seiner alten Höhe und kam sich nun seinem Vater gegenüber gleichsam wie ein Geschäftsmann vor, denn das Geld wurde ja von seinem eigenen genommen, von dem, das ihm rechtlich später sowieso zugekommen wäre. Beide standen sich nun wieder gleichwertig gegenüber. Na — sagte er, zog die Augenbrauen in die Höhe und ließ seinen Blick, ohne den Kopf zu wenden, nachdrücklich zu seinem Vater hingehen: damit wäre die Angelegenheit ja dann für alle Teile befriedigend geregelt; nun rede aber auch bitte nichts mehr davon. Und er hoffte, dieser Blick würde genügen, seinem Vater Eindruck zu machen. Überhaupt — setzte er aber noch hinzu, brächtest du mir gar nicht ein so großes Opfer, wenn du mir die Schulden gezahlt hättest: In ein paar Jahren hätte ich dir alles zurückgezahlt! — Das ist ja reizend! höhnte Herr Sintrup, wohl dann, wenn die Riesengehälter eintreffen? Vorläufig bist und bleibst du nichts weiter als ein dummer Junge, der vom Gelde seiner Eltern lebt! Fox wurde rot und sagte: Ich verbitte mir das, ich bin nachgerade alt genug mich nicht mehr als Kind behandeln zu lassen, ich könnte selbst schon Kinder haben! Graf Zitzewitz zum Beispiel — — Komm du mir nicht mehr mit dem alten albernen Gewäsch! rief Herr Sintrup in so befehlendem Ton, daß Fox unwillkürlich wieder sich ganz klein fühlte. Herr Sintrup ging aufgeregt im Zimmer auf und ab, es folgte ein langes Schweigen, dann stellte er sich vor Fox auf und durchbohrte ihn, den Mund zu einer Schlußrede öffnend, mit den Augen. Fox wollte diesen Blick aushalten und versuchte ebenfalls durchbohrend auszusehen, beider Augenpaare begegneten sich, es war wie eine stumme Kraftprobe, wer von beiden es länger aushielt, dann siegte Herr Sintrup.

Mein Entschluß steht fest! sagte er: Du bist durchs Examen gefallen, nachdem du jahrelang gebummelt hast; ich gebe dir ein neues, letztes Jahr zur Vorbereitung, und fällst du ein zweites Mal durch, dann ist es aus zwischen dir und mir, dann erhältst du keinen Pfennig Geld mehr von meiner Seite und magst meinetwegen Kellner werden, das ist mir dann egal. Nun weißt du’s. Deine Gläubiger werden jetzt befriedigt, sie schicken ihre Rechnungen an mich, und ich warne sie dir ferner etwas zu borgen, da ich für nichts in Zukunft aufkomme. Und somit adieu!

Fox begleitete ihn wortlos zum Vorplatz hinaus, und wie sich Herr Sintrup draußen vor der Tür noch einmal umdrehte, da es seinem im Grunde weichen Vaterherzen widerstrebte, seinen Sohn so ohne jedes wärmere Wort zu verlassen, und er ihn halb strafend noch, halb ermuntern wollend ansah, kam das Fräulein gerade die Treppe herauf. Herr Sintrup sah sie nicht, sie aber ahnte sogleich, daß dies Fox’ Vater sei, und ohne eine Stufe weiter emporzusteigen drehte sie sofort wieder um und nahm sich vor, zu gelegenerer Zeit wiederzukommen. —

Fox blieb in dumpfem Brüten zurück. Wieder kam er sich schlecht behandelt vom Schicksal vor. Daß seine Schulden bezahlt wurden, war selbstverständlich; daß sein Vater ganz brutal gesagt hatte, nun würde nichts wieder bezahlt, das war herzlos, niederträchtig. Daß er jetzt aber seine Lieferanten vor ihm geradezu warnen wollte, — dafür fand er überhaupt gar keine Bezeichnung, das war unqualifizierbar! Wenn sie auch Vater und Sohn waren, so standen sie sich doch auch gesellschaftlich gegenüber; Herr Sintrup konnte Gott danken, daß er Fox’ Vater war! Unter andern Umständen hätte er ihn gefordert, — einfach gefordert!! —

Also nun hieß es arbeiten und sparen!

Vor allem kaufte er sich noch einmal die herrlichsten Dinge zusammen, zu einer Art von Henkersmahlzeit; die vertilgte er, und wie er satt war, glaubte er, es werde ihm nun leicht werden, in Zukunft auf all das Schöne zu verzichten. Bei einer ausgezeichneten Zigarre schien es ihm leicht, sich die ausgezeichneten Zigarren abzugewöhnen. Auch den teuren Wein mußte er in Zukunft entbehren. Das schien noch leichter, denn es befand sich noch ein kleiner Vorrat in dem Keller. Den trank er nun in kurzer Zeit aus, um mit ihm aufzuräumen, um reine Bahn zu machen für die Zukunft. Und dann war der Moment da, wo diese Zukunft wirklich beginnen sollte: Mit dem Gefühl des Märtyrers kaufte er sich eine ganze Kiste der billigsten Zigarren, entzündete sich eine und sah die glühende Spitze voll unverhohlener Bitterkeit an: Das schmeckt ja abscheulich, — einfach abscheulich! sagte er laut, mit kurzen, hochfliegenden Endsilben, wie wenn ihn gerade jemand beleidigt hätte. Er ließ die Kiste stehen. — Eine einzige, gute Zigarre, eine wirkliche Importe, wird mich auch nicht ärmer machen! Und diese Kiste hier bleibt auf dem Schreibtisch, für den Hausgebrauch. — Der ersten Importe folgte bald eine zweite, eine dritte, nur mit dem Unterschied gegen früher, daß er nicht mehr ganze Kisten kaufte, sondern Stück für Stück. Und wie der Wein zu Ende war, kaufte er ihn flaschenweise. Die einzige, die wirklich etwas von Ersparnissen empfand, war das Fräulein. Sie bekam keinen Wein mehr, sondern nur noch Tee; und die Zuschüsse für die Toiletten hörten gänzlich auf. Theaterbilletts sah sie auch nicht mehr. Fox setzte ihr auseinander, sein Vater habe geschäftliches Unglück gehabt; er hoffe aber, die Zeit der Einschränkung werde vorübergehend sein. Auf diese Wandlung war sie nicht vorbereitet. Fox hatte sie zwar gelegentlich um kleine Geldbeträge angegangen, die sie ihm auch bereitwillig gab, aber das war doch nur geschehen, wenn es sich um Kleinigkeiten handelte und er gerade nur lauter Hundertmarkscheine bei sich hatte. — Jetzt merkte sie nun, wie die Sache stand, und eines Abends sagte sie ihm in aller Ruhe, sie möchte nun nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er machte ihr Vorwürfe, sagte, die wahre Liebe überwände alles, aber sie sagte, nein, das könne sie nicht überwinden, und zeigte sich gegen seine Auseinandersetzungen sehr störrisch und verärgert. Und als er sagte: Na also, auf Wiedersehen, nächsten Freitag! schwieg sie brummig. — Am nächsten Freitag blieb sie auch aus. Bon! dachte Fox, wenn sie nicht mehr will, ist es ihre Sache. Die nächste wird von allem Anfang an etwas knapper gehalten. — Es kam nun ein anderes Fräulein, nicht ganz so hübsch wie das erste, aber viel lebendiger; ja eigentlich viel zu lebendig. Zu Anfang schwieg er und dachte: Es wird sich wohl legen; aber es legte sich nicht. Fox liebte die Lebendigkeit nicht sehr. Das erste Fräulein hatte doch auch viel mehr Gemüt gehabt! Er schrieb diesem ersten einen sentimentalen Brief, während er sich unter der Hand nach einem dritten Fräulein umsah und es dem Zufall überlassen wollte, welches von den dreien nun in Zukunft bei ihm fußen würde. In der nächsten Woche war die erste Freundin wirklich wieder da, und als sie ihr Geld erhielt für die „Toiletten“, sagte sie, das Vergangene sollte begraben und vergessen sein. Das andere Fräulein verließ den Schauplatz so plötzlich, wie es ihn betreten hatte, unter Mitnahme mehrerer wertvoller Gegenstände, aber ohne Zeichen einer Kränkung. Das erste, eigentliche Fräulein fand von ihrer Nebenbuhlerin noch ein paar Haarnadeln, sagte sich sofort, daß es natürlich sei, daß Fox inzwischen einen Ersatz gesucht habe, und steckte sie in ihr eigenes Haar. —

Fox lebte nun fast wieder wie zuvor. Er mied die früheren Gläubiger und fand neue, von Arbeit war nicht viel die Rede, beinah nur in Briefen, die er nach Hause schrieb. Wieder begann sich das Unwetter über seinem Kopfe zusammenzuziehen; aber auch diesmal wurde er gerettet; durch ein an sich trauriges Ereignis: Frau Sintrup starb plötzlich, und hinterließ die Verfügung, daß ihren Söhnen ein Teil des mütterlichen Vermögens, das sie einmal zu erwarten hatten, schon jetzt ausgezahlt würde. Herr Sintrup erzählte, seine Frau sei plötzlich am Schlaganfall gestorben. Die näheren Einzelheiten waren traurig: Eines Nachmittags, nach einem schweren Herrendiner, saß Frau Sintrup schlafend im Sofa. Nach kurzer Zeit erwachte sie, fühlte sich sehr flau und erinnerte sich, daß noch sehr viel Hummermayonnaise da sei. Die aß sie, ihr Appetit wurde angeregt, und sie erinnerte sich weiter, daß noch eine kleine halbe Marzipantorte da sei. Die aß sie auch, und jetzt wurde ihr fast nüchtern zumute. Es fiel ihr nun ein, daß heute gerade frisches Schwarzbrot gebacken wurde. Sie ließ sich einen kleinen Laib kommen, bestrich ihn dick mit Butter, und verzehrte ihn ebenfalls, obgleich sie eigentlich fühlte, daß sie nicht mehr konnte. Dann kam der erste Schlaganfall, dem sehr bald ein zweiter folgte. Sie ahnte, daß es mit ihr zu Ende ging, und traf jene letztwillige Verfügung, über die Herr Sintrup unglücklich war, denn er sah nur Unheil für seine Söhne vor Augen.

Fox war aufrichtig betrübt, und als er später jenes Testament erfuhr, erschüttert über soviel Güte. Große Tränen traten ihm ins Auge. Zwar fuhr es ihm für einen Moment durch den Kopf, daß vielleicht gar nicht soviel Güte dabei war — er hätte das Geld ja später sowieso geerbt — aber er verbannte diesen Gedanken sofort und dachte: Nein nein, dies ist wirklich groß! Es war ihre letzte große Handlung, mit der sie aus dem Leben schied! Und er feierte das Andenken seiner Mutter für sich allein, ganz allein, in einer Weinrestauration. Er ließ sich ein kleines Separatzimmer geben, bestellte eine Flasche Sekt und zwei Gläser, schloß dann die Tür ab, füllte beide Gläser, sah sie lange gedankenvoll an und sprach endlich: Auf dein Andenken, Mutter! Dann trank er sein Glas aus, wußte nicht, was nun mit dem anderen werden sollte, und trank es ebenfalls aus. Dann seufzte er tief und dachte: das ist nun alles, alles dahin! Welch eine Fülle von Liebe habe ich genossen! Wenn mich jetzt jemand hier sitzen sähe, ganz allein, den Sohn, der das Andenken seiner Mutter feiert, die ihn verlassen hat! Die Tränen traten ihm darüber in die Augen. —

Ernst, ohne nach rechts und links zu sehen, kam er endlich wieder aus seinem Separatzimmer heraus, dessen Schlüssel nachdrücklich und schwer sich im Schlosse gedreht hatte, und die Kellner, die nichts von allem begriffen, sahen ihm nach als wenn er verrückt geworden wäre.

An das Examen wurde nun überhaupt nicht mehr gedacht, Herr Sintrup war verzweifelt, aber Fox schrieb ihm ganz gelassen, es könne ihm doch ganz egal sein, was er tue, denn er lebe ja nun nicht mehr von seinem Gelde; er berief sich außerdem auf Pitt, der ja ebenfalls jetzt sein Leben genieße, seinen Referendar an den Nagel gehängt habe und auf Reisen gegangen sei.

Traurig und bekümmert war Herr Sintrup: was sollte nur aus seinen Söhnen werden! Und er selber arbeitete sich für diese Söhne ab, für nichts und wieder nichts! Er war doch auch noch nicht mit dem Leben fertig! Es regte sich in ihm eine Bitterkeit gegen das Schicksal. Seine Geschäftsreisen wurden häufiger und endeten immer häufiger mit ungeschäftlichen Abschlüssen. Sollte er am Ende noch einmal heiraten? Mausi hatte ihm selbst gesagt: Traure mir nur nicht nach, das hat gar keinen Zweck und ist kindisch. Der Mensch lebt und stirbt, und was liegt denn schließlich an einem Menschen? Ehe er da war, hat ja doch niemand an ihn gedacht, also was kann da so Besondres dran sein! — Ja, das hatte Mausi gesagt und ihn darauf hingewiesen, daß er ihr ja auch während ihres langen Zusammenlebens nicht immer treu war. Sollte er wieder heiraten? — Vorläufig nahm er eine Hausdame, und alsbald gingen die bedenklichsten Munkeleien über ihn und diese Dame um, die von auswärts kam, voll und beinah üppig, und deren musternde Augen mehr als Hausfrauentugenden spiegelten. Man begann sich leise von diesem Hause zurückzuziehen, und nur einige Junggesellenfreunde frequentierten es seither mehr, interessiert den neuen Zustand prüfend.

Fox erfuhr von diesen Dingen durch alte Schulfreunde, die es für ihre moralische Verpflichtung hielten ihm alles mitzuteilen. Aber er berührte diese Fragen niemals, schon deshalb nicht, weil er jetzt so gut wie ganz außer Korrespondenz mit seinem Vater war, und dann: Männer haben Männern in solchen Dingen nicht dreinzureden.

Pitt war auf Reisen, Fox fand, er müsse auch Reisen machen. Aber während Pitt vernünftig Geld ausgab, berechnend, wie lange er mit ihm reichen werde, gab Fox es in unsinniger Weise aus, zumal er nicht allein reiste. Das Fräulein hatte erst gedacht es käme mit, aber Fox setzte ihr auseinander, daß da noch andere warteten, und daß sie noch längst nicht an die Reihe käme. — Da sagte sie, sie könne sich nur dann dazu verstehen, die Beziehungen mit ihm weiterzuführen, wenn es in der Zwischenzeit genau so wäre, als wenn Fox am Orte bliebe, das heißt, wenn sie ihre Unterstützung weiter von ihm empfinge. Das fand er selbstverständlich, nachdem er im ersten Gefühle dagegen opponieren wollte. —

Nach ein paar Monaten war er schon wieder da: Die Menschen sind verschieden, sagte er zum Fräulein, mein Bruder gondelt weiter in der Welt herum; ich sage mir, zu Hause ist es doch am besten; man hat sein festes Heim und — also ich habe mich wirklich nach dir gesehnt — direkt nach dir gesehnt! So etwas im besten Sinne Anspruchloses wie dich gibt es doch nicht wieder! Ich bin dir immer treu geblieben, seelisch treu geblieben, von Anfang bis zu Ende, wahrhaftig’n Gott! Jetzt leben wir aber mal schön fidel zusammen, was? Er faßte das Fräulein um die Taille, und sie sagte: Drücke mich doch nicht so, Robert. — Von seinem Vornamen Fox wußte sie gar nichts. —

Es bildete sich jetzt ein Kreis von Existenzen um ihn, der ihm schmeichelte und von ihm profitierte. Fox hielt lange Reden über Studium und Bildung, und wenn er fragte: ist das nicht glänzend, was? nickten jene mit eifrigen Worten und sahen dabei zerstreut auf die Likörflasche, auf den Wein, auf die Zigarren, denn ihr Interesse war durch Entbehrung noch viel mehr auf diese Genüsse gerichtet als bei Fox, der alles aus dem vollen nahm. Sie getrauten sich anfangs nicht immer wieder selbst von neuem zuzugreifen, verloren aber im Laufe der Zeit alle Schüchternheit, und den Übergang zu rücksichtslosem Sichaneignen bildeten sie, indem sie irgend einen Satz mit augenscheinlicher Geisteskonzentration sagten und dabei wie in Zerstreutheit mit der Hand in die Luft langten, bis sie den ersehnten Gegenstand ergriffen fühlten. — Sie umgaben Fox wie ein Stab, und er sagte manchmal zu dem Fräulein: Wirklich, es kommt nicht darauf an, daß der Mensch bei Ministern verkehrt, den eigentlichen Adel, den Geistesadel, findet man auch anderwärts! Ich wundere mich, wo auf einmal so viele echte einfache Bescheidenheit herkommt in meinem Bekanntenkreise, so viel neidloses Anerkennen eines andern, der mehr bedeutet als sie selbst — ich meine mich damit.

Fox wurde allmählich ausgesogen. Man zehrte von seiner Freigebigkeit, ließ es nicht genug sein von den Wirkungen seines Geldes zu leben, sondern bat ihn um direktes Geld. Er gab immer und bekam nie etwas zurück. Oft nahm er sich vor nein zu sagen, aber er vermochte es nicht. Dies Gefühl, in die Westentasche zu greifen und dort vornehm mit dem losen Gold zu klimpern, es hervorzuholen wie wenn es Pfennige wären und es von oben in eine ausgestreckte leere Hand zu legen, war zu angenehm, es war zu schön, zu denken, daß der andere dächte: Ja, der hat’s gut, dem macht es nichts ein paar Goldstücke weniger zu haben. — Immerhin konnte Fox sein gutes Leben mit diesem Gelde eine gute Weile weiter fristen, obgleich er sehr viel ausgab, aber dann begann die Zeit der Sorgen wieder. Er berechnete, wie lange er sich noch halten könne; dann erhielt Pitt einen Brief: Er habe gewiß etwas Geld für seinen Bruder übrig, und wirklich schickte ihm Pitt eine größere Summe, obgleich er sich sagte, daß es dann mit seinem eigenen Wohlleben schneller zu Ende gehen werde. Aber er dachte: dies Geld würde vielleicht für ein halbes Jahr länger reichen, nehmen wir an, es läge schon in der Vergangenheit. — Fox hielt sich noch ein paar Monate und dann begannen die früheren Jämmerlichkeiten wieder. Schulden hatte er schon längst wieder gemacht, zu einer Zeit noch, wo er alles hätte bar bezahlen können, und, so wie damals, begannen die Gläubiger jetzt sich zu regen, erst einzeln, dann immer mehr. Es gelang ihm neue Anleihen zu machen, die er zum Teil dazu verwendete, alte zu begleichen. Schließlich brachte er in diese ganze Tätigkeit ein wohlüberlegtes System: Einer mußte immer den andern substituieren. Alle bildeten ein in sich geschlossenes Ganzes, das sich in sich selbst verschob, das leise hin und her schwankte, da Fox den Schwerpunkt bald hier-, bald dorthin verlegte. Aber allmählich brachen von dieser Scholle, auf der er selber trieb, einzelne Stücke ab, sie wurde kleiner und kleiner, man weigerte sich, ihm weiter zu borgen.

Was soll nur werden! dachte er nun öfter und öfter. Seinen Vater nochmals um Unterstützung anzugehen erschien ihm zwecklos, zumal er nicht recht wußte, ob er mit ihm eigentlich gebrochen habe oder nicht. Waren die Gläubiger das erstemal schon zudringlich und dreist, so stürzten sie sich nun auf ihn wie losgelassene Hunde. Jeder wollte derjenige sein, der aus dem allgemeinen Ruin noch sein Teilchen Habe herausriß. Fox’ Manipulationen wurden fieberhaft und sinnlos. Er schickte Blumensträuße, wie wenn seine Lieferanten Primadonnen wären. Stück für Stück verkaufte er von seinen Sachen, was nur irgend zu verkaufen war. Zuletzt wanderte seine goldene Uhr und sein Brillantring, das alte Familienerbstück, ins Versatzamt. Endlich entschloß er sich doch an seinen Vater zu schreiben; das schlimmste was die Folge sein konnte, war eine Weigerung. Er bat um weitere Unterstützung für ein Jahr und um Begleichung seiner Schulden; dafür wollte er dann auch sicher das Examen machen und das Geld nur als geliehen betrachten. Herrn Sintrups Antwort war ein Wutschrei. Kaum kannte Fox diese wilde Handschrift wieder, die sonst stets denselben kaufmännischen, kulanten Duktus führte. Wie Ohrfeigen klatschten ihm die Worte um den Kopf. Am Schluß des Briefes stand: Entweder ich stecke dich als Lehrling in ein Geschäft in irgend einem Orte, wo dich und mich niemand kennt, und dann zahle ich deine Schulden, oder du bleibst wo du bist, gehst hin wo du magst, und dann will ich nie wieder das geringste von dir hören.

Aus dem Gefühl der Zerschmetterung, das Fox zu Anfang ausschließlich beherrschte, löste sich allmählich eine tiefe Entrüstung heraus, die sich in seiner Antwort in eine kalte, höfliche Reserve umwechselte: Auf den Lehrjungenstand verzichte er, im übrigen erlaube er sich, über seine Pläne Stillschweigen zu bewahren, da er bei seinem Vater kein Interesse voraussetze und, selbst wenn solches bestände, sich nicht in der Lage sähe es zu befriedigen. Diesen Brief schickte er eingeschrieben und nahm sich vor, eine etwa eintreffende Antwort uneröffnet zurückzuschicken. Er wollte seinem Vater schon zeigen was ein stilvolles Benehmen ist! Aber es kam keine Antwort, und nun dachte er: Da steckt nur die Person dahinter, die jetzt im Hause ist! Ohne sie wäre der Alte ganz anders! —

Was blieb nun übrig? Fliehen? Wohin? Wahnsinnig erschien ihm dieser Ausweg. — Aber — rief er plötzlich, liegt nicht auch im Wahnwitz oft ein Sinn, ein tiefer Sinn sogar, der sich nur nicht leicht enthüllt? Wenn ich jetzt fortgehe von hier, ist das wahnsinnig? Muß nicht irgend etwas erfolgen, wo ich auch bin? Und besser anderswo, wo man mich nicht kennt, als hier, in dem verfluchten Neste! Es fiel ihm auch ein, daß in Romanen oft Wendepunkte eintreten, wo niemand weiß wie es nun weiter geht, und wo dann doch etwas passiert. War das nicht im grünen Heinrich so? Und er selbst war gar nicht einmal mehr grün! Aber er fühlte: Er stand an einem Wendepunkte seines Lebens, im Brennpunkte seiner Entwicklung, das Leben selbst packte ihn nun mit seinen Klauen. Seine „Bekenntnisse“ wollte er später schreiben; war Rousseau nicht auch einmal Kellner gewesen oder so was? — Er wollte sich jedem Dienste unterwerfen, die härteste Arbeit übernehmen, — immer schon mit der Gewißheit, daß ihn dann später das Leben um so glänzender entschädigen müsse.

Als das Fräulein ihn am Freitag besuchen wollte, war er nicht mehr da; seine Hauswirtin erzählte unter Tränen, wie sie am letzten Feiertag über Land gegangen sei, und als sie heimkam, war der saubere Herr mit Koffern und Habseligkeiten verschwunden. Sie habe sofort an seinen Vater einen Eilbrief geschrieben, aber Herr Sintrup habe geantwortet, sein Sohn sei mündig und er selbst hafte für nichts mehr was ihn beträfe. — Das Fräulein antwortete nicht viel und ging noch einmal in sein Wohnzimmer, um nachzusehen, ob er nichts zurückgelassen habe was sie noch irgendwie gebrauchen könne, aber selbst die Likörflasche, die immer im Winkel neben dem Klaviere stand, selbst die hatte Fox nicht vergessen: Dick, leergetrunken stand sie da, und wie sie die Nase daran hielt, duftete ihr ein recht trauriger, abgestandener Geruch entgegen.

Intermezzo.

Fräulein Nippe saß im Stadtgarten, auf der kleinen Bank neben der Marmorgruppe: „Venus, Amor die Flügel beschneidend.“ Auf ihrem Schoß lag „Waldmeisters Brautfahrt“ aufgeschlagen, aber sie las wenig darin, bei jedem fernen Schritte durchzuckte es sie unruhig, — bald mußte er kommen! —

Wie heilig hatte sie ihre Rolle gespielt, im Schicksal Lottes und Herrn Könneckes! Und was war nun der Dank dafür? Sie fühlte sich abgesetzt, ihre Rolle war ausgespielt, man brauchte sie nicht mehr. Und sie war doch innerlich noch so jung, ihr Herz verlangte noch nach Liebe. —

Es nahten Schritte. Sie besah schnell noch einmal ihre Fingernägel und nahm dann „Waldmeisters Brautfahrt“ mit nachlässiger Eleganz zwischen die Finger. Ein junger Mann; sie umfaßte schnell die Erscheinung: Soigniert, proper, adrett. — O Gott, wenn er das doch wäre! Ob er das wohl war? Er kam näher, er schien nicht überrascht als er sie sah, und erst, als in ihren unverwandten Blick etwas wie eine leise Beschwörung trat, schien er zu stutzen, doch er ging vorbei und warf nur einen flüchtigen, etwas verwunderten Blick auf sie zurück. — Ob er es dennoch war? Hatte er vielleicht nur den Mut nicht, sie anzureden? War er zu schüchtern? — Sie zog eine Offerte aus der Tasche und räusperte sich laut. Aber die Gestalt verschwand langsam in dem Grün. „Herr von mittleren Jahren“ hieß es auf dem Papier. — Nein, ihr schnelles, impulsives Herz hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt, dies war kein Herr von mittleren Jahren, oder vielmehr: Leider war der Herr von mittleren Jahren nicht dieser junge Mann. Und sie hatte sich in den wenigen Augenblicken schon in diese Gestalt eingelebt, sie sah ihn schon in Gedanken auf irgendeiner Hotelterrasse Kaffee trinkend, sich gegenübersitzen, und hinter ihnen erhoben sich blaue Berge. —

Sie wartete.

Da kam des Wegs daher, langsam, und ein wenig behindert, wie es schien, ein ziemlich alter Mann. Er ging nicht gerade an einem Krückstock, aber sie mußte doch an einen Krückstock denken. Der Herr blieb stehen, stemmte, leicht vorgebeugt, den Stock mit ausgestrecktem Arm zu Boden, und sah sie an, mit blauen, etwas trüben Augen, und, wie es schien, gedrückt von jahrelangem Kummer. —

Du großer Gott! dachte Fräulein Nippe, sollte er das etwa sein? — Sie nahm sich vor zu tun, als sitze sie hier nur ganz zufällig, falls er sich etwa näherte. Aber mitten in ihrem Gefühl der Enttäuschung war ihr so, als könne noch ein dritter kommen, der noch viel schrecklicher wäre, und als müsse sie sich vorerst an diesen zweiten halten, der vielleicht überhaupt gar nicht der richtige war; dann konnte es ja garnichts schaden! — Sie lächelte schwach und sah zu Boden. —

Hm! sagte der alte Mann langgedehnt und ziemlich laut, halb unschlüssig, halb nachdenklich. — Was sollte sie nur tun?! — Hm! antwortete sie endlich, ohne aufzusehen. Dann fühlte sie, wie der Herr sich auf das andere Ende der Bank setzte. — Sie rückte unwillkürlich, so weit es ging, bis zu ihrem eigenen Bankende und wagte nicht zur Seite zu blicken. Endlich tat sie es aber doch, da sie fühlte, daß sein Blick noch immer auf ihr ruhte.

Der Herr schien zu einem Entschluß zu kommen. Er trommelte nervös mit den Fingern leise auf der Bank, dann sagte er mit verhaltener Stimme: Gestatten Sie mir eine Frage: Sind Sie’s, oder sind Sie’s nicht? — Sie wollte erst antworten: Mein Herr, Ihre Frage ist mir unverständlich! aber sie brachte kein Wort über die Lippen. — Es ist dies ein eigentümliches Zusammentreffen! sagte sie endlich. — Der Herr seufzte tief, sah lange zu Boden, und öffnete schließlich den Mund wieder: Hat es einen Zweck, daß wir zusammen reden? — Sie suchte nach einer Antwort. Dasselbe könnte ich Sie ja auch fragen! sagte sie nach einer Weile.

Beide sahen sich unschlüssig an, und endlich begann er wieder: Na, dann will ich also den Anfang machen. Ich kann Ihnen kaum mehr sagen, als Sie in meiner Annonce schon gelesen haben. Meinen Namen und den Stand meines Vermögens wissen Sie; Sie wissen, daß ich Angestellter bei einer größeren Firma bin, daß mich das Leben nach allen Richtungen enttäuscht hat und daß ich mich nach einem ruhigen Heim und nach einer gleichgesinnten Seele sehne. Sollten Sie sich nun einen Scherz mit mir erlaubt haben, so kränkt mich das weiter nicht, ich habe das schon mehrere Male erfahren und bin die harten Püffe gewöhnt im Leben. Einer mehr oder weniger schadet nicht. Und Ihre Neugierde dürfte auch wohl nicht sehr befriedigt sein, denn ich bin ein schlichter, einfacher Mann! — Er blickte beim Sprechen durchdringend auf sie, indem er fortwährend an einem Mantelknopfe drehte. — Also bitte, sagte er nach einer Pause, nun ist es an Ihnen! Dann lehnte er sich zur Bank zurück, sah zu den Bäumen auf, und sie merkte, daß er schnell atmete. —

Ja ich weiß nicht — — begann sie zögernd. Der Herr wartete, aber es kam nichts weiter.

Ich will niemand zur Last fallen! sagte er mit resignierter Stimme und wollte sich erheben. — Nein, bleiben Sie! ich muß mir die Sache doch erst überlegen! — Er sank wieder zurück, und Fräulein Nippe fing nun an. Sie sagte, auch ihr habe das Leben schlimm mitgespielt, auch sie sehne sich nach einem stillen Hafen, auf dessen glatten Spiegel die Sonne scheine. Jeder Mensch trage sein Ideal von Glück in sich: Dem einen sei es Reichtum, Perlen und Brillanten, des andern Brust schwelle der Ehrgeiz und öffne ihm uferlose Bahnen, wieder ein anderer jage schillernden Hirngespinsten nach und gerate darüber nur allzuleicht in den Sumpf, während das Flämmchen kaltherzig, ohne lebendiges Feuer weiterhüpfe; noch ein anderer — aber da unterbrach sie der Herr und sagte: Das geht uns hier nichts an. Bitte, reden Sie von sich! Antworten Sie auf die Frage: Weisen Sie den Gedanken an eine Ehe mit mir ohne weiteres zurück? — O nein, sagte sie unschlüssig, durchaus nicht, — das heißt — — — — Was heißt?? fragte er gewichtig. Sie wußte selbst nicht, was sie eigentlich weiter sagen solle, aber nun vollendete sie: das heißt, ich kann mich doch nicht eins, zwei, drei entscheiden! — Aber habe ich denn das gesagt? Habe ich denn das verlangt?? Sind Sie auch eine von den Menschen, die immer etwas anders hören als man sagt??? Lassen Sie uns jetzt nüchtern, ich möchte sagen: geschäftlich reden. Das übrige kommt später. Also: Sie weisen den Gedanken nicht von vornherein zurück. Gut. Von mir wissen Sie so ungefähr, was für den Anfang nötig ist. Ich muß aber auch eine Art von Grundlage haben was Sie selbst betrifft. Ich muß Klarheit haben über Ihre Persönlichkeit. Womit haben Sie sich bis jetzt beschäftigt? — Fräulein Nippe erzählte dieses, er nickte mehrere Male aufmerksam vor sich hin; er schien sich alles im Geiste zu notieren und mit eigenen Dingen in Zusammenhang zu bringen. — Dann sah er sie wieder an, sein Blick bekam etwas Unsicheres, Verlegenes, er wollte gern eine neue Frage anbringen, und suchte nach der Form. — Sie bemerkte das und errötete, indem sie dachte, er wolle fragen, ob sie noch rein sei. — Jetzt seien Sie nicht böse! sagte er mit einem Anlauf: wie steht es denn — nun also — hier mit? Er schlug sich auf seine Brust. — Dort saß das Herz. — Ich habe noch nie wahrhaft geliebt! antwortete Fräulein Nippe. Es fiel ihr Herr Könnecke ein, aber sie dachte: dem geschieht’s ganz recht! — Er schien den Zusammenhang mit seiner Frage nicht gleich zu begreifen, dann sagte er: Ach so, ich verstehe jetzt; nein, sehen Sie, das meinte ich! und er ließ sein Portemonnaie ein wenig sehen. — Aber ich denke, rief Fräulein Nippe lebhaft, das Geld haben Sie? und sie wollte sogleich wieder ihren Zettelausschnitt aus der Tasche holen. Er verhinderte sie aber und versicherte, er wisse ganz genau, was er annonciert habe; er habe da seinen Vermögensstand genannt, aber hinzugesetzt, daß Vermögen auf der andern Seite zwar nicht unbedingt erforderlich, aber doch erwünscht sei. Und über diesen Punkt habe sie in ihrer Antwort Stillschweigen bewahrt. — Er redete in ruhigem, sachlichem Ton, und — als befinde er sich einem Geschäftsmann gegenüber, gegen den er die Interessen seiner Firma zu vertreten hätte, fragte er halb zutraulich überredend, halb so als wisse er schon alles: Viel scheint da bei Ihnen wohl nicht los zu sein? — Fräulein Nippe schwieg. — Nur Mut! Wenn gar nichts da ist, haben wir beide schlimmsten Falls einen unnötigen Spaziergang gemacht, denn ganz allein kann ich es nicht bestreiten, beim besten Willen nicht, auch für Sie nicht, so gern ich’s möchte. Also, wieviel sind’s denn? — Fräulein Nippe schwieg noch immer. Diese Art des Kennenlernens war so nüchtern, so poesielos! Und überhaupt: Was saß sie eigentlich hier?! Sie dachte ja gar nicht daran, diesen Mann zu heiraten, der nichts von alledem besaß, was ihr an Idealen vorschwebte. — Da trommelte er wieder mit seinen Fingern. — Das kann Ihnen doch ganz egal sein! sagte sie halb gereizt. — Wie? fragte er, hörte mit Trommeln auf und sah sie von der Seite mit halb offenem Munde an. Schwerhörig schien er auch noch zu sein. — Sie wollte ihre Worte wiederholen, aber da kam abermals jenes sonderbare, halb klare Gefühl wie in dem Moment, wo sie ihn kennen lernte, und sie sagte, halb ärgerlich: Ach Gott, das genügt Ihnen ja doch nicht, wenn Sie so fürchterliche hohe Ansprüche machen. — Bewegt sich die Summe in den Hunderten? — O nein, das nun doch nicht, antwortete sie rasch, und nannte eine Zahl, die nach all dem Vorausgeschickten in ganz ansehnlicher Bescheidenheit dastand. — Sichere Papiere? — Bombensicher! Erste Hypotheken und Staatspapiere! — Er schien zu rechnen, seine Lippen bewegten sich halblaut. — Immerhin, es geht, es wird gehen, murmelte er schließlich; ich bin kein Mann, der große Ansprüche macht. — Ich auch nicht, sagte Fräulein Nippe. — Nun also, — ich möchte Sie noch allerlei fragen, zum Beispiel nach Ihrem Seelenleben — aber das geht nicht alles auf einmal. Wir können uns die Sache ja erst einmal beiderseitig überlegen. Wenn es nichts ist — ist es nichts. Sind wir bis jetzt ohne einander ausgekommen, werden wir auch in Zukunft ohne einander auskommen können, — das heißt, wenn das Geschick es will! Denn ich glaube an ein Geschick! Ich glaube an das Wort: Ohne des Herrn Wille fällt kein Sperling vom Dach; und wie wir uns auch entschließen werden: das Geschick erfüllt sich auf jeden Fall! Er sah sie voll und überzeugt an, und fragte: Habe ich nicht recht? Was? Ist das nicht die wahre Philosophie? — Jawohl! antwortete sie, innerlich gereizt, aber mit großem, bedeutungsvollem Blick, als folge sie ihm verstehend in schwindelnde Geistestiefen. — Wenn Sie Lust haben, so besuchen Sie mich in diesen Tagen einmal zum Kaffee, dann sehen Sie mein Heim, — ich werde Ihnen später diesen Besuch erwidern, und wenn wir uns erst einmal näher — ich meine: seelisch — kennen gelernt haben, dann wollen wir wieder über die Sache reden! Denn so jugendlich feurig eine Ehe schließen, ohne Prüfung, ohne Überlegung, das tue ich nicht! Das sind Geckenstreiche! Und vor solchen Geckenstreichen bewahren mich meine grauen Haare! Dazu bin ich zu alt! — Allerdings!! rief da Fräulein Nippe, bei der plötzlich aller Groll gegen das Schicksal durchbrach, Sie haben recht, — da haben Sie — weiß Gott! — recht! Und aus ihrer Kehle flog ein so bitterer Lachton, daß er sie erstaunt ansah. Sein Gesicht rötete sich, empfindlich verletzt suchte er nach Worten: Wenigstens, so sagte er endlich, mache ich mich nicht jünger als ich bin! — Habe ich das getan? fragte sie scharf. — Statt einer Antwort deutete er erregt mit seinem Stock auf ihre Haare. Sie griff nach ihrer Frisur: Glauben Sie etwa, daß das nicht echt ist?! Bitte ziehen Sie, bitte zerren Sie so fest Sie wollen! Sie neigte die Stirn zu ihm. — Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie! stotterte er, aber ich konnte unmöglich denken — — Also da sind Sie geschlagen! Nun bitte, was wissen Sie noch? Fragen Sie, fragen Sie, ich stehe für alles meinen Mann! — Fräulein Nippe blickte ihn mit geschlossenem Munde an, denn sie hatte teils falsche Zähne. — Er aber war ganz eingeschüchtert durch ihre Heftigkeit. War nun alles aus zwischen ihnen? Immer und immer wieder ließ er sich hinreißen zu einer zu großen Offenherzigkeit, zu rücksichtslosem Bekennen des von ihm als wahr Erkannten. Das hatte ihm schon vielen Kummer, viele Enttäuschungen im Leben bereitet, und nun hatte er sich gar noch geirrt! — Er wollte ablenken, beschwichtigen, aber Fräulein Nippe lachte höhnisch und sagte: Alles echt, Sie finden an mir nichts auszusetzen! Aber Sie? Sehen Sie sich doch mal in den Spiegel! Sie schreiben da in Ihrer Annonce: Herr von mittleren Jahren! Ich dachte mir: Ein bißchen graumeliert, — Gott, schadet nichts, um so vertrauenswürdiger! Aber als Sie vorhin den Hut abnahmen, bemerkte ich, daß da von Farbe überhaupt wenig die Rede sein kann! — Sie war selbst ganz erstaunt über diese geistreiche Wendung, die sie auch ganz gewiß nirgendwo einmal gelesen hatte. — Er wiederholte ihre letzten Worte langsam und fragend, da er den Sinn nicht gleich begriff. Dann sagte er: Ich sehe, wir passen nicht zueinander. Eines muß ich Ihnen nun aber doch schlank heraussagen: Überaus jugendlich sehen Sie auch nicht gerade aus! — Ich habe mich aber doch nicht jünger gemacht als ich bin! rief sie gereizt. — Bitte! Bitte! Bitte! Sein Stock deutete wieder auf ihr Haupt. — Aber ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt — fuhr sie auf — Ta ta ta ta ta ta! rief er dazwischen, ich rede ja gar nicht von Ihrem Haar, ich rede ja von Ihrem Hut! So ’nen Hut setzt eine Prinzessin auf, aber keine Dame in Ihrem Alter! Und wenn Sie meine Frau würden: Das Dings da käme herunter, und ’ne Kapotte drauf, wie sich’s gehört! — Fräulein Nippe wollte emporschnellen, blieb aber sitzen. Beide redeten nichts, jeder starrte erregt ins Leere. — Es verfloß eine lange Pause. Dann regte sich in beiden der Wunsch, wieder einzulenken, einen neuen geistigen Gedankenaustausch einzuleiten. Jeder suchte nach Worten, aber was um Gottes willen sollten sie nur reden! — Ja, sagte er endlich, sich erhebend, ich möchte nicht, daß unser Zusammensein mit einem Mißklang abschließt! — Aber wir sehen uns doch wieder?! fragte sie schnell und unwillkürlich. — Das hängt nur von Ihnen ab! Meinen Namen und meine Adresse wissen Sie; falls Sie — ich sage das für alle Fälle — über meine Verhältnisse, meine Lebensführung etc. etc. noch eine besondere Garantie zu haben wünschen, verweise ich Sie direkt an meinen Chef — er nannte eine Firma, die Fräulein Nippe schon einmal gehört hatte — da werden Sie jederzeit prompteste Auskunft erhalten. — Sie machte eine diskrete Bewegung mit dem Kopfe. Dann entgegnete sie: Wie ich mich auch entschließen werde: Ich schreibe Ihnen auf alle Fälle eine Postkarte! Es fiel ihr noch ein, daß es wohl schicklich und angemessen sei, wenn sie dieser Unterredung ein Ende mache, sie streckte ihm deshalb die Hand entgegen und sagte: Also — vielleicht — auf baldiges Wiedersehen! Oder wie sagt Gretchen? — Hä?! fragte er. Dann antwortete er: Jawohl, vielleicht auf Wiedersehen, Fräulein Nippe. — Adieu, Herr Feihse! — Wieder lüftete er seinen Hut, und es wollte sie bedünken, als ob sie diesmal doch etwas mehr Haare sähe als das erstemal. Und wieder dachte sie, indem sie ihm nachsah: Es ist ja nur ein Stock, aber es sieht trotzdem aus wie ein Krückstock! Dann seufzte sie tief und hing ihren Gedanken nach. — Sie hatte auf jemand gewartet, dem ihr Herz entgegen fliegen sollte, und was war gekommen? Ein alter Kerl! — Sie lachte laut und höhnisch, sah sich aber im selben Augenblick erschrocken um, ob sie jemand gehört haben könne, dann lachte sie noch einmal, wieder höhnisch, aber etwas leiser. Dieser Schafskopf! Ob der sich wirklich einbildete, sie wolle ihn heiraten? Hatte er nicht bemerkt, daß sie nur zum Spaß auf alles einging? — Das habe ich doch alles nur aus Spaß gesagt! so redete sie laut zu sich selbst, und lauschte respektvoll und unsicher ihren eigenen Worten. Ob der wohl jetzt jeden Morgen zum Briefkasten ging, mit Herzklopfen und zitternden Händen? — Ich werde ihm schon schreiben! Ich werde ihn schon bestrafen, wegen der Haare und wegen meiner Zähne, — — oder vielmehr Hut. Ich werde ihn erst noch sicherer machen, und dann die Maske lüften! Jawohl: die Maske lüften! Erkundigen will ich mich auch nach ihm, und wenn er mich angeschwindelt hat — — — Fräulein Nippe baute in Gedanken einen Satz zusammen: Der Unwahrheit Ihrer Aussagen auf den Grund gekommen, werden Sie es begreiflich finden ...