Als sie sich auf den Rückweg machte, begegnete ihr wieder jener junge Mann, den sie zuerst gesehen, diesmal mit einem Mädchen am Arm. — Unsauberes Pack! dachte sie; die Unsittlichkeit macht sich am hellen Tage breit! In diesem Satze entdeckte sie einen Reim, und nun reimte sie bewußt weiter, und dachte: So entstehen Gelegenheitsgedichte! —
Sie erkundigte sich in den nächsten Tagen wirklich bei jenem Chef, der Bescheid lautete günstig, so günstig, daß sie sich beinah ärgerte. Hatte sie doch gehofft, ihn zu entlarven! Aber nein: Sie sah doch nun, es war ein guter Mann, und wenn sie ihn auch nicht heiraten wollte — zu kränken brauchte sie ihn auch nicht. Er hatte ihr Vertrauen gezeigt, er war vor ihr auf die Knie gesunken — oder war er nicht vor ihr auf die Knie gesunken? nun, jedenfalls hätte er es tun können — und wenn er sie später auch beleidigt hatte — umso größer würde sie dastehen, wenn sie sich einfach, vornehm benahm. Sie wollte hingehen zu ihm, sie wollte ihm sagen, daß sie nur Freundschaft für ihn empfände, sie würde ihm beide Hände reichen, er würde beide Hände küssen, und dann — dann ging sie wieder. — Sie schrieb ihre Postkarte und war am nächsten Tage in Herrn Feihses Wohnung, die mit allem „Kongfohr“ ausgestattet war, wie sie, sich umblickend, bemerkte. — Er rückte ihr sogleich den besten Sessel hin, mit zitternden Händen, ach Gott, wie war der Mann erregt! auch damals zitterten seine Hände! — und dann wollte er sich sogleich daran machen, Kaffee zu kochen. Sie nahm ihm aber das Geschäft ab. So blieb er in seinem Lehnstuhl sitzen und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Wie weltdamenmäßig sie den kleinen Finger hob, als sie jetzt die Tasse zum Munde führte! Kaffee, sagte sie, sei die einzige Freude, die ihr das Leben biete. Sie könne Kaffee trinken bis sie umfalle. Seine Augen ruhten stets mit einem stillen, fragenden Blick auf ihr. Sie sah ein wenig verlegen auf dies Gesicht, das da so unverwandt und gerade auf sie blickte, mit einem so sprechenden, stummen Ausdruck! Heute war er ganz anders als damals, wo er immer so geschäftsmäßig redete. Und nun erzählte er, wie er schon als Kind die Kümmernis des Lebens kennen lernte; aus ganz kleinen Verhältnissen stamme er, als Knabe habe er Streichhölzer verkauft an Straßenecken; er selber habe früh die Pflicht gehabt, für die jüngeren Geschwister zu sorgen, aus denen dann aber auch später lauter tüchtige Leute geworden wären. Sein höchster Wunsch, wie er klein war, sei gewesen, sich einmal photographieren zu lassen: Er habe sich das Essen am Munde abgespart, bis er den halben Silbergroschen zusammen hatte; das kleine Jahrmarktsbildchen besitze er heute noch. — Zeigen Sie es mir, sagte Fräulein Nippe weich, es interessiert einen doch, die Wurzeln von dem zu kennen, was wir jetzt als Baumkrone vor uns sehen! —
Halb in Dankbarkeit, halb noch in Nachsinnen verloren, begab er sich zu einem kleinen Eckschrank im äußersten Winkel des Zimmers, und zwar — hinkte Herr Feihse, so wie es ihm das Angemessene und Natürliche war. Fräulein Nippe sah erst voll Verwunderung seine Hüfte jenseits des großen Tisches, den er halb umkreiste, abwechselnd auftauchen und wieder verschwinden, dann machte sie ihrem Erstaunen in klaren Worten Luft. — Herr Feihse blieb im selben Augenblick stehen, errötete bis an die Haarwurzeln und sah aus wie ein ertappter ehrlicher Mensch, den der Hunger zwang, Brot zu stehlen. —
Denken Sie nicht schlecht von mir! sagte er endlich, indem er zurückkam, denken Sie nicht, ich hätte es immer vor Ihnen verheimlichen wollen! Es war nur für den Anfang! Ich weiß ja nicht, ob ich sonst irgendwelche guten Eigenschaften habe, aber ich dachte mir: wenn sie gleich zu Anfang diese hier bemerkt, so ist es wahrscheinlich von vornherein verfehlt! Besser, sie lernt erst andere kennen. Wenn Sie aber daraufhin gehen wollen und nicht wiederkommen — — dann gehen Sie! Es ist mir zwar schmerzlich, aber ich habe im Leben genug Püffe bekommen; einer mehr oder weniger schadet nichts! Fräulein Nippe hielt es für angemessen zu betonen, daß sie auf Nichthinken keinen Wert lege: der Körper mag im Staube kriechen, wenn nur die Seele Flügel hat! —
Sie konnte sich diese Worte leicht gestatten, denn ihr Vorsatz, Herrn Feihse nicht zu heiraten, verdichtete sich noch. Er aber faßte ihre Worte ganz anders auf, und nun trat das ein, was Fräulein Nippe visionär voraus gesehen: Er küßte ihr zwar nicht beide Hände, aber wenigstens doch eine. — Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sie finden für alles einen so schönen und dichterischen Ausdruck! Dann setzte er hinzu, sein Schaden habe schon öfter bei einer Ehe, die er zu schließen gedachte, zu seinen Ungunsten den Ausschlag gegeben. Noch nie habe er eine Dame kennen gelernt, die so vorurteilslos sei wie Fräulein Nippe. — Sie wollte entgegnen, aufklären, aber sie schwelgte so sehr in der Vorstellung, die er von ihr hatte, daß sie es nicht vermochte. —
Sehen Sie, erzählte er, Sie würden nicht das geringste bemerken, wenn ich damals gut geheilt worden wäre! Aber lieber Gott, woher sollten meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen, damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhölzer verkaufte, zitternd vor Kälte, daß ich sowieso nicht fest auf meinen Beinen stand. Wenn da außerdem noch ein Betrunkener kommt und einen anrennt — — — ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! — Fräulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank! Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Fälle! — Und er erzählte weiter, wie er sich später vom Lehrling an in einem kleinen Seifengeschäfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe ich die Menschen viel vor den Kopf gestoßen, dadurch habe ich meine besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel bärbeißiger als ich bin. Es ist mir das ein Prüfstein für die Menschen! Aber die Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hören. So bin ich allmählich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen Mußestunden beschäftige! — Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf das Eckschränkchen zu und brachte ein Schächtelchen zurück, das lauter kleine geschnitzte Knochengegenstände enthielt. — Das ist ein Geduldspiel! erläuterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott werden läßt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich möchte ja so gern manchmal was anderes tun — Sie lächeln über meine Einfachheit! — zum Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer nennt mir denn ein gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: wenn ich ein Buch lese, so möchte ich mich auch gern darüber aussprechen, andere Meinungen hören und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! — O, Bücher lese ich genug! sagte Fräulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum Beispiel — nun, sagen wir mal: — Ach bitte! unterbrach sie Herr Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich müßte mich wahrscheinlich vor Ihnen schämen! — — Zum Beispiel — nun, sagen wir mal — — der Kampf um Rom! Den kennen Sie doch! — Er schüttelte den Kopf. — Nicht?! Aber Faust, das kennen Sie doch natürlich! — Wo der Teufel drin vorkommt? Ja, ich habe wenigstens davon gehört! — Oder — Hasemanns Töchter! Herr Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. — Aber jetzt passen Sie mal auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie das nicht kennen ... Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich? Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?! — Unter andern Umständen wäre Fräulein Nippe einfach aufgefahren. Aber sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges Gesicht, wurde so einsilbig, daß Herr Feihse traurig, aber mit fester Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! — Und, wie das erstemal, lenkte Fräulein Nippe auch jetzt wieder ein. — Falls Sie noch einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar, wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, daß es wohl besser wäre, sie sähen sich nicht wieder. Aber schließlich: wenn sie wiederkam, so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie hätte so gern gehört, was er über Hasemanns Töchter dachte. —
Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Töchter mit geteilten Rollen, sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr überlegenes Wissen anzubringen, hinzudeuten auf Größeres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes; dies hier sei so wie die kleinen Hügel am Gebirge, ehe die eigentlichen, die Riesen kämen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getümmels. Und sie begann herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wußte. Herr Feihse war entzückt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit sie sich bewahrt habe, eine wie große Frische und Lebendigkeit des Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, daß das Leben nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen Kern keusch und rein bewahrt!
Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung und chevaleresker Höflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das mit besonderer Prägnanz in seiner Anrede zutage trat: Fräulein Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk zusammen, und nun wollte er, daß sie ihn auch Othello nennen solle; aber sie erklärte, dies sei zu plump, und außerdem: Es wäre eine schlechte Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit hatte sie derartige Andeutungen öfter gemacht. Dann wieder, wenn er sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als verstände sie sie nicht, darüber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse wußte schließlich nicht was er denken sollte. — Will sie mich nun oder will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich genügend; und wenn sie ihn fragte: Er würde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! — Oft nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich sie aus. Schließlich ertrug er dies nicht länger: Fräulein Desdemona — er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede — Fräulein Desdemona! Wir kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal — damals auf der Bank im Parke — an Sie richtete: Wollen Sie die Meine werden? Ich werde Sie auf Händen tragen! — In diesem Augenblick zog Fräulein Nippe ein Tüchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen Kugel zusammenpreßte und zum Munde führte, indem sie mit dem Ausdruck eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, während ihr linker Arm anzudeuten schien, daß hier ihres Bleibens nicht sei. — Bleiben Sie, Fräulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun genügend Zeit gehabt zur Überlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschluß muß gefaßt sein! Bitte, jetzt ist es an Ihnen! — Fräulein Nippe streckte zagend ihr Tüchlein vor: Was soll ich tun — man drängt mich — man bestürmt mich — Ich bestürme Sie nicht und ich bedränge Sie nicht! sagte er in einem so ruhigen, sachlichen Tone, daß ihre poetische Stimmung wieder zu verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit halblauter Stimme, überlassen Sie mich ganz der Wonne dieses Augenblickes! — Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwärts. Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie zog sich schnell in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. — Lassen Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmöglich antworten! — Aber wann werden Sie mir denn endlich antworten? — In — in drei Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine Antwort! Dann zog sie sich zurück, mit einem stumm-beredten, rätselhaften Blick verschwand sie. —
Herr Feihse blieb in der größten Erregung zurück. Er wußte nicht, wie er sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch äußerst interessant! —
Fräulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte: Wenn ihr wüßtet, welches Schicksal in mir kreißt!
Schon früher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt. Herr Könnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige Ausbrüche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte steht mir nun doch mal näher als du, daran ist nichts zu ändern — Herr Könnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fühlt sich nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrängen, sie zieht sich ganz bewußt von uns zurück. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene Heim ihrer Enkelin und ihres „Herrn Schwiegersohnes“ teilte, meinte bedächtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht wundern, wenn die auf Freiersfüßen ginge!
Schon früher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in den Blättern durchzusehen, solche Ehen würden oft die glücklichsten, war dann aber sehr entrüstet, als Fräulein Nippe bissig fragte: Sie haben Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? — Frau Bornemann und Fräulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne daß man recht wußte, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie könnte sie nicht sehen.
Sollte sich Fräulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mußte sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?! Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht und durchsichtig, war unter ihren Händen gewachsen, hatte an Gewicht zugenommen, und während sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es vielleicht doch nur ein mildes, wärmendes, beglückendes Feuer, das diese Kugel — oder dieses Feuerzeug — auf sie niederregnen ließ?! War es ein befruchtender Tau oder war es ein reißender Gebirgsstrom, den es ausgoß, ein Strom, der sie erfassen würde, mit sich fortnahm in gefahrvolle, unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen würde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land geschwemmt wurde? —
Fräulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein Millionär, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Künstler, der sie hätte anregen können, kein frisches junges Blut, dem sie auch so ans Herz gestürzt wäre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze vor, das sie — wie sie sich vor sich selbst ausdrückte — mit jenen Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war kaltherzig und grausam, heimtückisch und ungerecht! — Und Herr Feihse wartete! Die letzten Nächte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie an ihr freudloses Leben dachte, daß es keinen Menschen gab, der ganz von selber an ihr Herz flog, dem sie alles hätte sein können: Freundin, Geliebte, Mutter. — Herr Feihse hatte durchblicken lassen, daß, wenn sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch ausschlüge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen könne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie war er aufgeblüht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht sein rettender Engel werden? Und wenn er immer kränker wurde, konnte sie sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? — Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu Häupten und seine schon halb erlöste Seele hielt sie in ihrem lichtweißen Kleide für einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und dann würde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte ja nicht, daß er stürbe, aber wenn er es doch tat, so stand im Hintergrunde ein ganz hübsches kleines Vermögen! Das war nicht schlecht von ihr gedacht, das war ganz selbstverständlich und natürlich. Und doch weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wußte nicht was sie tun sollte.
Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfaßt und am nächsten Morgen auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie ihr Schicksal abhängig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren schwer für sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mußte er jetzt endlich erscheinen. — Aber er erschien nicht. Mit leeren Händen eilte sie von der Redaktion wieder ins Geschäft oder in die Wohnung. — So war der dritte Tag beinah verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits geschlossen, sie rüttelte vergeblich an der Tür. Dann aber dachte sie: Wenn diese Tür sich mir verschließt, so weiß ich nun eine andere, die eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese herzlose Hand hier, die nur auf Bureautüren deutet, sondern die Hand des Schicksals selbst! — Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der Mitternacht würde sie Herrn Feihses Nachtglocke anläuten, und vorher wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen Leben! —
Ich gehe heute abend mit euch! sagte sie, als mache sie den beiden ein großes Geschenk damit. — Aber Herr Könnecke schien nicht erfreut darüber. — Du darfst es uns doch nicht übelnehmen, sagte er, als sie allein waren, daß ich endlich einmal auch ein Vergnügen mit Lotte allein haben möchte. Überall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob wir verheiratet wären! — Ich springe aus dem Fenster! schrie Fräulein Nippe plötzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen das herzlose Schicksal überkochte — und sie rannte durchs Zimmer und schwang sich wirklich auf die Fensterbank. — Komm da mal gleich wieder runter! sagte Herr Könnecke erschrocken. — Diesmal, rief sie, ist es mißlungen, aber das nächstemal wirst du mich nicht hindern. Rühre mich nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine körperliche Gemeinschaft! — Sie war wieder unten, und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien ihm nun die Nägel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie armes wehrloses Opfer. — Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem Ton, du bist absolut nicht objektiv! — Schon wieder dieses herzloseste aller Worte, das die Gefühle auf eine Wage legt und gegeneinander abwägt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, daß Herz und Lunge und Eingeweide klopfen! — Also du kannst ja mitgehen, wenn du durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! — Nein, nun will ich nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und sagt: nun trink! — ich danke bestens! — Jetzt ging die Tür auf, die alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttäuschter feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als würde hier gesungen! Aber ich muß mich wohl geirrt haben. Ich höre Lieder für mein Leben gern, aber wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch’s Klavier verkauft. Gott, was waren das für schöne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen: Lotte ist glücklich verheiratet mit’m Kind, ich bin bei ihr geblieben, das Kind wächst und gedeiht zu seines Schöpfers Ehre, und ich zahl’r meine Miete, wie sich’s gebührt! Und ein Liedchen trällernd, wie es schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.
Es geht nicht, es geht nicht für die Dauer! dachte Herr Könnecke, und ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Fräulein Nippes Geschick war.
Fräulein Nippe verließ das Haus: Nun würde sie sogleich zu Herrn Feihse gehen! Herr Könnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.
Sie läutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hörte seinen rhythmischen, erregten Gang, er öffnete, mit Tränen in den Augen stand sie vor ihm und sah ihn an mit verheißungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer zurück, sie folgte ihm. — Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr Glück erkämpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? — Herr Feihse keuchte so, daß er sich setzen mußte; er ergriff ihre Hände, auch ihm rollten die Tränen über das Gesicht; dann wollte sie einen Satz vom Lebensglück sagen, in dem das Wort „basiert“ vorkommen sollte. Aber sie brachte ihn nicht heraus; und überhaupt: Welcher Mensch denkt denn in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fühlt, an Fremdwörter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rührung halb erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der Bitterkeit gesagt, wenn du stürbest, so würde kein Hahn danach krähen; — du sollst dich getäuscht haben! —
Herr Könnecke saß mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Fräulein Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen wollten. Herr Könnecke hielt es für angebracht, etwas darüber zu sagen, daß sie zuviel die Hausordnung verletze; sie hätten sich alle um sie geängstigt; sie möge doch ein wenig rücksichtsvoller sein!
Fräulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwürfe machen zu lassen! — Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wißt ihr denn überhaupt von dem, was in der Seele eures Nächsten vorgeht! Ahnst du denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse gehabt, darüber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte sie ihr ganzes Triumphgefühl, die ganze Wucht ihres Schlages in die Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da können die Spießbürger die Mäuler aufsperren! Aber plötzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte wieder.
Neuntes Kapitel.
Fox Sintrup saß in einem Coupé vierter Klasse und fuhr nach irgend einem entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mußte es gemacht werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, daß er noch eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblättert, aber immerhin noch rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm gegenüber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen Augen; neben ihm saß eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt, obgleich sie nicht zu ihm gehörte. Ihre Augen waren starr und sie bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox würdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Töne einer Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied, während er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet hielt. — Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen die Dichter immer ihre Stoffe in erträumten Fernen, und überblicken die nächste Realität! Wie leicht könnte ich jetzt hieraus ein Gedicht machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten äußern Zwangslage geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, daß es wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie über Waldesduft und Blätterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefühl der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie die menschgewordene Frau Sorge, drängt sich nicht einem geradezu Zeile um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: — Tief eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen! Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; — na und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte er jetzt nur eigentlich in diesem Städtchen, dem er zurollte, mit jeder Sekunde sieben Meter? — Peter der Große hatte auf Schiffswerften gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. — Er mußte irgendwie seine Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles sträubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! — Sollte er doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und seinem Vater später auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, übers Jahr würde er dann Referendar sein — er war dann allerdings schon 28 Jahre — aber dann ging es mit Riesenschritten in die große Karriere hinein.
Am nächsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hühner wandelten, ernsthaft nach Würmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick der Hühner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Fräulein ein. Er hatte vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehörte einer vergangenen Lebensepoche an. — Die wenigen Aussteigenden hatten sich verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. — Was soll ich denn hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein! — Er überlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nächsten Großstadt — aber das Geld! — Er überzählte seine Barschaft. — Das genügt doch nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren für nichts und wieder nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem er nun die Torheit, den Blödsinn dieses Schrittes vorhielt. — Er suchte sich das beste Hotel, in der Überlegung, es werde guten Eindruck machen bei den Rechtsanwälten, die er aufsuchen wollte. — Vier Vertreter dieses Standes fand er in dem dünnen, magern Adreßbuch, alle vier besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. — Aber so schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe akademische Bildung! Ich bin kein gewöhnlicher Schreiber! Ich bin was Besseres! Einer gab ihm ein Geldstück. Fox nahm es, ohne zunächst den Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und führte darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen Augenbrauen auf den Geber, daß der in ein lautes Gelächter ausbrach und es gutmütig zurücknahm. — Wieder ein anderer — es war der letzte der vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er möge sich ans Amtsgericht wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es, als wenn Fox in die Länge und die Breite wüchse: Wüßten Sie, sagte er mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so hätten Sie das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann ebenfalls. Dann war er wieder auf der Straße, auf dieser abscheulichen kleinstädtischen Straße, und dachte: Und was wird nun?! — Vor einem Hause war ein Auflauf, viele Kinder drängten sich am Tor, zuweilen wich alles zurück, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem gegenüberliegenden Fußsteig, auch sie sahen voll Interesse herüber, und aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen mit den Untenstehenden. — Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an der Tür, auf einem Schild. — Schmiere! dachte er verächtlich; so tief bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und ärgerte sich, daß er überall an allen Ecken dieselben Menschen traf.
Als Klavierlehrer könnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er plötzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Töne durch irgendein Fenster hinaus die ganze Straße zu füllen schienen; — dazu braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich schon einführen! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lächerlich. Aber wenn ihn unter den Stammgästen die vier Rechtsanwälte erkannten? Dann war sein Renommee dahin! Er ließ sich Backen- und Schnurrbart abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete, beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern Beruf zerstört habe, für den der Bart vielleicht unumgänglich nötig sei.
Als er gegen Abend ins Hotel zurückkehrte, blieb das Zimmermädchen auf der Schwelle stehen. — Wann fängt denn der Theater an? fragte sie endlich langsam und neugierig. — Der Theater? Fox zog die Augenbrauen hoch und ließ den Blick groß zu ihr hingehen. — Sie stieß einen unterdrückten Lachton durch die Nase. — Sind Sie der Komeker? fragte sie, und ihre Augen glänzten schon vor Freude. — Komeker?! Machen Sie, daß Sie rauskommen! sagte Fox. — Er kleidete sich nun auf das peinlichste um, nichts sollte an seinen früheren Zustand erinnern. — —
Wann fängt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim Servieren. — Heute! sagte Fox geärgert. Der Kellner nahm das als einen Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach dem Stammlokal der ersten Bürger. Der Portier sah ihn etwas verwundert an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glück gehabt! Fast hätte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten müssen! Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er käme nicht, und heute hat Herr Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen! Wirklich ein rühriger Geschäftsmann! — Und woher wissen Sie, daß ich der Komiker bin? — Sie haben es doch selbst dem Zimmermädchen gesagt! — Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mühe wert diese Leute aufzuklären, daß er Regierungsbeamter — nee, was war er denn? Schreiber — Kammervirtuose — Fox wußte im Augenblick selbst nicht was er war. Er trat auf die Straße. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese elende Straßenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, daß fast alle Häuser dunkel waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er, unwillkürlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter der Gardine! Ich höre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da schnarcht was!! — Plötzlich befand er sich vor dem bezeichneten Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es Gott weiß wie weit bis dorthin wäre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! —
Drinnen saßen lauter Männer mit Bärten, die meisten auch noch mit Brillen. Es war ein geräumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt es!: Mit rascher, großer Gebärde legte er seinen Mantel ab, setzte sich an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht für ihn hinterlassen habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und interessiert. Nein!? rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorläufig sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte inzwischen schon öfter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. — Er erreichte was er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, „eine leidige Angelegenheit“, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister habe übrigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox schüttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur über größere Städte. — Ach das ist aber schade, äußerst schade! Nebenan im Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen, wenn es nicht unbescheiden ist? — Fox machte ein bedauerndes Gesicht; seit Monaten habe er keine Taste angerührt, jetzt gehe es seinen Nerven allerdings etwas besser. — Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht — — Fox ließ sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten die Eingangsklänge der Holländerballade, die Fox konnte. —
Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, unterstützt durch übrige Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen müsse, und ward mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheußliche Klavier. Einige nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im eigenen Hause. — Wenn Sie hier am Orte bleiben, müssen Sie uns unbedingt einmal die Ehre geben! — Meine Frau sucht schon lange einen Partner im Vierhändigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben künstlerische Ansprüche! — Mein Sohn klagt immer, zu was er denn Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen müsse, viel kann er ja noch nicht, aber Talent hat er. — Ich spiele selber Cello! und ärgere mich, daß meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich möchte ja immer gern mit der Frau Sekretär zusammen spielen, aber da sollten Sie mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.
Fox erklärte sich zu allem bereit, falls er sich länger hier am Orte aufhalte, was noch fraglich sei. Es käme auf die Luft an, die hier herrsche. — Übrigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige Stunden erteilen, — auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein Bedürfnis, junge Menschen, die Talent hätten, zur Musik auszubilden. — Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist wahrhaftig philantropisch! Schade, daß ich keine Kinder habe, ich würde sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das versteht sich von selbst. — Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau! Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden. Natürlich auch nicht gratis — wenn Sie nicht übermäßige Forderungen stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, über das Honorar könnten sie sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt ...! —
Er wartete noch auf andre Anträge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln! Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens Worte von der Honorarfreiheit zurück. —
Fox runzelte die Stirn und hielt es für besser, das ganze Thema vorläufig fallen zu lassen. Hätte er nur wenigstens soviel Geld gehabt, ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu können, dann würde er sich schon langsam eingeführt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick; selbst wenn es sich herausstellte, daß er in Wirklichkeit nur sieben Stücke konnte. Auf eigene Virtuosität kam es beim Stundengeben gar nicht an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich um Vorschuß bitten! — Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzählte von den Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstücke beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele? Immer! lautete die Antwort, und ein älterer Bureaubeamter warf ihm einen ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der Geist des Leichtsinns werde seinem Städtchen ewig fern bleiben. Mit dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser, niedrige, schmierige Gesellschaft! — Und wie früh ging dies Volk zu Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf der Bahn, zu seinem Vater reisen. — Während er so seinen Gedanken nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier Rechtsanwälten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinüber, schüttelte ihn dann aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. — Fox wurde es unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder auf der Straße.
Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gäste des Abendzuges erwartete, denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem der vier Rechtsanwälte. Fox grüßte schweigend und ging schnell hinauf, bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. — Sein Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Straße viele Meter weit hören. Fox ließ das Zimmer dunkel und öffnete vorsichtig das Fenster ein wenig. Was? hörte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? — Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute früh ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen lassen, und dem Zimmermädchen hat er es ja selbst erzählt! — Also doch! Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker, Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Straße daher. Pst! sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den Rechtsanwälten durchgesprochen war; ist der Mensch verrückt?! — Was dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich sofort am ersten Tage in unserm Städtchen populär machen, und ich muß sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgeführt! Ein Komiker darf sich manches erlauben, was andere nicht dürfen, ich sage Ihnen: wie er heute morgen mein Geldstück ansah, das ich ihm gab: Gebrüllt hab ich vor Lachen! Und heute abend als nervenkranker Künstler — ein bißchen zu dick ist er ja, aber dafür kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das ist ein Original! —
So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurückkam und die Untenstehenden veranlaßte, zurückzutreten, was dann wieder den Anstoß zu Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelächter.
Schweigend entzündete Fox sein Licht, schweigend, unbeweglich blickte er in den Spiegel, und schweigend erwiderte das Spiegelbild den Blick. Schweigend entkleidete er sich und stieg ins Bett, zog die Decke hoch und starrte auf den weißen Horizont des Leinens vor seiner Nase.
Was ist nun zu tun? dachte er, und suchte an dem Bart zu drehen, der nicht mehr da war. Sein ganzes Wesen drängte nach etwas hin, sich vor sich selbst in Respekt zu setzen. Er spuckte kräftig über das ganze Bett hinweg bis an die gegenüberliegende Wand. Damit war die erste Frage aber nicht erledigt. Abfahren! dachte er endlich; abfahren mit dem frühesten Zuge. Aber wohin?
Plötzlich erfaßte ihn eine große Wut gegen seinen Vater, mit einem Satz sprang er aus dem Bette und marschierte im Zimmer auf und ab. — Alles habe ich mir gefallen lassen, alles, aber dieses geht zu weit!! Ich werde prozessieren! Mein Vater ist verpflichtet, mich standesgemäß zu erhalten! — Aber während er so redete, fühlte er selbst das Lächerliche seiner Rede. Auf einmal blieb er mit einem Ruck mitten im Zimmer stehen: Wenn er nun morgen früh zum Direktor ging, wenn er nun wirklich Schauspieler wurde? Dann war ja alles in Ordnung, dann triumphierte er ja über diese ganze spießbürgerliche Gesellschaft! Der Direktor brauchte ja einen Schauspieler, sonst konnte er nicht die — gewissen Stücke spielen! Fox sagte nicht: Possen und Komödien, da er das Wort „Komiker“ vorläufig noch ignorierte, weil er sonst gleichsam sich selbst hätte fordern müssen. — Überhaupt: wer sagt denn, wenn ich ihm eine von den Rollen vorspreche, die ich bei Sander gelernt habe, daß er mich nicht als Helden anstellt? Vielleicht hat er auch keinen Helden, das kann doch niemand wissen! Und mal ein bißchen Theater spielen — tat das nicht auch Wilhelm Meister?! Dem Rechtsanwalt würde er ins Gesicht lachen, und eines Abends würde er wieder ins Lokal treten und sagen: Meine Herren, dieses letzte war auch wieder eine Mystifikation, denn eigentlich bin ich auch kein Schauspieler, aber mein Vater ist so weitsichtig, daß er seinen Sohn vom Studium nicht direkt in den Beruf hineinschiebt, sondern ihm Freiheit läßt, auch andere Fähigkeiten und Talente in sich auszubilden und die Welt wirklich kennen zu lernen, ein Edukationsprinzip, wie es Goethe in seinen Erziehungsromanen vorschwebte! So würde er von seinem Vater reden, der das weiß Gott nicht verdient hatte. Und die Bekanntschaft mit dem Kriegsminister, würde er fortfahren, war keine Mystifikation, denn der alte Herr hat schon öfter Billette von mir empfangen, also kenne ich ihn — ach nee, da irre ich mich, ich kenne ihn ja gar nicht wirklich — aber sagen kann ich es, denn dem Wortlaute nach ist es wahr! — Und dann würde Fox zu seinem Vater zurückgehen und erklären: ich habe dir nun gezeigt, daß ich mich selber zu erhalten weiß: ich erwarte, daß du mir wieder Vertrauen schenkst, und mir die Mittel bewilligst zur Beendigung meines eigentlichen Studiums. Und dann wollte er auch arbeiten, ehrlich und ernsthaft arbeiten!! —
Als er am nächsten Morgen am Portier vorbeischritt, legte er um seinen Mund markante Falten und fragte mit sonorer Stimme: Haben Sie schon gehört, wie ich gestern abend die Herren Bürger angeführt habe? — Glänzend, einfach glänzend! grinste der Portier.
Fox hatte sein Selbstbewußtsein voll zurückgewonnen. Dann stand er vor Direktor Steinert, einem anscheinend noch jungen, glattrasierten Mann mit schwarzen Augen und einem Hornzwicker. Außer ihm war noch eine alte Dame im Zimmer mit kompaktem rein kastanienbraunem Haar und einem Scheitel wie ein Lineal. — Die Mitteilung des Portiers bestätigte sich, Herr Steinert war in Not, telegraphische Verhandlungen schwebten allerdings mit Agenten, aber die Saison hatte schon begonnen, die halbwegs besseren Kräfte waren versorgt, und einen reinen Anfänger zu nehmen scheute sich die Direktion. Fox erklärte nun, er sei vollständig zum Schauspieler ausgebildet, durch Herrn von Sander, bei dessen Namennennung Herr Steinert eine kleine Verbeugung machte, da er ihn aus Annoncen der Theaterzeitungen sehr wohl kannte. Dann setzte Fox hinzu, daß er selbst einer hoch — höchst angesehenen Familie entstamme und mehr Bildung für den Beruf mitbringe als die meisten Schauspieler. Und dann sagte er: Nun passen Sie mal auf. Er begann die Rolle vorzusprechen, die er als allererste bei Herrn von Sander studiert und endlos repetiert hatte, und die deshalb noch am besten im Gedächtnis saß. Alle Bewegungen waren ihm noch gegenwärtig, durch die Gesangstunden, die er betrieben hatte, war sein Organ ebenmäßiger geworden, und Herr Steinert unterbrach ihn mitten in einem längeren Satz mit der Bemerkung, er habe schon genug gehört, Talent sei unverkennbar da, die äußere Erscheinung sogar glänzend, aber — wir brauchen einen Komiker und keinen Helden!! — Ja, Komiker bin ich nun nicht, sagte Fox in seinem trockensten Tone, und sah Herrn Steinert mit jenem großen, halb verweisenden Blick an, über den das Stubenmädchen so gelacht hatte. — Aber das schadet ja gar nichts! ließ sich die alte Dame jetzt durch die Reihe ihrer sehr weißen Zähne vernehmen, mit langsamer, etwas schwerer Zunge und in einem gedehnten, singenden Tonfall, der durch mehrere Oktaven zu spielen schien — das schadet ja gar nichts! Wenn er’s nicht ist, kann er’s noch werden. Wie Sie da vorhin ins Zimmer traten — so wandte sie sich an Fox — wie Sie nur Ihren Hut auf die Kommode stellten — es war gar nichts weiter als diese einzige Bewegung — ich sage Ihnen: Ich mußte lachen; glauben Sie mir, ich habe einen Blick für Menschen! Seit dreißig Jahren bin ich am Theater! Wenn Sie nur auf die Bühne treten, so lacht das Publikum! Ich will Sie damit nicht beleidigen! fuhr sie fort, da Fox ein verletztes Gesicht machte, im Gegenteil: Wirkliche Komiker sind heutzutage selten! Bleiben Sie nur bei uns! Herr Steinert warf ein, daß Fox ja gar nicht die nötigen Rollen beherrsche. — Dann lernt er sie eben jetzt noch! sagte sie mit ihrer eigensinnig klagenden Stimme, Schauspieler lernen schnell, und bei uns heißt es ganz besonders fest und energisch zu arbeiten, das ist hier jeder gewohnt. Sie müssen wissen: Mein Mann und ich sind für das Ideale! Fox sah überrascht erst auf sie dann auf Herrn Steinert: war das die Frau von dem? — Und dann, Hermann: Er soll doch die Rollen nicht von heute auf morgen lernen, sondern erst auf übermorgen oder nächste Woche. Wir eröffnen das Theater doch mit einem klassischen Stück, wo wir ihn nicht nötig haben — und die eigentliche Posse ist doch erst am Sonntag. Bis dahin hat er viel Zeit zum Lernen, und die Proben sind doch auch noch da! — Herr Steinert war nach wie vor skeptisch. — Aber das Publikum hier macht doch keine Großstadtansprüche! Und kurz und gut — ihre Stimme wurde ungeduldig und etwas stoßend — mir gefällt dieser junge Mann! Er wird wachsen mit seinen Aufgaben! Schließlich habe ich doch auch ein Wort mitzusprechen, und wie gesagt — ihre Stimme wurde wieder singend: Ich empfehle dir diesen jungen Mann dringend, ohne dich damit jedoch — und nun klang ihre Stimme geradezu ölig-zärtlich — irgendwie beeinflussen zu wollen. Herr Steinert warf ihr aus seinen wimperlosen, scharf umränderten Augen durch den Zwicker einen böse-versteckten Seitenblick zu, den sie aber nicht bemerkte, und meinte: Gut, Ida, versuchen wir es. Sind Sie einverstanden? wandte er sich an Fox.
In Fox bekämpften sich Regierungsassessor und Komiker. Daß er alle Rollen leicht lernen und tadellos spielen würde, war außer Frage. Doch vor den Leuten auftreten, damit sie über ihn lachten?! Aber schließlich: Auch Molière und Shakespeare waren Schauspieler gewesen, und beide hatten eine Fülle komischer Rollen selbst geschaffen! Und er selber hatte vor ihnen noch den Vorteil voraus, daß er seinen Namen nicht hergeben würde: Er wollte seinen uralten Familiennamen mit einem Pseudonym decken. —
Wie ist es denn mit dem Honorar? fragte er. — Herr Steinert wechselte mit seiner Frau einen Blick und nannte dann eine Summe, die kärglich gering erschien, und kaum das Dasein zur Not fristen konnte. Fox schwankte wieder; aber plötzlich faßte ihn ein Gefühl, all diesen niedrigen Erbärmlichkeiten ein Ende zu machen, durch eine halb verächtlich gegebene Zustimmung. — Hermann, wir könnten ihm doch fünf Mark mehr bewilligen! — Herr Steinert sah sie unbeweglich durch seinen Zwicker an. — Also es sind Ihnen fünf Mark mehr bewilligt! sagte er darauf zu Fox; Gesellschaftsanzüge, Salonrock, Frack usw. haben Sie doch wohl? — Fox unterdrückte ein kräftiges Wort und sagte: Selbstverständlich. Herr Steinert holte zwei Kontrakte, unterzeichnete den einen, gab ihm beide, mit der Bemerkung, zu Hause genau den Wortlaut durchzulesen und ihm am Nachmittag den zweiten, mit seiner Unterschrift versehen, zuzustellen. — Aber das kann er doch gleich hier durchlesen! Wozu denn diese Umständlichkeit! — Aber Fox nahm ihn mit und studierte ihn im Hotel. — Sechshundert Mark Geldstrafe für den Fall eines Kontraktbruches. Also so plötzlich weg kann ich da nicht, sonst bekomme ich die Polizei auf die Hacken! —
Horst Siegmaringen nannte er sich; das klang gut und ließ einen unterdrückten Adelstitel vermuten.
Fox war nun engagiert. Er zog in ein kleines möbliertes Zimmer. Dort lernte, übte und probte er für sich Charleys Tante. — Blödsinniges Stück! Es fehlt ihm jeder echte Humor! — Am nächsten Morgen war die erste Probe.
Das ist ja eine Scheune?! sagte Fox, als er das „Theater“ erblickte, — eine Scheune, ohne Tür?! Wo ist denn die Tür?! — Dies Theater war eigentlich ein Hotel mit größerem Saal, öde und verwahrlost, mit grauer abgebröckelter Zementfassade.
Die alte Dame war schon lange auf der Bühne; sie leitete das Ganze, sie war Regisseur, von ihr schien alles abzuhängen. Fox sprach seine Rolle im Tone eines Leutnants. Herr Steinert war verzweifelt: Das geht nicht, Sie müssen frauenhafter, damenmäßiger sprechen! Aber Frau Ida meinte: Laß ihn doch, Hermann! das gibt ja gerade einen schönen Effekt! Das wirkt fabelhaft! Wie er jetzt dasteht, dies Trockene, Geschäftsmäßige, — das macht ihm so leicht keiner nach. Denke dir doch noch die Perücke und die Frauenkleider, das wird ja zum Schreien! — Fox kam recht deprimiert nach Hause. Ekelhaft war ihm dies Ganze, und seine Kollegen und Kolleginnen — außerhalb des Theaters würde er mit keinem einzigen von ihnen sprechen, das war ausgemacht! —
Was waren das auch für Geschöpfe! Er erkannte da einen Herrn wieder, der die Bonvivantrollen spielte. Am ersten Mittag hatte der mit ihm am selben Tisch gegessen, einzig und allein ein Ragout fin, — nichts, nichts weiter. Und am selben Nachmittag hatte er ihn schon aus dem Fenster eines schnell gemieteten Zimmers schauen sehen. — Und die Damen, von denen war überhaupt nicht zu reden; wie Schneidermädchen, die sich billig und auffallend herausstaffiert haben, zogen sie über die Straßen; seine Partnerin, die Donna aus Charleys Tante, begegnete ihm abends auf dem Markte, ganz allein stand sie da, vom Wirtshaus zum Café, vom Café zum Wirtshaus sehend. Das war doch höchst fragwürdig! und als er an ihr vorbeischritt, zwinkerte sie und hakte ihren kleinen Finger in den seinen.
Alle nannten sich du, ihn selbst nannten sie auch du, er konnte nichts dagegen tun.
Die Aufführung von Charleys Tante nahte heran. Fox hatte seine Rolle gründlich gelernt, die Zeigefinger in die Ohren gebohrt, wie ein Schuljunge. Die Frau Direktor spielte mit großer Kraft einen einleitenden Galopp auf dem Klavier, dann zog ihr Mann den Vorhang auf, indem er sich, ihn in Bewegung zu setzen, an den Strick hängte. Fox hatte nicht das geringste Lampenfieber. Durch das kleine Loch im Vorhang sah er, ehe das Stück begann, in den Zuschauerraum, und empfand nichts weiter als Verachtung vor dieser kleinbürgerlichen Menge, die da unten Bier trank und rauchte und sich freute auf die Unterbrechung ihres stumpfsinnigen Einerleis.
Als er nun selbst auf die Bühne trat, erhob sich hier und da ein Klatschen, da man ihn erkannte; der hagere Offizial und der Vater des Gretchens, die inzwischen an ihren Stammtischen genügend geneckt waren, versuchten zu zischen, was nur den Applaus anwachsen ließ. Fox aber, wie ein großer, berühmter Gast, trat vor und verneigte sich dankend. Zurück! flüsterte der Direktor, halb ängstlich, halb erfreut, Sie stören das Ensemble! Und wie nun Fox, im Augenblick wie zerstreut, auf die Mitspielenden sah, als wolle er sagen: Ach, Ihr seid ja auch noch da, Euch hatte ich total vergessen! — brach der Applaus von neuem los. — Bis zu dem Moment der Verkleidung hielt sich das Publikum ruhig, aber als er dann anfing, sich als Dame hin und her schieben zu lassen, als er halb ungeschickt über seine Kleider stolperte und sich endlich fast nur noch wie in einem Zustand der Notwehr befand, gereizte Blicke um sich werfend wie ein Kater, der sich von Hunden bedrängt sieht, war der Erfolg vollkommen. Man nahm das, was in Wahrheit Unfähigkeit war, für raffinierte Kunst, und die Stammtischgäste aus dem Wirtshaus sagten: ja ja, so auftreten wie der damals kann auch nur ein ganz genialer Mensch! — Fox durfte sich am Schluß viele Male verneigen. Die Frau Direktor sprach ihm ihre Anerkennung aus, sagte mit Emphase, sie habe mit ihrer Prophezeiung recht gehabt und zog seinen Kopf, ehe er es verhindern konnte, an ihren Busen, der ungelüftet roch. — Diese Theaterleute, dachte er mit einem parenthetischen: Pfui Teufel — wissen doch nie die Grenze einzuhalten. — Charleys Tante wurde sofort wiederholt, und dann ging es an neue Stücke.
Fox übernahm jede Rolle mit einem verschluckten Proteste, er spielte sie, wie wenn man ihm einen ekelhaften Gegenstand zur Untersuchung übergeben hätte, gegen dessen Berührung er sich zuvor mit seinen roten Glacéhandschuhen bewaffnete, ehe er mit steifem Finger bald hier, bald da hineinstieß. Anfangs erreichte er damit immer wieder die erste Wirkung, aber schließlich fand man ihn langweilig. Einmal zischte sogar einer, worauf Fox mitten im Satze abbrach und in den Saal hineinstarrte, als wolle er den Zischer rügen. Herr Steinert suchte ihn nun mehr in Chargenrollen zu beschäftigen und begann einzusehen, daß er an Fox keine gute Kraft gewonnen habe. Fox war damit ganz zufrieden, betonte Herrn Steinert gegenüber, er sei ja auch eigentlich „Held“, und hier falsch am Platze, und hegte keinen Groll gegen den jungen Mann, den Herr Steinert das nächstemal probeweise als Lumpaci Vagabundus herausstellte. Aber auch in seinen Chargenrollen sprach Fox genau so wie vorher, und während einer Aktpause in Wilhelm Tell bekam er Vorwürfe vom Direktor, er solle sich mehr zusammennehmen, mehr wirkliches Feuer und patriotische Leidenschaft entwickeln. Herr Steinert spielte selbst den Wilhelm Tell und riß alles mit fort im Taumel seiner Rede. Frau Ida aber spielte, abgesehen von ihrer Mechtildrolle, noch eine andere, indem sie sich als alter Attinghausen im Rollstuhl hereinschieben ließ, ohne daß das Publikum den Betrug bemerkte, da der Theaterzettel einen anderen Namen aufwies. — Mensch, sagte Herr Steinert nach der Vorstellung zu Fox, Sie spielen immer wieder als Charleys Tante, das geht nicht, es geht wirklich nicht! — Aber Fox ließ dies nicht auf sich sitzen. Voll Antipathie starrte er auf dieses schwarzäugige Gesicht mit dem blonden unechten Germanenbart darunter: Schaffen Sie doch erst mal andere Dekorationen! In Ihrem Tell ist ja auch alles genau so wie in Charleys Tante! Wo bleibt denn da die Illusion?! Und die Kostüme sind ja auch immer dieselben! Ihre Berta von Bruneck zum Beispiel ist doch wieder nichts weiter als die Nichte von der Tante, und wenn sie sich auch ein grünes Umschlagetuch umhängt — für mich ist das noch lange kein Jagdkleid! Die Hälfte der Personen fehlt überhaupt ganz und gar, weil Sie keine genügende Anzahl von Kräften haben; was können Sie da vom einzelnen verlangen! Intrigen gibt es bei mir nicht, sagten Sie damals zu mir, als ich bei Ihnen eintrat; das verstehe ich jetzt vollkommen. Das bißchen Personal hockt ja hier zusammen wie eine kleine Familie im Regen, ohne Obdach! Jeder ist auf die Hilfe des Nachbars angewiesen, und einen Intriganten im wirklichen Sinne des Wortes besitzen Sie überhaupt nicht! Der Geßler wurde zum Beispiel vom Bonvivant gegeben! — Das verstehen Sie nicht! Das zeigt nur wieder, daß Sie sich in die Verwandlungsmöglichkeiten der einzelnen Kräfte nicht hineinzuversetzen vermögen, und das ist es ja, was ich Ihrem eigenen Talent vorwerfe! Außerdem: Die Charakterrolle wurde nicht vom Bonvivant gegeben, sondern eine Bonvivantrolle zufällig vom ersten Intriganten; das schadet nichts, absolut nichts, ich liebe es, meine Leute untereinander zu vermischen, auf die Weise erzielt man Allseitigkeit der Ausbildung! — Gemischt sind sie wahrhaftig genug! sagte Fox, und ärgerte sich, daß der Direktor dies nicht mehr zu hören schien, denn er hatte sich abgewendet, war auf einen Stuhl geklettert und hatte eigenhändig eine vergessene Gasflamme ausgedreht, und jetzt schrie er den Diener an: Die Beleuchtung verschlinge sowieso ein Heidengeld, und ob er meine, die Bühne solle heut abend noch einmal als Tanzsaal benutzt werden. —
Überall herrschte ein ganz entsetzliches Sparsystem. Zum Schminken, An- und Auskleiden gab es für Herren und Damen nur je einen einzigen kleinen Raum, nur die Damen hatten einen Spiegel, den Frau Steinert jeden Abend mit nach Hause nahm, da er ihr Privateigentum war, das sie morgens bei der Toilette benötigte. — Feste Kostüme, deren einzelne Bestandteile man nicht trennen durfte, schien es nicht zu geben. Wie in einem Trödelladen war alles durch- und übereinander gehäuft, jeder suchte sich heraus, was ihm nötig oder erstrebenswert erschien, und namentlich gab es da einen alten roten Samtmantel mit unechtem Goldbrokat, der unter den Damen ein ernstliches Zankobjekt bildete, während die Herren schon tagelang vor einer bestimmten Aufführung ein schwarzes Atlaswams zu „belegen“ pflegten, das einst bessere Zeiten gesehen zu haben schien. Nur der Direktor besaß einige Kostüme, die niemand in Bruchstücken für sich selbst verwenden durfte.
„Ich komme gleich, ich muß nur noch mal in den Saal“; dies Wort, das Fox häufig nach den Vorstellungen um sich herum hörte, verstand er anfangs nicht. Allmählich begriff er den Sinn: Gegen ein kleines Trinkgeld ließ der Kellner die Tische unten nach der Vorstellung noch einige Zeit unabgedeckt, und bei der spärlichen Beleuchtung der Sicherheitsstearinlampe am Türeingang huschten die dunklen Gestalten der Künstler und Künstlerinnen von Tisch zu Tisch, nach Bierresten und wohl auch nach halb aufgegessenen Brötchen und Fleischteilen spähend, und unter ihnen tat sich eine Dame ganz besonders hervor, welche „die appetitliche Giftmischerin“ genannt wurde, weil sie nicht, wie die andern, jeden Rest für sich austrank, sondern alles in einen einzigen Bierseidel zusammengoß, da sie dieses appetitlicher fand. Zuweilen kam es mit dem Kellner zu Szenen, da man ihm vorwarf, die besten Reste tränke er schon vorher selbst. Hier regelte sich auch die Nachfrage des einzelnen nach Tabak; ein Nichtraucher konnte einen Schluck Bier eintauschen gegen ein Zigarrenende, das er selbst verschmähte. Fox fand dieses Unwesen empörend: Lieber hätte er gehungert und gedürstet, als daß er da hinabgestiegen wäre!
Mit den Künstlern und Künstlerinnen war es ähnlich wie mit den Kostümen: Manchmal schienen zwei ein Ganzes zu bilden, bis sich plötzlich beide Teile mit einem dritten oder vierten vereinigt fanden. Es war unmöglich, in dem Knäuel der Möglichkeiten etwas Bestimmtes, Bleibendes festzustellen. — Fox blieb auf die Dauer hiervon nicht unberührt; er schenkte seine Zuneigung einer jungen Dame, die ihm noch ganz passabel erschien, wie er sich ausdrückte, verbot ihr aber, jemals „verhindert“ zu sein. — Alle Damen waren manchmal verhindert, das wußte jeder, niemand fand etwas daran.
Nur der Direktor und seine Familie führten ein streng in sich abgeschlossenes Leben. Was es mit ihm und seiner Frau auf sich hatte, wußte Fox nun auch. Frau Steinert war ursprünglich die Witwe eines Theaterdirektors, der ihren Jahren angemessen gewesen war. Schon zu dessen Lebzeiten hatte Herr Steinert, der unter ihm ans Theater gekommen war, sich erfolgreich um die Gunst des Kindes, ihrer Tochter, bemüht. Der Direktor starb, und nun machte Herr Steinert der Witwe den Vorschlag, er wolle die Tochter heiraten und gleichzeitig die Direktionsstelle des Vaters übernehmen. Da aber deutete ihm die Mutter an, der Weg zu jener Stelle ginge nur über sie selber. So entschloß er sich dazu, sie zu ehelichen. Aber Frau Steinert konnte es nicht verhindern, daß er auch ihrer Tochter weiter in Treue zugetan blieb. Anfangs entrüstet, fand sie sich allmählich damit ab, da er sie selber durchaus nicht vernachlässigte, die erste Zeit wenigstens, und sie in ihrer Tochter das jugendliche Ebenbild ihrer selbst erblickte. Und mit einem gewissen Rechte betonte sie allen Menschen gegenüber das innige Zusammenleben der kleinen Familie. Erst in den letzten Jahren waren die ehelichen Beziehungen erkaltet, und Frau Steinert rächte sich auf ihre Weise: Sie war eine kluge Frau und hatte sich mit jener Ehe, wie sie es nannte, nicht übers Ohr hauen lassen. In allen obersten Entscheidungen blieb das Vorrecht ihr, und dieses Recht übte sie nun rücksichtslos aus; ihr Mann war dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit war sie die erste. —
Wie sie Fox damals erblickte, war es wie ein Sonnenstrahl in ihr alterndes Herz gefallen, und Fox, der ihr zu Dank verpflichtet war, da sie von Anfang an sein Talent durchschaute und auch sein Engagement durchsetzte, begegnete ihr stets mit Ritterlichkeit. Wenn sie allein waren, streichelte sie zuweilen seine Hand und nannte ihn „mein Söhnchen“, was er sich, wenn auch widerwillig, gefallen ließ. — Er war stets der erste, der seine Gage ausbezahlt bekam, und wenn er die letzten Tage fast gehungert hatte, so entschädigte er sich nun gleich durch doppelte Ausgaben, so daß seine Kasse nach vierzehn Tagen schon wieder auf dem Nullpunkt angekommen war. Dann gab es einen Vorschuß, den die Frau Direktor, wie sie mit bedeutender Stimme sagte, nur ihm bewilligte. — Wirklich eine vornehme Frau! dachte er. Sie lud ihn auch manchmal zu sich ein, wenn sie allein war, und setzte ihm sehr viel Likör vor, den sie selber gerne trank. Sie klagte ihm auch nach und nach ihr Leid, wie sie im Grunde eigentlich allein stehe. Er dachte: arme Frau! und da er sich zu ihr auf das Sofa hatte setzen müssen, und sie ihm wie schutzbedürftig die Hand entgegenhielt, nahm und drückte er sie, konnte seine eigene dann aber nicht mehr zurückziehen, da sie sie festhielt. — Ich würde Ihnen ja gern Ihre Gage erhöhen, wenn Sie das wünschen, für Sie tue ich alles was Sie wollen, wenn Sie nur ein wenig Mitleid mit mir haben! Sie war ihm nahe gerückt und jetzt lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Fox befreite sich sanft, aber eindrucksvoll von ihr, stand auf und sagte in vollkommenem Kavalierton: Gnädige Frau, Sie sind schonungsbedürftig! Wollen Sie nicht ein wenig ruhen? Gestatten Sie, daß ich Sie deshalb verlasse. — Sie begriff die Lage sofort. — Jawohl, ich bin schonungsbedürftig, sagte sie in ihrer langsamen Sprechweise, nachdem sie ihn mit einem sinnenden Blick gemustert hatte, Sie haben recht und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie gehen wollen, man sagt das seinen Gästen nicht gern selbst. Leben Sie wohl — nun, heute abend sehen wir uns ja auf der Bühne. —
Fortan bekam er aber keinen Likör mehr zu trinken, und als er das nächstemal um Vorschuß bat, wiegte sie gleichmütig den Kopf hin und her und sagte: Es geht nicht, es geht beim besten Willen nicht, Sie haben nun schon so oft Vorschuß bekommen, mein Mann macht mir Vorwürfe, ich zöge Sie andern vor, und bei denen habe es schon böses Blut gemacht, mein Mann ist Direktor, und da muß ich ihm folgen. — O weh, dachte Fox, jetzt weiß ich was die Glocke geschlagen hat! — Wenn wir alle Ihre Vorschüsse zusammenrechnen, fuhr sie fort, so bleibt Ihnen nicht einmal mehr ein Pfennig Honorar für die ganze Saison. Ich fürchte sogar, Sie müssen mir einiges zurückzahlen. Ich habe alles notiert und kann es schwarz auf weiß beweisen mit den Quittungen! — So redete sie jetzt; und früher — nicht nur jenes letztemal auf dem Sofa — hatte sie ihm angedeutet, daß sie sein Gehalt vergrößern wolle, ja es war ihm so, als sei dieses — wenn auch nur mündlich — fest zwischen ihnen ausgemacht gewesen. Was nun an seinen Geldern Zuschuß, was Gehaltsvergrößerung war, das konnte er kaum mehr auseinanderscheiden. — Er hielt ihr dies jetzt vor. Sie sah ihn wie erstaunt an, dann lachte sie kurz und mütterlich und sagte: Sind Sie aber naiv! Wenn ich heute eine Million gewönne, würde ich sie sofort Ihnen und dem ganzen übrigen Personal abtreten, denn ich habe keine Bedürfnisse und liebe meine Künstler wie eine Mutter ihre Kinder. Aber Ihnen persönlich vor den übrigen einen Vorzug geben — das ist mir niemals eingefallen. — Aber Sie haben mir doch selbst gesagt — — Kurzum, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme wurde plötzlich fast männlich sonor und rauh, kurzum verbitte ich mir derartige Unterstellungen! Ehe Sie Vorzüge vor den andern beanspruchen, zeigen Sie mal Ihre persönlichen Vorzüge! Mein Mann hat ganz recht: Sie verderben uns direkt den Besuch des Theaters! Überall wo man hinhört, heißt es: der langweilige Siegmaringen! Und im Tageblatt steht’s genau so! — Das ist doch nicht meine Schuld! — Ja wessen denn? — Die Schuld von dem Kerl, der das geschrieben hat! Es liegt am Geschmack der Menschen, aber nicht an mir! Kein Mensch kann aus seiner Haut! — Das ist es ja eben! rief sie erregt, Sie stecken immer in Ihrer Haut, und das aus der Haut fahren überlassen Sie dem Publikum! — Auf solchen Ton einzugehen, sagte Fox, sehe ich mich nicht in der Lage. Mit einer eisigen Verbeugung entfernte er sich, und Frau Ida rief hinter ihm drein: Ihnen fehlt eben der Sinn für das Ideale! —
Was Frau Steinert über die Kritik gesagt hatte, entsprach der Wahrheit: Im Tageblatt war zu lesen, die Leistungen des Herrn Siegmaringen seien langweilig und dilettantisch, nachdem er zu Anfang, namentlich mit Charleys Tante, so Eminentes versprochen habe. Man gab der Direktion Winke, diesen Künstler nicht allzusehr zu beschäftigen, lieber in kleinen Nebenrollen auftreten zu lassen, wo er nicht viel verderben könne, und wirklich hatte die Direktion Fox im Laufe der Zeit alle größeren Rollen fortgenommen; selbst Charleys Tante wurde jetzt von jenem jungen Talent gegeben, das Herr Steinert versuchsweise in das komische Fach hatte einspringen lassen, in dem es sich auch vorzüglich bewährte. Der Direktor beklagte den Schaden, der der Kasse erwuchs, indem er dies Talent nun höher honorieren mußte.
Fox merkte, daß er wieder an einem Wendepunkte seines Lebens stand. Niemand borgte ihm hier einen Pfennig, an die Direktion hatte er Schulden, wie er selber einsah, als Schauspieler war er auch fast schon unmöglich — irgendein rettender Sprung mußte getan werden; vor allem mußte er sich Geld schaffen, damit er wenigstens die Mittel hatte einen Plan ins Werk zu setzen. An seinen Vater konnte er sich nicht wenden, seine früheren Freunde würden ihn verleugnen, so blieb nur Pitt.
Viel geschrieben hatten sich die beiden Brüder die letzten Jahre nicht, Fox wußte aber, daß Pitt nun seit geraumer Zeit in einer neuen, einträglichen Stellung saß. Sollte er seine klägliche Lage eingestehen, direkt um Geld bitten? Er schämte sich etwas. Da fiel ihm auf einmal ein Ausweg ein: Pitt besaß noch einen Haufen Aufsätze von ihm im Manuskript, die er ihm damals, als er ihn und Lotte verließ, eingehändigt hatte: Die mußte Pitt jetzt unter allen Umständen in einer Zeitschrift unterbringen, und ihm das Honorar sofort übersenden. Er schrieb an Pitt darüber, und schloß: Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber du weißt wohl vom Hörensagen, daß Künstler leichtblütigen Naturells sind, daß das Geld zwischen ihren Fingern hindurchrollt! Überraschend schnell hatte er das Honorar in Händen, viel mehr als er gehofft hatte. Pitt schrieb, er fühle doch durch, daß Fox das Theater nicht sehr befriedige, und er frage an, ob er geneigt sei, einen literarischen Beruf zu ergreifen? Er könne ihm eventuell zu einer Stellung sehr behilflich sein. Fox ergriff diese Möglichkeit mit beiden Händen; es verging wieder eine kurze Zeit, dann telegraphierte Pitt: Komm sofort. Fox hielt dies Telegramm in den Händen: Wie ein Erlösungsruf blickten ihn die Worte an, und er dachte: Der Pitt ist doch ein guter Kerl, wirklich ein guter Kerl, wenn ich mir diesen Ruf auch höchstwahrscheinlich selber durch meine Artikel geschaffen habe — immerhin — er hat das doch wirklich — also wirklich — — fair gedeichselt! —
Er studierte das Kursbuch und fand, daß der schnellste Zug am Abend gehe, gerade während des letzten Aktes. Ins Theater mußte er also noch. Das würde eine schöne Überraschung geben, wenn er auf einmal nicht mehr da war!
Herr Siegmaringen! schnell, schnell, es ist die höchste Zeit! gleich fällt Ihr Stichwort! rief der Direktor. Fox hatte sich extra absichtlich verspätet. — Sintrup, sagte er, mein Name ist Sintrup, Redakteur Sintrup. — Lassen Sie die Späße! Machen Sie ein einziges Mal so einen Witz auf der Bühne und ich bin zufrieden! Los, schnell! — Fox bequemte sich und spielte schlechter als jemals; hinter der Kulisse agierte Frau Steinert mit beiden Armen, das Tempo zu beschleunigen. Du alte Vogelscheuche! dachte Fox, du wirst heute noch ganz andere Augen machen; und er sprach als wolle er im nächsten Augenblick einschlafen. — In der Pause gab es Vorwürfe, die er grinsend über sich ergehen ließ. — Sie sind wohl betrunken?! fragte Herr Steinert plötzlich: Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich zusammen, ich werde sonst andere Saiten aufziehen. — Ich werde Sie peitschen lassen, entgegnete Fox und sah ihn trocken an. — Allmächtiger Gott, er ist irrsinnig geworden! rief Frau Steinert in klagendem Ton. Der Direktor wollte auf ihn los. — Na Kinder, regt euch nur nicht auf, es war nur Scherz; sagte Fox und lachte. Es ward wieder geläutet, Frau Steinert mußte rasch an ihr Klavier zurück, ihr Mann begab sich an den Vorhang. Es kam der letzte Akt, Fox hatte erst gegen Ende aufzutreten. Fieberhaft kleidete er sich in der Garderobe um — es gab gerade einen Volksauflauf, alle waren auf der Bühne beschäftigt — dann verließ er das Theater; den falschen Bart, den er zu tragen hatte — er bestand aus früher ausgekämmten Haaren der Frau Direktor, behielt er vorläufig noch im Gesichte.
Der Akt verging, es war schon von ihm die Rede, jetzt mußte er erscheinen, die Mitspielenden starrten auf die offene Tür, nachdem einer bereits deklamiert hatte: Doch wer naht da mit schnellem Schritt?! Hinter der Szene wurde geredet, eilige Schritte gingen hin und her, es folgte eine kleine Totenstille, dann fiel der Vorhang. Es drohte eine Panik im Hause auszubrechen, aber der Direktor trat mit schneller Geistesgegenwart vor den Vorhang und erklärte, es sei einem der Mitglieder plötzlich unwohl geworden, nur für einige Minuten. Sie seien gezwungen, eine kleine Pause eintreten zu lassen und dann die letzten Szenen zu wiederholen. Die Herrschaften, so schloß er, delektieren sich wohl inzwischen an den leiblichen Genüssen, die unser allverehrter Herr Restaurateur in so vorzüglicher Weise zu bereiten versteht! Er trat wieder hinter den Vorhang zurück, und nun begann ein fieberhaftes Suchen nach Fox Sintrup. Selbst die kleinsten Orte wurden durchgespürt. Sucht ihn auf dem Markt! befahl der Direktor, vielleicht war ihm vorhin wirklich übel und er hat die Zeit verwechselt und ist an die frische Luft getreten! — Er stürmte selbst die Treppe hinab. Hermann! Hermann! du erkältest dich! rief seine Frau, mein Gott, die heiße Luft, der Schweiß — und mit einem Tuche eilte sie hinter ihm drein.
Trübe, brummig und schweigend lag der kleine Platz da, mit seinen langweiligen einstöckigen Häusern, nur das bunte Schild des Glasermeisters Kuhlemann klapperte im Winde.
Lauf du nach seiner Wohnung, ich renne in die Kneipe! rief der Direktor, wir müssen ihn wieder haben! In fünf Minuten sind wir wieder da!
Im Zuschauerraum hatte sich inzwischen — niemand wußte durch wen und woher — herumgesprochen, Herr Siegmaringen sei plötzlich irrsinnig geworden, Frau Direktor habe es gesagt. Und mit einem Male hieß es: Er rase draußen auf dem Markte. Jetzt erhoben sich einige Neugierige, niemand wollte recht der erste sein, aber dann traten doch ein paar auf die Tür zu, andere folgten schneller, und mit einem Male drängte alles in dicken Haufen die Treppe hinunter und auf den Markt hinaus. In einiger Entfernung blinkte ein Schutzmannshelm. — Dort, dort ist er um die Ecke gelaufen, der Schutzmann hat vorhin jemand um die Ecke laufen sehen! Ein Haufe stürmte in der angegebenen Richtung davon, andere schrien: das war ja der Herr Direktor selber! Inzwischen waren auch die übrigen Schauspieler aus ihren Hinterbühnenräumlichkeiten ins Freie geeilt, als es sich herumsprach, daß das Publikum hinabdrängte und daß Herr Siegmaringen tatsächlich in irgend einem Wahnsinnszustande dort unten sei, der kleine Markt war jetzt belebt und voller Lärm, und die verschlafenen Häuser blinzelten mit müden Augen, die sich hier und da öffneten, in immer größerer Zahl. — Da kommt er! da kommt er! rief jemand und deutete in eine Seitengasse, wo niemand wen vermutete. Wirklich kam eine dunkle Gestalt dahergelaufen. Ihr auf den Fersen folgte eine andere, große, hagere, weibliche, die sich im Laufen die Haare mit beiden Händen festhielt. — Die Frau Direktor hat ihn! Die Frau Direktor hat ihn! Und nun wälzte sich der Knäuel auf die beiden zu. Energisch drängten jetzt die Schutzleute — es waren inzwischen zwei geworden — durch die Haufen, bis zu dem atemlosen Direktor und seiner Gattin. Er ist nicht da, wir finden ihn nicht! rief der Direktor. — Unser Geld, wir wollen unser Geld! riefen einzelne, die Vorstellung ist unterbrochen worden. Der Direktor verkündigte mit lauter Stimme, die Billetts behielten ihre Gültigkeit für dieselbe Vorstellung, worauf man auf dem Markte applaudierte, als befinde man sich in dem Theater selbst. Dann stürmte man zurück ins Haus, zu den Garderoben. —