Niemand wußte vorerst um die tatsächliche Wirklichkeit, nur das wußte man: in der Kneipe war Herr Siegmaringen nicht, und zu Hause auch nicht, denn seine Fenster waren dunkel. — Nur Foxens Freundin ahnte was geschehen sei: Er hatte ihr heute eine Mark geschenkt! Am nächsten Tage ward ihr diese Ahnung bestätigt: Fox war kontraktbrüchig geworden und hatte die Stadt verlassen. Man hätte ihn vielleicht polizeilich verfolgen, auch den Paragraphen der Konventionalstrafe in Anwendung bringen können, aber, was den Paragraphen betraf: Der stand nur auf dem Papier, niemand von all den armen Teufeln am Theater konnte sechshundert Mark bezahlen, und kein vernünftiger Schmierendirektor konnte sich selbst in Unkosten stürzen, eines solchen Trugbildes willen. Und was die polizeiliche Zurückholung anging: Nachdem der erste Zorn verraucht war, sah der Direktor ein, daß er sich im Grunde freuen müsse, diesen Künstler los zu sein, und in diese Ansicht stimmte auch die offizielle Presse ein, die durch das „Tageblatt“ vertreten war, das über den Vorfall am übernächsten Tage einen Leitartikel erscheinen ließ, überschrieben: Nächtlicher Spuk auf unserm Markte, und der mit den Sätzen schloß: Der Direktion können wir zu ihrem Verlust nicht kondolieren, da dieser Verlust in unseren Augen nur einen negativen Gewinn bedeutet. Unser allverehrter Herr Direktor würde sich auch wohl nie entschlossen haben, diesen Künstler zu engagieren, wenn er nicht damals gezwungen gewesen wäre, der Not zu gehorchen und nicht dem eigenen Triebe. Damit rühren wir in manchem unserer Leser eine Erinnerung auf, die wir einem größeren Leserkreis nicht aufzutischen gedenken, da wir, fern von aller kleinstädtischen Klatschsucht, unsern verehrten Abonnenten nur wirklich Gediegenes zu bieten gewohnt sind. Eine Frage aber drängt sich uns unwillkürlich auf, und wir reden hier im Namen von vier Herren unserer hohen Gerichtsbarkeit: Wie und wann begann die Mystifikation? Hatten wir es zu tun mit einem stellensuchenden Schreiber, mit einem Klaviervirtuosen, mit einem Schauspieler, oder nur mit einem — Schwindler?! —
Zehntes Kapitel.
Nachdem Herta sich von Pitt getrennt hatte, folgte eine Zeit der Zerrissenheit für ihn. Er sehnte sich nach ihr zurück, er rief ihren Namen, — und dann wieder war es, als ob er sie eigentlich überhaupt nicht vermißte. Er bildete sich ein, mit Herta alles verloren zu haben, und doch wußte er im Grunde, daß seine Liebe keine Leidenschaft gewesen war. Was er empfinden konnte, hatte er empfunden, und wenn er früher seine Liebesunfähigkeit damit getröstet hatte, daß ihm nur noch nicht der Mensch begegnet sei, durch den sein dürrer Boden befruchtet werde, so wußte er nun, daß er diesen Menschen niemals finden würde, daß seine eigene, innere Kälte ihn im letzten Grunde stets von allen Menschen entfernt hielt und immer einsam stehen lassen würde. Aber wie kam es dann, daß sein Gefühl ihn stets wieder zu den Menschen trieb, daß er seine Einsamkeit als etwas so Entsetzliches empfand? Sollte er abermals den Versuch machen, den Nebel zu durchbrechen, der um sein Wesen lag, so fest und ewig wie um Weltenkörper? Er schloß sich ganz in sich ab und dachte: Besser eine allgemeine graue Öde als eine Öde in die ab und zu Licht hineinscheint, das dann wieder verschwindet. —
Er wandte sich ganz der Arbeit zu. Aber diese Arbeit schien ihm leer und lästig, da er überhaupt nicht das mindeste Interesse hatte für die Schicksale fremder Menschen, für ihre Klagen und ihren Schrei nach dem Recht. Das alles kam ihm komisch und nichtig vor. Soll dieses ewig so weiter gehen? dachte er manchmal, und überlegte, ob er nicht alles aufgeben und davon gehen sollte. Aber was blieb ihm dann? Wovon sollte er leben? Er hielt es noch einige Zeit aus, und gerade, als er wieder einmal auf seinem Sofa saß und darüber nachdachte, daß irgendein Wechsel eintreten müsse, traf ihn die Nachricht von dem Testamente seiner Mutter. Sofort war sein Entschluß gefaßt: Er brach seine beruflichen Beziehungen ab und wollte sich in die Welt begeben. Er erwartete nichts von ihr als Zerstreuung, aber die war ihm auch genug. Er reiste, trieb sich mehrere Jahre in verschiedenen Ländern herum, nahm an flüchtigen Erlebnissen mit was sich ihm bot, und kehrte endlich ebenso beschwert und unbeschwert in seine Stadt zurück, wie er von ihr ausgegangen war. Daß er gerade hierhin zurückging, und nirgend wo anders, war für ihn so selbstverständlich, daß er gar nicht über den Grund nachdachte. Diese Stadt war ihm, trotzdem er nicht viel Glückliches in ihr erlebt hatte, wie seine Heimat, nach der es ihn schließlich, je mehr die Zeit vergangen war, immer dringender zurückgezogen hatte. Am Tage nach seiner Ankunft ging er zum Haus der van Loo, sah es lange an und dachte: Es steht noch immer da. — Von seinem Geld hatte er soviel zurückbehalten, daß er noch bequem einige Monate leben konnte, auch, nachdem jene erste unvorhergesehene und große Summe für seinen Bruder Fox davon abgezogen war; was werden sollte, wenn dieses Geld aufgezehrt war, wußte er nicht, aber als letzte Lösung begann seit einiger Zeit der Gedanke im Hintergrund zu stehen: Das Leben ist mir so wenig wert, daß es nicht allzuschwer sein wird es zu verlassen. Dieses war ein letzter Ausweg, und er beruhigte ihn halb, obgleich er ahnte, daß er ihn doch niemals gehen werde, da ihm zu jeder Gewaltsamkeit die Energie fehlte.
Er tat nun gar nichts, las viel in philosophischen Werken, auf dem Sofa, ganz so wie in früheren Zeiten, und suchte Zerstreuung in literarischen und dramatischen Vereinen. —
Großer Gott, dachte er eines Tages, indem er von seinem Fenster aus einer Dame nachsah, die ihn gerade verlassen hatte, sollte die sich etwa den Gestalten der Vergangenheit anreihen wollen? Bisher habe ich doch wenigstens keinen schlechten Geschmack gehabt! —
Diese junge Dame war Fräulein Heine, Tochter eines sehr reichen Bankiers, die er auf einem jener Vereine kennen gelernt hatte. Sie war nicht eben groß, hatte schwarzes Haar und trug fast stets ein rotes Kleid aus sehr feinem, teurem Stoff. In den Kaufmanns- und Bankierskreisen, die mit dem Hause ihres Vaters in freundschaftlicher Beziehung standen, galt sie für exklusiv und hochmütig; auch sei sie schöngeistig veranlagt und werde ihrem Hause gewiß einmal die Schande antun, irgend einen hergelaufenen Literaten zu heiraten. —
Fräulein Heine nun warf ihr Auge auf Pitt Sintrup, der einen so ganz besonderen germanischen Typus hatte, und eine so wundervolle feine Ironie, die beinah wieder wie Ernst klang, so fein war sie! Sie merkte, daß an diesem Menschen irgend etwas war, das sie noch bei keinem andern Manne kennen gelernt hatte, und beschloß ihn zu studieren.
Sie war äußerst belesen und wußte ihn in Gespräche über die verschiedensten literarischen Probleme zu verstricken, und er, halb gutwillig, halb zerstreut, konnte doch nicht anders als ihren Verstand anerkennen, so wie der sich auf Dinge richtete, die nicht sie selbst betrafen. Sie fragte ihn auch sehr viel nach seinem Leben, nicht allgemein, sondern indem sie ihre Sätze so detaillierte und formulierte, daß er einfach mit ja und nein zu antworten brauchte. Dadurch erfuhr sie eine ganze Menge, denn Pitt sah durchaus keinen Grund mit seinen ja und nein zurückzuhalten, manchmal freute er sich sogar gespannt auf irgendeine neue Frage, die er herannahen fühlte, und dachte: Wie wird sie das jetzt wohl hervorbringen?! Sie kam immer öfter zu ihm, und wenn sie ihn anfangs zerstreut und belustigt hatte, wurde sie ihm auf die Dauer nur noch lästig. Sie erzählte ihm auch, daß sie ihn liebe; sie habe nichts zu verbergen, so sagte sie, was für ihr eigenes Ich von so großer Wichtigkeit wäre, und was — allgemein gesprochen — im Leben eines jeden Individuums einen so großen Faktor bedeute. Hierzu lachte er nur, und meinte, daß er sie nicht wieder liebe, worauf sie entgegnete, das sei auch nicht verwunderlich, bei dem einen käme die Liebe rascher — das seien die eigentlich Dionysischen, bei den andern langsamer; für diese letzten hatte sie keine nähere Bezeichnung. — Er begann grob gegen sie zu werden; das machte ihr gar nichts: Ich liebe diese Grobheit, sagte sie, es tut einem wohl, einmal wieder eine natürliche Sprache zu hören, wenn man täglich die größten Schmeicheleien gesagt bekommt, das stumpft allmählich ab. — Wie viele Jahre bekommen Sie die schon zu hören? fragte Pitt. — Wenn ihr seine Grobheit zu arg wurde, schlug sie ihn burschikos auf die Schulter.
Sein Leben, wie es jetzt war, erschien ihr wahnsinnig; so wie es lag, gab es absolut keine Zukunft für ihn. Sie drang in ihn, er solle seine juristische Karriere wieder aufgreifen, bei seinen eminenten Fähigkeiten werde er bald viel Geld verdienen. Bei näherem Nachdenken aber sah sie selbst ein, daß er sich für einen solchen Beruf nicht eigne. Sie zerbrach sich oft den Kopf, ob sie selbst nicht eine Stellung für ihn wisse oder schaffen könne, die für ihn passend sei, und eines Tages erschien sie angeregt in seinem Zimmer. — Setzen Sie sich nicht, sagte Pitt, die Stühle sind frisch gestrichen! — Nach einem flüchtig konstatierenden Blick antwortete sie: Sie Grobian! und ließ sich nieder. Darauf machte sie ihm ihren Vorschlag: Es handelte sich um die Übernahme einer Redaktionsstelle.
Ihr Vater war Inhaber und Begründer einer Handelszeitschrift, die ein literarisches Feuilleton als Anhang hatte. Der jetzige Redakteur für diesen Teil hatte seine Stelle plötzlich aufgegeben, man brauchte Ersatz. Herr Heine verstand von Literatur und Kunst nicht das mindeste, seine Tochter hatte in diesen Dingen großen Einfluß auf ihn, sie hatte ihn auf Pitt Sintrup hingewiesen, das sei der Mann der Zukunft! Herr Heine wollte reelle Belege dafür sehen, und sie gab ihm einfach Besprechungen und Aufsätze, die Fox einst gemacht hatte und die sie einmal mit nach Hause nahm, um auch diesen Bruder geistig kennen zu lernen. Er las diese Artikel, die neben manchem ihm Unverständlichen auch sehr vieles enthielten, was er selbst oft gedacht hatte, wenn er aus dem Theater kam, und sagte: Ein solcher Mensch sei ihm ganz recht; etwas Unverständliches müsse heutzutage bei jeder schöngeistigen Sache mit unterlaufen, er selbst pfeife darauf, aber das sei modern, das ziehe. — Von diesen untergeschobenen Artikeln sagte sie Pitt nichts, da er ihr dann vielleicht alles zerstört haben würde. — Pitt machte ein verächtliches Gesicht und sagte, er wolle nicht. Sie ließ sich aber nicht abschrecken. Ein Mensch wie Sie, sagte sie, braucht eine Tätigkeit, die er als Nebenbeschäftigung, als Spiel ansieht, die ihm Geld abwirft, damit er leben kann. Ich garantiere Ihnen, Sie haben dort nicht viel zu tun!
Pitt horchte auf. — Nein, fuhr sie fort, schüttelte den Kopf und stieß mit dem Schirm auf den Boden, das garantiere ich Ihnen! Sie haben nichts weiter zu tun als täglich ein paar Manuskripte zu überfliegen. Sie sehen ja doch gleich nach den ersten Sätzen, ob eine Sache gut ist oder nicht. Dann akzeptieren Sie oder refüsieren Sie, je nachdem. Für alles Gröbere, Untergeordnete ist ein Nebenredakteur da, der unter Ihnen steht. Also — sagen Sie zu? Gehen Sie gleich mit mir zu meinem Vater! — Da er nicht antwortete, stand sie auf, holte seinen Hut, stieg auf einen Stuhl und drückte Pitt von oben mit einem Schlage seine Kopfbedeckung auf die Haare. Er tat sie ebenso schnell wieder herunter und warf sie auf den Tisch. Fräulein Heine stellte sich dicht vor ihn hin, sah mit lächelndem Blick zu ihm auf, ihr Kinn berührte fast seine Brust. Na?! fragte sie aufmunternd, kann der Herr sich nicht entscheiden?
Ich will mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben! sagte Pitt aus einem plötzlichen Gefühl heraus, suchen Sie sich lieber einen Menschen aus Ihrer Clique! — Sie lachte trocken und meinte dann mit ihrer resonanzlosen, etwas staubigen Stimme: Morgen komme ich wieder, ich hoffe, bis dahin sind Sie klüger geworden. —
Pitt hatte ein starkes Gefühl gegen diese Sache. Wäre sie ihm noch von jemand anders angeboten — aber gerade von Fräulein Heine — —! Doch schließlich verpflichtete ihn das ja zu gar nichts. Das Gehalt, was sie ihm nannte, war so hoch, daß er mit seinen geringen Ansprüchen sehr bequem leben konnte, und er war, wenn er annahm, wieder einmal für ein paar Jahre gerettet. Im Grunde war es ihm egal, ob er Redakteur wurde oder nicht; also konnte er es ja werden, da er dadurch Geld verdiente, auf eine bequeme Art und Weise.
Am nächsten Nachmittag fuhr er aus seinem Schlafe, da es sehr stark gegen die Zimmertür klopfte. —
Sie schon wieder! sagte er, als er Fräulein Heine erblickte — er hatte die ganze Sache in diesem Augenblick fast völlig vergessen. — Jawohl, ich schon wieder! sagte sie und machte breite Lippen, als wollten sich die ganz besonders durchsetzen. Nun, haben Sie sich jetzt entschlossen? Wachen Sie doch vor allem erst einmal völlig auf! — Pitt riß die Augenlider auseinander, dann wußte er plötzlich genau um alles Bescheid und gab nun zögernd seine Zusage. Während er sprach, betrachtete sie ihn mit zurückgeworfenem Kopf und humoristisch überlegenen Augen, als wolle sie sagen: Du Kind, begreifst du nun, daß ich es gut mit dir meine?!
Am Spätnachmittag machte er ihrem Vater einen Besuch. Klein, grau, gut gepflegt, sehr gemessen in seinen Bewegungen stand der vor ihm, bei der folgenden Unterhaltung zündete er sich eine Zigarre an und stieß lange Rauchwolken aus, wie eine gutgeleitete Fabrik, die einmal auch noch nach Feierabend in Betrieb ist. — Fräulein Elsa trat herein, sie begrüßte Pitt mit freundlich-herzlichen Worten, — er machte ihr eine etwas unsichere Verbeugung — und nötigte ihn wieder auf seinen Platz. — Sie hatte etwas Angst, ihr Vater könne sich im Laufe des Gespräches auf jene Foxschen Artikel beziehen, aber das tat Herr Heine nicht, es wäre ihm dies ebenso zwecklos erschienen, als wenn er über eigene vergangene Unternehmungen irgendein überflüssiges Wort verloren hätte: Er wußte von Herrn Dr. Sintrup Bescheid, das genügte. Während er über die Einzelheiten der Zeitschrift redete, warf Fräulein Heine diese und jene erläuternde Bemerkung ein, die Pitt mit einer leisen Verbeugung erwiderte; aber seine Gedanken irrten ab, und als Herr Heine für einen Augenblick ans Telephon gerufen wurde, fuhr Fräulein Elsa protegierend auf ihn los: Sie trauen sich viel zu wenig zu! Entwickeln Sie ein Programm! Lassen Sie ein paar Schlagwörter los! — und rüttelte ihn am Arme. — Was fällt Ihnen denn ein? sagte Pitt, lassen Sie mal sofort Ihre Hand von meinem Arm! Herr Heine kam zurück, die beiden waren plötzlich wieder ganz gesellschaftlich, aber während die Unterhaltung von neuem aufgenommen wurde, stand Fräulein Elsa, in Erwartung der Wirkung ihrer Worte, wie eine kleine Kanone da, deren Lauf auf Pitt gerichtet war. — Ich möchte jetzt gern mein Programm entwickeln! sagte Pitt, aber Herr Heine meinte, mit diesen Einzelheiten möge er sich lieber an den Chefredakteur wenden, dem er überhaupt in der ganzen Frage die letzte Entscheidung anvertraut habe. Pitt hatte sich in aller Schnelligkeit eine Rede mit allerlei Gesichtspunkten ausgedacht, die sparte er nun auf. Ihm erschien die ganze Sache mit einem Male lustig und unterhaltend.
Stecken Sie Ihre Hoffnungen nur nicht zu hoch! sagte der Chefredakteur, Herr Wolf, ein Herr mit dichtem, schwarzem Schnurrbart und glattrasierten blauen feisten Wangen — nachdem Pitt alle Gesichtspunkte, die sich für ein literarisches Organ finden lassen, erörtert hatte: Der literarische Teil ist bis jetzt nur eine Art von Anhängsel, und muß es vorerst auch noch bleiben, so sehr ich Ihrer Tatkraft ein größeres Arbeitsfeld wünschte. —
So war Pitt wirklich Redakteur geworden. Herr Wolf geleitete ihn am ersten Morgen in das literarische Arbeitszimmer und stellte ihm den Unterredakteur, Herrn Bertold vor, ohne jedoch dessen Namen zu nennen. Dies war ein blonder junger Mann mit einem Getümmel von Haaren auf dem Kopf. Wie eine Bildsäule stand der da, als Herr Wolf die Worte sprach: Das ist der Herr, mit dem Sie, Herr Doktor, künftig an einem Tische arbeiten werden; in den technischen Betrieb der Sache kann er Sie vorzüglich einführen, denn das versteht er. Im übrigen werden Sie ihn ja wohl selbst kennen lernen. — Bei diesen letzten Worten errötete Herr Bertold bis an die Haarwurzeln und sah Herrn Wolf halb herausfordernd, halb untertänig an. Dann entfernte sich Herr Wolf, und Pitt blieb mit Herrn Bertold allein; setzte sich ihm gegenüber und wartete, daß er in den Betrieb eingeführt werde. Aber Herr Bertold blickte nicht von seinen Papieren auf und Pitt harrte vergebens, daß nun etwas mit ihm selbst geschehen solle. — Was hat denn der? dachte er, als Herr Bertold zwischendurch die Papierschere ergriff und dabei einen tief verletzten Blick auf ihn warf. Und als er wieder so einen Blick bekam, sagte er: Ich kann ganz wahrhaftig nichts dafür, daß ich hier sitze; bitte, wie lange muß man vormittags hier bleiben? Weshalb antworten Sie mir nicht?! — Da legte Herr Bertold seine Schere weg: Habe ich Ihnen zu antworten? Muß ich Ihnen Rede stehen? Hat man es der Mühe wert gehalten mich gesellschaftlich mit Ihnen bekannt zu machen? O ich weiß ganz genau: das sind wieder so raffiniert ausgedachte Demütigungen, bei jeder Gelegenheit zeigt man mir es auf die roheste Weise, daß ich ein Unterbeamter bin; natürlich hat man Sie bereits angesteckt; alle von da drüben — er deutete auf die nebenan liegende Räumlichkeit — benehmen sich auf die gleiche Weise — das ist so Mode hier, das ist höchste Gebildetheit! — Er hatte seine Stimme sehr stark erhoben. — Was ist denn da los? fragte Herr Wolf, indem er seinen dunklen Kopf ins Zimmer steckte. Herr Bertold sah ihn mit verwirrten Augen an und sagte unsicher: o gar nichts, ich erzählte nur gerade etwas — worauf Herr Wolf die Tür mit einem bedeutenden Blick wieder schloß. — Sogleich gingen Herrn Bertolds Augen wieder groß und bitter auf Pitt Sintrup: Demütigen muß man sich vor diesen Menschen — und warum? Weil man sonst auf die Straße fliegt und verhungern kann! — Wenn Ihnen was an meinem Namen liegt — — sagte Pitt und nannte ihn. Irgend etwas an diesem Menschen war ihm sympathisch. Herr Bertold sah ihn unsicher an und fuhr fort, in sanfterem Ton: Sie müssen es mir nicht übelnehmen wenn ich mißtrauisch bin gegen alles, was da von nebenan hereinkommt. — Ich habe diesen Herrn erst gestern kennen gelernt, sagte Pitt. — Durch wen sind Sie denn hier in die Redaktion hereingekommen? fragte Herr Bertold etwas zutraulicher. Wohl durch Fräulein Heine? Pitt nickte, worauf Herr Bertold so blanke Augen machte als sei dies der beste Witz, den er noch in seinem ganzen Leben gehört habe. — Pitt hielt es für angemessen, sich nicht nach der Ursache dieses Grinsens zu erkundigen. — Er wurde nun in den Betrieb der Sache, wie es Herr Wolf genannt hatte, eingeführt, lernte alle Fächer und Schubladen kennen, in denen die verschiedenen Arten der Manuskripte lagen, die Namen der ständigen Mitarbeiter und ihre Funktion — Herr Bertold nannte sie samt und sonders Idioten — die Einteilung der Zeitschrift selbst in ihren Einzelheiten, den Termin des wöchentlichen Druckes, der Korrekturen und der Auslieferung.
Zu Anfang ließ sich Pitt seine Tätigkeit etwas schwer werden; das Manuskriptlesen machte ihm noch einigen Spaß, auch die Aufmunterungsschreiben an faule unzuverlässige Mitarbeiter und die Besuche der ständigen Kritiker — es gab auch allwöchentliche Theater- und Konzertbesprechungen — und es schien, als wolle er so etwas wie eine wirkliche künstlerische Tendenz durchführen; aber er erlahmte schon in den Anfängen. Wenn die Kritiker auf seine prinzipiellen Ausstellungen hin erwiderten: Sie machten das nun schon seit Jahren so und das Publikum sei noch stets zufrieden damit gewesen, das Publikum verlange so etwas geradezu — so dachte er schließlich: Nun ja, — und für das Publikum wird ja auch das Ganze gemacht und nicht für mich. — Mit Herrn Bertold kam er außerordentlich gut aus. Manchmal schwebte es ihm auf der Lippe zu sagen: Könnten Sie nicht dieses und jenes unternehmen statt meiner — aber es fiel ihm ein, daß Herr Bertold ja Unterredakteur war, Herr Bertold erschien ihm dann wie die Verkörperung des ganzen Unternehmens selbst — das Pitt an die erste und nicht die zweite literarische Stelle gesetzt hatte — wie seine eigene Obrigkeit gleichsam, die solches Ansinnen gerügt haben würde. Aber Herr Bertold selbst kam ihm zu Hilfe. Zu Anfang dachte er — so wie der Chefredakteur — Pitt sei von großen Plänen und starker Tatkraft beseelt, bis er dann allmählich merkte, daß Pitt sich über alles und sich selbst im Grunde nur lustig machte. Daß dies nicht einem Mangel an Fähigkeiten entsprang, fühlte Herr Bertold auch, und so erschien ihm Pitt nur wie ein Wesen anderer Art und vielleicht höherer Art als er sich selber. Mit halb freundschaftlicher, halb devoter Stimme fragte er, ob er ihm nicht das eine oder das andere abnehmen dürfe. Hocherfreut ging Pitt darauf ein.
Und alsbald schaltete und waltete Herr Bertold, immer unter dem Siegel von Pitts Unterschrift. —
Es geht gut, es geht vorzüglich! sagte Herr Wolf, seit Ihrem Eintritt ist ein ganz anderer Geist in die Sache gefahren! Nach Ihrer ersten Unterredung damals hätte ich gar nicht geglaubt, daß Sie einen solchen Sinn für das rein Aktuelle hätten! — Ja ja, antwortete Pitt, darauf kommt alles an! und er erschien sich in diesem Moment fast wie sein Bruder Fox. —
Fräulein Heine gratulierte ihm zu seiner Genesung, wie sie es nannte; ich bin der Engel, sagte sie, der Sie gerettet hat. Wissen Sie noch, wie zerfahren Sie zu Anfang gewesen sind? Morgen hole ich Sie von der Redaktion ab und gehe mit Ihnen in die Bildergalerie; ich bin mir über die Stellung Kranachs in der deutschen Malerei nicht ganz klar und möchte, daß Sie mir vor den Bildern sagen, was Ihre Ansicht ist. Später gehen Sie dann zu uns zum Essen.
Dies ist eine recht üble Karikatur der Vergangenheit! dachte Pitt, indem seine Gedanken zu Herta zurückgingen, ich muß dafür sorgen, daß es nicht zu toll ausartet, obgleich es mich jetzt schon manchmal elend macht. —
Seit sie Pitt jene Redaktionsstelle verschafft hatte, glaubte Fräulein Heine sich zu größeren Anforderungen berechtigt. Sie schlug einen freieren, entschiedeneren Ton gegen ihn an, und Pitt kam in eine schwankende Lage. Zunächst spielte er noch zwei Rollen ihr gegenüber: Sah er sie allein, so sprach er in seiner alten Weise, sah er sie im Hause ihrer Eltern, redeten beide mit freundlicher Hochachtung zueinander. — Es freut mich fast, sagte sie einmal zu ihm, daß Sie im Grunde so zäh Ihren Standpunkt gegen mich behaupten — obgleich es mich auch kränken müßte; aber es zeigt mir, daß Sie eine wirklich vornehme Seele besitzen: Andere an Ihrer Stelle würden sich zum Gegenteil bemühen und mir den Hof machen, denn schließlich — prüfen wir doch mal die Sache vom allgemeinen menschlichen Standpunkt, ich meine so, wie gewöhnliche Menschen sie ansehen würden: Ich habe Sie in diese Stellung hineingesetzt und kann Sie ebenso leicht wieder daraus vertreiben. Sie wissen es und riskieren es: Das zeigt mir Ihre stolze Seele. Glauben Sie aber, daß Sie nichts dabei riskieren, so zeigt mir das wieder, daß Sie mich für eine vornehme Seele halten, die erhaben ist über die Kleinheit der andern Menschen! — Ich halte weder Sie noch mich für eine große Seele, sagte Pitt gelangweilt, und im übrigen ist mir alles ganz egal. — Sie sah ihm skeptisch in die Augen, mit ihrem etwas nackten Blick, dann hielt sie ihm die Hand zum Abschied hin. Er nahm sie auch, da schob sie sie an seiner Brust hinauf, bis sie fast seinen Mund berührte. — Ich küsse niemals Damen die Hand! sagte Pitt. Sie schwankte einen Augenblick, dann zog sie die seine durch die Luft zu sich nieder, ein kleiner Knall wurde laut, und sie sagte: Küsset die Hand so euch züchtigt; heißt es nicht so irgendwo in der Bibel? Und ich kriege Sie doch noch rum, passen Sie nur auf! —
Ich will sie nicht zu sehr reizen, dachte Pitt zuweilen, denn wenn sie auch von ihrer großen Seele spricht — es wäre schade, wenn ich diese gute Stellung so schnell wieder verlassen müßte; sie ist doch eine Art von vorläufigem Ruhepunkt. — So erreichten ihre Worte die Absicht, in der sie gesprochen waren.
Pitt wurde sehr oft in das Haus der Familie eingeladen und er sah Fräulein Elsa schließlich mehr in dem Kreise der Ihren als allein, denn sie vermied es jetzt fast ihn außerhalb ihres Hauses zu treffen. Um so ausgiebiger widmete sie sich ihm im Beisein der andern. Pitt konnte nicht anders als höflich auf ihre Interessen eingehen, die wieder mit seinen eigenen verknüpft erschienen, sie sang vor, am Klavier, er mußte loben, wenn ihn Frau Heine, eine etwas üppige Dame, ermunternd ansah, er mußte auch Elsas Gedichte lesen und sich in deren Inhalt vertiefen, und ihr Maltalent bewundern, denn Fräulein Heine malte Stilleben.
Sie erreichte was sie wollte: Zunächst konnte er, wenn er sie allein sah, überhaupt keinen rechten Ton zu ihr finden, der alte frühere erschien ihm selber stillos, wo er sie jetzt die meiste Zeit als Dame sah und als Dame behandelte, und so kam es, daß er allmählich gar keinen Unterschied mehr machte, ob er sie nun allein oder in ihrem Hause sah, daß er ihr stets mit einer reservierten Freundlichkeit begegnete. Sie ergriff sofort vollkommen Besitz von diesem neuen Zustand, und als er einmal, wie aus Versehen, in seinen alten Ton zurückfiel, sah sie ihn halb kühl, halb herzlich an und sagte: Ich dächte, diese Zeiten wären nun vorbei!
Pitt wußte genau, daß bei allem diesem ein Plan vorlag und daß er selber in eine schiefe Situation hineingeraten war, aber was sollte er machen?! Er hatte einmal die Gastfreundschaft dieser Menschen angenommen und lebte von seiner Stellung, die er durch Fräulein Heines Bemühungen erhalten hatte, und dieses alles forderte, wenn auch keine Dankbarkeit, so doch einen guten höflichen Ton und einige Rücksicht, um so mehr als er merkte, daß Elsas etwas jüngerer Bruder Egon anderen Schlages war als die übrigen, von einem viel größeren Takt, einer fast wortlosen Zurückhaltung, und einem Feingefühl, das auch die leisesten ironischen Schattierungen im Tone eines andern heraushörte; er zog sich meistens zurück, sobald es die gesellschaftliche Höflichkeit zuließ, denn die ganze Art der Konstellation dieses Verhältnisses war ihm unsympathisch und peinlich. Er fühlte sehr wohl seiner Schwester Absicht und Pitts wahre Empfindung ihr und dem ganzen Hause gegenüber.
Bis jetzt hatte Fräulein Heine ihre Liebe noch mit ziemlicher Fröhlichkeit getragen, noch niemals sie als irgend etwas Schweres empfunden; aber das wurde auf einmal anders.
Eines Abends war sie Pitt immer näher gerückt und hatte heiße, rote Backen bekommen. Wie Pitt dann gegangen war und sie mit ihrer Mutter allein blieb, sagte Frau Heine, die sie sehr beobachtet hatte, mit pathetischer langsamer Stimme: Elsa, Elsa, wie steht es mit deinem Herzen?! — Da fühlte sich Fräulein Heine plötzlich wie von einem großen Schicksal übermannt, von dem sie kurz zuvor selbst keine Ahnung gehabt hatte, sie brach in Tränen aus und sank ihrer Mutter mit einer großen Bewegung in die Arme. Es folgte ein Schweigen. — Diese unselige Redaktion! sagte Frau Heine endlich, erst lerntest du den Bertold kennen, im literarischen Verein, dann ruhtest du nicht, bis er seine Position bekam und schienst bis über die Ohren verliebt in diesen armen Teufel! Du schafftest ihm neue Anzüge an, bezahltest seinen Arzt und ließest ihm sogar goldene Plomben einsetzen, da seine eigenen dir zu vulgär waren. Auf einmal lernst du diesen Sintrup kennen — es mag ja sein, daß er wirklich der richtige Mann war für die Position, die er dann bekam — das gehört nicht hierher — und nun war alles mit einem Male aus mit dem Bertold. Ich danke ja Gott, daß es aus war, ich ahnte damals schon es müsse irgend etwas dahinterstecken, aber daß du nun wirklich diesen Sintrup liebst, das — ahnte ich zwar auch schon, aber wirklich bestätigt sehe ich es erst heute abend. Schlag dir das aus dem Kopf! Egon sagt, er macht sich über uns alle miteinander lustig! Und über dich am allermeisten! — Das tat er früher! sagte Elsa hastig und heftig, aber jetzt tut er es nicht mehr, er hat selber eingesehen wie ich es gut mit ihm meine, und er zeigt das in seinem ganzen Wesen! Du hast ihn ja früher garnicht gekannt! Aber auch schon damals habe ich deutlich gefühlt, daß ich ihm absolut nicht gleichgültig war. Er war grob und impertinent zu mir, das ist man nicht zu Menschen, die einem egal sind! Er war darin geradezu erfinderisch, und alles kam in einem so herzlichen, kameradschaftlichen Ton heraus, ich regte ihn durch mein etwas burschikoses Wesen, das ihm neu und anziehend war, direkt zu Impertinenzen an! Ich empfand so deutlich, daß er sich wohl dabei fühlte und gar nicht irritiert, auf mich persönlich war das alles ja auch gar nicht gemünzt, es entsprang nur einem überschüssigen Teil an Geist und Witz, den ich gerade in ihm auslöste, weil er in mir unbewußt eine ihm verwandte Natur empfand! Er mag sich wohl im Anfang gewehrt haben, ich glaube ja auch nicht, daß er jetzt schon direkt verliebt in mich wäre, aber in der kurzen Zeit hat er einen Riesenschritt getan, und heute abend: Ist er auch nur eine Spanne weit von mir fortgerückt, hat er nicht ganz still gehalten?!
Mit diesem Abend trat in Fräulein Elsa eine Wandlung ein. Sie fühlte sich nicht mehr ganz sicher vor den Augen ihrer Mutter, wenn Pitt zugegen war, horchte unwillkürlich selbst mit feinerem Ohr, wenn er etwas sagte, um zu hören ob es wahr sei was Egon behauptet hatte. Er dagegen fühlte ihre neue Unsicherheit auch ihm selbst gegenüber, sie überschüttete ihn plötzlich mit Geschenken, und bei irgendeiner Kleinigkeit, die er gar nicht böse gemeint hatte, fuhr sie verletzt in die Höhe, daß er sie ganz erstaunt ansah. —
Sie wurde launisch und unberechenbar. Manchmal tat sie ganz intim, dann plötzlich, irritiert durch seine Gleichmütigkeit, schien sie kalt und abweisend. Einmal schickte sie ihm einen großen Blumenstrauß, und auf ihrer Karte stand: wegen gestern. Er wußte nicht was das zu bedeuten hatte, ahnte nicht einmal, ob sie meine, daß er sie oder daß sie ihn gekränkt habe, und antwortete ihr infolgedessen gar nicht. Als er sie wiedersah, war sie verschlossen und still, antwortete nur durch große fragende Blicke, wenn er etwas sagte, und wollte ihn dadurch zwingen, selbst von dem Blumenstrauße zu reden anzufangen. Er dachte aber gar nicht daran; so bezwang sie sich schließlich mit dem Gedanken: Geduld, Geduld, ich kriege ihn doch noch! Und dann redete sie wieder in ihrer früheren Art.
Er hatte jetzt jedesmal, wenn er von der Redaktion nach Hause kam, Furcht, es könne irgendeine Nachricht von Fräulein Heine auf seinem Tische liegen, was auch meistens der Fall war. Denn schließlich verging kaum ein Tag, ohne daß sie sich irgendwie fühlbar bemerklich machte. Er konnte sie überhaupt kaum noch sehen. Wenn er ihre trockene Stimme im Vorplatz hörte, überlief ihn schon ein irritiertes Gefühl, und die Abneigung steigerte sich mit jedem Tage. Wenn er zu Hause in einem Buche las, schob sich zwischendurch ihr Bild in seine Gedanken, und eine nervöse Unruhe ergriff ihn. Dann konnte er nicht anders als alle Augenblicke von seinem Buch auf durch das Fenster auf den Platz vor seinem Hause sehen, zu jener Ecke hinüber, aus der sie herauskommen mußte, wenn sie zu ihm auf Besuch ging. Und richtig! Irgendwann war jene Ecke nicht mehr leer, bewegte sich da ein rotes Kleid, und oben saß ein Kopf drauf, der suchend auf sein Fenster blickte. Und die Wirkung ihrer Augen, selbst in die Ferne, durch die Fensterscheiben hindurch, war eine latente Raserei in ihm. Dann pfiff sie womöglich noch ein Signal, das sie sich ausgedacht hatte, und endlich stand sie vor ihm. Mit Wut im Herzen konnte er doch nicht anders als höflich sein. Was war dies für ein höchst abscheulicher Zustand! Den Verkehr einfach abbrechen — das konnte er nur dann, wenn er seine Redaktionsstelle aufgab. Diesen Gedanken schob er immer wieder zurück. Aber immer heftiger meldete er sich wieder, zumal Fräulein Heine kürzlich — wie zum Scherz, aber mit sehr nervösem Tonfall — darauf zurückkam, daß er doch eigentlich seine Stelle nur ihr zu verdanken habe. Wenn er auch wußte, daß sie die Drohung, die hierin versteckt schien, niemals wahr gemacht haben würde, um ihrem Charakter keine Blöße zu geben, so wurde die Situation für ihn dadurch doch noch peinlicher. Er fühlte, daß es über kurz oder lang zu einer Entscheidung kommen mußte. Vorerst hielt er noch eine Zeitlang aus. Mehrmals kränkte er Fräulein Heine, aber sie überwand die Kränkungen, freilich jedesmal schwerer. Eine große Erbitterung war allmählich in ihr aufgewachsen, sie fühlte, daß es doch nicht so leicht war, Pitt Sintrup zu gewinnen, und je mehr sie sich in das Gefühl ihrer eigenen Liebe hineingeredet hatte, um so verletzlicher wurde sie gegen jede kleinste Äußerung seiner Gleichgültigkeit. Es bedurfte schließlich nur eines geringsten Anlasses, um alles, was sich in ihr angesammelt hatte, zum Überlaufen zu bringen. — Dieser Anlaß kam.
Sind Sie heute abend frei? telephonierte sie eines Tages. — Nein, sagte er. — Wohin gehen Sie? — Eine kurze Pause folgte: In die Oper. — Das trifft sich ja herrlich, gerade wollte ich Sie für die Oper einladen! Also holen Sie mich Punkt sieben bei mir ab! Sie sitzen mit in unserer Loge.
Du willst ins Theater? fragte ihr Bruder Egon sie am Abend; mit wem? — Mit Herrn Sintrup. — Er pfiff etwas verächtlich durch die Zähne. — Was soll das?! — Gar nichts. — Nein, bitte, rede. — Er wollte nicht, sie drängte immer heftiger, schließlich sprach er alles von seinem Herzen herunter, und schloß mit den Worten: Merkst du es denn nicht, daß dieser Mensch nach deiner Hand schlägt, wenn er sie fühlt?! — Sie wurde sehr rot und erregt, behauptete, es sei nicht wahr, was er da rede, kehrte ihm endlich den Rücken und ging schnell hinaus.
Während sie sich umzog, hörte sie immer jene letzten Worte ihres Bruders. All ihre Bitternis war durch sie verstärkt, verschärft. Es war so, als sei erst nachdem es ein anderer aussprach, alles wahr und wahrhaftig, was sie doch auch vorher nicht vor sich selber abgeleugnet hatte. — Ich will ihm schon zeigen, daß ich Stolz besitze, er soll sich nur in acht nehmen, so dachte sie, während sie die Schuhe wechselte, und wenn er es zu weit treibt — heftig riß sie die Schnürbänder auseinander — dann fliegt er einfach! Sie hatte die Schuhe ausgezogen und warf sie während ihrer letzten Worte in die Ecke, etwas verwirrt ihrem Fluge nachsehend, da sie das gedoppelt sah, was sich ihr zugleich als bildliche Einheit präsentierte. — Jedenfalls, dachte sie beruhigter, hat er für heute abend zugesagt, das ist doch schon etwas! Sie trat noch schnell zum Waschtisch und suchte aus all den Kristallflaschen ein Veilchenparfum heraus, denn Pitt hatte einmal gesagt, er rieche Veilchen besonders gern. Oder hatte er das nur aus Widerspruchsgeist behauptet, da sie selber sagte, sie habe sich Veilchen „übergerochen“?
Sie sah nach der Uhr. Pitt mußte eigentlich schon da sein. Wahrscheinlich war er im Salon. Aber dort war er nicht; die Uhr ging weiter, und schließlich saß sie da in Hut und Mantel, um Zeit zu sparen, da es sowieso schon zu spät wurde. Egon spottete; sie tat als höre sie das nicht. Sie überlegte, ob sie Pitt im Wagen entgegenfahren solle; dachte aber: Nein, ich will ihn hier erwarten und das Maß seiner Verspätung genau feststellen! Und nun wünschte sie fast, daß dieses Maß recht beträchtlich würde, und mit ihm auch der Grad ihres Ärgers, den sie immer stärker anwachsen fühlte und doch nicht in die leere Luft hinein äußern konnte. Egon hatte recht! Pitt zeigte geflissentlich, daß ihm nichts daran lag, mit ihr zusammenzukommen. Sie saß noch eine Zeitlang da, dann dachte sie auf einmal: Vielleicht konnte er aus irgend einem Grunde wirklich nicht herkommen! Sitzt schon längst in unserer Loge und wartet da auf mich! — Sie fuhr sogleich zum Theater, aber die Loge war leer und dunkel, und auf der Bühne wurde schon längst gesungen und gespielt. Sie gab sich Mühe auf die Musik zu hören, aber fortwährend irrten ihre Gedanken ab. — Wenn er nun plötzlich krank geworden war? Dieser Gedanke schoß auf einmal in ihr auf. Dies war ja nicht wahrscheinlich, aber immerhin nicht unmöglich. Sie erhob sich und verließ die Loge, ließ sich eine Droschke kommen und fuhr zu Pitts Wohnung. Wenn er nun ganz gesund war, sich verwundert nach ihr umdrehte und sich nichtssagend entschuldigte? Der Wagen hielt, schnell sah sie zu seinem Hause empor; sein Fenster hatte Licht.
Pitt saß in seinem Zimmer, beim Schein der Lampe. Vor ihm lag ein Brief von Fox. Der bat, gewisse von ihm geschriebene Artikel in irgend welchen Zeitschriften unterzubringen und das Geld sofort an ihn zu senden. Mit Fox mußte es ziemlich schlimm stehen. Der war nun längst beim Theater. Durch einen plötzlichen, abenteuerlichen Sprung hatte er sich herausgerettet aus allen Widerwärtigkeiten, er hatte eine Tat gezeigt; und wenn sie auch augenscheinlich etwas Verkehrtes war: Wenigstens hatte er sich frisch in eine neue Lebenswoge gestürzt und es darauf ankommen lassen, ob sie ihn tragen würde. Pitt selbst aber saß eingeschlossen in einem ganz engen Kreise, in der dumpfigsten Atmosphäre, und wußte doch nicht, wie er sich aus ihr befreien sollte. — Und wenn er jetzt wirklich seine Redaktionsstelle aufgab, was wurde dann aus ihm? Was blieb ihm? Sollte er doch in seine juristische Laufbahn zurückkehren? War das nicht noch immerhin das beste? — — — Er hielt die Augen lange geschlossen. Bäume tauchten vor ihm auf, und Felder, und auf einmal sah er jene zwei Knaben wieder, blond, in weißen Leinenhemden und im Schurzfell, wie er sie einst im Traum gesehen — — aber dann war es Elfriede, deren Bild alles andere verdrängte. Er hatte sie aufgegeben, endgültig aufgegeben. — Eine große Leere war in ihm, nur gefüllt vom Nebel der Erinnerung. — — Hatte er denn nichts, gar nichts, das wirklich war, das mit ihr zusammenhing? Er dachte lange nach, dann ging er an sein Bücherbrett, holte ein altes, philosophisches Werk, trug es an seinen Platz und begann es zu durchblättern. Wenn jenes Andenken noch da war, mußte er es zwischen diesen Seiten finden. Klein, schmal, vergilbt fand er es wirklich. Es war eine Blume, die ihm Elfriede einst im Scherz aufs Buch warf, als sie ihn lesend in der Laube fand, draußen auf dem Gute. — Er nahm sie, hielt sie sinnend in den Händen, strich mit den Fingerspitzen über ihre Blätter hin und dachte: Sie ist wirklich, sie ist greifbar, so greifbar wie die festeste Gegenwart — und doch gehört sie der Vergangenheit. — Wieder schloß er, in Erinnerung verloren, seine Augen: Gegenwart und Vergangenheit mengten sich zu einem dritten, das nicht das eine noch das andere war, das zeitlos dahin schwebte und ihn mit sich nahm. —
Es läutete. Draußen klang die erregte Stimme Fräulein Heines, und die seiner Wirtin. Pitt schob die Blume in das Buch zurück und schloß es. Gleich darauf trat Fräulein Heine ein, fast ohne anzuklopfen. Sie hielt den Blick auf ihn gerichtet, seine Augen erschienen groß und sonderbar leuchtend im Lampenschein, wie er jetzt ruhig zu ihr hinsah.
Also wirklich! Da sind Sie wirklich! sagte sie. — Wie können Sie sich unterstehen mich auf solche Weise zu behandeln? Mich durch dieses Geschöpf da draußen abfertigen zu lassen? Ich frage: wie können Sie sich unterstehen?! Sie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihn mit brennenden Augen an. Halt! rief sie, als er den Mund zu einer Antwort öffnete, überlegen Sie sich vorher was Sie sagen wollen; ich will keine Lüge hören.
— Es ist auch nicht meine Absicht zu lügen, sagte er, indem er ihr formell einen Stuhl anwies. — Antworten Sie mir überhaupt nicht! fuhr sie fort, etwas ernüchtert durch seine Ruhe, aber immer noch sehr heftig: Wenn Sie mich nicht ins Theater begleiten wollten, weshalb sagen Sie mir das nicht? Weshalb machen Sie da eine ganze Komödie? — Wer sagt Ihnen denn, fragte Pitt dagegen, daß ich nicht irgendeine dringende Abhaltung gehabt habe, weshalb fragen Sie nicht zu allererst nach meinen Gründen, sondern nehmen blindlings den an, der Ihnen am nächsten liegt?
— Also doch! rief sie erleichtert, o, dann ist alles anders, dann ist alles in Ordnung. Aber nun reden Sie auch, bitte, damit ich mein altes Gefühl zu Ihnen zurückgewinnen kann! — Ihr altes Gefühl? fragte Pitt; Sie haben ja vollkommen recht mit Ihrer Vermutung, ich wollte Ihnen nur zeigen, daß man in solchen Fällen sachlicher zu Werke geht. — Es überlief sie kalt. — Ich dächte, fuhr er fort, es wäre deutlich zu ersehen gewesen, als Sie mich fragten, ob ich diesen Abend etwas vor habe: daß ich Ihnen auszuweichen strebte, indem ich sagte ich ginge in die Oper, ich sei nicht frei. Statt dessen zwingen Sie mich in Ihre Pläne hinein — —
Konnten Sie denn nicht später noch einmal telephonieren, fragte sie, daß Sie wirklich verhindert seien? — Das habe ich mir ebenfalls überlegt, aber, entschuldigen Sie, daß ich das ausspreche: Ich fürchtete, auch diese Absage sei Ihnen nicht erkennbar genug. — Das heißt: Sie halten mich für unfeinfühlig, ja — sprechen wir das Wort aus: für dickfellig?! — Pitt zog die Luft ein, hob die Augenbrauen, als dächte er angestrengt nach, dann wandte er den Kopf zu ihr zurück und sagte höflich: Menschen haben kein Fell. — Das war zu viel. Sie fühlte eine plötzliche Wut in sich aufkochen, aber sie bezwang sich: Und das ist der Dank für alles, was ich für Sie getan habe! Vom ersten Moment an wo ich Sie sah, habe ich stets nur Gutes für Sie empfunden und es in allen meinen Handlungen geäußert! Ich weiß, daß ich gelegentlich zu weit ging — Sie haben mir das auch zuweilen mit humorvoller Derbheit angedeutet, was ich Ihnen gerne verzieh, da ich gerade dieses scheinbar Harte in Ihnen liebe; aber dieses hier ist nicht mehr derb: dies ist plebejisch! — Ich fand das andere auch schon ziemlich plebejisch! warf er halb bedauernd ein. — Nein, dies ist anders, ganz anders, und ich verlange, daß Sie Ihr Wort zurücknehmen. — Ja sind wir denn Kinder? fragte er erstaunt: Ich bleibe bei allem was ich — oder vielmehr Sie selbst gesagt haben und will endlich Klarheit schaffen zwischen mir und Ihnen. — Sie lachte höhnisch auf: das ist ja ein reizender neuer Ton von Ihnen: Lieber Herr Sintrup — so mögen Sie zu Ihren Damen reden, die ich nicht kenne noch kennen lernen möchte, aber mir gegenüber verbitte ich mir das: Ich bin für Sie Fräulein Heine, Tochter des Kommerzienrat Heine, die sich für Sie als Mensch interessiert hat und diesem Menschentum nun auf den Grund gekommen ist. Eines muß ich Ihnen nun aber doch rund heraus sagen: Jetzt tun Sie den Mund ordentlich auf, wo Sie sich in Ihrer guten Stellung wissen und sich sicher darin fühlen; jetzt suchen Sie, wie Sie es geschmackvoll nennen, Klarheit zwischen uns zu schaffen; ich habe nie etwas Unreines zwischen uns zu sehen vermocht, aber jetzt öffnen Sie mir die Augen: Sie nannten Ihr Wesen humoristisch derb — nun, ich bleibe dabei: es ist plebejisch! — Was hat meine Stellung, fragte Pitt, ihre vorletzte Äußerung aufgreifend, mit meinen Beziehungen zu Ihnen zu tun?! — Sie sah ihn mit runden, maßlos erstaunten Augen an: Ja, habe ich Sie nicht zu dem gemacht was Sie nun sind? Haben Sie irgendeine andere Empfehlung gehabt als mich? Aber allerdings, ich vergesse: die Kritiken, die Kritiken! Aber die sind ja nicht einmal von Ihnen, die sind ja von Ihrem Bruder, fremde Federn mit denen Sie sich geschmückt haben! — Die Kritiken?! fragte Pitt, und verlor für einen Augenblick vollkommen den Faden. — Jawohl! Die Kritiken! Ach, das weiß er ja gar nicht! Gut, einmal sollten Sie’s erfahren, und nun hören Sie’s! Fräulein Heine erhob ihre Stimme, erzählte die ganze Geschichte von den untergeschobenen Arbeiten, und schloß damit, daß Pitt diese Stellung nie bekommen hätte ohne ihre freundschaftliche und erfinderische Hilfe. — Er war für einige Momente verblüfft, dann brach er in ein helles, klares Gelächter aus. — Ihr ganzes Triumphgefühl schmolz hin in diesem Lachen, das ihr fast Angst machte, weil irgend etwas Schreckliches, Kaltes darin lag, das sie nur dumpf verstand. Sie hatte den Überblick verloren, sie kam sich plötzlich unsicher, in ihrer Position erschüttert vor. Aber es galt sie dennoch zu wahren: Ja, sagte sie mit fester Stimme, das habe ich alles für Sie getan; mag sein, daß es nicht ganz recht von mir war, aber was tut man nicht für einen Menschen, den man — für den man ein menschliches Interesse hat! Es lag mir immer auf der Seele, ich mußte es einmal herausbeichten, und nun ist es geschehen! Von nun an werden Sie mich als Ihre wahre Freundin ansehen, die nicht nur in Worten, sondern auch durch die Tat gezeigt hat, daß sie es wirklich freundschaftlich mit Ihnen meint! Ich bereue es auch nicht, daß es zu dieser unliebsamen Aussprache zwischen uns beiden gekommen ist; so ein kleines Gewitter trägt nur zur Klärung bei, ich sehe jetzt ein neues Fundament für unsere Freundschaft. Sie nicht auch?
Pitt hatte den größten Teil ihrer Rede überhaupt nicht mehr gehört. Ganz entrückt, glücklich sah er in einen Winkel. Ihm war ein herrlicher Gedanke gekommen. Weiter in dieser Redaktion zu bleiben, weiter seine Beziehungen zu Fräulein Heine fortzuführen, daran dachte er nicht mehr, aber Fox — Fox — ließ sich da nicht etwas Wundervolles, Perspektivenreiches durchführen? Konnte er den nicht aus seiner Klemme retten, ihn zum Redakteur machen und ihm zu einer reichen — Frau verhelfen?!
Unsere Beziehungen, sagte er jetzt freundlich, sind ein für allemal erledigt. Sie selbst haben mich gebührend in meine Schranken zurückgewiesen, und ich werde mich darin zu halten wissen. Die Redaktionsstelle gebe ich auf, denn nicht ich, sondern der Schreiber jener Artikel wurde engagiert, — und das ist mein Bruder. Ich werde ihn kommen lassen, und hoffe, daß Ihr Auge günstiger auf ihm ruhen wird als auf mir. Die Entscheidung, ob Sie ihn haben wollen oder nicht, hängt natürlich von Ihnen und Ihrem Herrn Vater ab, aber ich zweifle keinen Augenblick daran, denn er hat ganz das Zeug für diesen Posten.
Pitt ging auf einen Kasten zu und kam mit einer Photographie zurück. Sehen Sie selbst! sagte er: diese Zielbewußtheit, diese Energie, diese im besten Sinne Männlichkeit! — Fräulein Heine, noch halb verdutzt über die neue Wendung, sah mit bereits erwachtem Interesse auf das Bild hin. Sie tat aber vorläufig sehr reserviert, und erklärte, das müsse reiflich überlegt sein. Dann ging sie, nachdem sie gesagt hatte, sie trage ihm nicht das geringste nach.
Pitt begleitete sie mit einem Licht die Treppe hinab. — Daß ich Sie nun noch bemühen muß! sagte sie höflich. — O bitte, das ist selbstverständlich. — Dies Haus scheint vor ungefähr zehn Jahren gebaut zu sein. — O ja, vielleicht ist es auch noch etwas älter, sogar. — Also gute Nacht, ich bedaure nochmals — Gute Nacht, von Bedauern kann keine Rede sein. —
Nach ein paar Tagen traf die Nachricht ein, Fox Sintrup möge sich vorstellen.
Elftes Kapitel.
Fox kam. Sogleich suchte er Pitt auf. Die Begrüßung der beiden Brüder war beinah herzlich. Ja ja, sagte Fox, das hast du dir wohl nicht träumen lassen, daß ich unserm Vater die Krallen gezeigt und mich ohne ihn durchgebracht habe! Ich habe das Leben kennen gelernt, mich in seinen untersten und obersten Schichten bewegt, und ich kann wohl sagen: Nichts Menschliches blieb mir fremd! Aber keusch und rein ist meine Seele geblieben, ich habe mir eine naive Aufnahmefähigkeit für alle Eindrücke bewahrt, um die mich mancher Schriftsteller beneiden könnte. Nun sag mal, worum handelt sich denn die Geschichte jetzt eigentlich, du hast dich ja darüber in so mystisches Schweigen gehüllt. — Pitt erzählte alles, und Fox war etwas enttäuscht, daß er eine Sache übernehmen sollte, von der Pitt zurücktrat. Als er dann aber die Geschichte von den Artikeln hörte, und welche Rolle sie früher spielten in der Frage, ob Pitt die geeignete Kraft sei, ging seine Miene über ein verblüfftes Erstaunen hinweg in eine Art Zufriedenheit über, und er sagte: Ich nehme dir das nachträglich absolut nicht übel, obgleich ich selbst wahrscheinlich anders gehandelt haben würde! Nach kurzem Nachdenken fügte er dann hinzu: Ach so, und als ich dich vor ein paar Wochen bat, jene letzten Artikel von mir zu veröffentlichen, da hast du wohl Angst gekriegt, ich könnte auch nach jenen andern fragen? Hast gedacht: Am Ende könnte nun alles rauskommen, lieber einen Fehler gut machen als ihn noch vergrößern? — Pitt klärte alles auf und fügte hinzu, jene Artikel seien hinter seinem Rücken als seine eigenen ausgegeben worden, von Freunden, denen daran gelegen war ihm jene Stellung zu verschaffen; durch Zufall habe er selber dies erst ganz vor kurzem erfahren. — Na na! sagte Fox gemütlich, also — jedenfalls: was geschehen ist, ist geschehen. — Pitt sah mit Freude, daß sein Bruder noch genau derselbe war wie früher. — Ja und du, lieber Freund, fragte Fox jetzt, was willst du denn nun eigentlich anfangen? Pitt zuckte die Achseln. — Könntest du nicht als Unterredakteur dort weiter bleiben? — Hier zog Pitt seinen Mund in die Breite, sah seinen Bruder voll inniger und tiefer Freude an und sagte: Nein. — Das wäre aber doch sehr zu überlegen! Na, über deine Zukunftspläne können wir ja später mal zusammen reden. Hauptsache, daß ich erst einmal meine eigenen ins Reine bringe.
Pitt hatte in die letzten Nummern der Zeitschrift alles hineingehäuft, was er an kurzen Aufsätzen von seinem Bruder besaß. Dies kam Fox sehr zugute, denn Herr Heine wie Herr Wolf wehrten sich zunächst gegen einen abermaligen Redaktionswechsel. Aber Herr Wolf sagte: Wenn Herr Sintrup auch das Blatt wirklich schneidig in seinem Teil geleitet hat — dieser Bruder scheint doch noch ganz andere Fähigkeiten zu haben: Ich empfinde seinen Stil direkt als Zeitungsstil, und der andere hat überhaupt nie selbst die Feder gerührt für unser Blatt. Fox machte Besuche bei beiden Herren, und der günstige Eindruck verstärkte sich.
Fox war voll Lobes über Herrn Heine: Habe diesem Herrn mal tüchtig auf den Zahn gefühlt, muß sagen: Gediegene Bildung, hier und da hapert es, das ist nicht anders zu erwarten. Und die Tochter: Also wirklich ganz reizend. Zu Anfang war sie allerdings auffallend zurückhaltend, beinah tragisch, Gott weiß warum, aber dann — wirklich ganz reizend. Nur der Sohn, der hat garnichts gesagt, mit dem scheint nicht viel los zu sein. — Auch mit Herrn Wolf war Fox zufrieden; der hatte — direkt achtungsvoll! — genickt, als er ihm auseinandersetzte, es müsse eine innere Harmonie, eine gleiche Weltanschauung herrschen zwischen dem Handelsteil und dem literarischen. Solche Einheit lasse sich finden, müsse sich finden lassen.
Mit der Monatswende erfolgte Pitts Austritt aus der Redaktion. Herr Bertold machte ehrlich betrübte Augen; er wußte, daß nun sein eigenes Regiment aufhörte, und für Pitt empfand er eine große Anhänglichkeit. Es begann für ihn ein schlimmes Leben. Fox behandelte ihn durchaus wie einen Untergebenen, fast wie ein Offizier seinen Burschen. Nach kurzer Zeit hatte er einen genauen Einblick in den äußern Betrieb der Sache, der so klar und einfach war, und den Pitt niemals recht begriffen hatte. Auch die unteren Arbeiten erledigte er die ersten Wochen selber, da es gegen sein Prinzip verstieß, jemand unter sich arbeiten zu lassen, ohne einen genauen, scharfen Einblick in dessen Tätigkeit zu haben. Nach ein paar Wochen verlangte er eine Verlags- und Vorstandssitzung: Er sei jetzt mit seinem Urteil zur Reife gekommen und habe positive Vorschläge zu machen. Er entwickelte seine Gedanken über die Zeitschrift und ihren Inhalt, soweit die Literatur in Betracht kam; er habe vor, reinigend, beschneidend, ausrodend, neu pflanzend vorzugehen, junge Kräfte heranzuziehen, alte, abgebrauchte auszuscheiden. Es laufen, so schloß er, auf deutscher Erde eine Masse junger, unbekannter Genies herum, lassen Sie mich diese auffinden, durch Zirkulare, Prospekte, Aufforderungen, und ich garantiere Ihnen: in ein paar Jahren sind wir die erste literarische Zeitschrift Deutschlands. — Er zählte eine Reihe von jungen Namen auf, die ihm noch von früher im Gedächtnis waren, und fügte noch einige hinzu, die er im Augenblick erfand. Man freute sich über diese Zielbewußtheit, warnte aber vor allzu hoch gesteckten Hoffnungen, da ja der literarische Teil — leider — vorerst noch Nebensache war und bleiben mußte. Dies waren allgemeine, prinzipielle Vorschläge. Fox sprach auch von praktischen, einzelnen: Dies und jenes sei in anderen Blättern besser arrangiert, besser eingeteilt, Voranzeigen müßten gemacht werden, einzelne Artikel seien durch Umschlagzettel hervorzuheben, die lateinische Druckschrift sähe er gern eingeführt — wobei er von Augenhygiene redete — und anderes mehr. Die Theaterkritiken werde er selbst übernehmen, er habe eine reiche Vorbildung, und der jetzige Kritiker gehöre in die Rumpelkammer.
So saß Fox nun — wie vorher Herr Bertold — schaltend und waltend in seiner Redaktion, und alle waren zufrieden. Er schrieb die Theaterkritiken wirklich, und eines Tages sah er seinen alten Freund, den Herrn von Sander, wieder, der ihn in der Redaktion besuchte. Man hatte ihm alle größeren Rollen weggenommen und die Kritik war gegen ihn gehässig geworden. Er bat Fox für ihn einzutreten, gemäß seinem Prospekte, auf dem er als höchstes Ziel in allen Kunst- und Rezensionsfragen die Forderung stellte: Rücksichtslos gegen alle Mode- und Zeitströmungen einzutreten für das als wahr Erkannte, ohne sich zu binden an hergebrachten Autoritätsglauben, gezüchtet durch Gewohnheit und gedankenlose Nachbeterei.
Fox versprach wohlwollend sein Bestes und hielt Herrn von Sander gleich einen kleinen Vortrag: Sie gehören einer alten Schule an, das werden Sie selber nicht bestreiten können; es ist kein Tadel, unsere Neuen und Neuesten täten gut, nicht so auf die Alten zu schimpfen, sondern von ihnen zu lernen, was von ihnen zu lernen ist. Das ist ja das Elend der heutigen Bühne: Es fehlt die Tradition! Das Alte und das Neue steht sich schroff gegenüber. Beide befehden sich, anstatt einen neuen Stil zu schaffen, gewachsen und genährt auf dem alten Boden, dem Mutterboden! —
Fox schrieb seine Kritiken streng und scharf. — Es sollte mich gar nicht wundern, sagte er einmal zu Pitt, wenn so’n Kerl plötzlich in die Redaktion einbräche, — na, vor meinem Blick haben die Menschen noch immer Angst gehabt; ich freue mich schon auf seine Verlegenheit, wenn der Kerl kommt, aber ich glaube der Kerl kommt gar nicht! Wenige Menschen haben den Mut wie ich ihn hatte. — Wann? fragte Pitt und freute sich auf eine erfundene Geschichte. — Damals, vor zwei Monaten, als ich den Kritiker ohrfeigte. Dieser Mensch erfrechte sich zu schreiben, ich habe als Don Juan den Champagner wohl schon vor der Vorstellung getrunken. Armer Kerl übrigens, der selbst den Champagner wahrscheinlich nur vom Hörensagen kennt. — Don Juan? das ist doch eine Oper! sagte Pitt. Fox sah ihn mit großen Augen an. — Ach so, ich vergaß, daß du nicht weißt, daß es auch ein Schauspiel gibt, von Grabbe. Übrigens gibt es noch verschiedene andere Don Juans, die es ebensogut hätten sein können; na — also das schrieb der Kerl; am nächsten Tage ging ich in die Redaktion, zog mir Glacéhandschuhe an, ließ mir den Kerl zeigen, streifte meine Manschetten etwas zurück und ohrfeigte den Kerl, einfach so aus dem Handgelenk, schräg von oben nach unten, denn der Kerl saß auf einem Stuhle; und dann ging ich wieder fort. Sag mal, willst du nicht nach Hause fahren und dich da als Referendar anstellen lassen? Du hättest dann doch wenigstens etwas zu tun! Es wäre auch ganz gut, dort einmal unser Haus etwas zu regenerieren, es soll ziemlich schlimm stehen, du weißt, all die Hausdamen — wie ich höre werden sie immer übler.
Eines Tages fand Fox unter den eingelaufenen Manuskripten ein Gedicht, unterzeichnet „Selma Feihse“. Es besang die Sehnsucht einer jungen feurigen Seele, die das Liebesleben der Natur belauscht und, zurückgekehrt in die Welt der Menschen, wo es doch gerade so sein sollte, so einfach, selbstverständlich, nur Ablehnung erfährt.
Fox warf es nachlässig Herrn Bertold über den Tisch, damit der es returniere. Da fand er aber einen Begleitbrief, an ihn persönlich gerichtet, und nun erfuhr er, daß die Dame früher Selma Nippe hieß, „dieselbe Selma, die Ihnen in Freud und Leid treu zur Seite gestanden hat“. Wenn er das Gedicht nicht akzeptiere, sei sie nicht beleidigt — sie stände über jeder Verletzlichkeit — aber sie erwarte dann, daß er ihr das Kind, das sie in Schmerzen geboren — wirkliche, lebendige Kinder seien ihr bis jetzt versagt geblieben — zurücklege an ihr Mutterherz. Ihr Mann werde sich aufrichtig freuen, ihn kennen zu lernen; sie wohne längst nicht mehr bei ihrem Vetter und dessen Frau, jener Frau, die wie ein Dämon in Fox’ Leben getreten sei und es fast in den Strudel der Alltäglichkeit hinabgezogen habe. — Dämon! dachte Fox, ja ja, wahrhaftig, sie hatte etwas Dämonisches! — Am Schluß ihres Briefes bat sie ihn genau anzugeben, wann er käme, falls er dieses überhaupt wolle — und er, neugierig was für ein Leben sie jetzt führe, folgte ihrem Wunsche. Hier schien sich ein Schicksal erfüllt zu haben, ein bescheidenes zwar, aber immerhin ein Schicksal. Jedes Schicksal hat was Großes: Im kleinsten Sandkorn spiegelt sich die Welt!
Etwas überrascht war er über die Veränderung, die mit Fräulein Nippe vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fußfreie Kleidung und eine jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch immer frei war. Sie begrüßte ihn erst allein an der Tür, innig und herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schön ist er nicht! Es fiel Fox auf, daß sie dieses alles in gedämpftem Tone sagte, daß sie ihn schon an der Tür empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der Zimmer liege. — Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!
Da war ein großer Kaffeetisch, da saß Lotte, mit ahnungslosem Gesicht, neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoße hielt, gegenüber Herr Könnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Fräulein Nippe aber — oder jetzt Frau Feihse — weidete sich an ihrer Überraschung, und rief: Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht übers Herz bringen: Was auch die Vergangenheit über euch alle brachte — es ist ja doch begraben und vergessen, und die Stunde der Versöhnung hat geschlagen! Lotte, da ist dein alter Freund, von dem du den lieben süßen Jungen hast, Frau Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als männlicher Beistand ratend zur Seite stand — Wilhelm, du hast mit ihm das Lager geteilt, als ihr zusammen wohntet — habt euch nun alle, alle lieb und laßt mich an eurem Glücke teilnehmen!
Fox war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, Lotte, bestürzt in Scham und Überraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern saßen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort: Gnädige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine Schuld, daß dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten Sie, daß ich mich auf der Stelle wieder zurückziehe! Er wandte sich zum Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschloß die Tür und zog den Schlüssel ab.
Der Kleine war von Herrn Feihses Schoß herabgesprungen, auf Fox zugegangen, sah ihn mit großen, etwas dreisten Augen an und fragte: Mama, wer ist der Onkel? — Hört, hört! rief Frau Feihse, die Stimme der Natur läßt sich nicht bändigen, sie bricht hervor mit elementarer Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schämt euch ihr Großen, und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmündigen Kinde! Jetzt erhob sich Herr Könnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlüssel, und dann verließ er mit seiner Frau das Zimmer, während der Kleine hinterher lief und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der Onkel ist! —
Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch einmal mit Ihnen zusammen geführt, sollen Sie auch hören, was er mir für Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider — gehe in dich, suche den Weg des Heils! — Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle saß, zu zeigen, daß er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann wußte erst nicht recht was dieses heißen sollte, dann aber, halb noch erregt und halb schon wieder im Banne des täglichen Lebens mit seinen Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gruß durch einen etwas schüchtern-linkischen Knix, worauf sie den übrigen nachging.
Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau, deren Stimme man draußen leidenschaftlich reden hörte, und lud ihn ein, nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schälchen Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab zitternder Hand zur Kanne hinüber, um einzuschenken. Draußen flog eine Tür ins Schloß, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Bürgerpack! sagte sie, kleinliche Menschen mit Gefühlchen, ohne jeden Sinn für freie und vornehme Auffassung des Lebens! — Herr Feihse bemerkte, sie habe aber auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins Gegenteil gedeutet. — Das heißt, fuhr sie auf, daß du mich für unzart hältst! — Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. — Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht? Sie sind Zeuge! — Aber Selma ich bitte dich, laß doch die Szenen! Ich habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich! — Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrücks versetzt er einem einen Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht, und tut, als ob es ein anderer gewesen wäre! — Herr Sintrup, ich habe mit vieler Freude gehört, daß Sie eine so interessante Stellung an einer Zeitschrift haben! — Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hältst mich für unzart. Meine Haare wären nicht echt, sagte er, als wir das erstemal zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Außerdem war es gar nicht wahr! — Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse erregt, wenn du schon keine Rücksicht auf mich nehmen willst, dann nimm sie wenigstens auf unsern Gast! — Hören Sie es? Er wirft mir Rücksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rücksichtslos? — Ja; sagte Fox trocken, — wenn Sie mich direkt danach fragen! — Sie sah ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natürlich, wenn zwei Männer zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei für den andern. Ach diese Männer von heutzutage! Sie sollten erst einmal die gewöhnlichste Höflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften wollte ich! Es gibt soviel böse Gesinnung der Menschen untereinander, daß jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Kräften in seinem Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu säen, und das habe ich getan! — Du hättest die Herrschaften nicht so unvorbereitet konfrontieren dürfen, sagte Herr Feihse. — Ach! sieh mal! Nun, und wenn ich sie vorbereitet hätte, wären sie dann etwa gekommen? — Aber du siehst doch, sie sind ja doch auch so ohne weiteres auseinandergegangen! — Nun, und was ist da der Unterschied?? — Herr Feihse sah sie etwas blöde an; es verwirrte sich sein Denkvermögen, er wußte ganz genau, daß da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn allein hätte nachdenken lassen, würde er ihn auch gefunden haben. Aber unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebärden wurde er stets verwirrt; seine Gedanken lösten sich dann geradezu auf. — Ich habe wirklich mit großer Freude gehört, daß Sie jetzt eine so außerordentlich interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox erhob sich und sagte, er müsse leider aufbrechen. — Herr Feihse machte keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die Leute zogen sich von ihm zurück, da er ein einfacher, schlichter Mann war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es gelernt die Enttäuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte, schlimmste Enttäuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte, die — das fühlte er so deutlich — würde ihn ins Grab bringen, langsam, Schritt für Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau verhinderte es und er trat zurück, aus Angst, die spätere Szene, wenn sie allein waren, würde dann noch heftiger werden. Und bei solchen Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles plötzlich los in ihm — und er durfte das seinem kranken Körper nicht zumuten, und den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven — das sagte sie selber — zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren Ketten.
Daß wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz intim! sagte Selma an der Korridortür; ich hätte Ihnen so gerne manches mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal pensionsberechtigt, was ich früher annahm. Wäre er wenigstens noch dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann, was eine Ehe wahrhaft reich und glücklich macht — Kinder, — die sind uns ja versagt, wie es scheint! Ach, hätte ich einen jungen, schönen, feurigen Mann geheiratet, ich würde ihm wahrscheinlich Zwillinge geschenkt haben. — Na na, sagte Fox. — Und Lotte hat außer ihrem Jungen drei süße kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere verschenkt man aus Nächstenliebe — wie ich meinen Vetter an Lotte, und das Schlechte bleibt einem selber übrig, die Reste vom Tisch des Lebens, nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben. Hören Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hört, aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhören muß, fühle ich, wie mir die Adern an den Schläfen schwellen bis zum Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen Ort, wo man es nicht so deutlich hört, aber da bin ich auch nicht gern; dies miserable Haus hat ja nicht einmal überall Wasserleitung; ach, wie schön war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will, wahrscheinlich lacht er mich aus — aber was tut man nicht in der Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fühlt! —
Fox drückte ihr die Hand, klopfte ihr väterlich auf den Rücken und verabschiedete sich. — Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgär scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich selten in einer so interessanten Verkörperung gesehen! dachte er.
Er sprach am nächsten Tage lange mit Pitt darüber, wie es wohl komme, daß Personen des täglichen Lebens, mit all ihren Banalitäten, den Menschen auf die Nerven fallen, daß sie aber, wenn man sie künstlerisch verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine kleine Untersuchung darüber, und Fräulein Elsa lobte ihn außerordentlich.
Zunächst war Fräulein Heine von Fox etwas enttäuscht gewesen, denn er war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen; deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt könne mit ihm über seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungünstiges Licht gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurück. Fox ließ sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung angemessen erachtete, und ihr Mißtrauen, Pitt betreffend, verlor sich, da sie aus gelegentlichen Äußerungen seines Bruders mit Sicherheit darauf schließen durfte, daß Fox von ihrer früheren Neigung auch nicht die leiseste Ahnung hatte. So näherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr herrschte ein kameradschaftlicher, nüchtern-freundlicher Ton, denn von Gefühlen, wie sie sie für Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei ihr einstellen, was sie selber unbewußt etwas enttäuschte. Fox selbst dachte vorläufig gar nicht an die Möglichkeit einer Liebe. Sie lernte ihn nun näher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie über seine vielen Nein-neins, über seine „also wirklich“, freute sich über sein etwas pompös-behäbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit zugrunde zu liegen schien, und über die Gründlichkeit, mit der er manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen passend. Ihm mißfiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen bedauernd-ernsten Blick entgegen, über den sie dann auch wieder lachte. Er ließ sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine manchmal absichtlich kunstvollen Sätze langsam, ohne sich um ihre amüsierten Zwischenrufe zu kümmern. Allmählich gewöhnte sie sich an diese Dinge, daß sie sie schließlich gar nicht mehr bemerkte.
In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschäftlichen Grund, und Herr Heine freute sich, daß der junge Mann es so sehr ernst mit seiner Stellung nahm. Außerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschäften matt, sich abends erholen wollte. — Allmählich kam Fox auch ohne geschäftliche Gründe; er wußte noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage getragen hatte, und für ihre Schmuckgegenstände zeigte er einen respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten vor: In seinen Gesprächen mit Herrn Heine verwies er auf seine früher erschienenen Broschüren, von denen er sich durch alle Fährnisse hindurch nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, daß er die Unwahrheit sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen früherer Jahre fußte, — er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert schauspielerischem Pathos, und ganz entzückt war das Herz der Frau Heine, als er sich einmal an den Flügel setzte und ein Lied vortrug. Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfänglich, indem sie es sehr komisch fand, lyrische Töne aus seinem Munde zu hören, aber allmählich moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte ihn an, neue Lieder zu studieren.
Wie anständig, wie hochanständig und respektvoll war dieser Herr Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder, der, wie sie jetzt mit immer größerer Deutlichkeit empfand, sich gegen ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich geziemte, und der nun auf einmal überhaupt nicht mehr kam, einfach fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie spürte etwas wie Rachegelüste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst meiner Tochter bemüht, aber es ist ihm nicht geglückt, ein Mensch mit solchem Benehmen wird überall nur anstoßen, wo er auch hinkommt! —
Dieses Wort wirkte außerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden! Dies erfüllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in natürlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, daß er selber mehr Qualitäten besitze, die die Frauen schätzen. Er gab nun seinem Wesen noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein, Fräulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm zweifelhaften Fällen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich — oder in der Tat nicht klar darüber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht muß doch neben allem Unsinn, der aufs Gefühl wirkt und den eigentlichen Wert ausmacht, auch einen äußeren Sinn haben, und den kann ich nicht finden. — Sie runzelte die Stirn, indem sie’s las, und kam sich sehr wichtig vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der Folge öfter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Päckchen Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese Blicke ernst und bedeutend. — Ob ich ihn wohl lieben könnte? dachte sie manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als sein Bruder. Was er allein für Hände hatte! Echte, kräftige Männerhände! Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkürlich reckte sie selber ihre kleine Figur etwas empor. — Sie fing an mehr auf seinen Körper zu achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus ihrer Hand nahm, so daß sich beide fast berührten, hatte sie mitunter das Gefühl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig näher an ihn heranträte, und in ihm plötzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein schauerliches und zugleich wohliges Gefühl, und wenn sie seine Hände ansah, mußte sie nun öfter daran denken — ganz theoretisch nur! — wie es wohl sei, von diesen Händen ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal sah sie auf sie hin, und vergaß darüber zu antworten, so daß er nun seinerseits seine Hände beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht schmutzig. — Der große, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich, so ahnungslos! — Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in Gedanken hinzu, daß sie sich wohl auf ihn beziehe. —