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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman cover

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Chapter 14: Zwölftes Kapitel.
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About This Book

Two brothers are portrayed in close contrast: one extroverted, theatrical, and self-mythologizing, often favored by the household; the other withdrawn, ironic, and prone to imitation, retreating into observation and private rituals. Their small-town family life, school and amateur theatricals provide recurring scenes of rivalry, parental partiality, and performance as identity. Through episodes of boasting, quiet record-keeping, shifting rooms, and mimicry, the narrative considers how pride, insecurity, and habit shape personal relations and the siblings' differing approaches to love, social standing, and selfhood.

Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er wurde nie benutzt! Fox erklärte, Tennis könne er nicht spielen. — Ich zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und kräftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig und so furchtbar unjugendlich! — Sie hüpfte selbst ein Weniges in die Höhe. Sie spielten nun. — Sie schlagen viel zu fest für den Anfang! — rief Fräulein Elsa. — Dafür kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor sich habe, streifte er seinen Hemdärmel hinauf und sah sie renommierend-erwartungsvoll an, während sie ihrerseits erwartungsvoll zugesehen hatte, wie er den Ärmel in die Höhe streifte. — Ein Arm wie der eines griechischen Götterheros! dachte sie.

Er mußte sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame Schläge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!

Allmählich geriet Fox Fräulein Heine gegenüber ins Nachdenken; sie begann ihm deutlicher zu zeigen, daß er ihr sehr sympathisch sei. — Eine ganze Million bekam Fräulein Heine einmal später. Das hatte sie ihm selber mitgeteilt, als sie ihm erzählte, wie ein Herr sich vergeblich um ihre Gunst bemüht habe.

Der ganze große Luxus dort im Hause hatte Fox verwöhnt; Elsa schien ihre verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr würde er über diese triumphieren, wenn er sie gewann! Was würde Pitt für ein Gesicht machen, wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemüht hatte! Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Fräulein Heine sprach?! — Eine ganze Million! Der höchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal in einem guten Leben, das mußte jeder zugestehen, und wer es nicht zugestand — dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was blieb dem armen Kerl sonst übrig?! — Allerdings: Heiraten — nur um zu einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe mußte dazu kommen, und er fühlte ganz deutlich, daß sie bei ihm schon im Anzuge war; wenn er sie heiratete, würde es eine reiche Liebesheirat sein, dies war das rechte Wort, knapp, präzise bezeichnend. Fühlte er sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies bestätigt hätte. — Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie häufig kommt es vor, daß Menschen von ihr überhaupt erst dann erfahren, wenn durch einen plötzlichen Windstoß der Leidenschaft alle verhüllenden Schleier des sogenannt wachen Bewußtseins zerrissen werden! Es bedurfte dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo liebte sogar die Julia sofort, ohne daß irgendein Anlaß da war, nachdem er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.

Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Fräulein Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, während sie ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer nichts, so daß sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, daß sein Grübeln nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im Satze ab und ließ den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, während ihre Augen ganz groß wurden, nur für einen Moment; dann führte sie sie über einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurück, auch nur für einen Augenblick, und schließlich saß sie unbeweglich, mit einem Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, daß ihre Züge still-bedeutend würden. — Ein ungewisses Fluidum strömt jetzt von ihr zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem versetzen könnte, wenn man sich ihm zu lange hingäbe! Also wirklich: ich fange an zu fühlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt, ganz leise, so, wie es Unterströme gibt in einem anscheinend stillen Wasser! — Und Fräulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm vorgehen! Wenn es jetzt über ihn und über mich käme, mit elementarer Gewalt alle Schranken niederreißend?!

Fox wurde sich über sein Gefühl immer klarer. Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schläfrig, um sich starrte. Was hatte er nur geträumt? — Er träumte eigentlich niemals. — Zwei große, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! — Die hatte Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das schwärzeste vor, was es in der Welt gäbe. Und wem gehörten diese Augen? — Eine ganze Million; schoß es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber er sprach nervös zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal für kurze Zeit ungestört dem Gedanken der Liebe ergeben? Muß denn ewig die reale Welt dazwischen kommen? — Also: Zwei schwarze, große Augen; ich weiß bestimmt, daß ich von denen geträumt habe, sonst würde mir doch das nicht jetzt auf einmal einfallen, es muß doch dem ein tatsächliches Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen geträumt?! Sie waren also erst mal: feurig. — Fox suchte vor sich selbst eine Brücke herüberzuschlagen zu Fräulein Heine; da er aber nicht weiter kam, genügte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, daß sein Traumbild nur Fräulein Heine gewesen sein könne. Daß da weiter gar nichts im Traum geschehen war, erhöhte den Wert dieser einzigen Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick — — Fox wußte mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich angesehen hat — es lag darin eine ganze Welt von Rätseln! Ein Blick voller Fragen, Antworten, Verheißung, Sehnsucht! — Es muß weit mit mir gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im Schlafe, daß ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl ähnlich geht?

Er erzählte ihr seine Vision, verschwieg aber, daß es sich um sie selbst gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.

Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich, liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere Unruhe; ihre Phantasie beschäftigte sich mit Bildern, denen sie vorher keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurück vor ihnen, aber nur um so stärker kamen sie.

All ihre Anbeter waren Männer, die frühreif das Leben schon kennen lernten, über denen jetzt eine leise Müdigkeit der Erfahrung lag; sie alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverständlich; da kamen in gewissen Abständen Herren aus der kaufmännischen Gesellschaft, oder — wie es schon mehrmals geschehen war — korrupte Offiziere mit Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklärten und denen sie’s an der Nase ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte Egon ihr gesagt, sie dürfe sich keine Illusionen machen!

Und nun kam Fox Sintrup — das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige Gefühl haben: Sie war die erste, die er berührte! Sie hätte ihre Hand dafür ins Feuer legen können! Es fiel ihr ein, daß sie zu Anfang öfters über ihn gelacht hatte. Aber worüber hatte sie denn im Grunde gelacht? Darüber, daß er anders war als andere Männer, daß ihm sein reines Verhältnis den Frauen gegenüber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man wohl belächeln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr kürzlich erst erzählte: Eine schöne Millionärstochter habe ihn einmal geliebt, er habe sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das bedrückende Gefühl losgeworden wäre: Sie könnte denken, ich nähme sie nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzählte, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionärstochter vor mir, zu der ich das sage! Oder sollte er — dies war eine ganz neue Perspektive — sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten Absicht erzählt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du kein Geld hättest, würde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nähmest? Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefühl so weit? War die Geschichte vielleicht überhaupt erfunden? War die schöne Millionärstochter sie selbst?! — Unwillkürlich warf sie einen Blick in den Spiegel: Es wäre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so furchtbar stolz und delikat!

Fox war sich inzwischen über sich selber vollkommen klar geworden: Er liebte Fräulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter überschaut, bis in ihre ersten Anfänge. — Und sie selber: Mit Deutlichkeit erinnerte er sich, daß sie bei der ersten Begegnung fast tragisch zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er’s erzählt! Also auch sie hatte es gefühlt, daß er ihr Schicksal sein werde, deutlicher, erschütternder noch als er selber! Sie hatte sich dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem großen Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefühl mit stummer Deutlichkeit hervor! Wie selten geschieht es doch, daß sich alles so natürlich und in so wahrhaft innerer Schönheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe gestehen? —

Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit großen Blicken trennten sie sich.

Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an seinem neuerworbenen Barte. — Nein, dachte er endlich, ich will nicht, daß die Familie womöglich denkt, ich sei ein Millionenjäger. Ich würde das der Familie zwar absolut nicht übelnehmen — dergleichen ist sehr menschlich und die Tatsache kommt — leider — häufig genug vor! Alles was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich könnte ihr aber mal wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anständig!

Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr stand, wurde er sehr rot, denn plötzlich hatte er das Gefühl: Heute kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errötete sie ebenfalls. Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, während er nach innen lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. — Setzen Sie sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme sonderbar beherrscht klang. Er erfüllte ihre Bitte sogleich, legte die Hände auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lächelte nervös und strich sich das Haar zurück. Dann saß sie ebenfalls. — Sie sind ein sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. — Wieso? fragte er, überrascht, plötzlich in seinem gewöhnlichen Tone. — Wie — so? wiederholte er, grübelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nüchtern geklungen hatte. — Ich halte Sie für einen ganz, ganz verschlossenen Charakter! — Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. — Also Sie leiden darunter?! — Natürlich, man empfindet es oft doch sehr schwer! — Mir geht es ähnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. — Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenüber. — Wirklich? Wie meinen Sie das?? — Ich habe das Gefühl, als wenn Sie gegen mich nicht so verschlossen wären! — Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine Worte eine Offenbarung; jawohl, das hängt von den Menschen ab. Gegen zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine Mutter! das heißt — sie brach ab. Er sah sie fragend an. — Das heißt, sagte sie lauter, stoßweise: das heißt, gegen meine Mutter bin ich jetzt auch verschlossen, und gegen Sie möchte ich es auch sein, aber was soll ich machen — — c’est plus fort que moi!! — Bin ich Ihnen solches Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, daß er das einmal irgendwann auf der Bühne gesagt hatte. Daß auch die kalte Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den höchsten Augenblicken des Lebens! — Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo ich Sie sah, waren Sie mir das! — Was sollte er darauf antworten? — Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. — O Sie Kind, rief sie, Sie großes ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? — Ich könnte noch vieles hinzufügen, aber daran hindert mich das Gefühl, daß ich nicht weiß, wie Sie dies aufnehmen werden! — Ich, ich nehme alles freudig auf, von Ihnen alles!

Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies Gefühl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur einmal vorkommt — oder vorkommen sollte — erschütterte ihn. Er sah gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit, auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. — Sie wissen es ja längst, sagte er mit belegter Stimme, daß ich Sie liebe, daß ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flüsterte sie. Als Antwort drückte er sie fester an sich. — Eigentlich ist sie etwas klein! sagte eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hörte sie nicht. Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefühl jubelnden Besitzes, mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mußte sie lachen: Ach du Kind, du kennst ja die Liebe nur aus Büchern und denkst, du mußt nun auch so sprechen wie die Helden in Romanen! Küsse mich ein einziges Mal, das ist besser als alle Worte! — Sie reckte sich etwas in die Höhe, und den Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselfälle des Lebens zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Kuß.

Zwölftes Kapitel.

Fox sagte eines Tages, er habe einen Brief für Pitt: Du mußt entschuldigen, daß ich ihn geöffnet habe; er kam in die Redaktion, wurde für mich abgegeben, und da ist es nicht verwunderlich, wo ich jetzt sowieso Hunderte von Glückwünschen zu meiner Verlobung bekomme, die überall wie eine Bombe eingeschlagen hat: Geschäftsbriefe, Glückwünsche, Telegramme, Bettelbriefe — das fliegt nur so. — Ja, sagte Pitt, mit deiner Braut hast du einen schönen Erfolg gehabt! Fox nickte: Und herzig niedlich ist meine Braut doch, was? Und so neckisch! — Pitt reichte ihm die Hand und wollte gehen. Halt! rief Fox; seinen Brief vergißt dieser Mensch natürlich mitzunehmen! — und er gab ihn seinem Bruder.

Der Brief war von Elfriede, sie bat Pitt, zu ihr zu kommen. Ihm war wie im Traume, als er auf ihre Schriftzüge sah.

Mehrere Jahre hatten Pitt und Elfriede sich nicht gesehen. Wozu, wozu soll ich jetzt zu ihr gehen, dachte er, ich beunruhige sie und mich von neuem, und scheitere abermals an mir selbst; ich habe mich nicht geändert, ich bin genau so wie ich immer war. —

Elfriede hatte ihr Studium längst beendet; der letzte Winter war mit Konzertreisen hingegangen, ein Ziel, das ihr früher so hoch erschien, und das sie nun, wo sie es erreicht hatte, ernüchterte, enttäuschte, trotz der Erfolge, die sie hatte. Sie war nach Hause zurückgekehrt, auf unbestimmte Zeit, und Frau van Loo wollte sie so bald nicht wieder gehen lassen, die sie in der Mitte ihrer Ehe geboren habe, wo alles in ihr und um sie herum am wärmsten und glücklichsten gewesen sei. — Ich habe mich, sagte sie, zu deiner Überraschung malen lassen, denn wenn ich einmal tot bin, sollt ihr alle eine schöne Erinnerung an eure Mutter haben. Das Bild ist in der Ausstellung; es hängt da, wo immer soviel Menschen stehen! —

Elfriede fand das Bild, und voll Stolz blickte sie auf die Gestalt ihrer Mutter in ihrem reichen, nachschleppenden Kleide, die so ganz bekannt und doch wieder fremd aus ihren schönen Augen auf sie niedersah.

Was wußte Elfriede eigentlich über das ganze Leben ihrer Mutter? War das alles wohl so einfach gewesen, wie sie es sich früher immer als selbstverständlich dachte? Hatte sie, die ihren Mann so früh verlor, die Liebe nie wieder kennen gelernt? Sprachen diese Augen wirklich nur von einem einzigen Glück, das weit, weit zurücklag? — Nachdenklich schritt Elfriede durch die Säle, bis sie plötzlich stehen blieb, als habe sie ein Wort erstarrt: Vor ihr war Pitt Sintrup, sein Kopf, sein Bild, er schien nur sie zu sehen, seine Augen glommen ihr entgegen. Allmählich vermochte sie sich zu sammeln, sie blieb lange vor dem Bilde stehen. Wie ein Traum erschienen ihr die letzten Jahre, gleichgültig alles, was sie brachten, das Leben knüpfte wieder da an, wo es einmal aufgehört hatte. — Wo war Pitt Sintrup jetzt? — Am Nachmittage suchte sie ein Hotel auf. Man hatte ihr gesagt, daß die Künstlerin, deren Bilder zu einer kleinen Kollektion in einem der Ausstellungsräume vereinigt waren, für einige Tage hier am Orte weile.

Ein hohes, blondes Mädchen stand ihr entgegen. Elfriede nannte ihren Namen, Herta hob überrascht den Kopf und ihre Augen gingen so prüfend erstaunt über sie hin, daß Elfriede leicht errötete. Herta lächelte. Ich habe Sie so oft beschreiben hören, sagte sie, mit ihrer klangvollen Stimme, aber ich habe Sie mir ganz, ganz anders vorgestellt. — Ja, sagte Elfriede, und ich komme um eben des Menschen willen, den Sie nannten, — oder haben Sie ihn nicht genannt — — Nein, sagte Herta, aber ich dachte an ihn, und wußte, daß Sie an ihn dachten. In plötzlicher Wärme berührte sie sie mit ihrer Hand, dann ließ sie Elfriede neben sich niedersitzen.

Es wurde Elfriede schwer zu beginnen. Sie wissen, sagte sie, daß ich mit Herrn Sintrup früher befreundet war? — Herta nickte und dachte im stillen: weshalb frägt sie mich nicht einfach, wo er sich jetzt aufhält, und geht dann wieder? So würde ich es machen. — Und Sie wissen, daß wir dann für Jahre getrennt wurden? — Ich weiß alles. — Nun möchte ich wissen, wie es ihm seither ergangen ist, was er tut, ob er sich glücklich fühlt, und dieses alles, dachte ich, müßten Sie mir sagen können. — Und wie kommen Sie dazu, gerade mich danach zu fragen? — Weil ich sein Porträt von Ihnen sah, und weil ich mir sagte: Jemand, der ihn so malen konnte, muß ihn ganz nahe kennen, muß ihm ganz nahe stehen — oder gestanden haben. Herta wunderte sich über die Unbefangenheit, mit der Elfriede redete. Aber dies Zutrauen ging ihr warm ans Herz. — Sie haben recht, sagte sie, ich habe ihn nah gekannt, aber das Porträt liegt weit zurück, und wenn Sie etwas aus den letzten Jahren wissen wollen, — da bin ich ebenso unwissend wie Sie. Mich hat das Leben längst weiter geführt. — Und früher? fragte Elfriede zögernd. — Früher?! — Ich will Ihnen alles sagen, begann sie mit einem plötzlichen Entschluß: Sie haben die Verbindung mit Pitt Sintrup verloren, Sie wollen ihn wieder für sich gewinnen. Elfriede widersprach nicht, nur sah sie Herta mit einem Blick an, der dies alles bestätigte, und in dem doch die Bitte lag, nicht weiterzusprechen. — Ich will ganz offen gegen Sie sein, fuhr Herta fort, wir begegnen uns wahrscheinlich nicht wieder im Leben, und vielleicht helfen meine Worte, Ihnen Schlimmes zu ersparen. Ich kenne Pitt Sintrup genau, wir haben uns nah gestanden wie nur zwei Menschen sich nahe stehen können; ich kenne sein ganzes Leben, er hat es mir oft und oft erzählt. Ich wußte, was für ein haltloser Mensch er ist, und ich wollte diejenige sein, die ihm einen Halt gäbe; ich fühlte mich stark dazu. Es schien zu gelingen, es kam eine Zeit scheinbaren Glücks, dann ging alles langsam, Stück um Stück zugrunde. Mehr Kraft als ich sie hatte, können Sie nicht haben, und ich bin nicht zum Ziel gekommen. Ich fühlte, daß ich selbst zugrunde gehen würde, wenn ich dies Leben mit ihm zusammen länger ertrug, — und so trennte ich mich von ihm. Pitt Sintrup ist ein einsamer Mensch, er leidet unter seiner Einsamkeit, aber er ist nicht geschaffen zu einem dauernden Zusammenleben mit einem andern; eine Zeitlang hält er es aus, dann treibt es ihn wieder fort, Gott weiß in was für Nebel. — Elfriede sah vor sich hin; ein Stück ihrer eigenen Erinnerung war wach in ihr. — Und ist er jetzt noch hier? fragte sie nach einer Weile. Das wußte Herta nicht, doch setzte sie hinzu, vor einiger Zeit habe sie gehört, daß er jetzt Redakteur an einer Zeitschrift sei; sie nannte den Namen. Elfriede erhob sich; Herta sah sie nachdenklich an: Wollen Sie es wirklich versuchen, ihm wieder nah zu kommen? — Elfriede antwortete nicht, aber ihr stummer Blick sagte alles.

Elfriede schrieb jenen Brief an Pitt. Frau van Loo zeigte keine Veränderung auf ihrem Gesicht, als sie es ihr erzählte. Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie: Du mußt es wissen, welcher Verkehr dir frommt; damals warst du ein halbes Kind, jetzt bist du erwachsen. — Sie sah ihr in die Augen und dachte: Wann wird deine Sehnsucht endlich zur Ruhe kommen. — Sie ahnte vieles von Elfriedes Leben, sie hatte es Elfriede stets fühlen lassen, aber ausgesprochen wurde nie ein Wort. —

Pitt kam; er hatte lange mit sich selbst gekämpft. Er trat in das Haus, das unverändert all die Zeit gestanden war, der Diener war immer noch derselbe, er begrüßte Pitt beinah wie einen Freund, während er damals, als Pitt noch im Hause verkehrte, stets steif und gemessen gewesen war.

Er trat in das große Zimmer, das ihm so vertraut war; nichts schien darin geändert, es war, als sei er gestern zum letzten Male hier gewesen. — Er mußte lange warten, endlich hörte er jenes dumpfe leise Rollen, das ihm so bekannt war, die Portiere schob sich langsam zurück, und Elfriede stand vor ihm, die graublauen Augen auf ihn gerichtet, unsicher, fragend. — Ihn durchflutete ein warmes, sanftes Gefühl. Elfriede! sagte er. Sie kam langsam auf ihn zu und hob die Hand, er ergriff sie, hielt sie unschlüssig und ließ sie wieder sinken. — Wie lange, lange sahen wir uns nicht! sagte Elfriede endlich. Er nickte, traumverloren. — Seit jenem Sommer, draußen auf dem Gute. Dann schwiegen sie beide. — Und Ihre Mutter? fragte er endlich. Sie sah mit verschleiertem Blicke zu ihm auf und fragte wie aus einer andern Welt: Wessen Mutter? Meine Mutter? Pitt, nenne mich nicht Sie. Wir waren doch Freunde, und ich glaube, wir sind es noch — oder wieder.

So saßen sie sich nun gegenüber wie in alter Zeit, nur daß inzwischen Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, daß alle Worte unwichtig und gleichgültig waren, daß das Wichtige unausgesprochen blieb. Es drängte sie, ihm alles zu erzählen, ihr ganzes Leben, seit sie ihn verließ, aber sie vermochte es nicht. So saßen sie noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefaßt. Endlich erhob er sich.

Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemühte sich ihren Worten einen leichteren Ton zu geben. — Er zögerte. Dann sagte er: Was hat es für einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn es uns wieder zusammenführt, so bringt es uns nichts Gutes. — Glaube das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war, ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an dich, sei wie du willst zu mir — du kannst mich nicht mehr enttäuschen, das alles ist vorbei. Es soll für dich wieder so werden, wie es früher war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, daß du mit mir befreundet warst. Denn ich weiß ja doch: Jene ganz frühe Zeit mit mir war die glücklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein kann, was ich dir damals war, so bin ich glücklich, denn du bist dann glücklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefühl der Ruhe denken kannst, mit dem Gefühl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glücklich — ich sehe es dir ja an, daß du noch immer allein bist!

Er blickte schwankend auf sie. — Für mich ist es jetzt schon schwer von dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein träumender Junge mehr, ich habe in all den Jahren gelernt meinem Gefühl zu mißtrauen; auf mir liegt kein Segen. — Komm wieder, Pitt! — Er sah ihr grübelnd in die Augen. Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. — Ich komme wieder! sagte er mit einem plötzlichen Entschluß.

Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta vielleicht erreicht hätte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles von sich abschüttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, daß niemand mit ihm glücklich werden konnte, da er mit niemand glücklich zu sein vermochte. —

Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu sehen wie er wollte — sollte er sich diese Möglichkeit des Glückes abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?

Er ließ nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton war frei, sicher, und voll verhaltener Wärme.

Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weißt du noch, Pitt, wie du dann später vor dem Hause zögertest und nicht wußtest, ob du mitkommen solltest? — Ja, antwortete er, und es war gut, daß ich es dann tat, euer Haus ist meine einzige Heimat. — Sie pflückte eine Blume und steckte sie an seine Brust.

Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrüßte ihn mit etwas reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe früher geglaubt, er sei inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hände gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. — Liebes Kind, sagte Frau van Loo, ich weiß doch, was ich gelesen habe! — Aber ich weiß es doch besser! Sein Bruder hat mir am nächsten Tage einen Brief geschrieben und sich entschuldigt, daß er den meinen geöffnet hätte, denn er wäre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo ließ sich nicht aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich weiß aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup? — Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! — Siehst du wohl, Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. — Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber längst nicht mehr in der Redaktion. — So? Dafür haben Sie auch nie gepaßt! Sie sollten in einer großen Bibliothek sitzen und das Leben nur in Büchern genießen, das wäre für Sie das richtigste. Ein Onkel von mir — jetzt ist er uralt — war gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner Bibliothek und genießt das beschaulichste Leben. Ich werde ihm schreiben, daß es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke auf dem Herzen trägt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball mitmachte — ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schöner Mann war — so wird er vermutlich auf mein Wort noch hören. —

Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb übrigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie plötzlich: Wie ist das denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? — Ich?! fragte Pitt. — Nun ja, mit Fräulein Heine. Pitt sagte, daß dies abermals sein Bruder sei. — Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van Loo schüttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem Wohltätigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgenötigt hatte. Dort verkaufte sie Rosen, weiter weiß ich nichts mehr von ihr. — Sie schwieg, und es war Elfriede, als verschlösse ihre Mutter gleichsam den Schachteldeckel über einem vielleicht insgeheim recht garstigen Figürchen. —

Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Fräulein Heine hob ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anständig, wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begründung eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte man, daß er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverständlich, das verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prämie gleichsam, stärkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anständig gelebt, sowohl im Sinne einer äußeren gediegenen Lebensführung als auch eines innerlich unantastbar reinen Wandels. —

Jeder Mensch, sprach er zu Pitt, hat — also Hand aufs Herz! — seine Jugendsünden; es ist nicht anders möglich in unserer heutigen Zeit mit ihrer erotisch so ungeheuer leicht erregbaren Psyche. Was unsere Eltern und Großeltern in ihren Jugend- und Entwicklungsjahren bewegte: Vaterland und Politik, und was ihre Leidenschaften füllte, das ist uns überkommener Besitz geworden. Man lese doch mal die Literatur von damals und die heutige, und vergleiche sie miteinander! Die Liebe ist ein ungeheurer Faktor im heutigen Kulturleben, dasjenige, was unsere Jungen und Jüngsten weitaus am meisten bewegt von allen Problemen. Auch mich hat dies Problem nicht schlafen lassen — wirklich manchmal nicht schlafen lassen — ich habe gekämpft für eine neue Form der Liebe, aber ich habe gefunden: die ältere ist doch die bessere. Wenn man in ein gewisses Alter kommt, sieht man das ein, muß man das einsehen. Überlassen wir die freie Liebe anderen Völkern: Der Deutsche ist und bleibt der geborene Ehemann. Vergeblich sträubt man sich gegen diese Tatsache, vergeblich versucht man die überkommenen Formen zu sprengen. Sie sind zu alt, zu ehern, zu heilig. Und ohne die Kirche geht die Geschichte auch nicht; wenn man auch nicht an die Sache glaubt — es gibt doch eine ganz besondere Weihe! Und irgendwas muß doch auch an der Kirche sein: wieviel hat man gegen sie angekämpft, durch Jahrhunderte hindurch, und sie sind alle noch immer im Betriebe! Na — meine sämtlichen Beziehungen — das heißt, es waren nur ein paar — habe ich abgebrochen, vor allem die mit der Schauspielerin, die ich Herrn Bertold abgetreten habe; das war sogar meine Pflicht, denn ursprünglich kam sie gar nicht zu mir persönlich, sondern in die literarische Redaktion, die ja auch in zweiter Hinsicht durch Herrn Bertold vertreten ist. Na, und du selbst, du lebst immer so stumpfsinnig weiter? — Was lachst du denn?

Pitt hatte während Fox’ Rede, ohne ein Wort von ihr zu verlieren, planlos irgend einen Goetheband vom Regal genommen, ihn halb in Zerstreutheit aufgeschlagen und seine Augen hafteten auf einem besonderen Satze. — Ja, sagte er jetzt, ich lebe stumpfsinnig so weiter, wie es von einem stumpfnäsigen Besenstiel, wie ich hier genannt werde, nicht anders zu erwarten ist. — Zeig doch mal her! sagte Fox erfreut. Pitt reichte ihm das Buch mit einem Lächeln, und Fox las: „Ich mag es machen wie ich will, so muß ich mir den großen Pitt als einen stumpfnäsigen Besenstiel, und den in so manchem Betracht schätzenswerten Fox als ein wohlgesacktes Schwein denken.“

Herr Sintrup, beglückt durch die glänzende Wendung in Fox’ Geschick, wurde eines Tages in große Aufregung versetzt: Fox meldete sich für die allernächste Zeit an, mit zukünftiger Frau und Schwiegermutter. — Ich erwarte, schrieb er, daß ich unser Haus in bester Ordnung vorfinde, und eine anständige Hausdame, die es versteht, in würdiger Weise zu repräsentieren; ich bitte dich aufs dringendste: Peinliche Sauberkeit und Ordnung nach innen wie nach außen! —

Herr Sintrup hatte in der letzten Zeit überhaupt keine Hausdame gehabt; sein Heim galt in der Stadt als kein gutes, er genoß den Ruf eines skrupellosen Witwers. — Sein erster Gang war zu einer Dame, die ihn täglich besuchte, und der er dies für die nächste Zeit verbot. Sie glaubte erst, hier hinter verberge sich ein plump angelegter Plan irgendeiner Täuschung. Als sie dann hörte wie alles war, schlug sie vor, sie selber könne ja als Hausdame auftreten; sie wisse ganz genau wie man das mache, sie habe das in vielen Romanen gelesen und besitze ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Herr Sintrup ging darauf nicht ein, unter keinen Umständen. Vermietungsbureaus waren schon geschlossen, und morgen war Sonntag. Er fragte bei Bekannten und Freunden herum; niemand wußte ihm eine solche Dame zu nennen, und ein alter Freund, der sich das erlauben durfte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: Altes Haus, hast du wieder Paschagelüste?! —

Herr Sintrup sah seine Wohnung jetzt mit ganz neuen Augen an: Staubig, unordentlich, wüst sah alles aus, wie in einer richtigen Junggesellenwohnung, der die Hausfrauenhand fehlt. Und wirklich etwas abenteuerlich! Herr Gott, wenn Mausi das erlebt hätte! All die schönen, früher sauberen Gardinen waren vollgequalmt und seit langem nicht erneuert — es waren frische da, aber Herr Sintrup wußte nicht wo sie lagen. Tischzeug! Wo war denn das gesamte Silber? Er fand nur weniges. Verdammte Weiberwirtschaft! Man hatte ihn gewissenlos bestohlen und sich selbst bereichert! — Die Kronleuchter hingen trüb-kristallen von den Decken, ohne Kuppeln, mit nackten Brennern und defekten Zylindern, aber voll verstorbener Fliegen. Goethe und Schiller schauten auf ihren Postamenten wie mit Pockennarben drein. Und überall diese verfluchten Spuren von Dingen, die einfach ungehörig waren! Zuschnitte zu Kleidern, Hüten — was hatten die in der guten Stube zu suchen? Konnte das die Person nicht ebensogut zu Hause nähen? Das Haus muß rein gehalten werden! — Mit einem Griff wischte er die ganze Bescherung vorläufig vom Tisch herunter und trat alles in einen Winkel. Wie sollte er eine Hausdame finden? Er war verzweifelt. —

In peinlich ausgeklopftem Überzieher, in einem tadellos neuen Hut, in roten Glacéhandschuhen, die sich dehnten und leise ächzten, stand Herr Sintrup aber am Tage der Ankunft auf dem Bahnhof und schaute wohlgemut dem Zuge entgegen. Der Zug hielt, Herr Sintrup gewahrte in der Ferne ein Bruderpaar seiner Handschuhe, das winkend in die Luft fuhr. Er eilte heran, Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Mein lieber alter Junge, sagte Herr Sintrup, und seine Augen schwammen; und Fox sagte: Mein lieber alter Papa! Dann drehten sich beide herum und halfen den Damen aus dem Wagen. Fox stellte vor, und Frau Heine dachte: Ein soignierter alter Herr, etwas kleinstädtisch, aber auch in der besten Gesellschaft präsentabel! — Das ist dein Papa? fragte Elsa und klatschte in die Hände. — Mein Papa und auch der deinige! sagte Fox mit Würde; und Herr Sintrup küßte auch ihr die Hand, dann rief er plötzlich: Mir altem Herrn dürfen Sie wohl erlauben — — seine Lippen drückten sich zart auf ihre Stirn, und, als wenn seine Worte inzwischen wie in einem unterirdischen Kanal weitergelaufen wären und nun wieder frei würden, endigte er dann: .... denn Sie sind ja gewillt, als Tochter in unsere Familie einzutreten!

Draußen hielt der Wagen, die Damen nahmen Platz, und ehe Herr Sintrup mit Fox hinterherstieg, nahm Fox seinen Vater leise beim Knopfloch und fragte mit bedeutungsvollem Runzeln: Alles in Ordnung zu Hause? — Alles, alles in Ordnung! gab Herr Sintrup in bester Stimmung zurück. Unterwegs zeigte er den Damen die Sehenswürdigkeiten der Stadt — viele sind es nicht, wir sind hier noch ein wenig zurück — und endlich hielt der Wagen. Man begab sich in das Haus, Herr Sintrup mit Frau Heine, Fox hinterdrein mit seiner Braut. Hier, Elschen, hier hat dein Bräutigam als Kind gespielt! sagte er, mit steifem Mittelfinger in den Garten deutend. Man stieg die kleine Treppe hinan, die Tür öffnete sich, und im schwarzen Seidenkleide stand da Fräulein Nippe, jetzt Frau Feihse, kürzlich erst verwitwete Frau Feihse, ging auf Fox zu, nahm warm seine Hand zwischen ihre beiden, und sagte glücklich: Wer hätte das gedacht, daß wir uns so wiedersehen würden! Dann begrüßte sie die Damen auf eine zeremoniöse Weise, und wie ihr Fräulein Heine die Hand gab, konnte sie nicht anders: Sie streichelte sie, sah ihr mütterlich in die Augen und hielt sich nur mühsam vor mehrerem zurück. Fox war sehr verwundert Fräulein Nippe hier zu sehen.

Bald nach dem Tode ihres Mannes hatte Frau Feihse Herrn Sintrup ihre Dienste angeboten. Zwar erinnerte sie sich, daß er sie einmal auf recht häßliche Weise ausschlug, nachdem er sie erst anzunehmen schien, aber sie trug nie jemand irgend etwas Böses nach! Herr Sintrup antwortete damals auf diesen Brief gar nicht, jetzt bekam sie plötzlich ein Telegramm von ihm. Und sie telegraphierte zurück: ich komme! nichts als dieses einfache, schlichte Wort, das so recht ihr ganzes Leben ausdrückte: Ich komme! — man braucht mich — — und ich komme! — Dann war sie da und ging sogleich an die Arbeit. Böse sah es in den Zimmern aus! Sie ließ Handwerker antreten, half überall selbst mit, bat Herrn Sintrup um alle Schlüssel. Es wurde nun geputzt, geklopft, gescheuert, gerieben und gewischt, überall hatte Frau Feihse ihre Augen, ihre Hände. Voller Schmutz und Schweiß stand sie am Abend da: Das gröbste war geschehen, das kleinere würde morgen vormittag alles erledigt werden. — Sie sind ja ein Staatsfrauenzimmer! rief Herr Sintrup, worauf sie prompt, mit kleinem Knix, erwiderte: Und Sie ein liebenswürdiger Grobian. — Am Mittag konnte Herr Sintrup durch alle Zimmer gehen und sich an der neuen Ordnung erfreuen. — Einige weibliche Handarbeiten, sagte Frau Feihse diskret, habe ich verschwinden lassen; auch habe ich die Pudertöpfchen aus dem Büfett herausgenommen, ich kann ja später alles wieder hineinstellen. —

Frau Heine fühlte sich so gemütlich hier! Was, Elsa, denk, die großen Räume bei uns zu Hause, diese vielen, vielen Räume, zwanzig sind es glaube ich — und hier dagegen diese Gemütlichkeit! Sie liebte doch eigentlich ganz kleine Zimmer! —

Fox lud sie ein sein früheres Stübchen anzusehen. — Dies ist, sagte er, oben die Tür öffnend, das kleine Heim, in dem Ihr Schwiegersohn, liebe Schwiegermama, so glücklich war! Herrn Sintrup traten die Tränen in die Augen, und er sagte: Jawohl, glücklich bist du gewesen, mein Junge, ach Gott, wenn deine Mutter doch noch lebte und dies neue Glück mit angesehen hätte! — War das die Mama von Fox, fragte Elsa mit interessierter Stimme und diskreter Wärme — die dort unten über dem Sofa hängt? Herr Sintrup nickte: Und ihr Geist, sagte er mit mühsam beherrschter, ein wenig vibrierender Stimme, ihr Geist herrscht noch in diesen Räumen. Alles ist genau so geblieben wie es war!

Frau Feihse zog sich zurück; am nächsten Morgen wollten die Herrschaften wieder abreisen, bis jetzt ging alles gut, sie sollten den denkbar günstigsten Eindruck von Haus und Wirtschaft gewinnen!

Das Essen verlief zu aller Zufriedenheit. Fox hatte sich um die Weine gekümmert und seine Kennerschaft bewährt. Herr Sintrup sagte stolz: Ja ja, mein Sohn hat auf der Universität nicht bloß Fach gesimpelt, er hat auch den Magen nicht zu kurz kommen lassen!

Man stieß auf das Wohl der Braut an, und Frau Feihse rief selbstvergessen: Heil Elsa von Brabant! entschuldigte sich aber sofort, falls dies zu intim wäre. Dann brachte Herr Sintrup einen Toast auf Frau Heine aus, die dies gütig über sich ergehen ließ. Schließlich hob Elsa ihr Glas, und sagte in einer plötzlichen Anwandlung: Es sei doch eigentlich schade, daß Pitt nicht zugegen sei — erntete damit aber keinen Beifall; vielmehr wurde Herrn Sintrups Gesicht ein wenig trübe, und er sagte: An den wollen wir uns lieber nicht erinnern, er hat es nicht verdient. — Aber er ist doch ein guter Kerl, meinte Fox, nur daß ihm das Zeug zu allem fehlt, das ist wahr. — Ich trinke trotzdem auf sein Wohl! Er hat mich immer so hübsch unterhalten! sagte Fräulein Heine. Elsa! rief Fox, neckisch mit dem Finger drohend, ich weiß, er ist dir immer nachgelaufen! — Was schadet denn das? fragte sie kokett, ich habe ihn immer gern gehabt und werde ihn auch ferner gern haben, und das Nachlaufen werde ich ihm auch nicht verbieten. — Elsa!! rief Fox mit warnender Stimme, aber sie legte sogleich ihre Hand auf die seine und beruhigte ihn. So lief der Abend ungetrübt, harmonisch hin, fast wäre es allerdings einmal zu einem unliebsamen Zwischenfall gekommen: Frau Feihse nämlich, angeregt durch den Wein, konnte sich nicht enthalten, ohne Namen zu nennen, auf Lotte anzuspielen, und schließlich gar zu sagen: Und wissen Sie wohl noch, der merkwürdige Junge, der immer rief: Wer ist denn der Onkel? — Hier mußte ein für allemal ein Riegel vorgeschoben werden. Fox erhob sich, indem er sagte, er wolle draußen Zigaretten holen, kam aber sogleich zurück und fragte Frau Feihse, wo sie ständen. Sie folgte ihm dienstbeflissen und war erstaunt, als er sie draußen sofort auf das deutlichste und schroffste zurechtwies, mit kurzer, unterdrückter, schneidiger Stimme. — Sie war sehr erschrocken und nannte sich selber taktlos und „ehrenrührig“. Um ihm ganz zu zeigen, wie sehr sie ihn begriffen, erzählte sie dann später von ihrem Vetter: eine wie glückliche Ehe der führe mit eben jener Dame, die sie zuvor genannt habe, und daß der Himmel ihm so viele Kinder beschert habe. Einmal sei ihr eigener Mann, Herr Feihse, als diese Kinder groß genug waren es zu verstehen, ihnen als Weihnachtsmann erschienen. Sein höchster Traum wäre gewesen, einmal seinen eigenen Kindern als Weihnachtsmann zu erscheinen, aber da sie ihm versagt blieben, mußte er es vor fremden — die gute alte Haut! Und wie er nun vor den Kindern stand, da habe er kein Wort hervorbringen können, denn er sei zu erregt gewesen. —

Am nächsten Morgen umarmte Herr Sintrup Fox abermals, sagte, er habe Freude an seinem Sohn erlebt, und händigte den Damen mit großer Galanterie zwei Blumensträuße aus. Zum Schluß bekam Frau Feihse einen Weinkrampf: Frau Heine vermißte ihren Brillantring; sie hatte ihn auf dem Waschtisch liegen lassen, er fand sich nicht gleich, und nun konnte man vielleicht ihre arme, unschuldige Seele im Verdacht haben! — Gott sei Dank! sagte Herr Sintrup als er vom Bahnhof zurückkehrte, Frau Feihse, Sie haben sich wirklich glänzend bewährt! Sagen Sie mal, wollen Sie nicht dauernd die Wirtschaft bei mir führen? Ich sage Ihnen aber gleich: Es geht bei mir etwas drüber und drunter. Sie könnten hier famos Ihre Muttertalente anbringen! —

Muttertalente! Ja, sie war zu alt geworden zur Liebe, das fühlte sie; sie hatte endgültig verzichtet, sie machte sich keine Illusionen mehr, nun noch jemand zu gewinnen: Muttertalent, das war das einzige Pfund, mit dem sie noch wuchern konnte, das war das Zauberwort, das ihrem Leben einen Inhalt geben würde! Dieser Mann war noch nicht alt genug, um ganz auf die Freuden des Lebens zu verzichten, — Haarnadeln, Puderbüchsen, Brennmaschinen — das alles deutete auf kein Alleinleben. Und das sah sie ja in allem: ausgenützt wurde dieser Mann! Sie würde ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, mit ihrer Menschenkenntnis, ihn warnen und bewahren vor allem Bösen, und wenn sie manchmal für zwei zu bügeln hatte, was war da schließlich dabei?! Sie fühlte sich erhaben über die Vorurteile der Menschen. Wenn Herr Sintrup einmal starb, würde er ihr doch für ihre opferwillige Tätigkeit eine kleine Rente aussetzen, und Fox, der reiche Fox, war doch dann auch noch da! Er würde ihre Aufopferung für seinen Vater splendide revanchieren, an seiner Desdemona! Sie blieb, und bat Herrn Sintrup in der Folge, sie wieder bei ihrem Mädchennamen zu nennen.

 

Pitt hörte von diesen Dingen, auch von seines Bruders Reise und Triumph, aber das alles traf ihn wie Nachrichten aus einer andern Welt. Ihm war, als sei er um Jahre zurückversetzt, als kehrten frühere, glückliche Zeiten wieder, nur mit dem Unterschied, daß er sie jetzt bewußt als Glück genoß. Er sah Elfriede oft, so oft er wollte, und nur die eine Sorge befiel ihn zuweilen: Daß dieses Glück wieder aufhören könne. Mit heimlicher Angst wartete er manchmal darauf, daß ihr Wesen allmählich wieder jenen wortlosen, verschlossenen Charakter annehmen könne, wie früher, damals, draußen auf dem Gute. Aber das geschah nicht, sie war gleichmäßig warm und zart, sie zeigte keine Veränderung des Wesens, selbst wenn bei ihm manchmal die alte Zerstreutheit, die bekannte Kühle, die völlige Abwesenheit aller Gedanken eintrat, wenn er mitten im Gespräch etwas völlig Zusammenhangloses erwiderte, wenn er ihre dringlichen Fragen über Dinge, die ihr am Herzen lagen, überhörte. Sie gewöhnte sich daran, sie wollte sich daran gewöhnen, denn sie mußte es. Manchmal dachte er, ob er wohl so mit ihr zusammen leben könnte wie mit Herta; dann wollte es ihn bedünken, als gestaltete sich mit ihr zusammen alles leichter — und doch schob er diesen Gedanken ängstlich in den Hintergrund. Alles war so, wie es war, viel schöner. — Aber er konnte nicht verhindern, daß die Gedanken wiederkamen. —

Frau van Loo sah dem Verkehr der beiden zu, und ahnte, zu welchem Ende er führen würde. Sie redete mit Elfriede, und Elfriede sprach es als etwas Selbstverständliches aus; Frau van Loo sah sie sinnend und zärtlich an und sagte: Du mußt es wissen, Elfriede, was du tust; du hast jahrelang Zeit zum Nachdenken gehabt, und wenn dies die Frucht deines Nachdenkens ist, so muß ich zufrieden sein.

Wie ein stilles Wasser floß die Zeit hin, so still und milde wie draußen jetzt die Tage waren. Der Sommer war vorüber, aber ein leises Leuchten lag über der Erde, über den Feldern und allen Bäumen, der Himmel war klar, hellblau und kühl, und doch wärmte die Sonne fast wie im Sommer. Leise begann das Laub sich bunt zu färben, und durch die Luft zogen feine, silberne Fäden, die sich glänzend in der Ferne verloren.

Elfriede fühlte in Pitts Wesen eine innere Wärme, die nie ganz auf die Oberfläche drang, sie fühlte, daß er sie so liebte, wie er überhaupt zu lieben fähig war, und eines Tages sagte er es ihr selbst. —

Sie war zu ihm herangetreten und hatte in leiser Zärtlichkeit ihren Kopf an seine Brust gelegt. — Könnten wir denn nicht ganz zusammen bleiben? fragte sie mit ruhiger, verhaltener Stimme, scheint es dir denn so ganz, ganz unmöglich? —

Er machte sich los von ihr. Elfriede! sagte er, du weißt nicht, was für ein Mensch ich bin; es ist ganz, ganz unmöglich. — Doch, doch, sagte sie, ich weiß alles. — Nein, du weißt es nicht, wie haltlos, wie unbeständig ich bin. Mir ist es jetzt, als liebte ich dich; ich fühle es stärker als ich Herta gegenüber fühlte; aber ich kenne mein Gefühl, ich weiß, daß es nicht standhält. Ich empfinde zu Zeiten gegen die allernächsten Menschen so, daß ich im Zweifel bin, ob ich überhaupt irgend eines Gefühles fähig bin. Es liegt nicht an den Menschen, es liegt nur an mir, an der Zusammensetzung meines Wesens. Du stehst mir jetzt unendlich näher als damals, wo wir zum erstenmal zusammen waren, ich weiß: Wenn ich das Leben mit jemand leichter ertragen kann als ganz allein, so bist du es; eine Zeitlang wird es scheinen, als seien wir beide glücklich; dann kommt wieder langsam jenes halb wahnsinnige Gefühl über mich: Mich herauszureißen aus allem was mich bindet! — Es soll dich nichts binden, sagte Elfriede, du sollst das Gefühl behalten frei zu sein, durch nichts gebunden. Du sollst gehen können wann du willst, du sollst nicht immer bei mir bleiben; ich weiß: nur wenn du das Bewußtsein deiner Freiheit hast, kannst du dauernd mit einem Menschen zusammen sein. Und wenn die schlimmen Zeiten kommen, wenn du wirklich gehst, so weiß ich: du wirst zurückkommen, ich werde immer die sein, die dir am nächsten steht. — Pitt hob den Arm: Du kannst es nicht ertragen, du wirst Bitterkeit gegen mich empfinden, du wirst es fühlen, wie egoistisch, wie herzlos ich im Grunde bin. Du sollst dich nicht täuschen lassen durch meine Worte: ich sagte dir, du ständest mir am nächsten von allen Menschen. Genau dasselbe habe ich einst zu Herta gesagt, und ich weiß: ich habe damals mich und sie selbst betrogen. Herta war für mich nichts anderes, als das, was der Ast, der über den Fluß hängt, für einen ist, der auf den Wellen treibt. Ich klammerte mich an ihn, ich suchte mich aufs Land zu ziehen. Kaum war ich ein wenig trocken, kaum hatte ich die Erschöpfung etwas vergessen, verlor ich alle Dankbarkeit, wollte ich wieder zurück in den Strom, ging mich der Ast im Grunde nichts mehr an. Ich suchte mich vor mir selbst zu täuschen, mir einzureden, das alles sei nicht wahr. Herta fühlte es aber ebenso deutlich wie ich, nur hatte sie mehr Mut und Klarheit, und machte da ein Ende, wo ich immer flicken und wieder flicken wollte. Dann bildete ich mir ein — wie früher schon in ähnlichen Momenten: ich liebte dich — um nicht so völlig leer und gefühllos vor mir selber dazustehen: Elfriede! Glaube nicht an mein Gefühl, es ist nur Täuschung und Halbwahrheit. Du weißt nicht, an was für einen Menschen du dich ketten willst, all deine Liebe würde nicht hinreichen das Leben mit mir zu ertragen. — Nur dann, sagte Elfriede, wenn ich fühlen würde, daß alles wahr ist was du sagst. Aber es ist nicht wahr! Zuvor hast du gesagt: du liebst mich so, wie du einen Menschen nur lieben kannst, und jetzt, wo ich hierauf weiter bauen will für mich und für dich, widerrufst du alles, setzest du alles in ein zweifelhaftes Licht. Pitt, daraus sehe ich, daß dein Gefühl zu mir ein echtes, tiefes ist; es packt dich eine Angst der Verantwortung, und nun widerrufst du alles, weil du mich zu sehr liebst um mir ein Schicksal zu bereiten, das nur in deiner Angst besteht! — Ja, sagte er, so ist es; ich will nicht schuld sein, daß du unglücklich wirst. Herta ist nicht unglücklich geworden, aber sie hat auch die Kraft gehabt, frühzeitig genug alles durchzuschlagen, und dann liebte sie mich lange nicht so wie ich fühle, daß du mich liebst! — Du redest immer von Hertas Stärke — ich kann dies nicht als Stärke empfinden, ich fühle mich viel kräftiger als sie, denn meine größere Liebe macht mich stärker gegen alles was mich treffen kann. Alle Zeiten scheinbarer Entfremdung, die zwischen dir und mir kommen können — und sie werden kommen — werde ich ertragen in der Gewißheit, daß du dich stets, stets zu mir zurückfinden wirst. Wir werden Kinder haben, und in ihnen werde ich dich selber wiederfinden, und du vielleicht auch mich. Du siehst mich noch zu sehr mit den Augen, mit denen du mich früher sahst: ich bin kein junges Mädchen mehr, voller Ideale und Ansprüche, meine Liebe zu dir ist eine andere geworden als sie war. Ich wollte dich vergessen, mehr als ein Menschenschicksal hat sich mit meinem eigenen gekreuzt — und ich habe es erfahren, daß der Weg aus ihnen immer wieder zu dir zurückführt. Ich bin geläutert worden und komme wieder zu dir: ich weiß alles, alles, wie es werden wird, aber dies alles zu tragen bist du mir wert, denn nie war ein Mensch da, den ich so liebte, und nie, nie wird jemand in mein Leben treten, zu dem ich so empfinden könnte wie zu dir. Mir ist ja, als kennte ich dich, so lange ich überhaupt nur denken kann! — Du weißt es nicht, Elfriede, was du auf dich nehmen willst! — Ich weiß alles, und ich nehme es auf mich. — Sie war zu ihm getreten und sah ihm in die Augen. Da zerlöste sich alles in ihm in einem Gefühl unsäglicher Dankbarkeit, er sank fast an ihr nieder. — Ich will es versuchen, Elfriede, und wenn du mir hilfst — mein Gott, wenn nicht alles tot und wüst ist in mir — o Elfriede, wenn ich noch mit dir zusammen glücklich würde! —

Du wirst es, soviel du überhaupt glücklich werden kannst! Und ich mit dir! — Und deine Kunst, was wird aus deiner Kunst? — Die wird mir doppelt wert werden, denn ich werde mich viel an sie halten müssen. — Elfriede, ich schäme mich, wenn ich dich so reden höre; bin ich denn wirklich so fürchterlich, wie ich mir selbst erscheine? — Sie lächelte: So lange du so fragst, bist du es nicht. — Er legte seine Hände um ihr Haar und küßte sie. — Du bist stark und kräftig, sagte er, und deine Kinder werden es auch sein, wenn sie dir nachgeraten. Du wirst mit ihnen jung bleiben und leben, und ihr alle werdet kräftiger und stärker sein als ich. — Seine Augen sahen über Elfriede hinweg ins Abendrot; er schwieg, und wie zu sich selber sagte er nach einer Weile langsam: In einem aber werde ich sie alle überholen; einen nach dem andern werde ich hinter mir lassen, denn ich fühle es: Ich werde ur — uralt.