WeRead Powered by ReaderPub
Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman cover

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Chapter 4: Drittes Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Two brothers are portrayed in close contrast: one extroverted, theatrical, and self-mythologizing, often favored by the household; the other withdrawn, ironic, and prone to imitation, retreating into observation and private rituals. Their small-town family life, school and amateur theatricals provide recurring scenes of rivalry, parental partiality, and performance as identity. Through episodes of boasting, quiet record-keeping, shifting rooms, and mimicry, the narrative considers how pride, insecurity, and habit shape personal relations and the siblings' differing approaches to love, social standing, and selfhood.

Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das Gewölk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes Hellblau geworden, so tief, daß man endlos weit hineinschauen konnte, und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten, Vögel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten immer in die höchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen, obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die Sonne nur am Abend, und von allen Bäumen liebte er nur die Pappeln, mit ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren Ästen, diese Bäume, deren Anschauen weit weg führt von den Menschen und von allem, was mit der Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schönen Stimmung. —

Wenn das Leben immer so wäre wie in diesem Augenblick, sagte er nach einem Schweigen, wie wundervoll wäre das; aber man darf es nicht aussprechen: sogleich wird alles trivial. — Wenn ich Sie so reden höre, antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schön, so etwas auszusprechen; wäre man immer stumm, so würde der andere niemals wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus! Es tut mir doch wohl, zu fühlen, wenn ich einem andern wohltue. — Sie schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem, langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wären. — Wissen Sie, sagte er nach einer Weile, daß mein Vater auf den Gedanken kam, Sie für heute abend einzuladen? — Sie war zunächst überrascht, dann aber sagte sie mit einem Entschluß: ich gehe mit. — Er nahm dies anfänglich als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es muß mich doch interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause würde sie telephonieren — sprach sie weiter — sie gehe ins Theater — so sehr lange würde das Zusammensein doch nicht währen — morgen früh oder ein andermal würde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht mehr so schlimm wäre. — Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so gern mögen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! — Erst recht, wenn ich den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fügte sich. — Als es endlich Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie über dem Reden stehen blieben und langsam umkehrten, warf sich plötzlich ein kleines, weißes, lebendiges Paket gegen Elfriedes Körper. Es war das Hündlein, welches sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wußte, daß es eigentlich zu Hause bleiben müsse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso heim und es könne sich somit durch sein plötzliches Zuerkennengeben nichts mehr zerstören. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine Schildwache, den Rücken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund, hob die Pfoten und blickte vernünftig drein aus seinen rötlich umränderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht genügend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es völlig, lachte und stieß es leicht vorwärts. Es schnellte bis zur nächsten Straßenecke, blieb dann stehen, da es nicht wußte, ob man sich nach links oder geradeaus wenden würde, kam wieder zurück, bewegte ausnehmend läppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt, führt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt, kennt keine Konflikte; Wollen, Fühlen, Handeln, alles ist wie ein einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivität!

Haben gnädiges Fräulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprößling meines armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrüßung die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darüber, wie angemessen der Ausdruck sei, in Rücksicht der „Weltfirma“ der van Loos. — Elfriede hätte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr dieser Mann vor, der in so untertänigem, devotem Tone zu ihr sprach. Dies war Pitts Vater?! Er ließ seine Augen voll und biedermännisch auf ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu verändern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch Herr Könnecke! Jawohl, rief Pitt, und Fräulein Nippe wird auch noch erwartet! — Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz schlichtes, einfaches Souper — und läutete dem Kellner, noch ein Gedeck mehr aufzutragen. Herr Könnecke, der sich bescheiden zur Gardine zurückgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab — er war bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen geraten — und begrüßte Elfriede mit einem kavaliermäßigen Bückling. Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschärft, sich möglichst weltmännisch zu benehmen und „das schwere Brot der Schule hinter sich zu werfen“. — Und gnädiges Fräulein sind so vielseitig talentiert, wie mir Herr Könnecke mitteilte? Haben Interesse für Mathematik, für Kunst und Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie hierüber in ein Gespräch fest. Herr Könnecke, eingedenk der Ermahnungen seiner Cousine, wartete immer darauf, daß er auch ein Wort in die Unterhaltung einwerfen könne, fand den Moment aber nie, ähnlich einem alten Herrn, der noch gern Karussell fahren möchte, das Ding schon in Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschließt, wenn es schon zu spät ist, und nun warten muß bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt ebenfalls an dem Gespräch teilnahm, wandte er sich möglichst unbemerkt zur Seite und sprach zu dem Hündchen ein freundliches Wort. Es kam auch sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergnügt sein Stummelschwänzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen in die Höhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten fortzudrängen. Es ließ sich jedoch nicht beirren, und schlug schließlich mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, daß ihm Angst wurde. Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, — aber seine Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich — es sah niemand hin zu ihm — packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja schließlich doch nur ein Hund! — leicht im Genick und gab ihm, selbst erschrocken über seine Kühnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur Seite. Das Hündchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Könnecke erhob sich rasch, trat möglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die gründlichste; ich meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert — — er wußte nicht weiter. — Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede, die ihm helfen wollte. — Die kommt bald! sagte Herr Könnecke lebhaft, so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei erst jetzt der eigentliche Gesprächsstoff erreicht. Und als ob seine Worte eine Beschwörungsformel gewesen wären, die Fräulein Nippe bei den Haaren gepackt, durch die Straßen geschleift und vor der Tür abgesetzt hätte, öffnete sich diese, und Fräulein Nippe, mit etwas zerzauster Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Fülle von Blumen. Sie sah lächelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht, wen sie zuerst aus ihrem Füllhorn überschütten solle, entdeckte Elfriede, ließ sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls eine gewählt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederließ.

Der Diener meldete, das Essen sei bereit. — Mit den Blumen, sagte Herr Könnecke, wollen wir die Tafel schmücken, das macht man immer so in feinen Häusern! — Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Fräulein Nippe überwand schnell eine kleine Enttäuschung und näherte sich Pitt. Der blickte zurück auf Herrn Könnecke, der mit seinen Blumen bepackt dastand. Gewinnend lächelnd sah sie ihn an, und — hast du nicht gesehen! — fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Könnecke folgte, das Hündlein machte den Beschluß, zerstreut die Ohren hängen lassend, bis ihm plötzlich einfiel, daß es zu Elfriede gehöre. Es jagte hinterher, witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, schoß an ihr vorbei und gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mußte sich dann aber bescheiden zu Elfriedes Füßen setzen. — Ist das aber mal ein schönes Zimmer! sagte Herr Könnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewöhnt sein. Seine hochzeremonielle Anrede vergaß er nach und nach.

Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum — Herrn Sintrups Bemerkungen enthielten vorläufig fast ausschließlich diesen Kern, verhüllter oder nackter — irritierten Elfriede allmählich, nachdem sie zuerst innerlich gelacht hatte. Fast unbewußt sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt hinüber, der sich begnügte ein spöttisches Gesicht zu machen. — Fräulein Nippe bedauerte, daß die Suppe schon in den Tellern stand; sie hätte sie so gerne aufgefüllt! Sie ließ ihre Augen kontrollierend über die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der jetzt lebhaft zu Elfriede über Knallbonbons redete: die müßten an einem Weihnachtsbaum hängen, er selbst habe sich seinerzeit unter Knallbonbonsschüssen verlobt — verstand halb ihr Wort und ihre Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschäftige du doch diese Dame! Das Hündlein, das hervorgekommen war, mußte sich wieder zurückziehen. Fräulein Nippe fühlte sich etwas zurückgesetzt. Und doch: wie echt männlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich, heute früh war Herr Sintrup etwas liebenswürdiger gewesen; das war aber ganz natürlich! Jetzt saß eben eine Jüngere an seiner Seite, und da folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos war, daß sie bei ihm Hausdame werden könnte?!

Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gespräch zu kommen, und wandte sich an Pitt, mit dem Herr Könnecke eine Unterhaltung führte über Stunden im allgemeinen und im besondern. — Was ist dies für ein Fisch? fragte sie und deutete auf das viereckige grauhäutige Stück auf ihrem Teller. Pitt überhörte dies, aber sie faßte ihn am Ärmel. — Das ist eine Forelle! — Wie interessant! Sie nickte zartfühlend, als habe er ihr etwas Diskretes mitgeteilt. — Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten aus seinem Gespräch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal, daß du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu Hause gegessen, und Forellen womöglich noch öfter? Er erklärte den Namen Steinbutt und forderte Fräulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da fände sie die Steine drin. Fräulein Nippe fand sie wirklich, war aber im Zweifel, ob das nicht eine neue Irreführung sei, und äußerte sich nicht weiter. Herr Könnecke aber erzählte eine Geschichte: wie er als Junge einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber das Tier hätte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so erbarmungswürdig angesehen, daß er es schnell in die Freiheit zurücksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, daß er eine Tierquälerei beging. — Fräulein Nippe fand diese Erzählung uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darüber zu debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger sänge oder aus Liebe. Sie glaube nun und nimmer, daß sie des Hungers wegen sänge — dann würde sie doch einfach fressen. — Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch ein, der immer nur auf das hörte, was sein Vater sprach. — Liebe ist allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tüchtigen Schluck Wein. Und dann redete sie von den schwülen Sommernächten, in denen man sich ruhelos auf seinem Lager wälze, so daß das Bettuch am nächsten Morgen ganz zerknüllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines bengalischen Lichtes betrachtet!

Selma kucke mal! sagte Herr Könnecke und hob seine Roastbeefscheibe an der Gabel hoch. — Was willst du denn? — Nichts, ich freue mich nur. —

Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, daß während wir hier schwelgen, Tausende von Menschen hungern — und sie führte dies des weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drückt Sie ein Kummer? Mir können Sie ihn erzählen, es gibt doch nichts Größeres als einen Menschen aufzurichten! — Können Sie schweigen? — Vollkommen!! — Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! — Fräulein Nippe durchfuhr es unbehaglich. Aber vielleicht mußte er sich erst sammeln für seine Geschichte? — —

Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleißig zugesprochen, war sehr lebhaft geworden, erzählte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten Hotels, in denen er je abgestiegen war; überall dienerten die Portiers schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er zählte die besten Weine auf und betonte, daß auch in seinem Hause gut gelebt würde, wenn er es sich auch nicht gestatten könne, so wie die Großherrn der Hansastädte Feste zu geben, die gleich in die Tausende gingen. Aber hoch in die Hunderte — so log er — ist es bei uns auch schon oft gegangen. Er ließ sich in seinen Übertreibungen immer freieren Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es gern gesehen hätte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig teilgenommen, und sich darauf beschränkt, mit anscheinender Kindlichkeit seinen Vater öfter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und ärgerte sich dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehört, um seinen Vater richtig zu beurteilen, beschloß er, ihn gleichsam in der Idee seines Wesens ihr vorzuführen: Anstatt ihn zurückzuhalten, spornte er ihn möglichst an, sich selbst zu überbieten, und um ihm dies noch zu erleichtern, begann er, erst leise, dann stärker, seine Bewegungen, seinen Tonfall nachzuahmen, schließlich kopierte er ihn geradezu in seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit unverfrorener Miene stellte er die gröbsten Behauptungen über das Leben zu Hause auf, und Herr Sintrup bekräftigte dann jedesmal seine Worte, so wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt. Endlich, so dachte er, fängt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich hinaus will. — Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, daß sie ihn kaum mehr erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich — dessen Sohn er doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand zwiespältig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner etwas zurief, flüsterte sie ihm zu: Pitt, ich kann dies Wesen nicht länger ertragen! — Und wie Herr Sintrup seine Sätze wieder aufnahm, wandte sie sich an Herrn Könnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu erklären, die sie für ihn zu lösen hatte. Herr Könnecke zog seinen Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen, die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinüber, um mitzulernen, wie er sagte, während Elfriede ein wenig zur Seite wich. Herr Könnecke wurde sehr gründlich, und seine Stimme war genau so wie in der Schule. — Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. — Das Quadrat sitzt hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf eine Linie. — So? na, gut, daß man das weiß; ich sehe es immer noch nicht! — Es ist auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Könnecke. — Wer zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? — Herr Könnecke sah ihm starr in die Augen: Da muß aber ein Quadrat sitzen! sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. — Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat und der gleich darauf ins Zimmer tritt. — Das ist ein schöner Beweis! rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz über die Linie und sagte: ist es nun da oder nicht?! — Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. — Ein jeder hat sein Kreuz zu tragen! seufzte Fräulein Nippe, und wenn man meine alle sähe — ich sähe aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herüber und dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! — Herr Könnecke runzelte die Stirn. In der Schule würde er jetzt gesagt haben: Och bitte wollt Ihr nicht gefälligst ruhig sein! — Dann dämpfte er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und überhörte Herrn Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort „Quadrat“ immer durch das Wort „Kreuz“ zu verbessern, oder zu „durchkreuzen“, wie er sagte. —

Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schön mit ihr im Gange, und Pitt ist doch ein prächtiger Junge! — Er sann über einen neuen Witz nach, fand aber keinen, fühlte sich infolgedessen, unbeachtet wie er war, plötzlich auf einem allgemeinen öden Nullpunkt, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.

Fräulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt für gekommen, sich Herrn Sintrup zu nähern.

Für uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb konstatierenden, halb leise überredenden Tone gleichgestimmter Seelen: Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen können, und Sie als Kaufmann haben weiß Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken. Haben Sie mehrere Söhne? — Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. — Ist er ebenfalls — wird er auch studieren? — Höchstwahrscheinlich! sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschäftsmäßigen Ton; aber Fräulein Nippe hörte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn ein Vater sein großes, blühendes Geschäft immer weiter ausgestaltet, und sich am Ende sagen muß: Für wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch alles in fremde Hände über. — Sehr vernünftig, wirklich vernünftig! — Dann wird Ihr großes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort sind; oder haben Sie noch Töchter? — Nee; — ja ein bißchen öde wird es wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto dreieinhalb Jahren. — Ach! — Fräulein Nippe machte ein tief bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie plötzlich viele Stufen mit einem Male übersprungen. — Ja, sagte sie, und dann ein ganzes, großes Hauswesen führen, das strengt an; zumal wenn keine Töchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen, um die Frau Gemahlin zu entlasten. — Das kann ich ja auch mal, wenn es nötig ist, das ist doch furchtbar einfach. — So furchtbar einfach ist das nicht! meinte Fräulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre Herzensbildung gehört dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich habe selbst einmal länger einen Haushalt geführt. Wie war der vorher verwahrlost, durch gemütsrohe Damen, die vor mir da waren! —

Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten wollen, um später, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei schoß ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr, steckte sie aber beruhigt wieder ein. — Nein, nein, sagte er, mir genügt schon, wenn die Person keine silbernen Löffel stiehlt. —

Fräulein Nippe fuhr ein klein wenig zurück, als wolle sie einem Stäubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorüberflöge. Und Herr Sintrup redete weiter: Brauche bloß zu annoncieren, am nächsten Morgen steht der ganze Vorplatz voll. — Ja, aber ich meine doch — Fräulein Nippe stockte. — Was meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.

Der Nachtisch wurde aufgetragen. — Seid Ihr da unten immer noch nicht fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal sicher! — Gleich! antwortete Herr Könnecke, als ob Herr Sintrup sein Direktor wäre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen. — Das ist hier nicht üblich! hauchte der Kellner. — Üblich oder nicht: Knallen soll er! Und Herr Sintrup öffnete persönlich die zweite Flasche. — Ach der liebe Hund! sagte Fräulein Nippe, die verärgert auf ihrem Stuhl saß, er fürchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das Hündlein auf den Schoß, streichelte und küßte es, und da es faul bei ihr verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewöhnt: Tiere haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fühlen sofort wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drückte es zärtlich an sich. Wie heißt denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der die Gläser füllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. — Eigentlich heißt es Lili! sagte Elfriede. Fräulein Nippe fand, als sich nun alle zum Anstoßen der Gläser erhoben, einen schicklichen Grund, sich dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. — Ach Gott, schmeckt das mal wundervoll! sagte Herr Könnecke, und als Herr Sintrup die Gläser zum zweiten Male füllte, fragte er selbstvergessen: kann ich auch noch? — Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschließlich wieder zu Elfriede; er zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er einen Satz verschluckt hätte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nüchtern, seine Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr „süßes kleines Händchen“ küssen. — Luft, Luft, rief Fräulein Nippe plötzlich, man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, öffnete es und verharrte an der Gardine. Herr Könnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne seine Cousine unbehaglich zu fühlen begann, folgte ihr, unter dem Vorwand, das Fenster wieder zu schließen, falls es kalt würde. — Sie starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurück. — Herr Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklärende Worte an Elfriede und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Paßt mal auf, wie ich die wieder rumkriege! — Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? — Wieso? fragte sie mißtrauisch. — Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als Hausdame hätten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann ließe sich ja weiter über die Sache reden. — Zunächst konnte sie vor Überraschung nicht viel erwidern und sagte nur: O bitte. — Erst allmählich ward ihr alles klar: Wie grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, daß er sagte, er wolle keine Person, die silberne Löffel stehle, und dabei schon an sie dachte — nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geäußerte Meinung über das Ideal einer Hausdame; Männer widersprechen doch so gern! Und daß er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte — mein Gott, ein bißchen plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser Mann wollte ganz einfach, ganz natürlich behandelt werden! Sie streckte ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann — ein Wort! — Was verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Könnecke neugierig. — Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit Genugtuung. — Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie flehend an. — Sie lächelte gönnerhaft: Einmal muß ja doch geschieden sein, daß es nun so bald geschähe, hätte ich freilich auch nicht gedacht. — Sie trank den Rest aus ihrem Glase. — Na, so bald ist es hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. — Sie wollte gerade antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel. — Allerdings! sagte sie zartfühlend; hoffen wir, daß es noch recht — noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn sie sich soeben verlobt hätten, und Herr Sintrup schnitt ein vergnügtes Gesicht. — Herr Könnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flüsterte Pitt ihm zu, alles sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube sich öfter solche Scherze. Da fühlte sich Herr Könnecke wie von einem Eisenpanzer befreit, er empfand plötzlich eine starke Lebensfreude und sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der größte Dichter! Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater, aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da möchte ich rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er’n nicht und schießt den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden die soviel, es hilft ja nichts, — sie wird ja doch enthauptet. — Das verstehst du eben nicht! rief Fräulein Nippe, du hast keinen Sinn fürs rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler der Lüfte, — da weine ich jedesmal meine Naht ’runter! Wird in Ihrem Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. — Jawohl! Räuber, Don Cesar, Tell — das wird alles bei uns gegeben! — Fräulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich darauf, im schwarzen Seidenkleide. — Du darfst uns dann mal besuchen! wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich, obwohl er ja wußte, daß alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal so zu ihm, als ob sie — als ob er — er wußte selber nicht wie. — Und die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon gemütlich finden! Sie sah zu Pitt herüber: Nicht wahr, ich sorge doch jetzt schon für Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und sauber in Ihrem Hause wird! — Das wäre sehr zu wünschen! — Dann wäre es aber doch vielleicht das beste, ich käme bald! — Ja, offen gestanden: lieber heut als morgen. — Aber Sie drolliger Mann, weshalb lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! — Elfriede erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen. — Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch getreten war, hörte, wie sein Sohn — der dieses selbst nicht wußte — in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das hätte er mir auch wohl vorher sagen können, dann hätte ich mir selber nicht so viel Mühe zu geben brauchen. — Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit genügend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. — Das ist ja aber jammerschade! rief Fräulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht gemütlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fügte sie hinzu, als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. — Ich muß leider gehen! sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung später zuzuschicken; man kennt mich hier genügend, ich zahle alles. Suchen Sie sich nur das Beste raus! Fräulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert an und pries seine „gentile Großmut“, während Herr Könnecke rot wurde und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts half, rief sie: Du hast überhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen! — Und Sie wurden von mir mitgenommen, das kommt doch auf eins heraus! sagte Herr Sintrup ärgerlich und wollte damit Herrn Könnecke über die Situation hinweghelfen. — Nun war Herr Könnecke eisern in seinem Entschluß, und Fräulein Nippe mußte ihm wohl oder übel folgen. Herr Sintrup warf noch große Trinkgelder um sich; dann stand man draußen und nahm Abschied. — Schreiben Sie mir nun recht bald so einen richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und überhaupt, wann soll ich denn nun kommen? — In dem gutmütigen Herrn Könnecke wachte plötzlich ein Rachegelüste auf, für alles, was seine Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lächerlich! sagte er nachdrücklich; merkst du denn nicht, daß Herr Direktor nur einen Scherz mit dir gemacht hat?! — Fräulein Nippe fühlte etwas Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir erlaubt? — Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. — Sie würgte an ihrer Enttäuschung, und in dem heftigen Bedürfnis, nichts davon zu zeigen, rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? — Ein andermal, ein andermal! tönte Herr Sintrup zurück: Bis dahin ist sie dann noch intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie, und während sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfaßte sie eine irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam übergeblieben war. Und in ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund sah — hatte sie denn so unrecht, daß sie mit beiden Händen zugreifen wollte? Was konnte er ihr denn bieten? —

Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl wieder einstellen würde. — Kann man dich auch so allein gehen lassen? fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause, Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. —

Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank. Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. — Hatte ich Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden würde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerückt vor; es kann ja auch kaum anders sein. — Ihr war, als erwache sie aus einem beklemmenden Traume. Sie hörte seine Stimme wieder, all das, was sie heute abend von ihm abgestoßen hatte, erschien ihr jetzt nur noch unendlich traurig, das alte, echte Gefühl strömte voll in sie zurück, ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als früher. Und sie sagte es ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er allmählich sehr vergnügt und pfiff eine Melodie, die er durch sie kannte, während sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.

Ich begleite dich! Diese Worte hörte sie noch, als alles still und dunkel um sie war.

Drittes Kapitel.

Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rückte heran, Elfriede wurde traurig. — Ich komme ja in ein paar Monaten wieder! meinte er. — Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und sah ihn fast empört an über seinen Gleichmut.

Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein drittes Mal tut, so sage ich ihm, daß es nun kein Versprechen mehr sein soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte Elfriede undiszipliniert. —

Du könntest doch für die Ferien mit uns aufs Gut gehen! — Dieser einfache Gedanke fiel ihr plötzlich ein. Er sah sie überrascht und hocherfreut an: Löste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien würde er mit den van Loos zurückgehen, und dann war wieder für ein halbes Jahr vorgesorgt. —

Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie erwartete und Pitt gleich zu überbringen dachte, erst am übernächsten Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beiläufigem und zärtlichem Ton zu ihr: Also sage ihm, daß er mitgehen darf, du dummes Mädchen. —

Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane: Freundschaften solle man in maßvollen Grenzen halten, nur dann könnten sie von Dauer sein. Du übersiehst — so sagte sie zu ihrer Mutter — was ich schon lange kommen sehe: Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, daß sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst könntest du gar nicht so unbedachtsam handeln. — Hältst du mich eigentlich für dumm? war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone, der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten, daß sie sich verliebe. —

Pitt wußte von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die Tatsache. Aber da darüber Tage hingingen, ahnte er doch den Zusammenhang. — Er lächelte für sich, denn unwillkürlich dachte er all die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. — Wenn das Verlieben etwas so Stilles, Gemütliches war wie er es selbst empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darüber aufzuregen. — Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen! sagte Hedwig, ich finde dies stillos. — Aber Frau van Loo meinte, es sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der Familie zu verleugnen.

Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Könnecke bei Pitt, um sich zu verabschieden. Pitt hatte den größten Teil seiner Sachen zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er wiederkäme. Auf diesem Haufen saß er, als Herr Könnecke eintrat. Der war gerührt, was Pitt mit Erstaunen sah. — Wir haben noch nie im Leben einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag ich es viel lieber als früher, und denke, Sie müßten nun immer drin wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! — Worin das liegen sollte, wußte Pitt nicht, aber wie Herr Könnecke nun treuherzig seine Hand schüttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und Hafenruhe. Doch als Herr Könnecke ihn verlassen hatte, dachte er sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurückgehe? Habe ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? —

Fräulein Nippe bedauerte, daß Pitt ging, und äußerte Befürchtungen, daß er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese fürstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag — lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue Augenbrauen hat, färbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Körper pflegen will — — Fräulein Nippe hätte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem Scheine eines Grundes bekräftigen können, aber auf den Gedanken wäre sie auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Fräulein! — Hören Sie mal, sagte Pitt, der sich mühte, seinen Handkoffer zu verschnallen, — Sie werden zudringlich. — Fräulein Nippe wich ein wenig gegen die Tür zurück, als fühle sie sich schon halb hinausgeworfen. — Herr Sintrup, meinte sie, Sie müssen sich Ihre Worte mehr überlegen! Ich verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, daß ich nur Ihr Bestes will. Kann ich etwas dafür, daß Sie es ablehnten, als ich mich erbot, nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu warten und ihr ein Briefchen zu übermitteln, wo mich mein Weg sowieso dort in der Nähe vorbei führt? —

Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er plötzlich das Gefühl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nächsten Augenblick lachte er über sich selbst. —

Eine Stunde später saß er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte einen spannenden Roman für die Fahrt mitgenommen und blickte selten von ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurück und schlief auf öden Strecken, ließ sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas Schönes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie überhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich Langweiliges zu ersparen.

Elfriede war während der Fahrt in schönster, zufriedener Stimmung. Was sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt saß neben ihr; sie fühlte sich glücklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da draußen innerlich aufleben und die Natur genießen würde. Und daß sie ihm dazu verhalf, das war das schönste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles draußen tun würden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau die Lage des Gutes, und er hörte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn nur. Während sie erzählte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es nicht ändern, daß seine Gedanken allmählich abirrten. Wie fest, fein und gedrungen waren ihre Hände! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so unbeweglich auf ihrem Knie lagen, daß sie die Kraft haben konnten, große und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das paßte doch eigentlich gar nicht zu Elfriedes Wesen. Paßte die Musik überhaupt zu ihr? Er hatte ihr nie etwas darüber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben erschien. Aber je öfter er sie spielen hörte, je gewohnter ihm ihr Spiel wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob sie nicht ebensogut irgend etwas anderes hätte ergreifen können, was sie ebenso glücklich gemacht haben würde. — Was denkst du? fragte Elfriede endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. — Er errötete fast wie wenn er ertappt wäre. Sie suchte den Sinn dieses Errötens still zu erraten, und als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen, war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. — Frau van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn käme, daß sie durch Italien führen: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche auf und erklärte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete, dann sähen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. — Schlaf nur wieder! tönte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nächstemal aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. — Ach wären wir doch wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland friert man immer und niemand sorgt für einen. Wenn ihr beide einmal verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurück in die alte Heimat. — Aber Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. — Das ist ganz gleich; er kann dann auch manchmal ein bißchen zur See gehen. Harald ist der einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mögt meinetwegen eure Männer lieben, Harald wird niemand lieben außer mir! Sie zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe und sandte einen zärtlichen Blick auf Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zärtlich, aber vorsichtiger, zu Hedwig hinüber, die schon wieder in ihrem Buche las. —

Ein elegantes, ländliches Gefährt erwartete sie an der Endstation. Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher geirrt: Deutschland sei doch das schönste Land der Erde. — Hedwig hatte ihren Roman eingepackt und erläuterte den Zusammenhang der Hügelketten mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschäftigte sich mit dem Hündlein, das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an dem andern emporzuspringen suchte.

Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkürlich heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen über ihre Köpfe, in leiser Bewegung schienen die grünen Erdwellen um sie her zu fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorüberfuhren, spiegelten sich in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Häuser zogen an ihnen vorbei, inwendig erhellt von Öllampen, goldgelb im Blau des Abends. Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schüsseln, im Kreis vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das Bellen verlor sich, man hörte nur noch das Knarren der Räder und die fernen Geräusche des Abends auf dem Lande. —

Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen. Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstärkte dies Gefühl. — Mit seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend als einer der glücklichsten meines Lebens erscheinen — ist es nicht töricht, erst in der Erinnerung zu genießen? — Elfriede fragte sich vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte sie endlich, unwillkürlich leise, indem sie sich auf ihrem Rücksitz etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Köpfen der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem sich, in ungewisser Nähe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten Schimmer der Nacht. — Wie lange meinen Sie wohl, daß wir noch brauchen, um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. — Fünf Minuten! sagte Pitt nach kurzer Abschätzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte, schoben sich die Tannen höher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf, es verschwand allmählich ganz, der Weg ging abwärts in die Tiefe. — Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, während es ganz dunkel um ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden sich noch wundern. — Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig überhörte es. Der Wagen rüttelte weiter in die Tiefe. — Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort, auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schöner; er hat eine so angenehme Überraschung, die um so angenehmer ist, weil man sie schon kennt. — Allmählich erreichte der Wagen den tiefsten Grund, jetzt ließ er das Gehölz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen waldigen Hügel, so daß es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen, ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.

Der Himmel glühte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener Komet schoß und flatterte es weißlich hoch über dem Hause. Es war ein weißer Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als wir das letztemal zur Stadt fuhren. — Sie sah scharf hinauf: Da oben bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne fort, und manchmal sind sie da! — In diesem Augenblick schoß dort oben ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen Funken, die der Wind hierhin und dorthin entführte, so daß es schien, als schwärmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede überrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hände seinen Namen hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine fröhliche Herausforderung klang. — Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte doch noch auf seiner Schule sein! — Der Wagen erreichte langsam die volle Höhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die geradewegs auf das Gebäude zuführte. Aus dem Tore schoß ein halbwüchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, küßte Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. — Wer ist denn das? fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. — Elfriede! sagte Frau van Loo, als sie im Hause waren, führe den kleinen Herrn Pitt hinauf und zeige ihm sein Zimmer. — Das kann doch das Mädchen tun! sagte Hedwig, aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses könne das doch besser; sie möchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich angerichtet werde. — Sie drückte im Vorplatz auf alle elektrischen Knöpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt waren, ließ sie sich über jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle, und verkündete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei. Hedwig fügte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. —

Elfriede führte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem eingerichtet war. — Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange, schöne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mußt du es mir sagen! — Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefühl. — Du bist so gut! sagte er und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es geschehen. Sie traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von ihrer Schulter. — Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. — Hast du dir etwas gewünscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte und sagte, er habe gerade ausgerechnet, daß das Licht immer noch ungefähr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie fand ihn viel vernünftiger als sich, und als sie sich nun nach unten wandten, ließ sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklären.

Harald erzählte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entließ, auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der Unerhörtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist, magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine vergnügten spitzen Eckzähne zu sehen bekam.

Am nächsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Geräusch: Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete draußen bis sie sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben habe! Und unvermittelt fügte er hinzu: Was ist das für ein Mensch, dieser Herr Pitt oder wie er heißt? Wie ist der in unser Haus gekommen? — Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drängte, und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwände zwischen ihre ausweichenden Sätze, sah so traurig aus als er sagte: Früher hast du doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! — daß sie ihm schließlich alles erzählte. — Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie früher? — Sie sah ihn verwundert an. — Du liebst ihn doch natürlich. — Sie wurde ärgerlich und nannte ihn verrückt. Sie waren zum Gemüsegarten gekommen; er grub, sie mußte helfen, beide bekamen rote Backen und wollten sich gegenseitig überholen. Harald stieß den Spaten ins Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf der Schulbank saß und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas Wundervolles! — Er umarmte sie, als wäre sie ein lebendes Wesen. — Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schöner! — Das Hündlein nahte in voller Karriere über den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust, er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrläppchen und er küßte es auf die Schnauze. — Wenn das die Komtesse sähe! — Mit der Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich, denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.

Pitt erschien zum Frühstück als die andern sich schon erheben wollten. Er schien nervös, war nachts von den unruhigsten Träumen geplagt worden und hatte wie im Fieber gelegen. — Das macht der Unterschied der Luft! sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewöhnen! — und reichte ihm noch einmal die Hand, da er sie das erstemal übersehen hatte.

Nach dem Frühstück ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hügel, die seinem Auge weh taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das soll ich nun viele Wochen aushalten?

Aber die nächste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger Zeit hatte er sich so an alles gewöhnt, daß es nun die Häuser der Stadt waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich hätte er hier keinen einzigen Tag verbracht.

Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede möchte ihn nun weniger lieben, bestätigte sich nicht; er durfte überall dabei sein und gab seiner Freundschaft für Pitt und seiner Liebe zu Elfriede dadurch Ausdruck, daß er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte sich zuweilen an diesen Spaziergängen, aber dann waren sie alle wortkarg und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon früher eine Art Bündnis geschlossen; wenigstens erzählte sie ihm alles, was zu Hause zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es früher nicht leiden, wenn er selbständig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zählte sie alle Vorzüge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er möge stille sein, sie könne das nicht hören; er begriff sie nicht und sagte, sie wäre feige: Entweder man habe ein Urteil über einen Menschen oder man habe es nicht; er selbst hätte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht äußere, dann stimme er ihr bei. — Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und ließ sich nicht beirren. — Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng zueinander gerückt erschienen, wo jede Mißhelligkeit einen viel deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer kleinen Mißbilligungen zu äußern, die in Elfriedes Augen sofort in übertriebener Größe erschienen, da sie allmählich gewöhnt war, Pitt blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig, sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu üben, die sich in der letzten Zeit im übrigen etwas abzustumpfen schien; auf den Spaziergängen mit Elfriede und Harald ließ er sich zuweilen gehen in grotesken Einfällen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, daß er nun selbständig gegen Hedwig vorging und sich übte, im Pittschen Sinne schlagfertig zu antworten. Schließlich machte er sich geradezu einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht, wenn er die Rede auf Hedwig brachte. —

Elfriede wünschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein sein; aber er war so unbefangen selbstverständlich und rückhaltlos, daß sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig nachhelfen konnte. — Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen, über einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs Papier. Er ließ sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie mit ihm durch den Garten. — Sie glaubte sich und ihn schon gerettet, als Harald seitwärts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schön sei; schnell, schnell, dann findet sie uns nicht! — So ist dieser Spaziergang wieder nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald wünschte. — Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe, von Erlengebüschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen über seine Oberfläche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen. Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem schwarzen Kleide. — Wie sie geschnürt ist, — wie eine Rübe! sagte er, und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fügte hinzu: es geschieht ihr ganz recht, daß wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu ist sie so abscheulich! — In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, daß Pitt sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand sie langsam. — Sofort trat Harald aus dem Gebüsch heraus und warf wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich finde es so schön hier, bleibe doch sitzen! — So saßen sie nebeneinander, in dem dichten Grün, Elfriede immer in der leisen Unruhe, er könne plötzlich doch aufstehen. — Was ist das eigentlich für ein Gebüsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. — Ach ich weiß es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung; vielleicht ist es ein Weidenbusch — nein, es sind Haselnüsse. Dann schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, daß sie plötzlich aufsprang: ich glaube, ich möchte mit dir ringen! Er sah sie erst erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus, dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so heiß und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus — und trat ins Freie. — Was ist denn los? fragte Harald überrascht und blickte schnell hinter sich, ob da ein Tier säße, das er vorher nicht bemerkt hatte; — du sahst mich eben so merkwürdig an, als ob ich gar nicht da wäre! — Wir wollen nach Hause gehen, ich muß üben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte sie auseinander, so stark, daß sie knackten. — Harald fand das langweilig. — Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. — Wirklich schritt sie allein den Pfad hinauf. — Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute zurück. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete immer, daß er sich nach ihr umsehen würde. — Weshalb hatte sie das gesagt! Weshalb war sie überhaupt so plötzlich weggegangen! Sie wandte sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schließlich begann sie zu laufen. — Frau van Loo trat ins Musikzimmer. — Elfriede, sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flügel? Wo ist denn Herr Pitt? — Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden — ich habe sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu üben. Und stählern fielen ihre Finger wieder in die Tasten. — Was spielst du da eigentlich? Es kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verändert! — Ich mache einen Marsch draus! Es klingt famos!! — Frau van Loo verließ das Zimmer wieder und Elfriedes Töne hallten weiter. Schließlich spielte sie fast mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann regelrecht zu üben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage kam, sah sie Geäst vor sich und hörte Pitts Stimme: Was ist dies eigentlich für ein Gebüsch? — Je mehr sie von dieser sinnlosen Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie hinein; es war fast blödsinnig.

Nach einer Weile wurde sie abermals gestört: Hedwig trat herein. — Ich möchte dir gerne etwas sagen. — Sie wartete, daß Elfriede ihr Spiel unterbrechen solle. — Sprich nur, ich höre schon. — Sie wartete wieder eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flügel zu und schloß den Tastendeckel, daß Elfriede schnell die Hände wegzog. Beide sahen sich einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. — Elfriede stieß den Deckel wieder auf. Was willst du denn? — Was ich will? Kannst du dir das nicht denken? — Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. — Dann will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort darauf, daß dieser Mensch schon in den nächsten Tagen das Gut verläßt. — Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. — Es handelt sich nur um den einen. — Also doch! Ich hatte gedacht, daß du etwas anständiger von jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! — Ich rede von den Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art, sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wäre! Aber er stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich will ich gänzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch andere Leute angesteckt. — Wer sind die andern Leute? — Du und Harald! Es ist ja, als wenn ihr ein Bündnis gegen mich geschlossen hättet; alles ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene Seitenblicke, unterdrücktes Lächeln — denkt ihr denn ich sehe das alles nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere Lebensart habe als ihr. Ich bemühe mich, zu vertuschen, zu bemänteln, nicht aus Rücksicht auf euch, sondern aus Rücksicht auf unsere Mutter, der ich alles Unangenehme ersparen möchte, aber ihr werdet ja geradezu flegelhaft! Die Mißstimmung beim Frühstück heute morgen dachte ich zu überbrücken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschließen will: Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und läuft davon. Noch einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebüsch, und macht eure Witze über mich. Und „Herr Pitt“ ist der Anführer. — Das ist nicht wahr! rief Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! — Um so schlimmer! Soweit habt ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war früher ein ganz anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natürlich. Jetzt aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein Geist — wenn ich es überhaupt so nennen soll — der ihm ganz fremd ist. Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen „losen Vogel“; er will antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, daß ihm nichts einfällt. Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf: Gefangene Vögel schelten immer auf die freien. Denkst du ich weiß nicht, woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein? Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. — Pitt ist niemals albern oder abgeschmackt! rief Elfriede. — Das wundert mich nicht von dir zu hören, glaubst du denn ich sähe nicht, wie du dich von ihm beeinflussen läßt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du sagst Dinge, die du früher nie gesagt hättest, du bewunderst ihn blindlings, du findest seine Plattitüden interessant, du wirst ihm sogar in den Bewegungen ähnlich — sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens durch ein tadelloses Benehmen erträglich machen sollte. — Elfriede war blaß geworden und ihre Lippen zitterten. — Was du da sagst, rief sie, sagst du nur aus Neid. Du mißgönnst es mir, daß ich einen Menschen lieb habe und daß er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! — Elfriede hatte sich jäh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. — Ich gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! — Sie schritt an ihr vorbei und schloß geräuschvoll die Tür hinter sich. — Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es empfinden, daß es ihr völlig gleichgültig war, was sie sagte. Und Pitt, der würde einfach lachen, wenn sie es ihm erzählte. —

Hedwig war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Die Hauptsache hatte sie vergessen zu sagen: Was für ein Unterschied war denn zwischen lieben und lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, daß sie diesen Pitt liebe? — Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze Vorausgegangene mit. — Ich sehe nichts Gutes für Elfriede ab, wenn er noch lange hier bleibt, schloß sie; wir können ihn nicht eins, zwei, drei wieder fortschicken, das wäre gegen die Sitte und gegen alle Gastfreundschaft, aber ich halte es für das beste, daß er nicht länger bleibt als unumgänglich nötig ist. Mag sein, daß Elfriede bis jetzt noch nicht in ihn verliebt ist, — die Unterschiede sind übrigens zuweilen fast unkenntlich — aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. — Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die „Gefahr“, wie du es nennst, vergrößert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Möglichkeit vorhält. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird — wie ich ihn auffasse — seine Neigung zu ihr niemals über die Grenze einer Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein genügend deutlicher Fingerzeig. — Zwei Dinge, sagte Frau van Loo, können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und doch etwas ganz Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.

Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte über alles nachgedacht. Er ärgerte sich, daß er Elfriede hatte allein gehen lassen. Jetzt wußte er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: daß Elfriede ihn liebe. Dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit einer stillen Freude; sein eigenes Gefühl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest, sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er darüber nachdachte, daß er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um sie empfunden hatte, daß ihm ihr Dasein so selbstverständlich war wie sein eigenes, daß es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so erinnern mußte wie seines eigenen, das er mitunter ganz vergaß. Aber muß denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und Zerrendes beigemischt sein? Er fühlte sich in seinem Zustand vollkommen wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.

Elfriede sprach mit ihm über das Vorgefallene, und während sie sprach, sah er sie mit einem so stillen Blicke an, daß sie verwirrt die Augen von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer solchen Dummheit diese schöne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt, abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fühlte, daß zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverständnis war als all die Zeit vorher.

Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben, Hedwig gegenüber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorüber wollte. Er kam mit geröteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzählte alles und sagte in dem Tone eines Bandenanführers: Irgend etwas muß gegen sie unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? Ich finde dieses furchtbar dumm. — Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fügte er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann ging er enttäuscht hinaus. — Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich möchte wissen, was daran herzlos ist. —

Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig hätte alle ihre Worte hören können, ohne den geringsten Anlaß zu einem Tadel zu haben. Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefühl schien kein zweiter zu folgen.

Nur nahm sie jetzt, wenn sie draußen zusammen gingen, zuweilen still seinen Arm, was er geschehen ließ, obgleich er es im Grunde nicht gerne mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer Unterhaltungen geschah es jedesmal, daß sie still und einsilbig wurde. Dann überkam ihn ein unbehagliches Gefühl und er redete von den abgelegensten Dingen, und sie ließ sich halb widerwillig in ein neues Gespräch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und schließlich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und begann zu leiden. — Ich möchte heute gern allein gehen! sagte er zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche Traurigkeit, daß er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmählich so, daß sie auch nicht einmal für kürzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber hatte. —

Schon morgens, wenn sie ihn begrüßte, lag nun in ihren Augen ein Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmählich im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz unbewußte Enttäuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte trotzdem ihren Wandel.

Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und Elfriede. — Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie deutlich zu bemerken begann, daß er anfing sie zu vermeiden. Und er wiederum dachte: Wie war Elfriede früher anders! Noch immer bildete er sich ein, er liebe sie, und daß sie die Liebe einmal anders auffaßte als er; und da er sie nicht kränken wollte, sondern wenigstens Versuche machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede überließ sich für einen Augenblick ganz ihrem Gefühl und dachte: alles wird noch gut — worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte — und dann ging er fort von ihr, indem er sagte, er müsse an seinen Vater schreiben; dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn seinem Vater schreiben wollen!? —

Er fühlte es allmählich selbst, was er nicht fühlen wollte, und was doch mit immer stärkerer Deutlichkeit hervortrat: daß sein Gefühl zu Elfriede ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit rücksichtsloser Klarheit, daß es das beste sei, wenn er nicht länger blieb. Später, wenn sie wieder in der Stadt war, würde Elfriede sicherlich den alten Ton zurückfinden. Oder sollte er doch bleiben? Konnte die Welle nicht auch ihn überfluten? — Die Ausflüsse solcher Stimmungen erschienen ihr rätselhaft. Plötzlich war er bei ihr, und plötzlich ging er wieder.

Warum stehst du jetzt so unendlich spät auf? fragte sie einmal, die schöne Zeit ist plötzlich vorbei, ohne daß wir es wissen! — Er log, er habe den Schlaf nötig, in den ersten Nachtstunden läge er stets wach. — Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag abkürzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette. Immer später erschien er, einmal verspätete er sich sogar zum Mittagessen, so daß Frau van Loo, der es ganz lieb war, daß Elfriede den Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch progressive Steigerungen können Sie es noch erreichen, Herr Pitt, daß Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. —

Elfriede übte gleich nach dem Frühstück mehrere Stunden hintereinander; sie mußte sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise täuschte sie sich am besten hinweg über die Zeit, wo das Haus ihr leer erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschäftigung war, und voll innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tür sah. —

Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekümmerte sich nicht mehr wie sonst um ihn, und er mußte jemand haben, der sich mit ihm beschäftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und die Eleganz, mit der sie über Gräben hinwegsetzte. Sein größter Ehrgeiz war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr spärlich austeilte; die geschnürte Taille, über die er anfangs so gespottet hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja „durchaus notwendig“ für eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrückte. Die beiden kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurück. — Weshalb reitest du eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer blaß und kommst zu wenig an die frische Luft; deine Übungen werden immer unerträglicher. — So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflüchte, bis ihre Mutter ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln ließ; wohl oder übel mußte sie mitreiten, anfänglich ganz froh, dann immer stiller; und wie erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, daß sie das Haus nirgends mehr finden konnte, faßte sie eine große Unruhe, sie blieb hinter Harald und Hedwig zurück und ward erst ruhiger, als das Schlößchen wieder in der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zählte alle Fenster, ihr Blick blieb auf einem haften während der ganzen Zeit ihres Rückwegs. — Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fügte sie, sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein Vergnügen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder, sie saß wieder am Flügel, und wenn eine Tür ging, zuckte sie zusammen. Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrückt; trat Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wäre es selbstverständlich, war sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte, ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schließlich konnte sie auch nicht mehr üben; alles schien seinen Sinn verloren zu haben.

Leise näherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, daß man nicht mehr eine Freundschaft haben dürfe, bis jetzt habe sie geglaubt, daß ihre Mutter wenigstens natürlich und einfach dächte, nun werde sie auch noch von Hedwig angesteckt! Ich muß es doch am besten wissen, was ich fühle! — Also ist es noch zu früh; dachte Frau van Loo und wartete. — Elfriede beherrschte sich die nächsten Tage, aber langsam, ohne daß sie das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder über sie.

Sie vermied jetzt jede Berührung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand reichte, nahm sie sie nur flüchtig. Harald bemerkte Elfriedes Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer überraschte. — Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. — Ja, sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darüber. Diese Worte kamen ihm ganz einfach über die Lippen, da Harald so warm und selbstverständlich sprach. — Harald teilte dies sofort Elfriede mit: sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede hielt mit Mühe die Tränen zurück. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und die Hoffnung kam in ihr Herz zurück. Als sie Pitt wiedersah, erwartete sie ein Wort von ihm über das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem Gesetz zu folgen.

Dennoch wurde sie für kürzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So weiß ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm genügte, sie von einem Gefühl ins andere zu werfen. Eine geringe Veränderung in seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten Tag wünschen würde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Veränderung auf seinen Zügen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie, wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgültig irgend einen Gegenstand anfaßte, oder ob er wie selbstverständlich zu ihr kommen würde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken zu ergründen, wenn er vorausschritt. Mit Mühe bezwang sie sich, aber gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war. Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaßen und Hedwig Geschichten von Bällen, Rennen und Gesellschaften erzählte, wenn überhaupt irgend jemand länger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverständnis mit ihr setzten, das über die Erzählungen hinweg sie und ihn in eine glückliche Stille führe, — und wenn er dann endlich zu ihr herübersah, da er empfand, daß sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann ließ ihre Spannung etwas nach.

Pitt wurde dieser Zustand unerträglich. Es war ihm, als habe er seine Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all seinen Schimmer für ihn zu verlieren.

Die Erwägung, daß dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darüber hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte, hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst, wußte nicht mehr was er tun sollte. Aber schließlich raffte er sich zu einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! — Du reist morgen? Elfriede erblaßte. Ist es dir denn ganz gleichgültig, ob du hier bist oder wo anders? — Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. — Siehst du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. — Sie stand vor ihm, hob die Hand, ließ sie aber gleich wieder sinken. — Oder ist es dir doch gleichgültig? — Sie sah ihm fast flehend in die Augen. — Es war als käme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar, zweifelnd, grübelnd, und er blieb. — Aber ihre Gegenwart bedrückte, beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr überhaupt zu vermeiden und schloß sich an Harald an, mit dem er nachmittags zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, daß ihm die Mathematik so schwer werde, und daß dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei. Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm plötzlich nahgerückt und interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald früher unbegreiflich erschienen waren, lösten sich unter seinen Worten und Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverständlichkeit auf; es lockte geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue Brücken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig oder unüberlegt abstürzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nächstemal etwas vorsichtiger um. — Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte Harald zu seiner Mutter; man schämt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt hätte und dann nur gleich das Richtige fände. Er sagt alles so klar und einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten, muß ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein Gestrüpp, hinter dem der Sinn sitzt. —