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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman cover

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Chapter 5: Viertes Kapitel.
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About This Book

Two brothers are portrayed in close contrast: one extroverted, theatrical, and self-mythologizing, often favored by the household; the other withdrawn, ironic, and prone to imitation, retreating into observation and private rituals. Their small-town family life, school and amateur theatricals provide recurring scenes of rivalry, parental partiality, and performance as identity. Through episodes of boasting, quiet record-keeping, shifting rooms, and mimicry, the narrative considers how pride, insecurity, and habit shape personal relations and the siblings' differing approaches to love, social standing, and selfhood.

Eines Spätnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen Augen stand sie da — er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen — und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten ein schönes altes Stück gefunden, das sie ihm früher einmal vorspielte, und das ihm so gut gefallen habe. — Im selben Augenblick, wo sie so unter der geöffneten Tür stand, schlug das Fenster zu. Draußen hatte sich nach der schwülen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein Gewitter. Pitt sagte, sie möge vorangehen, er wolle nur noch oben in seinem Zimmer das Fenster schließen. — Sie dachte: das können doch auch die Mädchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flügel, schlug das Stück auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus, zur Treppe. Schließlich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie horchte wieder. Schließlich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis vor seine Tür, zögerte einen Augenblick, öffnete sie dann aber in dem sicheren Gefühl, daß Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand bewegungslos und fragend auf der Schwelle.

Pitt saß am Fenster, den Kopf in die linke Hand gestützt, und zeichnete Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen Augenblick andauerte, denn im nächsten hatte er den Kopf zu ihr gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. — Ach so! rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel vorhin ein einfacherer Beweis für Harald ein, ein neuer, den ich selbst gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. — Sie hatte die Tür hinter sich geschlossen und trat näher; sie sah ihn so sonderbar und ernst an, daß er wußte: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervöse Unruhe überfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf halbem Wege stehen. — Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu sagen, und doch wußte er, daß diese Frage gerade die schlimmste von allen war. — Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte es nicht. In dem Gefühl, etwas tun zu müssen, worauf sie wartete, wonach sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da lösten sich ihre Tränen.

O, du quälst mich so! — — diese Worte schienen das Zimmer noch zu füllen, nachdem sie längst verklungen waren. —

O, du quälst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fühlte, wie ihr Körper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz umfaßt hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie vergaß alles um sich her, sie wußte nur, daß sie ihn in ihren Armen hielt.

In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum erstenmal fühlte er ihren Körper dicht an dem seinen, zum erstenmal empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen gesehen und mit den Ohren gehört hatte. Und jetzt empfand er zum erstenmal in aller Stärke den Unterschied in seinem und ihrem Gefühl, beängstigt, beklemmt, ähnlich wie schon früher, nur viel stärker. Einzelne Bruchstücke ihres früheren Beisammenseins tauchten in seiner Seele auf und verschwanden wieder, ohne daß sich ein selbständiger Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder, die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dämmerten ganz frühe Eindrücke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es anatomisch wäre, verschlungene zarte Röhren; aus ihnen brachen kleine runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich im Gehirne bilden — — — und dann war er wieder in der Wirklichkeit und fühlte Elfriedes Körper.

Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien mußte; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele stand. — Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, daß er es brechen mußte. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu sich und in die leere Wirklichkeit zurück, als er sie endlich fragte: Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? — Jetzt?! fragte sie verständnislos, mit großen Augen. — Er schwieg wieder. — Was soll nun werden? fragte sie endlich tonlos. — Ich reise ab. — Das Blut lief ihr zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier bleiben.

Noch vor einer Stunde war es ihr unmöglich erschienen, länger mit ihm zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach, widersetzte sich ihr ganzes Gefühl dagegen. Von der schrecklichsten Last wenigstens fühlte sie sich befreit, er wußte nun, daß sie ihn liebte, und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe verband. —

Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem Ärmel, dicht vor ihren Augen, sie fühlte, daß Pitt sich von ihr lösen wollte, obgleich er nach wie vor bewegungslos blieb. Sie täuschte sich vor, daß er ihr diese armselige kleine Zeitlang ganz gehöre, sie wußte, daß dieser Augenblick nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fühlte seinen leise abwehrenden Druck.

Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Für einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen, es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm vorbei und verließ das Zimmer.

Pitt blieb zurück in einer dumpfen Betäubung. Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fühlte sich verlassen, ausgestoßen, heimatlos. Heute abend würde er Frau van Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, daß er fortging.

Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das Gesicht fort. In ihrer ersten Überraschung wollte ihre Mutter stehen bleiben, so verändert hatten Elfriedes Züge ausgesehen. — Aber dann tat sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die Treppe hinauf. — Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tür klopfte, die verschlossen war, sagte sie von innen, sie fühle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett gegangen; sie lasse niemand herein. — Auch mich nicht? — Nein. — Elfriede horchte von innen, dann hörte sie, wie sich das feine, seidene Geräusch von der Tür entfernte, langsam und gemessen. —

Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmäßig allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur daß mir die Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau van Loo tat als sähe sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. —

Dieser unerhörte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir müssen heizen. — Sie ließ den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. — Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima übrig bleibt, fuhr sie fort, ist, es sich möglichst behaglich zu machen, und andere Gegenden zu betrachten, in denen es schöner aussieht als bei uns. — Sie ließ durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen große, vergilbte Photographien. — Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! — Pitt sah zerstreut seitwärts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstöckigen weißen Häuser, auf die riesigen, überhängenden Blätter, von denen ein einziges viel größer war als die Menschen, die unter ihnen standen in ihren weißen Anzügen und den großen Strohhüten, oder fast unbekleidet in ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo selbst; in einem weißen faltigen Kleide saß sie unter einem fremdartigen, großblütigen Strauche. Wie schön mußte sie gewesen sein! — Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien an. — Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein Vater aus Italien mitgebracht hat. — Harald holte sie und betrachtete die einzelnen Blätter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Türmen, reiche Paläste mit großwandigen, kleinfenstrigen Häusern, die irgendwo aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten schwarze Baummassen wie spitze Flammenbündel in den Himmel. — Er geriet in immer größeren Eifer. — Möchtest du einmal nach Italien? fragte Frau van Loo. Harald war sehr überrascht. Wenn seine Mutter so etwas fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. — Ich würde dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist für deine Erziehung sehr erfreulich. — Er stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihr Knie. — Aber du mußt erst älter sein, so alt, daß ich dich ohne Sorgen ziehen lassen kann. — Ach so! rief er gedehnt und enttäuscht; ich dachte du meintest gleich! — Jetzt, sagte sie, würde sich wohl keine Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir ungezogenem Buben reisen möchte. Harald stand einen Augenblick in Gedanken. Er dachte nur darüber nach, ob er niemand wisse, mit dem er gerne reisen würde. — Pitt! sagte er plötzlich, und sah ihn an, als ob der gerade vom Himmel gefallen wäre. — Der wird sich wohl bedanken und lieber hierbleiben, wo es für ihn viel gemütlicher ist. — Hierauf schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurück. Was jetzt noch zu tun blieb, war Sache Haralds. — Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt, worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war — er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. — Ich muß nach Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmäßig, so ruhig wie seine Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief bekommen, daß es meiner Mutter sehr schlecht geht! — Das ist nicht wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: würde ich es sonst sagen? und ihn so sicher anblickte, daß Harald nun wirklich bestürzt war. — All die schönen Pläne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.

Am nächsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frühstück, blaß und ruhig. Sie hatte sich gefaßt und war entschlossen, niemand etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verändern, nur daß sie ihn nicht ansah. Sie erfuhr, er würde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden drohte, — dann ließ sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frühstück ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.

Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie küßte, dankbar und voll Traurigkeit. — Der Wagen rollte davon, Frau van Loo wandte sich ins Haus zurück, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal ließ sie Elfriede ein.

Viertes Kapitel.

Fox Sintrup ließ wie ein Taxator seine Blicke über die Möbel des besten Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizität auszuprobieren, untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den großen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase zurückwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des Zimmers, und schien, während sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre wenigen Worte kamen aus einem Mündchen, das sich beim Sprechen noch mehr in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm nun Haus- und Korridorschlüssel einhändigte, ließ sie einen etwas schüchternen Blick über ihn hingehen.

Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint auch da zu sein; zwar — wenn die denkt, ich würde irgend etwas unternehmen, dann irrt sie sich: die Töchter aus Bürgerfamilien sind — also: unantastbar, — aber immerhin: Ein hübsches Mädchen ist ein herzerfreuender Anblick, den jeder rein genießen darf!

Dieses Mädchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter, sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hieß Lotte Pfanz.

O das feine Leder! Großmutter, das feine Leder! sagte sie, als der Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. — Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedächtig, wann wirst du endlich vernünftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch versündigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hängt. Kümmere dich nur um deine Seminararbeiten! —

Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch größere Distanz, als er sich ursprünglich vorgenommen, denn sie hatte ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn möglich sei, daß sie die Enkelin von Frau Bornemann wäre, wenn sie Fräulein Pfanz heiße. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, daß ihr die Worte entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar über das unhöfliche Betragen ihrer Enkelin zunächst sehr erschreckt, aber da es die Wirkung hatte, daß Fox sie in Zukunft zwar sehr höflich grüßte, im übrigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! —

Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich erinnerte, daß die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des Gärens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten, aufwärts klimmen auf der Leiter, die ihn zu höchsten Stufen führte. Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehörigen Revision zu unterziehen und seine Kräfte in diesem oder jenem Fach auszubilden. Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.

Jetzt hatten sich beider Wege für eine kurze Zeit geeinigt, indem sie auf derselben Universität studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus gewünscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen denken, das ist doch viel einfacher!

Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich ohne Widerrede gefügt, und gelächelt, als sein Vater sagte: Dann kann dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz lustig, seinen Bruder etwas näher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war ihm gleichgültig; nur seine ewigen Umzüge von einer Wohnung in die andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn Könnecke, der ihm anfangs mehrere Male darüber schrieb; aber Pitt antwortete, er könne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und vertröstete auf ein späteres Wiederkommen, so daß Fräulein Nippe sich endlich entschloß, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu machen: Ein dünner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag nun darüber, aus einem inneren Bedürfnis nagelte sie noch einen großen japanischen Fächer auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den Namen „das Angßangbel“.

Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen Zimmern möglichst wenig zu tun haben. — Und deine Bücher? fragte Fox. Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bücher bekommt man auch in Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in einer Schlafstelle. Pitt beschloß den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen; er machte dies auch wahr; ursprünglich nur, um zu zeigen, daß man sehr wohl ohne eine Wohnung auskommen könne; dann gewöhnte er sich daran. Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so daß er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.

Fox schuf sich in Bälde einen Verkehrskreis. Zunächst besuchte er den Rektor der Universität, eigentlich nur in dem Gefühle, ihm zu versichern, daß er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund für sein Kommen angeben. Es knüpften sich auch keine weiteren Folgen an diesen Besuch, und Fox bedauerte, daß die große Universität ein so stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es zuzuhören, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein großes Anpassungsvermögen ließ ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er außer Leuten der Wissenschaft auch Künstler, Kunststudierende, Architekten, Sportsleute. Viele wußten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft gemacht hatten. Es kam vor, daß er einem ganz fremden Herrn auf der Straße die Hand schüttelte und dann auf irgendein Gespräch zurückkam, das er gar nicht mit ihm geführt hatte: Sie sagten mir damals ... so begann er, und ließ es darauf ankommen, wie weit sich der andere erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne weiteres, indem er sich sagte: In einem großen Salon, wo viele durcheinander sprechen, weiß man nicht, zu wem man dies, zu wem man jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit großer Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wußte er ihm dann vollkommen zu suggerieren, daß er damals mit ihm selber sprach, oder aber er sagte etwa: Teufel noch mal — Sie haben recht! Das Gespräch interessierte mich so sehr, daß ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie hätten es mit mir geführt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ... wirklich ganz famos! — Die Folge war, daß man sich grüßte, daß man sich wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt irgendeiner anerkannten Größe durch die Säle, merkte sich die Bilder, vor denen sie besonders lange verweilte, trat näher, wenn er ein Gespräch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedächtnis und gab es später wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zögernder Stimme, mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen, sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht neben einen solchen Mann, ließ dessen Blicken seine eignen folgen, und murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein hingeworfenes Wort eine Anknüpfung zu finden. Dann erzählte er später, er kenne diesen Maler, jenen berühmten Bildhauer, vor den und den Kunstwerken hätten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so bescheiden! so einfach! so ganz und gar — also doch wirklich — bescheiden! — Pitt machten solche Erzählungen große Freude: mit anscheinender Bewunderung hörte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er dem Künstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wäre fast zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja auch natürlich! Pinselt der arme Kerl da Tag für Tag an seiner Leinwand herum und verwechselt schließlich die Mühen seiner Arbeit mit ihrem Wert als Kunstwerk! — Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. — Am meisten aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saßen. Fox hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt in der Familie als musikalisch. — Bei den ersten Tönen führte er die Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte nach dem Schluß des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nächsten Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit großen Augen an und flüsterte, jetzt komme das Erhabenste, was überhaupt geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er vergaß die Wimpern wieder zu schließen, und endlich lief ihm eine Träne die Wange herunter. — Für den Fall daß Pitt sie nicht bemerkt haben sollte, konnte es nicht schaden später zu gestehen: Solche Zähren sind erlösend.

Was ist denn das? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weißdrucken, die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hänge die Bilder nicht hin zu meinem Vergnügen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet habe und mein Geist nicht mehr recht vorwärts will, dann sehe ich das Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn ich eine Kritik schreiben soll über Mozartsche Opern, kucke ich nach dem Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters überhaupt ganz von selbst erklingen läßt. — Du schreibst Kritiken? — Natürlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. — Lies das mal zu Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin ist deine Stimme die eines Unbefangenen. — Ganz im geheimen hatte Fox eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, — — so brauchte er sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! — Er richtete sich aber dann doch danach. — Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik werfen, neben meiner Jura. Nächstes Semester kommt die Schauspielkunst dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Jeder Mensch muß die Fähigkeiten in sich ausbilden, die da sind. Wie? Was? —

Fox übernahm für einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte Fox, der immer noch mehr wußte als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken, nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein, nannte die Saison den „Winter unseres Mißvergnügens“ und redete von „goldnen Früchten, auf silbernen Schalen dargereicht“. Ehe die Kritiken erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. — Der Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifällig. Fox sah ihn mißtrauisch an, doch ohne Grund: Pitt hatte längst vergessen, daß dies ein Ausspruch war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier für sich allein stand, aus dem übrigen etwas herausfiel. Den Gedanken, sagte Pitt, hättest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So für sich allein wirkt er eigentlich unverständlich, am Schluß widersprichst du dir sogar.

Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstöbern, ich werde sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestärkte Fox in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehöre ein besonderes Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst könne das nicht, er habe zu wenig anhaltende Energie und Spannkraft. — Ja, das ist die Hauptsache! bestätigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer häufiger bei ihm. — Ich dachte, du hättest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. — Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gönnerhaft. — Pitt ging, läutete aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? —

Manchmal öffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie wollte er sehen. — Dies ist ein Mädchen, dachte er, das ich vielleicht lieben könnte. Lotte öffnete stets vergnügt ihren roten Mund, wenn sie ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn Großmutter auf das Läuten hinausging, spähte sie durch die Zimmertür. Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wußte mit Sicherheit, daß Pitt am selben Morgen — wenn es nicht dieselbe war — mindestens ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er, sollten seine häufigen Besuche mit dem Mädchen in Verbindung stehen? Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam? Das reine Kind? Die dunkeläugige Blume?! — Sein Ehr- und Selbstgefühl regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten — aber immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber fühlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er würde jede drohende Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein — ganz in Ehren natürlich — so war er selbst das doch, wo er sowieso im Hause wohnte — und dann: Überhaupt, er hatte moralischere Rechte. — Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und kann dich kaum gebrauchen — und wenn es läutete, stürzte er die nächsten Tage selbst zur Tür. —

Pitt kam nicht mehr. — Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er, Gott weiß, in was ich mich da verstrickt hätte. Dafür kam Fox mit seinen Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.

Fox machte sich Vorwürfe, daß er Lotte bis jetzt so wenig beachtet hatte. Er mußte ihr Vertrauen gewinnen, und das Vertrauen der alten Frau Bornemann ebenfalls. Deren Geburtstag bildete die passende Einleitung zur Annäherung. — Er ließ sich bei ihr melden und verehrte ihr einen Hummer zum Wiegenfeste. Frau Bornemanns Augen wurden naß, sie wollte ihn erst nicht nehmen, da er doch gewiß sehr teuer sei, und hielt die Hände in die Schürze geknüllt, wie ein schüchternes Mädchen. Dann nahm sie ihn aber doch, bereitete eine Sauce dazu nach ihren Erinnerungen einer besseren Zeit, und lud Fox später zögernd zu dem Mahle ein, obgleich Lotte meinte, sie wollten das Tier lieber allein verzehren. Auf Lotte war dieser Hummer eigentlich berechnet. Fox wußte, daß sie gerne etwas Gutes aß. Er hatte das öfter bemerkt, wenn er an der Küche vorbei ging. Da stand sie an dem rohen Brettertisch, hielt eine seiner nicht ganz ausgeleerten Delikateßbüchsen in der Hand — Fox liebte es nicht von Resten zu leben — stocherte die Fischlein mit der Gabel heraus und verzehrte eines nach dem andern, andächtig, ohne Brötchen. Frau Bornemann, erst zurückhaltend, taute doch allmählich auf. Sie klagte, daß sie hier wie in einem Meer von Steinen säße, die Straßen verwirrten sie, sie kenne kaum jemand, alle ihre natürlichen Berater, Kinder und Schwiegersöhne, seien tot, man nütze ihre Unkenntnis in geschäftlichen Dingen aus, sie fühle sich der Welt preisgegeben, und Lotte wisse noch weniger als sie selbst, obgleich sie doch das Seminar besuche. Und dann sagte sie, das Großstadtpflaster sei doch nichts für junge Mädchen, obzwar sie ja auf Lotte wie auf einen Felsen bauen könne, denn im Grunde sei sie brav und gut — und ihre Rede floß weiter, leise und bescheiden wie ein ganz kleines, spärliches Wässerchen. Fox sagte zu allem: jaja, jaja, blickte nachdenklich und fürsorglich drein und versprach, er werde ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie möge sich nur in allen schwierigen Fragen an ihn wenden. Das tat sie in Zukunft auch wirklich, erzählte ihm lange Geschichten über ihre bescheidenen Bankpapiere, und fragte: Nun sagen Sie, was soll ich tun?! — Er hörte stirnrunzelnd zu, versprach, sich die Sache im Kopf herumgehen zu lassen, besprach sie dann mit Leuten, die davon mehr verstanden als er selbst, meinte zustimmend, dasselbe habe er ungefähr auch schon gedacht, und legte dieses Selbe später der Frau Bornemann als Resultat seines vierundzwanzigstündigen Nachdenkens vor. Lottes Wohlwollen erwarb er sich dadurch, daß er ihr nun ab und zu auch noch intakte kleine Leckereien verehrte, und Frau Bornemann hatte nichts dagegen, denn sie sah ja nun: Ihr Mieter war brav und meinte es gut mit ihnen. Und diese Überzeugung wurde besonders rege in ihr, wenn er Lotte, die zuweilen merkwürdig frei redete, ohne sich dabei im geringsten etwas zu denken, nachdrücklich zurechtwies: So etwas paßt sich nicht für ein Fräulein! Zuweilen lud er sie ein, mit ihm in eine Bildergalerie, in ein Museum zu gehen. Er erklärte ihr, daß es „Schulen“ gäbe unter den alten Meistern; das glaubte sie erst nicht, ließ sich dann aber belehren, und erzählte zu Hause alles Großmutter wieder. — Lies ihm doch mal deinen neuen Aufsatz vor! Er interessiert sich doch für unser Wohl und Wehe! — Aber das wollte sie nicht, sie wußte selber nicht warum. Sie hatte ihn ja ganz gern, und verehrte ihn, weil er alles wußte, aber — ihre Aufsätze vorlesen, — nein, das wollte sie nicht. — Weshalb sein Bruder wohl gar nie mehr kam? Der sah so interessant aus! Ob der wohl noch viel mehr wußte als Fox? Manchmal wollte sie Fox fragen, weshalb er sich gar nicht mehr sehen ließe, aber sie unterließ es, aus einem unklaren Gefühle.

Eines Tages stand Pitt plötzlich vor ihr, unter der Tür. Es regnete stark, er hatte weder Schirm noch Mantel und wollte sich beides von seinem Bruder borgen. — Er ist nicht zu Hause! sagte Lotte, aber kommen Sie nur herein, vielleicht ist er bald da! Pitt sah in ihre lebhaften und erfreuten Augen und ließ sich hineinziehen. Er saß ihr nun gegenüber, und es war, als habe sich da ein ganz besonderer interessanter Vogel neben ihr niedergelassen, den sie bisher nur flüchtig und im Fluge sah. — Was er für schöne tiefe Augen hatte! Gewiß hatte er furchtbar viel Interessantes erlebt. — Ich soll mich auf mein Lehrerinnenexamen vorbereiten! erzählte sie sofort, wir haben nicht viel Geld und ich muß einen Broterwerb ergreifen! — Sie sollten lieber heiraten! sagte er, ich glaube dazu passen Sie viel besser. — O Gott, das möchte ich ja so gern! Aber wen? ich weiß ja keinen! — Sie holte Großmutters Visitenkartenschale, die nun Zimmerschmuck bei Fox geworden war: Mit was für vornehmen Leuten Ihr Bruder verkehrt! Sehen Sie, hier ist ein Baron, da ein Graf! Sie nahm die Karten achtungsvoll aus der Schale. — Furchtbar schade, daß die immer kommen, wenn ich im Seminar bin! — Diese Karten hatte Fox selbst importiert, um sein Renommee zu heben. In Salons für einen Moment allein gelassen, pflegte er zuweilen die Visitenkartenschalen zu revidieren. — Ihr Herr Vater wird ja nun auch bald Graf! — Mein Vater? — Natürlich! Der Kaiser wartet nur auf die nächste Gelegenheit, und dann wird er Graf! — Hat Ihnen das Fox erzählt? Sie nickte und fand gar nichts Verdächtiges in seiner Frage. —

Es klopfte leise und bescheiden. Frau Bornemann hatte an Foxens Zimmertür gehorcht und drinnen Lottes Stimme und eine andere, männliche gehört; wenn Lotte auch nichts Unrechtes tat: Es schickte sich nun einmal nicht. —

Lotte war etwas verlegen. Sie stellte Pitt sogleich vor und erklärte eifrig, er warte hier auf seinen Bruder. Frau Bornemann dachte: dann kann ich ja ein bißchen mitwarten! überlegte, ob sie sich wohl auf einen ihrer eigenen Stühle setzen dürfe und ließ sich dann auf den Rand eines Sessels nieder. Also Sie sind der Bruder von unserm Herrn Sintrup? begann sie höflich und mit stillem Vertrauen, ja das habe ich mir gleich gedacht. In meiner Heimat hatte lobesam der Herr Bürgermeister auch zwei Söhne. — So sagte sie, indem sie ihn aus ihren sorgenvollen Augen halb freundlich und halb kurzsichtig ansah. Dann fuhr sie fort: Merkwürdig, wie einem doch manches zum Segen ausschlägt, von dem wir vorher denken, es brächte einem nur Kummer. Wie bitter schwer kam es mir an, einen Mieter für die neue Wohnung zu nehmen! Wenn einer so etwas nicht erlebt hat, versteht er’s nicht. Alles, was man durchmacht, muß erlebt sein. Fremde Erfahrungen bringen einen selbst nicht weiter. Das denke ich manchmal, wenn ich die Menschen Irrtümer über Irrtümer begehen sehe; ich möchte ihnen dann zurufen: Kinder, seht ihr denn nicht, daß ihr das falsch macht? Aber dann denke ich: Laß sie nur gehen, laß sie nur machen! Hinterher sehen sie’s dann besser ein, und einmal gebrannte Kinder scheuen das Feuer! Frau Bornemann schwieg, es kam nichts mehr. Und als Pitt sie erwartungsvoll ansah, drehte sie ihr kleines Hasengesicht freundlich hin zu ihm und blickte ihn so niedlich an, daß er innerlich lachte. Und das mit dem Segen des Zimmers? fragte er. — Sie sah ihm erst unsicher auf die Lippen, ob er vielleicht einen Wunsch habe, dann in die Luft, endlich hatte sie den Faden wieder und fuhr fort: Ach ja, das wollte ich ja sagen: Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß ich nun sehr glücklich gewesen wäre, — obgleich es Ihr Herr Bruder ist. Aber der Wahrheit die Ehre: Die ersten Tage war ich ganz unglücklich darüber! In dem Bett, worin er schläft, ist mein Mann-selig gestorben, und den Fußteppich hat mir meine Schwester-selig gestickt zur Hochzeit; na, und was da noch für Erinnerungen sind, das kann Sie ja kaum interessieren. Aber jetzt danke ich unserem Schöpfer, daß er da ist — Ihr Herr Bruder nämlich: So ein ausgereifter Verstand in einem so jungen Kopfe — wenn man so sagen darf — und dann die hoch-anständige Gesinnung: Einen Teppich hat er legen lassen auf dem Vorplatz! Ich sehe ihm auch manches gerne nach; einem andern würde ich es nicht erlauben, all die alten Familienbilder von den Wänden zu nehmen; meine Tochter gehört nun mal übers Sofa, wo sie immer drauf gesessen hat, und mein eigenes Jugendbild von anno dazumal hat auch stets einen Ehrenplatz gehabt. Aber ich dachte: Mathilde, du versündigst dich, der junge Mann ist in der Fremde, und wenn er dich bittet, eigene Bilder hinhängen zu dürfen — laß ihn dem Zug seines Herzens folgen. Na, Familienbilder hat er ja nun nicht gerade hingehängt, sondern solche abgemalte Bilder; ich versteh ja nichts davon, aber wenn ihm das Freude macht — ich habe nichts dagegen! Nun sagen Sie mal: was studieren Sie nun eigentlich? — Auch Jura. — Sieh mal! Dann sind Sie also zwei Juristen? —

Pitt wurde dies langweilig, er erhob sich und wollte gehen. Der Regen hatte aber zugenommen und Frau Bornemann sagte: Nun werden Sie ja naß! Lotte flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie murmelte dagegen: alte Andenken, — und so tief weggepackt — verstand sich dann aber dazu, sie zu suchen, und Pitt mußte versprechen, sie am nächsten Tag wiederzubringen. Um drei! rief Lotte; und an der Tür sagte sie noch einmal leise und dringlich: Punkt drei! Um diese Zeit — so wußte sie — war Fox nicht zu Hause.

Wirklich war Pitt am nächsten Tage um die angegebene Zeit auf dem Wege.

Soll ich nun den Mantel einfach abgeben, und dann gleich wieder gehen? So fragte er sich.

Die letzte Zeit, in der er Fox nicht mehr besuchte, hatte er kaum an Lotte mehr gedacht. Aber seit gestern hatte er fortwährend an sie denken müssen. Immer sah er sie vor sich, mit ihrer festen, etwas derben Gestalt, mit ihren gesunden, frischen Backen und den blanken, lebenslustigen schwarzen Augen. Nie hatte er ein Mädchen gesehen, das ihm auf den allerersten Blick so sehr gefallen hatte.

Nach seiner Trennung von Elfriede hatte Pitt die erste Zeit sehr zurückgezogen gelebt, fast ängstlich jede Bekanntschaft mit einem Mädchen vermieden, da er sich vor einem neuen Schiffbruch fürchtete; bis er schließlich den Zustand gänzlicher Zurückgezogenheit doch nicht mehr ertrug und, wie die Schnecke, langsam seine Fühlhörner wieder vorzustrecken begann. Aber seine Annäherungen blieben doch stets wie in einer Ferne, und fühlte er gar eine Annäherung des anderen Teils, so ergriff ihn sogleich wieder die erste Furcht, ja fast ein Schreck, er zog sich augenblicks wieder in sein Häuschen zurück und lachte sich selber aus: Liebe, so sagte er sich, ist etwas, das man nicht suchen darf; sie muß kommen, ohne daß man sie sucht. Nun hatte er immer darauf gewartet, daß sie von selber käme, aber sie kam nicht.

Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: Liebe ist etwas, das im Blute liegt und zum andern will! Zum erstenmal fühlte er einen starken Trieb in sich.

Mit äußerer Ironie und innerem Neide hatte Pitt auf seine Kameraden gesehen, die ein ihm fremdes Leben führten. Waren sie nicht weit besser dran als er selbst, der in jedem Sinn egoistisch nur für sich selber lebte?! War es nicht Feigheit, Mangel an Selbstvertrauen, wenn er jetzt auch nur der Möglichkeit eines Erlebens aus dem Wege gehen wollte? —

Unter diesen Erwägungen näherte er sich der Wohnung der Frau Bornemann.

Lotte öffnete, sah ihm frisch und freudig in die Augen und sagte: Ich hatte schon gefürchtet, Sie kämen überhaupt nicht mehr, denn es ist schon zwanzig Minuten nach drei! Wir wollen aber nicht in Ihres Bruders Zimmer gehen, sondern in unser eigenes! Pitt war hiermit sehr zufrieden, dachte aber: du lieber Gott! als ihm Frau Bornemann auch heute entgegentrat; im ersten Momente sah er sie gar nicht, da ihre unscheinbare Gestalt in dem braunen Kleide sich wenig von der ebenfalls braunen Tapete abhob. Sie machte Pitt diesmal eine feierliche Reverenz, die er ebenso erwiderte, ohne zu wissen, weshalb sie das beide täten. Er hatte keine Lust, ähnliche Ansprachen zu erleben wie die gestrige, nahm sich vor, sogleich wieder zu gehen, und Lotte an der Tür zu fragen, wann er sie einmal allein sehen könne. Aber wie er nur das erste Wort davon sagte, rief Lotte, das gehe nicht, sie habe sich so darauf gefreut, daß sie ihm ihre Hefte zeigen würde! So ließ er sich mit einem innerlichen Seufzer auf einen Stuhl nieder. — Was mögen Sie am liebsten? Französisch, Geographie? — Aufsatz! sagte er, und dachte: da erfahre ich wenigstens etwas über sie selber. Sie holte sogleich alle ihre Hefte; er schlug das erste auf. — Den nicht! sagte sie und blätterte bis zum zweiten. Er las, sie sah ihm ab und zu über die Schulter, ob er schon an die schöne Stelle käme, die ihr so besonders gut geglückt war. Dann kam der nächste: Über die Erziehung der Jugend. Was für abgedroschene Worte und Gedanken das alles waren! — Sie glaubte etwas wie Mißbehagen auf seinem Gesichte zu sehen, sagt selbst, alles sei gräßlich, während sie alles eigentlich ganz in der Ordnung fand, verteidigte sich auch gar nicht und rief bloß: Ich muß ja! Ich muß ja! — Er legte das Heft endlich beiseite, sie brachte sofort ein neues. Sie wollte durchaus hören, was er über Iphigenie dachte und „Goethes Stellung zum Christentum“. Auf diesen Aufsatz war sie wirklich stolz. Sie hatte darunter die beste Note erhalten, und außerdem war alles kalligraphisch musterhaft geschrieben. Er las ihn von Anfang bis zu Ende, dann reichte er ihr das Heft mit einem stummen Blicke. — Geist und Ideen hatte dieses Mädchen nicht, das stand fest. Aber das schadete ja gar nichts — im Gegenteil: ein solches urwüchsiges, frisches, einfaches Geschöpf und Aufsätze — das paßte nicht zusammen. Und die sollte in eine Schule eingesperrt werden? — Lotte war etwas betrübt, daß er gar nichts sagte. — Hier ist noch ein Aufsatz, meinte sie aber mit frischem Mute, der heißt einfach: Die Kuh. Den habe ich am allerliebsten gemacht von allen, und immer wenn ich eine Kuh sehe, denke ich: Ob das wohl die ist, von der ich das geschrieben habe? — Pitt las auch diesen Aufsatz, und ehe er etwas äußern konnte, ließ sich Frau Bornemann, die mit Wohlgefallen zuhörte, wie ihre Enkelin sich wissenschaftlich unterhielt, von ihrem Nähtisch aus vernehmen: Gegen den Aufsatz kann keiner was sagen, da fehlt auch kein Härchen vom ganzen Fell! Nun quäle Herrn Sintrup aber auch nicht mehr! Doch Lotte wollte jetzt durchaus, daß er auch ihre Geographiehefte ansähe. Sie hatte bemerkt, daß es draußen regnete, und wünschte, der Regen möchte inzwischen zunehmen, damit Pitt auch morgen einen Grund habe wiederzukommen. Wirklich ging ein ganzer großer Guß nieder; als er fast vorüber war, erhob sich Pitt, aber Lotte sagte: Es steht eine ganze Wand am Himmel, Großmutter, er darf doch den Mantel noch einmal mitnehmen? Frau Bornemann erlaubte es zögernd. — Wenn es besseres Wetter wäre, sagte Pitt an der Tür zu Lotte, hätte ich gedacht, ob Sie nicht ein bißchen mitgingen. — O Gott, dasselbe habe ich ja auch schon gedacht, sagte sie erfreut; das Wetter macht mir gar nichts — ich muß mir ja sowieso neue Hefte kaufen, setzte sie hinzu und dachte: das kann ich ja wirklich. In 10 Minuten komme ich! — Sie begab sich ins Zimmer zurück, setzte sich scheinbar an die Arbeit, behielt die Uhr genau im Auge und brachte nach zehn Minuten ihr Anliegen vor. Großmutter suchte in ihrem Portemonnaie, gab ihr ein Geldstück und sagte: von den zwanzig Pfennigen, die übrigbleiben, darfst du dir ein Magenbrot kaufen, das heißt: für fünf; die übrigen muß ich wieder haben! —

Pitt wartete unten. Sie schoß zur Tür hinaus und spähte, ob er noch da sei; denn inzwischen war schon fast eine Viertelstunde verflossen. — Ich muß mir die Hefte nun aber wirklich kaufen, dachte sie, denn sonst wäre es eine Lüge gewesen, und ich lüge nie. — Wo wohnen Sie denn eigentlich? Pitt nannte die etwas entfernte Straße, und sie sagte, da kaufe sie immer ihre Schulhefte. Sie fing noch einmal an von ihren Aufsätzen zu sprechen und dann erzählte sie ihm, daß sie schon einmal durchs Examen gefallen sei, nicht aus Dummheit, sondern aus Angst, daß sie sonst Lehrerin werden müsse. Großmutter dürfe das nie erfahren, das wäre entsetzlich. — Auch Ihrem Bruder, fügte sie hinzu, würde ich das nie erzählen; aber ich weiß nicht, zu Ihnen habe ich ein so großes Zutrauen. — Sie erreichten allmählich seine Straße; wirklich entdeckte sie dort einen Schreibwarenladen, sagte zu Pitt, er möge draußen warten, sie wäre im Augenblick wieder da, und blieb dann sehr lange drinnen. Endlich erschien sie wieder, mit einem glücklichen Ausdruck in den Augen: ich habe alles um fünf Pfennige billiger bekommen als in dem eigentlichen Laden — ich kaufe manchmal auch wo anders — und nun darf ich zehn Pfennige für Kuchen verwenden anstatt fünf! — Ist eine Konditorei hier in der Nähe? fragte Pitt. — Konditorei? ich gehe immer in Bäckerläden, da kriegt man mehr. — Er wollte aber durchaus in eine Konditorei. Sie zögerte erst, indem sie dachte, sie könne ihre zehn Pfennige ausgiebiger anlegen, aber dann überwog die Freude, mit ihm zusammen zu sitzen.

Nun standen sie vor dem ausgebreiteten Gebäck. — Soll ich dies nehmen oder das? flüsterte sie dicht an seiner Seite; wenn ich das linke nehme, habe ich noch fünf Pfennige für eine Makrone. Sie zögerte; aber das teuerere Stück hatte einen so festlichen kleinen Geleeaufputz, und das nahm sie endlich. Als sie es gegessen hatte, sagte Pitt: Nun dürfen Sie sich noch aussuchen was Sie wollen, ich schenke es Ihnen. Das hatte sie nicht erwartet. Sie sah ihn erst halb ungläubig an, dann sprang sie auf und kam mit einem leckeren, kleinen Törtchen zurück, das sie schon vorher voll Verlangen angesehen hatte, ohne Hoffnung es jemals zu besitzen. — Aber das teilen wir! Und als er sich weigerte, erklärte sie, dann äße sie überhaupt nichts davon, so daß er einwilligte. Sie überreichte ihm seine Hälfte mit zwei Fingern, und streichelte mit den übrigen drei halb aus Dankbarkeit, halb um einen Witz zu machen, über seinen Handrücken hin. — Gehen wir bald wieder in eine Konditorei? fragte sie draußen, wurde aber sogleich rot und setzte hinzu, sie meine nicht etwa, daß er sie wieder dazu einladen solle, im Gegenteil: das nächstemal wollte sie bezahlen, nicht des Geldes wegen, sondern weil sie ihm für seine Freundlichkeit auch etwas Freundliches antun möchte. Morgen? — Aber ganz bestimmt! sagte er, und sie erklärte zum Schluß, vor acht Tagen habe sie noch keine Ahnung gehabt, daß sie sobald einen wirklichen Freund bekommen würde. Sagen Sie aber um Gottes willen Ihrem Bruder nichts! Dann drückte sie ihm alle seine Finger und an der nächsten Straßenecke prallte sie gegen einen Herrn, da sie sich immerzu winkend zurückwandte. —

Sie trafen sich nun jeden Tag; Pitt wartete mit Ungeduld an irgendeiner Straßenecke wohin sie sich verabredet hatten. Dann umfaßte sie wohl seine ganze Hand und sagte: Wenn das nun Menschen wären, müßten sie sich erst anziehen ehe sie sich so guten Tag sagten! und lachte. — Ist das nun Naivität oder Raffiniertheit? dachte er. Wenn er im gleichen Sinne etwas antwortete, schien sie ihn nicht zu verstehen. Obgleich er sich nie darin geübt hatte, besaß er doch eine Leichtigkeit, zweideutige Dinge zu sagen, die sich bei einiger Konzentration der Gedanken bis ins Virtuosenhafte zu steigern fähig war. Sie ging dann neben ihm her, zog eifrig die Brauen im Nachdenken zusammen und fragte: Was heißt denn das, was heißt denn das? Manchmal erschrak sie selber, wenn sie irgend etwas sagte, das ihr vorher gar nicht recht klar gewesen war. Zuweilen meinte sie auch nur: darf ich so etwas nicht sagen? Papa sagte manchmal noch viel Ärgeres, o Gott, wenn ich das noch alles wüßte: Großmutter hielt sich die Ohren zu und sagte: Aber Anton, denk doch an das Kind! —

Diese erste Zeit ihres Verkehrs war still und glücklich für Pitt, durch ihre Aussicht auf die Zukunft. Jeder Tag fast brachte sie einander näher. Aber dann begann eine Zeit des gänzlichen Stillstandes; alles schien so bleiben zu wollen, wie es war. Für Lotte war damit der Höhepunkt denkbaren Glückes erreicht. Pitt dagegen begann unruhig zu werden, er wurde einsilbig und zerstreut, sein Blick ruhte länger in ihren Augen, wenn sie sich trennten, er küßte sie heftiger als früher und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Es war doch gar kein Grund zu seufzen, den Abschied immer wieder um eine Minute hinauszuschieben, dann nebeneinander herzugehen und doch nichts zu sagen! Für sie lag die Zukunft vollkommen klar. Es galt ihr als ausgemacht, daß sie heimlich verlobt seien, sie würden sich nach ein paar Jahren — wenn er eine Stellung hatte — heiraten, bis dahin blieb sie Lehrerin, und zwischendurch kamen wahrscheinlich romantische Prüfungen ihrer Liebe, hervorgerufen durch die Tücken der Welt, die sie alle siegreich überwinden würde. Bei seinen Küssen fühlte sie schon jetzt manchmal einen leisen schönen Schauer, das kam daher, daß sie später eine ganze Etage beziehen würden und niemand ihnen mehr etwas anhaben konnte, wenn sie erst durch alle Fährnisse glücklich hindurchgegangen waren. — Er rang oft mit sich, aber niemals brachte er das Wort über die Lippen, das den Gedanken aussprach, der ihn ganz erfüllte. Mehr und mehr ahnte er, daß Lotte ein vollkommenes und reines Kind war. Dazwischen kamen wieder Stunden, wo er sich töricht schalt und feige. Dann faßte er den festen Entschluß: Morgen frage ich sie; und wirklich zwang er sich dazu; aber er kam nicht über die Einleitung hinaus: Ich muß dich etwas fragen! sagte er. Dann sah sie ihn so neugierig und unbefangen-erwartungsvoll an, daß er sogleich stockte und schnell irgend etwas ganz Bedeutungsloses erfand, das in ihren Augen aber sofort höchst bedeutungsvoll erschien, da er eine so feierliche Einleitung gemacht hatte. — So blieben sie immer auf demselben Punkte stehen, er wurde blaß und müde, in seine Augen trat ein ruheloser und oft ungeduldiger Ausdruck. Sie ahnte von dem Grunde nichts; wenn er in der Konditorei nicht aß, schob sie das auf seine Magenverstimmung — er hatte es ja selbst gesagt! — und wenn er ihr kindliches Geschwätz zuweilen ungeduldig unterbrach mit den Worten: So hör doch endlich einmal auf! so schwieg sie wirklich ganz erschrocken, und dachte, sie habe etwas recht Dummes gesagt. — Einmal, am Abend, schmiegte sie sich dicht an ihn und sagte: Ich habe noch nie einen Menschen geliebt, aber dich liebe ich! — Ist das wirklich wahr? fragte er heftig und langsam. — Ja natürlich, das weißt du doch, weshalb fragst du mich denn das so feierlich, so wie wenn — ja ich weiß selbst nicht wie. Da sah er sie wieder so sonderbar an. Es kamen Tage, in denen er stumpf und gleichgültig war, in denen alles, was er an Lotte liebte, einfach überhaupt nicht da war, wo sie ihn nur irritierte durch ihr vieles und lebhaftes Reden, dessen Inhalt man auf Null reduzieren konnte. Dann wieder begriff er nicht, wie er so blind sein konnte und war so zärtlich zu ihr, daß sie sagte: O Pitt, ich könnte alles, alles für dich tun! — Und doch wußte er, daß sich nichts, gar nichts dahinter verbarg. Allmählich hatte er sie vollkommen überschauen gelernt. Und langsam, nach und nach überkam ihn die Gewißheit, daß für ihn eigentlich der Rausch schon vorüber war, obgleich er ihn nicht mit ihr zusammen genoß. Aber er hatte, wie er sich vor sich selber ausdrückte, experimentell erfahren, daß das, was er Liebe nannte, mit Liebe wenig zu tun hatte. Wie war es sonst möglich, daß sie ihn nach Momenten der Erregung innerlich kalt und gleichgültig ließ, daß er, wenn er sie wirklich sah, sie immer öfter fort wünschte, ja daß auch die Vorstellungskraft an Stärke mehr und mehr nachließ und seine Gedanken schließlich von ihr auf andere irrten, die er irgendwo und flüchtig gesehen hatte? — Er begann es als ein Glück zu empfinden, daß er sich ihr gegenüber beherrscht hatte, und nun stellten sich auch die moralischen Erwägungen mit doppelter Kraft ein, wie recht er gehandelt habe, Lotte in dem Bereich zu lassen wo sie war. Sie mußte in dem wohlgeordneten, kleinen bürgerlichen Leben bleiben, in dem sie sich befand, sie mußte zuwarten, bis sich eine Gelegenheit bot sich solide zu verloben und dann später zu verheiraten. Immer öfter geschah es, daß er eine Verabredung nicht einhielt, so daß Lotte, in Konditoreien wartend, halb aus Mangel an Widerstandskraft ihre ganze kleine Barschaft in Kuchen draufgehen ließ. — Wollen wir uns nicht lieber in der Bahnhofrestauration treffen? fragte sie; da gibt es auch lauter kleine Kuchen, aber man braucht sie nicht zu essen, man kann auch so dasitzen und warten, und wenn du einmal nicht kommst ist es nicht so schlimm. Er wollte das nicht. — Dann kann ich ja unten an der Bibliothek auf dich warten, bis du heraus kommst. — Wirklich tat sie dieses; er begann Ausflüchte zu erfinden. Sie merkte es nicht; sie überwand nur schnell ihre Enttäuschung, fragte nicht nach den Gründen, wenn er ein Beisammensein ablehnte, sondern sah vernünftig drein, so wie wenn sie etwa gesagt hätte: Morgen ist Sonntag, und er ihr darauf den Kalender zeigend bewiese, daß Sonntag erst in ein paar Tagen sei.

Fox war es schon seit einiger Zeit aufgefallen, daß Lotte jetzt so gut wie gar keine Zeit für seine Belehrungen hatte. Sollte da etwas dahinter stecken? dachte er. Auf Pitt aber geriet er nicht. Pitt war die letzte Zeit nicht mehr in die Wohnung gekommen; Lotte wollte das nicht. Sollte es einmal dringend notwendig sein, daß er sie spräche, so war für diesen Fall die Rückgabe des Mantels und des Schirmes vorgesehen. Lotte hatte eine vorzeitige und nutzlose Rückgabe verhindert in dieser Erwägung, Frau Bornemanns Gedächtnis war nicht sehr stark, und inzwischen hatten diese Gegenstände schon manchen gemeinsamen Spaziergang und Regen mitgemacht. —

Eines Tages entdeckte Fox Lotte wartend vor der Bibliothek. Aha! dachte er, nun werden wir ja herauskriegen, wer es ist; und er versteckte sich. — Sie stand dicht vor dem Eingang, den sie fast versperrte. Studenten gingen an ihr vorbei und musterten sie mit unverschämten Blicken; sie beachtete das gar nicht und spähte nur immer zum Treppenhaus, wie ein wachsamer Hund, der auf seinen Herrn wartet. Schließlich kam Pitt. Sie nahm wie selbstverständlich seinen Arm und wanderte sorglos lachend die Straße mit ihm hinunter. Fox sah erst perplex bestürzt drein, dann erhob sich in ihm eine große moralische Entrüstung: Also so eine ist das! Und gegen mich tut sie immer auf das allerehrsamste! Na warte, dich wollen wir schon kriegen! Dich wollen wir schon entlarven! Und wieder dachte er: Wenn jemand ein Anrecht auf sie hat, so bin ich das doch natürlich! Dies hier war ja der reine Betrug! Schon manchmal hatte er sie aufgefordert, mit ihm spazieren zu gehen: Nie hatte sie Zeit gehabt, immer mußte sie arbeiten! Dann war sie natürlich mit seinem Bruder gelaufen! Es war einfach ein niedriger, gemeiner Betrug, also doch wirklich, ein — — Betrug!!! —

Am selben Abend besuchte er Pitt, entzündete sich eine Zigarre und begann unvermittelt seine Predigt. Pitt wußte erst nicht, worum es sich handle, dann nickte er und ließ ihn weiter reden. Dadurch geriet Fox immer mehr in Feuer. — Traurig, so schloß er, daß es soviel Unsittlichkeit in der Welt gibt. Sie ist einmal da, und daß du und ich sie nicht ausrotten werden, das steht wohl fest. Aber wir sollten nicht noch mithelfen an ihrer Verbreitung, und vor allen Dingen nicht anständige Mädchen auf den Weg der Untugend bringen; das ist eine Gewissenlosigkeit, wirklich, eine Gewissenlosigkeit! — Er schwieg und sah Pitt in die Augen, als wolle er seine Worte noch wie mit einem Petschaft versehen, so kernig und saftig war sein Blick. Pitt hielt ihn aus, ja er erwiderte ihn, anders, stiller; sein Mund zeigte ein kaum merkbares Lächeln, sein Blick schien durch seines Bruders Augen zu gehen wie eine feine Sonde. Er schwieg. — Na also, sagte Fox, indem er wo anders hinsah, das mußte ich dir sagen, und hoffentlich nimmst du mir’s nicht übel, das wäre furchtbar kleinlich von dir. — Er sah wieder auf sein Gesicht, begegnete aber noch demselben Blick wie zuvor. — Bist du blödsinnig geworden? fragte er plötzlich, instinktiv nach einem Schutz suchend, ganz im Tone seines Vaters. — Pitt erhob sich. Er dankte ihm für seine Mühe, aber versprechen könne er ihm gar nichts. Mir scheint, fügte er hinzu, du nimmst dir doch ein wenig zu viel gegen mich heraus. — Wenn du’s mir übel nimmst, ist es deine Schuld; ich habe gedacht: wir sind beide keine Kinder mehr; daß du etwas älter bist als ich kommt nicht in Betracht, jetzt wo wir beide im Leben stehen als gleichberechtigte akademische Bürger; der Kinderstube, wo der ältere Bruder über den jüngeren herrscht, wären wir, dächte ich, entwachsen! Also nichts für ungut.

Pitt sagte jetzt zu Lotte: Sie dürfe ihn nicht mehr von der Bibliothek abholen, überhaupt wollten sie sich weniger treffen, man rede über sie, sie bringe sich in einen schlechten Ruf. — Es war ihr außer Zweifel, daß es ein Mann gewesen sein müsse, der das behauptete. Irgend jemand, der böswillig war.

Auf Fox geriet sie nicht; der war die letzten Tage besonders freundlich gewesen und hatte ihr erst gestern ein Lederfutteral geschenkt; es sei sehr praktisch, sagte er. — Wenn sie nur wüßte, wer es gewesen war! Mein französischer Professor? fragte sie. Der war gleichzeitig Privatdozent an der Universität. Oder war es vielleicht jemand, der sie öfter in der Konditorei sah, der vielleicht in sie verliebt war und den sie gar nicht kannte?! — Ist es der? fragte sie, und deutete auf einen vollbärtigen gesetzten Herrn, der langsam seinen Kaffee schlürfte und dann mit abwesend-vollem Blick aus seinen Augengläsern auf sie sah und sich den Schnurrbart leckte, ehe er die Zeitung wieder ergriff. — Sie bekam es nicht heraus.

Unsäglich langweilig war ihm allmählich dieses fortwährende in die Konditoreigehen geworden; ihr war es etwas ewig Neues. Ganz in Zerstreutheit sagte er einmal, als er eine Verabredung vermeiden wollte, er wisse nicht, wo sie sich treffen sollten: In der Konditorei? fragte sie, als sei dieses etwas noch nie Dagewesenes. —

Es war unausbleiblich, daß Lotte schließlich doch den Wandel in seinem Gefühle bemerkte. Sie litt darunter und fragte sich vergebens, was wohl die Ursache sei. Einmal fiel es ihr ganz plötzlich ein, daß er sie ja gar nicht mehr küsse. Sie fragte ihn danach. — Es hat doch eigentlich gar keinen Sinn, sagte er, wenn du zum Beispiel verlobt wärest, so dürften wir uns gar nicht küssen. — Aber ich bin doch gar nicht verlobt! — Eben deshalb! sagte er ganz ernsthaft. — Wieso? sie verstand das nicht in aller Schnelligkeit: gerade weil ich doch nicht verlobt bin, — das heißt — — — Nun? fragte er in aller Seelenruhe. Aber da mochte sie nicht weiter reden. Und zum ersten Male kam ihr der Gedanke: Faßte Pitt denn ihr Verhältnis als eine einfache Freundschaft auf? Das war doch gar nicht möglich! Wie sehr hatte er sie immer geküßt! Waren das alles Freundschaftsküsse gewesen? — Er will mich nur auf die Probe stellen, ob ich ihm treu bleibe! so sagte sie sich, und dachte sich wirklich etwas dabei. Wenn wir uns nicht küssen ist unsere Liebe viel idealer. Aber sie konnte es doch nicht hindern, daß sie sich nun, wo sie sie nicht mehr bekam, nach seinen Küssen sehnte, bei denen ihr immer so unbestimmt wohlig zumute gewesen war.

Sie gingen nun nicht mehr regelmäßig spazieren; dafür sah er sie aber fast jeden Tag einmal hier, einmal da, wo er sie gar nicht vermutete. Sie kannte allmählich seinen Stundenplan und trug ihn immer bei sich, auf dem Herzen. Dann begleitete sie ihn bis zu seinem Hause. Mit jedem Tage machten sie den Weg in kürzerer Zeit; Pitts lange Beine schritten rüstig aus, mit lebhaftem Atem sprang sie bald links bald rechts von ihm, schalt auf das schmale Pflaster und die vielen Passanten, beklagte sich aber niemals. Pitt dehnte seinen Aufenthalt in der Bibliothek länger aus, aber das half nichts: Suchend trat sie in den Lesesaal, setzte sich, ohne daß er sie bemerkte, ihm gegenüber, und wenn er endlich mechanisch von seinem Buche aufschaute, freute sie sich über seine Überraschung sie zu erblicken. Dann ging er wortlos neben ihr her.

Allmählich begriff sie, daß es mit ihren Zukunftsträumen ein für allemal nichts war. Sogleich setzte sie aber auch in Gedanken bescheiden hinzu, daß sie vielleicht auch viel zu nichtig und unbedeutend sei für ihn und redete sich ein, daß sie selber für ihn ja auch von Anfang an nichts als reine Freundschaft empfunden hatte. — Du sollst nicht denken, sagte sie das nächstemal, daß ich etwa verliebt in dich wäre, gar nicht, was ich dir gebe ist ein reiner Freundschaftskuß! und ehe er etwas erwidern konnte, fühlte er ihre Lippen auf den seinen, und sie machte ein ganz schwesterliches und festes Gesicht dabei. Aber als sie ihm das nächstemal wieder einen Schwesterkuß gab, hatte sie schon die Arme um seine Schulter gelegt, er dauerte länger als der erste, und bei dem dritten, den er bekam, wollte sie ihn überhaupt nicht mehr loslassen. — In ihm regte sich etwas von den vergangenen Gefühlen, aber er machte sich frei von ihr und sagte, Geschwister küßten sich nicht; er erinnere sich zum Beispiel nicht daran, daß er und Fox sich je geküßt hätten. Nun begann sie seine Hände zu drücken und ihn dabei verlangend anzusehen; sie wurde immer ruheloser. Nachts träumte sie jetzt viel von ihm, da war er ganz, ganz anders, so wie er früher war, oder war er früher nicht so, hatte sie sich das nur eingebildet? — In die Konditorei gingen sie schon lange nicht mehr; das Wort hatte einen wehen Klang für sie bekommen, sie vermied es; sie wußte auch, daß Pitt sie selbst vermied; aber sie konnte nicht anders: wenn sie ihn in der Ferne sah, lief sie hinter ihm her, bis sie ihn eingeholt hatte.

Sie gab ihm einen „Freundschaftsring“; den hatte sie von dem ersparten Geld, das nun nicht mehr in die Konditorei wanderte, gekauft, ein armes silbernes Ding mit einem Vergißmeinnicht darin. Sie mußte irgend etwas für ihn tun, etwas für ihn opfern. Er wollte ihn erst nicht nehmen. Sie beteuerte nochmals, es sei ja nur ein „Freundschaftsring“, und wenn er ihn nicht immer trüge, wäre es aus zwischen ihnen. — Aus zwischen uns! wiederholte er, das klingt so, als ob irgend etwas „zwischen uns“ wäre! Ich sehe nichts, absolut nichts! — Es ist ja auch gar nichts zwischen uns, erklärte sie in ihrer Angst, aber du mußt ihn trotzdem tragen, ich schenke ihn dir doch nur so! O Gott, du quälst mich so, Pitt, du quälst mich so! —

Pitts Gedanken liefen zurück in vergangene Zeiten, und eine gespenstische Stimmung kam über ihn. Diese Worte hatte er schon einmal gehört, es war, als ob das Leben sich schattenhaft wiederhole. —

Er mußte ein Ende machen. Ich verreise morgen! — Für wie lange? — Das weiß ich noch nicht. — Er hatte die Absicht, ihr nach einigen Tagen zu schreiben, daß es das beste wäre, sie sähen sich nicht wieder. Sie sagte ihm gefaßt adieu, und wie sie so schlicht und zurückhaltend vor ihm stand, und doch so voll von Liebe, nahm er sie ein letztes Mal in seine Arme. Er fühlte, daß es jetzt keines Wortes mehr bedürfe, um sie sich ganz zu eigen zu machen, er fühlte, wenn er sie länger halten würde, ein Wanken seiner Festigkeit, und er machte sich los von ihr. Sie ging getröstet und dachte: Alles wird noch gut! — Wohin er wohl reisen würde? Sie war doch eigentlich sehr neugierig. Am nächsten Tage bezwang sie sich noch; aber am übernächsten fragte sie Fox danach. Sie habe gehört, erklärte sie, von einer Freundin, die einen Bruder habe, dessen Freund mit Pitt zusammen studiere, daß er verreist sei. Wohin er wohl gereist sei? — Fox sah sie mit runden Augen verständnislos an; dann sagte er, der Bruder von der Freundin wisse mehr als er selber; er sei Pitt noch heute morgen auf dem Gang in der Universität begegnet. Wenn er das nicht selbst gewesen wäre, müsse es wohl sein Geist gewesen sein. — Waren die Beziehungen zwischen Lotte und Pitt immer noch nicht aus? —

Am selben Abend ging sie in Pitts Wohnung. Fast unvermittelt stand sie in seiner Tür. — Du bist noch da? fragte sie erstaunt. Schon wieder! log er mit schneller Geistesgegenwart. Sie wollte sich gerade darüber freuen, als ihr plötzlich alles, sie wußte selbst nicht wie, klar wurde. Sie war mehr gekränkt als empört. Als ob ich ein kleines Mädchen wäre! rief sie. Wenn du mich einmal ein paar Tage nicht sehen magst, so kannst du mir das doch ruhig sagen! Ich bin doch vernünftig genug, das zu verstehen! Aber so eine Komödie zu machen, dazu sind wir doch beide zu erwachsen! — Du hast recht, sagte Pitt, der sich über sich selber ärgerte, aber ich fand es zu grausam dir die Wahrheit geradezu ins Gesicht zu sagen! — Welche Wahrheit denn? fragte sie, indem ihr das Blut zu Herzen lief. — Mein Gott — daß ich dich nicht liebe. — Sie beherrschte sich mit Mühe. Aber ich liebe dich doch auch nicht — gar nicht, wir mögen uns doch nur sehr gern! Deshalb braucht man doch nicht gleich wegzureisen — oder vielmehr nicht wegzureisen — der Faden ihrer Gedanken schwand ihr einen Augenblick spurlos, bis sie ihn wieder hatte. Also du willst mich die nächste Zeit nicht sehen? — Doch. — Im nächsten Moment ärgerte er sich wieder über sich selbst. — Morgen? — Pitt seufzte. Wie oft hatte er das nun schon gehört, dieses kleine, halb hingeworfene Wort mit dem unsichtbaren Haken daran. Sie sah seine Miene und sagte schnell: Also ich sehe doch, daß du morgen nicht möchtest, weshalb sagst du denn nicht einfach: übermorgen! Ich bin doch keine Klette! —

Ich muß den Verkehr mit ihr abbrechen; dachte er, als er allein war. Wie alles jetzt ist, ist es würdelos; ich quäle sie, dieser Verkehr ist eine ewige Hin- und Herzerrerei. Wenn ich es ihr sage, tut es keine Wirkung, weder auf sie noch auf mich; sie schlingt dann ihre Arme wieder um mich, und in dem Moment, wo ich sie so dicht an meinem Körper fühle, verwirren sich mir die Gedanken und alles, was ich klar und sicher weiß, erscheint wie Unsinn; ich muß ihr alles schreiben, und zwar muß ich lügen und hart mit ihr sein, sonst ist alles was ich schreibe umsonst.

Als sie sich wiedersahen, überreichte er ihr einen Brief; sie möge ihn zu Hause lesen. Sein Inhalt war kurz und klar. In der Hauptsache sagte er ihr nur, sie habe sich von Anfang an getäuscht in ihm und er wünsche den Verkehr mit ihr abzubrechen. — Darauf war sie nicht gefaßt gewesen. Einen ganzen Tag lang weinte sie; Frau Bornemann versuchte sie zu trösten: Es werde schon alles noch gut; sie sei doch fleißig, das könne jeder mal passieren, daß sie im Französischen eine schlechte Note bekomme, sie solle den Kopf nicht hängen lassen, sondern ihn oben behalten wie der Vogel Kakadu. —

Auf den Gedanken, Pitt zu antworten, kam sie gar nicht; alles war nun aus, einfach aus. Die nächsten Tage vergingen schwer, sie konnte sich nicht daran gewöhnen, daß nun alles vorbei war. Oft stand sie abends unten auf der Straße und sah zu seinem erleuchteten Fenster hinauf, und dann verzog sich ihre Miene wie bei einem Kinde und ihre Tränen begannen wieder bitterlich zu fließen. Sein Stundenplan auf ihrem Herzen behielt noch eine Art selbständigen Lebens, das langsam verzuckte: Bald war sie hier, bald da, um Pitt zu sehen, doch vermied sie es auf das ängstlichste, daß er sie zu Gesicht bekam. Dann wollte sie ihn vergessen; aber sie konnte es nicht ändern, daß ihre nächtlichen Bilder sich weiter mit ihm beschäftigten; endlich wurden diese Bilder unpersönlicher, allgemeiner, und eines Nachts war sie sehr erstaunt, als sie, aus ihrem Traum erwachend, mit ausgebreiteten Armen in die Höhe fuhr und undeutlich einen Menschen vor sich sah, der mit Pitt auch nicht die geringste Ähnlichkeit mehr hatte. Wenn ich nur wüßte, wer es gewesen ist! dachte sie und nahm sich vor, im nächsten Traume ganz genau aufzupassen.

Eines Tages schrieb Pitt an Fox, er möge ihn abends besuchen, und zwar ohne Mantel und Schirm. Er hatte die Absicht, ihm jene von Frau Bornemann geliehenen Stücke um- und anzuhängen und ihn damit zu ihr zurückzuschicken. Fox sah in jenem Ansinnen nur eine der bekannten verrückten Marotten seines Bruders, und nahm aus Opposition außer dem Mantel auch noch einen Schirm mit, obgleich der klarste Sternenhimmel war. Verständigt von dem Plane seines Bruders, weigerte er sich mit Entschiedenheit, die Sachen zurückzutragen; er könne sie durch einen Dienstmann schicken, den er ihm gern bezahlen wolle, wenn Pitt kein Geld habe. Und überhaupt: Fox spitzte plötzlich seinen Geist und sah Pitt mit fragenden und großen Augen an: Weshalb willst du denn die Sachen nicht selbst hinbringen? — Pitt antwortete nicht, sondern sah nur gleichmütig in die Lampe. — Aha! dahinter steckt was! Ihr seid also endlich auseinander, was? — Du kannst es so nennen, wenn du willst; sagte Pitt. Ich würde es nicht so nennen, denn wir waren ja nie zusammen. — Na na, sagte Fox und lachte ungläubig und überlegen, mir brauchst du das nicht aufzubinden. Gut — fügte er nach einer Pause hinzu, gut, daß du dich besonnen hast, wenn es auch ein bißchen lange gedauert hat; wirklich, ich habe es von Anfang an nicht schön gefunden, ich habe es dir ja auch damals voll und ganz gesagt. Übrigens, du kannst vollkommen ruhig sein, ich schwatze nicht darüber, ich meine: die zu Hause brauchen nie was davon zu erfahren, dafür sind wir doch Brüder, was? Brüder sollen doch immer zusammenhalten, wie? Und seine „wie“ und „was“ rissen sich so schneidig von seinen Lippen, daß Pitt fragte: Bist du die letzte Zeit viel mit Offizieren zusammen gewesen? — Allerdings! sagte Fox mit einem unklaren Bedauern, daß dies wirklich der Wahrheit entsprach, und das dem noch unklareren Gefühl entsprang, man hätte aus dieser imponierenden Tatsache irgendwie zwei machen können, neben der ersten noch eine erfundene, denn die erfundenen imponierten ihm selbst noch mehr als die wirklichen. Weshalb frägst du denn das? — Da Pitt die Frage zu überhören schien, verbreitete er sich wieder über den ersten Gegenstand: Nun wisse er auch, weswegen Lotte die letzten Tage so verweinte Augen gehabt habe. Hm hm, also so stehen die Tatsachen! setzte er nachdenklich hinzu. Na — leb wohl und mach solche Dummheiten nicht wieder. Menschlich ist schließlich jeder mal, aber dafür gibt es dann auch Einrichtungen, die der Staat selbst sanktioniert hat. — Übrigens, setzte er nach einem Nachdenken abermals hinzu, ich könnte die Sachen doch am Ende mitnehmen, dann brauchst du nicht noch erst einen Brief zu schreiben; pack sie mir mal gehörig ein, schließlich: Bei Nacht sind alle Katzen grau. — Pitt tat es und Fox entfernte sich mit dem Paket.

Er gab es Lotte persönlich in die Hände. Als sie die alten Sachen wiedersah, die ihr durch Pitt so gewohnt geworden waren, hielt sie mit Mühe die Tränen zurück. — Armes Kind! sagte Fox und sah sie bieder an. Da war es um ihre Fassung geschehen; ihre Tränen liefen ungehindert, sie wurden zum Schluchzen, als Fox väterlich und sanft den Arm um ihre Schulter legte. — Armes Kind! sagte er wiederum. Jaja, jaja!

In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt: Abgeklärtes Überschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern menschlicher Schwächen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine stille Resignation. — Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie muß von selber dazu kommen. — Wozu denn? fragte sie verwirrt und ängstlich. — — Na, um zu erkennen, daß das doch nichts war. Ich weiß doch, daß mein Bruder von einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch genügend! Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen wie von selbst. — Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und dann fiel ihr ein, daß es ja sein Bruder war, der sie so hielt und tröstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er, und unwillkürlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich ein, er sei es selbst. — Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Tränen von neuem fließen ließen. — Sie muß sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die er genoß. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause setzte er hinzu: jaja, jaja! — Ganz in Gedanken zählte sie diese vielen Jas, und plötzlich mußte sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. — Nanu? sagte Fox, was lachen Sie denn! — O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie ich Sie einmal borniert genannt habe. — — Aber liebes Kind, Sie sind doch wirklich recht kindisch! Ich tröste Sie hier — — Ich weiß ja, ich weiß ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fühle ja, daß Sie es wirklich gut mit mir meinen, und daß Sie ein viel besseres Herz haben als Ihr Bruder! — Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrücklich, nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so gutherzig und ehrlich an, daß sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein einziges Mal so angesehen hätte!

Fox drückte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine Zeitlang, Fox drückte heftiger, wenngleich noch väterlich. — Ich muß jetzt gehen, zu Großmutter, sie wird sonst mißtrauisch! sagte Lotte endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor, halb abwehrend und halb wehrlos. —

Als sie draußen waren, dachte Fox über alles nach: Wie standen denn nun die Dinge? Jetzt gehörte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel, — das heißt: das hing immer noch von ihm ab. Sollte er oder sollte er nicht? Ein wenig dämpfte sein Selbstgefühl die Überlegung, daß er im besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein könne. Aber immerhin: Er würde sich niemals Vorwürfe zu machen haben: Wenn er sich jetzt mit ihr einließ, so blieb die Schuld der ersten Verführung immer auf seinem Bruder haften. Außerdem: Wenn er sie jetzt nicht nahm, so nahm sie einen andern! Ein Mädchen, das von seinem Liebhaber verlassen wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm unumstößlich; und irgend einem Menschen in die Hände zu fallen — dazu war diese Lotte denn doch zu gut! Wer weiß was für schlimme Erfahrungen er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf Gott weiß wen losgehen würde! Er hatte geradezu die Pflicht, sie zu übernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt gegenüber war sie in diesen gefährlichen Zustand gekommen! Pitt war eigentlich ein Schafskopf, daß er dies famose Mädchen so ohne weiteres aufgab; das heißt, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beimaß. Aber die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er übersehen: Die einmal erregte Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt nachkommen! —

Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit widerstandslos geworden, sie glaubte Fox tötlich zu beleidigen, roh und undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen ließ, und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die Liebe gar nicht kannte und „schnöde mit ihr gespielt habe“. — Und das, worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox mit einer Leichtigkeit, über die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne die geringste Vorstellung ließ sie sich von ihm leiten, wohin er wollte. Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, daß Fox verblüfft, verdutzt war, daß er sich dies nicht zusammenreimen konnte mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, daß sie nichts, gar nichts wisse, daß sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch gestanden haben konnte, daß sie ein reines, unberührtes Kind war. — Ach du großer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewußt — wenn ich das gewußt hätte — — aber sie flüsterte: Sage doch jetzt so etwas nicht — und bedeckte die Augen mit beiden Händen.

Diese Entdeckung ließ ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall gekommen, den er seinem Bruder irrtümlicherweise vorwarf, aber hierüber half ihm die Erwägung hinweg, daß — wie er sich schon vorher sagte — ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im übrigen kam er sich nun seinem Bruder vollkommen überlegen vor, ja triumphierend über ihn. Daß er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmähte — diese Vorstellung lag vollkommen außer seinem Gesichtskreise; er hielt sich nur an die Tatsache, daß er dieses Mädchen hatte und daß Pitt es nicht gehabt habe.