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Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman cover

Pitt und Fox, die Liebeswege der Brüder Sintrup: Roman

Chapter 6: Fünftes Kapitel.
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About This Book

Two brothers are portrayed in close contrast: one extroverted, theatrical, and self-mythologizing, often favored by the household; the other withdrawn, ironic, and prone to imitation, retreating into observation and private rituals. Their small-town family life, school and amateur theatricals provide recurring scenes of rivalry, parental partiality, and performance as identity. Through episodes of boasting, quiet record-keeping, shifting rooms, and mimicry, the narrative considers how pride, insecurity, and habit shape personal relations and the siblings' differing approaches to love, social standing, and selfhood.

Lotte überstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne große Erschütterungen. Sie wunderte sich nur, daß alles so schön sei und gar nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es ihr früher hatten erscheinen lassen. — Wußtest du denn wirklich nichts, gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schüttelte den Kopf: Großmutter hat mir nur einmal den Faust erzählt. — Kennt denn den deine Großmutter? — Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie weiß was drin vorkommt. Und dann sprach sie immer so, daß ich Angst bekam, von Höllenpfuhl und Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen betrunkenen Esel mit hölzernen Beinen, ich weiß selber nicht warum. —

Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrängte diese Gedanken, aus Pflichtgefühl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewußt hat?! — Sie wurde nun wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. — Da bin ich mit Pitt auch immer gewesen! gab sie als Erklärung an. Aber darauf ließ er sich nicht ein. Das wäre außerdem wie eine Nachahmung gewesen! —

Nur mit Großmutter zusammen unternehmen wir etwas! — Und Großmutter ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie hätte nie gedacht, daß sie noch zu einem solchen Glücke kommen würde. Manchmal meinte sie, es würde doch ein bißchen teuer, aber Fox sagte, darüber brauche sie sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater käme es nicht drauf an monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere überhaupt kein Wort darüber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, — worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaßten mit dem Kopf zu nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe hat zu kaufen, der muß auf bloßen Socken laufen. —

Frau Bornemann merkte von der neuen Veränderung nicht das geringste. In ihrer Gegenwart nahm sich Lotte sehr zusammen, und Fox kostete es keine besondere Mühe, sich zusammen zu nehmen, da sein Benehmen gegen Lotte, auch wenn sie allein waren, keine große Zärtlichkeit verriet, wenngleich es immer wohlwollend und freundschaftlich blieb. Zuweilen, wenn sie alle drei in der guten Stube saßen und Frau Bornemann einmal aufstand um ihre Brille zu holen, oder eine Näharbeit, spitzte Lotte die Lippen zu ihm herüber, oder sie erwischte auch seine Hand und drückte einen schnellen Kuß darauf, war dann aber gar nicht böse, wenn ihr sein Handrücken etwas derbe gegen die Lippen schlug, während sie ein schulmeisterlicher Blick aus seinen Augen traf und sein Körper götzenhaft und unbeweglich blieb. Fox hatte soviel Selbsterziehung!

So lebten sie wochenlang zusammen, und dies Zusammenleben erhielt durch Fox eine Regel, einen Modus. Er setzte Lotte, die das nicht begriff und dumm fand, auseinander, daß das Leben solcher Regeln bedürfe, daß sie beide ihre Arbeiten viel besser erledigten, wenn sie ihr gemeinsames Wochenprogramm hätten, das ein für allemal feststände und nach dem sich jeder richte; für ihn selbst sei dies nicht einmal so wichtig, für sie jedoch geradezu unentbehrlich. Sie sei eine haltlose Natur, die Regel und Einteilung nötig habe. — Ihr kam das so ledern und ausgedacht vor, aber in der Folge fand sie wirklich, daß er recht habe. Sie erledigte ihre Tagesgeschäfte nun mit viel mehr Ruhe, ja, die Lust zur Arbeit kehrte ihr zurück. Sie konnte wieder länger still sitzen, sie sprang nicht mehr plötzlich von ihren Büchern auf, ohne zu wissen warum, so wie früher, als sie noch mit Pitt zusammen war. —

Sie fragte Fox zuweilen nach seinen Zukunftsplänen. Er ließ bedeutende Hintergründe vor ihr aufsteigen, setzte ihr auseinander, daß theoretisch nichts im Wege stände, daß er einmal Minister werde — er entwickelte ihr die Stufenleiter ganz einfach und plausibel — und dann schwieg sie andachtsvoll und drückte nur ganz leise seine Hand, indem sie das Gold der Zukunft auch über sich selbst dahinrauschen fühlte. Aber niemals sprach sie ein Wort darüber aus; das wäre ihr fast taktlos und roh erschienen; es war ja selbstverständlich, daß sie sein Glück teilte, daß er sie später heiratete. Freilich dauerte das lange, aber sie konnten ja warten, und bis dahin war und blieb sie Lehrerin. Der Gedanke erschien ihr gar nicht mehr so schlimm wie früher, im Gegenteil, sie wollte recht fest arbeiten, um später nicht eine dumme Frau zu sein, sondern eine, die sich, wenn auch bescheiden, an seiner Seite sehen lassen dürfte. Er bestärkte sie in ihren Plänen, den Beruf betreffend, und sagte, es sei für sie dringend notwendig, daß sie etwas Festes habe, woran sie sich halten könne; ein gebildetes Mädchen mit einem Beruf sei in der Welt viel angesehener als eines, das nur gelernt habe zu kochen und Strümpfe zu stopfen: Näh mir doch mal einen Schlips! — Sie war glücklich etwas für ihn tun zu können, suchte mit ihm zusammen den Stoff aus, nähte ihn so schön und kunstvoll wie sie vermochte, und eines Tages konnte Fox im Kreise seiner Bekannten erklären: Hat mir meine Kleine gemacht! — So hatte er einmal einen jungen Architekten reden hören, was ihm großen Eindruck machte.

Fox war mit seinem Leben sehr zufrieden. Die staatlichen Einrichtungen, von denen er früher zu Pitt gesprochen, hatte er selber geprüft, aber jetzt fand er doch, daß dabei, wie er es ausdrückte, die Seele eigentlich nicht auf ihre Rechnung gekommen wäre. Und doch machte er sich zuweilen Sorge um die Zukunft, da er sehr wohl fühlte, wie stark Lotte auf ihn baute. Sollte er diese Gefühle immer fester werden lassen? War es nicht seine Pflicht, Lotte allmählich auf sich selbst zu stellen, nachdem er sie für ihren Beruf gefestigt und gestärkt hatte?

Lotte ahnte von diesen Gedanken nicht das geringste; ihre Liebe machte kleine Enttäuschungen durch, ihre starke Gläubigkeit ließ sie alle überwinden. Manchmal störte Fox das Wochenprogramm, überging die Festtage, kam gar nicht heim, ließ sie vergeblich warten. Auch entdeckte sie eines Tages in seinem Schreibtisch die Kabinettphotographie einer feurigen, junonischen Dame, und mit blauer Tinte und etwas zügelloser Schrift standen die Worte darunter: Ihrem Fox, Adelaide. Diese Photographie hatte er früher einmal, als er Lotte noch nicht so nah kannte, selbst gekauft und die Worte eigenhändig, mit verstellter Handschrift, darunter geschrieben; er hielt sie verschlossen und hatte sie nur aufgestellt wenn Freunde kamen, und damit erreicht was er wollte: Denn bald war es herumgekommen, daß er eine pompöse Geliebte besitze. — Lotte beunruhigte es sehr als sie sie erblickte. Als er heimkam, fragte sie ihn sogleich, ob er die Dame einmal geliebt habe: Neinnein, kein Bein, neinnein, kein Bein! sagte Fox; gewünscht hätte sie es wohl, aber ich habe nicht gewollt — einfach nicht gewollt! — Lotte war nun noch viel glücklicher, daß er ihr gehöre; sie mußte doch wohl etwas wert sein, denn diese Dame war doch so wunderschön, und so stolz! — Schreibt sie dir noch manchmal? — Alles verbeten! — Zeig mir doch mal einen Brief von ihr! — Alles verbrannt! — Sie fand das schade. — Aber weshalb hast du sie denn noch immer in deinem Schreibtisch? fragte sie, da sie das Bild doch gern entfernt hätte. — Du hast eigentlich recht! meinte er nach einem kurzen Nachdenken; wenn du willst, kannst du sie kriegen, mir liegt absolut nichts an ihr, absolut nichts; da!! — Lotte nahm sie mit vielem Dank und stellte sie auf ihren eigenen kleinen Arbeitstisch. Aber die Worte: „Ihrem Fox“ radierte sie aus, und ließ nur „Adelaide“ stehen.

Fox gewann es auf die Dauer nicht über sich, Pitt gegenüber sein Verhältnis zu Lotte zu verschweigen.

Ja, sagte er einmal zu ihm, indem er nachdenklich die Asche seiner Zigarre abstreifte, man kommt manchmal zu Dingen, ohne zu wissen wie. Diese Lotte! Du hast sie ja damals nicht haben können, — ich dachte früher, die Dinge lägen ganz anders; ich hätte mir meine Rede sparen können. Jetzt sehe ich ja, daß ich mich getäuscht hatte: ich wußte nicht, daß sie mich eigentlich liebte und dich deshalb zurückwies, bis sie mir dann so was Ähnliches gesagt hat — na, und da war es schon zu spät; ich konnte nicht mehr zurück ohne sie tötlich zu verletzen, — ohne sie direkt tötlich zu verletzen. Ich mag sie übrigens sehr gern; kann absolut nicht klagen. —

Pitt hatte eine ähnliche Wendung der Dinge schon seit langem geahnt, jetzt lief ihm aber doch das Blut zu Herzen. Unbeweglich hörte er zu und faßte den eigentlichen Sinn von Foxens näheren Erörterungen erst allmählich; dann sah er ihn nachdenklich an. Diese Drehung der Tatsachen erstaunte ihn. Möglich, daß Lotte sie nachträglich so entstellt hatte, das war nur menschlich, obgleich es ihm zu ihrem Wesen nicht zu passen schien; in diesem Falle hatte er zu schweigen, um sie zu schonen; möglich auch, daß das Ganze nur eine Lügerei von seinem Bruder war, um sich ihm gegenüber in eine höhere Position zu setzen. Dann hatte er ebenfalls zu schweigen, da es sich ja gar nicht der Mühe lohnte, die Wahrheit zu konstatieren, die Fox ebenso bekannt war wie ihm selbst. — Du hältst mich nun wohl für charakterlos und inkonsequent? fragte Fox. — O nein, ich finde du hast ganz recht, ich hätte es wahrscheinlich ebenso gemacht wie du. — Wenn du gekonnt hättest!! sagte Fox, und in dieser Antwort genoß er im Extrakt den ganzen Triumph, der ihm zuvor durch Pitts Gleichmut verdünnt worden war. — Auch hierauf antwortete Pitt nichts, obgleich ihm für einen Augenblick ein Wort auf der Zunge zu schweben schien. Die Genugtuung, mit der Fox das letzte sprach, klang so echt, so unangreiflich, daß Pitt unwillkürlich dachte, es sei nun doch nicht anders möglich, als daß Lotte ihm gegenüber die Sache auf eine nicht schöne Weise verdreht habe; aber dieses stimmte so ganz und gar nicht zu Lottes Wesen. — Es blieb ihm nichts anderes übrig als anzunehmen, daß Fox sich in seine Lügerei so sehr hineingeredet habe, daß er sie schließlich selber glaubte und für Wahrheit nahm.

Eine große Niedergeschlagenheit kam die nächsten Tage langsam über Pitt. Die Entfernung hatte ihn allmählich alles vergessen lassen, was ihm an Lotte langweilig und irritierend war, nur das Schöne, Liebenswerte war in seiner Erinnerung geblieben, und hatte sich, abgesondert von allem andern, verstärkt in seiner Vorstellung. Daß er sich gewaltsam von ihr loslöste, kam ihm sinnlos, ja wahnsinnig vor, er begriff sich nicht, wie er mit vollem Vorsatz und Bewußtsein etwas von sich schleudern konnte, das ihn mit Glück und Wärme füllte; — so stellte sich jetzt die Erinnerung in ihm dar; alles Korrigieren dieses Gefühles mit dem Verstande half nichts dagegen. Nun war es zu spät! Und doch wieder fühlte er deutlich, daß, wenn alles ungeschehen wäre, er immer wieder so handeln würde wie er gehandelt hatte. Dieser Zwiespalt seines Gefühles machte ihn ruhelos, selbstquälerische Gedanken stiegen in ihm auf, er wußte nicht mehr, was er von sich selber denken sollte.

Das Semester neigte seinem Ende zu. Sollte er später wiederkommen, zusehen, wie Lotte mit Fox glücklich war? Eine starke Abneigung erfaßte ihn gegen diese ganze Stadt, er mußte Lotte ein für allemal aufgeben, er wollte sie nie, nie wieder sehen, sich auch jede Möglichkeit eines Wiedersehens abschneiden. Er hatte eine unklare Vorstellung, daß sich in jeder Stadt das wiederholen werde, was er an Elfriede und Lotte erlebt hatte. Er hatte Angst davor. — Aber war denn zwischen ihm und Elfriede wirklich alles aus? Konnte nicht, wenn er sie wieder sah, alles anders und schöner werden als es früher war? Würde er sie jetzt nicht mit ganz neuen Augen ansehen? — Es fiel ihm die Familie van Loo ein, und daß er sich hier in ganz abenteuerliche Gedanken verirrte. Aber er konnte sich Elfriede ja auch fern halten — und nur, wenn er sie zufällig einmal sah — — hiermit öffnete er seinen versperrten, drängenden Gedanken wieder ein Hinterpförtchen. — Was nützt nun alle Logik und alle Philosophie, dachte er; vor den einfachsten Dingen im Leben hält sie nicht stand; ich will etwas und will es nicht, und dann tue ich etwas, das nur Sinn hat wenn ich es will. —

Lotte wurde allmählich traurig. Sie sollte sich nun für ein paar Monate von Fox trennen; er versprach ihr, für die Zeit der Trennung, oft zu schreiben; daß er wiederkam war ausgemacht, und eigentlich selbstverständlich. Zufällig erfuhr er von Pitts Plan, an seinen ersten Studienort zurückzukehren. Er fragte nur: So? machte aber ein sehr nachdenkliches Gesicht. —

Also leben Sie wohl! sagte die kleine Frau Bornemann, indem sie Fox, der im steifen Hut und mit roten Glacéhandschuhen im Vorplatz stand und den Dienstmann anwies, die Koffer in den Wagen zu bringen, beide Hände drückte: Also leben Sie wohl, und nochmals Dank für alles was Sie an uns getan haben, falls ich Sie nicht wiedersehen sollte! Das Leben ist wie ein Fidibus, wie mein Mann-selig sagte, eigentlich weiß ich nicht recht, was er damit gemeint hat, aber ich sage es nun auch manchmal, um sein Andenken zu ehren. — Aber Großmutter! rief Lotte, Herr Sintrup kommt doch wieder, das ist doch ganz sicher, das ist doch ganz bestimmt!! — Und sie sah Fox halb zuversichtlich, halb beschwörend an. Er bewegte, beschwichtigend die Augen schließend, seinen Kopf zu einer nachdrücklichen Bejahung auf und nieder und reichte beiden Damen noch einmal die Hand. Lotte sah ihm fragend in die Augen: Hier durften sie sich nicht küssen, das sah sie ein; aber wo sonst? meinte er, im Treppenhaus? — Ich begleite Sie hinunter! rief sie, aber Frau Bornemann hielt sie zurück: Kind, sagte sie leise, man muß den Menschen auch nicht den Schein zu einem Vorwurf bieten!

Fox schritt schon abwärts; sie wollte sich losreißen, aber Frau Bornemann hielt sie an der Schürze fest: Ich sage dir du bleibst! Sie gab ihrer dünnen Stimme soviel Kraft als nötig war, und setzte hinzu: Du Jungfer Unverstand und Übergescheit! — Und grüßen Sie auch Ihren Herrn Bruder! rief Lotte, halb verzweifelt. — Jawohl, wird besorgt! tönte Foxens Stimme von unten. — Ich will ihm wenigstens nachsehen! rief Lotte, und Frau Bornemann konnte es nicht verhindern, daß sie zum Fenster lief. Aber bedächtig eilte sie hinterdrein, um ebenfalls mit hinabzusehen: Die Großmutter neben der Enkelin. — Foxens rote Handschuhe bewegten sich grüßend und winkend im Gelenk. Und nicht einmal geküßt hatten sie sich zum Abschied!

Fünftes Kapitel.

Ich hatte mir doch immer gedacht, Sie würden wiederkommen! sagte Herr Könnecke; ein bißchen anders ist es ja nun geworden, meine Cousine hat einiges umgestellt — denn sie hat inzwischen natürlich drin gewohnt! — Er entfernte unauffällig eine kleine Haarwolke vom Waschtisch.

Pitt hatte von vornherein nicht die Absicht gehabt wieder bei Fräulein Nippe zu wohnen, der Anblick der Haarwolke bestärkte ihn in seinem Vorsatz und er fragte: Wo ist denn mein großer Koffer? — Hier! sagte Herr Könnecke und deutete auf das „Angßangbel“, da steht er drunter! Und er sah Pitt verblüfft an, als der sagte, er lasse ihn im Lauf des Tages abholen, denn er wohne wo anders. Och nein! meinte er enttäuscht, fügte aber nichts hinzu, da es nicht seine Sache war, sich den Menschen aufzudrängen. Pitt ließ ihn grübelnd zurück, was wohl der Anlaß sein könne, daß er nicht wiederkommen wolle. Zum Schluß sagte er noch, er wolle ihm seinen Bruder schicken, von dem Herr Könnecke auch einen höheren Preis verlangen könne, denn er habe viel mehr Geld als er selber. Eine Mischung von Herrn Könnecke, Fräulein Nippe und Fox — so dachte er — kann etwas ganz Lustiges ergeben, und empfahl Fox dieses Zimmer mit großer Zungenfertigkeit. — Er hat doch ein gutes Herz! sagte Fräulein Nippe, der Zusammenhang ist doch so einfach! Als er hörte, ich wohnte in dem Zimmer, hat es ihm leid getan mich wieder daraus zu vertreiben, das ist doch sonnenklar! — Mach du nur die Stube recht in Ordnung, denn wenn der Bruder kommt, so darf da nicht wieder so was herumliegen! Herr Könnecke führte sie zu der Haarwolke, die er aufbewahrt hatte, weil er dachte, sie habe sie vielleicht noch nötig. Hat er das gesehen? fragte sie; und wenn auch! Daß das Haar echt ist, hat er dann jedenfalls auch gesehen! So dunkles, dichtes Haar, und die Farbe so kastanienbraun — ich konstatiere nur! Manche Frauen gäben was drum, wenn sie die Farbe hätten! —

Als Fox erschien, war das Zimmer peinlich sauber. Die Hände unter der Brust zusammengelegt, die Knie etwas eingeknickt, stand Fräulein Nippe da und sah verehrend zu ihm hinauf. Dieser stattliche junge Mann! Diese regelmäßig-blühende Figur, dieser volle rosige Hals, und die Backen lachten vor Wohlergehen! — Kostet? — Diese Präzision, diese fast militärische Einfachheit! Sie nannte den Preis. — Bon! — Mieten wir? fragte sie, kurz, aufmunternd, burschikos. — Abgemacht. — Träbong. — Bien! verbesserte er, worauf sie militärisch grüßend die Hand an die Schläfe führte. Sie verstand es schon mit jungen Leuten umzugehen! — Mein Bruder ist ein Schafskopf. — Sie erwartete, daß noch etwas folgen werde, aber er war fertig; sie lächelte taktvoll-allgemein. Fox verschwand wieder, im Lauf des Nachmittags kamen seine Koffer, und, wie früher Lotte, weidete sich nun Fräulein Nippe an dem schönen Leder. Am nächsten Tage, als er ausgegangen war, durchstöberte sie sein Zimmer, um den neuen Herrn „etwas näher kennen zu lernen“. Gleich der Kasten zur Nagelpflege zog ihre Aufmerksamkeit an. Bis in die Fingerspitzen hinein soignierte sich dieser junge Mann! Auf dem Waschtisch standen geschliffene Flakons mit wohlriechenden Essenzen, kleine Etuis mit verschieden geformten Bürstchen, Büchschen mit Pomade und Pasten. Sie roch an allem, befühlte die Stärke seiner Zahnbürste und polierte sich endlich versuchsweise einen Nagel. Aber hatte er denn nichts anderes im Zimmer, das sie wirklich „interessierte“? Die Laden waren sämtlich verschlossen, aber halt! da lag was, ein Taschenbuch, das mußte er vergessen haben. — Es war doch vorsichtiger, vorher die Korridortür abzuriegeln. — Der tausend! Was für noble Bekanntschaften! Lauter Barone und Adlige! Weiter: Eine unbenützte Rennkarte; ein kleines Notizbuch. Das mußte interessant sein! Überschrift: Eindrücke aus Bilderausstellungen. Was aber darin stand, konnte sie beim besten Willen nicht entziffern. Es hatte wohl Ähnlichkeit mit Buchstaben und Worten, aber nur eine ganz entfernte; so etwa wie man sich denkt, daß Schauspieler auf der Bühne schreiben, wenn es das Stück erfordert. Was mochte das wohl bedeuten? Achtungsvoll schob sie das Büchlein wieder an seinen Platz. Da, endlich! Ein Brief! Sie merkte sich genau die Art, wie er zwischen die übrigen Sachen hineingesteckt war, dann nahm sie ihn heraus: Geliebter Fox! Das Schicksal hat uns für einige Zeit getrennt .... o das war ja interessant, das übertraf alle ihre Erwartungen! Gleich sah sie nach der Unterschrift: Deine treue Lotte. Und ein Herzchen war dahinter gemalt, etwas schief, mit Tinte. Darin stand ein Monogramm aus L und F. Trennung und Wiedersehen, Wiedersehen und Trennung wiederholten sich durch alle vier Seiten hindurch. Und am Schluß hieß es: Nun habe ich dir so furchtbar viel geschrieben, daß es inzwischen Nacht geworden ist. Dann kam noch einmal der Trost, daß sie ihn ja nun bald wiedersehen werde, wenn er in das Semester zurückkehre. — Fräulein Nippe sah nach dem Wohnort. — Ob die wohl inzwischen erfahren hatte, daß Fox wo anders hingegangen war? Und weshalb war er wohl nicht zurückgegangen? —

Ich verstehe absolut nicht, sagte Fox zu Pitt, weswegen du nicht wieder in die Wohnung wolltest; anfangs dachte ich: Sie hat einen Haken, den mir mein lieber Bruder verschweigt; aber bis jetzt habe ich keinen gefunden. Die Wohnung ist tadellos, das Ameublement direkt so, daß es bei uns zu Hause im Salon stehen könnte! Und die Leute sind doch wirklich reizend! Dieses Fräulein Nippe hat ein Benehmen, das man geradezu als kavaliermäßig bezeichnen muß! Schön ist sie nicht, das gebe ich zu, aber da ist auch kein Wort zu viel an dem, was sie sagt, jedes sitzt bei der am rechten Fleck. Und dann hat sie überall einen direkt weiten Standpunkt! Vor meinen Augen hat sie die Waschschüssel, weil eine Stelle abgestoßen war, aus dem Fenster in den Hof geworfen, und als ich meinte, das könne ihr doch Unannehmlichkeiten bringen, sagte sie, die Menschen führten ein solches Philisterleben, daß ihnen ein kleiner Krach und Schreck ganz heilsam in die Glieder fahren würde. Ich finde da alles mögliche, so eine Urwüchsigkeit und Frische, und so ein sorgloses Umspringen mit dem Gelde, — denn gut geht’s der Person nicht, das merkt man. Und dann diese heitere Ruhe unter ihrer äußern Lebhaftigkeit! Da sieht man wieder: Das Leben selbst ist die beste Erziehung für die Menschen, — wenn nämlich die Menschen sich vom Leben erziehen lassen! Der Könnecke allerdings gefällt mir weniger, der hat ein bißchen was Vulgäres, aber alles in allem: Man muß ihn gelten lassen, wenn man sich einmal auf das Niveau dieser Sorte Menschen stellt! —

Seinem Plan gemäß warf Fox sich dies Semester auf die Schauspielkunst. Er wollte Stunden nehmen, und bereitete sich autodidaktisch auf sie vor. Eines Morgens dachte Fräulein Nippe, ihr Heim sei der Schauplatz einer jener Tragödien, wie sie sie bisher nur aus dem „Vermischten“ ihres Zeitungsblättchens kannte. Leidenschaftliche Ausrufe, Drohungen wurden da ausgestoßen; helfend, sich selbst preisgebend stürzte sie ins Zimmer, im Geiste schon von einem „schuldlosen Opfer einer entsetzlichen Katastrophe“ in dem „Vermischten“ lesend, aber Fox versicherte ihr höflich, er rezitiere nur.

Nächstes Jahr wird gesungen, sagte Fox zu Pitt; jeder Mensch hat eine Stimme, es kommt lediglich auf die Ausbildung an. Übrigens habe ich da einen niedlichen Aufsatz über das neue Lustspiel geschrieben, das letzte Woche aufgeführt wurde, du darfst ihn mal durchlesen, wenn du willst, ich möchte gerne hören, was du über die Episode denkst, wo ich über das antike Lustspiel rede und es mit dem modernen vergleiche. Ich habe mir da mit Büchern durchhelfen müssen, und möchte gerne wissen, ob man das sehr merkt! Schließlich, wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir ja doch gestehen, daß uns in unserm inneren Gefühl herzlich wenig mit der Antike verbindet, die Gelehrten mögen sagen was sie wollen. Der Tieferblickende kann darüber nicht im Zweifel sein. Wir sind andere Menschen, mit anderm Gefühl, heutzutage. Das gilt nicht nur vom antiken Lustspiel, von der antiken Tragödie, das gilt auch von allen übrigen klassischen Kunstäußerungen. Prüfe doch mal ein jeder, wenn er vor einer griechischen Plastik steht, sein Herz, ob er irgend etwas empfindet, Wirkliches empfindet! Ob er sich nicht vielmehr schöngeistige Phrasen vormacht, und warum vormacht? weil die ganze Welt sie sich vormacht, vor der man sich nicht blamieren möchte! Die Form ist ja da, aber es ist eben auch nichts als Form, das geistige Element fehlt, und ohne das ist für einen modernen Menschen eine Kunst undenkbar; wenn dann diese Form gar noch in eine Formenspielerei ausartet, wie in den späteren Perioden und schließlich im Barockzeitalter, dann geht die Kunst überhaupt in die Binsen! Zurück zur Natur! Das möchte ich allen zurufen, die einem mit ihrem Phrasengeklingel in den Ohren liegen! Von dem was ich eben sagte, findet sich schon eine Andeutung in meinem Aufsatz; der Verstehende wird mehr heraushören als eigentlich drinsteht. Es juckt mich wahrhaftig, das mal in eine klare Form zu bringen! — Pitt bekam nun wieder öfter Aufsätze von ihm zu lesen, und Fox hoffte auf eine allmähliche Verbreitung seiner „im tiefen Sinne“ populären Ideen.

Allmählich hatte er sich nun genügend auf die Schauspielstunden vorbereitet. — Was jetzt noch zu tun ist, sagte er, ist Sache des Lehrers. Satz für Satz habe ich für mich ein ganzes Drama — das hier neulich scheußlich aufgeführt wurde — durchgenommen. — Da ist mir vieles aufgegangen; aber meine Stimme geht nicht so wie ich möchte, die Wirklichkeit bleibt hinter der Intention erschreckend weit zurück, nun heißt es: Technik erwerben, damit die Karre gut in Gang kommt. —

Es gab da einen Herrn von Sander, der wöchentlich einmal eine Annonce im Blatt erscheinen ließ: er habe eine Theaterschule. Diese wählte Fox aus ähnlichen Annoncen heraus, da er sich sagte, der Adel sei eine gewisse Bürgschaft für die Bildung dieses Mannes. Bildung vermißt man gerade unter den Theaterleuten so vielfach! Außerdem war Herr von Sander Mitglied des Schauspielhauses. — Fox suchte ihn auf, zunächst etwas verblüfft über die Erscheinung seines neuen Lehrers: weder Mann noch Frau, in einem unbestimmbaren Alter, mit etwas verwitterter Gesichtshaut, so stand Herr von Sander vor ihm, in seinem knappen, enganschließenden Jäckchen mit Seidenschnüren und Seidenaufschlägen. Fox versicherte ihm sogleich, daß er die Schauspielkunst nicht als Beruf ergreifen wolle, daß er Jurist sei und sich später der Regierungsbeamtenkarriere zuwenden werde. Herr von Sander ließ ihn einen berühmten Monolog vorlesen — das tat er jedesmal, wenn er einen neuen Schüler prüfte — und sagte am Schluß: An Ausdruck fehle es ihm nicht, nur wäre das nicht der Vortrag eines mittelalterlichen Anführers gewesen, sondern etwa eines modernen Leutnants. Aber er werde ihm seine Fehler schon herausbringen. Vor allem müsse seine Stimme geschult werden, damit sie das Knarrende, Schnarrende verliere und Biegsamkeit und Ton bekomme. Dann trug er ihm selbst jenen Monolog vor, in seinem Hausjöppchen und den saffianledernen koketten Schuhen. Mächtig rollten die R’s dahin, der Vortrag wuchs aus einem schlichten Erzählerton empor, bis zur Höhe allvergessender Begeisterung, um schließlich wieder herabzusinken und in einem gemäßigten Feuer zu enden. — Ja, das ist ja alles recht schön, sagte Fox, aber besser als meins war es auch nicht. — Nanu, aber erlauben Sie mal! Herr von Sander sprach wieder in seiner gewohnten Art, als ob er nie vorher anders geredet hätte. — Jawohl! sagte Fox, indem er ihn mit einem seiner umfassendsten Blicke ansah. Es kam darauf an, diesem Manne von Anfang an zu imponieren. — Glauben Sie, fuhr er fort, daß der Kerl damals wirklich so geredet hat? Ich nicht. So redet ein Schauspieler, aber kein Heerführer. — Aber wir sind doch auch Schauspieler! warf Herr von Sander indigniert ein. — Die Schauspielkunst, sagte Fox, soll ein Gemisch sein aus Natur und Kunst; ich gebe zu, daß mein Vortrag nicht gerade gut war; Ihrer war besser; technisch wenigstens; aber mir schwebt ein Kunstideal vor, das zwischen beidem steht. Natur und Kunst, verbunden zu höchster Einheit! Vielleicht können wir beide von einander lernen. Ich habe — also wirklich — ein Naturempfinden, das durch nichts getrübt ist. Lassen Sie es nun zur Kunst werden, ohne meine Eigenart anzutasten. — Der tritt ja gewaltig auf! dachte Herr von Sander, und Talent scheint er auch nicht viel zu haben. Aber immerhin: den verlangten höchsten Preis war Fox sogleich bereit zu bezahlen, und da Herr von Sander am Theater nur eine mittlere Größe war, und der Unterhalt mehrerer Beziehungen sehr viel Geld verschlang, so war er froh, einen neuen Schüler zu bekommen. Außerdem wollte der ja die Sache nur aus Luxus betreiben und keinen Broterwerb daraus machen; so war kein Anlaß da, ihm von der Kunst abzureden — was Herr von Sander sonst vielleicht allerdings auch nicht getan haben würde.

Vor allem erst mal ’ne Perücke auf, und ein Kostüm! sagte Fox zu sich selbst, der nun zu Hause vor dem Spiegel jenen Monolog im Sinne Herrn von Sanders fortwährend probte: Man muß sich selbst Illusionen machen, sonst geht es nicht. Die Perücke kaufte er, das Kostüm nähte ihm Fräulein Nippe aus einem Bettuch. — Ich habe es ganz allgemein im idealen Stil gehalten, sagte sie, indem sie es um seine Schultern hing, nun sehen Sie mal, da ist der Heros fertig, mitten in unserem trivialen, bürgerlichen Leben von heutzutage! — Fox probte von neuem, es ging entschieden schon besser. Aber den größten Schritt des Vorwärtskommens bemerkte er doch erst, als er sich endlich entschloß, das Zungen-R des Herrn von Sander und der Bühne überhaupt anzunehmen; zunächst erschien es ihm affektiert und unnatürlich, er kam sich fast lächerlich vor, aber dann dachte er: Sie machen es ja alle so, und folglich brauche ich mich vor niemand zu genieren. Und als er es dauernd übte, meinte er: was für ein Geheimnis doch oft in den unscheinbarsten Sachen steckt! Dies neue R ist doch wirklich beinah wie ein Zaubermittel! Alles klingt gleich wie in eine ganz andere Sphäre erhoben! Mit dem R hat er doch nicht so unrecht gehabt wie ich dachte. — Herr von Sander war nach den ersten Stunden nicht unzufrieden, Fox ging jetzt daran Rollen zu üben.

Er lernte nun auch Herrn von Sanders Schüler kennen. Da waren zwei junge Damen, die sich bereits jetzt Theaternamen beigelegt hatten, und ein Herr Eichinger, Sohn eines Sattlermeisters, der eigentlich eine Baritonstimme hatte, aber nicht Sänger wurde. Diese „Theaterschule“ hatte Fox sich anders gedacht: Alles spielte sich in dem kleinen Salon ab; wie in einer Menagerie stieg jeder über die Füße des andern hinweg; aber das lag daran, daß sie Anfänger waren; Herr von Sander sagte, auch der kleinste Raum gestatte freieste Entfaltungskraft. Er machte alles vor, setzte die Füße zierlich vor einander und verstand es wirklich, nirgends mit den Knien anzustoßen. Dann zog er sich wieder in seinen Winkel zurück, von wo aus er, das Buch in der Hand, die Übung überwachte. — Mehr Bewegung! Mehr Motion! rief er von seinem Klavierstühlchen aus, Herr Sintrup, Sie stehen da wie ein Stock! Ich bitte Sie: haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben ein Mädel im Arm gehabt? Jetzt zeigen Sie doch mal, ob Sie „Natur“ in sich haben, von der Sie damals redeten! Noch einmal, von Anfang an! — Fox mußte sich wieder links stellen, die Dame rechts. Das rechte Bein vor, Herr Sintrup, nicht das linke! Die Zuschauer sitzen hier wo ich bin; denken Sie doch an die Wirkung! Also: Egon nähert sich ihr leidenschaftlich. Los! — Wenn Sie los sagen, so ist bei mir jede Stimmung vorbei, dann kann ich einfach nicht. — Mensch, wenn Sie Theaterblut haben, so müssen Sie können; auf der Bühne geht’s auch nicht anders; also: en avant, wenn Ihnen das besser paßt! — Fräulein Delorma lachte, nahm aber im selben Augenblick eine flehende Miene an und streckte zagend die Hände gegen Fox vor. — Gut, Mädel, nun du! — Sie! tönte Fox. — Ach was, lassen Sie sich nicht stören, wenn ich mal du sage; nachher nenne ich Sie Herr Graf, wenn Sie wollen. Also, Lilli, noch mal dein Stichwort. — Lilli gab es, Fox tat einen Schritt, Herr von Sander erhob sich, drängte ihn zur Seite und machte alles selbst vor: Wenn Sie sich im Leben so benehmen, lacht Sie doch jeder aus! Denken Sie doch gar nicht an die Bühne! Sie sind ja wie ein Klumpen! — Fox weigerte sich weiter zu spielen, wenn Herr von Sander nicht einen andern Ton anschlüge. Der bat ihn auch öfter nach den Stunden um Entschuldigung, und sagte, wenn er sich manchmal hinreißen ließe, so möge Fox das der Kunst zugute halten und seinem ehrlichen Bestreben, aus seinen Schülern wirklich etwas zu machen. Fox hörte dann knurrend zu, sah Herrn von Sander in sein ausgearbeitetes und doch zugleich wieder schwammiges Gesicht, aus dem sich auch nicht ein einziger Charakterzug herauslesen ließ, und dachte: Diese Theaterleute haben im Grunde doch etwas tief Antipathisches! — Die nächste Stunde befleißigte sich Herr von Sander eines andern Tones, aber dann vergaß er wieder vollkommen, daß Fox Regierungsbeamter werden wollte: Himmel! Mensch! wo bleibt denn Ihre Mimik? Haben Sie eine Maske vor? Lachen Sie mal! — Fox sah ihn mit bösen Augen an. — Haben Sie mich nicht verstanden? ich sagte, Sie sollen lachen! — Fällt mir doch gar nicht ein! — Herr von Sander klappte sein Buch zu: Dann können Sie sich einen andern Lehrer suchen; wenn ich verlange, daß Sie lachen sollen, dann müssen Sie lachen: es steht in der Rolle und ich habe ein Recht zu verlangen, daß Sie tun was in der Rolle steht. Sie denken viel zu sehr an sich selbst; wenn man eine Rolle spielt, muß man vergessen, daß man eigentlich ein anderer ist. Also wollen Sie nun oder nicht? — Ja, aber nur im Zusammenhang! Fräulein Delorma rief ärgerlich, es sei zu dumm, alles immer zu wiederholen, sie wolle vorwärts. — Also gut! sagte Fox mit einem Entschluß, sagte seine letzten Worte noch einmal und ließ ihnen ein ha ha ha folgen, wozu er seine Zähne zeigte. — Besser als gar nichts! meinte Herr von Sander, üben Sie das Lachen zu Hause vor dem Spiegel, wir müssen weiter.

Es geht Ihnen nicht in Fleisch und Blut über! meinte er einmal nach der Stunde; ich weiß auch woran das liegt: Talent haben Sie, das ist außer Frage; aber Sie denken zuviel an die Worte; es fehlt Ihnen der rechte Fluß, Sie stehen nicht über den Worten, Sie bemeistern sie nicht, kurz: Sie lernen zu wenig auswendig! Komisch, daß die Mädels immer besser lernen als die Herren. Ganz gleichgültig, ob Sie die Schauspielerei später als Beruf ergreifen wollen oder nicht, solange Sie wirklich dabei sind, müssen Sie auch mit Ernst arbeiten! Der Ernst fehlt Ihnen vorläufig noch! — Ich kann ja ebensogut auch wieder aufhören! sagte Fox geärgert, wie ein Kind, das schmollt. — Herr von Sander lenkte ein: Fox zahlte gut, er durfte ihn nicht verlieren. — Ich verstehe es ja, daß Sie sich der Sache nicht so ausschließlich widmen können wie die Lilli oder die Lisa oder der Eichinger. Aber ein Mensch mit wirklichen Zielen — die haben Sie ja doch — soll nichts halb tun. Was haben Sie davon, wenn Sie nach einem Jahr Ihr Geld für nichts herausgeworfen haben, und was habe ich davon, wenn ich meine Zeit für nichts an Sie verschwendet habe? — Ich zahle doch! — Gewiß, aber wenn Sie kein Geld hätten und dafür Talent und Energie, würde ich Sie auch gratis ausbilden, so wie die Lilli. — Na na, sagte Fox, da spielt wohl auch noch was andres mit. — Herr von Sander spitzte die Lippen und schlug ihn scherzhaft unter den Rücken. Fox runzelte die Stirn. — Sehn Sie, das nehmen Sie nun wieder übel! Es fehlt Ihnen der rechte Zusammenhang, die Solidarität mit uns! Die Mädels haben schon manchmal geklagt, daß Sie so hochmütig sind. Wir bilden hier doch alle zusammen eine kleine Gemeinschaft! Sie sollten sich nicht so abschließen. Gemeinsames Streben vereinigt doch! Mich wundert schon lange, daß Sie für die Lisa zum Beispiel gar kein Auge zu haben scheinen. Sie müssen doch merken, daß sie Ihnen Avancen macht. — Ich denke die hat den Eichinger? fragte Fox und setzte hinzu: Ich sage das nur ganz objektiv. — Herr von Sander lachte und antwortete: Dem brauchen Sie das ja auch nicht gleich unter die Nase zu halten. Passen Sie mal auf: Ich habe hier eine Photographie von ihr, da können Sie sie besser beurteilen als im Leben! Er holte sie aus seinem Taschenbuch hervor und zeigte sie Fox ganz im geheimen, obgleich niemand weiter zugegen war. Famos! nicht wahr? flüsterte er; diese vollendete Figur! Diese Hüften, dieser Hals und diese Büste! — Die Büste ist immerhin ganz präsentabel! meinte Fox mit nachlässigem Kennerblick; aber wie kommen Sie denn zu dieser Photographie? — — Diese Theaterwelt war doch verseucht, bis ins Mark hinein verseucht!

Er nahm sich nun vor, gegen diese Damen zwar äußerlich etwas kollegialer, innerlich aber ganz kalt zu sein. — Nie duldete er eine längere körperliche Berührung mit ihnen. — Au! sagte er mitten im Spiele Fräulein, ich verbitte mir, daß Sie mich so drücken! Es steht zwar in der Rolle: Preßt seine Hand — aber Sie quetschen mich ja geradezu! — Ihre Hand ist so dick, man kommt da unwillkürlich ganz tief hinein, außerdem fasse ich die Rolle des Klärchen eben viel feuriger auf: das darf ich wenn ich will, nicht wahr, Herr von Sander? — Quetsch ihn wenn ihr allein seid! rief Herr von Sander, der mit übergeschlagenen Beinen in seinen Saffianschühchen und dem beschnürten Hausjöppchen auf dem Klavierstuhl saß. — Quetschen Sie mich doch einfach wieder! rief sie Fox zu; überhaupt: Ihr Brackenburg ist ja gar kein Mann! — „Wenn wir nach Hause gingen“ — tönte Herrn von Sanders Stimme soufflierend. — Ach da ist er wahrscheinlich ebenso langweilig! — Wenn Sie zynisch werden, Fräulein, spiele ich überhaupt nicht mit Ihnen!! —

Nach der Stunde gingen sie meist noch ein Stück Wegs zusammen; Herr Eichinger, mit seinem grauen Schlapphut und hochgelbem Spazierstöckchen, die beiden Damen in großen Hüten mit ausgestopften Vögeln. Anfangs wurde Fox nicht recht klug aus ihrem Verhältnis zu Herrn Eichinger: Er ging mit allen beiden; die kleinen Finger ineinander gehakt, schlenkerten sie mit den Armen. Sie war doch — also wirklich verseucht, diese Theaterwelt! Nach einiger Zeit versuchte Fräulein Lisa, gereizt durch Foxens Widerstand und derbe Männlichkeit, sich immer deutlicher an ihn heranzumachen. Fox, innerlich entrüstet und zum Protest bereit, beschloß, scheinbar alles mitzumachen und dann mit einem um so gehörigeren Donnerwetter dreinzufahren. —

Es war nach dem Theater. Sie erwischte ihn in der Ausgangshalle, sagte, sie sei heute den ganzen Abend frei, und schlug ihm vor, mit ihr in ein Restaurant zu gehen. Sie wählte ein kleines Abteil, wo man ganz für sich allein saß, und veranlaßte ihn, Austern und Sekt zu bestellen. Mit der größten Unbefangenheit redete sie von Herrn von Sander und von Herrn Eichinger, daß sie den einen wegen seiner kostenlosen Stunden und den andern wegen seines Geldbeutels gern habe, aber wirklich lieben könne sie keinen von beiden, dazu sei Herr Eichinger im Grunde zu kutscherhaft und Herr von Sander zu wenig männlich. — Na, ich denke: Mann bleibt Mann! sagte Fox und machte ein selbstverständliches und überzeugtes Gesicht. Sie lächelte, indem sie den Rauch ihrer Zigarette in die Luft blies. — Deine Zigaretten sind gut! bemerkte sie; viel besser als die vom Eichinger! — Er wollte das „Du“ ablehnen, unterließ es aber. Sie sollte erst noch weiter gehen! Das tat sie auch, ihre Liebenswürdigkeit wurde stets bedeutender. — Du bist ja wie ein Stock! Ich glaube, du hast in deinem ganzen Leben überhaupt noch nichts erlebt! — Oho! rief Fox in ehrlicher Entrüstung, vielleicht noch mehr als du! und erzählte ein paar Geschichten, Erinnerungen an Erlebnisse aus seinem Freundeskreise. Sie rückte ihm immer näher, er kam bei seiner Geschichte mit Lotte an, die Erinnerung an das wirklich Erlebte wurde stark in ihm, er vergaß seine Moralpredigt in unmittelbarer Nähe dieses Mädchens, das sich jetzt so warm an ihn schmiegte, der Sekt half mit — kurz Fox unterlag in einem Strauß, den er siegreich zu bestehen gedachte.

Schadet nichts! dachte er am nächsten Morgen; wenn man nur selbst rein aus allem hervorgeht und seine Überzeugungen beibehält, das ist die Hauptsache. Angenehm ist es freilich nicht, daß ich die Person nun am Halse habe.

Aber als sie sich wiedersahen und nach der Stunde nebeneinander herschritten, wartete er vergebens auf irgend ein andeutendes Wort. Auch das übernächstemal geschah nichts, und endlich konnte er darüber nicht mehr im Zweifel sein, daß Fräulein Lisa ihre Beziehungen zu ihm mit jenem einzigen Abend als abgeschlossen erachte. Nun ärgerte er sich wieder darüber: Er hatte es sich so schön gedacht, sie noch ein paarmal zu bewirten, ganz als Kavalier, und sich unter ihrer Wohnung mit nachdrücklichem Anstand zu verabschieden. — Sie hat’s wohl gemerkt! tröstete er sich — und sich die Blamage ersparen wollen; diese Frauenzimmer sind schlauer als man denkt. —

Im Lauf der Zeit nahm Fox bis ins kleinste hinein die Sprechweise seines Lehrers an; er bildete sich ein, dies sei ein neuer Stil, sein Stil, den er sich erobert, zu dem er sich durchgerungen habe. — Mensch, ich gratuliere Ihnen! sagte Herr von Sander eines Tages in feurigem Konversationston, nun kann ich es Ihnen offen sagen: die allererste Zeit habe ich Sie nicht für sehr talentiert gehalten! Aber heute stelle ich Ihnen einen Garantieschein für die Zukunft aus! Ah, ich vergesse: Sie wollen ja gar nicht sich der Bühne zuwenden — es ist doch wirklich schade um Ihr Talent! Es ist erstaunlich, was Sie alles in der kurzen Zeit gelernt haben! Nur in den Bewegungen hapert es immer noch, doch das ist auch gar nicht anders möglich! — Ja! sagte Fox bedauernd, aber das liegt wahrhaftig nur an diesem Mauseloch von Salon, man kann seine Kräfte unmöglich frei darin entfalten. —

Eines Tages blieben Fräulein Lilli und Fräulein Lisa aus. Statt ihrer kamen nur Postkarten mit Beleidigungen. Was da vorgefallen war, konnte Fox nicht recht erfahren. Herr von Sander und Herr Eichinger besprachen die Sache lebhaft, ohne daß es ihm gelang einen Faden zu entdecken. Herr von Sander konnte sich nicht enthalten beider Talent auf das schärfste herunterzusetzen und die Worte herauszuschmettern: Es ist ein Jammer, wenn solche Wesen die Kunst diskreditieren! so daß das Klavier leise nachzitterte; Herr Eichinger pflichtete ihm in jedem bei, erzählte aber später den beiden Damen alles haarklein wieder. Nach einiger Zeit verlautete, sie seien zu einem Konkurrenten auf dem Gebiete der Theaterschule übergegangen. Sowie Herr von Sander dies erfuhr, schrieb er ebenfalls beleidigende, sinnlose Postkarten. Die Antwort hierauf waren zwei Briefe, die nichts enthielten als seine eigenen Karten. Jetzt geriet Herr von Sander in Raserei. Er schrieb zwei Briefe, in denen er seine früheren Ausdrücke noch überbot und den Damen ein ironisches „Bravo“ zurief für ihr „vornehmes“ Schweigen. Die Briefe ließ er von fremder Hand adressieren, nachdem er Fox vergeblich darum ersucht hatte. Jetzt kamen zwei eingeschriebene Briefe als Antwort: Jede der Damen habe die Sache ihrem Bräutigam, der Jurist sei, übergeben, und der dulde es nicht, daß irgendein hergelaufener Mensch seine Braut beleidige. Es war nicht ersichtlich, ob es sich um zwei, oder um einen gemeinsamen Bräutigam handle. Und nun tat Herr von Sander den letzten Schlag: Er schickte zwei Telegramme, die nur die Worte enthielten: Schließe mit einem „Pfui“ die Akten. — Hierauf waren alle füreinander tot. —

Zu Hause mußte nun Fräulein Nippe Foxens Übungen assistieren. Er brauchte einen lebenden Menschen, zu dem er die Worte sprach, die für lebende Menschen berechnet waren. Und Fräulein Nippe kam so gern! Sie mußte sich als Desdemona auf sein Sofa legen, wogegen sie sich erst schwach sträubte. Aber aus Liebe zur Kunst tat sie es doch. Wenn nur der lange Monolog erst vorüber wäre! Und doch! schön war der auch! Sie lag da und wartete, das offene Buch in ihrer Hand, denn auswendig konnte sie es nicht, es war so schwer! In Hemdärmeln beugte er sich über sie, selig schloß sie die Augen und bildete sich den Kuß ein, den sie nicht bekam. Aber dann wurde es anders! Fox rollte die Augen, sein Vortrag riß sie mit fort, mit Ausdruck las sie ihre Sätze, immer näher kam der Moment, und endlich war er da: Mit großer Bewegung streifte Fox seine Manschetten zurück, trat in zwei schweren Schritten nah an sie heran, und nun begann die Prozedur des Erwürgens! Es war angreifend, aber herrlich! Durchgerüttelt, selig erschöpft lag sie dann da, bis Fox wieder schrie: Nicht tot? Noch nicht ganz tot? und sich abermals auf sie stürzte. — Noch einmal! sagte sie, schnell atmend, es ging noch nicht so wie es muß! — Es greift mich zu sehr an, meinte Fox. — Dann wenigstens noch einmal das letzte. — Wenn es Sie nicht angreift? — O, ganz und gar nicht; ich merke nicht das geringste, Sie brauchen sich nicht zu genieren und können gern noch fester zugreifen. — Fox wußte nicht wie das kam: vor Fräulein Nippe spielte er immer viel besser als vor Herrn von Sander. —

Aber Selma, das geht doch nicht! sagte Herr Könnecke zu seiner Cousine, was soll denn Herr Sintrup von dir denken! — Nun bitte, sage mir, was meinst du denn was er denken soll?! Herrn Könnecke machte diese direkte Frage verlegen. Ich weiß es auch nicht, sagte er endlich. — Nun also, was sollen dann diese dummen Redereien! Du scheinst dir manchmal überhaupt nichts bei dem zu denken, was du sagst. — Fräulein Nippe war in der letzten Zeit zuweilen recht rücksichtslos gegen ihren Vetter. — Spiel du doch einfach mit, sagte sie einmal, dabei kannst du uns ja gleichzeitig beaufsichtigen; — und wollte ihn veranlassen, die Rolle der Emilie zu übernehmen. —

Nun, schreist du noch? fragte Pitt manchmal seinen Bruder, wenn er ihm begegnete. — Jedenfalls ist es besser ich schreie, als wenn ich gar nichts täte, so wie du! entgegnete Fox. Dann lachte Pitt, ohne die Spitze zu parieren. Fox sah ihn jetzt seltener, Pitt hatte sich vollkommen in die Juristerei vergraben und arbeitete den ganzen Tag durch. Dies war das beste Mittel seine Gedanken von sich selber abzulenken.

Seine unbestimmte Hoffnung, Elfriede wiederzusehen, hatte sich nicht erfüllt. Ihre Gestalt hatte sich ihm mehr und mehr verdichtet, als er all die alten Plätze wiedersah, die Unruhe trieb ihn die ersten Wochen herum, die Möglichkeit, ihr selbst irgendwo zu begegnen. Niemals geschah das; seine Spannung wich einer allgemeinen Melancholie, als er eines Tages zufällig durch Fräulein Nippe erfuhr, Elfriede sei überhaupt gar nicht mehr hier am Orte, sie befände sich schon lange in Paris und studiere dort am Konservatorium. Im ersten Augenblick traf ihn dies wie ein Schlag, indem ihm nun die Unmöglichkeit jeglicher Aussichten in die Zukunft diese Aussichten um so näher, um so sicherer erscheinen ließ, wenn Elfriede nicht in der Ferne geweilt hätte; dann machte er allmählich einen Kult aus dieser Liebe in die Ferne: Nachts, wenn er von der Arbeit müde sich nach frischer Luft sehnte, suchte er das Haus der van Loo auf. Manchmal lag es still im Mondschein da, die vielen Scheiben seiner wenigen Fenster spiegelten sich silbern im Lichte, manchmal strahlte es im eigenen Glanz, und Equipagen hielten vor seiner Tür. Er suchte auch die Bank auf, wo er Elfriede einst in ihrem Knabenkostüm traf, und setzte sich still neben den Platz, auf welchem sie damals gesessen hatte; aber schließlich erschien ihm dies Ganze sentimental und albern: Was hatte er von diesen Rückblicken in die Vergangenheit? — Ich könnte ja nun auch einen Lottekult unternehmen und jeden Tag Kirschtörtchen mit Schlagrahm in der Konditorei essen! — Was hatte doch Fräulein Nippe gesagt?: Ja ja, Sie zwei Brüder haben schwer zu tragen! Das hatte er damals ganz überhört. Liebte Fox unglücklich? und hatte er Fräulein Nippe zu seiner Vertrauten gemacht? Plötzlich erinnerte er sich, daß Fräulein Nippe rot bei diesen Worten geworden war. Weshalb war sie rot geworden? Weil sie gedankenlos die Diskretion gegen Fox gebrochen hatte? Das stimmte nicht zu ihrem Wesen. Offenbar hatte sie sich irgendwie selbst verraten. — Sie hat wahrscheinlich — dachte er — irgend einmal, oder auch öfter, an der Tür gehorcht. —

Fräulein Nippe betrachtete Fox jetzt zuweilen mit halb neugierigem, halb fragendem Blicke. Es waren stumme, sprechende Blicke, wie wenn sie in seiner Natur grüble und zu keinem Resultate komme. Sie wartete, Fox solle ihr sein Herz eröffnen. Konnte er denn das so allein mit sich herumschleppen? Brauchte er denn keine teilnehmende Seele, die ihn verstand, nach deren Rat er sich sehnte? Hatte er denn kein Vertrauen zu ihr? Fox bemerkte diese Blicke nicht, oder er legte sie sich falsch aus. Durch ihre gemeinsamen Schauspielübungen kameradschaftlicher geworden, faßte er sie dann wohl gutmütig im Nacken und sagte: Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona? — so daß sie etwas zusammenknickte und dankbar zu ihm aufsah. Aber damit war es dann auch aus, keinen einzigen sorgenvollen Gedanken schien sich dieser prachtvolle junge Mann zu machen!

Das arme Mädchen! Was soll nur werden! so sagte sie zu sich selbst, auf seinem Sofa sitzend und einen gelesenen Brief auf ihrem Schoße haltend. Seit einiger Zeit besaß Fräulein Nippe einen zweiten Schlüssel zu Foxens Schreibtisch, das erleichterte die Teilnahme an der Korrespondenz wesentlich. — Immer aufgeregter wurden diese Briefe, immer verzweifelter, da er nicht wiederkam, und in dem letzten hieß es, wenn er sich von ihr trennte, wäre es ihr Tod; sie würde sich dann wahr und wahrhaftig das Leben nehmen. Aus einigen Stellen war zu ersehn, daß Fox versucht hatte sie zu trösten, daß sie aber allmählich nicht mehr an diesen Trost glaube. Und das gute, gute Kind! In ihrem letzten Briefe schickte sie ihm eine Photographie von sich, ganz klein, billig, armselig, auf einem Jahrmarkt gemacht, aus Blech, und dazu schrieb sie, dies Bild solle ihm ihre Züge wieder ins Gedächtnis rufen. Und diese Züge waren doch so lieb, so nett, soweit man nach dem schlechten Ding urteilen konnte. — In alle vier Ecken des Briefbogens hatte sie das Wort „Vergißmeinnicht“ verteilt — nein das war in einem der vorigen Briefe, die ebenfalls auf Fräulein Nippes Knien lagen. Dieser letzte enthielt nichts von solchen Kindlichkeiten, er war ganz ernst, so ernst, daß Fräulein Nippe die Tränen in die Augen traten. Mit keinem Wort war es erwähnt — und doch konnte man sie deutlich zwischen den Zeilen lesen, diese böse Tatsache, die sich langsam vorbereitete und das Mädchen so verzweifelt machte.

Fox sprach zu niemand von diesem Briefwechsel. Zu Anfang hatte Pitt ihn zuweilen nach Lotte gefragt; er hatte geantwortet, die Beziehungen zu ihr habe er abgebrochen, schon damals, als er fortging.

Ihre erste große Enttäuschung, daß er jetzt nicht wiederkam, milderte er mit dem festen Versprechen im übernächsten Semester zurückzukehren. Dann wurden seine Briefe immer spärlicher, und schließlich, da er gar nicht mehr wußte was er ihr schreiben sollte und sie doch immer auf seine Antworten wartete, erzählte er ihr Anekdoten und Witze, die er aus den Fliegenden Blättern für sie abschrieb. Damit war sie auch zu Anfang ganz zufrieden, denn sie mußte über alles lachen. Sie baute auf sein Versprechen, später zurückzukommen, und machte sich Vorwürfe so ungeduldig zu sein. Denn Fox hatte doch extra geschrieben, er dürfe jetzt nicht kommen, da sein Studium einen ganz geregelten Gang habe und gewisse Vorlesungen an der fremden Universität unumgänglich notwendig seien dafür, daß er sein Examen später mit Auszeichnung bestand.

Seine Aussichten auf die große Karriere standen ihr wieder vor dem Gedächtnis, die durfte sie nicht stören; sie mußte ein vernünftiges Mädchen sein, das ihrem Geliebten die Wege ebnete, oder, da sie nur ein unbedeutendes und aller Mittel und Verbindungen bares Wesen war, bescheiden zuwarten und ihm wenigstens die Wege nicht noch schwieriger machen als sie ohnehin schon waren. Dazwischen begann sich zuweilen leise die Frage einzuschleichen, ob Fox sie wohl wirklich so liebe, daß er sie später heiraten werde. Dann schalt sie sich aber sogleich töricht und sogar undankbar gegen seine Liebe, daß sie an ihr zu zweifeln wage. — Großmutter meinte, sie arbeite zu viel, sie solle weniger arbeiten; sie sei nervös. Unruhig, matt, gereizt wurde Lotte, und doch fühlte sie sich nicht eigentlich krank. Aber was war das nur? Was hatte sie nur? Frau Bornemann meinte eines Tages lächelnd: Es ist ja fast als ob du guter Hoffnung wärst; das heißt ich versündige mich mit solchen Reden! — Wie ist denn das? wollte Lotte gerade neugierig fragen, aber sie fing den Satz gar nicht an — denn auf einmal war es, als bliebe ihr das Herz stehen vor einem plötzlichen, eisigen Schreck.

Ihr erstes Gefühl war so fürchterlich, daß ihr leise schwindelte; dann dachte sie: dies ist ja nicht möglich, ich stehe ja noch hier und lebe. — Und nun begann eine Zeit des Grausens, des Zweifels, der vollkommensten Rat- und Hilflosigkeit, der fürchterlichsten Furcht vor dem Unsichtbaren, von dem sie nicht wußte: war es in ihr oder war es nicht in ihr. — Jetzt schlich sie sich, so oft sie konnte, in Foxens früheres Zimmer, wenn der neue Mieter abwesend war. Angstvoll saß sie bald über diesen, bald über jenen Band des Konversationslexikons gebeugt. Alle Zeichen stimmten! — Und doch, trotz allem: Es konnte, es konnte ja nicht möglich sein! Dies war so entsetzlich, daß es nicht möglich sein konnte! Sie geriet wieder in Zweifel, alles erschien ihr für Momente wie ein furchtbarer Traum, aus dem sie schon halb erwacht war; sie schalt sich kindisch, sie suchte über ihre Angst zu lachen, und doch stand schon von neuem das Grauen über ihr, um sie im nächsten Augenblicke anzufallen. Und endlich konnte gar kein Zweifel mehr bestehen. Jetzt schrieb sie jene Briefe an Fox, daß sie sich das Leben nehmen werde, wenn er sie verließe. Und schließlich hatte sie nur noch den einen Gedanken: Fortgehen, zu Fox gehen; Großmutter darf nichts erfahren. Fox mußte Rat schaffen, er hatte dazu die Verpflichtung. Und sie baute fest auf ihn wie auf einen Fels; er war doch viel klüger als sie, er hatte doch dies alles kommen sehen, er mußte ja alles eigentlich schon wissen! —

Sie müsse fort, sagte sie zu Frau Bornemann, sie halte ihren Zustand nicht mehr aus, sie sei überarbeitet, sie müsse sich erholen, sonst reibe sie sich vollends auf. Und da sie die letzten Monate, um über die Trennung mit Fox hinwegzukommen, wirklich über das Maß gearbeitet hatte, so glaubte ihr Frau Bornemann aufs Wort. Glücklicherweise sprach sie nicht davon, den Arzt kommen zu lassen; sie war der Meinung, alle Ärzte seien doch nur unwissende Schurken, und hatte dafür viele Beweise aus ihrem langen Leben. So kramte sie denn nur in ihrer Hausapotheke, gab ihr bald dieses bald jenes harmlose Mittelchen und kochte ihr Kräutertees. Lotte aß und trank alles, nicht ganz in der Hoffnung es könne helfen, aber doch um wenigstens alles zu tun was ihr geboten wurde. Wie glücklich erwies es sich jetzt, daß sie in so sehr bescheidenen Verhältnissen lebten! Frau Bornemann klagte, daß sie sie nicht begleiten könne, es gehe aber beim besten Willen nicht, und sie müsse doch schon des Zimmerherrn wegen am Orte bleiben. Lotte sagte, sie solle dann auch ja für die Zeit ihres Fernseins ihr eigenes Zimmerchen, das dann leer stünde, vermieten. — Na, so lange bleibst du nun hoffentlich nicht fort! meinte Frau Bornemann bedächtig, und Lotte sagte: Nein, so lange bleibe ich wohl nicht fort — und hatte keine Ahnung, wie lange sie nun fernbleiben müsse. — Sie ging zum Atlas, und suchte Städte auf, die ungefähr ebensoweit von ihrem Wohnort entfernt lagen wie Foxens Aufenthalt — des Billettpreises wegen. Dann nannte sie eine kleine Stadt, fast einen Marktflecken. Dort wohne eine Freundin von ihr, mit der sie auf der Schule gewesen sei, bei der könne sie umsonst wohnen, sie habe sie schon öfter eingeladen, sie werde sich furchtbar freuen wenn sie käme. Dorthin wolle sie reisen, es sei da die herrlichste Landluft. Frau Bornemann freute sich hierüber; sie ging auf alles ein, sie war von einer Ahnungslosigkeit, daß Lotte sich ganz schlecht gegen sie vorkam.

Sie schrieb noch einen Brief an Fox, sie habe ihm etwas mitzuteilen, was sie ihm nur mündlich sagen könne, und nannte den Zug, mit dem sie am nächsten Tage eintreffen werde. — Gerade als sie abreiste, zog nun doch ein neuer Mieter in ihr Zimmerchen, Frau Bornemann lobte Gott, der sich ihr so sichtbar gütig erweise.

Fräulein Nippe überreichte jenen Brief Fox persönlich, und las ihn hinterher an seinem Schreibtisch. Also nun ist es wirklich entschieden! dachte sie; das arme Mädchen! und der arme junge Mensch! So jung, und durch solche Bande gekettet. —

Fox war diesen ganzen Vormittag nicht zu Hause. Fräulein Nippe verfolgte alle Stadien des Wiedersehens: Jetzt läuft der Zug ein! dachte sie, auf die Uhr sehend; und sah die beiden jungen Leute sich im Geist umarmen. — Jetzt sind sie wohl schon im Wagen. — Ob er sie wohl gleich hierher bringt? — Mehrmals ging sie ans Fenster, um hinabzusehen, wenn eine Droschke nahte. Aber keine hielt vor ihrem Hause. — Endlich läutete es. Geschwind lief sie zur Tür:

Ein dunkeläugiges, einfach gekleidetes Mädchen stand da allein. Sie erkannte sie sofort. — Ist Herr Sintrup zu Hause? fragte sie halblaut und etwas stockend. — Ja hat er Sie denn nicht abgeholt? sagte Fräulein Nippe erstaunt. Lotte war durch all die Aufregung, durch ihre Enttäuschung am Bahnhof, durch die Erregung des Augenblicks, jetzt dicht vor dem Wiedersehen, so hingenommen, daß sie nicht einmal darüber verwundert war, daß diese fremde Dame Bescheid wußte. Sie schüttelte nur den Kopf und zwang ihre Tränen zurück. Aber sie sagte, sie wolle nun hier auf ihn warten. Fräulein Nippe setzte ihr sogleich ein Gläschen von dem stärkenden Wein vor, den ihr Herr Könnecke zum Geburtstag geschenkt hatte. Ihr Herz trieb sie, dieses arme Mädchen zu streicheln und zu trösten, aber es fiel ihr ein, daß ihr ja hierzu jede Motivierung fehle. Sie durfte offiziell von nichts wissen. Lotte fühlte aber doch ihre Wärme durch, und dachte, sie selber lasse sich zu sehr gehen. Das allerschlimmste war ja auch vorläufig überstanden, sie war glücklich von zu Hause fortgekommen, fühlte etwas wie vorläufiges Ausruhen in sich — und dann, dann mußte Fox dafür sorgen wie es weiter gehen würde.

Zu Mittag erschien Fräulein Nippe, die sich diskret zurückgezogen hatte, wieder, und setzte ihr etwas zu essen vor. Noch immer saß das Mädchen ganz genau so da, wie sie sie verlassen hatte! — Lotte wollte zuerst nichts nehmen, aber Fräulein Nippe redete so herzlich, daß sie verstummte und sie nur dankbar anblickte.

Wieder verging eine Zeit, da erschien Fox endlich. Er hatte Lotte strafen wollen für ihre unüberlegte, zwecklose Reise, über die er sich nur ärgerte, um so mehr, als er sie nicht verhindern konnte, da ihr Brief erst am Morgen eingetroffen war. — Diese Mädchen lassen sich doch immer von ihrem Gefühle leiten und setzen den Verstand beiseite! Was um Gottes willen wollte sie ihm sagen, was sie ihm nicht schon tausendmal gesagt hatte! —

Wie hatte sich Lotte dieses Wiedersehen ausgemalt! Und nun war alles anders. Sie fühlte kaum den Mut auf ihn zuzugehen. Na? sagte er, nachdem er die Tür geschlossen hatte, du darfst mir schon noch einen Kuß geben! — Sie überwand das Gefühl der Kühle, das sie bei seinen Worten empfand, und legte beide Arme um ihn. — Ist ja nicht so schlimm! meinte er tröstend, weine doch nicht, das hat doch gar keinen Zweck! Du stellst dir alles viel zu schwer vor. In einem halben Jahr wirst du wieder ganz lustig sein. — Also du hast es doch erraten! sagte sie leise, dann brauche ich es dir nicht erst zu sagen. — Erraten? fragte Fox, da ist doch gar nichts zu erraten; ist doch alles klipp und klar! — Ihr taten diese Worte wehe; aber sie bezwang sich und wiederholte: Dann brauche ich es dir nicht erst zu sagen. — Aber ich bitte dich: Wozu denn diese Feierlichkeit?! Und dann möchte ich dich doch fragen: Bist du wirklich extra hergereist, um mir zu sagen, was ich doch längst weiß: daß du — daß ich — also ich meine: daß wir uns lieben? so fragte er in einem beinah konstatierenden Ton; das ist doch wirklich kindisch von dir, einfach kindisch! — Also weißt du es doch nicht! sagte sie und löste sich etwas aus seinem Arm und sah ihn staunend an. — Nee, was anderes weiß ich nicht! antwortete er mit einem plötzlich unbehaglichen Gefühl, da sei etwas, das ihm unangenehm werden könne. — Ist deine Großmutter tot? — Sie schüttelte den Kopf. — Oder — habt ihr euer Geld verloren? Das wäre, dachte er, wirklich fatal. — Sie schüttelte wieder den Kopf, und dann flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr. — Er fuhr zurück und sah sie mit großen Augen und offenem Munde an. Daran hatte er allerdings niemals auch nur im entferntesten gedacht. Wie konnte das denn außerdem möglich sein! — Ist ja nicht wahr! sagte er endlich, mit der Ungläubigkeit, womit ein junger Mann eine solche Tatsache, die seinem eigenen Erleben so fremd ist, aus dem Munde seiner Geliebten, wenn sie seine erste Geliebte ist, entgegennimmt. Aber nun brach sie in Tränen aus und beteuerte, daß es wahr und wahrhaftig sei. Er umfaßte ihre Figur mit einem Blicke und sagte dann: Wirklich? Nach einer Pause fügte er hinzu: Ja, dann reise nur bald nach Hause, — zu Hause hat man es ja doch immer am besten. — O nein, Großmutter darf nie etwas davon erfahren, Großmutter weiß gar nichts, sie würde mich ja verfluchen! — Unsinn, Großmütter verfluchen nie. Deine Großmutter wird höchstens ein paar Stunden weinen, und dann ergibt sie sich ins Unabänderliche. — Aber Lotte sagte, eher ginge sie ins Wasser als nach Hause. — Aber wohin willst du dann gehen? — Das weiß ich ja nicht, das mußt du mir sagen, deshalb bin ich doch hergekommen! — Er bestand darauf, daß sie zu ihrer Großmutter zurückginge, und das Blut lief ihm zu Herzen, als sie sagte: Nein, ich will immer bei dir bleiben! — Das geht noch viel weniger, du kannst mir doch nicht immer nachziehen, mal hierhin mal dahin! Nächstes Jahr zum Beispiel mache ich eine Weltreise! — Da könnte ich doch mit! sagte sie, ganz verzweifelt. Hätte er gesagt, er gehe an den Nordpol, so würde sie auch gesagt haben: Da könnte ich doch mit! — Aber mein Gott, rief Fox, was denkst du dir denn eigentlich? Jeder Mensch hat doch seine Freiheit! Er war ganz in Affekt geraten, das letzte Wort kam voll und rund heraus, Herr von Sander hätte seine Freude daran gehabt. — Ein jeder Mensch hat doch seine Freiheit! wiederholte er, aus dem Bedürfnis heraus, etwas, das ihm unbewußt geglückt war, noch einmal als bewußte Leistung zu genießen. Aber das zweitemal gelang es nicht so gut. — Was meinst du denn damit? fragte sie angstvoll und unsicher; du willst mich doch nicht etwa verstoßen? — Fox wiegte den Kopf und bewegte stirnrunzelnd die Lippen, als schmecke er etwas Unangenehmes. Verstoßen! sagte er, was für ein romanhaftes Wort! Klingt so nach Treppe und hageren Armen. Ich denke doch gar nicht dran dich zu verstoßen! — Also heiraten wir uns doch! fragte sie wieder, angstvoll und schnell. — Fox ging im Zimmer auf und ab. Muß denn, so fragte er, muß denn eine Liebe stets von der Obrigkeit sofort beglaubigt, gestempelt und besiegelt werden? Ist sie nicht vielmehr etwas — also etwas Leichtbeschwingtes, dem die leiseste Berührung von außen den Schmelz abzustreifen droht?! Ich will ja gar nicht sagen, setzte er hinzu, daß ich dich nicht heirate, das hängt ganz von uns beiden ab, aber wenn du mir damit ewig in den Ohren liegst, so kannst du mir nicht verdenken, daß mich das endlich verstimmt. — Aber es ist doch das erste, das allererstemal, daß ich danach frage! — Na ja, du weißt eben nicht, was du manchmal sagst. Jedenfalls kann jetzt von Heiraten noch lange nicht die Rede sein. Aber wenn du mich lieb hast, wahrhaft lieb hast, so tust du was ich dir sage: Du gehst zu deiner Großmutter zurück. — Lotte schüttelte den Kopf. — Gut, dann nehme ich an du liebst mich nicht mehr, und dann ist es eben aus; dann haben wir uns heute zum letztenmal gesehen. — Aber ich kann doch nicht, ich kann doch nicht! wiederholte sie immer und immer wieder. — Fox sah nach seiner Uhr. — Ich muß hart sein mit ihr, äußerlich hart — so dachte er — das ist in der Wirkung wohltätiger für sie als wenn ich ihrem Gefühl nachgäbe, was ja für mich viel bequemer wäre. — Ich muß jetzt in die Stunde! sagte er, überlege dir alles bis zum Abend, du hast die Entscheidung selbst in der Hand, das sage ich dir ganz ausdrücklich. — Was soll ich denn hier tun? fragte sie; ich kenne doch keinen Menschen, kann ich dich nicht begleiten? Ich kann ja unten warten bis deine Stunde zu Ende ist! — Das fand er stumpfsinnig; sie müsse etwas tun was sie zerstreue. Er schlug ihr vor, sie könne ja in der Stadt herumgehen und die Sehenswürdigkeiten in Augenschein nehmen, davon gebe es hier genug auf den Straßen und Plätzen. Und da sie gar nichts anderes wußte, sagte sie endlich ja, das wolle sie. —

Es ist doch scheußlich, dachte Fox, als sie sich getrennt hatten und er allein die Straße hinabschritt, in was für zweideutige Situationen man gerät ohne es zu wollen! Aber was soll ich machen!! Auch die Ärzte spiegeln ihren Kranken vor, ihr Zustand sei nicht so schlimm; und was für eine wohltätige Wirkung liegt in der Suggestion! Jetzt dachte Lotte wirklich, er ginge zur Stunde. In Wahrheit mußte er eine Verabredung mit einer neuen Schülerin des Herrn von Sander einhalten, ein Mädchen, das er gerade noch vor den Händen des Herrn Eichinger gerettet hatte, der doch ein notorischer Lüstling war!! — Scheußlich! wirklich unsympathisch scheußlich! dachte er, da geht man nun von einer Geliebten zur andern und setzt sich der schlimmsten moralischen Beurteilung vor sich selber aus! — Seinen innern ernsten Zustand ließ er die neue Freundin fühlen, indem er einsilbig war und manchmal tragisch zerstreut in die Büsche starrte. —

Wie Lotte so allein war und ratlos und unschlüssig nach rechts und links blickte auf all die grellen, sonnebeschienenen Häuserreihen, die ihr so fremd waren, wurde ihr noch öder und leerer zu Sinn. Aber da unten am Ende der Straße schien ein Denkmal, ein Reiterdenkmal zu stehen. Das konnte sie sich ja ansehen, damit sie später Fox etwas zu antworten wußte, wenn er sie fragte. — Sie ging auch wirklich hin, merkte sich den Namen von dem, den es darstellte, und von dem, der es gemacht hatte, und dann wußte sie wieder nicht was sie tun sollte. Plötzlich fiel ihr Pitt ein. Der wohnte ja auch hier in der Stadt. Wenn sie nun zu dem ging und ihm ihr Leid klagte? Aber sie wußte seine Adresse nicht; vielleicht wußte sie die Dame, bei der Fox wohnte. — Sie kehrte wieder um und läutete nach einigem Zögern. Ein Herr von mittleren Jahren öffnete. Sie brachte ihr Anliegen vor, er sagte sie möchte lauter reden, er verstände sie nicht. Und um ja alles recht gut zu machen, schrie sie das Gesagte noch einmal, im Glauben, der Herr sei schwerhörig. — Ach so! sagte Herr Könnecke, Sie brauchen nicht so zu schrein, ich bin nicht taub. — Entschuldigen Sie bitte viele Male, bat sie mit unterdrückter Stimme, um ja alles recht gut zu machen und niemand zu beleidigen. Herr Könnecke sagte ihr nun den Namen und die Nummer der Straße, erst müsse sie links gehen, dann rechts, dann zwei Straßen überschlagen, dann wieder in eine Straße einbiegen, bis eine Anschlagsäule käme. — Also wie? Erst soll ich rechts gehen, dann links, dann wieder rechts, und dann bin ich da? Herr Könnecke sah gutmütig in ihr verängstigtes Gesicht. — Warten Sie mal! sagte er und sah nach der Uhr; es ist zwar noch ein bißchen früh für meine Stunde, aber ich kann doch mit Ihnen gehen, es ist kein Umweg für mich. Gleich bin ich wieder da! — Sie wartete, und als er wiederkam, meinte er gründlich: Ich mußte mir nur erst einen reinen Kragen umbinden! — Sie gingen nun zusammen die Treppe hinab und die Straße hinunter. Herr Könnecke war ein wenig neugierig, weshalb dies Mädchen wohl zu Pitt Sintrup wolle, und warum sie so verängstigt und verschüchtert war. Zum Mittagessen hatte er sich verspätet, seine Cousine war bereits ins Geschäft gegangen, als er heimkam. Aber er fragte nichts, nur erfuhr er, daß sie hier fremd am Orte sei.

An einer Straßenecke wartete ein Schüler. Er wußte, daß Herr Könnecke etwa um diese Zeit hier vorbeikommen mußte. Sein blasses, gespanntes Gesicht rötete sich mehr und mehr, je näher Herr Könnecke kam. Einen Augenblick schien er zu schwanken, die Gegenwart der jungen Dame verwirrte ihn, aber dann brach er in Weinen aus: Ach Herr Könnecke, erlassen Sie mir doch die Strafe, nur diesmal, ich will es ja auch ganz gewiß nie wieder tun! — Herr Könnecke war stehen geblieben, Lotte ging einige Schritte weiter und wartete. Ganz zerknirscht stand der Junge da, in der hellen Nachmittagssonne; Herr Könnecke zögerte, dann sagte er: Na ja, dann will ich es dir diesmal noch erlassen! — Und plötzlich getröstet, wie wenn eine Last mit einemmal von seinen Schultern herabgenommen sei, sah das Kind dankbar, glücklich zu ihm auf. —

Man weiß gar nicht, sagte Herr Könnecke im Weiterschreiten zu Lotte, wie tief so ein Kind eigentlich empfindet! Da hat der arme Junge nun die ganze Woche seine Angst mit sich herumgetragen, daß er morgen, am Samstag, nachsitzen soll, und er hat noch niemals nachgesessen, er war immer ehrlich! Und heute, am letzten Termin, hält er es nicht mehr aus; immer hat er es hinausgeschoben, von einem Tag zum andern, und nun, im letzten Augenblicke, kommt er. Das Nachsitzen selbst ist ja nicht das schlimmste, aber der Strafzettel, die Eltern, die Unehrlichkeit! Na, diesmal ist er ja noch drum herumgekommen! — Ja, sagte Lotte, diesmal ist er noch drum herumgekommen. — — So, da wohnt Herr Sintrup! meinte Herr Könnecke endlich, also adieu, Fräulein, grüßen Sie Herrn Sintrup von mir, Könnecke ist mein Name. — Ich bin Lotte Pfanz. — Er zog seinen Hut, sie streckte halb ihre Hand aus, wollte sie wieder zurückziehen, fast gleichzeitig machte Herr Könnecke eine ähnliche Bewegung, schließlich streckten sie sie beide wieder vor, er ergriff die ihrige und schüttelte sie herzlich. — Ein sonderbares Mädchen! dachte er im Weitergehen, die sah ja so traurig aus, und so blaß! Es ist doch gut, daß ich sie begleitet habe; sonst liefe sie vielleicht noch wer weiß wie lange in der heißen Sonne herum. —

Pitt war aufs äußerste überrascht, Lotte plötzlich vor sich zu sehen. Sie konnte zu Anfang kein Wort vorbringen und bat um ein Glas Wasser. Dann erzählte sie ihm ihr Geheimnis, mit einfachen Worten, die ganz von selbst und ohne jede Befangenheit über ihre Lippen kamen. Im Gegenteil, sie fühlte sich erleichtert durch ihre Mitteilung. Pitt sagte lange nichts. Die Vergangenheit zog an ihm vorüber, während sein Blick ins Leere gerichtet war. Dann fand er sich in die praktischen Fragen der Gegenwart zurück. — Eines mußt du mir sagen, sprach er nach kurzem Nachdenken; du darfst mir meine Frage nicht übelnehmen und meinen, ich dächte deshalb etwa schlecht von dir: Bist du sicher, daß du dich nicht irrst — ich meine, daß es wirklich Fox ist — — sie ließ ihn nicht zu Ende reden, sondern unterbrach ihn lebhaft mit der Versicherung, dessen sei sie so gewiß, wie man einer Sache überhaupt sein könne: Außer ihm habe ich ja in meinem ganzen Leben noch niemand geliebt! Sie errötete, als sie seinen stillen, grauen Augen begegnete, und fuhr fort: Ich meine, du verstehst mich doch, du weißt doch was ich sagen will! Und nun will er durchaus, ich soll zu Großmutter gehen und ihr alles sagen. — Ja, sagte Pitt, das halte ich auch für das beste. Schließlich hat doch deine Großmutter, als sie jung war, dasselbe durchgemacht. — Aber da war sie doch verheiratet! — Ach so, ja ja, und das bist du nicht, das ist richtig. Trotzdem halte ich es für das beste. — Und er zählte ihr alle Gründe auf, und als schwerstwiegenden, daß, wenn alles jetzt so abliefe, wie sie wolle, das Geheimnis trotz allem Geheimhalten irgendwann einmal an den Tag kommen werde; die Scherereien mit den Gerichten, die Sorge für das Kind selbst, später — das alles könne sie viel leichter übernehmen, wenn sie es nicht noch dazu verbergen und geheim halten müsse. — O Gott, wenn das bekannt wird — ich kann ja niemals Lehrerin werden! — Dies leuchtete ihm ein, und nach einer neuen, reiflicheren Überlegung schien es ihm nun wirklich besser, sie bliebe hier. — Vielleicht kann ich eine Freistelle bekommen! meinte sie schüchtern. Aber diesen Glauben zerstreute er ihr. Außerdem habe sie dann nicht die Bequemlichkeiten, die sie beanspruchen könne. Das ist ja auch das wenigste, fügte er hinzu: Fox hat doch die selbstverständliche Verpflichtung, dich auf das anständigste verpflegen zu lassen. Das wird dem guten Jungen noch teuer zu stehen kommen! Pitt lächelte, indem er das verstimmte Gesicht seines Bruders vor sich sah, der sich nun wohl mit seinen Delikateßbüchsen und guten Weinen etwas einschränken mußte, in Zukunft. — Er sagte aber, wenn ich ihn lieb hätte, so müßte ich nach Hause gehen, sonst wäre es aus zwischen uns; es sei ein Prüfstein für meine Liebe! — Ach?! meinte Pitt, aufhorchend: dieser Prüfstein ist ja recht interessant! — Eine leise Bitterkeit gegen Fox stieg immer deutlicher in ihm auf: Das hatte er nun aus diesem Mädchen gemacht! Freilich suchte sein Verstand dies Gefühl sogleich zu zerstreuen, und er dachte: Vielleicht wäre es mir ebenso gegangen. — Heute abend gehen wir zusammen zu ihm, sagte er, bis dahin bleibst du wohl bei mir! — Lotte fühlte einen so tiefen Dank gegen Pitt, sie legte ihre Arme um seine Schulter und drückte ihn leise und zärtlich. Seit sie ihn gesehen und gesprochen, war sie um ein großes Stück erleichtert, sie fühlte einen Schutz, sie wußte, daß nun nichts mehr geschah, was gegen ihren Willen war. — Pitt streichelte ihr brüderlich über die Wange: was er für sie empfand, war Mitleid, nur tiefes Mitleid. Alle übrigen Gefühle, alles Halbklare, Zerrende war gänzlich erloschen. — Wo gehen wir nun hin? fragte er, und als er sie ansah, glaubte er einen Wunsch in ihr zu erraten: In die Konditorei? Sie errötete und sagte, das sei kindisch. Aber ich halte dich doch von nichts ab? fragte sie wieder und wieder. Sie hatte Angst, sie könne ihm lästig sein, und das wollte sie unter keinen Umständen. Und nachdem sie wirklich in der Konditorei gewesen waren, schlug sie vor, er solle nun nach Hause gehen, sie wolle sich hier auf eine Bank setzen. Für zwanzig Pfennige könnte sie sich ein Buch kaufen und es lesen. Er schüttelte den Kopf. — Aber es kostet doch nur zwanzig Pfennige! Er blieb dabei, sie solle mit ihm gehen. So schritt sie wieder neben ihm, ihre innere Gespanntheit löste sich mehr und mehr. — Du machst ja so ein glückliches Gesicht? fragte Pitt plötzlich. Sie hatte für einen Moment alles Schreckliche vergessen, wie ausgelöscht war es gewesen, sie hatte gerade etwas Lustiges sagen wollen, aber nun stand alles auf einmal doppelt schrecklich wieder vor ihr. Wie ist es nur möglich, wie ist es nur möglich! dachte sie. — Willst du vielleicht etwas schlafen? fragte Pitt, als sie oben im Zimmer waren. — Nein, das wollte sie nicht. Unklar dachte sie, das mache irgendwelche Umstände. — Oder wenigstens ruhen? — Nein, das wollte sie auch nicht. Doch, das wollte sie, sie wollte auch schlafen! Sie fühle sich wirklich müde! — Es fiel ihr plötzlich ein, daß sie Pitt ja am wenigsten zur Last war, wenn er sich nicht mit ihr zu unterhalten brauchte. Sie legte sich auf sein Sofa, er bedeckte sie sorglich, und nach einigen Minuten fiel sie wirklich in einen tiefen, segenvollen Schlaf. Von seinem Schreibtisch, an dem er arbeitete, trat er auf den Zehenspitzen zu ihr hin. Mit kindlichem, reinem Ausdruck lag sie da, tief und ruhig atmend. Er ging wieder zurück an seinen Tisch.

Die Holzrouleaus ließen das Licht des Tages nur gedämpft herein; es war still; eine Fliege summte an der Fensterscheibe. Pitt las in den Pandekten, aber seine Gedanken irrten ab und wurden immer träumerischer. Er hörte auf das Summen der Fliege an der Fensterscheibe, und ihm war als läge da draußen gar keine Straße, sondern ein baumüberschatteter Weiher, und dahinter kamen Ställe und Scheunen. Das Haus aber war ganz klein, und er befand sich in der Stube zu ebener Erde; kein Geräusch war um ihn, nur die Fliege summte gegen die Scheibe, die heiß war von der Sonne. Sie wollte hinaus ins Freie; nun, sie würde es aufgeben, denn hier drin war es auch gemütlich, und all die Blumensträuße in den Fenstern verbreiteten Duft. Wer hatte sie dort hingestellt? Zwei blonde kleine Knaben mit kurzem Haar; es waren Zwillinge und seine eigenen Kinder. Da standen sie schon vor ihm, in ihren kurzen Lederhosen und weißen Hemden, und wie sie jetzt lachten, sah er ihre spitzen Eckzähne. Wo hatte er nur solche Zähne gesehen? In der Luft lag ein Geruch von frischer Milch, und aus einem der Nebenräume drang das leise Stampfen eines Mörsers. — Er hörte auf den fernen Klang und sog den Duft ein — und die Fliege summte noch immer an der Scheibe. Draußen aber lag Sonnenlicht und alle Bäume bewegten sich glitzernd, und ganz ferne krähte ein Hahn. — Das Essen ist angerichtet! sagte eine bekannte Stimme, — vor ihm stand ein großes, blondes Mädchen mit einer schneeweißen Schürze. War das Elfriede? — Unbeweglich lächelnd sah sie auf ihn, er fühlte, daß er schlief und daß sie ihn nicht wecken wollte, und doch hatte er die Augen offen und sah ganz deutlich diese schneeweiße Schürze. Da war es, wie wenn ein Ton fern verklänge, die Gestalt schien zurückzuweichen — und er starrte in sein aufgeschlagenes Pandektenbuch. — Plötzlich tat er einen Ruck. — Ich glaube fast, ich habe geschlafen! sagte er und sah auf seine Uhr, während er sich erhob. Und das ganze Traumbild zog noch einmal klar an ihm vorüber, wie er so unbeweglich dastand. — Sonderbar, sonderbar! sprach er zu sich selbst, was für Dinge liegen einem im Unterbewußtsein, von denen man keine Ahnung hat. —