Er sah zu Lotte hinüber, machte eine Bewegung als wenn er alles von sich abtue und trat langsam zu ihr hin.
Sie rührte sich nicht. Er legte zart seine Hand auf ihre Stirn. Sie lag nach wie vor bewegungslos. Er nannte ihren Namen; ihr Atem ging tief, in immer größeren Zügen, plötzlich schlug sie die Augen auf.
Wir müssen gehen! sagte er leise. — Gehen? zu wem? — Zu Fox. — Sie dachte einen Augenblick nach, sagte dann: o es war so schön, und schloß noch einmal die Augen. — Es muß sein; sagte sie endlich mit einem Entschlusse und erhob sich.
Fox runzelte die Stirn, als Pitt mit Lotte zugleich ins Zimmer trat; er ahnte, daß es jetzt Kämpfe geben würde. — Er wollte wieder mit seinen alten Argumenten kommen, ja er redete sogar von Großmutter- und Enkel- und Urenkelliebe, von den natürlichen Banden der Verwandtschaft, von Heimatsgefühl, das neuerdings auch in der Kunst so lebhaften Ausdruck fände, von liebgewordenen Betten, in denen man geboren sei und die doch auch zu Hause zur Verfügung ständen, und als das alles nichts half, rief er: Ja Kinder, und an die Hauptsache denkt ihr alle beide nicht, an die Kosten! Wer soll denn das bezahlen, wenn Lotte jetzt hier bleibt? — Du natürlich! — Ich?! — Ja wer denn sonst? — Aber mein lieber Freund, das sind doch horrende Summen! Das kann ich ja gar nicht, so gern ich möchte; wir kosten doch unserem armen Vater sowieso schon Geld genug! — Sie redeten hin und her. —
Ich will dies nicht mehr mit anhören! sagte Lotte, die wortlos in einem Winkel gestanden hatte, ich werde ja hier verhandelt wie — wie ich weiß nicht wie! — Ja, lieber Pitt, ich möchte dich auch bitten, etwas mehr Rücksicht auf Lottes Gegenwart zu nehmen. — Ich will nicht dabei sein! sagte Lotte leidenschaftlich. —
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. — Ach! Fräulein Nippe! rief Fox, als sie sich auf der Schwelle zeigte, ich muß gerade etwas Wichtiges mit meinem Bruder bereden — wären Sie wohl so freundlich — Lottchen, du gehst wohl für einen Moment hinüber, du kannst ganz ruhig sein, die Leute sind furchtbar nett und freuen sich nur, wenn sie Besuch bekommen. —
Kommen Sie, Fräuleinchen, kommen Sie! sagte Fräulein Nippe und zog Lotte hinaus.
Die beiden Brüder standen sich gegenüber.
Du hast mindestens ebensolche Verpflichtungen wie ich! sagte Fox; sie hat es zwar entschieden in Abrede gestellt, jemals nah zu dir gestanden zu haben, aber das ist auch ganz selbstverständlich; das tut jedes Mädchen; ich nehme ihr das auch durchaus nicht übel. Wenn wir die Kosten zu tragen haben, so haben wir sie gemeinsam zu tragen! — Fox redete mit vollster Überzeugung; die Einbildung, in die er sich hineinredete, beherrschte ihn so stark, daß er sie für die Wahrheit nahm. Er wußte plötzlich wieder, daß seine früheren Verhöhnungen Pitts, als habe sich der vergeblich um Lottes Gunst bemüht, nicht der Wahrheit entsprachen. Und da die Wahrheit ja das Gegenteil der Unwahrheit ist, so kam er jetzt dazu, seine Forderungen mit einer Art von moralisch-überzeugtem Pathos aufzustellen. Pitt überging dies erst, aber als Foxens Stimme nun einen fast predigerartigen Ton annahm, ging er auf ihn zu, sah ihm dicht in die Augen, und fragte halblaut: Bist du eigentlich verrückt geworden? Besinne dich doch, was du sagst! — Fox sah ihn mit unsicheren Augen an; dieser durchdringende klare Blick brachte ihn allmählich zu sich, die Tatsachen, wie sie waren, rückten sich in seinem Geist zur Wirklichkeit zurecht, wurden zu einer Macht, die ihn beherrschte, und er sagte mit unsicherer Stimme: Na ja, ist doch alles klar! Mach doch die Sache nicht noch komplizierter als sie ist. Ich leugne ja absolut nicht, daß du recht hast, nur finde ich es durchaus nicht nötig, daß du dich mir gegenüber so aufs hohe Pferd setzt! Ich bezahle selbstverständlich, ich begreife nicht, weshalb du darum ein solches Geschrei machst! Ich finde es unvornehm, um Geld ein solches Geschrei zu machen! Pitt überlegte. Dies Benehmen seines Bruders grenzte schon hart ans Pathologische. War es ganz und gar ausgeschlossen, daß sich solche Zustände eines Tages wiederholten, und daß Lotte dann in die größten Verlegenheiten kommen würde? Dem mußte vorgebeugt werden.
Bitte, setz das schriftlich auf. — Er holte Feder und Papier. Fox sah ihn verblüfft an und weigerte sich tief gekränkt. — Ich erniedrige mich dadurch. — Du brauchst dich deshalb nicht vor mir erniedrigt zu fühlen; es ist reine Formensache. — Vor dir?! absolut nicht! aber vor Lotte, vor der Familie! — Die Familie wird das Papier niemals zu sehen bekommen, auch Lotte soll nie etwas davon erfahren. Also bitte schreib, es ist nur, um dein eigenes Gedächtnis frisch zu erhalten! — Fox weigerte sich noch immer, sagte, dies sei eine Komödie, ein gesprochenes Manneswort bedürfe keiner schriftlichen Garantie, und ob er sich jemals in seinem Leben ehrlos benommen habe?! — Bitte, schreib. — Als Fox sich noch immer weigerte, griff Pitt zu einem letzten Mittel, von dem er sicher wußte, daß es wirkte: Wenn du nicht schreibst, werde ich mir Garantien von unserem Vater verschaffen. Seine Augen blickten nach wie vor durchdringend auf ihn hin. Fox ergriff mechanisch die Feder, indem er sagte: Ein schönes Mittel! Dies grenzt ja an Erpressung! Pitt lachte innerlich, dann diktierte er, aber Fox sagte: ich weiß schon selber was ich zu schreiben habe. — Da hast du den Wisch! sagte er endlich. Pitt las das Papier aufmerksam durch, faltete es dann sorgfältig zusammen und steckte es in seine Tasche. — Nun will ich aber nichts mehr von dir hören! sagte Fox diktatorisch, und mit Lotte werde ich über diese triviale Angelegenheit auch bloß ein paar Worte sprechen. Mir gehen weiß Gott andere Dinge genug im Kopfe herum! Und er dachte an Herrn von Sanders Schülerin, mit der er sich heute am Nachmittag angeregt und geistreich unterhalten hatte über das Problem des Weibes. — Dieser Abstieg in die platteste Misere des Lebens war zu erbärmlich! —
Lotte war inzwischen in Fräulein Nippes Zimmer, erschüttert durch die neuen Aufregungen, in Tränen ausgebrochen. Fräulein Nippe war so teilnehmend, so liebevoll, es drängte Lotte, ihr, einer Frau, ihr ganzes Herz auszuschütten, und sie tat es. Alles, alles erzählte sie, kaum etwas, das Fräulein Nippe noch nicht wußte, aber so im Zusammenhang erhielt sie doch einen besseren Überblick. — Armes Kindchen! sagte sie und streichelte ihre Hand, nein, zu Ihrer Großmutter dürfen Sie nicht zurück, das ist ausgeschlossen, aber hier — wenn Sie hier unter ganz fremde Menschen gehen — ach, das Herz krampft sich mir ja zusammen, so’n junges Blut unter kalten, herzlosen Berufsmenschen, die die heiligsten Dinge als ein alltägliches Geschäft ansehen! Nein, Kindchen, das dürfen Sie nicht. Wenn ich nur etwas anderes wüßte! Fräulein Nippe tat plötzlich eine Bewegung: Ein rettender Gedanke war ihr gekommen: Hier sollen Sie bleiben, hier bei uns! Ich lasse Sie nicht wieder fort, bis Sie alles glücklich überstanden haben. Ich weiß allerdings noch nicht wie ich Platz schaffen soll, aber wir müssen Platz schaffen. — Lotte faßte wie gerettet ihre Hand und küßte sie, Fräulein Nippe aber nahm sie in ihre Arme und hielt sie fest, und nannte sie eine arme verängstigte Taube, die sich vor den Krallen des Geschicks an ihre Brust geflüchtet habe. Sie fühlte sich so stolz, so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. — Warten Sie hier, ich gehe hinüber zu den Herren und bespreche alles mit ihnen! — Sie huschte hinaus, und dann stand sie klein, aber sicher vor den beiden großen Brüdern und teilte ihnen ihren festen Entschluß mit. — Bravo, Fräulein Nippe, bravo! rief Fox warmherzig und lebhaft, und dann wandte er sich vorwurfsvoll an Pitt: Siehst du, so benehmen sich großherzige Menschen in großen Augenblicken!! — Das Pekuniäre, sagte er hierauf wieder zu Fräulein Nippe, mache ich später mit Ihnen genauer aus! — Ach das ist ja das wenigste, meinte sie, Sie werden sie wohl nicht zu kurz kommen lassen! — Absolut nicht, absolut nicht! sagte er feierlich protestierend gegen die Möglichkeit eines solchen Verdachtes; im Gegenteil, ganz im Gegenteil! — und als Fräulein Nippe weiter sagte, er solle nun hinübergehen und ein paar Worte mit Lotte sprechen, nickte er: Sofort, gewiß, jawohl, versteht sich! und wanderte sogleich hinüber. Auf den Gedanken, daß es eigentlich nicht schön sei, Lotte nun immer in so unmittelbarer Nähe um sich zu haben, kam er jetzt noch nicht. — Na, Lottchen, sagte er, also du bleibst ja nun vorläufig hier, — und streckte ihr die Hand entgegen; du weißt doch, daß ich es gut mit dir meine! Hier ist es am besten für dich! Ich habe mir das überlegt, obgleich es nicht leicht ist für mich, das kannst du dir wohl denken! Also, Lotte, — na, gibst du mir nicht die Hand? Sagst du gar nichts Freundliches zu mir? — — Danke! sagte sie.
Sechstes Kapitel.
Lotte blieb nun wirklich in dem Heime Fräulein Nippes und Herrn Könneckes. — Herr Könnecke hatte tiefes Mitleid mit dem armen Mädchen, und wenn er ihr einen Teil seiner Bequemlichkeit opferte, so sagte er sich, er begehe dafür auch eine gute Tat: Er trat ihr sein eigenes Zimmer ab und teilte in der Folgezeit die Stube mit Fox. Der war anfangs über dieses Ansinnen tief verletzt. Herr Könnecke schlug ihm darauf vor, er könne sich ja ein anderes Zimmer mieten. Verstimmt, sich von Herrn Könnecke, vom Schicksal, von allen schlecht behandelt fühlend rief Fox bitter: Natürlich! Ist ja ganz einfach, ich habe ja Geld wie Heu! Ich kann mir ja auch gleich eine ganze Wohnung mit einem Tanzsaal mieten! — Sie können doch nicht verlangen, sagte Herr Könnecke, daß ich mit meiner Cousine in einem Zimmer schlafe! — Ich verlange garnichts! antwortete Fox und dehnte das letzte Wort betonend, bedeutend, zurechtweisend. Meinetwegen ziehen Sie in mein Zimmer, aber reden Sie wenigstens nicht vorher davon. — Herr Könnecke verschluckte seinen Ärger, und am nächsten Tage war die Stube für zwei eingerichtet. Sie war ganz vollgestopft mit Möbeln. — Ich kann überhaupt niemand mehr hier empfangen! rief Fox gereizt in die Luft hinaus, als er sein Zimmer in dem neuen Zustand erblickte.
Mit Lotte war er sehr wenig zusammen; ihr war es im Grunde recht, daß sie sich so selten sahen, denn sie empfand ihm gegenüber eine Scheu, die sie nicht mehr vertreiben konnte. Zu allen andern redete sie unbefangen; trat Fox ins Zimmer, so verstummte sie. Herr Könnecke widmete ihr viel von seiner freien Zeit und brachte ihr zuweilen eine Frucht oder eine andere kleine Überraschung mit. Und wenn sie traurig war, wenn diese schrecklichen Stimmungen wiederkamen, tröstete er sie, brachte er Bilderbücher, Photographiealbums, Geduldspiele herbei. — Selma, zeig ihr doch mal wie man Patienzen legt! Selma, wollen wir ihr nicht mal ein Theaterbillett schenken? Selma, ich finde, nächsten Sonntag Nachmittag könnten wir mal alle drei eine Partie zusammen machen! — Herr Könnecke war so gut, so sehr gut zu ihr! Und immer, wenn sie an ihn im allgemeinen dachte, kam ihr wieder jenes erste Bild vor die Augen, damals auf der Straße, als er zu dem Jungen sagte: Na ja, dann will ich es dir diesmal noch erlassen! — Immer hatte er Geduld mit ihr, auch wenn sie manchmal gereizt war, ganz ohne daß sie es wollte; sie bat ihn auch jedesmal hinterher um Verzeihung und sagte: Ich weiß ja, daß Sie es gut mit mir meinen! — Es war schließlich so, als wenn er und Fox die Rollen getauscht hätten, als wäre Fox ein Außenstehender, er selbst aber ihr natürlicher Schutz und Berater. Fox, unbewußt ganz zufrieden damit, fühlte sich doch in seinen Rechten zuweilen beleidigt. Herr Könnecke schenkte Lotte ein Billett zu einer Posse. Nein! sagte Fox, ich erlaube dir nicht, daß du hingehst. Das Stück ist ganz frivol, paßt nicht für junge Mädchen! — Du brauchst ja auch nicht hinzugehen, antwortete sie, in Gegenwart Herrn Könneckes mutiger. — Fällt mir auch gar nicht ein, aber du gehst ebenfalls nicht hin, ich will es nicht haben, also tust du’s nicht! — Jetzt schritt Herr Könnecke ein. Zu viel hatte er sich von dem jungen Manne bieten lassen. Wieviel hatte er schon stillschweigend heruntergeschluckt, gar nicht davon zu reden, daß er jetzt abends seine Pfeife nicht mehr rauchte, aus Rücksicht auf Fox, der, wie er sagte, seinen schlechten Knaster nicht vertragen konnte. — Ich habe ihr das Billett geschenkt, sagte er mit fester Stimme, und ich kann es verantworten, daß sie das Stück auch sieht. — Lotte, also ich sage dir — wenn du mich lieb hast — — Ach sei doch still! unterbrach sie ihn heftig, aber gleich darauf kam sie zu ihm hin und fuhr fort: Ja, Fox, wenn du es nicht willst, so gehe ich nicht! Aber nun war er beleidigt, zuckte die Achseln und sagte: Meinetwegen tu was du willst — wenn du andern Leuten mehr glaubst als mir — und verließ grollend das Zimmer. — Ich will nicht gehen! Sie blickte ratsuchend auf Herrn Könnecke. — Wie Sie wollen, sagte er ruhig. — Nein, nun kränke ich Sie auch noch, und Sie haben sich das so schön für mich ausgedacht! Ich gehe doch, aber Sie müssen Fox sagen, daß ich nur gehe, weil Sie sich das so schön für mich ausgedacht haben! — Sie ging wirklich, und merkte sich den Inhalt der einzelnen Akte ganz genau, um Großmutter später davon zu schreiben. —
Lotte hatte ihre ganze Erfindungskraft aufbieten müssen, um Frau Bornemann erklärlich zu machen, daß sie nicht an ihrem ursprünglichen Ziele weile, sondern wo anders. Dort sei die Cholera aufgetreten, so schrieb sie, und da habe ein Onkel ihrer Freundin sie sämtlich eingeladen, auf sein Gut, das sich hier in der Nachbarschaft der großen Stadt befände; auch werde die Post jeden Tag von dem Geschäftshaus des Onkels her — sie nannte Herrn Könneckes Wohnung — hinausgeschickt. Es sei einfacher, alle Postsendungen immer an den Onkel selbst, Herrn Könnecke, zu adressieren, da die Postverbindung zum Gut hinaus sehr unzuverlässig sei und Herr Könnecke immer abends alles in seiner Equipage mitbringe. Diese langatmige Situation erfand sie, und wieder kam sie sich unsäglich schlecht vor, die alte, gute Großmutter so zu hintergehen. Aber sie war einmal in die Hintergehungen hineingeraten und mußte vorwärts. Fox wußte von diesen Täuschungen, und er wollte sie zu einer Art witziger Geistesübung machen, worauf Lotte jedoch nicht einging. — Dann nicht! sagte er; es scheint dir seit einiger Zeit überhaupt alles egal zu sein, was ich vorschlage. — Er hatte ein bitteres, gekränktes Gefühl gegen sie, und lediglich nur deshalb, weil sie das Kind erwartete. — Fox verlangte mehr Geld von seinem Vater; der begann ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner vielen Ausgaben, die sich steigerten, und auf Pitt hinzuweisen, der nicht einmal die Hälfte von dem brauchte, was Fox bekam. Diese Vorwürfe erschienen Fox ungerecht und kränkend, denn das Geld wanderte ja nun zu einem großen Teil in die Hände Fräulein Nippes. Lotte war zwar sehr bescheiden in dem was sie brauchte, aber immerhin mußte er sich ihretwegen doch sehr einschränken. Auf die Dauer jedoch wurde ihm dies unmöglich; er begann Schulden zu machen, und anstandslos borgten oder lieferten ihm Restaurateure und Geschäftsleute, da er ihnen allen schon so viel zu verdienen gegeben hatte. Von dem einen Gegenteil verfiel er nun ins andere: Er wollte sich entschädigen für alle Unbill, er zog wirklich aus und mietete sich für die kurze Zeit seines Aufenthaltes — denn inzwischen war das Semester vorgerückt und bald nahte es seinem Ende — in einer der schönsten Straßen ein. — Wie alles werden sollte, wenn erst die großen Summen kamen für Lotte, die er dann zu bezahlen hatte, wußte er vorläufig nicht. Aber daran dachte er jetzt noch nicht. — Weniger und weniger sah er Lotte; das „Problem des Weibes“ war entschieden interessanter als sie. — Lotte selbst vermißte ihn nicht, ja sie war froh, daß er nun bald ganz fortging. In den ersten Zeiten wollte sie sich das nicht eingestehen, aber mehr und mehr ahnte sie, daß auch ihre Liebe schwand. Ihre Zukunftsbilder beschäftigten sich nie mit ihm. Schmerzlich war es ihr, daß er niemals von dem Kinde zu ihr redete, daß er sagte: Wenn es da wäre, dann sei immer noch Zeit dazu. — Da wirft sie mir nun Kälte vor! Gesagt hat sie es ja nicht, aber ich fühle es durch, ich fühle es durch! so dachte Fox; und Pitt scheint sie für den zartfühlendsten Menschen zu halten! Was mir da Fräulein Nippe erzählt hat über die Art, wie er sich bei Lotte zu Anfang über die Vaterschaft des Kindes erkundigte — sie scheinen beide nichts dabei zu finden — nun, das weiß ich: Niemals wäre mir ein solches Wort über die Lippen gekommen! Neinnein, niemals! Ich finde das zynisch, ohne jede weitere Entschuldigung.
Um so wohltuender war es Lotte, daß Fräulein Nippe so oft von dem Kindchen zu ihr redete. In ihren freien Stunden saß sie bei ihr und häkelte und strickte mit ihr zusammen Sachen für das zu erwartende kleine Wesen. Einmal sagte sie: Es ist mir beinahe so, als ob ich selbst das Kind erwartete! Ach es muß doch zu schön sein, so ein wonniges kleines Ding im Arm zu halten, das einem ganz allein gehört!
Und Lotte begann sich leise auf diesen Augenblick zu freuen. Allmählich, ganz allmählich war Ruhe über sie gekommen, die furchtbare Angst um das Unabänderliche war von ihr genommen, sie erschien sich nicht mehr, so wie früher, wie das verruchte Gegenteil einer Mörderin etwa, indem sie, anstatt zu töten, einem Wesen widerrechtlich das Leben gab. Pitt sah sie nicht besonders häufig. Ihre Gefühle zu ihm waren ganz schwesterliche geworden. Wärme und Kühle gingen bei ihm durcheinander, das empfand sie wohl, aber er war der erste Mensch gewesen, der ihr half, der sie verteidigte, und das vergaß sie ihm niemals. Ab und zu besuchte sie ihn noch, ging mit ihm ein wenig spazieren und dachte nicht mehr daran, daß sie ihn belästigen könnte; dazu war sie zu ernst, zu ruhig, ihrer selbst zu sicher geworden. Unter den Bäumen, die nun ihr goldenes Laub bereits langsam zur Erde sinken ließen, saß sie manchmal mit ihm zusammen, auf einer Bank, und während sie sich still von der Mittagsonne bescheinen ließ, dachte er: Nun gibt sie bald einem Kinde das Leben! Was wird sein Schicksal sein? Und wenn es mein eigenes wäre — was für ein trostloser Gedanke, sich selbst noch einmal auf der Welt zu sehen; und dieses Kind wächst dann heran, wird groß, und sieht sich später wieder in anderer Gestalt durchs Leben schreiten, und das geht immer so fort, immer so fort, und war von allem Anfang so.
Also Lotte, sagte Fox eines Tages, indem er wieder, so wie damals beim ersten Abschied, in seinen roten Glacéhandschuhen, den steifen Hut in der Rechten, vor ihr stand, also Lotte, laß es dir gut gehen. Ich reise heute ab. Ich habe meinen Aufenthalt hier schon weit über Gebühr verzögert und kann nun nicht mehr länger warten. Meine Eltern werden ungeduldig. Ich habe Fräulein Nippe noch eine gehörige Summe für dich hinterlassen, wenn die zu Ende ist, wird sie mir schreiben; die Summen werden sich jetzt allmählich häufen, ich weiß noch nicht wie sie geschafft werden sollen, aber geschafft werden sie, das garantiere ich. Du sollst dir nicht zu allem übrigen auch noch Sorgen um das leidige Geld machen. Wo du das Kind hintun wirst, wie es versorgt wird, das schreibst du mir später wohl, natürlich postlagernd. Ich komme für alles auf, ich bin ein verläßlicher, anständiger — Vater. Ja ja, Lotte, manche Fehler rächen sich im Leben; es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie — na und so weiter. Hab nur keine Angst, wird sich schon alles überstehen! Und was unsere Zukunft betrifft — deine und meine — so kann ich dir beim besten Willen noch nichts Näheres sagen, ich habe in den nächsten Jahren große Pläne vor mir, und diese Pläne erfordern — aber Lotte unterbrach ihn: Ich weiß das alles; mach dir nicht so viel Mühe, Fox. — Na ja, sagte er, etwas verlegen; also dann: Leb wohl, Lotte! Er hielt ihre Hand einen Augenblick, indem er darauf wartete, daß sie ihm die Lippen zum Kusse bieten würde, dann nahm er ihre Wangen zwischen seine Hände und drückte seinen Mund zart und schützerisch auf ihre Stirn.
Fräulein Nippe sagte ihm allein adieu. Sie hatte Tränen in den Augen, hielt seine beiden Hände gefaßt und nannte ihn einen Ehrenmann; es tue ihr ja so leid, daß dies alles für ihn gekommen sei; ein junger Mann müsse unbeschränkt die goldne Freiheit genießen; sie verstehe es ja so gut, daß er gegen Lotte mehr Ungeduld als sonst etwas empfinde; andere könnten es gefühllos nennen — aber es sei das Recht der sieghaften Jugend! Wieviel besser es doch gewesen wäre, wenn dieses ganze Unglück seinen Bruder Pitt getroffen hätte, der — na seien wir offen, zu Ihnen darf ich schon ein freieres Wort reden! — im Grunde ein wenig stumpfsinnig dahinlebe! — Absolut nicht, absolut nicht! sagte Fox, dessen Familienstolz sich regte, aber im Herzen dachte er: Recht hat sie! Endlich doch mal ’ne Person, die mich versteht! — Mein Vetter, fuhr sie fort, sitzt nun in seiner Schule und kann Ihnen nicht adieu sagen, leider. — Ist auch gar nicht nötig, dachte Fox, denn seine Sympathie für Herrn Könnecke war in der letzten Zeit wesentlich herabgemindert. —
Und du, sagte er zu Pitt, willst du nun wirklich ganz hier bleiben in den Ferien? Ja du kannst dir das schon leisten; ich muß zurück zu den Alten, ich bin Pleite, absolut Pleite! — Er hinterließ ihm noch einen Haufen Aufsätze, die er in den letzten Monaten zusammengeschrieben hatte, und die zumeist über das Bühnenwesen handelten. — Ich habe da erst mal mit groben Besen gekehrt, die feineren kommen später dran, und die eigentliche positive Arbeit beginnt erst, wenn dieser Augiasstall einmal ganz ausgemistet ist! Mein Lehrer hat mir vorgeschlagen, ich solle Dramaturg oder Regisseur werden, aber solche Tätigkeit ist doch eine zu untergeordnete. —
So räumte Fox wirklich das Feld. Zu Hause ist es doch am besten, man mag sagen, was man will! dachte er, als er im heimatlichen Bahnhof abstieg: Die Heimat ist ein Hafen, in den man sich allzeit flüchten kann vor den Miseren des Lebens. Und die praktische Bestätigung dieses Ausspruches sollte er erfahren, als er sich endlich entschloß, sich seiner Mutter anzuvertrauen, da er beim besten Willen nicht mehr wußte, wie er nun das viele Geld für Lotte schaffen solle. — Du bist mir ja ein schöner Windbeutel, du bist mir ja ein sauberes Früchtchen! so sprach Frau Sintrup und ließ diesen Bildern noch mehrere folgen, die gleichfalls dem Gebiet der Konfitüren entlehnt waren. Aber dann verstand sie sich doch dazu, Fox die Summe zu bewilligen, um die er bat. Alles mußte er ihr erzählen, von Anfang bis zu Ende, und wie es nichts mehr zu fragen und zu erzählen gab, sagte sie, sie wolle nicht in nähere Einzelheiten eindringen, die Tatsache sei ihr genug. Ähnlich sprach sie zuweilen zu Herrn Sintrup, wenn der ihr seine Erlebnisse beichtete, aus einem innern Gefühl der Anständigkeit und aus einer Forderung des Gemüts heraus. —
Lotte wartete der Zukunft entgegen, die Zeit verging. Frau Bornemann schrieb seit einigen Wochen mahnende Briefe, es sei nun die höchste Zeit, daß sie zurückkomme, der Lehrkurs des neuen Halbjahres beginne bald, und mit bescheidener Frivolität fragte sie endlich an, ob Lotte sich etwa verliebt habe und darum nicht zurückkomme? Sie hätte ja dem Kind so gerne den Lehrberuf erspart! Ach, wenn sie sich doch verlobt hätte! —
Und Lotte wartete in dieser stillen Zeit ihrem Ereignis entgegen, mit immer größerer Ungeduld, so wie man in kostbaren freien Tagen draußen den zögernden Frühling erwartet, ehe man in die dunkle Stadt zurück muß und in das graue Einerlei des Lebens, das nichts von den Herrlichkeiten da draußen weiß. Alle Angst hatte sie verloren, sie war zuversichtlich still und beinah glücklich. — Es handelt sich nur noch um Wochen! sagte Fräulein Nippe zu Herrn Könnecke, und setzte sich mit einer Frau in Verbindung, da sie sich diesem Dienste nicht gewachsen fühlte.
Lotte war viel für sich allein; sie suchte die Einsamkeit. Sie dachte an die eigne Kindheit, an ihre Eltern, die nun schon lange tot waren, an die Großmutter, die ihr nun alles ersetzte. Und stärker als früher war das Gefühl in ihr, sie handle unrecht, indem sie diese Frau hinterging, die stets nur das Beste für sie gewollt hatte. — Lotte hatte sich an ihren Zustand, an den Gedanken, der ihr anfangs selber so unfaßbar war, gewöhnt; alles Schreckliche lag so weit hinter ihr, daß es nur noch als ein Schatten in die ruhige Wirklichkeit hineinragte. Unwillkürlich übertrug sie diese Ruhe auch in die Vorstellungen, die sie von ihrer Großmutter hatte: Vielleicht, wenn sie doch einmal alles erfuhr, wie Pitt immer sagte, vielleicht würde es sie dann viel mehr schmerzen, daß Lotte kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte, daß sie zu andern, zu fremden Menschen ging. Vielleicht würde sie, wenn Lotte jetzt zu ihr kam, ehe das Kind geboren war, sie zwar sehr traurig aufnehmen, aber doch wenigstens froh darüber, daß sie ihre Furcht und Angst besiegte und Vertrauen bei ihr suchte; sie war doch die Mutter ihrer Mutter! Es traten Lotte die Tränen in die Augen; die Sehnsucht nach ihrer Großmutter wurde immer stärker, es wurde ihr zu immer größern Gewißheit, zu immer dringenderer Forderung, daß sie fort, daß sie zu ihr müsse. Fräulein Nippe redete ihr ab: Das sei so eine vorübergehende Stimmung; wenn sie ihr folgte, würde sie es wahrscheinlich bitter zu bereuen haben. Sie rief ihr ihre erste Angst, ihre Furcht zurück, aber Lotte sagte: Großmutter kann mich ja gar nicht verfluchen, sie hat mir ja nie, nie das geringste Wirkliche gesagt, sie müßte sich ja selbst verfluchen! — Aber Fräulein Nippe blieb bedenklich und sagte: Kind, ich kenne die Leute besser; das ist ja alles schön und richtig, aber die Scheuklappen, die sie andern um die Augen legen, werden zu schweren Eisenpanzern, in die sie ihre eigenen Seelen hüllen, und unbarmherzig ziehen sie daraus das Flammenschwert des Gerichtes hervor, mit dem sie ihr Opfer dann umgarnen! Tun Sie es nicht, tun Sie es nicht!
Auf Lotte machten derartige Reden im Augenblick wohl Eindruck, aber er stumpfte sich ab, ihre Sehnsucht wurde stärker und stärker, und schließlich wurde sie einzig und allein von dem Gefühl beherrscht: Nach Hause! Mochte alles kommen wie es wollte. —
Da ihr Entschluß nicht mehr zu erschüttern war, erbot sich Fräulein Nippe, voranzureisen und Frau Bornemann auf alles vorzubereiten. Lottes Plan erschien ihr nicht mehr so verwerflich, sowie sie sich selbst eine Rolle in ihm spielen sah, und was für eine Rolle! In Gedanken war sie schon gerührt über die Worte, die sie sprechen wollte, dann würde sie Lotte hinter einem Vorhang hervorziehen — sie sah einen grünen Vorhang vor sich — und dann würde sie eine segnend-symbolische Bewegung machen. — Aber Lotte wies ihr Anerbieten mit Dank zurück; sie wollte allein gehen, ganz allein, nur vorher schreiben, daß sie käme.
Herr Könnecke war fast bestürzt über diese Wendung. Er äußerte dies unverhohlen und sah Lotte mit traurigen Augen an. Und als sie Abschied nahm, hielt er ihre Hand lange in seinen beiden, sagte immer wieder: Ach Gott, nein ist das traurig, ach Gott, nein ist das traurig, und es war ihm, als wolle er noch viel mehr sagen, aber er brachte kein Wort weiter heraus. — Ihr selber kamen die Tränen: Ich bin Ihnen so sehr vielen Dank schuldig, ich weiß garnicht, wie ich Ihnen das vergelten soll! — Das ist doch nicht der Rede wert, sagte Fräulein Nippe, ich habe das alles sehr gern für Sie getan. — Lotte wußte nicht, wem sie mehr danken sollte, ihm oder ihr. Und doch: Herrn Könnecke war sie noch viel dankbarer als Fräulein Nippe, die es ja auch stets gut mit ihr gemeint hatte; aber Herr Könnecke war doch noch anders: Er hatte niemals irgendein Wort darüber verloren, was er für sie tat, alles war schweigend, selbstverständlich geschehen, niemals würde er gesagt haben, daß sie eine „arme Schluckerin“ sei. —
Pitt begleitete sie zur Bahn. Im Wagen gab sie ihm den Brief zu lesen, den sie an ihre Großmutter geschrieben hatte, aber noch immer bei sich trug. Er fing an: Mutter meiner Mutter! Indem du selbst das Leben in allen seinen Tiefen kennen gelernt hast, lenkt mein Herz vertrauensvoll den Pilgerstab zu dir. — Nicht wahr, das geht doch nicht, das klingt so — so beinah unbescheiden! — Hat dir Fräulein Nippe diesen Brief aufgesetzt? fragte Pitt und lachte. — Ja! und sie sagte, er sei in seiner Art geradezu vollendet! — Allerdings! sagte Pitt, da hat sie recht. — Sie habe ihn fünf-, sechsmal umgearbeitet und immer wieder daran gefeilt, und wenn ich ihn nun nicht einmal abschreiben wolle, für wen sie sich dann die große Mühe gemacht habe?! Da habe ich ihn abgeschrieben, um sie nicht zu kränken, aber abgeschickt habe ich ihn doch nicht! — Das ist auch viel besser, sagte Pitt; so siehst du deine Großmutter erst in der Wohnung; vielleicht wäre sie sonst auf die Bahn gekommen. — Leb wohl, Pitt, und — und — ich habe dich doch viel lieber als Fox! so sagte sie leise und küßte andachtsvoll seine Wange.
Was tust du denn da mit dem Fernrohr? fragte Fräulein Nippe und lugte zwischen den Wänden der Hinterhäuser hindurch, auf das ferne freie Feld. — Ich wollte nur den Zug sehen, sagte Herr Könnecke treuherzig, mit dem sie abgefahren ist; gerade ist er durchgekommen.
Lotte näherte sich ihrem Ziele. Ihre zuversichtliche Stimmung nahm langsam wieder ab. Sollte sie nicht doch irgendein vorbereitendes Wort an ihre Großmutter schicken? Sollte sie nicht telegraphieren? Aber sie wußte, wie sehr Frau Bornemann über jedes Telegramm erschrak, und außerdem: war es richtig gehandelt? — O wenn doch alles gut ausging! Großmutter konnte sie ja gar nicht anders als freundlich aufnehmen! Aber wenn sie sie nun überhaupt nicht aufnahm, — wenn sie sagte: Lotte gehöre auf die Straße — und vor ihr die Tür ins Schloß warf? Aber sie war doch ihre Großmutter, die Mutter ihrer Mutter! — So zogen in Lotte die Empfindungen wechselnd hin und her, während draußen die Telegraphendrähte langsam auf und nieder schwebten, wie von zwei verschiedenen Mächten bewegt, die sich befehdeten. Sie verfolgte diesen ewigen schwankenden Wechsel, brachte ihn mit ihrer eigenen Furcht und Hoffnung in Verbindung, und dann lenkte sie gewaltsam die Augen davon ab, da es ihr die Brust zuschnürte. Sausend flogen Dörfer und Felder an ihr vorbei, die Sonne sank fern hinter braunem Ackerland und sprühte einen Goldstaub auf den dunklen Grund. Der Himmel rötete sich mehr und mehr, die Welt schien wie in einem Flammenmeer zu brennen, ganz still, ganz lautlos, während nur das Rollen der Räder weiterbrauste, und dann sank alles langsam in ein fahles, erstorbenes Licht, die Bäume ließen sich nicht mehr genau erkennen, alles wurde zu starrenden, drohenden Massen. — Wenn ich doch da mitten drinnen wäre! dachte Lotte; niemand wüßte dann von mir, keiner erführe etwas von mir, ich wäre ganz allein. — Und sie versank wieder in Angst und Sinnen. —
Sie reisen gewiß sehr weit? fragte plötzlich eine laute Stimme. — Lotte gegenüber saß eine Frau, die sie schon lange teilnehmend betrachtete. Solange es irgend anging, hatte Lotte alles getan, um ihren Zustand vor den Menschen zu verheimlichen. Später sagte ihr dann Fräulein Nippe, sie brauche sich durchaus nicht zu schämen; im Gegenteil: Eine Frau, die ein Kind erwarte, sei ein erhebender Anblick; außerdem wisse ja doch niemand, daß sie nicht verheiratet sei. — Lotte räusperte sich und nannte ihr Ziel. — Gewiß ist es Ihr erstes Kind, das Sie erwarten! sprach die Frau weiter und betrachtete sie mit Zufriedenheit, da sie gut gepflegt aussah, einfach gekleidet war und einen sympathischen Eindruck machte. Ja, sagte Lotte, es ist mein erstes Kind. — Unwillkürlich ließ die Frau ihre Augen zu Lottes Hand gleiten, um den Trauring zu suchen. Aber Lotte trug wollene schwarze Handschuhe. — Ihr Mann erwartet Sie wohl an der Bahn? — Ja, er erwartet mich an der Bahn. — Die Frau nickte beruhigt und sagte: Ja ja, zu Hause hat man es doch am besten! —
Endlich hielt der Zug an ihrem Bestimmungsort, der Endstation des ganzen Zuges überhaupt. Lotte sagte der Frau hastig adieu, und suchte sich möglichst ungesehen zwischen den Menschen zu verlieren, indem sie anfangs den Kopf hin und her wendete, indem sie tat als spähe sie nach jemand, denn die fremde Frau konnte ihr vielleicht nachblicken. — Dann nahm sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Wie sie alle die bekannten Straßen sah, wurde ihr immer ängstlicher ums Herz. Das Bild ihrer Großmutter, wie es allmählich in ihrer Vorstellung sich verändert hatte, verwischte sich mehr und mehr; ihr Bild, so wie es war, trat ihr immer deutlicher vor die Seele; und als der Wagen endlich hielt, klopfte ihr Herz so stark, daß sie nicht vermochte sogleich aufzustehen und auszusteigen. Zudem ging eine ihr bekannte Frau den Bürgersteig entlang; die durfte sie nicht sehen. — Es muß sein! dachte sie, erhob sich — gezahlt hatte sie gleich zu Anfang — und mit gesenktem Kopf, in dem Gefühl sich möglichst zu verbergen, eilte sie in das Haus hinein. Langsam stieg sie die Treppe hinauf; mehrere Male blieb sie stehen. Sollte sie nicht wieder umdrehen, wieder auf den Bahnhof fahren, irgendwo hinreisen, um sich zu verstecken? — Im untern Stock erklangen Stimmen; da schritt sie wieder aufwärts. Dann stand sie vor der Tür. Da war das Porzellanschild ihrer Großmutter, dies kleine, ovale Schild, das sie kannte fast solange sie denken konnte. Sie starrte darauf hin. Das Angstgefühl stieg ihr im Halse auf. Eine unbekannte Visitenkarte war daneben auf die Tür geheftet. Sie las den Namen ganz mechanisch, ganz mechanisch las sie ihn rückwärts, die Buchstaben umdrehend, immer wieder. Das Herz klopfte ihr jetzt bis in die Fingerspitzen. Da hörte sie inwendig einen Schritt, den Schritt ihrer Großmutter. Sollte sie etwa von selbst die Tür öffnen? Vielleicht in Hut und Mantel herauskommen und Lotte überraschen? Fast bewußtlos hob sie den Finger und läutete. Es verging eine kleine Zeit, da hörte sie den Schritt wieder. Schlürfend, langsam näherte er sich der Tür. Endlich, endlich war er da. —
Wer ist da draußen? fragte Frau Bornemann von innen. — Ich! — Aber das Wort kam so tonlos heraus, daß sie etwas lauter hinzusetzte: Lotte. — Jetzt öffnete sich die Tür, Frau Bornemanns Gesicht zeigte sich, freudig überrascht: Ach Lotte, Lottchen, du bist es! — Aus der Wohnung drinnen erklang ein Klavier, jemand spielte einen Walzer. Lotte hielt sich gegen einen Pfeiler gedrückt, unbeweglich stand sie da. Frau Bornemann wollte auf sie zugehen, aber nach dem ersten Schritt hielt sie inne, der freudige Gesichtsausdruck verschwand, entsetzt starrte sie auf ihre Enkelin. Lotte wollte etwas sagen, irgend etwas, es war, als sei ihr die Kehle fest zugebunden. — Allmächtiger Gott! hörte sie da die Stimme ihrer Großmutter rufen, langsam, ganz wie aus der Ferne. Frau Bornemann trat auf sie zu und sah sie mit einem Blicke an, daß Lotte die Augen schloß. Sie öffnete sie aber gleich wieder, da sie ein Geräusch hörte, das ihr zum Herzen fuhr: Frau Bornemann tastete in die Luft und wankte. Lotte hielt sie und vermochte sie hineinzuführen ins Zimmer. Sie setzte die alte Frau in ihren Lehnstuhl und ließ sich selbst auf das Sofa sinken, betäubt, stumpf. — Die Schande! rief Frau Bornemann auf einmal laut, und Lotte sah entsetzt auf sie, denn es klang gar nicht wie die Stimme ihrer Großmutter. — Die Schande! wiederholte sie, und plötzlich machte sie sich aus ihrem Sessel los und trat auf Lotte zu: Fort, fort aus dem Hause, fort aus meinen Augen, du hast hier nichts mehr zu suchen, mach, daß du herauskommst, geh hin wo du hergekommen bist, ich will nichts mehr von dir sehen, heraus sollst du, hast du mich nicht verstanden? — Sie drängte Lotte durch das Zimmer auf den Vorplatz, und vom Vorplatz wollte sie sie durch die letzte Tür zur Treppe drängen. — Aber Großmutter — aber Großmutter — mehr brachte Lotte nicht heraus, doch sie klammerte sich fest an sie, in Todesangst, so daß Frau Bornemanns Kräfte erlahmten. — Was ist denn da draußen los? tönte eine fremde Stimme aus der Tiefe des Ganges. Die Musik war plötzlich abgebrochen. — Ein kurzes Schweigen herrschte. Frau Bornemann hatte einen neuen furchtbaren Schreck bekommen, während Lotten diese Stimme wie eine Hilfe, wie eine Rettung aus ihrer Not klang. — Nichts ist los! antwortete Frau Bornemann mit unsicherer Stimme, gar nichts ist los, spielen Sie nur ruhig weiter. — Die Tür schloß sich, nachdem sich der Fremde noch einen Augenblick lauschend oder wartend auf der Schwelle verhalten haben mußte. Frau Bornemann ließ Lotte auf ihrem Platze stehen und tastete sich in ihr Zimmer zurück. Das Klavierstück ertönte von neuem. Lotte blieb unbeweglich. Ihr war, als sei sie überhaupt gar nicht mehr auf der Welt. — Aber sie konnte doch nicht immer hier stehen bleiben! Halb ohne Bewußtsein von dem was sie tat, schritt sie auf den Vorplatz zurück, schloß die Tür und suchte dann den Eingang zu ihrem eigenen Zimmer. Aber die Musik klang hinter dem Holz ganz laut, so daß sie den Griff wieder sinken ließ. — Zwei Mieter; dachte sie mechanisch, ich habe draußen doch nur eine Karte gesehen. In Foxens Zimmer konnte sie auch nicht; sollte sie in die Küche? Nein, sie wollte zur Großmutter, sie wollte ihr alles erzählen, sie mußte sie erweichen. — Frau Bornemann hatte sich aufs Sofa gelegt und hielt das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. — Großmutter! — — Großmutter!! — Schrei noch das ganze Haus zusammen, flüsterte Frau Bornemann mit heftiger Stimme, posaune deine Schande nur aus, dir liegt ja nichts an dem Ruf der Familie, es ist dir ja ganz gleich, ob du deine Großmutter ins Grab bringst — o hätte ich das gewußt, als ich dich zu mir nahm, daß du meine Liebe mit so schnödem Undank erwidern würdest! — Sie überhäufte Lotte nun mit den ärgsten Schmähreden, die Lotte stumpf über sich ergehen ließ. — Aber wie sich Frau Bornemann in ihren Ausdrücken jetzt immer noch zu überbieten suchte, brannte in ihr ein Gefühl bitterer Empörung auf: Du bist ja selbst mit schuld! rief sie, wie ein Kind hast du mich gehalten, nichts habe ich gewußt, gar nichts, ahnungslos habe ich etwas getan ohne überhaupt zu wissen was es war. — Frau Bornemann stand wie versteinert. Dann brach sie los: Ich, ich hätte dich gewissenlos erzogen? Ich, die immer nur dein Bestes im Auge gehabt hat? Danke deinem Schöpfer, daß ich dich wie ein Kind gehalten habe, rein und unberührt! Sollte ich deine und meine Ohren mit solchem Schmutz entweihen? War es nicht genug, daß ich dich warnte vor den Männern, daß ich dir sagte: Der Mann ist gleißnerisch, schön tut er in seinen Reden, aber, läßt man sich mit ihm ein, so lugt der Satan hervor?! Und mach du mir nicht weis, daß du mich nicht verstanden hättest! Ich bin selbst zur Schule gegangen und weiß, worüber junge Mädchen leider Gottes viel zu viel reden! Die eine weiß dies, die andre weiß das, und wenn es auch manchmal nicht stimmt, den Kern trifft es immer! Es gelingt dir nicht, dich reinzuwaschen, schmutzig bist du und bleibst du, und an deiner Großmutter hängt auch nicht das Stäubchen von einem Makel! — Lotte wollte antworten, die Gedanken verwirrten sich ihr. — Laß dir doch wenigstens alles erzählen wie es gekommen ist! Frau Bornemann zitterte am ganzen Körper: Ich will nichts hören, ich sehe schon genug! Meine Ohren sollen nicht auch noch befleckt werden mit diesem Kot! Und als Lotte dennoch zu reden anhob, hielt sie sich wirklich die Ohren zu. —
Was sollte nun werden? Bestand die Großmutter darauf, daß sie das Haus verließ? Frau Bornemann hielt die Augen geschlossen und rührte sich nicht. Es wurde Lotte plötzlich dunkel vor den Augen. — Wo willst du hin?! fragte Frau Bornemann herrisch, als sie Lottes Bewegung hörte und dann sah. — Du rührst dich nicht vom Platze! keinen Schritt tust du, ohne mich um Erlaubnis zu fragen! Was willst du in der Küche? — Essen. — Essen! Seh einer mal an! Essen möchte sie, wenn ihre Großmutter am Tode liegt, durch ihre Schande! Nichts wird gegessen, und jetzt setzt du dich augenblicklich hin und erzählst mir von Anfang an wie alles gekommen ist! — Lotte setzte sich und schloß die Augen. — Nun, wird’s bald? — Und Lotte erzählte; alles was sie sagte, kam ihr selbst unsäglich schmutzig und verabscheuenswert vor, obgleich sie nicht viel mehr erzählte, als was sie früher Pitt und Fräulein Nippe anvertraut hatte. Frau Bornemann unterbrach sie durch einzelne Rufe der Klage oder des Ekels. — Dieser Lump! dieser Heuchler! dieser Schuft! Und das alles unter meinen Augen beinah, unter meinen reinen, ahnungslosen Augen! Und weshalb bist du nun im letzten Augenblick doch her zu mir gekommen? — Ich hatte Sehnsucht nach Hause und nach dir! — Frau Bornemann schlug ein höhnisches Gelächter auf: Hast du mich so lange betrogen, hättest du mich auch noch ein bißchen länger betrügen können, das wäre dir wohl nicht allzuschwer geworden! Geld wolltest du haben, das ist die ganze Geschichte, Geld, jetzt, wo es dir an den Kragen geht! Dazu ist die alte Großmutter gut genug, versteht sich, nun muß ich auch noch das letzte hergeben, mein Sparkassenbuch, für dich, du Rabenkind! — Geld, sagte Lotte, brauche sie nicht, für Geld sorge Fox. — Nenne diesen Namen nicht mehr! Ich will ihn nicht hören! und, ihre ersten Worte vergessend, fügte sie hinzu: Natürlich, dafür hat sie gesorgt! kaltherzig gesorgt, alles hinter meinem Rücken! Als ob es nicht meine Sache gewesen wäre, das Geld zu schaffen! Ich hätte den Monsieur schon anders fassen wollen! Zu seinem Vater wäre ich gereist! Wieviel gibt er dir, der Monsieur? — Ich weiß es nicht, sagte Lotte stumpf, aber er hat mir schon viel gegeben und noch viel versprochen. Frau Bornemann erklärte, sie werde sich noch diese Nacht auf die Bahn setzen, und zu seinem Vater reisen. Lotte beschwor sie, das nicht zu tun, es werde ja auch aus der Ferne alles geregelt werden.
Sie fühlte sich ganz schwach; sie sagte, sie müsse etwas zu sich nehmen, sie wäre einer Ohnmacht nahe. — Hier bleibst du! rief Frau Bornemann, sich vom Sofa erhebend, keinen Schritt tust du, ohne mich zu fragen, verstanden? Ich bringe dir schon was du nötig hast. — Sie ging hinaus und bereitete ihr ein kleines Abendessen. Lotte aß heißhungrig, ohne ein Wort, dann bat sie um einen Schluck Wein. —
Frau Bornemann beruhigte sich in den nächsten Tagen allmählich, ihre Klagen wurden weniger heftig: Ach das Kreuz, ach das Kreuz, das Gott mir auf meine alten Tage noch auferlegt hat! — Ihre größte Angst und Besorgnis war, es möchte jemand aus dem Haus, aus der Umgebung etwas von der Schande erfahren. Lotte durfte keinen Schritt aus dem Hause, ja selbst nicht aus dem Zimmer tun. Den beiden Mietern wurde unvermittelt gekündigt. Demütig bat Frau Bornemann, sie möchten Rücksicht auf sie arme Frau nehmen: Ihr Sohn in Amerika habe seinen Besuch plötzlich angesagt, es sei dies die letzte Freude ihres Lebens, obgleich er totkrank sei und sie ihn pflegen müsse, und wenn sie ihn nun nicht einmal bei sich aufnehmen könne, so wisse sie nicht, wie sie den Kummer und die Beschämung überleben solle! — Die beiden Herren waren gutmütig genug Rücksicht zu nehmen und auszuziehen. — Ich wäre fast in den Boden gesunken vor Scham, als ich ihnen das vorlog! Ich ehrliche Greisin, daß mich meine eigene Enkelin noch auf meine alten Tage zwingt, Unwahrheiten zu sagen! — Lotte antwortete nichts, sie schwieg jetzt immer, wenn die Großmutter schalt; und Frau Bornemann schalt noch genug. Immer wieder fing sie von vorne an, jeden Tag, wenn auch ihre Ausdrücke allmählich mehr gleichsam hergesagt klangen. Nachdem sie von sich selbst nichts mehr zu sagen wußte, ging sie zu den Eltern über und sagte, die würden aus ihren Gräbern fluchen. Und dann fügte sie hinzu: Dein Vater allerdings täte besser seinen Mund zu halten, von dem hast du’s geerbt, dies saubere Wesen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Ach Gott, daß ich auch dem damals meine Tochter geben mußte!
Lotte zog sich ganz in sich selbst zurück. Am schmerzlichsten war es ihr, daß ihr eigener Anblick der Großmutter so verabscheuungswürdig war, daß sie sie ohne ihren Willen, gegen ihren Willen immer wieder an das Unglück erinnern mußte. Und diese Erinnerungen wurden zu Mahnungen. Sie überwand sich Frau Bornemann zu sagen, daß es nun an der Zeit sei, Schritte zu tun oder zu veranlassen. Einsilbig, blaß, vergrämt saß sie in ihrem Winkel, aus dem sie sich, wenn es dunkel war, erheben durfte, um, in einen weiten Mantel gehüllt, einen Schleier um den Hut gebunden, lautlos und langsam die Treppe hinabzusteigen und ein wenig an die Luft zu gehen. Sie schrieb an Fräulein Nippe, daß nun doch alles anders gekommen wäre, und daß ihre einzige Hoffnung sei, sie möchte bei der Geburt mit dem Kinde zugleich sterben, denn sie sähe weder für sich noch für das Kind irgendeine künftige Lebensfreude voraus. Daß Fox sie einmal heiraten werde, daran denke sie nicht mehr, könne es auch gar nicht wünschen, denn all ihre Liebe zu ihm sei erloschen, sie begreife nicht, daß sie ihn überhaupt je einmal geliebt habe. Was werden solle, wisse sie nicht, sie suche die bösen Gedanken zu verbannen, aber sie kämen immer wieder. Das Kind sei nun in den allernächsten Tagen zu erwarten. Und doch könne sie nicht anders als sich wieder freuen auf dies Kind, das ihr einziges und alles sei, was sie besitzen werde, auf das sie allein und niemand anders ein Recht habe, und das seine Mutter vielleicht doch einmal lieb haben werde, so daß sie nicht ganz allein und ausgestoßen auf der Welt sei. —
Fräulein Nippe las diesen Brief tränenden Auges Herrn Könnecke vor, und Herr Könnecke sagte: Ach das arme Kind, wenn ich nur wüßte wie man ihr dauernd helfen könnte! — Herr Könnecke wußte es allerdings ganz genau. Er hatte schon manchmal über diese Hilfe nachgedacht, die gar keine Hilfe war, auch gar keine „gute Tat“, denn er erwies sich ja selbst etwas Gutes damit! Aber dem standen wieder Bedenken entgegen: Er wußte ja gar nicht, ob Lotte ihn wirklich nehmen würde, wenn er sie darum bat, und dann — seine Cousine! Es kam ihm so schlecht gehandelt vor, so beinah heimtückisch, wenn er nun Lotte heiraten und sie dann allein lassen würde. Er hätte nicht gewußt, wie er überhaupt nur den Mut haben sollte ihr das zu sagen, denn sie war doch so gut, so engelsgut zu ihm! Sie hatte das Leben und seine Aufregungen und Plagen mit ihm geteilt. Sollte nun das der Dank sein, daß er sie verließ? — Aber Fräulein Nippe war seinen Gedanken schon seit langem auf der Spur. Und da er nicht redete, so redete sie. Er wurde dunkelrot bei ihren ersten Worten. — Ich weiß ja, sagte sie mit leisem Zittern in der Stimme, ich weiß ja, daß ich dir nie mehr als eine Schwester sein kann, und was war der Wunsch meines Lebens? Mit diesen meinen Händen hätte ich die Backsteine zusammengetragen, um dir einen häuslichen Herd zu bauen, Zentnerlasten hätte ich für dich geschleppt, gearbeitet hätte ich für dich, bis ich vor Erschöpfung zusammengebrochen wäre, mit erstarrten blauen Händen in der Winterskälte — es hat nicht sollen sein! Habe ich nun auf das Glück verzichtet, warum willst auch du auf das Glück verzichten? Liebster, wonnigster, einzigster Mann, greif zu! Das Glück liegt auf der Straße! Wahrhaftig, wirklich auf der Straße! Das arme Kind ist ja so gut wie auf die Straße gesetzt! Da sitzt sie nun auf einem Meilenstein und streckt suchend die Hände aus nach einer Stütze! Sei du ihr diese Stütze, sei du ihr der Eichbaum, an dem sie sich emporrankt! Sie nimmt dich, das ist ohne Frage! Man hat doch Dankbarkeit im Leibe! Ich sollte die Frau nicht kennen, wenn ich nicht wüßte: wenn eine von ihrem Schatz verlassen ist, noch dazu wenn sie ein Kind erwartet, und es kommt ein andrer und steht ihr als wahrhafter und guter Freund bei, daß sie den dann nicht lieben sollte. Erst Dankbarkeit, dann Liebe, das kommt so sicher, wie auf den Blitz der Donner folgt. Laß du nur, so schloß sie, dem gewählten Bilde eine neue Deutung gebend, dies Donnerwetter erst einmal vorüber sein, das die schlummernde Frucht aus dem Mutterschoß der Erde an das Licht emporbringt, und dann spanne du den Regenbogen des Friedens zwischen ihr und ihrem Schicksal! Ich selbst aber lächle dann wunschlos auf euer Glück herab und füge eure Hände ineinander! — Sie schluchzte und barg die Stirn an Herrn Könneckes Schulter. — Nein, ich verlasse dich niemals! sagte er. — Aber möchtest du sie denn nicht heiraten? — Er überlegte, wie er ihr antworten sollte ohne ihr weh zu tun, denn dazu genügte seinem Gefühl nach schon ein „Doch“, das ihm auf der Zunge schwebte. — Diese Pause, sagte sie, ist ein ganzer Band, in dem ich die Geschichte deiner Seele lese, du bist mir wie ein aufgeschlagenes Buch, in dem jede Seite rein und weiß ist. — Er weigerte sich nun aber doch, irgend einen Schritt zu tun, denn diese Liebe und Güte rührte ihn zu sehr. Da aber sagte sie, es wäre ein Verbrechen, eine Unterlassungssünde, die er jetzt zu begehen im Begriff sei, ein Verbrechen wider das keimende Leben seiner Liebe, die er mit gefühlloser Hand zu erwürgen trachte. Wenn er keine Schritte tue, so tue sie sie ganz wahr und heilig. — Und du? fragte er. Wo willst du denn später hin? Es ist doch schrecklich für dich, wenn du dann allein bist! — Ich? ich wohne dann selbstverständlich nach wie vor bei dir! Ein bißchen Liebe wird wohl noch für mich abfallen, wenigstens soviel, als ich bisher genossen habe; ich habe mich doch wahrhaftig daran gewöhnt mich zu bescheiden; ohne mit der Wimper zu zucken, kann ich zusehen, wie du deine Frau küßt!! — Sie hatte sich aus seinem Arm gelöst und stand in einer heroischen Haltung da. Sie fühlte sich ganz als Trägerin einer großen, hehren Rolle; sie erschien sich wie ein Abgesandter Gottes, wie ein Engel, der das Glück bringt; ja mehr als das, denn ein Engel ist wunschlos und dem Erdenkummer fern. — Herrn Könnecke hatte es, ohne daß er es wollte, etwas unbehaglich durchfahren, als sie sagte: sie bleibe dann selbstverständlich bei ihm. Er verbannte dies Gefühl aber sogleich als schlecht und niedrig, er wußte nicht einmal, wie er zu ihm gekommen war, und nach einer Pause sagte er: Ja, wenn du wirklich meinst — —?! Und als Fräulein Nippe auf Lottes Brief eine Antwort schrieb, fügte er einige Worte bei, daß auch er in der Ferne viel an sie denke und teilnehme an ihrem Schicksal.
Lotte war dankbar, unsäglich dankbar, namentlich für seine Worte, da sie so einfach und natürlich waren, während Fräulein Nippes Sätze einen so getragenen Stil der Empfindung zeigten. Um so dankbarer war sie, als sie als einzig Wohltuendes in ihre öde Einsamkeit gelangten. — Frau Bornemann hatte allerdings ihre bösen Reden aufgegeben, da sie sah, welch schlimme Wirkung sie auf Lotte taten, aber sie sprach nun so gut wie gar nicht mehr zu ihr, erledigte alles was sie für ihre Pflicht hielt, und glaubte damit den Anforderungen zu genügen, die man an sie stellen konnte. Mit der größten Geheimhaltung waren alle Vorkehrungen getroffen, Ehrenwörter auf Verschwiegenheit abgenommen, alles Notwendige war in entfernten Stadtteilen eingekauft, und endlich trat das Ereignis wirklich ein.
Lotte überstand es gut und glücklich. Es war ein Knabe, dem sie das Leben gab. Mit stillem Glück betrachtete sie das kleine Wesen, um das sie soviel tötliche Angst, soviel Sorge, Kummer, Erniedrigung und jetzt auch noch die heftigsten körperlichen Schmerzen erduldet hatte. Ganz klein und still lag es da, mit geschlossenen Augen und geschlossenen Fäustchen. Frau Bornemann sah halb mit Ekel, halb mit Mitleid auf das arme kleine Ding, die Frucht der Sünde. Anfangs wollte sie überhaupt nichts mit ihm zu tun haben, und erst als die wartende Frau erklärte, ein solch steinhartes Herz sei ihr noch nicht vorgekommen, ging sie ein klein wenig in sich und nahm sich vor zu zeigen, daß ihr Herz nicht steinhart sei. Dieser Ausdruck hatte sie im Innersten getroffen und tief gekränkt. Erinnerungen an frühere Geburten in ihrer eigenen Familie, aus den verschiedenen Generationen, wurden in ihr wach, ohne es recht zu wollen begann sie sich für das Kind zu interessieren, und als sie es einmal auf die Arme nahm und Lotte sich so glücklich darüber zeigte, sagte sie: Ach Gott, was könnte man froh sein, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre!
Sowie sie imstande war zu schreiben, teilte Lotte das Ereignis Fräulein Nippe und Herrn Könnecke mit. Beide schrieben sogleich zurück, und Fräulein Nippe sprach am Schluß dunkel von einer Wiedergeburt im Geiste, was Lotte nicht verstand.
Lotte lebte nur ihrem Kinde; als es das erste Lächeln zeigte, strömte eine ganze Flut von Glück und Wonne über sie, alles Böse, alles Entsetzliche war ausgetilgt, dies Lächeln war der Gruß aus einem neuen Leben.
Wochen vergingen, aber eines Tages läutete es draußen, und als Frau Bornemann öffnete, stand da ein Herr von mittleren Jahren, der etwas verlegen seinen Hut drehte und sie in einer ernsten Angelegenheit zu sprechen wünschte. Sie führte ihn in ihr Zimmer, er setzte sich ihr gegenüber, öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Frau Bornemann betrachtete ihn mit wachsender Unruhe. Kam da wieder ein neues Unglück? Aber der Herr sah vertrauenerweckend aus, und eher so, als wolle er ihre Hilfe. Richtig, da sagte er es schon: Ich möchte Sie um etwas bitten! Er hustete, um die Pause auszufüllen, die dann folgte, und deren Ende er selber noch nicht absah. Frau Bornemann kam plötzlich der Gedanke, sie solle für irgend einen wohltätigen Zweck Geld hergeben, und gerade wollte sie sagen, daß sie das nicht könne, als Herr Könnecke plötzlich einen Anlauf nahm: Ich höre, sagte er, hier hat eine Geburt stattgefunden! Und seine Augen blickten ausruhend der Richtung nach, die seine Worte genommen hatten, gerade auf Frau Bornemann hin. — Ach Gott sind die Gerichte gründlich! klagte sie. Was wollen sie denn nun immer noch wissen? — Herr Könnecke machte erst ein nicht verstehendes Gesicht, dann sagte er: Ich komme doch nicht vom Gericht! Damit habe ich nicht das geringste zu tun. Ich bin gekommen, um zu fragen, ob Lotte wohl — ob Lotte wohl — —: also ich möchte sie gern heiraten! — Aber wer sind Sie denn? fragte Frau Bornemann, äußerst überrascht. — Ach so, das habe ich vergessen! Er fuhr in seine Rocktasche, überreichte ihr seine Visitenkarte und sagte gleichzeitig: Könnecke ist mein Name, Wilhelm Könnecke. Ihre Enkelin hat lange bei uns gelebt und ich habe sie lieb gewonnen. — Frau Bornemann wurde immer verwirrter: Also sind Sie der Vater von dem — von dem Kinde? Lotte sagte mir doch — — — Ich? och nein! Ich bin nicht der Vater, sagte Herr Könnecke mit aufrichtiger Stimme. — Ja — aber — — Frau Bornemann merkte erst ganz allmählich, daß Herr Könnecke Lotte wirklich nur um ihrer selbst willen heiraten wolle, und: — allerdings auch mit darum, wie Herr Könnecke jetzt mit gründlichem Ton versicherte, daß das Kind einen legitimen Namen erhält! — Mit dem Makel? Mit dem Makel?! — Frau Bornemann geriet beinah in eine Extase der Dankbarkeit. Herr Könnecke aber verbat sich jeden Dank: Er habe zu danken, wenn Lotte ihn wirklich nähme. — Da ist ja gar kein Zweifel über! rief sie, das Kind wird ja weinen vor Freude. — Sie wollte ihn sofort zu Lotte bringen, aber er sagte, er wolle erst am Nachmittag wiederkommen, Lotte müsse sich die Sache gründlich überlegen. — Ach die Ehre! ach die Ehre! rief Frau Bornemann ein übers andere Mal, ihn zur Tür begleitend. — Lottchen, Lottchen, liebes Lottchen! denk dir, du wirst wieder ehrlich! Sie erzählte mit einem Schwall von Worten das Vorgefallene. Lotte hörte unbeweglich zu, mit großen Augen. — Nun? du redest nichts? du sagst nichts? du willst ihn wohl am Ende gar nicht? Wie? Lotte, jetzt schwöre ich dir eines: Ich sage dir, Gott selbst hat dir diesen Mann gesandt! Er hat Mitleid mit mir armer Frau gehabt! Er hat mein Gebet erhört! Und nun — Frau Bornemanns dünne Stimme wurde immer gedehnter und langgezogener: Wenn du jetzt dem gnadenvollen Fingerzeige Gottes nicht gehorchst, so verfluche ich dich bis in die unterste Hölle, da wird sein Heulen und Zähneklappen!! — Lotte war immer noch unfähig zu sprechen: Herr Könnecke wollte sie heiraten?! Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dieses große, unverdiente Glück! — — Endlich vermochte sie etwas zu sagen. Und die Großmutter weinte und sagte, sie habe es ja immer gewußt, daß Lotte im Grunde gut sei. —
Herr Könnecke konnte kaum etwas zu Mittag essen. Verlegen stand er dann vor Lotte, sie streckte ihm die Hand entgegen, und er konnte nur sagen: Also wirklich? also wirklich? Und als sie sich dankbar an ihn lehnte, zog er aus seiner Westentasche einen Verlobungsring — Fräulein Nippe hatte ihn bereits besorgt — und steckte ihn an ihren Finger. Frau Bornemann weinte wieder, brachte das Kindchen und sagte: Und das wird nun auf Ihren Vornamen getauft, nicht wahr? Herr Könnecke schluckte vor Zufriedenheit und Glück, nickte heftig und sagte: Natürlich, selbstverständlich, aber tun Sie es nur schnell wieder in den Wagen, sonst erkältet es sich!
Siebentes Kapitel.
Pitt blieb in seiner Stadt, Semester für Semester; er war mit keinen Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er müsse arbeiten, sich vorbereiten fürs Examen. Das machte er dann nie, Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau tröstete ihn: Pitt sei nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schließlich sei es doch ganz egal, ob er überhaupt nicht käme oder ob er da wäre und sich den ganzen Tag in seinem Zimmer einschlösse, so wie er es früher tat, wie er noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn sähe oder nicht, die Ferne könne ja doch ihren mütterlichen so wie Pitts Sohnes-Gefühlen nicht das geringste anhaben. So hätte Pitt mit seiner Familie so gut wie ganz außer Verbindung gelebt, wären nicht die Geschäftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit größerer Regelmäßigkeit zu wiederholen begannen.
Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den Sessel zurücklehnte, und plötzlich die Barschaft seines Portemonnaies überzählte. — Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmäßigkeit entgegnete: Schade, schade, Junge, du weißt dein Glück nicht anzupacken. —
Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefühl für Lotte aber war ganz brüderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann wurde es halbbrüderlich, und schließlich, als er sie einmal auf der Straße sah, in ihrem Hausfrauenhütchen, den Kinderwagen schiebend, dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder zu deren Schwägerin? Daß er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam ihm jetzt sonderbar vor.
So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies Gefühl war süß und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm hingeben, ohne seine Gemütsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages wurde er aus diesen dämmerigen Empfindungen herausgerissen.
Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Säule gelehnt, als er plötzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger Künstler, auf eine etwas fremdländische Weise sehr elegant gekleidet, und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverständlicher Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als früher, alles an ihr schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewußter geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren Begleiter hinwendete, blickte sie zufällig, ohne ihn bewußt zu sehen, zu Pitt hinüber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurück, wandte ihn aber im nächsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite gewendet. Er fühlte, daß sie auf ihn zukam. — Herr Sintrup! sagte sie halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? — Er löste sich aus seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. — Wie mich das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hörte er sie sagen. Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! — Mir nicht! antwortete er endlich. — Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen so wenig erlebt? — Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab: Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich einmal wieder für ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurück nach Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich früher spielte? Das kommt mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals für eine Ahnung von Musik gehabt! — Eine elektrische Glocke läutete, das Publikum strömte langsam in den Zuschauerraum zurück. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu ihr herüber. — Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller, damals habe ich wie ein Kind gespielt — ich war ja auch noch ein halbes Kind. — Sie sah halb beunruhigt zurück auf ihren Begleiter. — Sie hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? — Der studiert schon lange! sagte Pitt. — So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr Sintrup — wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch ein paar Wochen; es würde uns freuen Sie wiederzusehen! — Es läutete abermals. — Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach Paris zurückgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal wirklich! — Sie hielt ihm die Hand entgegen. — Adieu, Elfriede, sagte er. — Sie sah ihn an, als kämen diese Worte aus einer fernen, halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem Begleiter zurück, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet hielt, aber sogleich höflich von ihm wegsah, als er seinen Augen begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung ließ er ihr den Vortritt durch die Tür, aber sein Blick streifte in unbewußter, vertrauter Zärtlichkeit ihren Nacken.
Pitt verließ das Theater sofort; planlos ging er durch die Straßen, bis er sich mit einem Entschluß nach einer festen Richtung wandte und die Häuser der Stadt endlich hinter sich ließ. Er schritt dem Winde entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es und die Stämme standen unverrückbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine Schläfen und beruhigte seine Gedanken. — Was sollte er im Haus der van Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fühlte er, hatte er Elfriede ganz verloren. Ein ohnmächtiger Neid erfaßte ihn gegen den Menschen, der die Stelle einnahm, die er selber hätte einnehmen können. Er wollte Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mußte er jetzt ein für allemal abschließen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin würde ihn das Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! — Er blieb aufatmend stehen und sah sich im Kreise um. Über ihm rauschten die Pappeln, und in seiner Brust fühlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding, das unabhängig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das er in der Stille der Nacht so deutlich fühlte, vor diesem Gestampf, das an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der Stadt, von irgendwoher tönte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch das Blätterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf einen der Stämme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte, kalte Rinde. Seine Gedanken zerlösten sich, und wie er endlich heimwärts schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als rückten sie höher und höher in den Himmel und als senkten sich die Sterne in ihr Laub hinein.
Am nächsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefühl, als sei er letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt, sondern in irgend einem Buch gelesen hätte; bis es ihm wieder klar wurde, daß alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, daß er selbst sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles bloß als Erscheinung an sich vorbeigehen zu lassen?
Tage verstrichen, er rührte sich nicht. Dann traf er zufällig Elfriede mit ihrem Freunde auf der Straße. Sie wollten in den Park spazieren gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite. Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, ließen sich kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darüber lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und Elfriedes Freund, der sich im stillen darüber wunderte, was für schwerfällige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, führte die Unterhaltung, mit einem ausländischen Akzent, in ziemlich gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam plötzlich ein wunderschön gebauter eleganter französischer Satz heraus, und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervorträte. Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergnügt, aber dann erschien sie auf Momente ganz zerstreut, Pitt fühlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit einem melancholischen Lächeln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite, und am Ausgang des Parkes blieb sie plötzlich stehen und sagte auf französisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja solange nicht gesprochen! — Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt von früherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine besondere Freude gewesen einen früheren Kameraden Elfriedes kennen zu lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.
Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wußte er später selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgültige Dinge, aber als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede blaß. — Sehe ich Sie wieder? fragte Pitt; — Ich weiß es nicht! antwortete sie. —
Er sah sie nicht wieder. Am übernächsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz, sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris zurückzufahren.
Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es Elfriede, die ihn verließ. Sie fühlte, daß Pitt nicht für sie der Vergangenheit angehörte und ahnte wohl, daß sie zurück in den früheren Strudel gerissen werden könnte, wenn sie sich ihm überließ. — Pitt empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmächtige Gefühl des Neides — das ihm selbst so antipathisch war — zerlöste sich. Aber nun war es trotzdem, als sei ein Tor, das früher halb geöffnet war, für einen Augenblick ganz geöffnet worden, und ehe er sich entschloß hineinzutreten, schlug es zu und ließ ihn draußen stehen. Früher, wenn er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hängt ja nur von mir ab zu ihr zurückzugehen! Die Möglichkeit eines solchen Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wäre, dachte er, würde ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das Tor einschlagen — aber er fühlte, daß er nicht die Kraft dazu haben würde, und dann, wenn es wirklich bis zur äußersten Frage, zur letzten Entscheidung kommen sollte:
Wollte er denn überhaupt Elfriede haben, für das ganze Leben? Er fühlte sehr wohl, daß es sich für sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln würde. Hatte er überhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fühlte er nicht bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? — Ich bin ein schwächlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner einzigen starken Empfindung fähig! — Dann wieder schien es ihm, als würde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Hätte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rüttelt und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trägen, empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann würde es sich ja zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfähiges in mir habe, oder ob ich nur ein Körper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. —
Er begann zu suchen. Er riß sich aus seiner toten Abgeschlossenheit heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Künstlern vor allem, da er das Gefühl hatte, in diesen Kreisen würde er am ehesten finden was er suche.
Wieviel Kampf, Wärme und Zuversicht fand er plötzlich um sich herum, wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenüber! Hatte er bisher blind gelebt, daß er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge: An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an. Jeder hatte Wärme und Interesse für die Hoffnungen, für die Ziele des andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fühlte Pitt so deutlich, wenn sie um ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene innere Kälte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich loszuringen strebte, mit den kühlen Augen des Kunstrichters betrachtete, der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden möchte. Er schämte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu entspringen schienen, und bemühte sich wärmer, lebendiger zu empfinden.
Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und Malerinnen, eine Fülle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam suchte er sich einzelnen zu nähern und zerschellte doch bei den ersten Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden, fühlte seine Seele eine größere Spannkraft. Aber sie ließ nach, wie er nicht das Mädchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm schenkte, und das ihm nun plötzlich wertvoller und schöner dünkte als das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorüber.
Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Möglichkeit, in einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem ganz starken Gefühl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glücklich und halb unglücklich. Es schien, als habe das Schicksal über ihn entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos einen Gegenstand, ließ ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was habe ich nur? Ist es denn wirklich möglich?! Kann ein einziger Anblick, ein einziges Sehen über einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen müssen, um jetzt wie mit einem Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mädchen als Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmäßig, und ihr Haar viel glänzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr verglichen schwächlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal gegenüberständen! Herta hieß sie mit Vornamen, und es schien ihm, als könne diese kräftige nordische Gestalt gar nicht anders heißen! Morgen würde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weißen Malkleid, das den schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freiließ; keine Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem großen, blauen Blick, es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch einen Zufall getrennt gewesen.
Sie stammte aus dem äußersten Nordwesten Deutschlands, aus einer hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte. Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, söhnte er sich allmählich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem Vaterglück fehlte nun nichts weiter, als daß seine Tochter nach Hause gekommen wäre und geheiratet hätte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglück in großem Stil vor, wie man es auf prunkvollen holländischen Bildern gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige Erlebnisse endeten mit Enttäuschungen, ohne ihre feste Natur im mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine verträumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mädchen so entgegengekommen war, fühlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzählte ihr sein ganzes Leben, und während sie kein Wort verlor, wurde in ihr der Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich täglich, und während er wähnte, die Erfüllung könne noch in weiter Ferne liegen, war für Herta selbst alles längst entschieden. Dann kam ihre heftige Einigung. —
Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war ausgelöscht, eine unbekannte Frische kam über ihn, seinem Dasein schien ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glückes, der Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie für sein Leben erhofft hatte. — Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfaßlich war ihm alles: Wie war es möglich, daß er wirklich ein Mädchen sein eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wußte! Bisher hatte er mit dem Gefühl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! —