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Prinzessin Mymra: Novellen und Träume cover

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Chapter 10: 2
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About This Book

The collection assembles short tales and dreamlike narratives that merge folklore, superstition and grotesque imagery. Episodes range from villagers reacting to uncanny omens—a witch's monstrous birth, prophetic dreams and spectral suns—to sudden outbreaks of violence, fires and social panic. Recurring elements include religious ritual, surreal transformations, and a tension between everyday routines and apocalyptic intimations. Language shifts between bleak humor and hallucinatory description, exploring fear, collective anxiety, and the porous boundary between waking life and nightmare through fragmented episodes that blur reality and myth.

Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein — da war nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen, nahm alles heraus — aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und konnte nichts machen . . .

Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor, schlug mit den Flügeln und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht. Es krähte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hähnchen mit dem Schöpfchen . . .

Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der Großmutter vor die Füße.

»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.

Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf.

Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit dem Lacklederschirm brachte man mit.

So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.

Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Löffel ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.

›Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!‹ Petkas Liedchen geht Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.

»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser — »um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes, die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm: es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste, unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.

Prinzessin Mymra

1

Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben, Zensuren und Pausen, alle Lehrer — vom ›Deutschen‹ Iwan Martynytsch bis zum Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und sogar seine Busenfreunde — Romaschka und Charpik —, alles versinkt und verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.

»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er legt das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.

Oder er erwacht mitten in der Nacht — es genügt auch das leiseste Geräusch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt —, und dann ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und der Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu können. Der Schlaf will aber nicht kommen. Hätte er nur Flügel oder den fliegenden Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi fortfliegen.

Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt der Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind Felder. Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen, aber der Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.

Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige. Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles erinnern: wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:

»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über den Winter geworden!«

Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und Truthühner — alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel sind ja verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.

Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem Tag nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man kaum Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck. Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die Töne der Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Glöckchen! Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!« flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy — der alte wotjakische Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude plötzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.

Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen. Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine Scheu.

»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«

Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.

Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.

Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt und die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:

»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«

»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man möchte ihn immer lachen sehen.

Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.

»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«

»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.

Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der Fluß.

Nun ist auch schon der ›Neunte Freitag‹ angebrochen. Das Volk strömt in Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.

Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft, daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte!

Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen; dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.

Heiliger Gott, Heiliger Starker,

Heiliger Unsterblicher,

Sei uns gnädig!

Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den Küstern anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!

»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«

Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch Geistlicher sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater, sondern in zweiundzwanzig.

Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.

An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die Bäume und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm sich irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus. Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der Onkel zu schreien.

»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.

Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten, bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.

Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der ›Seher‹ Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?

Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.

Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.

»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.

›Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen‹, denkt sich Atja.

Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde zusammengetroffen.

Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.

Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er weiß aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut, was das zu bedeuten hat.

›Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!‹ träumt Atja. ›Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .‹

2

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber sie ist einmal so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und kurz; daß sie nichts verstehen kann.

»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin . . .«

»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mißverständnis: ›Kljutschi‹ heißt ja ›Schlüssel‹, und sie hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und konnte sie unmöglich finden.

›Es ist noch zu früh‹, sagte sich Atja, ›es ist noch nicht die Zeit . . . Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann kann ich alles wagen . . .‹

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«

Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich jedes Wort.

Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im Wasser.

»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.

›Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen‹, sagte sich Atja, ›weil sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!‹

Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums.

›Ausgehalten, Gehalt . . .‹ kombinierte Atja. ›Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so gibt’s eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.‹

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte, und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:

»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast . . .«

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

›Es ist natürlich lateinisch‹, sagte er sich. ›Latein kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.‹

Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die Frage vor.

»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das heißt adlig.

›Sie ist eine Fürstin‹, sagte er sich. ›Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch einem Jahre — eine Prinzessin.‹

»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete ihn. Alle nannten ihn ›den Abgeordneten‹.

»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«

Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:

»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«

»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel besser wisse als jede Zeitung.

›Ein ungewöhnlicher Gast!‹ sagte sich Atja. ›Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der ›Grieche‹ Kopossow, der Klassenlehrer der dritten Klasse.‹

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler ›den Chinesen‹ nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer; sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie tagtäglich Telegramme.

»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«

»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe aber ewig bei dir!«

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, ›irrt wie ein Grashalm‹ unter den Menschen umher und ›sieht sie immer und überall vor sich‹ . . .

O wär diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so schön,

So müßt nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin stand ›immer und überall‹ vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte die Mutter.

»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.

»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.

»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme.

›Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht‹, dachte sich Atja. ›Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

O meine Prinzessin!‹

3

Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden werde.

Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das ›Federnspiel‹: die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und sagte:

»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«

»Ja«, antwortete Atja.

»Romaschka kommt auch mit.«

»Wie wollen wir das machen?«

»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«

»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«

»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«

»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.

»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«

»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«

»Niemand, nur die Nilpferde.«

›Nun geht es los‹, dachte sich Atja. ›Jetzt heißt es handeln. Charpik und Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den Weg finden.‹

Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war immerhin Amerika.

Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.

»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld mitbringen«, sagte Charpik.

»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.

»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten gelebt.

Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka die Karte.

Wenn es doch schon morgen wäre!

Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra. Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze Welt leuchten.

Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich während der Stunden ziemlich anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.

Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter die Bank und rannte nach Hause.

Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.

»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.

Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!

»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik, an der Schwelle stehen bleibend.

»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.

Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch zur rechten Zeit.

»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«

Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien. Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen in den Zug und — leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.

Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.

Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.

»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich Charpik anerkennend.

»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.

So kamen sie glücklich in Terioki an.

Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.

Allmählich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.

Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise kehren.

Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!

Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot, stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.

»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.

»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.

»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv, und sagte sehr böse:

»Ihr seid verhaftet!«

In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs, gesenkten Hauptes ein.

›Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?‹ Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die nasse schwarze Landstraße blickte.

Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!

4

Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja wurde sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über ihn und nannte ihn nur noch ›Amerikaner a. D.‹

»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll sie es nur fühlen!«

»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert er von einer Mymra . . .«

Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde versunken wäre.

Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, — und er wird Atja erwischt und ihn so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich gutwillig zu ergeben. Hopp — die Fersen flimmerten nur so in der Luft! Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu Klawdija Gurjanowna.

Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.

»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«

Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin Mymra.

Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich hinein.

»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.

»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.

Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.

Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte. Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu hören, hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein Ende mit ihm!« — »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war wie der Tod . . .

Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten möchte, keine Antwort.

Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.