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Prinzessin Mymra: Novellen und Träume cover

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Chapter 22: 2
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About This Book

The collection assembles short tales and dreamlike narratives that merge folklore, superstition and grotesque imagery. Episodes range from villagers reacting to uncanny omens—a witch's monstrous birth, prophetic dreams and spectral suns—to sudden outbreaks of violence, fires and social panic. Recurring elements include religious ritual, surreal transformations, and a tension between everyday routines and apocalyptic intimations. Language shifts between bleak humor and hallucinatory description, exploring fear, collective anxiety, and the porous boundary between waking life and nightmare through fragmented episodes that blur reality and myth.

Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während die Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah und später mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge damit fort!

Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen Weg fort.

War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam.

Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben.

Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden, weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den allerdringendsten Fällen durfte als einzige ›Kreatur‹ der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein Auge.

Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute; man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.

Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.

Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch Sinowi rufen.

Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen Glanz.

Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.

Vater und Sohn begrüßten einander.

Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die Hände.

Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:

»Nun, wie geht es Ihnen?«

»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.

»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.

»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler.

Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.

Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte zurück.

Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen.

»Echte Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte. Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.

Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet hatte!

Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort? Wer war das?

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so sehnsüchtig erwartet hatte.

Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.

Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.

Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder Tätigkeit zurück.

Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.

3

Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.

Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders lustig.

Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks Anführung ›Expropriationen‹; ein Überfall, den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen hätten.

Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.

Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna zu packen.

Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag zurück.

Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren würden.

Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.

Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!

Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und Pfeifen, und dann folgte sein obligates ›Teufel!‹

Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.

Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.

Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch in Zukunft auf dem laufenden zu halten.

In Krutowrag wurde es auf einmal leer.

Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.

Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen sich scheut.

Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen triumphierten.

»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis her?«

So urteilten die Damen.

Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.

Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde; auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über dem Wersenewschen Hause.

Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen.

In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.

Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen ›Teufel‹ loszulassen.

Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein müsse, fest.

Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken, doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend hinzu:

»Alles hat sein Gewicht und Maß.«

Damit war die Sache erledigt.

Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt Knochen im Leibe habe.

Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit an.

Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.

Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.

»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er sein obligates ›gewissermaßen‹ bedeutungsvoll dehnte und mit seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen, zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.

Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.

Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem ›gewissermaßen‹ stecken, während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort ›Teufel‹ zusammenfaßte.

»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die Tür finden konnte.

Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das ›eiserne Bindeglied‹ zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu Wersenew.

P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und parierte den Wersenewschen ›Teufel‹ mit seinem ›Bindeglied‹, das ihm wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.

»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in der Hand hatte.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.

Sonst war er aber tagelang allein.

Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den ›Freimaurer‹ zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.

In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart.

Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!

Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu . . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd, ein . . .

»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere Haus.

Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.

Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.

Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen Keller.

Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.

Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt.

Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch lächelte.

»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«

Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej Petrowitsch durch die Zähne:

»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen?

»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.

Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: ›Was ist denn los?‹ Und sie antworten: ›Wir wissen nichts, Solomowna!‹«

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen, sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen langen Bart.

»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna, der Bautischler Terenti, der Schmied ›Truthahn‹, der Lakai Sinowi und sein Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der Hand ab und sagte:

»Teufel!«

»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weißen Säulen.

 

Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frühlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte, wurde er noch unruhiger.

Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze über die Fenster und Türen.

Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus.

Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.

Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.

Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.

Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die letzte Tür sei —, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen entgegen . . .

»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: ›Prokofi Konstantinowitsch‹, sage ich, ›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der Wind die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können. Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle Lichter aus. ›Gnädiger Herr!‹ schreie ich. Aber er ist nirgends zu sehen.«

Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten von der Balkontür direkt dorthin.

Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee, erfroren.

Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!

Sanofa

1

Schön ist es in Batyjewo — ein lustiges Dorf ist’s! Von allem hat man genug: viel Wald ringsum, und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse gibt’s so viel Fische, daß man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde Wild — alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du hinterher niemandem Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein Unheil zu, so bist du selbst schuld.

Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mächte ihr Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind sie wie die Würmer. Ist man die eine Teufelei glücklich los, so taucht, eh man sich’s versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, daß eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so erscheint gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist nicht zu spaßen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher sein Lebtag nicht mehr reinwaschen kann.

Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ältesten Leute erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben hätte, und kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des Übels lag.

Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehörnten zum Wohlgefallen — seines bösen Willens Töchter.

So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!

 

Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde dröhnt durch die Schwarzen Wälder: vom Meere bis zum Gebirge gibt’s keine Hexe, die schrecklicher wäre als Sanofa.

Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung — kaum über dreißig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Maß und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals ein. Die schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den Menschen so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein Glied rühren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle dürr, haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist hübsch — die ganze Welt kann man absuchen und keine ähnliche finden —, dabei aber eine Mißgeburt, wie man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Körper und alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, daß sie auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber einen jeden davor bewahren: besser ist’s, dreimal in die Erde zu versinken oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.

2

Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!

Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab’s nicht in der Welt.

Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.

Sanofa kam zur Welt — und gleich wurde alles anders.

Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut, daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu der Iljinka in Moskau reichte.

Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in seine Hände.

Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz, und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man’s nicht wieder einfangen. Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka — so hieß ein Bursche im Dorf — fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern: er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.

Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.

Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!

Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem Muttermal am linken Daumen zur Welt.

Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen. Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.

Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.

Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus, um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand konnte sich über etwas beklagen.

Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.

Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.

Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen. Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.

Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben Tag still.

Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben, wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.

Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die Welt.

Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.

Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.

Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.

Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts verbergen. Darum kam auch nichts zustande.

Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so trotzig und eigensinnig war er.

Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung; Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich’s gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach, kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei — denn alle wollten es sehen —, man wartete, der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin, man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So, wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen — ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter: — die Augen glühten und sengten. Ein jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.

Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.

Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus. Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist wohl auch dort gestorben.

So war die Sache.

Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten drauflos.

Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den kleinen Kreuzen hatte.

Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte — das wußte ja jedermann —, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war es!

Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.

»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht verschonen.«

»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben zwingen.«

»Einen schwarzen Blick hat sie!«

»Eine verdammte Hand!«

»Eine verdammte Hexe ist sie!«

Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.

Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.

Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa zu.

Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.

Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das Hexennest bewachte.

Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles — über drei Felder hinweg konnte sie sehen —, und hörte alles — durch drei Wälder hindurch konnte sie hören.

Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen konnte sie nicht.

3

Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.

Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man keine Pferdespuren mehr.

Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber an der Schwelle sterben als das Haus betreten.

In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf, daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel, sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.

Nicht geheuer ist es in den Stuben.

Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa. Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll. Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas, was man mit keinem Wasser löschen kann.

Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:

»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe nichts.«

Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem bronzenen Hals schwollen an.

»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«

Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:

»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«

»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«

»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen Augenblick . . .«

Die Alte richtete sich auf und sagte:

»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die Freiheit . . .«

»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir? Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel — und kann nicht gehen! Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.

Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber — schreckliche Rache drang ihr aus dem Herzen.

Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.

Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.

Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden ausgetreten — jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.

Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen Arme wieder ein.

Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.

Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . . Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.

Die Alte erwachte.

Sanofa weinte.

Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend, auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie nicht aus dem Hause ließ.

»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.

»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.

Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.

Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.

»Ich will sterben!«

 

Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt, langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in gedehnten Schreien ergossen — kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.

Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten nicht vom Bette steigen.

Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde, die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.

Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.

An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur anzuschauen.

Die Alte legte Karten.

Die Karten prophezeiten nichts Gutes: ›Schlag‹, ›Unannehmlichkeiten‹ und ›Nachtlager‹. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles endete mit dem ›Gastmahl‹ — der Piquedame.

Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück erleuchtete.

Sanofa erwachte und rief:

»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«

Die Alte lief zur Tochter:

»Was hat dir denn geträumt?«

»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das Hemd ganz blutig ist.«

»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«

Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.

»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«

Die Alte schwieg.

»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«

Die Alte schwieg.

Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.

Ein Tag folgte dem andern.

So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle zu pressen.

Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.

Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie ging leise auf die Tochter zu und sagte:

»Mein Kind, mein Kindchen!«

»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die gramgebeugte Mutter richtend.

»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«

4

Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken, kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie wenn ein Wagen über das Straßenpflaster rollt.

Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen Hof.

Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen. Traurig fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen empor.

Die Sterne waren aber so fern.

Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an den Tod.

Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte wie eine Kerze, — wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher konnte sie erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie Kerzenflammen leuchteten.

Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch ihm entgegen.

Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden Lippen . . .

Schon war der Weg durchschritten.

Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest, heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war, er grinste mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen sie — als Bräutigam und Braut — davon.

 

Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.

Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?

Das Los des Elenden
Träume

Vom Tiger zum Haken

Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf Gottes Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.

Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden und konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen, schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung ließ mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf das Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief seien.

Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß auch meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht schief wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter Stimme verwandelt.

Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig sperren würde, empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben.

Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und gemeine Wirtshaus ›Zu den lustigen Inseln‹ in der Werejskaja-Gasse, drängte mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber eine Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.

Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte, brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu setzen. Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem meinigen zu nähern.

»Lieber Freund, führe mich fort von hier!« flehte sie mich an, und ihr gelber Lackledergürtel knisterte.

Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit den riesengroßen grauen Augen ohne Pupillen meinem Gesicht näherte, senkte sich von der Decke ein Netz so fein wie Spinnweben langsam, aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein seidenes Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als die Augen meiner Geliebten schon so nahe waren, daß sie zu einem einzigen grauen Auge verschmolzen, berührte das Netz meinen Scheitel; im gleichen Augenblick drang ein feiner, scharfgeschliffener Haken in mein lebendes Herz. Er hakte sich fest und zog mich schon im nächsten Augenblick roh und blind über die Sascha und den Tisch hinweg zur Decke empor.

Affen

Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus Australien, Afrika und Südamerika, zusammengetrieben, und ich, der Anführer der Schimpansen, mit dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel um die Lenden, raufte mir die Haare und zerbrach mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, mit denen man uns an Armen und Beinen gefesselt hatte, befreien und in meine Heimat durchbrennen könnte; aber es war schon zu spät. Man trieb uns über die neugepflügten Äcker auf das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten Aufstellung genommen hatten, begannen Herolde in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern an den Hüten, längs der Reihen hin- und herreitend, das Urteil zu verlesen.

Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht, Bosheit, Faulheit, Trunksucht und eines unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter Anerkennung unserer ungewöhnlichen angeborenen Anlagen zur Entwicklung und Vervollkommnung verhängte man über uns die Anwendung der Geheimmittel des Bologneser Universitätsprofessors Ritters Altenaar, des Nachkommen der Wikinger von Grönland, Island und des Nördlichen Eismeeres.

Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt, folgte ich der Exekution, die nach all diesen närrischen Zeremonien begann: die gottlosen Menschen durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen und bearbeiteten uns nachher mit Eisenhämmern. Sie beschmierten einzelne von uns mit heißem flüssigem Teer, befestigten das eine Ende eines in die Teermasse eingekneteten Strickes an die Körper der Unglücklichen und das andere an das Kummet eines freien und kräftigen Pferdes und ließen sie dann unter Schreien und Johlen der Menge so lange über die Erde schleifen, bis die Opfer verendeten. Andern wiederum steckten sie die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln zusammen. Und noch viele andere Scherze wurden an uns zwecks Bändigung verübt.

Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesättigt, als die Erde vom vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter in Rüstung aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die Luft und legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich, Anführer der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, blickte angesichts des unnötigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und stolzen Reiter mit frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir verhaßten Tod ein dreifaches Kikeriki.

Beinahe hätten sie mich gegessen

Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und zwölf Schlüssel — man nahm sie mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen — man nahm sie mir auch weg. Die Schlüssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ mich.

Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir das letzte Blut aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit befallen. Mit Tränen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen und mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hören.

Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, daß sie mich nicht am Leben lassen würden, daß sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte es nicht länger aushalten und schickte mein Dienstmädchen auf die Ligowka zu einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. — Meine Sterbestunde rückte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewußtsein, daß sie meinen Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine Knochen in den Sarg legen würden.

Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Kräften, mein letztes Blut vergießend, an, die vornehmsten Bürger der Stadt auffordern zu lassen, gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten, solange ich noch nicht verzehrt sei.

Und während ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde verneigte, sprang plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es gehangen hatte, trat aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen und etwas Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister kochen sollte.

Der Tatar

Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich schmalen Treppe hinauf. Man hatte mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen brauchte; oben würde ich leicht den Eingang in den Himmel finden: dort würde eine Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten bereitstehen, ich brauchte nur einzusteigen und könnte dann fahren, wohin ich wollte.

Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die Beine konnten mich kaum tragen, und auch meine Geduld ging zu Ende; der Schädel schmerzte mir; ich nahm mich aber doch zusammen und erreichte schließlich die Plattform. Und was denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in Form einer Barke, dafür stand dort ein Tatar, einer von denen, die mit alten Kleidern handeln; seine Arme reichten aber bis zur Erde hinab. Ich wollte schon wieder hinuntersteigen — was sollte ich denn oben? —, er packte mich aber am Kragen und hob mich mit seinen langen Armen in die Höhe.

»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig wie deine Ohren wirst du die Wolke, die du wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht bekommen, noch die Dinge, die jenseits der Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in allen Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist du uns willkommen!«

Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen konnte, begann der Tatar mich langsam auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde nichts mehr übriggeblieben war, schlug ich mit der Nase hart am Boden auf und fiel in warmen Kuhmist.

Der Traber

Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen hing das Alarmsignal für sämtliche Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts ausrichten. Petersburg brannte an allen Ecken und Enden.

Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen nächtlichen Abenteuern zu begleiten pflegte, verließen das Haus und fuhren ins Barackenlager. In den Baracken bekamen wir ein riesengroßes Zimmer angewiesen, und hier stellte sich heraus, daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft befand sich unablässig ein bekannter russischer Dichter.

Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.

Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir uns direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler, und wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie wir in den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.

»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch? Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen, und dann gleich wieder nach Petersburg zurück — das hält kein Pferd aus!«

Die Blume

Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten; nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich etwas zu tun, bald dies, bald jenes. ›Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß man niemals Zeit hat!‹ hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei ihm gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben!

Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel und bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm. Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich, ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton hervor.

Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf, berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis) ihren Rachen noch weiter auf — ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen, und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.

Rotkohl

Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und daß der Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in einer barbarischen Sprache erzählt wird.

Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und frage:

»Kommt es bald?«

Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse, die vom Walde her naht.

Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich bis an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die heranrückende dunkle Masse.

Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener, die je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter einem Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten Mantel, so blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe; sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer silbernen Sichel.

Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte, seines Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf russisch:

»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte er entseelt zu Boden.

Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.

Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen, beschlossen den Zug.

Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer abgezäunten Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat war.

Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen, mit ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit ihm auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte des Brettes frei blieb.

Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte. Nun trat Totenstille ein.

»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß diese Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und sie ist noch immer ganz.«

Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns, von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen, emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.

Die Damen schrien hurra.

»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat zum König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.

Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und fühlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.

Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das Brett mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.

Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch die Rotkohlköpfe zum Himmel empor.