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Prinzessin Mymra: Novellen und Träume

Chapter 32: Der Wolf
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About This Book

The collection assembles short tales and dreamlike narratives that merge folklore, superstition and grotesque imagery. Episodes range from villagers reacting to uncanny omens—a witch's monstrous birth, prophetic dreams and spectral suns—to sudden outbreaks of violence, fires and social panic. Recurring elements include religious ritual, surreal transformations, and a tension between everyday routines and apocalyptic intimations. Language shifts between bleak humor and hallucinatory description, exploring fear, collective anxiety, and the porous boundary between waking life and nightmare through fragmented episodes that blur reality and myth.

Der Wolf

Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen. »Geh hin«, sagte man mir, »und bring uns recht viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue nach allen Seiten, stolpere bei jedem Schritt, kann aber keine einzige Nuß finden. Endlich habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit lauter grünen Nüssen, keine einzige reife ist darunter. »Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen von den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen . . .« Ich greife einen Ast, will die Nüsse abpflücken, aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich steht, und sage ihm: »Willst du mich denn wirklich fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm noch: »Friß mich nicht, Grauer, ich werde dir später einmal nützlich sein.« Und ich denke mir dabei: ›Wie werde ich ihm eigentlich nützlich sein können?‹ Und während ich mir das überlege, fraß mich der Wolf.

Der Baum

Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er knarrt und wird gleich stürzen. Und ich stehe unter dem Baum wie gebannt.

Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt von den Zweigen, und der Wipfel bebt: ich weiß nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst wie vor dem Sturze bebt.

Der Baum knarrt, er knickt ein — er wird mich erschlagen . . . Und ich kann nicht fort.

Der Steg

Ich ging über die schmale, schwankende Brücke, die von Fels zu Fels über den Abgrund führte. Es war aber unmöglich, direkt von der Brücke an das andere Ufer zu kommen: man mußte entweder hinüberspringen, wie es mein Gefährte getan hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir die Arme entgegenstreckte, oder aber auf den Steg treten, ein schmales Brett, das mit Stricken an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken befestigt war und von dem man mit einem einzigen Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber hatte ich die Hände meines Gefährten ergriffen, als der Steg zu schwingen begann und immer mehr und mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen Schaukel immer höher empor, und mein Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir über dem Abgründe.

Mein Herz verging und erstickte und stand endlich ganz still.

Die Tiere

Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im dichten Nebel. Ich weiß nicht, wohin und wozu ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich vor dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir schweigend das Tor, und ich gerate in eine schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene Gasse. Männer und Frauen, Körbe voll Brot auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, wende ich mich an einen der Männer und sage:

»Gib mir eine Semmel.«

Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die Semmel aufessen oder in die Tasche stecken oder nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht, wohin ich gehe.

»Die Tiere hat man herausgelassen! Die Tiere!« schrie irgendein Mann, an mir vorbeilaufend, während die Fetzen eines zerrissenen roten Hemdes hinter seinen Schultern wie zwei Flügel flatterten.

Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, die in meiner Nähe waren, warfen ihre Brotkörbe hin und rannten davon.

Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde mir klar, daß es mein eigener Schrei war.

Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann immer drohender, rückten heran. Das Fell auf den schwarzen und rauchgrauen Rücken sträubte sich, die grellgelben Flecken an den Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich stand allein, rings von den vielen roten offenen Rachen umgeben; die roten Zungen bewegten sich in ihnen wie Uhrpendel.

»Tiere, da habt ihr die Semmel!«

Kaum hatte ich aber diese Worte: ›Tiere, da habt ihr die Semmel‹ gesprochen, als alle Tiere, die großen und die kleinen, die grauen und die schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, die stößigen und die bissigen, ihre Pfoten einzogen und in Schlummer versanken.

Unter Nackten

Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: sie laufen so ganz ohne jede Kleidung herum. ›Sie schämen sich wohl furchtbar, diese Unglücklichen‹, dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen, knochigen, häßlichen Gestalten betrachtend.

»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns plötzlich ankleideten«, sagte mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.

»Schämt man sich denn, wenn man angezogen ist?«

»Das eigentlich nicht . . .«

»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach ich ihn.

»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, solange deine Knochen ganz sind«, sagte mir wütend ein anderer Nackter.

»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« fragte ich ihn.

»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer auszulöschen. Diese Sünde haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«

»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen«, stimmte ich ihm zu. Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.

Das Dach

Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich längs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles Sonnenlicht fällt mir in die Augen. Morsche Holzstücke fallen mir unter den Händen ab, meine Hände rutschen — mir stockt der Atem, und ich möchte abstürzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer weiter.

Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und eine Stadt.

Der Bau

Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man baute es so, daß der ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil ein dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich kroch mit einem Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den Mittelpunkt, wo das Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf das Tau ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden Augenblick einzustürzen drohte, spuckte mir jemand von oben auf den Kopf.

Unter dem Bett

Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich unter dem Bett etwas aufrichtet, umwendet und wieder still wird. Ich spitze die Ohren und horche: die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht über den Boden, es stößt wohl an meine Stiefel, wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.

Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich weiß, daß es schon ganz nahe ist: gleich macht es einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs Korn und springt mit einem Satz auf mich herauf.

Die Maus

Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und trippeln umher. Ich lauerte einem Mäuschen auf und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich in den Finger. An der Stelle, wo es mich gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare. Ich ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich und lief gar nicht fort.

»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig machen und sie durch Liebkosungen zu gewinnen suchen!«

Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte ihr den Rücken, sie aber sprang mir an den Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren Schnurrbart.

Makkaroni

Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, der seit so vielen Monaten nicht von mir weicht und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt, sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, glatt hinüber, ich aber stürzte hinein. Mit unendlicher Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken festklammernd, klettere ich an die Oberfläche. Der Lange ruft mir aber zu:

»Komm schneller heraus. Sonst werden die Makkaroni, die ich gekocht habe, kalt. Gesalzen sind sie auch schon!«

Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! Die Finsternis ätzt mir die Augen. Wenn ich doch nur herauskriechen könnte . . .

Der Sieger

Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte Steppe. Zwei rote, kräftige Kämpfer haben sich in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter aussah und dessen Körper gebräunter war, blieb Sieger. Ich stürzte zu diesem Sieger hin, ergriff seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie hinein, berauschte mich am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde emporsprudelte, und blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb geworden waren. Ich blickte ihm lange in die Augen und wußte es ganz gewiß: gleich wird er seine Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.

Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.

Der Leichenwagen

Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere Köpfe ragten aus dem Wasser. Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach. Er geht mit trägen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust gesenkt, blickt manchmal zurück und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade ein Ball statt; wir sehen viele tanzende Paare und hören lustige Musik. Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber sind patschnaß.

»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, die Musik schmettert von neuem, und die Töne sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat, unaufhörlich, unermüdlich weiterzutanzen . . .

Ich habe aber keine Lust, noch länger durch den Fluß zu waten; ich steige darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hält auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen und setze mich ans Fenster.

»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und im gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar darin sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.

Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein riesengroßer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroßer Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock saß kein Kutscher, und niemand lenkte das Gespann.

Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und ging quer über das Feld. Das Feld war staubig, ebenso der Wind.

Der Turm

Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß. Wir steigen in großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten. Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut — es gab auch solche Helden unter uns —, der ist erledigt: der fliegt kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken gestützt.

Eine Lehrerin — oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist — steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie sagt ausdrücklich:

»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«

Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen, Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich, wie sie sich da überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!

Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten Hüften ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.

»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn, einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.

»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«

Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.

»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger auf die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das ›Waisenkind Jesus‹, die ›Vier Festtage‹ . . .«

Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu sehen.

Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten hinunterzufallen.

»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.

»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.

Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte Masse zu bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller herum gelegenen Zimmern wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.

»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe gemalt.

Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst tief in die Mitte zu kommen, und beginne schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen könnte. Aber meine Beine sind zu einem Stück Holz erstarrt . . .

Sie haben mich schon, ich bin verloren!

Die Schlangenkatze

Eine braune Schlange liegt da — nur die Haut allein ist von ihr übriggeblieben, ganz eingetrocknet ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der Kehle sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. Nun weiß ich, warum die Schlange eingetrocknet ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.

Eine Katze läuft daher, so braun wie die Schlange, mit grauem Schnurrbart und leuchtenden grünen Augen. Und sie springt der Schlange in den Rachen. Ich sehe nur noch den Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen verschwunden. Und nun beginnt die Schlange mit der Katze zu kreisen, zu rasen, zu wirbeln.

Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich und denke mir: ›Das sind böse Zeiten! Die Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange ist eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .‹ Ich hatte nicht Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen begann.

Teufel und Tränen

Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern irgendwo in einer Villa am Meer. Ich wohne nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden Morgen baden wir im Meere, erst er, dann ich.

Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt:

»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem Meere ganz winzige Teufelchen heraus, aber nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser Größe!«

Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen soll: die Alte hat die Hände auseinandergespreizt und will mir zeigen, wie groß der Teufel war, den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr weg und schaue auf die Birke: vor dem Haus steht eine alte Birke.

Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz fliegt vorbei, hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen auszupicken. Und er pickt sie ihm gänzlich aus. Blut fließt aus den Augenhöhlen.

Neben der Birke steht das weiße Pferd, das Blut fließt. Und ich weine, und meine Tränen fließen wie das Blut.

Die Zwergin

Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund, der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und die lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.

Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen. Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die Tawritscheskaja zu Petersburg.

Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie immer noch da.

Ich sage mir: ›Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich zu sprechen!‹

Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun — ich fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern für immer.

Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.

»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer niederzulassen? Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!«

»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier aufzublicken.

»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meinem Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa die Hand aus und packt mich plötzlich am Rockschoß.

»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt die Zwergin und zieht mich gehässig zu sich heran.

Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, aber ihre Hand hält mich fest.

Der Fuchs

Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht und zu Garben gebunden; die Gerste steht noch da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint ein Fuchs, ein riesengroßes Tier, der Schwanz allein ist ein ganzer Pelzmantel.

›Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!‹ dachte ich mir. Dasselbe dachte sich auch mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir dem Fuchs nach.

Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden und begannen ihn zu würgen. Es war aber gar nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch fertig. Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf dem Boden.

Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten ein Feuer, sengten das Fell an und begannen es zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte den widerlichen Fuchsgeruch, wir aßen es aber doch.

Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir es aufgegessen hatten, schrie ich auf:

»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für einen Pelzmantel hätte man daraus machen können und was für einen Muff!«

Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen, das Feuer erloschen, und es roch nur noch nach Verbranntem.

Napoleon

Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es wie zu einer Volksversammlung. Ich gehe aber nicht in die Kirche, sondern zugleich mit vielen anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle schwarz gekleidet. Auf der Brücke begegnen wir einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet und halten Besen in den Händen: es ist ein ganzer Besenwald.

›Es ist die Revolution‹, denke ich mir und höre, wie die Uhr an der Notre-Dame schlägt; Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt.

»Sursum corda!«2)

Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es ist ein warmer, sonniger Tag. Ich sehe eine bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um ein Podium herum, auf dem Feuerwehrmänner mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein Feuerwehrorchester. Wir alle warten auf etwas; die Feuerwehrmänner haben schon die Instrumente an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.

Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich kann ihn doch erkennen: Napoleon. Napoleon steht auf dem Podium und hält den Taktstock in der Hand. Gleich schwingt er den Stock, gleich erdröhnt die Musik.

›Napoleon!‹ denke ich mir: ›Das ist also Napoleon!‹ Ich blicke unverwandt hin und will sein Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, er aber steht wie gefesselt da und wendet sich gar nicht um.

Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und zugleich die Schläge der Uhr an der Notre-Dame. Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es, und jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt.

»Sursum Corda!«

Ohne Hut

Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen gehört zum Pariser Hotel de l’Univers. In dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten stehen umher, Haufen von Stroh und Sägemehl; es ist auch finster. Ich blicke genauer hin und erkenne den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt auf einem zerbrochenen Vogelbauer dicht vor der Tür; er hat einen Mantel mit Lammfellkragen an, doch keinen Hut auf.

›Natürlich muß es so sein‹, denke ich mir, ›er hat seinen Hut verloren und sitzt darum mit bloßem Kopf da.‹

Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern gehen über ein Feld. Auf dem Felde ist es öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es ist ein trauriges Land.

»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze Menschen, die sich gegen die Mächtigen erhoben haben! Und das nennt sich ein gerechtes und wahrhaftes Gericht!«

Der Philosoph bückt sich über ein Grab.

»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein Knäuel Gedärme.

Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber furchtbare Angst.

»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«

›Das ist die Moskauer Unbildung!‹ denke ich mir und sehe: durch das Feld geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den Lumpen trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz hängen. Der geweihte Pilger lächelt.

»Noli eos esse meliores!«3) sagt er und lächelt.

»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.

Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.

»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den Hut vom Kopfe und erwachte.

Der Leim Syndetikon

Im Hause fand das große Reinemachen statt — es ist das die gräßlichste Zeit vor den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine neue Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von der Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe herunter, wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an die Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder abwaschen noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter zottiger Mann mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe vergebens war, nahm er all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen, spuckte aus und verschwand.

Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.

›Aha!‹ sagte ich mir, ›da ist also die Schmutzquelle!‹ Ich empfand solchen Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete, Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.

Die Teufel

Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier, sondern aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte unmittelbar nach der Einsegnung hergeschafft worden.

Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten mich die Totengräber mit solchem Haß verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr umzugehen.

Während ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise quälte, besuchten mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: sie waren still und schwach und atmeten kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor meinen Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort: es war der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.

Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten mit feinen Kinderstimmen etwas höchst Naives und Einfältiges. Ich erriet aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine Extremitäten und meine Wirbelsäule abgesehen.

»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, sagte ich mir, »ich werde euch schon von meinem Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle meine Kräfte an, riß mich vom eisernen Bett los, stürzte mich plötzlich auf die Teufel und ging mit ihnen fürchterlich ins Gericht.

Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel Haare zurück, dem andern biß ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir’s versah, den Mund. Und ich begann zu ersticken.

Iwan der Grausame

Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend und ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken und in allen Sackgassen bekanntgegeben worden war.

Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.

Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste Detail verfolgen konnte.

Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem Tuch umbunden.

»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund, »das ist er selbst!«

Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange: dreizehn.

»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er sich nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen Kaufhause.

Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte, rückte ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung bedingungslos und ließen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich auf den Boden nieder.

»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes, das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«

Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den Kirchen ›Christ ist erstanden‹ ruft.

»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn. Unsere Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die weisen Väter seit jeher befolgt.«

»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.

»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu verkünden und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:

Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.

Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.

Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.

Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«

Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß das Tuch in den Nacken rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren Iwan.

Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange: vierzehn.

Die Hexe

Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Stühle und andere Möbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein, mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem Knebelbart und einer schwarzen Brille.

Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen, dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.

»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt mir der Student, der offenbar erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.

Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es fügte sich aber irgendwie so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten löste sich nun eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:

›Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.‹

Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; die Frau sah mich aber verständnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur Tür, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht auch in den anderen Zimmern auf dasselbe stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen häßlich vorstehenden Unterkiefer.

»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.

Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem Kinde zu verändern und die häßlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so lang, daß sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus ihren Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke hängen.

Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schließlich blieb nur noch der Kopf übrig.

Würfelzucker

Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet in einen Garten. Es war der Vergnügungspark ›Der Meierhof‹. Da ist ja auch schon die Billettkasse. Ich trete vor den Schalter, um mir eine Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue hinein und sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich muß bemerken, daß ich mit diesem Beljakow einmal eine recht unangenehme Geschichte erlebt hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls war ich ihm ein Dorn im Auge.

Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck kleine Bröckchen Zucker ab. Ein anderer Kassierer lauste ihm inzwischen den Kopf.

›Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen‹, denke ich mir. ›Er wird mich sicher umbringen!‹

»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe plötzlich, wie Beljakow vor Zorn blaurot wird. Er nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht auf und begibt sich zum Ausgang.

»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme.

Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und dünn, verkrieche mich in die Spalte unter der Tür und lausche mit verhaltenem Atem.

Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf und ab und kehrte wütend zurück.

»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt, wäre es um ihn geschehen!« sagt Beljakow zum andern Kassierer, und dann beginnen sie sich wieder zu lausen.

Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob mich jemand aufhetzte. Ich kann den Atem nicht mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie zum Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich kratzen und muß plötzlich miesen.

Beljakow ist aber schon da.

»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück Würfelzucker trifft mich an die Schläfe.

Der Doppelgänger

In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her und konnte nicht einschlafen. Bald fror es mich, bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe auf mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon in einem anderen geräumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. Doch seltsam, während ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das mir aber durchaus unähnlich war.

Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glühender und stechender Haß, daß ein einziger Blick genügte, um einen Menschen wie eine Fliege zu Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die Bettdecke gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der seine Seele bis an den Rand füllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann, es unter dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen weißen Gewebe auslassend.

Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Haß.

In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf

Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im Zimmer, in dem nichts als einige Bücher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht zu Ende.

Die Gendarmen und die Leichen

Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen; sie zwinkerte mir zu und verschwand.

Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet für mich.

»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das Mädchen.

Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und schlafe ein.

Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus treten.

Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.

»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen, »Wo habt ihr nur die Blumen hingetan?«

»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die Lippen belecken.

Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht auf.

Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den Augen zu lassen:

»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«

Ich höre es und verstehe ihn nicht.

»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«

»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.

»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und denke mir: ›Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?‹

»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.

»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.

»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«

Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden. Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre Gesichter aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor den Altar.

Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen Illustration zu ›Aimé Lebœuf‹.4)

Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und räumt das Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner Schulter und schnurrt.

Finale

Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen umgeben, zwischen Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen lag ich entseelt in der Speisekammer und harrte meines letzten Schicksals.

Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme Geschichte passiert war, der Enkel des glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte dem, dem die Zunge juckt und der Unsinn redet, zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das heißt mich, zu fressen.

Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer aufgegriffen und zu mir in die Kammer geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte mich mit der Spitze seines Schuhs und sagte . . .

Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte endete: ob er mich tatsächlich fraß oder nur vom Obst naschte, kann ich in meinem Hühnergedächtnis unmöglich rekonstruieren. Und wenn Sie mich auch morden — ich weiß gar nichts mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.

Die Tür

Sie sagte mir:

»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil man sie doch nicht im alten Haus zurücklassen konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.«

Ich machte die Tür leise auf und ging in mein Zimmer. Die alte gußeiserne Tür, die sich vor mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan hatte, schloß sich hinter mir ebenso lautlos und fest. Ich ergriff die Klinke und rüttelte mit aller Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann zu klopfen, mit den Fäusten zu hämmern und zu schreien. Schließlich fiel ich ohnmächtig vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten gußeisernen Tür ihr Herz pochen.

Im Boot

Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber trotzdem ins Boot, weil mein Begleiter ein furchtloser Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle erreichten, zog mein Ruderer die Ruder ein, sah mir spöttisch in die Augen, erhob sich, packte mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins Wasser. Ich flog durch alle Schichten des Wassers hindurch: durch die grüne, die trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine trübe und eine grüne Schicht, und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als ob nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen gewissen Punkt erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder ein, und die ganze Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende abzusehen.

Das Kind in den Ähren

Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den Blumen saß ein kleines Mädchen.

»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.

»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.

Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort gesprochen zu haben, zum See.

»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.

Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang. Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:

»Nimm mich mit!«

Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich aber seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme, und bald war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch, und die Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:

»Nimm mich mit!«

Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.

Die Dohle

Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers, aber die Verfolger, vor denen ich mich versteckte, kamen mir immer wie Jagdhunde auf die Spur. Sie hatten alle menschliche Gesichter, doch Froschleiber und Handschuhe an den Händen. Da sie wohlerzogen und freundlich waren, mordeten sie mich nicht wie einfache Räuber, sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das Hemd und preßten mir, gleichsam streichelnd, das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt eine Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut, warum sie schreit; sie wird gleich ins Zimmer fliegen, sich auf meine Schulter setzen und mir die Augen auspicken.

»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast, »verschone meine Augen, ich will dir ein Perlenhalsband um den Hals legen, ich will dir meine Hände preisgeben, verschone nur meine Augen!«

Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte, aber die Menschen mit den Froschleibern stehen bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und kommen gleich herein.

Am Nordpol

Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren.

Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf; und mein Begleiter, ein struppiger, in eine blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem Ruder. Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. Da steht ein großes steinernes Haus; davor drängen sich erregte Menschen, die über etwas streiten.

»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen, fettigen Burschen, der mit den Zähnen Sonnenblumenkerne aufknackt.

»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. Alle sieben Hausknechte haben den ganzen Boden abgesucht und nichts außer einem alten Rock gefunden. Drei Hausknechte sitzen nun oben und lauern.«

›Jetzt ist unsere Wäsche hin!‹ dachte ich mir gleich.

»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer bemühen!« sagte der Bursche und grinste.

Die Ahle

Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse. Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An der leeren Altarwand leuchtete seitwärts ein goldener Kreis. Vor diesem Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns war niemand in der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren.

Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu meinem Bruder:

»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie haben nichts.«

Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.

Am Krankenbett

Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat dicke Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir, daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die Beine sind aber schon tot.

Die Mutter

Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten und schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit gelbem Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten; ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.

›Mein Gott!‹ denke ich mir, ›laß das Unheil an mir vorüberziehen!‹

»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch deine Mutter!«

»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei: ›Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?‹

Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich schrie auf.

 

 

 

Fußnoten

1) russ., Hähnchen.

2) lat., Die Herzen in die Höhe!

3) lat., Wünsche sie dir nicht besser!

4) Aimé Lebœufs Abenteuer — Roman von M. Kusmin aus dem Jahre 1907.