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Quer durch Amerika

Chapter 10: Ein Fußballspiel. Weihnachten „drüben“.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Ein Fußballspiel. Weihnachten „drüben“.

Jedes Volk hat seine Heiligtümer. Auch das amerikanische. Zu seinen Heiligtümern zählt die Bundesverfassung, sein Freiheits- und Selbständigkeitsgefühl, sein Weltbewußtsein, gleich England eine Art auserwähltes Volk zu sein, und endlich der — Fußball. An den großen Fußballspielen nehmen viele Zehntausende teil. Extrazüge fahren aus allen Richtungen. Die Zeitungen geben wie bei den Wahlen sofort an der Stirnleiste das Ergebnis bekannt. Und so erwartete ich mit großer Spannung das große Wettspiel zwischen den beiden alten Universitäten Harvard und Yale. Es gibt Jahre, wo in der Union an die dreißig junge Leute in den heißen Fußballkämpfen ihr Leben einbüßen!

Noch summt mir das wilde, tosende Rufen der Harvard- und Yale-„undergraduates“ in den Ohren, noch flimmern mir die vierzigtausend wogenden Köpfe in dem gewaltigen Rund des Harvard-Stadiums vor den Augen ... wie ein brausendes, tobendes Meer.

Es war ein Tag, so heiß wie eine Schlacht und mit einer Spannung erwartet und verfolgt wie eine Schlacht. Weit vom Norden und Süden und vom mittleren Westen waren sie zusammengeströmt mit Automobil und im Sonderzug, die vierzigtausend, das Harvard-Yale-game zu sehen, das die Fußballsaison abschließende Spiel zwischen den beiden größten, ältesten und bedeutendsten Universitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Jedes college, ja jede high school hat ihr Footballteam und ihr „Stadium“. Im Herbst jedes Jahres messen sie einander. Schon hatte dieses Jahr Yale über Wesleyan, Syracuse, Springfield, Holy Croß, West Point, Colgate, Amherst und Princeton gesiegt und Harvard über Bates, Williams, Maine, West Point, Cornel und Dartmouth; und nun sah alle Welt, die neunzig Millionen der Vereinigten Staaten, auf das letzte große Spiel zwischen den ehrwürdigen Meisteruniversitäten Yale und Harvard. Welche ungeheure Bedeutung dieses Spiel einnimmt, das zeigt wohl am besten der Umstand, daß für zwei Tickets in letzter Stunde 60, 80, 100, ja 200 Dollars an Spekulanten gezahlt worden sind, während Zehntausende keins mehr bekommen konnten; daß ferner während des Spiels Tausende die Redaktionen der großen Zeitungen in Boston umlagerten und die Anschläge der Drahtnachrichten und so aus der Ferne das heiße Spiel Zug um Zug verfolgten; daß in den Theatern des Landes in den Zwischenakten die Punkte der streitenden Parteien als Transparente erscheinen und natürlich Extrablätter von allen Zeitungen verausgabt werden. Der Sport ist in den Vereinigten Staaten eine öffentliche, nationale Angelegenheit. Ein Blick in die Zeitungen genügt, um das in aller Deutlichkeit zu erkennen. Jede Zeitungsnummer bringt täglich spalten- und seitenlange Einzelberichte über die großen Teams des Landes, über die Spieler im einzelnen, über ihre Herkunft, ihren Lebenslauf, ihr Alter, ihre Geschicklichkeit, ihre Größe, ja ihr Gewicht, ihre besten Kicks, Abbildungen der einzelnen Züge und wichtigsten Momente des Spiels usw. Diese Sportsnachrichten nehmen oft mehr Raum ein als die politischen Artikel; an Umfang können sich höchstens mit ihnen noch die Ehescheidungsberichte, Automobilunfälle und Theatergrößen messen ...!

Nun war also der große Tag herangekommen. Man mochte ein eisigkaltes Wetter erwarten. Tags zuvor blies es bitterkalt vom Norden her. Aber merkwürdig, der 20. November war fast lau und mild, und doch mußte sich jeder wohl vorsehen, in dieser Jahreszeit zwei oder drei Stunden im Freien auf kalten Steinen zu sitzen. Bereits zwischen 12 und 1 Uhr mittags nach dem Lunch wälzten sich Hunderte vom „Harvard Square“ in Cambridge die Bolystonstreet hinunter hinaus aufs „Soldiers field“ zum „Stadium“. Jeder bekannte sich durch ein entsprechendes Abzeichen als Harvard- oder Yaleman: hochrote und tiefblaue Kravatten, Armbinden, Fähnchen, Federn bis zu den blauen und roten Hüten und Jacketts der Damen. Hie rot und Harvard — hie blau und Yale! Heiser priesen die Verkäufer ihre Harvard-Yale-Ansichtskarten und die Bilder der Spieler an. Von der entgegengesetzten Seite rollten unaufhörlich die Automobile heran, eins hinter dem andern, tutend, heulend, surrend, schnaubend, rasselnd. Die Straßenbahnen fuhren Wagen hinter Wagen, bis auf die Trittbretter besetzt, auf denen noch fast ebenso viele Plätze fanden wie im Wagen; hier hing einer nur noch mit einem Fuß auf dem Trittbrett, dort klammerte sich ein anderer nur noch mit den Fingern an eine Längsstange; die Mäntel flogen im Wind, die Hüte drohten fortgerissen zu werden.

Am Stadium, dem gewaltigen, imposanten, elliptischen, halboffenen Amphitheater aus weißgrauem Beton, das nahezu vierzigtausend Personen faßt, stauen sich die Massen und schwellen an zu einem wirren Menschengewoge; aber niemand drängt und drückt oder schilt und schimpft, jeder wartet und ist geduldig, selbstlos und demokratisch. Bald war die eine breite Straße, die von Cambridge über eine alte, schlechte Holzbrücke über den Charles River zum Soldiers field führt, nur noch ein Menschenknäuel mit viel tausend Köpfen. Ringsumher auf den Zufahrtsstraßen und am Charles River entlang sammelten sich die Automobile zu ganzen Wagenparks. Wohl noch keine Automobilausstellung der Welt hat deren eine solche Menge und Verschiedenheit der Marken zusammengebracht. Wer nicht zu Automobil kommt, kommt mit einem der vielen Eisenbahnsonderzüge, die aus allen Richtungen an diesem Tage Boston zustreben.

Das weite Rund des Stadiums mit seinen vieltausend Steinsitzen, seinen gewaltigen Substruktionen und seinen schönen Kolonnaden über den höchsten Sitzreihen lag still und gemessen da und wartete der Menge, die sich von allen Seiten über seine Treppen und Steingänge ergoß und es trotz ihrer ungeheuren Zahl nur langsam zu füllen vermochte. Ich hatte einen Sitz hoch oben über den Kolonnaden bekommen, wo sich nicht nur ein ausgezeichneter Überblick hinunter in die gewaltige halboffene Ellipse auf das Spielfeld bot, sondern auch hinaus ins offene Land. Ich fühlte mich fast nach Rom in das gleich gewaltige Kolosseum versetzt. Gleich dem Tiber wand sich hier der breite Charles River an Cambridge hin; mäßige Hügel säumten gleich Rom auch hier rings den Horizont; in der Ferne schimmerte die goldene Kuppel des Kapitols von Boston auf dem Beacon hill, der schöne Frührenaissanceturm der New old South Church grüßte aus dem feinen blauen Herbstdunst herüber, der über der großen Stadt lagerte. Wie hier das Menschengewimmel, so mochte es einst vor zwei Jahrtausenden zu Zeiten des Titus und Domitian im römischen Amphitheater ausgesehen haben, wenn die vierzigtausend das Spiel erwarteten. Nur statt der glattrasierten Römer hier glattrasierte Amerikaner, statt der Toga und Tunika Automobilpelz und Wintermantel, schwarze steife Hüte und graue Reisemützen, statt der Löwen und Gladiatoren harmlose Fußbälle und junge Studenten ...

Wie Ameisen krabbelten die Menschen auf den Steinsitzen hin und her und suchten ihre Plätze. Schwärzer und schwärzer wurden die runden Steinreihen. Bald bewegten sich da unten vierzigtausend Köpfe hin und her, vierzigtausend schwarze Männerhüte und graue Reisemützen und rote und blaue Damenhüte; dazwischen flatterten lustig die hochroten Harvard- und die tiefblauen Yalefähnchen mit dem stolzen H. und Y. Harvard war recht siegesgewiß. Sein Captain Fish, einer der trefflichsten Fußballspieler, hatte zwar im letzten Spiel gegen Dartmouth eine Verletzung davongetragen, aber er war wieder munter und war fest entschlossen mitzuspielen und hatte, wie die Zeitungen berichteten, geäußert, nur der Tod allein könne ihn von diesem Spiel abhalten. Captain Coy von Yale aber war ein ebensowenig zu verachtender Gegner, ein weitgefürchteter „Kicker“. Freilich hatte Harvard in den letzten zwei Jahrzehnten nur viermal Yale besiegt, aber der Sieg des letzten Jahres über Yale und Captain Fish machte Harvard im voraus siegesgewiß.

So ward es zwei Uhr. Auf ein Zeichen sprang eine Schar junger Menschen mit weiten flatternden roten Tüchern, fast wie Stierkämpfer gekleidet, in das Stadium, von tosendem Beifall begrüßt, Captain Fish und die Harvardspieler. Bald darauf stürmte ein zweiter Haufe in wehenden blauen Tüchern herein — die Yalespieler. Die Tücher wurden abgeworfen, ein schwarzes Überwams ausgezogen — dann standen die roten und blauen Kämpen einander gegenüber. Jeder angetan wie ein Fechter, wohlgepolstert an Schultern und Knien und teilweise mit Kopfhauben gegen Fußtritte und Schädelbrüche geschützt, in weiten zerschlissenen dunkelgelben Hosen und rotem oder blauem Wams. Schon erhoben die Harvard- und Yale-„undergraduates“, die auf je einem Haufen auf beiden Seiten dicht zusammensaßen, ihr Schlachtgeschrei, und aus vielhundert Kehlen, den Schalltrichter vor dem Munde, schallte es: „Har—vard, Har—vard, Har—vard, ra—ra—ra—ra—ra—ra, ra ra ra ra ...“ Und von drüben antwortete es ebenso siegesgewiß und drohend: „Yale—Yale—Yale, ra—ra—ra—ra—ra—ra, ra ra ra ...“ Jede Partei suchte die andere mit Schreien und Lärmen zu überbieten. Das Schreien ging fort und wuchs, von Vormännern ganz methodisch und systematisch unter Kommando und gewaltigen Armbewegungen dirigiert: „eins—zwei—drei: ra—ra—ra—ra—ra—ra, ra ra ra ...“

Indessen ertönte ein Pfeifchen. Die Spieler traten an die Mittellinie des Feldes, das in viele weiße Karrees geteilt war, ähnlich einem großen Tennisplan, gebückt mit den Händen am Boden, den Kopf tief gesenkt, zum Fang und Sprung bereit. Harvard begann. Hoch und weit wirbelte der Ball, von einem Harvardman gewaltig emporgekickt durch die Luft ... ein Yaleman fängt ihn auf, die Harvardleute fallen über ihn her ... der Yaleman stürzt rücklings auf den Hinterkopf zu Boden, ... ein wilder Knäuel um ihn, zweiundzwanzig Menschen wälzen sich übereinander und raufen sich um den Ball, ... indessen sehe ich andere mit Wasser und Tüchern herbeispringen. Ein Yaleman ist schwer verletzt, halb bewußtlos liegt er am Boden; einen Augenblick stoppt das Spiel. Der Verletzte wird zur Seite getragen, ein anderer tritt für ihn ein — und das Spiel geht weiter. Jedes Jahr sind es ja mehrere, die nicht nur Arm oder Bein, sondern das Leben auf dem Fußballspielplatz lassen.

Hin und her wirbelt der Ball, bald ist Harvard einige Yards voraus, bald Yale; hier und da stürzen die Spieler übereinander, wälzen sich als Knäuel am Boden ... dazwischen Rufen und Jauchzen und Klatschen und Winken der Zuschauer, immer lauter und frohlockender, bald Harvard, bald Yale. Wie ein Meer toben die Vierzigtausend da unten. Bald wirbeln die blauen Yalefähnchen durch die Luft, bald die roten Harvardflaggen, bald erheben sich hier auf der Seite Tausende in der Erregung von den Sitzen und beugen sich vor, um besser zu sehen, bald dort: Fortwährende Rufe und Schreie. Dazwischen das laute Zählen der Spielführer, die Pfeifchen der Spielmeister und das wilde „ra—ra—ra—ra“ der Harvard- und Yaleundergraduates, wohl kommandiert und dirigiert. So wogt das Spiel bei zwei Stunden hin und her.

Währenddessen eilen die Photographen mit ihren Apparaten und Stativen unablässig von einem Ende des Spielfeldes zum andern, um ja keinen Zug zu verpassen, die Reporter registrieren genau jede Wendung, und Punkt für Punkt wird augenblicklich in alle Windrichtungen telegraphiert. Als es Yale zweimal gelingt, den Ball über die letzte Harvardlinie hinauszuschleudern, und so der Sieg für Yale immer mehr an Wahrscheinlichkeit gewinnt, da kann ein ganzer Haufen Yalestudenten nicht mehr an sich halten; im Enthusiasmus springen sie von den Sitzen und aus den Reihen aufs Spielfeld hinaus, werfen Hüte, Mützen und Mäntel in die Luft, umarmen sich und tanzen vor Freude, und einige Schutzleute haben Mühe, sie zurückzudrängen, damit die Bahn für das Spiel frei bleibt. Indessen notiert das Bulletinboard am inneren Ende des Stadiums für die Zuschauer Zug um Zug, Punkt für Punkt und Linie um Linie. Draußen am Charles River stehen viele Hunderte, die kein Ticket haben erlangen können, die aber wenigstens mit dem Glas die Zahlen am Bulletinboard von ferne zu erhaschen suchen. Mehr und mehr neigt sich das Glück Yale zu. Die Yalegirls werden immer enthusiastischer, immer schneller wirbeln die blauen Fähnchen in den Händen der Girls durch die Luft. Das fortwährende kommandierte heisere „ra—ra—ra—ra“ der Harvardmen hilft ihren Kampfgenossen nicht auf.

Ja, in der Tat, das Unerwartete geschieht. Yale gewinnt! Es ist vier Uhr. „Yale 8 Punkte, Harvard 0.“ Wilder Siegestaumel ergreift die Yalestudenten. Sie stürzen wieder von den Sitzreihen ins Feld herunter, gruppieren sich geschwind hinter ihrer blauen Musikkapelle, — und nun geht es in wilden Sprüngen und wildem Tanzen unter Siegessang und Freudengeschrei im Feld des Stadiums hin und her. Mächtig schallen die Yalelieder durch das Rund. Hüte und Mützen fliegen vor Vergnügen aufs neue hoch in die Luft und werden beim Umzug über die Balken der siegreichen Goals geschleudert. Kläglich und wütend schreien die Harvardmen ihr „ra—ra—ra—rarara“ dazwischen. Yale hat gesiegt. Die heiße Schlacht ist aus ...

Die Massen der Tausende auf dem Steinrund sind wieder in Bewegung. Der gewaltige Automobilpark löst sich auf. Die Straßen beginnen sich wieder zu füllen; die Straßenbahnen fahren wieder davon, eine hinter der anderen mit den vielen auf den Trittbrettern hängenden Menschen. Nur der Charles River fließt ruhig und gemessen im weiten Bogen nach dem dunstigen Boston hinunter und wundert sich über die Tausende, die seine alte Holzbrücke passieren, voll Jubel, Enthusiasmus und — Enttäuschung. Über den Hügeln von Newton und Brookline taucht die Sonne purpurrot unter, und ihr glutroter Schein spiegelt sich in den Fenstern Cambridges. Ruhig und verlassen liegen unter den blätterlosen alten Ulmen die Dormitories und die Collegehalls der Harvarduniversität. Memorialhall reckt seinen charakteristischen Vierungsturm empor und öffnet sein Tor den vielen fremden Yalemenschen, die sich jetzt in seiner weiten gastlichen Halle, wo die großen Ahnen Harvards ehrwürdig von den Wänden schauen, zum Dinner niederlassen. Über dem sich leerenden, weiß im Abendlicht schimmernden Stadium aber schwebt wie ein Aeroplan gemächlich und still eine riesige Flagge: — „Ponds Extrakt“! Es gibt in Amerika keinen schönen und berühmten oder poetischen Ort, den die Reklame nicht meinte noch verschönern zu müssen. Wie eine Siegesfahne winkt sie hinüber zur goldenen Kuppel des Kapitols in Boston im Abenddunst ...

Kaum haben wir unseren Fuß aus dem Stadium gesetzt, da laufen uns schon die Zeitungsboys entgegen mit den Extrablättern, die in riesigen Lettern verkünden: „Yale Wins. Final score: Yale 8, Harvard 0“, während der Draht längst den Sieg Yales in alle Lande trägt. Der siegreiche Fußball aber wandert in den „trophee-room“ der Yaleuniversität, wo ihn die kommenden Geschlechter mit Ehrfurcht und Staunen hinter Schrein und Glas beschauen, wie wir wohl vor den Schädeln der Großen und Heiligen in der Geschichte mit Ehrfurcht stehen ... Der Ruhm der Yalespieler aber ist gesichert für alle Zeiten, weit mehr denn eines berühmten Yaleprofessors, der dicke Bände geschrieben und die amerikanische Wissenschaft ein gut Stück weitergebracht hat ...

Griechenland hatte seine Amphitheater und Tragödien, Rom seine Kollosseen und Gladiatoren, das Mittelalter seine Turniere und Ritterspiele, Spanien seine Stiergefechte, die moderne Gesellschaft in Deutschland hat ihre Pferderennen und ihre Mensuren, Amerika hat sein Fußballspiel ... Kraft und Jugendheldenmut sucht sein Feld; glücklich die Nation, die sich am Heroischen begeistert wie ein Mann. Aber ist nicht ein Unterschied, wo wir das Heroische suchen ...? — — —

Nach diesem Kennenlernen der akademischen Fußballjugend trieb es mich ein andermal die in der englisch-amerikanischen Welt großartig in der sog. Young men’s christian association weltumspannend organisierte Jugend kennenzulernen. Ich begnügte mich, einer Einladung des Zweigvereins, des sog. Y. M. C. A. in Cambridge, zu folgen.

Es war ein geräumiges Vereinshaus, natürlich ein eigenes, an der Hauptgeschäftsstraße, der Massachusetts Avenue in Cambridge, in das ich eintrat. Als ich die schöne Freitreppe hinanstieg, gelangte ich auf dem ersten Stock zu dem Bureau, wo der Sekretär den Fremden freundlich empfängt, dann in einen weiten offenen Empfangsraum mit feinen Teppichen, elektrischem Licht wohl ausgestattet, und zu den anschließenden gemütlichen Lesesälen, wo etwa 30 Zeitungen, die besten Tageszeitungen, Wochenschriften aller Art, religiösen, belehrenden und künstlerischen Inhalts, auflagen. Auch ein Billard und andere Geselligkeitsspiele fehlten nicht und werden allabendlich eifrig benutzt. Die Treppen führten mich weiter empor zu den mannigfachsten Klubräumen in den verschiedensten Größen für kleinere und größere Zusammenkünfte der Jugendlichen. Der Verein in der Großstadt umfaßt meist mehrere hundert Mitglieder, die an Einzelbestrebungen und Alter so verschieden und zahlreich wie möglich sind, so daß sie geteilt sich in kleinen Zirkeln zusammenfinden. Und hier herrscht nun die bunteste Mannigfaltigkeit, zunächst was das Alter betrifft: Ich sah kleine Knirpse, die wohl kaum zehn Jahre alt sein mochten, die noch die Volksschule besuchen, aber eifrig schon „im Verein“ verkehrten. Das amerikanische Leben drängt im ganzen ja weit mehr und weit früher auf die Öffentlichkeit hin als das unsere. So ist auch das Clubleben weit mehr ausgebildet. In jeder Schule von den Kleinsten angefangen bestehen oft schon Schülerklubs, die sich selbst regieren, ihre Präsidenten und Beamten wählen und so im kleinen die große Demokratie des ganzen Volkes abbilden und auf das politische Leben, an dem jeder Bürger Anteil nehmen soll, vorbereiten. Neben diesen Kleinen gab es genug derer in den Zwanzigern und Dreißigern. Neben den Volksschülern die Männer, Arbeiter und Angestellten aller Berufszweige! Dazwischen Realschüler von fünfzehn und sechzehn, Lehrlinge, junge Kaufleute und Handwerker von noch nicht zwanzig. Jedes Alter und jeder Berufszweig bildete einen eigenen Kreis und eine eigene „Klasse“.

Ebenso bunt wie das Alter waren die Bestrebungen, die sich da zusammenfinden. Der Y. M. C. A. in Cambridge bietet neben den Bibelstunden, die alle als Grundlage vereinen, Unterricht in Sprachen, Mathematik, Zeichnen, Singen, Buchhaltung, Schreibmaschinenschreiben, Stenographie — und vor allem Turnen und Sport. Dazu kennzeichnen noch zwei Dinge jedes amerikanische Klubleben: Gymnastik und politische Debatten. Jedermann vom Schuljungen bis zum Studenten und verheirateten Mann übt täglich seine Spiele, es sei Fußball, Base-ball, Basket-ball, Tennis oder Laufen, Springen und Geräteturnen ... So muß jedes Vereinshaus des Y. M. C. A. vor allem eine eigene vollständig mit allen modernsten Geräten und Spielen wohlausgerüstete Turnhalle besitzen. An ihrer Größe und Ausstattung kann man das Florieren des Vereins kontrollieren. Aber nicht nur das, ein amerikanisches Vereinshaus, das auf der Höhe sein will, muß möglichst auch ein eigenes Schwimmbassin haben oder allerwenigstens, wenn es nicht als veraltet und rückständig gelten will, einen eigenen großen Baderaum mit vielen Brausen und Duschen. Was gibt es auch schöneres als Spiel und Sport, erst zu turnen und zu springen und zu schwingen und zu schwitzen und dann zu baden und zu duschen, zu spritzen und im Wasser zu planschen! Das hatte ich selbst in der akademischen Turnhalle öfters ausprobiert. Der Verein muß sogar Gelegenheit geben, sich von einem zuständigen Arzt auf körperliche Gesundheit und Tauglichkeit untersuchen zu lassen! Und wie oft kontrolliert der junge Amerikaner mit Stolz zunehmendes Maß, Gewicht und Stärke ... So ist denn auch der professionelle, wohlgelernte, mit gutem Gehalt angestellte Turnmeister eine der wichtigsten Personen unter allen Vereinsbeamten. Und mit welcher prächtigen Grazie und Gewandtheit weiß er alle Übungen vorzumachen!

Dazu tritt das andere, was jedem Amerikaner über alles geht, Reden (addresses) hören und debattieren. Man kann jeden Abend zwei, drei und mehr Redner hören. Man ist einfach für alles interessiert, für den Nordpol, den Mars, für Luftschiffe, für babylonische Ausgrabungen, neueste elektrische Erfindungen ... jeder Redner und jeder „speech“ ist willkommen. Es muß möglichst jeden Abend oder jede Woche einmal etwas Großes im Verein „los“ sein. Und wie offen erfolgt die Aussprache! Da werden Fragen gestellt, der Redner unterbrochen; keiner fürchtet sich, den Mund aufzutun. In Amerika findet man immer und überall fragende, lernbegierige, empfängliche und für geistige Darbietungen dankbare Menschen. Selten wird kritisiert, immer bewundert und gelobt!

In den obersten Stockwerken des Vereinshauses — ich kletterte mit meinem Führer bis aufs Dach hinauf, wo man den Turm der City Hall gerade vor sich hatte und durch die Nacht bis zu dem lichtschimmernden Boston hinüberblicken konnte — fand ich auch Zimmer zum Logieren für durchreisende Mitglieder von Zweigvereinen, für den Sekretär und die ständig fungierenden bezahlten Beamten des Vereins.

An jenem Abend, an dem ich im Verein weilte, hatte ich Gelegenheit, einem Schauturnen beiwohnen zu können, das drüben den seltsamen Namen „Karnival“ trägt. Ich wurde erst durch die Baderäume geführt, wo sich Kleine und Große in hellen Haufen tummelten und ihre Turnkleidung anlegten. Dann bekam ich das „Gymnasium“ (die Turnhalle) zu sehen, mit der kaum die besten unserer Turnhallen es hätten aufnehmen können. Eine große Zuschauerschaft war schon versammelt, Eltern, Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Alles wartete gespannt auf das Öffnen der Flügeltüren und das Einmarschieren der Turner. Und dann kamen sie, nacheinander, die Riegen der kleinen Knirpse, die so wohl über den Bock zu springen und allerlei lustige Purzelbäume zu schlagen wußten, dann die älteren Schüler mit ihren exakten Stab- und Hantelübungen, und endlich die in den Zwanzigern, meist sehnige, straffe, frische junge Menschen mit ihren geschwellten Armmuskeln und strammen Waden. Neu waren für mich eine ganze Reihe wohl ausgeführter Reigentänze, die mit ihren wilden und doch taktmäßigen Sprüngen mich an Indianer- und Negertänze erinnerten. Eine Riege erschien als „Farmer und Trapper“ verkleidet, eine andere mit brennenden Holzkeulen, die im Dunkeln geschwungen einen faszinierenden Eindruck hinterließen. Mancher der Turner hatte ein großes „C“[21] auf dem Rücken als Ehrenzeichen, daß er eine Reihe vorgeschriebener ausgesucht schwerer Übungen vollendet ausführen kann. Auch einige farbige junge Männer waren als Turner darunter, was mich besonders freute.

In den Vereinigten Staaten bestehen etwa 2000 solcher Y. M. C. A.-Vereine, die 681 eigene Häuser haben mit einer Gesamtmitgliederzahl von über 450 000 Personen und einem Gesamtvermögen von ungefähr 50 Millionen Dollars! Und wieviel wird für sie gegeben! Der Bostoner Verein, dessen Haus kürzlich in der Nacht in Flammen aufging, sammelte binnen 14 Tagen 500 000 Dollars für ein neues größeres! Der Cambridger Verein plant, seine Mitgliederzahl von 200 auf 2000 zu erhöhen und man wird das in einer „Kampagne“ auch fertigbringen. Die Stadt wird gleichsam für wenige Wochen bestürmt und erobert: Energie, Zielbewußtsein, Begeisterung, „Rekord“ — die leben nirgends mehr denn in Amerika. Die Tätigkeit der Y. M. C. A.-Vereine ist im ganzen Land von jedermann anerkannt, vom Präsidenten, der sie öffentlich gelobt hat, angefangen. Sie schaffen anerkanntermaßen Charaktere, treffliche gebildete Bürger, gesunde frische Menschen, allem Gemeinen, Trägen und Genußsüchtigen abhold. — — —

Mittlerweile war langsam Weihnachten herangekommen. Wie würde es mir im fremden Erdteil am Heiligen Abend ergehen und zumute sein? Hatte ich bis jetzt unter den vielen neuen Eindrücken, deren Kette für mich gar nicht abriß, nie an Heimweh auch nur gedacht, sondern lebte fortgesetzt in einer Art Erobererstimmung, ein ganzes Land in seiner eigenen neuen Art, seiner Sitten, Anschauungen und Gebräuchen mir geistig zu eigen zu machen, so würden mich vielleicht die stillen Weihnachtstage doch auf einmal „kleinkriegen“! Das fürchtete ich ...

Man feiert Weihnachten drüben doch recht anders als bei uns. Die zentrale Stellung, die das Weihnachtsfest im deutschen Volks- und Gemütsleben hat, hat es drüben lange nicht, ja wohl in keinem Volk sonst. Schon das Sinnbild des deutschen Weihnachten fehlt, der Christbaum, wenn auch nicht überall ...

Weihnachten voraus geht in Amerika der nationale „Thanksgiving day“ am 27. November. Zwei nationale Feiertage hat die Union, an denen sich das ganze Volk ohne Unterschied zusammenfindet, das ist der „Fourth of July“ (4. Juli), der Verfassungstag, der mit allem Pomp und Aufsehen und höchstem Stolz vom ganzen Volk von der Küste des Atlantik bis zum Stillen Ozean und von den großen Seen bis zum Golf von Mexiko begangen wird; man halte dagegen den Streit und die Zerrissenheit unseres Volkes in Sachen eines Verfassungstags! Und daneben religiöser betont als der 4. Juli der „Danksagungstag“, wenn die ersten Schneestürme die nördlicheren Staaten durchfegen und man sich um den traditionellen Truthahn sammelt, wie wir um die Martins- oder Weihnachtsgans. An diesem Tage gedenkt das amerikanische Volk in allen Kirchen aller Denominationen mit Dank des Reichtums, der Sicherheit, des Fortschritts, des Glücks und Ansehens, das es in der Welt genießt und auch des Sieges, den es im Weltkrieg „der Gnade des Höchsten“ zu verdanken hatte. Und es läßt sich gern die Verpflichtung vorhalten, nun auch seinerseits sein Wort und seinen Willen kräftiger als bisher zur Beglückung und Befriedung der Völker trotz der Monroedoktrin in die Wagschale der Welt zu werfen, Kriege in der Welt zu verhüten (!), daß jedem, auch dem kleinsten Volk in der Welt — darum auch Tschechen, Polen, Südslawen und Serben, Juden — ihr Selbstbestimmungsrecht werde, besonders allen Unterdrückten wie einst dem amerikanischen Volk selbst, als es „der Herr aus seinem Diensthause führte“. Zu diesem feierlichen Thanksgivings day hatte ich nicht weniger als fünf Einladungen erhalten zu drei Professoren, zu dem befreundeten liebenswürdigen Studentenehepaar und zu den Eltern meines Freundes Arthur E. W. Leider konnte ich nur einen Truthahn verspeisen, da der Thanksgiving leider nicht fünf Tage hintereinander gefeiert wird. Ich nahm des letzteren freundliche Einladung an, da sie zuerst gekommen war, und mußte die anderen nicht leichten Herzens ausschlagen. W.s Eltern wohnten in der freundlichen und schöngebauten Vorstadt Bostons Dorchester. Ich hatte dort Gelegenheit, auch einmal in amerikanisches Familienleben des kaufmännischen Mittelstandes hineinzuschauen. Der Familienvater war zwar ertaubt, aber um so intensiver belesen in aller schönen Weltliteratur. Und kein Laut der Klage kam wegen seines Leidens über seine Lippen ...!


So kam Weihnachten näher.

Dienstag vor Heiligabend las der Rhetor der Universität in „Appleton Chapel“ aus den „Christmas Carols“ von Dickens. Dazwischen wurden englische Weihnachtslieder mit frischer Melodie gesungen, darunter auch das Lied von der „heiligen Nacht“ in Übersetzung. Wie seltsam das in Amerika berührte! Denn kein Lied ist deutscher als dieses. Ebenso seltsam klang mir immer die Übersetzung unseres Lutherliedes: „Ein feste Burg ...“ als englischer Choral in den Ohren:

„A mighty fortress is our God,
A bulwark never failing,
Our helper he amid the flood
Of mortals ills prevailing.
For still our ancient foe
Doth seek to work us woe,
His craft and power are great
And armed with eternal hate;
On earth is not his equal usw.“

Dann schlossen die Vorlesungen auf zehn Tage. Zehn goldene Tage war ich einmal die vorgeschriebene Zwangslektüre los und konnte im Lande der „Freiheit“ einmal wieder meiner geistigen Selbstbestimmung leben! Freitag war heiliger Abend. Aber ich sah in Cambridge keinen Christbaum, noch weniger einen Weihnachtsjahrmarkt. In Neuengland herrschen noch ganz die alten englischen Weihnachtssitten. An den Fenstern der Läden und Häuser hingen einige grüne Kränze — das war alles. Nicht einmal rechte Weihnachtsgottesdienste, wie wir sie gewöhnt sind, gab es, nichts von Metten und Vespern. Das Fest wird auch bloß mit einem Feiertag begangen!

So hatte ich mir selbst am heiligen Abend — den sie übrigens drüben auch gar nicht feiern! — einen kleinen Weihnachtstisch zurechtgebaut und schenkte mir selbst ein paar blitzende amerikanische Schlittschuhe, zündete mir einige Kerzen auf dem Kamin an, steckte hinter meine Bilder ein paar Tannenreiser, schichtete ein paar rotwangige Äpfel auf und feierte so still für mich heiligen Abend in der neuen Welt. Als ich die Kerzen angezündet und ihr Schein auf die paar mageren Zweiglein fiel, fiel, glaube ich, auch ein kleines, warmes Tränlein mit darauf. Jetzt wäre ich doch fürs Leben gern die zehn Ferientage einmal schnell zu Hause gewesen und hätte soviel zu erzählen gehabt — aber das Weltmeer mit seinen 4000 Meilen lag dazwischen! Ich fing nun manchmal schon heimlich die Wochen an zu zählen, wann es wieder heimgehen würde. Bei Wachsduft und Kerzenschein kamen auf einmal alle die Weihnachtsfeste der Kindheit leise zu mir in mein amerikanisches Studierzimmer hereingeschritten, frohe und ernste, und stellten sich wie unsichtbare Engel an den Wänden meines „furnished room“ auf und hatten wohl alle auch ein kleines, warmes Tränlein an den Wimpern ... Damit mir es nun aber in meinem Zimmer nicht gar zu einsam werde, holte ich mir einige Kameraden aus unserer Hall herein, von denen die meisten aus dem eigenen Lande auch nicht heimfahren konnten, weil viele weither aus dem Süden oder dem „mittleren Westen“ waren. So kam zu meiner „Weihnachtsfeier“ mein lieber japanischer Freund Ashida, Mr. Moore und der Heidelberger Philologe. Wir lasen deutsche und englische Weihnachtsgedichte zusammen und sangen dann alle miteinander auf deutsch „Stille Nacht, heilige Nacht“, bis die Kerzen langsam herabbrannten. Der Japaner, der Amerikaner und wir zwei Deutschen!

Als sie wieder gegangen waren, packte ich die heimatlichen Weihnachtspakete aus, die vor einigen Tagen angelangt waren; das wollte ich gern ganz allein tun. Da kamen noch allerlei — aber jetzt echte deutsche — Tannenzweiglein und duftende rotwangige deutsche Äpfel, Weihnachtskerzen, warme Sachen und vor allem Weihnachtsbrieflein zum Vorschein. Und wie war das alles mit soviel Liebe und weiser Berechnung zeitig aus der Heimat abgegangen ...! Und wie wirkte das alles hier so traulich und wehmütig zugleich! — —

Der Abend schloß für mich nicht so ganz still und die Nacht nicht so ganz heilig insofern, als sich — wohl nach einer zugezogenen Erkältung — in der Nacht Fieber einstellte und ich das Bett hüten und nicht mehr zu Präsident Lowell gehen konnte, der alle Harvardstudenten, die nicht heimfahren konnten, zu einem offenen Weihnachtsabend zu sich eingeladen hatte. Das war schön von ihm! Ich lag derweilen allein fiebrig in der Weihnachtsnacht ... In derselben Nacht gab es auch noch einen riesigen Wasserröhrenbruch in der Stadt, so daß das Wasser in hellen Strömen durch alle Straßen schoß. Da man ein böses Einfrieren befürchten mußte, griffen noch in derselben Nacht die Studenten mit zu, als sie gerade vom Präsidenten kamen, um noch größeres Unglück zu verhüten.

Andern Tags hatte mich Freund W. wieder zu seinen Eltern zusammen mit seinem Stubengenossen R. nach Dorchester zum „Christmas-Dinner“ eingeladen. Wir hatten daselbst wieder „a very good time“ (viel Spaß), wie man drüben sagt, und sangen allerlei wehmütige Negergesänge, die ich einige Tage zuvor in einer baptistischen Negerkirche gehört und gelernt hatte. Dort war, als ich eintrat, alles ganz „schwarz“ gewesen, nur die weißen Zähne und Augen ließen erkennen, daß Menschen anwesend waren!! Süßlich-sentimental erklangen die Lieder, aber der Prediger fuchtelte dafür um so gewaltiger mit seinen Armen auf dem Pult. Ein laut schreiendes Kind und ein bellender Hund begleiteten in dieser Negerkirche die Predigt auf ihre Weise! Und überall duftete es eigentümlich ...

Gegen Abend machte mein Freund mit uns noch einen Weihnachtsbesuch in einem sehr reichen Hause im Franklinpark, wo eine sehr wohlhabende Dame, die einst mit ihm — glückliches Land der Koedukation! — in die „high School“ in Dorchester gegangen war, auf ihrem ländlichen Schlosse wohnte. Wir schritten die tiefverschneiten Parkwege entlang und traten ein. Ein riesiger prächtiger Christbaum stand hier auf spiegelblankem Parkett in der Empfangshalle. Er reichte vom Fußboden bis an die Decke und war über und über mit Hunderten von Kerzen besteckt. So sah ich doch noch einen Christbaum! Feine Herren und Damen verteilten unter ihm an eine Anzahl von all der strahlenden Pracht wie geblendet dastehende arme Kinder der Vorstadtviertel Weihnachtsgaben. Die Dame des Hauses selbst sang am glänzend polierten Flügel allerlei süßtönende Lieder ... Aber trotz allem, dies Weihnachten gefiel mir auch nicht recht. Es war mir zu fein.

Dieselbe Nacht noch vom ersten zum zweiten Feiertag wütete in ganz Neuengland ein furchtbarer Schneesturm, wie man ihn lange nicht erlebt hatte. Die schwersten Äste der alten Harvardulmen lagen am Morgen zerschmettert am Boden. Die Vorstadt Chelsea stand infolge der Sturmflut unter Wasser; viele Schiffe waren gestrandet, Neger wurden erfroren in den Straßen aufgefunden, denen es immer noch schwer fällt, den nördlichen Winter durchzumachen; Seeleute wurden zahlreich vermißt. Auch das kein schönes „Weihnachten“! Und am Morgen lagen, als man erwachte, Schneemassen in den Straßen Cambridges, daß niemand von den Studenten, die früh zu ihrem „job“ als Organist oder Prediger aufs Land hinauswollten, auch nur vor die Tür kam!

BOSTON
Ralph Waldo Emerson’s Haus in Concord (Mass.)
NIAGARAFÄLLE
Links: Der amerikanische Fall
Rechts: Der kanadische (Hufeisen-)Fall

Als guter deutscher Tourist zog ich trotzalledem nachmittags dicke feste Stiefel an, hing einen tüchtigen deutschen Lodenmantel um und stapfte nach Mount Auburn hinaus, besah mir die einzigartig schöne Winterlandschaft und arbeitete mich bei blendendem Sonnenschein vier Stunden durch den hohen weichen Schnee von Concord nach Belmont durch und fühlte mich bei dieser Wanderung wie in den Schwarzwald oder auf den hohen Westerwald versetzt. Ja, ich hatte Lust, in diesen Tagen nach Kanada zu reisen, wo der Winter meist noch dreimal so dick ist als in Neuengland, aber ich ließ glücklicherweise den Plan einstweilen wieder fallen, denn wer weiß, wo ich in Schnee und Eis stecken geblieben wäre ...

Am letzten Abend des Jahres hatte ich noch Gelegenheit, noch einen Weihnachtsunterhaltungsabend in einem „settlement-house“ in Boston mitzumachen. In den sogenannten „Settlements“ werden Knaben und Mädchen der ärmsten Viertel von sozialgesinnten Studenten zu Klubs, Spiel, Sport und Vorträgen gesammelt, um geistiges Leben in ihnen zu wecken, Sinn für Anstand, Sitte und charaktervolles Leben in ihnen zu pflegen, ja ihnen nach Möglichkeit alles das zu ersetzen, was sie in ihren elenden und traurigen Verhältnissen daheim entbehren müssen. Also eine Arbeit ähnlich der in den Hamburger Volksheimen, die sich die settlement-Bewegung in England und Amerika in der Tat zum Vorbild genommen haben. Die settlement-Arbeiter oder „Siedler“ wohnen meist — ein großes Opfer ihres Lebens! — selbst im Klubhaus mitten in der übelsten Umgebung (dem sogenannten „slum“), um daselbst als Salz und Licht ihrer Umgebung zu wirken. Reiche Freunde unterstützen die Arbeit und erstatten den Unterhalt der Siedlung. Nach einer feudalen Schlittenfahrt im „Franklinpark“ dinierten wir mit den feinen Damen der Bostoner Gesellschaft, soweit sie zum Vorstand des Settlements gehörten, und dann ging es — ein mir nicht gerade angenehmer Kontrast! — zu den Vorführungen des armen Jugendklubs. Die Knaben und Mädchen boten allerlei hübsche theatralische Aufführungen in niedlichen, selbstgefertigten Kostümen; zum anderen Teil unterhielt die Kinder ein professioneller Komiker, der sprechend allerlei Tiere und Maschinengeräusche nachzuahmen wußte und zuletzt noch als Bauchredner auftrat. Nicht endenwollender Beifall der Kinder lohnte ihn. Zum Schluß gab es das in Amerika immer unvermeidliche „ice-cream“ mit Cakes! Ein derber Junge konnte es sich aber nicht versagen — der Komiker hatte es ihm wohl angetan! — einem anderen eine Portion des schönen „ice-cream“ in den Nacken zu gießen. Mein Freund setzte ihn dafür flugs und energisch an die Luft. Meist waren es Kinder armer eingewanderter Italiener, Iren, Juden und Slawen.

So ging das alte Jahr für mich drüben zu Ende. Am Silvesterabend zündete ich noch einmal meine Kerzen auf dem Kaminsims an und machte schon Pläne zu meiner baldigen großen Fahrt durch die Union, die mich bis zum Stillen Ozean führen sollte ...

[21] = Cambridge!