Über den Niagara nach Chikago.
Aber wie zum Stillen Ozean gelangen? Ein reicher Allerweltsreiseonkel war ich ja nicht. Mein mir verliehenes amerikanisches Stipendium reichte kaum für das Studienjahr. Und einen wirklich einträglichen „job“ hatte ich nicht, seit jener „Freshman“ behauptete, mein Deutsch striche sein Professor als Fehler an! Da kam eine ernst-frohe Nachricht für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es bewahrheitete sich wieder einmal: Was dem einen sein Tod ist, ist dem andern sein Brot. Hatte ich hier in Amerika einem Onkel das Leben wiedergegeben, so starb derweilen mir eine liebe, gute, ferne Tante im Schwabenland, die mich einst als Tübinger Studenten freundlich beherbergt und an mir beifällig zu rühmen wußte, daß ich trotz all meiner ernsthaften Neigungen mit Recht „auch e bissele weltlich“ geblieben sei. Sie hatte mir nun — dafür sei ihr im Grab noch gedankt! — eine kleine Erbschaft hinterlassen, die zu einer Fahrt, wenn man es wohl einteilte, an den Stillen Ozean hin und her reichen mochte! So stand ich vor dem Entweder-Oder: Entweder das Geld zu den Wechslern zu tragen und dann mein Pfund einst mit Zinsen wieder heimzunehmen, oder es auf sehr ehrenwerte und anständige Weise hier im Lande Amerika durchzubringen, d. h. die Erbschaft in Geist und unwiedereinbringliche Erlebnisse zu verwandeln. Ich wählte das letztere und habe es noch nie bereut. Wer weiß, ob sie nicht sonst die Inflation verschlungen hätte. So beschloß ich, die Erbschaft zu „verreisen“. Ohne dich, liebe gute Tante, hätte ich wohl nie den Stillen Ozean und das Felsengebirge gesehen!
Nun fing ich alle Tage zu rechnen an, — aber es wollte nicht recht reichen! Denn die Fahrkarte allein nach San Franzisko und zurück kostete wohl bald dreimal so viel wie die von Hamburg zur See nach Neuyork! Denn von Boston nach San Franzisko und zurück ist ungefähr so weit wie von Berlin in gerader Linie bis nach Kapstadt oder beinahe bis nach Wladiwostock!! Ja, ich überlegte schon, ob es am Ende nicht gar gescheiter sei, von San Franzisko gleich über den Stillen Ozean, durch Japan und auf der sibirischen Bahn heimzufahren. Aber diese Route wäre noch um zwei Drittel Weg weiter gewesen. Freilich hätte ich dann einen „trip round the world“ vollendet und auch von dem Felsengebirge, dem Niagara und dem Grand Canyon erzählen können.
Mit diesen rechnerischen Gedanken gehe ich eines Tages durch die „Washingtonstreet“ in Boston und sehe in einem Reisebureau günstige Fahrgelegenheiten für Auswanderer nach Kalifornien in Gestalt von ermäßigten Rundreisescheinen „Chikago-Los Angeles-Frisko-Chikago“ aushängen — zum halben Preis! Das war etwas für mich! Ich war ja nun zwar kein Auswanderer, aber vielleicht konnte auch ich ein solches Billett kriegen. Dazu kam noch die 20stündige Reise Boston-Chikago und wieder zurück. Aber die konnte allein auch kein Vermögen kosten. So war es. Ich behielt dabei immer noch die Hälfte meines Erbes für den Tagesunterhalt. Lebte ich recht sparsam, so mochte es wohl bis nach San Franzisko reichen. Wieviel konnte ich sehen, wenn ich so die ganze Union in ihrer vollen Breite zweimal durchfuhr! Leuchtend stieg die große Reise vor meiner Phantasie auf! Fuhr ich öfters des Nachts, so blieben die Tage um so freier zu Besichtigungen. Vor meinem geistigen Auge tauchten schon die Niagarafälle, Chikago, die Indianerprärien, der Mississippi, das Felsengebirge, die Wüsten Arizonas und Nevadas, der Grand Cañon des Koloradoflusses, von dem ich schon geradezu faszinierende Bilder gesehen hatte, das paradiesische Kalifornien, der Pazifik, das vom Erdbeben zerstörte San Franzisko selbst, die Mormonenstadt, der Große Salzsee und wer weiß was alles auf! Ohne Zögern schritt ich tapfer in das Reisebureau hinein und erstand das preiswerte „Auswandererbillett“, einen richtigen übermeterlangen Fahrschein mit allen möglichen und unmöglichen Bahnstationen darauf und der Berechtigung auf etwa 12 000 km Eisenbahnfahrt! Mein Herz hüpfte und zersprang fast vor Freuden: Einen ganzen Erdteil sollte ich zweimal durchfahren! Wie viele in der Welt kamen mir gleich? In Harvard staunten sie über meinen kühnen Entschluß. Denn es gab nicht viele Amerikaner in Neuengland, die schon einmal bis nach Kalifornien gekommen waren! Denn wer von uns Deutschen war am Kaukasus oder am oberen Nil?
Mittlerweile war es langsam Frühling geworden. Vom Eise und Schnee befreit waren Ströme und Bäche, als ich zur „Northstation“ in Boston hinausfuhr in Richtung „Buffalo“! Der weitgereiste Freund Moore hatte mir noch viele gute Ratschläge gegeben, Adressen und Reiserouten empfohlen, mein japanischer Freund Mr. Ashida hatte noch einmal in Boston mit mir zu Abend gegessen und gab mir das Geleit bis an den Zug, dann war ich allein, ganz allein und fuhr dem „wilden Westen“ zu! Beide Freunde konnten sich wohl am ehesten in meine Seelenverfassung hineinversetzen, der eine durch seine weiten Fahrten als Dolmetscher und Führer mit Cook bis nach Italien, Griechenland und Konstantinopel, der andere kannte selbst den weiten Weg von Japan über den Stillen Ozean, das Felsengebirge und die Mississippiebene nach Boston herüber ...
Als wir fuhren, schaute ich mich zunächst in dem fürstlich ausgestatteten Pullmannwagen um. Die Decke war wie in einem Salon. Plüsch auf den Sitzen, auf die man zum Ausruhen die Beine legte (soweit hatte ich mich auch schon amerikanisiert!). Hinter jedem Sitz brannte zum bequemen Lesen eine besondere Glühbirne. Der Zug war gar nicht besetzt. Wenige gelangweilte Zeitungsleser saßen auf einigen anderen Plätzen in den Ecken und ließen bald ihre „papers“ zu Boden gleiten, um selig zu entschlummern, Kaufleute, Geschäftsreisende, die gewiß wie oft schon diese Strecke gefahren waren. Was ahnten die, was in meiner Brust alles vorging und wie mir das Herz klopfte: „Nun hast du die große Fahrt an den Stillen Ozean angetreten ...!“ An der Tür stand, jedes Winks gewärtig, der Negerschaffner zur Bedienung. Ab und zu kam der „trainboy“ und bot seine Postkarten, ein Dollaralbum für einen halben Dollar an, Handschuhe, Süßigkeiten, Zeitschriften wie immer. Langweilig konnte es mir auch ohne ihn nicht werden. Mir war alles interessant, was ich sah; ich schaute gespannt hinaus, solange noch etwas von der Landschaft zu erkennen war ...
Langsam senkte sich die Abenddämmerung nieder. Es war ein Nachtzug. Wir fuhren durch historische Gefilde. Im Rauch der Großstadt und ihrem unübersehbaren Häusermeer versank der schöne Frühlingstag. Wir überquerten den Charles River und rasten zwischen dem langen straßenreichen Sommerville, mit seinen unzähligen freundlichblickenden weißgestrichenen Holzhäusern und ihren offenen Vorhallen und Veranden dahin. Über die Dächer grüßte Fort Prospect Hill mit seinen steinernen Zinnen und seinem wehenden Sternenbanner, ein stolzes Wahrzeichen aus dem Unabhängigkeitskrieg. Der hohe weiße Obelisk auf Bunker Hill, wo einst General Warren und Oberst Prescott vor anderthalbhundert Jahren sich so lange siegreich gegen die Engländer behauptet hatten, blieb zurück. Wir jagten an Arlington, den Arlington Heights und der Gegend von Concord in seiner poetischen Einsamkeit vorüber. Sie waren mir von meinen Fußreisen wohl bekannt. Im Rauch der Fabriken, Schiffe und Bahnen der Boston-Bucht war inzwischen die Sonne hinabgesunken ...
Wir waren über Bostons nächste Umgebung hinaus. Hügel, Wälder und Felder mit Obstbäumen, an denen sich schon das erste Grün hervorwagte, wechselten miteinander. Aber so rechten Mut, hervorzukommen, hatte das Grün an den Bäumen noch nicht. Denn wie oft bricht im April noch Sturm und Schnee aus Kanada über Knospen und Blüten herein, die ebenso schnell ein plötzlicher Sommer ablöst. Wie das Klima drüben die größten Gegensätze aufweist, so sind auch die Menschen voller Kontraste. Das hartwechselnde Klima hat sie rauh, aber auch energisch gemacht. Auch hier machte das Land, wie einst zwischen Neuyork und Boston, vielfach den Eindruck des Unfertigen. Wohlangebaute und wohlausgenutzte Felder in unserem Sinn sah man selten. Wälder wechselten mit öder Steppe. Hier und da tauchten Farmen auf, manchmal auch verlassene, wo die Ausbeute sich nicht mehr lohnte. Aber man muß gerecht bleiben: Was in Europa in einem Jahrtausend erreicht worden ist, dazu war ja hier nur ein Jahrhundert Zeit zu Besiedlung und Urbarmachung eines Kontinents! So sehen wir Europäer, die wir nur an kleine, wohlgeordnete Landschaften gewöhnt sind, wo jeder Fußbreit jemandem gehört und seit Urväterzeiten umgepflügt worden ist, leicht Unordnung, Schmutz, wüstliegendes Land, Steine, verkohlte Baumstämme, unrationell abgeholzte Wälder, an deren Wiederaufforstung man kaum denkt, und übersehen die vollbrachte Leistung. Hier lag eine Mühle und da eine Faktorei, dort eine einzelne Farm und drüben ein abgelegenes Landstädtchen. Der Zug hielt selten, kaum alle dreiviertel Stunden oder alle Stunden einmal, manchmal noch viel länger auch gar nicht ...
Wir fuhren mit etwa 50 Meilen Geschwindigkeit. Die Wagen sind so fest und gutfedernd gebaut, daß man selbst bei langen Fahrten kaum etwas vom Fahren merkt. Nur ein leichtes Rollen und ein leises Ächzen der Wände verrät es. Das ist alles. Die Stationen enthalten zum Teil allerlei Merkwürdiges. Namen: Amsterdam, Utica, Rome, Syrakuse, Genf, Batavia! Alle diese Orte liegen im Staate „Neuyork“! An wundervollen Gebirgsgegenden fuhren wir vorüber, Caatskill-Mountains und Berkshire hills. Ach wer da überall wandern, die Aussichten sehen oder dort ein Zelt für ein paar Wochen aufschlagen könnte! Aber dazu reichte meine Zeit lange nicht. Da wären noch Pumas, schwarze Bären, Wildkatzen, Rotwild, Füchse, Dachse, Adler, Wildenten, Reiher und Haselhühner zu erlegen! Es ist die Gegend, wo einst die Mohawkindianer und Irokesen dem vordringenden Trapper, der mühsam seinen schweren Karren mit seinen Tieren durch die Täler trieb, hemmte, überfiel und erschlug, was ihm der Weiße reichlich vergalt. Aber heute ist weder von Mohawks noch Irokesen etwas zu sehen ... Nur einförmige Rauchwolken lagen über dem Schienenstrang ...
Etwa um zehn Uhr fing der Schlafwagenschaffner, der Neger, in sehr großer Gemächlichkeit und Seelenruhe an, unseren D-Wagen (die keine Abteile haben, um etwaigen Überfällen leichter begegnen zu können!) in einen Schlafwagen zu verwandeln. In äußerst praktischer Weise werden dazu von oben und unten Betten heruntergeklappt und hervorgezogen, und es wird Raum zum Schlaf für 32 Passagiere! Große grüne Vorhänge werden vor die Betten gehängt, hinter denen man sich — Männlein und Weiblein — ungeniert entkleidet. Ich klomm wie in der Schiffskabine mittels einer kleinen Leiter wieder in eins der oberen Betten empor. Denn man hat da viel mehr Raum zum Auskleiden, was einem oben sogar im Aufrechtsitzen gelingt. Unten dagegen geht es ohne Kopfanstoßen, vergebliches Hüpfen, Lupfen, Ziehen und Zerren nicht ab. Auch glaubte ich mich oben gegen etwaiges Bestohlenwerden im Schlafe sicherer. Die Wertsachen, Uhr und Scheckbuch, barg ich unter meinem Kopfkissen oder am Fenster ... und legte mich dann ruhig aufs Ohr schlafen.
Bald verrieten rings überall regelmäßige Atemzüge, daß die meisten schon entschlummert waren. Die Glühlampen waren bis auf wenige ausgelöscht ... Einsam rollte unser Zug aufwärts durch die Nacht. Nur hier und dort blinkte ein Lichtlein ... mit Dampf und Gekeuch ging es das Mohawktal hinauf. Mit ziemlicher Gewalt trommelte dabei die aus der schwer arbeitenden Lokomotive geschleuderte körnige Asche auf das Wagendach und ließ noch nicht so bald ruhigen Schlaf aufkommen ... Ich hörte, wie wir in der Hauptstadt des Staates Neuyork, in Albany, hielten am oberen einzig schönen Hudson. Auch hier mußte ich es mir versagen, auszusteigen. Immerfort ging es in die Nacht hinaus! Wie verschieden die Menschen doch zu Zeiten gereist sind! Zu Fuß, zu Pferd, auf dem Esel, in der Sänfte, in der alten rumpelnden Postkutsche, auf dem Segel- und Dampfschiff, und nun im Schlafwagen oder im eigenen Ford-Auto. Es war schön, so ruhend und schlafend durch eine fremde Welt gerollt zu werden! Es war ein eigenartiges Bewußtsein für mich: Da draußen kennt dich kein Mensch, und du da drinnen kennst auch keinen! Wie anders reist der Spekulant, der Geschäftsmann, der Landaufkäufer, der Farmer, der Hochstapler, der Tourist, der Novellist, der Student! Wie schön, mit frohem Gewissen und geschwellter Brust und klopfendem Herzen zu reisen, immer neuer Eindrücke gewärtig ... Um Mitternacht fielen mir endlich doch die Augen zu ...
Als ich wieder erwachte, war es schon heller schöner Morgen. Ich hatte ganz gut eine Reihe von Stunden geschlafen. Nebel wallten im Mohawktal. Wir fuhren jetzt abwärts. Ringsum frühlinghaftes Land und Sonnenschein. Aber im Schlafwagen hatte sich eine recht stickige Luft gesammelt. Einige erhoben sich schon und wandelten mit struppigem Haar oder — je nachdem — in langen Zöpfen halb angekleidet zu den Waschräumen am Ende des Wagens, wo einer nach dem anderen recht ungeniert im fahrenden Zug Toilette machte, ähnlich den Polonäsen vor den bath-rooms. Dörfer flogen währenddem draußen vorüber, aber meist wahllos, ordnungslos gebaut. Man sah Holzhäuser, nirgends Backsteinbauten. Auch die Schienen liefen über feste Holzbohlen. Was mußten hier die Wälder einmal alles hergegeben haben! Dürftige Holzgatter hielten das Vieh zusammen. Kleine Tümpel, Wäldchen; kleine äußerst einfache Holzkirchen mit goldenem Kreuz oder Knauf. Häßliche Reklameschilder an den Scheunen ...!
Wir näherten uns Buffalo am Lake Erie, einem jener großen Seen oder besser Binnenmeere, die unserer Ostsee gleichen. 440 Meilen, also etwa die Entfernung Frankfurt-Hamburg, hatte ich schon in der Nacht durchfahren. Gegen acht Uhr früh dampften wir langsam über eine Brücke, deren Einsturz bald erwartet wurde! Die Bahn ist versichert — das genügte der Bahngesellschaft! Früher hat man Brücken über Schluchten zuweilen einfach auf gekappte Bäume gebaut, solange sie hielten ...
Ich war in der „Büffelstadt“, in der 1901 Präsident McKinley ermordet wurde. Viele Deutsche wohnen in ihr. Nicht ganz ausgeruht, aber froh der allmählich unerträglichen Luft des Schlafwagens entronnen zu sein, verließ ich den Pullmann und reckte die steifen Glieder ...
Buffalo machte auf den ersten Anblick einen etwas düsteren Eindruck. Ich entdeckte nichts Besonderes in ihm. Wer aus dem lärmenden Neuyork und dem gebildeten Boston mit seinem „fascinating“ Harvard College, wie mir eine alte weißhaarige Dame, die Mutter eines Privatdozenten in Harvard, begeistert rühmte, kommt, dem haben mittlere Großstädte, wie Buffalo, die reine Geschäftsstädte sind, nicht viel zu sagen.
Kühn kann man behaupten, man mag einen unversehens in eine Geschäftsstraße in Neuyork, Chikago, San Franzisko, Buffalo oder St. Louis stellen — und er wird kaum zu sagen wissen, wo er sich befindet. Eine ungeheure Gleichförmigkeit liegt über allen amerikanischen Großstädten. Völlig gerade und geradlinig einander schneidende, oft für den Fußgänger schier endlose Straßen, gleich abgezirkelte Häuserblocks mit ihren Warenhäusern und Wolkenkratzern, deren wenigstens ein paar sich in jeder großen Stadt finden, machen jedes Stadtbild zum Schema. Man findet keine individuellen Straßennamen, das macht die Charakterlosigkeit des Städteeindrucks vollkommen. In der Mitte der Stadt liegt stets irgendwo die „City Hall“, das Rathaus, oder auf einer Anhöhe das Staatskapitol mit einer meist stattlichen Kuppel; dazu irgendwo ein größerer Park; in der Stadt selbst sind außer wenigen „Squares“ meist keine größeren öffentlichen Plätze vorhanden, die die Architektur der öffentlichen Gebäude zu voller Wirkung kommen ließen. Die Theater sehen von außen auch oft wenig imponierend aus und sind wie die meisten Kirchen in die Häuserfronten hineingebaut, damit das Riesenschachbrett der Häuserblocks ja nicht irgendeine malerische Unterbrechung erfährt. Fast in allen Hauptstraßen fahren wie bei uns elektrische Straßenbahnen, deren Wagen aber meist länger und schwerer sind als bei uns; irgendwo rasselt auch eine Hochbahn ohrenbetäubend auf ihren Eisengerüsten daher und nimmt das letzte Licht, das die Wolkenkratzer noch in den Straßen gelassen haben, hinweg, oder in unterirdischen Tunneln braust ein subway, der hier und da wie ein geheimnisvoller Maulwurf seine Hügel in den Straßen in Gestalt kleiner gläserner Eintrittshallen zu den unterirdischen Stationen aufgeworfen hat. Zeitungsjungen laufen die Straßen entlang und schreien ihre papers aus, die in riesigen roten Lettern irgendeinen Streik, ein Schiffsunglück oder einen Mordprozeß ankündigen, meist mit viel Übertreibung. Sind irgendwo ein paar Arbeiter ausständig, so heißt es in der Zeitung „big strike and riot“. Ehescheidungsprozesse, Sensationen, Brände, Gesellschaften der Society-Leute, Gerichtsverhandlungen und Sportnachrichten nehmen fast allen Raum ein. Das Politische kommt oft recht zu kurz oder ist in kleine persönliche Geschichtchen zerstückelt. Automobile tuten an allen Ecken, Schutzleute mit Pfeifchen dirigieren den Verkehr an den Straßenkreuzungen. Das ist so der äußere Eindruck der amerikanischen Großstadt, auch Buffalos.
Darüber hinaus weiß ich von Buffalo nicht viel Individuelles zu erzählen. Alles Historische fehlt ja in Amerika, zumal wenn man den Osten verläßt. Dann steht man überall auf allerjüngstem Boden. Man kann in Amerika nirgends nach alten Schlössern und malerischen Stadtumwallungen, nach zackigen Türmen oder gotischen Kathedralen, nach historischen Gebäuden und alten Rathäusern, selbst nicht überall nach Kunstgalerien und weltberühmten Museen forschen. Alles das fehlt! All der historische und geistig kulturelle Zauber, wie ihn eine tausendjährige Geschichte über die Städte Europas gebreitet hat, fehlt: Hier ist weder ein Florenz noch Rom, weder Straßburg noch Nürnberg, weder Paris noch London. Eins ist hier allbeherrschend, das ist der „Busineß-Geist“. Hier ist Pionierland und immer noch quantitative Anfangskultur. Die amerikanischen Großstädte, vielleicht eine einzige, Washington ausgenommen, sind Geschäftsstädte.
So war in Buffalo selbst nicht viel, was mich anzog. Ungeheuer schnell ist es in wenigen Jahrzehnten emporgewachsen. Vor dreißig Jahren sind noch viele Deutsche hier eingewandert. McKinley wurde, wie gesagt, hier ermordet, und ein Indianerhäuptling hat hier ein Denkmal in einem Friedhof der Stadt. Das ist seine Geschichte. Ich nahm deshalb am Bahnhof sofort die Straßenbahn, um hinaus zu den Niagarafällen zu fahren. Einkehr hielt ich nahe den Fällen in einem schlichten deutschen Pastorat, wo deutsche Familiengemütlichkeit mich wundersam in der amerikanischen Umgebung umfing. All das Unruhige der reklameschreierischen Großstadt, alle die Läden und Banken, Trust-Compagnies und Warenhäuser samt den Alleen der Vorstädte und ihren oft hübschen Wohnsitzen blieben hinter mir, und ich suchte meine Zuflucht für einige Stunden wieder einmal auf einem Fleckchen Deutschland, wo ein deutscher Professorensohn und eine deutsche Professorentochter als deutscher Pfarrer und Pfarrfrau neben ihrer netten, aber doch bescheidenen Holzkirche hausten ...
Die beiden Pfarrersleute sind auf eine merkwürdige Weise dahingekommen. Er hatte nie in Deutschland richtig sein Abitur gemacht, sondern war nach seiner Ausbildung auf einem Seminar (um zuerst Missionar zu werden) „hinüber“ gegangen samt seiner Braut, der einzigen Tochter eines bekannten Nationalökonomen in einer Universitätsstadt Mitteldeutschlands, so wie er auch der Sohn eines bekannten Universitätstheologen derselben Stadt war. Sie hatten von Jugend auf in derselben Straße miteinander gespielt und sich früh kennen und lieben gelernt. Die Eltern wollten die Verbindung beider erst nicht recht zugeben. Auch daß der Heidenmissionar zum smarten Amerikaner wurde, paßte ihnen gar nicht. Aber allemal ist der Wille der Kinder ja stärker als der der Eltern. So fuhren sie ohne große Mittel und ohne zu wissen, wohin und wo bleiben, übers große Wasser und fanden wie alle drüben ihren Platz. Erst wurde er Pastor einer deutschen Gemeinde in Illinois, dann in Iowa mit nur etwa 250 Dollar Jahresgehalt. Und nun hier am Niagarafall. Eine solche kleinere Gemeinde setzt echt amerikanisch voraus, daß ihr trotz seiner kleinen Gemeinde viel beschäftigter Pastor noch allerlei Nebenerwerb betreibt, mit dem er das Fehlende seines Gehalts selbst dazu verdient, wobei kein Arbeitszweig schändet.
Traulich war es wieder einmal an einem deutschen Familientisch zu sitzen und wieder einmal deutsch zu reden. Freilich die in Amerika geborenen Kinder des Pastors empfanden ganz amerikanisch und sprachen untereinander nur englisch; nur den Eltern antworteten sie noch aus schuldiger Rücksicht deutsch. Aber auch der Hausfrau entschlüpften dann und wann in ihrer deutschen Unterhaltung die englischen Fachausdrücke: „Bitte, kommen Sie in den parlor!“ (Empfangszimmer). — „Hier hat uns der Maler die Stube gepaintet“ (paint malen). — „Wünschen Sie noch etwas jam?“ (Gelee). — „Nicht wahr, in Buffalo ist auf den Straßen immer ein mächtiges crowd?“ (Gedränge). In diesem Stil ging es fort. Aber wie erfreut waren sie doch, daß ich, obwohl so ganz unangemeldet, zu ihnen kam! Ich kannte des Hausherrn Schriften und konnte ihm erzählen, daß ich noch bei seinem Vater an der Universität Vorlesungen gehört hatte! Dann tauschten wir gemeinsame Erinnerungen an Saalefahrten, deutsche Studentenverbindungen, und über Deutschland im allgemeinen aus. Er wußte nicht genug die Treue und Anhänglichkeit seiner Gemeindeglieder, die alle aus einfachem Stande waren, deutsche Holzarbeiter, Zimmerleute, Straßenbahner usw., zu rühmen, etwa 150 Familien, die die ganze Kirche samt Pastor unterhielten. So hatte ich auch in dem Schaffner der Straßenbahn, die mich hinausführte, einen alten Württemberger entdeckt. Aber keiner von ihnen allen wollte wieder in die alte Heimat zurückkehren!
Als ich mit dem deutschen Pastor in seiner kleinen hölzernen Kirche stand, wie rührend überkam mich da die Schlichtheit, die mich umfing! Die einfachen Bänke und die Kanzel und der Sonntagsschulsaal und die bescheidenen Gemeinderäume ...! Sogar eine große Küche war hinten angebaut, wo allmonatlich eines Abends für Arme eine eigene „patentierte“ dicke Suppe gekocht wurde, die außen an der Kirche durch ein aushängendes Schild der Gemeinde und den Umwohnenden angezeigt wurde. Sie war außerordentlich beliebt und wurde gern gegessen und gekauft. Aus diesem Suppenabend sprang dann meist noch ein beträchtlicher Gewinn für die Gemeindekasse heraus! Die Gemeinden drüben fühlen sich viel mehr als Familie als bei uns. Man kennt einander genau. Man pflegt aber auch öfter die Kirche zu wechseln. Die Kirche ist oft der einzige Zusammenschluß, den man hat; sie vertritt die Gesellschaft. Nun ist aber die Erhaltung speziell der deutschen Kirchen ein großes Problem. Die zweite und dritte Generation ist ja fast immer schon völlig amerikanisiert und versteht oft kaum noch Deutsch. Die „deutschen“ Kirchen können auf die Dauer daher nur als Missions- und Übergangskirchen für die Einwandernden angesehen werden. Denn alle Nationalitäten amerikanisieren sich hier über kurz oder lang völlig. Der deutsche Charakter, Gemüt und Tüchtigkeit mag sich auch unter der englischen Zunge erhalten oder ein Ferment in dem sich bildenden amerikanischen Nationaltypus sein. Aber ausgeprägtes Deutschtum als solches und als Bestandteil für sich hat auf die Dauer im amerikanischen Volkskörper wenig Zukunft. Nicht anders ergeht es dem Irischen, Italienischen oder Griechischen drüben.
Am Nachmittag machte mein Gastgeber sich mit mir auf den Weg, mir eines der imposantesten Naturschauspiele der Erde zu zeigen, die es gibt, den Niagarafall. Der Niagara selbst ist ein breiter, nur einige Meilen langer Flußkanal, der den Eriesee mit dem Ontariosee verbindet. Auf halbem Wege stürzt dabei der imposante Fluß über eine fast anderthalb Kilometer breite und 50-60 Meter hohe Felsenwand hinab in zwei durch eine breite Insel geschiedenen nebeneinanderliegenden Fällen. Seit meiner Jugend klang mir das alte indianische Wort „Niagara“ wie ein Zauber im Ohr. „Niagara“, Donner der Gewässer, ist nicht das einzige indianische Wort, das sich erhalten hat.
Wie würde der Niagara wohl aussehen? Ich erinnere mich wohl, Bilder von ihm in früheren Jahren gesehen zu haben, aber sie waren mir doch nicht mehr ganz deutlich in Erinnerung. Nun sollte ich ihn selbst in Wirklichkeit sehen. Sagenumwoben sind seine „donnernden Gewässer“; jährlich verschlingen sie zwei Opfer nach der indianischen Sage, und jährlich muß nach altem Glauben ein reines Mädchen im gebrechlichen Kanoe den Fall hinuntergesandt werden, aus dem sie nimmer lebend entrinnt, um die Geister des Stromes günstig zu stimmen! Jährlich — aber das ist die rauhe Wirklichkeit — verschlingt der Niagara mehrere Menschen, die in ihm verzweifelt den Tod suchen und von seiner schauerlichen Macht magisch sich angezogen fühlen. Die Geliebte eines modernen deutschen Dichters und Dramatikers stand am Rand des Falls und war so in seine brausende Gewalt versunken, daß man sie mit Gewalt davor bewahren mußte, sich nicht auf der Stelle in ihm den Tod zu geben. Andere fühlten sich zu den tollsten Wagnissen gereizt; auf Drahtseilen haben Seiltänzer die Fälle überschritten, in einem Faß hat sich einer die Stromschnellen hinabtreiben lassen und ist mit dem Leben davongekommen, und hat fortan seinen Lebensunterhalt damit verdient, daß er sich mit seinem Faß für Geld sehen ließ!
Wir hatten uns erst durch die Stadt „Niagara Falls“, die sich dicht an den Fällen angebaut hat, samt all ihren Hotels, Basaren, Ständen, Droschken, Autos, Führern und Händlern durchzuwinden, — ach, daß in aller Welt Händler und Marktleute die gewaltigen Naturschönheiten gerade als ihren besonderen Raub betrachten und, während man sich von dem „Donner der Gewässer“ betäuben lassen möchte, einem unaufhörlich mit Donnerstimme ihre oft unschönen Ansichtskarten anpreisen und einem als Führer fast den Weg versperren! — bis wir auf einmal wunderbar frische Luft atmeten, ein feiner Wasserstaub herübersprühte, ein ungeheures Donnern, das mit jedem Schritt zunahm, sich hörbar machte, — wir waren in den Anlagen dicht an den Fällen! Noch ein paar Schritte, und links bot sich der erste Blick auf den amerikanischen kleineren Fall. Von oben gesehen übt er nicht seine volle Wirkung. Geht man aber tief bis auf das Niveau seines unteren Endes hinunter, so spürt man erst die erdrückende Gewalt der herniederdonnernden Wassermassen.
Nun bot sich uns bei unserem Besuch noch ein besonders eigenartiges Schauspiel. Es war Anfang April. Die Sonne schien freundlich warm. Rings sproßte es in tiefem, frischem Grün an Baum und Strauch: Weite Wiesenflächen zwischen Baumgruppen in entzückendem Grün — aber im Niagarastrom war noch Eis und Schnee. Wie ein mächtiger Gletscher türmten sich die Schnee- und Eisschollen vom noch weithin zugefrorenen Flußbett den donnernden, schäumenden Wassern entgegen. Man konnte sich auf dem Eis am Ufer ein Stück weit auf den Fluß hinauswagen und trotz der warmen Frühlingssonne eine Schnee- und Gletscherpartie unternehmen, Schneehügel emporklimmen und sich von den Wolken voll Wasserstaub überschütten lassen und von unten hinaufsehen zu den unablässig herniederstürzenden und wieder aufschäumenden Wogen. Es gibt viele großartige Wasserfälle in der Welt, in der Schweiz und in Italien; aber der Niagara übertrifft sie doch alle weit mit der ungeheuren Masse seines Wassers. Den überwältigendsten Eindruck macht der kanadische Fall, der noch dreimal so breit als der amerikanische und von ihm durch die breite Felseninsel völlig geschieden ist.
Aus der Gletscherregion stiegen wir wieder empor in die Frühlingssonnenwärme und zu den frischen grünen Wiesen hinan — ein Kontrast, wie man ihn nur an einzelnen Punkten in den Alpen erleben kann, wo ziemlich plötzlich der letzte Schnee den grünen Matten Platz macht. Wir nahmen unseren Weg nun hinüber auf die breite, waldige, jetzt wohlgepflegte Insel „Goat Island“, die die beiden Fälle voneinander scheidet. Auf sanften Wegen kann man hier sich jetzt zu Fuß und Wagen ergehen. Aber wie muß es einst hier gewesen sein! Als noch keine Eisenbahnbrücke den Strom überspannte, noch keine Geschäftsstadt sich am Fall angebaut hatte, noch keine Fabriken ihre rauchigen Schornsteine über die Felsen reckten, gierig, die unausschöpfbaren Urkräfte zu nutzen, als dichter, schier undurchdringlicher Urwald die Ufer und diese Insel säumte, die wohl vermutlich nie ein menschlicher Fuß betrat, als nur hin und wieder ein Indianer scheu das Dickicht durchbrach und mit Entsetzen diese donnernden Gewässer erschaute und zitternd die Kunde ins Dorf und zu dem Stamm brachte und man dann in Haufen aufbrach, die Wunder der Götter und Geister zu schauen und den Donner ihrer Stimme zu vernehmen, und der Häuptling, am Fluß angekommen, in vollem Schmuck die Zweige auseinanderbog und der Majestät der Natur ins Auge schaute ...
Das obere Ende dieser „Ziegeninsel“, der vier kleine Felsinselchen vorgelagert sind mit den poetischen Namen „Three Sisters and little Brother“, eröffnet einen ganz unerwarteten Blick auf den riesig breiten Niagarafluß oberhalb der Fälle, wo er mehrere Kilometer breit mit seinen schäumenden, rauschenden Stromschnellen und seinen darüber kreisenden Möwen fast den Eindruck eines wogenden Meeres macht. Rollend und brausend rauscht der gewaltige Strom, mit Eisschollen bedeckt, die in den Fällen an den Felsen zerschellen, daher, ein tobendes Gewässer. Nur noch wenige hundert Meter — und die Wasser neigen sich über die Felskanten hinab im tosenden Fall ...
Der amerikanische Fall, vereist
Chicago’s Wasserfront am Michigansee
Den Niagarafluß, oder besser gesagt die Niagaraschlucht, unterhalb der Fälle entlang hat man auf beiden Seiten eine elektrische Ringbahn gebaut, die auf gefährlichem Pfad, dicht zwischen dem tosenden Fluß und den steil abstürzenden Felsrändern hinführt und den besten Blick auf die Stromschnellen unterhalb der Fälle gewährt. Der oben mehrere Kilometer breite Strom wird unterhalb der Fälle in eine enge, noch nicht hundert Meter breite Felsschlucht zusammengezwängt, in der er eine furchtbare Tiefe annimmt und in der sich die Wasser mit unablässigem Schäumen und vielen mächtigen wilden Strudeln fast konvex zusammentürmen und -zwängen, bis sie in einen fast kreisrunden Teich gelangen, den sogenannten „Whirlpool“, wo sie ans Land spülen, was sie in ihrer tollen Fahrt über die Fälle mit heruntergerissen haben, es seien Baumstämme oder Menschenkörper. Auf leichtbeschwingter Brücke — es führen deren einige in mehr oder weniger vollendeter Eisenkonstruktion über die Felsschlucht — setzt die Gürtelbahn über den Strom und führt durch schöne Haine von hohen Lebensbäumen, aus denen sich ein entzückender Rückblick auf den sich wieder in sanfterem Hügelland verbreiternden Fluß und die in duftigem Dunst leise sich andeutenden Uferlinien des Ontariosees ergibt, hinauf zu der stolzen Denksäule des im amerikanischen Krieg 1812 gefallenen englischen Generals Brockes. Auf der wohlangelegten, von der amerikanischen wohl abstechenden kanadischen Seite geht es dann durch gut gepflegte Parkanlagen, die noch manchen reizvollen Blick hinunter auf die Stromstrudel und hinüber auf die amerikanischen Felsen mit ihren wie Hephästus’ Werkstätten rauchenden und feuerspeienden Eisenwerken bietet, zurück zum kanadischen Fall. Je näher ich ihm wieder kam, bis ich seine ganze ungeheure, an einen Kilometer fast fassende Breitseite, die mit immer neu aufsteigenden, fast undurchdringlichen Wasserstaubwolken geheimnisvoll verhüllt ist, vor mir hatte — da war ich von der Macht der brausenden, mit ihrem verhaltenen gebrochenen, wie von Bergsprengungen herrührenden Donner doch überwältigt. Was ich beim amerikanischen Fall noch vermißte, das fand ich hier alles. Diese ungeheuren Gewalten, die sich hier entfalten, lassen sich nicht beschreiben. Unausstehlich war nur das Gehämmer der Bohrarbeiter in der Nähe an den Felsen herum, ihre schrillen Pfiffe, das Surren der Maschinenräder, fortgesetztes Hämmern und Klopfen. Aber was bedeutet all dies menschliche Kratzen und Pochen an dem Urgestein gegenüber der Macht, die da drüben seit Jahrtausenden täglich sich frei auswirkt?
Man kann auch in die Felshöhlen unter dem amerikanischen Fall mit Führer auf schwankenden Treppen und Stegen gelangen, wobei die Teilnehmer ganz in Gummi gehüllt sich — soweit schwindelfrei — an den Händen fassen. Aber erstens war zu meiner Zeit noch alles vereist, und zweitens hätte ich mir doch überlegt, ob ich meine Nerven riskieren soll. —
So fuhren wir wieder heim ins Pastorat. Auf der Elektrischen traf ich am Bahnhof einen Westpreußen aus Elbing. Er fragte mich, wie mir die Fälle gefallen hätten? Aber diese Frage war immer noch verständiger als die andere, ob man in Deutschland auch schon Dampfheizung oder elektrisches Licht und Straßenbahnen und Automobile habe, ob auch hohe Häuser und große Läden da seien, und wie schnell die Bahnen führen, ob sie so gut und bequem seien wie in Amerika, und ob man im Winter auch wirklich warme Zimmer habe! Die ausgewanderten Deutschen kennen oft nur noch ihr Deutschland von vor fünfzig Jahren, da man bald noch mit der Post fuhr und Petroleumlampen brannte, und nun meinen sie, das gelobte Land Amerika allein besitze Technik und Kultur in der Welt!
Die nächste Nacht schlief ich wieder einmal in einem weißüberzogenen Bett bei den gastfreien gütigen Landsleuten. Mit dem Frühesten ging es wieder nach Buffalo hinein, wo gegen acht Uhr der Zug nach Chikago abging, der über Detroit dort abends um elf Uhr (!) eintreffen sollte! Diesmal bestieg ich nicht den Pullmann, wo man Bad, Schreibtisch, Telephon, Barbiersalon usw. benutzen kann, sondern einen Auswandererzug der billigeren Wabashlinie, deren große D-Wagen mit auszieh- und drehbaren plüschbezogenen Lehnstühlen auch noch bequem genug ausgestattet waren. Auch in ihm konnte man nach Belieben sitzen, liegen, essen und schlummern. Die Fahrt war dementsprechend billiger, zwar auch dafür ein klein wenig langsamer. Aber ich hatte ja Zeit. Also in fünfzehn Stunden von Buffalo nach Chikago! Die Mitreisenden waren aus einfacheren aber mir interessanten Ständen: Einige handfeste Schweden mit Familien saßen im Wagen. Den großen starken Menschen hing zwar — wenig amerikanisch! — hinten das Blusenhemd aus dem Hosengürtel. Das kümmerte mich aber wenig. Neben mir aßen sie faustdicke Brotscheiben mit fingerdickem Käse darauf. Das kümmerte mich schon ein wenig mehr! Obwohl Amerika vom schönsten Obst förmlich birst, kosteten doch zwei Äpfel im Zuge beim trainboy 10 Cent (50 Pf.)! An jeder Wegkreuzung prustete die Lokomotive keuchhustenartig ihr Warnungssignal in die Ferne. Auch dieser Zug hielt selten, die Stationsbahnhöfe — natürlich Detroit ausgenommen — waren merkwürdig primitiv.
Die donnernden Gewässer des Niagara lagen hinter mir. Langsam rollten wir über die lange Brücke, die den Strom überspannt, ins englische Kanada hinein. Von einer Zollrevision merkte man fast nichts. Dann gings durch unendliche Ebenen, die sich nun ohne Unterbrechung Tausende von Meilen weit bis an die Rocky Mountains erstrecken. Diese unendlichen Ebenen des Mississippistromgebietes sind die Quellen von Amerikas Reichtum. An den Seen gibt es Kohle, Eisen, Kupfer und Blei, in den „Weizenstaaten“ vermag soviel Korn zu wachsen, um die ganze Menschheit zu ernähren. Farmland an Farmland. Hier besitzt man nicht zwei, drei Äcker, sondern 500 bis 1000 „acres“, deren jeder einen halben Hektar ausmacht. Wie muß sich hier der deutsche Bauer fühlen, der aus den engen Grenzen seiner alten Heimat kommt! Eins ist es hier vor allem, das jeden Fremdling in Erstaunen setzt, die Ungeheuerlichkeit des Landes; wohl an zwanzig Deutschland gehen ja auf den Flächenraum der Vereinigten Staaten, die eher mit einem Kontinent denn mit einem einzigen Land verglichen werden müssen. Der Staat Texas allein übertrifft unser Deutsches Reich an Größe, und viele der großen westlichen Staaten kommen ihm an Größe fast gleich. Reist man bei uns Stunden, um das halbe Land zu durchqueren, so hier Tage. Und doch zählt die Union erst hundert Millionen Einwohner. Welche Zukunft und welches Bevölkerungswachstum mag ihr noch bevorstehen! So wächst hier der Unternehmungsgeist und die Energie ins Fabelhafte. Ungeahnte Möglichkeiten und Chancen tun sich überall auf. Alles das ist faszinierend für den Auswanderer, der sich hier ein neues Leben und sein Glück sucht. Die alten Brücken zur Heimat werden zunächst abgebrochen. Der Anfang ist zwar schwer, bis man sich in die neuen Verhältnisse und die neue fremde Sprache eingelebt hat, aber dann, nach fünf, zehn Jahren beginnt man Boden unter den Füßen zu fühlen. Stolz sucht man jetzt von dem Erfolg in die Heimat zu berichten, die alten Fäden wieder anzuknüpfen. Bald geht man ein-, zweimal selbst wieder übers Meer, die alten Verwandten wieder zu sehen, und ihre eisernen Öfen, die harten Holzbänke in der langsamen Eisenbahn und das Fehlen des Badezimmers mit warmem und kaltem Wasser zu verspotten und sich zu freuen, wenn man wieder in den blauen Hafen Neuyorks einfährt, die Wolkenkratzer ihre Konturen am Himmel abzeichnen, die Freiheitsstatue ihre Fackel über die Bai reckt und man den Fuß wieder in das gelobte Land des Dollars setzen kann.
Das amerikanische Leben ist ja auch ungeheuer beweglich. Der Vater war vielleicht noch deutsch und ein rechter Bauer, der Sohn geht schon aufs Kollege, ist Amerikaner und siedelt sich in der Großstadt an oder geht weiter westwärts. Typisch ist dieser Zug für Amerika „westwärts“ zu gehen. Von Anbeginn ging man „westwärts“, erst den Hudson hinauf, dann über die Berge an die Seen, dann bis Chikago, dann schritt man über den Mississippi, und dann wagte man sich in die Rockies, und schließlich faßte man Fuß in Kalifornien. Scherzweise hat man gesagt, der Amerikaner will in keinen Himmel kommen, wo man nicht weiter „westwärts“ gehen kann. Das 18. Jahrhundert lebte im wesentlichen noch im Osten in den dreizehn alten Staaten, das neunzehnte faßte Fuß in den ungeheuren Mississippiebenen, das zwanzigste wird den Westen kultivieren. In Ägypten schauen vergangene Jahrtausende von den Pyramiden auf ein starres Land herab, in Amerika schauen kommende Jahrtausende von den Wolkenkratzern auf ein ungeheuer bewegliches und vielgestaltiges Leben. Hier ist alles anders als in den alten Ländern. Hier genoß kein König und Kaiser Ehrerbietung, hier war keine Kirche, die vom Staat ihre Steuern eintreiben läßt, hier waren keine Stände mit besonderen Vorrechten, keine Orden, die den Beamten schmücken. Frei war das Volk, frei der Mann in seiner Selbstachtung und der Achtung anderer, völlig auf sich selbst und seine Arbeit angewiesen und darauf, wieviel er selbst aus sich machen kann ohne Pension und Altersversorgung. Daher auch die Jagd nach dem Geld. Selbst die Politik und die öffentlichen Ämter sind oft ein Spielball in der Hand derer, die möglichst viel für die eigene Tasche herauszuschlagen suchen. Ungeheurer Reichtum überall. Schnellste Lebenskarrieren, vom Straßenjungen, der Zeitungen verkauft, auf zum Inhaber der größten Zeitung in einer Großstadt, vom Farmerkind zum Professor in Harvard. War nicht Roosevelts Karriere eine der typischsten? Kaum vom Kollege graduiert, ist er schon Magistrat in Neuyork; wenige Jahre später ohne jede militärische Laufbahn Reiteroberst und Sekretär der Marine und bald darauf Präsident des Landes! Man wechselt und wandert, wie es die Gelegenheit gibt, heute Student, morgen Professor, heute clerk und morgen trustee, bald im Osten, bald im Westen. So hat sich in den Vereinigten Staaten kein Provinzialismus und wenig Gauindividualität entwickeln können, und Dialektunterschiede existieren fast nicht oder sind wenigstens mit den ausgeprägten in den europäischen Ländern gar nicht zu vergleichen. Die ganze Union spricht eine Sprache.
Indessen fuhren wir durch die sich überall ungeheuer gleichenden Ebenen Stunden für Stunden. Eine Abwechslung bot nur der kleinere Lake St. Clair mit seinen gelbbraunen, sich ins Uferlose erstreckenden Wasserflächen, über denen schwere Regenwolken hingen. Ein paar Fischerhütten am Strand, eine kleine Steinkirche zeigte sich; unter grünen Pappeln ein steinernes Häuschen. Am Strand ein altes Kanoe und ein paar Männer, die ihre Netze ausgeworfen hatten. Auf dem Flurland dicht neben der Bahn ein Farmer mit seinem Pflug. Die Pferde bäumten sich wild auf, als der Zug vorbeibrauste. Indessen turnte der schwarze Kellner aus dem Speisewagen den Mittelgang der Wagen entlang und rief monoton sein first call for „luncheon“ aus. So kamen wir um Mittag nach Detroit. Die amerikanischen Zolloffiziere gingen durch den Zug. Auf einem Trajekt setzten wir über den Endzipfel des Sees. Dann ging es wieder weiter durch endlose Strecken Michigans und Indianas gen Chikago, wieder auf amerikanischem Boden.
Hie und da lag eine einsame Station, alle halbe oder ganze Stunden. Überall war fruchtbares Ackerland, das wohlgepflegter aussah, als um Buffalo. Es wohnen hier viele Deutsche. Hie und da an der schlechten Landstraße, die neben der Bahn herlief, ein Blechpostkasten einer entfernten Farm, der als Briefablage und -aufgabe zugleich dient. Kleine Haine, übel zugerichtet. Hier existiert ja keine Forstpolizei, und erst neuerdings gibt es Staatsschutz für den Wald.
So wurde es Mittag und Nachmittag und Abend, und noch immer dieselbe Landschaft. Fast alles noch braun und dürr, weil es noch früh in der Jahreszeit war. Hie und da ein blühendes Bäumchen auf der Flur wie ein Kuß Gottes auf die Frühlingserde. So wurde es Abend und Nacht. Am Himmel standen hell und klar die Sterne, dieselben Sterne, die jetzt auch über Deutschland standen. Im Wagen schliefen schon die meisten; die bequemen Chairs gestatten es, sich weit zurückzulehnen. Und als wir uns endlich nach fünfzehnstündiger Fahrt Chikago näherten, war es fast Mitternacht geworden. Viele hellerleuchtete Vororte flogen an uns vorüber. Elektrische Lampen erhellten die Bahnhöfe, Straßen und Fabrikviertel — und ein brennendes Haus, in das die Feuerspritzen ihre Wasserstrahlen sandten, leuchtete wie eine Riesenfackel schaurig durch die Nacht. So tüchtig und ausgezeichnet die amerikanischen Feuerwehren sind, so oft brennt es hier; manchmal sind schon halbe Städte einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen, so Chikago 1872.
Und nun kam ich wirklich in die Stadt, deren Namen eine so eigenartige Nuance des typischsten unbegrenztmöglichen Amerikanertums für unser Ohr bekommen hat. Chikago zählte 1831 noch hundert Einwohner! Einst war es ein Fort gegen die Indianer, und heute ist es mit bald vier Millionen die viertgrößte Stadt der Welt, an Flächenraum viermal größer als Berlin, mit einer Wasserfront von 35 Kilometern Länge am See Michigan, der uferlos wie das Meer aussieht. 40 Sprachen werden in Chikago gesprochen. Etwa 600 000 Deutsche leben in der Stadt, und vielleicht nur ein Zehntel ist in Chikago selbst geboren.
Ich war in Chikago! Wachte oder träumte ich? Auf dem Schiff hatten sie manchmal begeistert ein Lied Chikagos zu Ehren im Chor gesungen, das ich aber damals nicht recht behalten habe. Zum Schluß jeder Strophe kam immer wieder als Refrain von wildem Beifallsgetrampel und -händeklatschen begleitet: „O Chikago, o Chikago ...!“ Und dann ging es so weiter, daß ihm in der Welt nichts gleich sei! Ich war in Chikago, der Stadt mit den meisten einlaufenden Eisenbahnzügen, wo zirka 500 Personen im Jahr durch Autos ihr Leben verlieren, wo 40 000 Schutzleute den Verkehr dirigieren, wo in einem einzigen der großen Warenhäuser ¼ Million Kunden ein- und ausgehen, wo neben 10 000 Angestellten allein über 500 Feuerwehrleute ständig Wachtdienst tun, wo täglich Hunderttausende Stück Vieh ihr Leben lassen und zu Konservenfleisch und Wurst verarbeitet werden, wo man einen ganzen Fluß, den Chikago-River, gezwungen hat, in seinem Lauf wieder umzukehren und seine verdorbenen Wasser statt in den See zu ergießen, dem Mississippi zuzuführen und so Typhus und Cholera fast verbannt hat! Nun kam ich wirklich in diese merkwürdige Stadt ...
Einer meiner beiden Chikagovettern empfing mich liebenswürdig in der „Illinois Central Station“ mit ihrem verwirrenden ohrenbetäubenden Getriebe. Ach, wie reckte ich die Glieder nach der fünfzehnstündigen ununterbrochenen Bahnfahrt, die mich trotz des bequemen „reclining chair“ recht steif gemacht hatte. Immerhin war es eine gute Vorübung für die noch dreimal längeren Bahnfahrten, die mir hinter Chikago bevorstanden!
Jetzt war ich in Chikago bereits 1000 km vom Atlantischen Ozean entfernt, aber immer noch 3000 km vom Stillen! Wie angenehm empfand man das freundliche Empfangenwerden durch liebe Verwandte zumal in so später Nachtstunde in der riesigen Weltstadt, freilich durch Verwandte, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, die ich nur vom Hörensagen kannte. Sie alle hatten ihren typisch-amerikanischen Entwicklungsgang durchgemacht, aber sich alle auch zu angesehenen Stellungen selbst emporgearbeitet. War es in Neuyork die Musik, in Boston die Medizin, so waren es in Chikago Juwelen und das unvermeidliche Auto, das ihnen Wohlstand und Brot gegeben.
So fuhr ich denn mit meinem neugefundenen Vetter zunächst mit der Hochbahn aus der City und ihrem Trubel, ihrer blendenden Lichtreklame, durch dunkle, schmutzige Viertel, an zahlreichen Wolkenkratzern vorüber — die freilich noch nicht die wahnsinnige Höhe der Neuyorker erreichten — schöne Alleen hinaus in den freundlichen Villenvorort Oakpark, wo mein Vetter mit seiner Familie ein gutausgestattetes Landhaus bewohnte mit dem typisch-amerikanischen Meublement, das stets das gleiche ist, ob man in Neuyork einkehrt oder in San Franzisko, in Chikago oder St. Louis. Amerika bleibt eben überall das gleiche Amerika. Die alles nivellierende Fabrikware hat hier ihren völligen Sieg erfochten.
Bald hatte ich die Ehre und Freude, auch wieder eine neue Cousine kennenzulernen, eine geborene Amerikanerin, die kaum ein Wort Deutsch verstand ...
Andern Tages ging es gleich wieder an meine „Arbeit“ des Besichtigens, in möglichst kurzer Frist viele wichtige Eindrücke in mich aufzunehmen. Also fuhr ich andern Tags sogleich nach dem Frühstück, mit Reiseführer und Karte in der Hand, mit der „elevated“ hinein in Chikagos Großstadtgewühl! Und es übertrifft an manchen Stellen noch dasjenige Neuyorks! Über, unter, neben dem Kopf rollt, rast, saust, klingelt, tutet, pfeift es überall. Alles ein ununterbrochenes Gelaufe und Gerenne! Es dampfen die Wolkenkratzer. Die Warenhäuser speien ständig Hunderte und Tausende von Menschen aus, um andere ebensoviele wieder einzusaugen. Die Amerikaner kommen aus dem Felsengebirge, ja aus Seattle in Alaska und aus San Franzisko, um in Chikago bei „Siegel u. Cooper“ oder „Marshall Field u. Co.“ einzukaufen! Dies „shopping“ ist ein Hauptvergnügen amerikanischer Damen.
Welchen Eindruck machte Chikago auf mich, das Neuyork des mittleren Westens? Eine ungeheure, etwas düstere Großstadt mit Hochbahngerassel und Automobilgetute, Wolkenkratzern, die die Geschäftsstraßen zu Schluchten verengen, mit Bank an Bank, Geschäft an Geschäft, lunchroom an lunchroom, „moving pictures“ an „moving pictures“. Das ist die City. Auch hier wie überall. Bei Tage ein ungeheuer lebendiges Treiben von den höchsten Stockwerken der „office-buildings“, zu denen sieben bis zehn Aufzüge gleichzeitig auf- und niederfahren, bis herunter auf die Straße und ihr Gewimmel. Nachts und Sonntags ist die City eine ausgestorbene Stadt, in der kein Kirchturm offen emporragt, und nur Nachtwächter und Schließer ihr Logis haben. Die Geschäftsleute wohnen draußen in den Vorstädten, die man mit einstündiger Fahrt mit der Hochbahn erreicht, draußen bei den großen Parks, die sich um die Stadt ziehen. Zwischen der City aber und den Parkvorstädten liegen die unabsehbaren Viertel der kleinen Leute, voll Italiener und Neger, dazwischen noch vielfach unbebaute Strecken, auf denen Knaben ihren Baseball spielen. Hier weiß niemand vom anderen. Hier sind Städte in einer Stadt, und Stunden dauert es, um vom Norden nach dem Süden oder zum Westen zu kommen.
Ich stand auf dem Turm des „Auditoriums“, eines großen Theaters, und sah über die rauchenden Wolkenkratzer und in die offices hinein mit ihren Bureaus, wo Tausende von jungen Mädchen ihren Beruf darin gefunden haben, von morgens bis abends auf der Schreibmaschine zu klappern und sich dabei ungeheuer frei und selbständig vorkommen. Ich sah über die Riesenwarenhäuser von „Siegel u. Cooper“ und „Marshall Field u. Co.“, wo einfach alles in der Welt zu haben ist, Warenhäuser, die ganze Straßenblocks einnehmen. Mit Staunen schreitet man durch die Säulenhallen, sieht die Aufzüge in allen Ecken mit Menschen auf- und niedersausen und schaut die Schätze aller Erdteile vor sich ausgebreitet. Die Boys an den Eingangstüren führen umfangreiche Kataloge bei sich, um den Käufer sofort zu der richtigen Abteilung leiten zu können. Weiter blickte ich über den weiten Michigansee, der die lange Front der Stadt bespült und im Sturm seine gelbbraunen Wogen gischtschäumend ans Ufer peitscht, Handelsschiffe als Wrack ans Land wirft, ein Binnenmeer Nordamerikas; weiter über die wunderschöne Hauptpost, die leider zwischen die Blocks so eingekeilt ist, daß sie unmöglich ihre architektonische Schönheit entfalten kann, und über die ganz flache, niedrige, im Renaissancestil gebaute Kunstgalerie, die wie ein kleines Kind unter Riesen steht ...
Um Mittag warf ich einen Blick hinein in die „First Nationalbank“ mit ihren prachtvollen Marmorvestibülen und in die Börse, wo ein wilder Tumult herrschte. In drei Haufen standen die Makler zusammen und schrien gegeneinander. Nur mit Fingerzeichen verständigten sie sich. Von den Bureaus flogen die Telegramme hin und her, an den Bulletinboards notierten die Schreiber mit Kreide die Kurse, die ihnen klappernde Telegraphen zuraunten, alles in allem ein wildes Geschrei, dessen Sinn ich kaum verstand.
An einem der Nachmittage in Chikago ging ich ins „Kolosseum“, einen der amerikanischen Riesenzirkusse, der wohl 10 000 Menschen zu fassen vermag, gleich jenem von Barnum und Bailey, der zuweilen mit seinem Riesenzelt in Deutschland von Stadt zu Stadt zog. Übrigens entdeckte ich ihn als guten Bekannten wenigstens an den Reklameanschlägen auch dort. Es war, soviel ich mich erinnere, ein Montag nachmittag um zwei Uhr. Und doch war der Zirkus gut gefüllt. Ich mußte mich fragen, wo alle diese hier sonst so arbeitseifrigen Menschen die Zeit hernehmen, an einem lichten Montagnachmittag drei Stunden im Zirkus zu sitzen! Aber der Amerikaner wie sein antiker demokratischer römischer Vetter liebt die Spiele über alles. Ich habe selbst in Italien nicht soviel Kinematographentheater gesehen, die alle besetzt sind, wie hier. Die Vorstellungen im Zirkus gingen auf fünf Podien zugleich vor sich! Der Amerikaner mißt auch das Vergnügen nach der Quantität. Auf dem einen Podium wurde Schule geritten, auf einem anderen tanzten Bären, Affen und Hunde, auf einem dritten turnten Akrobaten, auf einem vierten wurden Gewichte bis 300 und 500 Pfund gehoben, auf einem fünften produzierten sich Seiltänzer und Springer, dazu einer, der alle Glieder seines Leibes in die schauderhaftesten Verrenkungen bringen konnte; rings herum noch ein Heer von Clowns, die ihre Witze rissen und in ihren abgeschmackten Kostümen sich balgten. Eine der Glanznummern war ein Pferd, das an einem Luftballon in die Höhe fuhr, und zuletzt ein tolles römisches Wagenrennen um die Arena. Alt und jung, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße füllten als Zuschauer die weiten Galerien!
Im Auto fuhr mich mein Vetter nach der Universität hinaus, die Rockefeller, der Petroleumkönig, nachdem sie eine Zeitlang eingegangen war, mit vielen Millionen wieder neu ausgestattet hatte, so daß sie heute überaus schöne, dem englischen Universitätsstil nachgebildete, sehr weitläufige und zahlreiche Gebäude zu den ihren zählt. Sie hat eine gute Lage weit draußen im Jacksonpark am See, am Südende der Stadt. Ehrwürdig schauen ihre Kapellen im englischen gotischen Stil, ihre Bibliothek, ihre „Dormitories“ und Kolleggebäude über die weiten grünen Parkrasenflächen, wo Studenten in leuchtenden weißen Sportshemden und -hosen Tennis und Golf spielen. Die täglichen körperlichen Übungen, die Lust zu Sport und Spiel können wir Deutschen gar nicht genug von Engländern und Amerikanern lernen. Die Tüchtigkeit unserer höheren Schüler und die deutsche Wissenschaft in allen Ehren, aber im ganzen sind wir Deutschen doch lange Stubenhocker und Stammtischphilister geblieben. Nur eins haben wir, das Wandern. Im übrigen hatten wir in unseren Schulen viel zu wenig Turnstunden die Woche und nur einen Nachmittag für „Turnspiele“. Der amerikanische Student spielt täglich schon in der Volksschule, als Boy in der high school, täglich im Kollege, als graduate und noch als erwachsener Mann. Das Jahr ist geradezu in verschiedene Spieljahreszeiten eingeteilt: Im Frühjahr spielt man Baseball, im Herbst Fußball, sonst Tennis und Golf, solange es das Wetter nur irgend erlaubt.
Draußen am Jacksonpark, wo der frische Seewind durch die Anlagen streicht, war einst auch der Platz für die berühmte Weltausstellung 1893 zum vierhundertjährigen Gedenken an die Entdeckung Amerikas, zu der an zwanzig Millionen Menschen zusammenströmten. Was war doch gegen diese Menschenmassen die Völkerwanderung, von der wir in der Geschichte so viel Wesens machen? Noch sind einige Reste von der „world fare“ übriggeblieben. Die Nachbildungen der drei Schiffe des Kolumbus liegen noch in einer kleinen Bucht, hochbugige kurze Galeeren, mit denen sich heute keiner mehr auch nur für eine Woche über den Ozean wagen würde — und Kolumbus fuhr vier Monate! Ferner stand noch das Kunstmuseum und das türmereiche „Deutsche Haus“, das erst kürzlich einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen ist, und endlich wie auf einem felsigen Kap ein weißgestrichenes Franziskanerkloster. Aber wie wenig passen doch diese mittelalterlichen Häuser in diese Umgebung!
Einer meiner Besuche galt auch dem „Hull House“, einem der ältesten und bedeutendsten „settlements“ in Amerika. Das Hull House, von einem Mr. Ch. J. Hull 1889 in Immigrantenvierteln Chikagos gegründet, umfaßt heute dreizehn Gebäude, Turnhalle, Schulräume, Läden, Klubzimmer, ein Restaurant, Musikräume, Tanz- und Theatersaal, Handwerksstätten, Lesesäle usw. Etwa 9000 junge Menschen verkehren wöchentlich in diesen Räumen, suchen hier ihre gesellige, körperliche und geistige Erholung! 50 sich selbst unterhaltende freiwillige Leiter wohnen im Hause und bilden untereinander einen korporativen Klub. Daneben sind über 200 andere freiwillige „Settlement-Worker“ als Klubleiter tätig. Die Knabenklubs treiben alle Art Handwerk bis hinauf zu künstlerischer Malerei — ich sah Bilder, die keiner Ausstellung Schande machten — und lernen eifrig Sprachen; die meisten sind junge Italiener, Griechen und Russen. Auch Musik ist wohlgelitten und natürlich vor allem der Sport. Die Bäder sind offen für das Publikum und ebenso das Restaurant. Bäder wurden im letzten Jahre 30 000 genommen, und das Restaurant besuchen täglich 500 Personen. Das sind auch fast die einzigen Einnahmen des Hauses. Im Sommer wird auf dem Land ein „camp“, ein Lager, bezogen, das den Klubmitgliedern für eine Woche frei zur Verfügung steht. Welcher kulturelle Segen muß von einem einzigen dieser Settlements auf ein ganzes Stadtviertel ausgehen! Hier herrscht Ordnung, Sauberkeit, Geselligkeit, Kameradschaft, Freundschaft, Zucht, Sitte, Kunst und die Anfänge wissenschaftlicher Bildung und technischen Könnens. Mein letzter Blick galt der Kleinkinderschule und der Krippe, die mit dem Hull House verbunden ist. Ich vergesse nie all die Kleinen an ihren winzigen Tischchen und mit ihren kleinen Tassen und Löffeln, die Babies in ihren Bettchen und endlich die schwindsüchtigen Kinder auf dem Dach, wo sie in freien Hallen unterrichtet werden. Auf dem Dach in einer Großstadt! Besser wenigstens als in den finsteren Löchern ihrer Wohnungen. Aber warum nicht hinaus aufs Land, wo kein Schornstein und kein Wolkenkratzer droht und die Luft beengt? Welches Elend! Zugleich welche Hilfe! Wenn man diese warme Sonne der Liebe überall scheinen fühlt, dann vermag man fast das Elend, das diesen Armen aus den Augen schaut, zu vergessen ...
Das war Chikago. Universität und Settlement, Zirkus und Wolkenkratzer, am See und in den Schluchten der Geschäftsstraßen, in den Parks und Fremdenvierteln, im lunchroom, wo man sich selbst bedient, und in der office 20 Stock hoch, wo der Ausläuferboy im zerschlissenen Anzug mit seinen acht Dollars die Woche, auf Aufträge wartend, gelangweilt die Zeitung liest — aber wer weiß, was er noch für eine Zukunft hat! Wie hieß es doch in jenem amerikanischen Stück „Die City“? Nicht die City vernichtet den Mann, sondern sie erfordert einen, der ihr gewachsen ist. Nicht die City macht den Mann, sondern der Mann die City. Ja die City! Ihre Geschichte läßt sich nie ausschreiben.
Durch meinen Vetter wurde ich auch in Kreise eingeführt, die sich für alle möglichen philosophischen und metaphysischen Dinge interessierten. Mein Vetter selbst schrieb, obwohl vollkommen Laie, Artikel über ethische Probleme trotz Kontor- und Geschäftsaufgaben. Immerhin eine Leistung! Er stellte mich einem Herrn vor, der mir — echt amerikanisch — bekannte, nacheinander Methodist, Materialist, Buddhist, Naturphilosoph und Spiritualist (Spiritist) geworden zu sein. Echt amerikanisch! So wurde ich darauf aufmerksam, wie stark z. B. neben dem Anwachsen der Christian Science auch die Beschäftigung mit dem Spiritismus in Amerika ist. Ich hatte Gelegenheit — auch schon in Neuyork — an „spiritualistischen“ Vortragsveranstaltungen, Sitzungen u. dgl. teilzunehmen. Aber rechten Geschmack konnte ich den Dingen nicht abgewinnen, vor allem konnte ich mich nicht von der Wahrheit und Wirklichkeit der behaupteten Erscheinungen überzeugen. So geschäftstüchtig und wirklichkeitsnah der Amerikaner ist, so unkritisch und leichtgläubig scheint er mir in übersinnlichen Fragen. Hier fehlt jede kritische deutsche Gründlichkeit. Der Amerikaner hält von vornherein viel mehr für möglich und wahrscheinlich als wir, die wir von unseren großen kritischen Philosophen geschult sind. Jedenfalls ist er dafür, daß alles einmal probiert und versucht werde. Probieren geht vor allem in Amerika über Studieren: Die Wahrheit wird sich schon selbst bewähren! denkt man drüben. Erweist sie sich nicht selbst in der neuen Richtung, so wird die Sache auch von selbst wieder eingehen und verschwinden. So argumentiert amerikanisches Denken. Während wir meist von der Theorie zur Praxis schreiten, macht man es drüben umgekehrt.
Ich war also recht gespannt auf das, was ich zu sehen bekäme. In jeder der amerikanischen Großstädte gibt es sogar mehrere Gemeinden von „Spiritualisten“, deren „Gottesdienste“ äußerlich ähnlich denen der Kirchen verlaufen.
Ich will ganz einfach erzählen, was ich in spiritualistischen Versammlungen gehört und gesehen habe. Vier Arten von spiritistischen Versammlungen habe ich besucht, „Gottesdienste“, sog. „test-meetings“, eine Sitzung mit voller „Materialisation“ der Geister und endlich eine Wochenversammlung, wo Gelegenheit zu Frage und Antwort über den Spiritualismus gegeben war.
Die „Gottesdienste“ finden Sonntags zu den üblichen Stunden statt. Einmal des Morgens war es in einem Konzertsaale. Rednerpult, Lehnstühle für Älteste, Gesang, Gebet (zu Gott als „Prinzip“!) Schriftvorlesungen, offene Tellerkollekte, Predigt und Segen war wie in jedem amerikanischen Gottesdienst. Die Gesänge waren frisch und lyrisch, die Melodien voll Innigkeit. Ich setze den Schlußvers des Liedes, das ich in Neuyork mitgesungen habe, hierher: