Nach Kalifornien.
Am anderen Morgen war auch noch Nebel und Schnee. Die Tiefen des Cañons waren dicht verhüllt. So konnte ich also nicht einmal rechten Abschied von ihm nehmen. Wir fuhren erst wieder unsere drei Stunden bis an die Hauptlinie nach Williams: Pußta, Prärie, Heide — immer dieselbe Großartigkeit! In Williams ging es wieder — weniger angenehm nach der herrlichen Berg- und reinen Steppenluft — in die seit drei Tagen nicht gelüftete „chair-car“ des Chikago-Los Angeles Expreß, mit dem ich vor zwei Tagen hier angelangt war. Viele Auswanderer saßen wieder drin mit Kind und Kegel. Kalifornien ist seit dem Goldfieber von 1848 noch immer das Land der Sehnsucht aller Auswanderer. Unaufhörlich geleiten die Pazifikbahnen den fremden Menschenstrom in das gelobte Land am Stillen Ozean ... Die Bahn senkt sich. Der Nebel streicht über die Föhren wie über irgendeine deutsche Heide. Weite blaue Bergländer tun sich in der durchbrechenden Mittagssonne auf. Wir halten in Ash-Fork, einer Bahnkreuzung. Aber es ist nicht mehr als ein Dorf, dessen Straßen aus Holzplanken bestehen! Die Häuser sind buchstäblich auf den Sand gebaut. Aber bald wird auch hier eine „main-street“ (Hauptstraße), ein paar lunchrooms, eine general merchandise sein, und wohl auch ein oder zwei kleine Holzkirchen stehen. Links und rechts erheben sich mächtige Kraterhügel, wie unvermittelt auf das Plateau aufgesetzt. Schnaubend zieht die Bahn, nach der Durchschreitung des felsigen Johnsons Cañon, wieder in die Höhe. Neue Aussichten über weite, wellige Hochländer öffnen sich. In gewaltigen Kurven dampfen wir das Grasland hinan. Und weit und blau spannt sich der Himmel über dem ungeheuren Lande. Wem gehört hier dies alles? Niemand? Die Dämme sehen alle noch recht frisch und unbewachsen aus. Einige armselige „fences“ (Hürden) zeigen einige private Besitzer an.
In „Seligman“ wird die Uhr zum viertenmal seit Boston um eine volle Stunde nachgestellt: Nun ist „Pacific time“! (Die Union ist ja etwa 17mal so groß als das Deutsche Reich, also rund viermal so lang und so breit. Darum kommen wir in Deutschland mit ein und derselben Görlitzer Zeit aus, d. h. die Sonnenzeit in Köln und Königsberg differiert nur etwa um eine Stunde und die Görlitz-Berliner Zeit hält das Mittel inne.) Wir setzen auf wohlvollendeter Brücke über einen völlig wasserlosen Cañon. Dann dehnen sich wieder endlose gelbgraue menschenleere Steppen, blendend im Sonnenschein mit scharfabgezeichneten Schatten auf dem sandigen Boden säumender Bergreihen. Wie rein und klar ist hier die Luft und wie sonnig! Wenn ich jetzt alle die durchfahrenen Distanzen überdenke: Eine volle Nacht von Boston bis Buffalo! 15 Stunden von Buffalo nach Chikago. Und von Chikago bis zum Pazifik waren es vier Tage und drei Nächte! Bädeker hat recht mit seinem lakonischen Satz im Vorwort: „In Amerika lasse man alle engen Vorstellungen zurück.“ Wer Freude an einer wochenlangen, fortgesetzt wechselnden Bahnfahrt haben will, hat bloß zwei Möglichkeiten dazu, entweder mit der sibirischen oder einer amerikanischen Pazifikbahn zu fahren.
Was für Zukünfte schlummern noch in diesem ungeheuren Land der Rassen und Schätze an Eisen und Kohle, Weizen, Mais und Baumwolle, Vieh, Gold, Quecksilber und Petroleum! Davon ahnen die kleinen Italienerkinder noch nichts, die im Mittelgang unseres Wagens einander fröhlich haschen. Die Geschwindigkeit läßt etwas nach. Kleine Steppenkolonien tun sich auf, deren Häuser wie kleine Badehütten an einer Düne stehen. Ein paar völlig weltverlorene Stationen, wo nichts weiter als ein Stationsschild mit Aufschrift die Haltestelle bezeichnet und ein paar Schuppen für Hirten stehen. Die einzigen Tiere, die man zu Gesicht bekommt, sind hier merkwürdig kleine, dünnbeinige, aber wahrscheinlich sehr ausdauernde Steppenpferdchen ...
Weiße Wölkchen stehen sonnendurchschienen am blauen Himmel. Im Wagen spielen die Männer gelangweilt Karten, essen, schlafen, schmökern aus Zeitungen, trinken Eiswasser und träumen von der Zukunft. Wer rauchen will, muß für eine Zeit den am Ende des Zugs befindlichen allgemein zugänglichen, aber engen smoking-room aufsuchen. Recht nachahmenswert!
Ein Kolonistendörfchen mit etwa 15 Hütten zeigt sich unter ein paar grünen Bäumen. Ob nicht in zehn Jahren hier eine Stadt sein wird? Dann wird die Landschaft wieder steiniger, als es auch in der arabischen Wüste kaum sein könnte. Aber die Menschen erscheinen hier viel ruhiger und gelassener als im Osten. Es jagt sie keine „City“ mit ihren Untergrundbahnen und Autos. Die Natur ist auch zu groß hier für Hast und Hitze. Selbst die typischen kleinen Kirchen sieht man hier kaum noch. Sind die Menschen hier darum gottloser? Ich kann mir das in dieser Naturszenerie gar nicht vorstellen.
Gegen Abend — wir nähern uns jetzt der Grenze des Staates Kalifornien — werden die Randgebirge wieder höher. Stundenlang geht es durch dieselbe eintönige Wüste. Leben hier wilde Tiere? Und was für welche? Kein Wölkchen trübt mehr den purpurroten Abendhimmel. Unter einigen Kakteen, Yuccabäumen und Palmen hocken ein paar runzlige Indianerfrauen. Station Kingman. Das Gelände ist jetzt von ganz südlichem Charakter. Was wir daheim in Treibhäusern und Palmenhäusern bestaunen, wächst hier wild. 100 Meilen wieder seit Seligman! Dazwischen haben wir nicht einmal gehalten! Wozu auch? In den namenlosen Bergen und Felscañons? Rötlich schimmern die einsamen Bergketten im Abendlicht. Arizona trägt seinen Beinamen „das Land der schönen Sonnenuntergänge“ nicht umsonst. Sand um Sand, purpurschimmernde Kraterhügel wie von Riesenmaulwürfen aufgeworfen. Wie mit der Schere ausgeschnittene Bergketten, die sich scharf vom blanken Himmel abzeichnen.
Hier könnte man sich, da die Stationen 100 Meilen auseinanderliegen, bei Nacht einen Zugüberfall sehr gut vorstellen. Tatsächlich fand einer gerade in dieser Gegend zwei Tage später, als ich schon in San Franzisko war, in der üblichen Weise statt, über die sich niemand in Amerika mehr aufregt: Schienenaufreißen, falsche Signale, Aufspringen auf die Lokomotive, Überwältigen von Lokomotivführer und -heizer, Durchsuchen des Packwagens, Einschüchterung der schlafenden Reisenden mit vorgehaltenen Revolvern ... Dann geht es wieder weiter. Man rührt sich nicht, und ohne Blutvergießen geht es vorüber! Aber was machen sie hier in den Fällen von Maschinendefekt und ähnlichem? Das mag eine hübsche Zeit dauern, bis hierher eine Reservemaschine kommt!
In dem nahen Flußbett sieht man Wagenspuren. Wüsten um Wüsten. So hätte ich mir Arizona nicht vorgestellt, so einsam und verlassen. Wie völlig anders waren dagegen die Staaten am Atlantik! Und was soll hier wachsen? Endlose purpurn erglühende Bergzüge. Wie Goldkronen liegen die letzten Sonnenküsse auf den rückwärtsliegenden Felsbergen ...
Wir setzen über einen sehr breiten Strom. Es ist der Kolorado River, der den Cañon durchströmt; eine Ebene öffnet sich am Fluß. „Needles“ ist erreicht am Eingang zum Goldland Kalifornien, genannt nach den in der Ferne wie spitze „Nadeln“ aufsteigenden Porphyrketten. Die Bahnlinie hat sich wieder mächtig gesenkt. Die Hochebenen sind verlassen. In eiliger Fahrt war es in mannigfachen Windungen hinab dem Koloradofluß zugegangen, der hier kaum noch 200-300 m über Seehöhe aus den Bergschluchten tritt! Hier ist alles subtropisch, ja fast tropisch. Kaum aber daß ein bißchen Naß das Land besprengt, da sprießt es auch schon in ungeahnter Üppigkeit. Man sieht die Männer hier auch abends im Frühling nur in Hemdsärmeln.
Es ist Zeit, das Abendessen einzunehmen. Wie ausgehungert eilt alles zu den Fleischtöpfen ... Geradezu mystisch schön sind die Tinten an dem unbeschreiblich kristallklaren Abendhimmel ... Dann geht es nach 25 Minuten Aufenthalt wieder in die Nacht hinein. Die Mondsichel tritt klar und scharf heraus. Wir fahren durch die Mojawewüste. Ich wache in der Nacht einmal auf, als wir in Dudlow halten. Funkelnd steht der Orion am Himmel. Laut zirpen Tausende von Grillen durch die milde südliche Nacht. Von den San Bernhardinobergen sehe ich freilich nichts, auch nichts von den erloschenen Vulkanen und ausgetrockneten Salzseen der Mojawewüste ...
Aber wie verwandelt ist das Bild am Morgen! So wie wenn man durch den Gotthard fährt und auf der anderen Seite des Tunnels, nachdem die Wasserscheide der Alpen durchschritten ist, eine andere Welt findet. So wachen wir in der Frühe, als wir von den San Bernardinobergen (3500 m!) in die Ebene in sausender Fahrt herunterfahren, bei feuchten Morgennebeln auf, die schon vom Stillen Ozean herandringen; das Berg-, Steppen- und Wüstenklima Arizonas ist völlig verschwunden. Es herrscht nebliges Seeklima. Um sechs Uhr rüttelt mich der Neger an der Schulter: Noch 40 Minuten bis Los Angeles! Aufstehen!
Nun, da war es ja Zeit, sich zu erheben und wie immer auf dem Oberbett sitzend anzukleiden und sich fertigzumachen. Für die meisten Mitreisenden bedeutete die Ankunft in Los Angeles viel mehr als für mich! Die meisten kamen jetzt an ihr Lebensziel, in ihre neue Heimat, sowie wir etwa damals in Neuyork nach über 3000 Meilen Seefahrt landeten, so „landeten“ sie jetzt nach einer Bahnfahrt von 4000 km von Neuyork oder 3000 km von Chikago — also fast ebenso großen Entfernungen wie von Europa! — an der Küste des Stillen Ozeans. Als ich zum Wagenfenster hinausschaute, bot sich ein völlig veränderter, fast märchenhafter Anblick dar. Tagelang waren wir durch grasige Steppen und einsame Hochebenen, über sandige Wüsten und durch felsige Cañons gefahren, und jetzt fuhren wir auf einmal durch die ausgedehntesten prächtigsten Weingärten, vorüber an ganzen Alleen von Pfeffer- und Orangenbäumen, vorbei an den herrlichsten mit hohen Palmen bepflanzten Straßen und den saubersten, malerischsten, von den üppigsten Pflanzungen grünumrankten und unter Blütenpracht förmlich begrabenen Landhäusern und Landstädtchen. Zitronen und Eukalyptus, Orangen, Palmen und Wein, Akazien und Agaven, welche ein märchenhaftes Paradies, noch viel üppiger und blühender als das fruchtbare Oberitalien! Und Los Angeles’ Umgebung ist vielleicht wieder die Krone des ganzen herrlichen Landes. Aber, lieber Leser, sage das nicht laut in San Franzisko! Du könntest auf offener Straße dafür niedergeschlagen werden. Und jedermann würde es recht finden! Denn es gibt auf Gottes Erdenrund kaum zwei aufeinander eifersüchtigeren Städte als San Franzisko und Los Angeles, die beiden ehrgeizigen Königinnen Kaliforniens ... Wir halten. Ich steige aus. Am Ziel! Eine Welt von Bildern und Eindrücken, was mit zum Großartigsten der Welt gehört, war an mir vorübergezogen.
Los Angeles hat einen schönen und stolzen Namen. Als spanische Gründung 1781 wurde es „La Puebla de Nuestra Señora La Reina de Los Angeles“ („Stadt unserer Herrin der Königin der Engel“) genannt. Erst seit 1846 ist es bei nur 1600 Einwohnern (!) amerikanisch geworden. Noch 1880 hatte es noch immer kaum 50 000 Einwohner, heute bald eine halbe Million. Als ich aus dem Bahnhof trat, sah ich zunächst noch nichts von seiner paradiesischen Herrlichkeit, noch von seinen 130 Kirchen, eher konnte ich an seine 2000 Fabriken glauben. Schmutzig und düster erschien die nächste Umgebung. Der erste Kampf ging wieder einmal darum, mit heiler Haut aus dem Geschrei der Kofferträger, Transferagenten, Hotelportiers, Autos und Kutscher herauszukommen. Lastwagen wirbelten auf den zum Bahnhof führenden Straßen genug Staub auf ... Ich sah japanische, chinesische Anschriften, den Fremden einladende Herbergen der Heilsarmee ... dann schlug ich mich durch bis zur Innen- und Geschäftsstadt. Banken, Läden, Warenhäuser wie überall. Es hielt mich diesmal auch nicht lange in der Stadt. Geschichtliches bietet sie gar nichts. Ich strebte so schnell wie möglich nach dem Stillen Ozean, von dem „die Stadt der Engel“ noch immer 35 km entfernt liegt!
Möglichst rasch und entschlossen ging ich zu dem Bahnhof der ausgezeichneten elektrischen Lokalschnellbahnen, die nach jeder Richtung von Los Angeles in die Umgebung streben. Ich bestieg sofort einen Zug, der geradewegs nach San Pedro am Pazifik fuhr.
Mit Schnellzugsgeschwindigkeit waren wir in 40 Minuten dort ... Noch war es wolkig, und Morgennebel lag über den Feldern. Erst ging es eine Weile durch weniger reizvolle Vorstädte, Chinesenviertel und Arbeiterquartiere und an allerlei Schuppen und Lagerhäusern vorbei. Dann kam ein Geländestreifen mit reizenden Landhäuschen, tief in das üppigste südliche blühende Grün eingebettet: Palmen, Gummibäume, Eukalyptus, Orangen, Rosen, Geranien, Yuccas und Granatbäume in paradiesischem Wechsel. Danach wieder lange unangebaute grasige Steppen. Die Gegend glich in manchem der zwischen Rom und Ostia in Italien. Zuletzt erhoben sich rechter Hand die San Pedroberge. Und vor uns dehnte sich gewaltig — der Stille Ozean! Wir hielten in der kleinen Hafenstadt San Pedro an der San Pedrobai.
Grau und etwas wolkig mit mäßigem Wellenschlag lag der Stille Ozean da. Er schien seinem Namen Ehre machen zu wollen! Nun war mir an seiner Küste das Angesicht Asiens, Japans und Chinas zugewendet! Im Hafen lag ein großer Dampfer, der „President“, der gerade nach San Franzisko in See stechen wollte. Ein Stück weiter links schaukelte sich ein kleineres Dampfboot von nur 600 Tonnen, nicht viel größer als unsere Rheinschiffe, zur Abfahrt bereit nach der sonnigen Insel Santa Catalina im Stillen Ozean. Sie ist 25 Meilen von der Küste entfernt, also etwa zwei Drittel soweit wie Helgoland von Cuxhaven. War ich einmal am Stillen Ozean, so wollte ich auch auf den Stillen Ozean! Also schnell ein Billett gelöst und auf der Ozeannußschale, dem „Cobrillo“, eingeschifft!
Nach kaum 20 Minuten stach er mit Menschen wohlgefüllt in See! Er fährt täglich einmal am Vormittag hinüber und am Nachmittag wieder zurück. Ich hatte es gut getroffen. Bald nach der Abfahrt hellte sich der Himmel langsam auf. Nach einer Stunde Fahrt verschwand die kalifornische Küste hinter uns. Man sah nur noch das Wasserrund des Ozeans. Nicht lange danach tauchten vor uns matte Linien ziemlich stattlicher Berge auf, die ersten Wahrzeichen des einsamen Eilandes draußen ...
Die Meerfärbung war noch eintönig grau. Mehrmals hielt ich die Dunst- und Nebelgrenze auf dem Wasser schon für die Küstenlinie, aber so schnell waren wir nicht dort! Die Dünung der See war mäßig, aber für das kleine Boot schon beträchtlich. Wir waren kaum zum Wellenbrecher hinaus, da erbleichten auch schon die meisten Gesichter der mitfahrenden Damen. Der kleine Kasten stieg tüchtig auf und nieder oder rollte rhythmisch von einer Seite auf die andere. Einige Frauen sanken blaß ihren Männern in die Arme, andere stürzten gleich mit dem Deckstuhl um ... Möwen folgten uns noch lange ...
Je näher wir dem Eiland kamen, desto deutlicher wurden seine Umrisse. Jetzt erkannte man auch schon Felsabhänge und kahle und grasige bis zu 600 m aus dem Meer ansteigende Bergabhänge auf ihm. Wie ein Blinklicht glänzte das helle Dach eines Sommertheaters uns entgegen. Solange wir auf See waren, war es fast kühl. Als wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt in die Bucht von Avalon einfuhren, brach die Sonne leuchtend hervor, und eine wohlige Wärme empfing uns auf der basaltischen Insel ...
Recht spaßig war die Landung. Während wir in die Bucht hineindampften, empfing uns eine ganze Menge kleiner Ruderboote, aus denen uns die Bootsführer schon auf ziemlich beträchtliche Entfernung ihre Hotels, Pensionen, Bars, lunchrooms, Wagen, Boote usw. durch das Sprachrohr anpriesen, mit echt südländischer Lebhaftigkeit einer den anderen überschreiend. In gleicher Weise wurden wir einst auf der ähnlich gelegenen und ähnlich anmutenden Insel Capri empfangen. Die meiste Reklame machte ein Boot mit einem „gläsernen Boden“, unter dem ständig ein nackter, brauner Schwimmer einherschwamm, um des Bootes und des Wassers Durchsichtigkeit zu zeigen! Auch ein Sport! Wieder andere tauchten unaufhörlich nach ins Wasser geworfenen Fünfcentstücken, deren sie in wenigen Minuten mehrere schwimmend und tauchend heraufholten und triumphierend und wie Seehunde triefend auf die nasse Ruderbank ihres Bootes zum Beweis und als Lohn niederlegten. Als wir endlich auch noch die prüfenden hämischen Blicke der Badegäste am Landungssteg passiert hatten, hielten wieder die porters, Agenten und Hotelburschen uns mit Geschrei und Anpreisungen auf; eine resolute Wirtsfrau aber übertönte sie alle, indem sie mit einer mächtigen Klingel in der Hand laut schellend vor ihrem lunchroom auf- und ablief, bis sie ihn voll Ankömmlinge hatte. Und Appetit hatte die Seefahrt ja gemacht ...
Dann erging man sich in den wundervollen sattgrünen und sonnigen Anlagen am Strande des Seebades, wo sich Hotel an Hotel und Villa an Villa reihte. Weit ins Innere begab ich mich nicht. Ich fand es am schönsten, mich an einer etwas abgelegenen und einsamen Stelle am Strande zu lagern und als freies Kind der Natur dem Spiel der ankommenden sich brechenden Wellen zuzuschauen und dem heiseren Bellen der plumpen Seelöwen zu lauschen, die nicht weit vom Strand auf wasserumspülten Klippen ihr lustiges Spiel trieben, bald mit ihrem glatten, geschmeidigen Körper ins Wasser gleitend, bald triefend wieder aufs Trockene emportauchend.
Wie warm schien die Sonne auf Sand und Steine! Einige Möwen kreisten zu meinen Häupten. Ein ganz milder Wind wehte von der See herein: Leicht und klar umplätscherte mich das Wasser des Ozeans. Die Wiese herab blühten unzählige weiß und lila leuchtende Blümlein. Es waren einzige Stunden der Erholung und des Unberührtseins von Welt und Menschen. Nach einer Stunde kam den Weg an den Felsen entlang als einziger Mensch eine alte weißhaarige Dame geschritten, die ihren üblichen Nachmittagsspaziergang machte. Eine schwarze Dienerin trug und hielt ihr den Sonnenschirm über den Kopf. Wie sie mich plötzlich von ferne am Wasser im warmen Sand ruhend erblickte, kehrt sie erschreckt um. Die Taucher und der Glasbodenschwimmer lagen derweilen auch in ihren Bademänteln, auf neue „Arbeit“ wartend, am Strand unter den Hotels. Der „Cobrillo“ rauchte friedlich aus seinem Kamin in der Bucht. Die Seelöwen bellten immer noch, und die resolute Wirtin hatte ihr lautes Schellen eingestellt. Welche paradiesische Ruhe hier! Welche nervenstärkende Stille und wohlige Wärme an diesem glücklichen Strande! Und wie lockend mußte es sein, diese paradiesische Insel wie ein Robinson nach allen Richtungen zu durchstreifen ...
Um dreieinhalb Uhr rief der Cobrillo mit seiner Sirene wieder seine Fahrgäste zusammen, auf daß man noch zum dinner abends nach Los Angeles kommt. Vier Stunden Aufenthalt waren mir wie ein Tag auf diesem paradiesischen Eiland vorgekommen. Die See war jetzt ganz ruhig geworden. Die ersten Fahrgäste überschritten schon wieder den schwankenden Landungssteg und suchten sich gewitzigt von der ersten Fahrt die Mittelplätze beim Schornstein aus. Die Taucher gingen wieder an ihre „Arbeit“. Der nackte, braune Glasbodenschwimmer ruderte sein Boot hinaus. Da mußte auch ich meinen Strandwinkel verlassen und warf mich wieder in die Tracht des wohlbekleideten Kulturmenschen. Ach, daß das Schönste immer am schnellsten vorübergeht! Und es bleibt allein die Erinnerung ...
Bei völlig ruhiger See und vollem Sonnenschein stachen wir wieder auf dem kleinen Dampfer in See, dem Kontinent entgegen. Die Berge hoben sich in unserem Rücken wieder höher und höher. Eine alte spanische Missionskirche über dem Hotel Metropole und Grand View winkte uns den Abschied zu. Die Möwen flogen auch wieder mit uns heimwärts. Und die Hochzeitspärchen an Bord hatten bei der Rückfahrt keine ungewollten Umarmungen mehr zu befürchten ...
Um sechs Uhr liefen wir wieder in San Pedro ein. In der Abenddämmerung rasten wir die 23 Meilen nach Los Angeles mit der elektrischen Schnellbahn in 40 Minuten zurück. Und als ich wieder nach diesem eindrucksvollen Ausflug die „Main Street“ durchschritt, brannten bereits die vornehm wirkenden Glaskandelaber in den Hauptstraßen von Los Angeles und machten sie zu wahren Wandelgängen unter freiem südlichem Himmel. Alles Volk, besonders die flirtende Jugend, zog die Hauptstraße unter den brennenden Kandelabern auf und ab, eine allgemeine südliche Mode wie in den Hauptstädten Italiens und Spaniens, wo man sich erst abends recht aus den Häusern wagt. Mein Abendessen nahm ich bescheiden in einem sogenannten „help-yourself“-Restaurant. Da tritt man zu den langen Büfettreihen selbst mit einem Tablett in der Hand, nimmt sich Teller, Messer, Löffel, Gabel und stellt sich selbst aufs Tablett an Speisen, die ständig am Büfett bereitstehen, was man begehrt. Bei dem letzten Büfettfräulein erhält man dann einen Zettel, auf dem sie alles blitzschnell addierend, angibt, was das selbstgewählte Menu kostet. Der Preis wird beim Ausgang an einer Kasse entrichtet. Äußerst praktisch wie alles in Amerika und zugleich auch recht appetitanreizend! Außerdem spart man die Ausgabe für Getränke und Bedienung, die ja bei uns oft noch ein Drittel Aufschlag bedeuten. Man ist auch schneller fertig, macht anderen Platz, wischt den Mund, stellt das abgegessene Geschirr zur Seite, bezahlt und geht, denn „time is money“. Ja hier gab es sogar noch Abendmusik gratis dazu!
Dann ging ich auch einmal in ein „show“, ein einfaches Theater, um den Abend nützlich zu verbringen. Es hatte drei Ränge, die an fast gefängniskahlen Wänden umliefen. Der Vorhang war, ehe er aufging — echt amerikanisch! — mit Reklamen bedeckt! Das Theater saß ziemlich voll junger Leute, Weiße und auch Chinesen! Der Eintrittspreis war nicht gering. Das Spiel dauerte zweieinhalb Stunden. Aber es wurde dabei geraucht; andere aßen Orangen und Bananen. Die Schalen warf man einfach unter die Sitze! Erst kamen allerlei recht üppige Balletts, die anscheinend besonders den anwesenden Halbwüchsigen gefielen, dann trat eine tauchende Dame in schwarzem Trikot auf, zuletzt kam ein amerikanisches Drama: „Die City“, in dem die Gefahren und die schließliche Verzweiflung eines von der City Zermalmten geschildert wurden. Die Taucherin sprang und hüpfte und schwamm wie ein Aal; behend und schlank war sie wie ein Reh. In dem Drama wurde eine wohlhabende Bankierfamilie einer Landstadt geschildert: Sohn und Tochter streben nach Neuyork. Der konservative Vater warnt vergeblich. Ein natürlicher Sohn desselben fordert Geld von ihm und droht ihm im Weigerungsfall mit Erschießen. Das erregt den Alten so, daß er darüber stirbt, nicht ohne seinem rechten Sohn den Grund offenbart zu haben. Zehn Jahre später steht dieser vor seiner Wahl zum Gouverneur in Neuyork. Seinen Halbbruder hat er zu seinem Sekretär gemacht. Seine Schwester will sich von ihrem trunksüchtigen Mann scheiden lassen, weil sie ihren Halbbruder liebt, ohne um sein Geheimnis zu wissen. Ihr echter Bruder offenbart ihr, daß ihre mit ihm bereits heimlich geschlossene Ehe nichtig ist. Daraufhin erschießt verzweifelt der Halbbruder die Gattin, die seine Schwester ist. Er wird verhaftet und dem Gericht übergeben. Die Sünde der Väter rächt sich an den Kindern! Der Held des Stückes schließt: „Nicht die City verdirbt den Menschen, sondern der Mensch die City. Die City offenbart nur, wer sich in ihr zu behaupten vermag und wer nicht.“ Man ging ergriffen. Draußen umwogte einen die wirkliche „City“ mit ihrer Dollarjagd und ihren Versuchungen. Welch erschütternde Bekenntnisse hatten mir Freunde anvertraut! Es menschelt überall sehr und immer in gleicher Weise in der Welt, aber im ganzen scheint man in Amerika schamhafter und „moralischer“ zu sein, wenn auch oft prüder. Die Witzblätter dürfen nicht so offen geil wie zuweilen bei uns sein. Die Prohibition hat sicher auch hier ihre unschätzbaren Verdienste ...
Am anderen Tag hoffte ich, Kalifornien, das allein so groß ist wie unser jetziges Deutsches Reich, zu durchqueren. Die Luftlinie von Los Angeles bis Frisko mißt etwa 600 km! Die Gesamtlänge des amerikanischen Kaliforniens beträgt aber etwa 1500 km oder die Entfernung von Memel bis Basel! Freilich beträgt die Breite durchschnittlich nur 300-400 km. Danach kann man sich ungefähr von seiner Größe eine Vorstellung machen. Die Einwohnerzahl beträgt freilich noch nicht zwei Millionen, von denen die reichliche Hälfte in den beiden wetteifernden Großstädten wohnt! Man fährt von Los Angeles 15-16 Stunden mit dem Expreß nach San Franzisko. Ich teilte mir deshalb diese Strecke lieber, um unterwegs noch allerlei mitzunehmen.
Volles sonniges, warmes Wetter begünstigte die Fahrt. Man bedauerte es fast, wieder in den Pullmann steigen zu müssen. Draußen lagen die pinienbewachsenen Berge im hellsten Sonnenschein; ihnen zu Füßen reifende Getreidefelder im April! Viermal wird hier im Jahr Gras geschnitten und Heu gemacht!
Von der Fruchtbarkeit und Üppigkeit Kaliforniens machen wir uns in Deutschland ebensowenig eine zureichende Vorstellung wie von der Wüstenhaftigkeit des Felsengebirges und der Unendlichkeit der Mississippiebenen. Ich fuhr mit der „Line of the thousand wonders“ (Linie der 1000 Wunder) und war auf die „Wunder“ wirklich gespannt. Wie in Italien schimmerten von allen Höhen weißgestrichene Häuschen. Durch die Felder zogen Pflüge, von acht Maultieren gezogen. Rechts grüßten die Berge, links dehnten sich die strotzenden Felder, ganz leicht blau drüben lockte die Linie des Ozeans! Ganze Haine voller Oliven, als ob es graue Weiden wären, flogen vorüber.
Neben mir sitzt, wie ich bald herausbekomme, ein alter Schleswig-Holsteiner, der als Junge in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts schon herübergekommen war. Jetzt war er gut ein Fünfundsiebziger geworden! Er war nicht zurückgekehrt, weil er Preußen haßte und nicht beim Militär dienen wollte. Da ich ständig mit Notizbuch und Bleistift in der Hand zum Wagenfenster hinausstarrte, fragte er mich, ob ich Land kaufen wollte. Daß man bloß zum Vergnügen und zum Studium durch die ganze Union reisen könne, begriff er nicht, am allerwenigsten aber, daß ich wieder in die alte Heimat zurückwollte. Spöttisch fragte er mich — die typische Frage alter verbissener Deutschamerikaner — ob es jetzt in Deutschland auch Straßenbahnen, elektrisches Licht und Dampfheizung gebe, oder ob wir noch Petroleumlampen brennten und mit der Postkutsche führen? Er war nie wieder, verbittert wie er war, in die Heimat zurückgekehrt und konnte sich kaum vorstellen, daß auch bei uns jetzt modernes Leben herrschte. Vielleicht überzeugt ihn unser Zeppelin Z III, falls er ihn noch erlebte, wenn er als „Los Angeles“ die „Stadt der Engel“ besucht.
Bald trat die Bahnlinie ganz dicht und höchst malerisch an den Ozean heran. Die felsigen Berge ließen nun kaum noch Raum für ihre Trasse. 160 km lang fuhren wir an der kalifornischen „Riviera“ hin, die in der Tat der italienischen und französischen nichts nachgibt. Drüben über dem St. Barbara-Kanal sah man die felsige Insel Santa Cruz, die Hänge der Berge über und über mit Blumen übersät, als herrsche hier ewiger Frühling. Schäumend brachen sich die anrollenden Wogen des Ozeans an der Steilküste wie in Rapallo oder Nervi. Auf hoher See zog ein Dampfer mit langer Rauchfahne. War es der „President“ von gestern aus San Pedro? Wo sich das Land wieder ein wenig öffnete, zeigten sich goldgelbe Senffelder, in denen braune Spanier arbeiteten. Von ihnen stammt die Landbevölkerung vielfach besonders um die alten Sitze der spanisch-mexikanischen Missionen herum ab. Dann sah man wieder Gummibäume, Eichen, Oliven und weite Weidetriften. Und so oft die Bahn stieg, weiteste Aussicht über den blauen Ozean! Man wurde die Illusion nicht los, als ob man etwa zwischen Pisa und Genua fahre. Gelb und blau sind die Meeresabhänge in unbeschreiblich prächtigem Blumenflor. Es waren wirklich die „thousand wonders“ keine Phrase! Dann drängten uns mächtige Dünen vom Meer ab. Asphalt- und Petroleumquellen an und in demselben mit den die Landschaft entsprechend verunzierenden Essen und Fördertürmen tauchten auf ...
Alte spanische Franziskaner-Mission
Wir hielten in Santa Barbara, 100 Meilen von Los Angeles, dem amerikanischen „Mentone“, einem der Glanzpunkte der kalifornischen Riviera, zugleich einem der mildesten und geschütztesten Winterkurorte der Union, wo man keinen Winter kennt und auch keinen unerträglich heißen Sommer, eingebettet in Rosen und überragt von der alten historischen und höchst malerischen 1786 gegründeten Franziskanermission des berühmten Padre Junipero Serra. Die Bilder des Klostergartens mit seinem Kreuzgang, dem Refektorium, der weißgestrichenen Kirche und den braunen Kutten der Franziskaner zauberten ein volles Stück Mittelalter mitten in das modernste Land der Erde. Noch hatte kein Erdbeben es verwüstet.
Weiter geht es an der Riviera entlang in 100 Meilen nach San Luis Obispo in einem weiten Wiesental. Es wird allmählich warm. In einem von der Mittagssonne blendenden Steinbruch arbeiten halbnackte, braunschwarz gebrannte Arbeiter. Denken wir im Anblick der Kapitols, state-houses und skyscrapers immer daran, wer ihre weißen Blöcke gebrochen und ihre Quadern behauen hat? Wieviel Menschenschweiß klebt doch an jedem Stein der Großstadt! Die Bahn steigt in mächtigen Kehren vom Ozean ab über das Gebirge der Luciaberge 400 m hoch durch sieben mit Holzplanken gestützte und ausgebaute Tunnels hinüber in das Salinastal, wo in weiten wegelosen Eichenhainen halbwilde Rinderherden fröhlich ihr Leben genießen. Ab und zu tutet die Lokomotive mächtig in die Welt hinaus, um Gegenzüge zu warnen, oder klingelt, um Wanderer von dem Schienenweg zu scheuchen. Die weitesten Strecken liegen hier noch unangebaut! Der alte Schleswig-Holsteiner hatte nicht so unrecht. Hier könnte man gut nach Land ausschauen. Was könnte hier aus den Weidetriften noch für ein Etschtal werden!
Wie aus einem Kinderspielzeugkasten tauchten weißgestrichene Landhäuser zwischen dunklem Grün auf. Kleine, schwarze, scheinbar unansehnliche Schweine, halb verwildert, tummeln sich an einem kleinen Sumpf. In Salinas steige ich aus, um Monterey, die älteste Stadt Kaliforniens, einst vor San Franzisko und Los Angeles des Landes Hauptstadt, aufzusuchen. Heute ist Monterey ein ganz stilles Landstädtchen von kaum 2000 Einwohnern an der entzückenden, paradiesischen Montereybucht. Ein Wagen bringt uns auf herrlicher Straße zu einem der komfortabelsten und prächtigsten Hotels der Welt, Hotel del Monte. Seine Gärten und Parks sind weltberühmt, sie bergen in sich alle Pflanzenwunder Arizonas und Kaliforniens zugleich. Man wandelt unter Palmen und riesigen Kakteen, in Alleen von Rosen und Eukalyptus, unter immergrünen Steineichen, Pinien und Zypressen. Es dunkelte schon, als wir aus der Heide wieder ans Meer kamen. Geheimnisvoll tauchte wieder der Ozean, unser Begleiter, auf. Einsame Vögel kreisten am Abendhimmel. Schwarz zogen sich im Dunkel die Dünen am Strande hin. Letzte Lichter tanzten auf dem Wasser ...
Im kleinen Städtchen mit seinen alten, krummen und primitiven Straßen, deren Häuser meist nur ein- oder zweistöckig sind wie in Santa Fé, fühlt man sich bald nach Mexiko und bald nach China versetzt. Chinesischen Wäschern und Fischern begegnet man dort ebenso zahlreich wie den spitzhütigen Mexikanern. Und das Bild wird noch bunter durch die Uniformen der zahlreichen Soldaten des „presidio“. Abends promenierten sie alle durcheinander an den wenigen Läden, den einfachen dairies, drug-stores und bars entlang, die aber nicht viel mehr als erleuchtete hölzerne Buden waren. Besonders viele Aushängeschilder, mit denen zum Eintritt in das Heer aufgefordert wurde, sah man hier:
„U. S. Army. Young men wanted! Good pay! No expenses! Unusual opportunity for travel, education and advancement!“[25]
Nach einem Abendimbiß trete ich in ein Lokal der „Bethlehem-Mission“, in der gerade eine „Erweckungsversammlung“ stattfindet. Sie verläuft ganz heilsarmeemäßig. Zwar ist sie nur halbgefüllt mit einfachen Frauen und Männern; auch Soldaten sind da. Eine Predigerin, eine verhältnismäßig noch junge Dame, steht am Pult und redet unter Singen und Händeklatschen, wozu sie auch bei Haupt- und Kraftstellen die Anwesenden animiert, von der Notwendigkeit der sofortigen Bekehrung. Die Soldaten hörten ganz andächtig zu. Zur Bußbank kam freilich keiner. Da ich es nicht über mich brachte, meine religiösen Gefühle rhythmisch mit anderen zusammenzusprechen und unter Händeklatschen den Takt angebend zu begleiten, entfernte ich mich recht bald wieder. Die geistige Kultur, auch die religiöse, erschien mir zuweilen drüben noch recht primitiv! Vielleicht hätte die Predigerin auf Neger und Navajo-Indianer mehr Eindruck gemacht als auf mich. Freilich war ihr Eifer und sittlicher Ernst höchst anerkennenswert. Man stelle es sich etwa so vor: „God is love“ (klatsch, klatsch!) — „halleluja, halleluja, halleluja!“ (klatsch, klatsch!) usw. Das lag mir noch lange, aber nicht gerade angenehm im Ohr. Hier wirkt mehr das Exerzitium, die Routine und die Suggestion als freie Überzeugung. So preßt und knetet man Seelen, aber gewinnt sie nicht.
Ein herrlicher Morgen brach anderen Tags an, wie es der vorige war am Santa Barbara-Kanal und der kalifornischen Riviera. Strahlendes Blau spannte sich über dem blendend weißgelben Strand und den sanft anrollenden Wogen mit ihrem ewigen Anprallen und Zurückschlürfen. Die chinesischen Fischer wuschen schon ihre Netze, als ich mich auf die Wanderung begab, den herrlichen und berühmten seventeen-miles-drive[26] entlang zu gehen. Bei Pazifik Grove nahm mich ein kühler schattenspendender Fichtenwald auf, in Amerika eine Seltenheit. Mir gingen Schillers Zeilen im Kopfe um:
Immer üppiger wurde der Forst. Auch hier hätten Räuber kommen können und den deutschen Götterfreund erschlagen. Ob mich auch Kraniche oder die Möwen der Monterey-Bucht gerächt hätten? Ich bin die komfortable Straße nicht ganz entlang gewandert, denn 17 Meilen wäre eine Tagesleistung gewesen, und ich wollte den Nachmittag noch nach San Franzisko. So strebte ich aus dem Waldesdickicht nach einiger Zeit wieder heraus und quer hinüber nach dem Strand des Pazifik. Denn der Ozean hatte es mir nun einmal angetan, so oft ich seiner habhaft wurde, ob es auf Coney Island oder an der Battery in Neuyork, in Shirley Point bei Boston oder an der Wasserfront in Chikago, in San Pedro oder auf Santa Catalina war. Das Meer übt seine magische Gewalt über den Menschen. Fast noch mehr als das Hochgebirge hat es etwas Feierlich-Erhabenes und Grenzenloses. Damit wird es zum Auslöser der größten Sehnsucht in uns. Am Meer umspannen wir mit der Phantasie gleichsam das Ganze der Welt: Was liegt da drüben hinter der letzten Wasserlinie? Es zieht uns mit seinen ewig gleichen Wellen weiter und weiter in die Welt hinaus. So lockte es alle Seehelden, daß sie Leben und Wohlfahrt in die Schanze schlugen und sich auf gebrechlichem Fahrzeug der ungewissen Weite anvertrauten, um neues Land zu erobern. Aber das Meer übt auch eine wunderbar gemütheilende Wirkung. Nicht bloß seine reine salzige Luft, sondern ebenso seine Weite und Größe. Sie macht alles Kleine unseres Lebens klein und alles Große groß:
Diese Goetheworte durchlebte ich, als ich wieder am Strande lag, mich ganz der großen Natur hinzugeben. Ich wollte ja auch nicht einen Rekord des Rasens durch einen Kontinent aufstellen, sondern zugleich mitten in allem Schauen und Lernen mich noch ein wenig selbst finden. Freilich war weder Boston noch Buffalo, weder Chikago oder sonst eine große Stadt erholsam, aber um so mehr der Tag am Grand Cañon, die Stunden auf Santa Catalina und nun an der prachtvollen Bucht des für Amerika uralten Städtchens Monterey in Kalifornien. Schon 1602 waren hier die Spanier gelandet, als es noch kein Neuyork noch Boston gab, und nannten die Siedlung, die sie schufen, nach dem damaligen Vizekönig von Mexiko, dem Grafen von „Monte Rey“. Und so blieb „Monterey“ Hauptstadt des Landes bis zur amerikanischen Besitzergreifung 1846, zweieinhalb Jahrhunderte lang, denn lange gab es weder ein San Franzisko noch ein Los Angeles! Dann aber mit dem plötzlichen fabelhaft schnellen Aufschwung dieser beiden Handels- und Hafenstädte versank Monterey in seinen Dornröschenschlaf, aus dem es wohl nie wieder erwachen wird. Nur die „Kurgäste“ und Globetrotter, die die Bucht, das Hotel del Monte und Pazifik Grove besuchen wollen und den „seventeen-miles-drive“ unter viel Getute und Benzingestank entlang kutschieren, bringen etwas Leben und Geld in den stillen malerischen Erdenwinkel, der noch immer mit seinem alten Zollhaus, seinen alten Forts und seiner katholischen Missionskirche ungefähr ein Bild der Zustände vor zwei, ja fast drei Jahrhunderten zu bieten vermag.
Da wo ich mich in den feinen weißen Sand der Bucht, noch fast zwei Stunden vom Städtchen, einwühlte, war niemand als die goldene Sonne, die so warm und wohlig die in Tropfen blinkende Haut entlang rieselte und so sanft trocknete. Einige dicke Algen lagen angespült neben mir am Strand, so dick und hart wie Schiffstaue oder Gummischläuche; von den Seelöwenfelsen hörte man das heisere Bellen der spielenden glatten Tiere. Nautische Signalglocken erklangen melodisch unter Wasser, die bei Nebel den Schiffer vor den Klippen warnen sollen; Pinguine watschelten behäbig mit ihren leuchtenden weißen Westen auf den Felsenkanten und erhoben ein mörderisches Geschrei, als ich ihnen ähnlich froh und frei in die sacht anrollenden Wogen entgegenschritt. Gibt es einen herrlicheren Naturgenuß, als wenn die goldene Sonne uns auf Brust und Schulter küßt, wenn die reine Ozeanwoge spritzend uns umspült und wenn nur blauer Himmel Dach unserer Zelle ist? Warum wird uns solch Glück so selten zuteil? Warum hüllen wir törichten Kulturmenschen uns auch im heißesten Sommer in so viel unnütze Kulturhäute? Wer vermag schneller und voller zu heilen als Licht, Luft und Sonne?
Aber auch diese goldenen Stunden verrannen nur zu schnell. Ein paar Ruderboote nahten mit ächzenden Schlägen und scheuchten mich aus meinem sonnigen Bade. Auf der Düne lag das verlassene Wrack eines Segelbootes. Ein großer Dampfer zog am Horizont mit langer Rauchfahne vorüber. Kam er von Frisko und fuhr nach Los Angeles? Als ich mich angekleidet und wieder nach Monterey zurückkehrte, kam ich wieder an allerlei Fischerdörfern vorüber, wo die Chinamen ihren Fang sortierten, ihre Netze wuschen und mir recht erstaunt nachsahen. Auf einem Sandplatz übten die Soldaten ...
Damit mußte ich der schönen Bucht von Monterey Lebewohl sagen. Ein Eilpersonenzug führte mich am Nachmittag nach San Franzisko. Mein meterlanges Rundreisebillett war nun allmählich schon recht klein geworden.
Wieder ging es durch blühendes Obst- und Weingelände. Das scherte einige Gemütsmenschen im Wagen nicht, den Handkoffer auf den Knien als Tisch benutzend Skat zu spielen! Von der Kreuzung Pajaro ging es hinüber an den Santa Cruz-Bergen vorbei, die man auch in der Bucht von Monterey sich erheben sieht, in das Tal des Guadeloupe River. Wieder welch ein breites, schönes, wohlangebautes Tal! Etschtalerinnerungen! Die üblichen weißen Holzdörfchen mit ihren weiß angestrichenen Kirchlein erschienen.
Golden stand die Abendsonne im Westen. Der brakeman, d. h. der farbige Bremser oder Hilfsschaffner, schreit mechanisch die Stationen aus. Es steigen nur immer Leute zu, die „to the city“, nach „Frisko“ wollen. Es ist, obwohl April, so warm wie bei uns im Juli! Bei Santa Cruz, am anderen Ende der Montereybucht, steht noch ein Rest vollkommen vorgeschichtlicher Urwälder, ein Hain von 20 Riesenbäumen der sogenannten „big trees“, die zum Teil einen Umfang von 21 m und einen Durchmesser von 7 m erreichen! Kaum sechs Männer können sie umspannen! Ihre Höhe mißt 100 m und darüber! Ihr Alter wird zum Teil bis auf 3000 Jahre geschätzt! Manche sind so mächtig, daß Wagen bequem durch sie hindurchfahren oder 12 bis 14 Personen auf ihrem Stumpf Platz haben können!
Unser Zug eilte das Guadeloupetal hinab gen San José, an die Südspitze der 35 Meilen langen San Franzisko-Bai. Rechts hoch oben zeigte sich im Abendlicht scharf vom Himmel abhebend auf dem Mount Hamilton, der mit seinen 1354 m über der Bucht bald wie der Rigi über dem Vierwaldstätter See ragt, die berühmte Lick-Sternwarte wie ein weißer Punkt, eine der größten Sternwarten der Welt. Der Bürger James Lick hinterließ nämlich bei seinem Tode 1876 in San Franzisko ein Vermächtnis von 700 000 Dollars zur Begründung einer Sternwarte. So wurde sie eine der ersten und bestausgestatteten der Welt. Die Linse des großen Refraktors hat heute einen Durchmesser von 100 cm! James Lick selbst hat sich — höchst originell — im Fundament des Fernrohrs beisetzen lassen, so daß man also buchstäblich auf seinen Schultern stehend den Himmel beobachtet! Die Aussicht soll, wie sich denken läßt, überaus großartig sein, nicht weniger großartig als einer der unvergleichlichen Blicke durch das Rohr selbst.
Bald tauchte auch links eine Merkwürdigkeit auf. Wieder eine echt amerikanische hochherzige Stiftung! So wie Rockefeller die gesamte Universität Chikago, eine der besten und großartigsten der Union, gestiftet und Carnegie fast jeder amerikanischen Stadt eine Volksbibliothek geschenkt hat, so hat nicht weit von der Station „Palo alto“, wiederum nach einem mächtigen Rotholzbaum so benannt, das Ehepaar Leland Stanford aus San Franzisko zum Gedächtnis an ihren einzigen früh verunglückten Sohn eine Universität mit einem Grundkapital von nicht weniger als 30 Millionen Dollars gestiftet; sie heißt daher „Leland-Stanford-Junior-Universität“. Man kann vor diesen großzügigen amerikanischen Stiftungen nicht Achtung genug haben. 1891 wurde die Hochschule in prächtigster Umgebung und mit den prächtigsten und stilvollsten Gebäuden eröffnet. Man fühlt sich in ihren herrlichen Hallen und Gängen nach Athen zu Platos und Sokrates’ Zeiten versetzt. Das Gelände selbst gehörte einst dem Stifter und war ein über 3000 ha großes Gestüt. Heute ergehen sich dort an 2000 Studenten, darunter Hunderte studierender Damen!
Während unserer Weiterfahrt nahmen die Reklamen und die Besiedlung ständig zu, ein Beweis, daß wir uns einer Großstadt näherten ... Um acht Uhr mit Einbruch der Dunkelheit waren wir nach 137 Meilen Fahrt in San Franzisko, der „Stadt des Erdbebens“! Das war fast das einzige Konkrete, was ich von Frisko bis dahin wußte, und daß es der amerikanische Überfahrtshafen nach Japan ist, auch daß es am sogenannten „Goldenen Tor“ liegt.
Ich trat aus dem Bahnhof. Das erste, was mir im Schein der Bogenlampen in der Stadt auffiel, war noch stark unebenes Pflaster und allerlei Unebenheiten in der Fahrbahn. Ja, manchmal waren ganze Buckel auf dem Bürgersteig, da und dort nur notdürftig mit Brettern und Steinen Löcher im Fahrdamm zugeflickt. Das waren die Spuren des Erdbebens! Zum ersten Male im Leben sah ich mit eigenen Augen seine Wirkungen und Verwüstungen. Aber sie waren doch noch viel größer als ich geahnt hatte ...
Nachdem unschöne Viertel mit allerlei bars und shows durchschritten waren, wo des Abends hier ein Heilsarmeesoldat und dort eine Negerfrau und hier sogar ein Chinese auf der Straße predigte — ausgerechnet in der einstigen Stadt der Goldsucher, Abenteurer, Verbrecher und der schlimmsten Korruption — bog ich in die glänzend erleuchtete und von Menschen nur so wimmelnde Market Street ein, wo sich alles erging wie in Los Angeles unter den erleuchteten Kandelabern der Mainstreet. Mächtige Geschäftshäuser, Banken und Hotels erhoben sich da. Nach der Stille der Monterybucht und dem Idyll auf Santa Catalina, den Santa Cruz-Bergen und dem Tal des Guadeloupe River umlärmte mich hier wieder die typische Großstadt, ja Weltstadt. Wenn auch San Franzisko Neuyork an Größe noch weit nachsteht — es hat nur ein Zehntel seiner Einwohner — so ist es doch mit seinem weltmännischen Gebaren das Neuyork des Westens. Schaut man von Neuyork nach Europa, so schaut man von hier nach China und Japan. Der Blick ist beide Male gleich groß und weit übers Weltmeer gerichtet. Freilich trennt von Yokohama beinahe die doppelte Zeit und Strecke als wie von Southampton ...
Aus dem Bezirk der blendenden Lichtreklame, der shows und moving pictures strebte ich quartiersuchend in stillere Straßen. Bald stand ich fast völlig im Dunkeln, wo es nur noch bergauf und bergab ging. Rollende Drahtseilbahnen strebten zu steilen Hügeln hinauf, auf denen San Franzisko gebaut ist. Mein getreuer Bädeker, der noch im Jahre des Erdbebens erschienen war, ließ mich jetzt ziemlich grausam im Stich! Teils waren die Straßen, die ich suchte, vom Erdboden verschwunden, teils waren sie neu- oder anders angelegt. An ganzen Vierteln kam ich vorbei, wo Block an Block noch eine Wüstenei war. Den vollen Umfang der fast unvorstellbaren Katastrophe aber übersah ich erst im Hellen am anderen Tage. Und doch hatte die Energie und die Tatkraft der Amerikaner schon so viel wieder aufgebaut. Aber stärker noch als das Erdbeben hatte wie immer das ausgebrochene Feuer gewütet, das nicht zu löschen war, weil mit den entzündeten Gasrohren auch die Wasserleitungsrohre zerborsten waren und kein Wasser zum Löschen hergaben. Die Einwohnerschaft war in die Parks geflüchtet und mußte Häuser und Besitz ihrem furchtbaren Schicksal überlassen ...
Als ich schließlich in einem sehr sauberen und ordentlichen Privatlogis im Bett lag, konnte ich noch lange keinen Schlaf finden. Immer war mir’s, als bewege sich der Fußboden und das Bett wanke, denn zu unheimlich war der erste Eindruck all der Bodenerhebungen und geflickten Straßenstellen und der zerstörten Stadtviertel im Dunkeln auf mich als Fremdling gewesen ...
Anderen Tages, als die Sonne schien, war es mir fast wie eine Beruhigung. Das Haus stand noch fest, auch die Stadt lag noch ruhig wie tags zuvor. Ich bestieg einen der echt amerikanischen „observation-cars“, der Stadtbesichtigungsautomobile, die ja auch zu uns herübergekommen sind, und ließ mich mit einer ganzen Schar auf den amphitheatralisch angeordneten Sitzen durch die Stadt fahren. Vorn stand der Ausrufer mit dem Schalltrichter, der uns genau erklärte, wo und wie das Feuer ausbrach, und zeigte, wie weit es um sich gegriffen hatte. Man sah noch immer deutlich die Feuerlinie und die Stellen, wo es zum Stillstand gekommen war. Gerade das Zentrum der Stadt war heimgesucht worden; die äußeren Wohnviertel blieben verschont. Aber keineswegs waren alle Wolkenkratzer zuerst eingestürzt. Im Gegenteil, manche hatten gerade dank ihrer festen Konstruktion aus Eisen und Beton standgehalten. Aber das Stadthaus, die prunkvolle kuppelgeschmückte city-hall war trotz ihrer sechs Millionen Dollar Baukosten in 20 Sekunden ein Opfer ihrer zum Teil betrügerischen Konstruktion geworden. Denn sie stammte noch aus der Zeit der Korruptionswirtschaft. Nach dem „Feuer“ — davon spricht man in der Stadt selbst viel mehr als von dem „Erdbeben“, wovon man Stöße wohl öfter verspürt, ohne sie sonderlich zu achten — baute man das Geschäftszentrum zuerst in eingeschossigen Baracken und Holzgeschäftsbuden notdürftig wieder auf und es hieß: „business as usual“. Aber bald begann die Periode des völligen Wiederaufbaus ...
Geradezu ungeheuer war der Ausblick auf die Zerstörung im ganzen. So furchtbar hatte ich es mir nicht gedacht![27]
Allmählich fuhr uns das Besichtigungsauto aus der Stadt heraus — die wie immer die amerikanischen Großstädte außer Hotels und Geschäftshäusern sonst wenig Originelles und Bemerkenswertes bietet — zu dem berühmten Goldengatepark, der zwischen der Stadt und der Steilküste des offenen Ozeans liegt. Die Stadt selbst ist nicht unmittelbar am offenen Pazifik gebaut, sondern an der Bucht, die sich durch die etwa 1½ km breite Öffnung des „Goldenen Tors“ einzigartig 10 km breit und bis 85 km lang ins Land hinein erstreckt. Sie erinnert an Konstantinopel und den Bosporus. Im Norden wird sie malerisch von dem fast 900 m hohen Mount Tamalpais und im Osten von der Schneekette der Sierra Nevada (über 4000 m!) überragt. Von Süden schaut auf sie der Mount Hamilton mit der Lick-Sternwarte von fern hernieder. Ein herrliches Landschaftsbild, groß und glänzend in seinen Ausmaßen!
Hatte der Ausrufer uns bisher unter anderem „the largest apartement-store in the world“ gezeigt, so hieß es jetzt „the most beautiful park in the world, the prettiest and largest tennis-lawns in the world“. Am Golden Gate selbst wartete auf uns gar „the largest salt-water-bath-house in the world“. Je weiter man in Amerika nach Westen kommt, desto voller wird der Mund genommen und desto überzeugter ist man, das Größte und Beste von allem „in der Welt“ zu besitzen. Höchst spaßhaft war es für mich als Deutschen, als wir im Goldengatepark an einer Nachbildung von Rauchs Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal vorbeifuhren und der Ausrufer durch den Trichter uns anbrüllte: „Mister Gois änd Mister Skill (so ausgesprochen!!), two German poets!“. Die anderen Amerikaner, Japaner, Engländer und was sonst da oben saß, nahm auch davon wohlgefällig Kenntnis wie von einem drug-store oder einem neuen Hotel.
An den Felsen des einstigen stolzen „Cliff-house“, eines höchst komfortablen und aussichtsreichen, aber kürzlich auch durch Feuer zerstörten Strandhotels rollte der offene pazifische Ozean an. Ein dumpfes Brausen, in das sich wieder das heisere Bellen großer Scharen mächtiger Seelöwen mischte, die drüben auf den „seal-rocks“ ihr Wesen hatten. Leider war es etwas unsichtiges Wetter; aber um so geheimnisvoller rollten aus dem Nebel die mächtigen Wogen heran. Am Strande lagen viele einfache Familien mit Kind und Kegel und genossen hier ein billiges Sonntagvormittagsvergnügen. Nur flogen zu hunderten und tausenden ihre Butterbrotpapiere höchst malerisch am Strande herum! Einige Sandplastiker formten berühmte Köpfe wie Washington, Lincoln, Grant, Garfield, auch so mancher eine von der See mit ihrem Kind ans Land gespülte ertrunkene Frau, ja den berühmten Löwen aus dem Gletschergarten von Luzern höchst treffsicher und eigenartig aus dem Sand ... Aber der immer stärker einsetzende kühle und feuchte Nebel lud heute nicht zu allzulangem Verweilen ein. Merkwürdig, über dem Park und der Stadt schien die Sonne, aber vom Ozean heran kroch der Nebel, über dem das Haupt des Mount Tamalpais wie eine sagenhafte Insel schwamm ...
Am Nachmittag setzte ich mit einer der großen und trefflichen Ferrys über die weite seeähnliche Fläche der blauen Bai hinüber nach Oakland, dem Brooklyn San Franziskos, der Stadt der schönen „Eichen“alleen, von denen die Stadt den Namen hat, um Berkeley, den Sitz der prachtvollen staatlichen Berkeley-Universität, zu besichtigen. Auf einem Gartenpavillon wehte eine deutsche Flagge — wie das anheimelte! — und auf der Straße hörte ich einen Mann ganz unverfälscht schwäbeln. Gern hätte ich auch den Mount Tamalpais bestiegen, aber in Berkeley hatte ich es übernommen, Verwandte meines guten Harvardfreundes W. zu besuchen. Ich hatte den Besuch auch nicht zu bereuen, denn die Tochter des Hauses, selbst Studentin, führte mich in der wundervoll in Parks und Gärten gelegenen Berkeley-Universität überall kundig umher. Durch die märchenhaftesten südlichen Haine von Sykomoren, Oliven, Palmen und Kakteen wandelten wir in sinnende wissenschaftliche Gespräche vertieft zu dem prächtigen, in griechischem Stil erbauten „Theater“, in dessen offenem Halbrund ein ausgezeichnetes auch überall sehr gut wahrnehmbares Sonntagskonzert gegeben wurde. Von den Parkhügeln aber ergoß sich ein bezaubernder Rückblick auf die weite blaue Bucht und die ferne Stadt ... Freund W.s Verwandte hätten mich gern gleich da behalten, und ich hätte gleich von Oakland die Weiterreise fortsetzen können, aber einmal hatte ich mein Gepäck nicht da, und dann gab es in Frisko noch manches andere zu sehen. Auch wollte ich die Gastfreundschaft völlig Unbekannter doch nicht zu sehr in Anspruch nehmen und fuhr noch vor Abend mit dem Fährboot wieder herüber. Schon die Fahrt lohnte sich! Mit voller Glut sank die Sonne über dem Goldenen Tor, es wahrhaft vergoldend, während sie früh über den hohen Schneehäuptern der Sierra Nevada heraufzusteigen pflegt. An den Molen und Bahnlinien blitzten die ersten Lichter auf ...
Ich wollte von Frisko nicht abfahren, ohne daß ich auch seiner chinatown einen Besuch abgestattet hätte. Den Abend pilgerte ich daher ein wenig in das Chinesenviertel der Stadt, das von etwa 10 000 Gelben bewohnt wird. (Mit dem Einwanderungsverbot hat ihre Zahl stark abgenommen. Sie war früher viel höher.) Man soll zwar abends nicht ohne Geheimpolizist sich dorthin begeben! Aber so wie ich mich in Santa Fé arglos ohne Weg und Steg auf einen Berg der Rockies begab, so bummelte ich auch hier des Abends gemächlich tutti solo in die chinatown hinein. Was für ein enges und wimmelndes Leben herrschte da mit eigenen chinesischen Läden, Restaurants, Teestuben und kleinen primitiven Theatern! Die meisten der Gelben saßen allerdings mit ihren weiten schwarzen Blusen und Hosen, ihren Schlitzaugen, dem glattrasierten Schädel feiernd und pfeiferauchend auf Stühlchen in Pantoffeln vor ihren Häusern. Man sah in die offenen Läden, in die sonderbaren Apotheken und Werkstätten hinein. Frauen und Mädchen bügelten Wäsche; Schreiber schrieben Briefe ... alle aber blickten mir verwundert nach. In einem kleinen Basar kaufte ich mir ein paar chinesische Deckchen zum Andenken. Aber nirgends hatte ich den Eindruck, daß man hier einen eindringenden Europäer etwa umbringen wollte. Auch die Chinesen schienen mir im Grunde ein gutmütiges Völkchen zu sein wie die Neger und Indianer. Ja, sind nicht alle Menschen im Grunde gutmütig, wenn man sie nicht gerade reizt oder aufhetzt? In der chinatown traf ich aber auch Araber im weißen Turban und braune Hindus, auch massenhaft Japaner. In Frisko landen Schiffe aus aller Herren Länder; es ist wirklich eine Weltstadt. Der seltsamste Anblick aber war wohl ein Chinese — in Heilsarmeeuniform! Man sieht, wie weltumspannend diese seltsame, aber so rührige und soziale „army of salvation“ ist!
Anderen Tages früh stieg ich in der Stadt zum sogenannten „Telegraphenhügel“ hinauf, eine der höchsten und aussichtsreichsten Anhöhen Friskos. Von oben lag die erhaltene und zerstörte Stadt wie ein Riesenschachbrett vor mir, auf dem ein unartiges Riesenbaby sich ein Vergnügen daraus gemacht zu haben schien, Häuser umzustürzen. Von der Stadt schweifte der Blick zur immer aufs neue schönen blauen Bucht und zu dem Durchlaß des „Goldenen Tors“ mit dem Tamalpais im Hintergrund. Ich hätte ihn gar zu gern doch noch bestiegen — aber woher zu allem die Zeit nehmen? So bin ich auch nicht mehr in den „versteinerten Forst“ bei Calistoga gekommen. Aber ist es nicht auch ratsam, sich auch noch etwas für den — zweiten Besuch aufzusparen? Sonst fehlte ja jeglicher Anreiz und jede logische Begründung für ihn?!
Dicht beim Telegraphenhügel war eine Negerkleinkinderschule, wo die putzigen kleinen Negermädchen und -knaben mit ihren breiten Stumpfnasen und schwarzkrausigen Wollköpfen wie andere Kinder sangen, spielten und lernten ... Nicht sehr weit davon stieß ich auf eine kleine protestantisch-italienische Kirche. Auf was man in amerikanischen Städten nicht alles stößt! Auch die alte spanische Missionskirche „San Francisco de Dolores“, 1776 erbaut, steht noch, die den Anfang des mexikanischen San Franzisko bildete, das noch 1850 nur 500 Einwohner hatte! 1847 wurde es von einem amerikanischen Kriegsschiff für die Union in Besitz genommen. So wurde der ferne Westen eher amerikanisch als die Territorien im Felsengebirge.
Die den steilen Hügel hinabführende Kabelbahn brachte mich wieder hinab zum Hafen. Ein wimmelnder Obstmarkt hatte sich aufgetan! Was für Unmassen Orangen, Bananen, Spargeln wurden hier zu Bahn und Schiff verfrachtet! Dazu die Ausfuhr des feurigen kalifornischen Weins, den auch zuerst spanische Missionare aus Europa einführten. In der neueren Zeit pflanzten Deutsche dazu rheinischen Weißwein. Aus französischen Reben zog man bald auch den vorzüglichsten Bordeaux, Medoc, Portwein und Sherry. Die letzteren freilich südlicher um St. Barbara und Los Angeles.
Frisko ist eine eigene Stadt! Viel Kirchtürme sieht man nicht, aber hier konnte einer, wie mir erzählt wurde, vom „newsboy“, einem armen auf der Straße Zeitungen verkaufenden Jungen bis zum Inhaber einer der größten Blätter sich emporschwingen. Freilich diese Hoch-Zeit der Gründungen ist längst vorüber; das Goldfieber ist längst erloschen. Und der Friscoman steht an Überlegsamkeit heute in nichts dem Neuyorker nach, ja er fühlt sich als sein westliches Gegenstück. Und Los Angeles ist geschlagen! Aber sage es ja nicht in seinen Straßen!
Nachmittags unternahm ich noch einmal eine aussichtsreiche Überfahrt mit dem Fährboot an den Fuß des Tamalpais am Rande des „Goldenen Tors“ nach dem ganz italienisch anmutenden Sausalito. Weißschimmernd leuchteten Oakland und Berkeley mit der Kalifornia-Universität herüber. Rings umher steile Felsenufer. In südlicher Vegetation versteckt baut sich das Villenstädtchen das felsige Ufer hinauf wie nur die alten Städtchen an den oberitalienischen Seen.
Das Wetter war stets bei allem angenehm sommerlich warm, aber nie heiß, obwohl San Franzisko auf der geographischen Breite Palermos liegt! Doch nirgends fand ich trotz all der Naturschönheiten einen rechten Ruheplatz. Der Amerikaner braucht kein Ausruhen. Es fehlen die Bänke oft sogar in den Parks und an Aussichtspunkten. Man kennt kein stillsinnendes Naturgenießen. Auf den Bahnhöfen umbranden einen die Agenten, Schuhputzer und Kofferträger. Die bars und lunchrooms sind nicht immer offen, Gartenwirtschaften gibt es in der ganzen Union nicht. Als Fremder ist man daher drüben richtig auf die Straße gesetzt. Ganz anders der Chinese — den ich auch diesen Abend zum Abschied noch einmal aufsuchte; denn wann würde ich wohl einmal nach China kommen, zumal seit mein einziger treuer Studienfreund Dr. Moses Chiu, den ich noch von Halle her kannte, zu früh in seiner Heimat in Amoy hatte sterben müssen.
Wie seelengemütlich saßen die gelben Zopfträger jetzt wieder vor und in ihren Häusern! Warum? Weil sie mit wenigem zufrieden und weil sie Kinder einer jahrtausendalten Kultur und Schulung sind. Ihr gerades Gegenteil ist der Yankee. Nie zufrieden mit dem Erreichten, ein steter rastloser Vorwärtser und ein Sohn der reinen Gegenwart. Wie behäbig, wie beleibt, wie runzelig neben ihm mancher Chinese, aber auch wie gutmütig aus den Augen schauend, so ungefähr wie eine blinzelnde Katze im Sonnenschein ... —
Nun hieß es allmählich das noch immer halbmeterlange Zettelbillett zur Rückfahrt stempeln lassen und Abschied nehmen vom Stillen Ozean. Es war mir ein bißchen weh ums Herz. Aber selbst ein Alexander der Große mußte aus Indien umkehren! Mit ihm konnte ich mich trösten, daß es jetzt für mich nicht gleich noch eine Erdhälfte zu durchqueren gab! Ich hätte ja fürs Leben gern jetzt einen der unter Dampf liegenden Japansteamer bestiegen und wäre über Yokohama, Hongkong, Kalkutta oder Wladiwostok, Moskau heimgereist, aber was hätten sie in Harvard gesagt, so ohne Abschied auf und davon zu gehen! Und auch auf der Rückfahrt durch die Union würde es ja noch manches zu sehen geben: Die Salzseestadt, die Wüsten Nevadas, den Pikes Peak bei Denver, Pittsburg, Washington, Baltimore, Philadelphia ...
So setzte ich zum dritten Male abends neun Uhr über die weite Bai. Die Lichter der Stadt funkelten im Wasser. In Oakland stieg ich zehn Uhr abends in den bereitstehenden Chikagoexpreß. Der Schlafwagen war international überfüllt: Auch Japaner, auch Damen ... Aber ich hatte mein Oberbett fest und zeitig bestellt und ließ es mir auch nicht wieder rauben, obwohl nicht alle unterkamen. Wir setzten uns in Bewegung. Bald lag man wieder oben und rollte durch die Nacht. — — —
Um Mitternacht passierten wir Sacramento, die eigentliche Regierungshauptstadt des ganzen Staates Kalifornien mit einem gebieterisch ausschauenden Staatskapitol inmitten herrlichster Anlagen, nach fast 90 Meilen Fahrt und dem Überqueren ausgedehnter Sumpfgegenden und erneutem Übersetzen über einen Buchtarm. Die Bahnlinie überschreitet darauf den Sacramentofluß und sein breites Tal und keucht dann in mächtigen Windungen stundenlang zu den Pässen der Sierra Nevada hinauf. Es wurde nun eine richtige Alpenfahrt wie über den St. Gotthard, nur doppelt so hoch! Schade, daß das nächtliche Dunkel uns die zauberischsten Rückblicke auf die San Franziskobucht verwehrte ...