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Quer durch Amerika

Chapter 15: Über Pittsburgh nach Washington.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Über Pittsburgh nach Washington.

Ich schickte mich an, noch zwei mächtige Katheten eines riesigen rechtwinkligen Dreiecks abzufahren statt der viel näheren direkten Hypotenuse. Das hatte aber auch den Vorteil für mich, daß ich auf diese Weise nicht nur nach Washington kam, sondern zugleich die große Hafenstadt Baltimore und die „Wiege der Freiheit“, die „Stadt der Bruderliebe“, die Millionenstadt Philadelphia berührte, ja zuletzt auch noch einmal durch Neuyork kam. War ich dann wieder in meiner „Heimat“ Boston, so hatte ich im ganzen eine riesige Acht gefahren, deren Schnittpunkt Chikago, deren bei weitem größerer unterer Teil gen Westen und der kleinere obere nach Osten lag. Immerhin waren es von Chikago nach Washington noch 650 km und von da nach Boston zurück weitere 400, also wiederum über 1000 km. Endlich aber kam ich unterwegs durch den großen Eisen- und Kohlenbezirk Pittsburgh, das amerikanische Essen, wo ich einen alten Großoheim eines meiner besten Jugend- und Schulfreunde besuchen und begrüßen sollte, der dort schon ein halbes Jahrhundert als Prediger einer kleinen Arbeitervorstadtgemeinde wirkte.

So wallte ich wieder durch den amerikanischen Kontinent lotrecht auf die Küste des „heimatlichen“ Atlantischen Ozeans zu. Erst ging es durch den Staat „Indiana“, dann nach „Ohio“ hinein, das ich nicht allzu weit vom Südende des Lake Erie in seiner ganzen Breite durchfuhr. Ohio war mir seit Kindheit an ein vertrautes Wort samt seiner Aussprache „Oheio“, denn in meiner Kindheit wohnte Onkel E. mit seiner Musikschule in der Hauptstadt dieses Staates, dem durch seine Schweinezucht berühmten Cincinnati. Die Stadt selbst ist nach dem agrarischen Römer Cincinnatus, der vom Pfluge weg zum Diktator berufen wurde, wie wir als Quintaner schon lateinisch zu übersetzen hatten, benannt. Und wenn in meiner Kindheit an den Onkel geschrieben wurde, so wußte ich schon als Kind, daß das stets hieß: „Cincinneti, Oheio“. Aber nie hätte ich es damals für glaublich gehalten, daß ich einmal selbst in dies mysteriöse „Oheio“ (das uns Kinder immer ein bißchen an „heio, popeio“ erinnerte) verschlagen würde. Cincinnati berührte ich allerdings in dieser Nacht direkt nicht. Es ist berüchtigt wegen seiner fürchterlichen häuserumstürzenden und dächerabdeckenden Tornados. So vermieden wir beides und durchfuhren schlafend und seelenruhig den ganzen Staat „Ohio“. Die strahlenden Bogenlampen über den vom Regen nassen glänzenden Schienen des Central Union Depots in Chikago waren einer der letzten Eindrücke meines Wachbewußtseins, ehe ich in das andere Land der Träume hinüberschlief ...

Am Morgen fuhren wir mitten durch grünes, ansprechendes Hügelland. Überall sahen frische grüne Halmspitzen hervor. Es wollte mit Macht auch hier Frühling werden. Wir hatten wieder „eastern time“ nach der „mountain time“ des Felsengebirges und der „central time“ von Chikago. Das Land war wieder bedeutend dichter besiedelt als in den Ebenen westlich Chikago. Den Ohiofluß aufwärts ging es gen Allegheny und Pittsburgh. Die einstigen Indianertäler sind heute voll Fabriken. Welche Wandlungen!

Dicker Rauch lagerte über der industriereichen Gegend. Man glaubte um Birmingham oder an der Ruhr zu sein. Aus dem Sonnenschein des grünen Landes umfing es uns bald mit dunkelgelber Finsternis der Wälder von Fabrikschloten. Einst war Pittsburgh, das heute die amerikanische Metropole für Eisen und Kohle ist, einst nichts als ein kleines Fort namens Duquesne gegen die Indianer am Zusammenfluß des Allegheny River und des Monongahela gelegen. Heute ist es eine halbe Millionenstadt zwischen beiden. Schon ist der Ohio hier am Oberfluß fast so breit wie unser Rhein. Sein ganzer Lauf bis zum Mississippi aber gibt dem Missouri an Länge nicht viel nach.

Wir fahren über den breiten Strom in die rauchende, stampfende, dampfende und dröhnende Stadt ein, wo auch schon genügend Wolkenkratzer ihren steilen Hals aus der City recken. Ja, das Flußtal des Ohio ist so sehr mit Rauch gefüllt, daß man kaum bis zur nächsten Brücke sehen kann! Ehe wir in den Bahnhof einlaufen, umkreist der Zug fast die ganze Stadt.

Ich kann nicht sagen, daß mich Pittsburgh anzog, ebenso wie ich bis jetzt den Rauch der Ruhr mied und den englischen Industriebezirk um Manchester und Birmingham so schnell wie möglich wieder floh. Denn ich halte es viel lieber mit grünen Wiesen, blauen Seen und schneegipfligen Bergen und bin der altmodischen Meinung, daß Fabrik und Industrie, Kohle und Eisen die Menschheit zwar reicher, aber nicht glücklicher gemacht haben. Freilich muß ich zugeben, daß ich ohne Dampf und Eisen nicht nach Frisco und nicht nach Pittsburgh gekommen wäre.

Die Stadt und ihre Schwesterstadt Allegheny, die wie Elberfeld und Barmen zusammenliegen, wird von steilen Hügeln umkränzt, so daß sie des Malerischen nicht ganz entbehrt. Neben Eisen und Kohle ist die Gegend ebenso reich an Petroleum und dem der Erde entströmenden geruchlosen Naturgas. Ich hatte keine Neigung, eins der riesigen Stahlwerke „Edgar Thomson“ oder die „Homestead Steel Works“, das älteste Werk Carnegies, oder die „Duquesne Steel Works“ zu besuchen, wenn es auch sicher höchst eindrucksvoll gewesen wäre. Den Lärm der Eisenhämmer und das Surren der Treibriemen kann ich, wenn ich will, auch bei uns genießen. Viel mehr zogen mich die Menschen an, ihre Meinungen und Schicksale. So pilgerte ich durch die Straßen nach Allegheny hinüber, zunächst einmal den achtzigjährigen Großoheim unangemeldet und überraschend aufzusuchen. Hoffentlich war er nicht etwa gerade kürzlich verstorben ...

Unterwegs traf ich auf allerlei Anschläge: „Vote for socialism!“ Der Aufschrei einer geknechteten und entwürdigten Menschheit! Wie viele Deutsche mögen unter den amerikanischen Arbeitern sein, die den amerikanischen Stahlmagnaten, Trusts und Milliardären fronen! In Pittsburgh soll es keine 24 Stunden ohne einen Streik abgehen! Wie viele deutsche Abkömmlinge haben hier Granaten im Weltkrieg gegen die deutschen Stammesbrüder gedreht! An einer anderen Ecke mitten zwischen den Wolkenkratzern ein Arbeitervermittlungsbureau mit der heimatlichen Anschrift: „Hier wird deutsch gesprochen.“ Wie mancher mag hier schon hoffnungsvoll eingetreten und furchtbar enttäuscht wieder gegangen sein!

Aus: Rauchnächte.

I.

Feuer rennt heraus, rennt herein, rennt überallhin,
Und der Stahlbarren wird zur Kanone, zum Rad, zum Nagel, zur Schaufel,
Zum Ruder unterm Meer, zum Steuer der Luft.
Dunkel ist das Herz des Eisens,
Durch Dampf und Menschenblut.
Pittsburgh, Youngstown, Gary — sie machen aus Menschen ihren Stahl.
Mit Blut der Menschen und Tinte der Kamine
Schreibt der nächtliche Rauch seinen Fluch:
Dampf in Stahl, Blut in Stahl.
Homestead, Braddock, Birmingham — sie machen aus Menschen ihren Stahl,
Dampf und Blut ist die Mischung des Stahls.
Der Vogelmensch summt
Im Blauen; Stahl singt
Ein Motor und surrt.
— — —

II.

Schicksalsmonde kommen und gehen:
Fünf Männer schwimmen in einem Kessel aus rotem Stahl.
Ihre Knochen sind geknetet in den Teig des Stahls:
Ihre Knochen sind zerbrochen in Spulen und Amboß
Und in saugende Taucher meerkämpfender Turbinen.
Sieh sie im verworrenen Gerüst einer drahtlosen Station.
Einer von ihnen sagt: „Ich liebe meine Arbeit, die Gesellschaft ist gut zu mir. Amerika ist ein wundervolles Land.“
Einer: „Jesus, meine Knochen schmerzen. Die Gesellschaft ist eine Lügnerin. Das und ein freies Land — wie die Hölle!“
Einer: „Ich hab’ ein Mädel, einen Pfirsich! Wir sparen zusammen und gehen fort auf eine Farm. Ziehen Schweine und sind unsre eigenen Herren.“
Und die andern, rauhe Sänger der langen Heimwege.
Sieh dich um nach ihnen dort am stählernen Gruftgitter.
Sie lachen auf eigene Kosten.
Sie halfen dem Vogelmenschen ins Blaue.
Stahl singt ein Motor und surrt.
Carl Sandburg.

Aus: Die Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag. Berlin.

So komme ich hinüber in die ansteigenden Straßen Alleghenys. In einem graudüsteren Arbeitervorstadtviertel klingle ich neben einer kleinen, fast baufälligen Kapelle an einem niedrigen einstöckigen Haus mit blanken Türgriffen. Mir klopft ein wenig das Herz. Wer wird öffnen? Lebt der alte treue Mann noch? Ein breitschultriger, weißbärtiger, freundlich blickender alter Herr von etwas gebückter Haltung in schwarzem Rock öffnet. Ohne Zweifel der alte Prediger! Er fragt englisch nach meinem Begehr und öffnet sofort weit die Tür zum Eintreten. Was er wohl von mir denken mag? Ob ich als Bräutigam eine Trauung bestellen will? Aber dazu sehe ich wohl nicht festlich und strahlend genug aus. Ob ich gar ein Begräbnis vermelden will, aber dazu lachen meine Augen doch zu hell. Dann bin ich sicher ein bettelnder, hilfesuchender Einwanderer und „Landsmann“? Das ist nicht so ganz falsch! Und ich? Ich kauderwelsche gar nicht erst englisch, sondern sage frisch und fröhlich auf deutsch: „Guten Tag, lieber Herr v. d. L., ich soll Sie bestens von Ihrem Großneffen Alexander P. in Deutschland grüßen.“

Der alte Mann fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück und sah mich groß wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt an. „Habe ich recht gehört?“ redete er jetzt auch gut deutsch, „Alexander P.?“ — „Jawohl, wir haben neun Jahre zusammen auf der Schulbank gesessen, dann sind wir ein paar Jahre zusammen Studenten gewesen, und bei Ihrer Nichte, Frau Professor P., ging ich ein und aus.“ — „Es ist nicht möglich? Aber wenn Sie es sagen, muß ich es schon glauben. Aber wo kommen Sie denn her?“ Wir standen immer noch zwischen Tür und Angel. „Gerade aus San Franzisko oder aus dem Mormonentempel in Salt Lake oder vom Pikes Peak herunter, wie Sie wollen.“ Jetzt machte er ein noch erstaunteres Gesicht und zog fast die Hand schon wieder zurück, die mich schon ins Zimmer zu bitten schien: „Da bin ich alter Mann von 80 Jahren, obwohl ich dort drüben an dieser Kapelle schon 53 Jahre predige“ — sein Finger wies auf die stark berußte alte steinerne Kapelle — „noch nicht gewesen.“ Wir traten ins Haus, und ich mußte erzählen. Stundenlang saßen wir einander gegenüber, und ich erzählte von Deutschland, von seinen Verwandten und von meiner Reise durch die Union, von Neu-Mexiko und dem Grand Kañon und dem Stillen Ozean. Und dann fing er an, aus seinem Leben zu erzählen; fast ein Jahrhundert sprach aus seinen durchfurchten Zügen und mannigfachen Erlebnissen. Er war in Rom als Sohn eines bekannten deutschen Bildhauers v. d. L. geboren. Sein Vater starb früh. In meiner Heimatstadt besuchte er das alte städtische Gymnasium und konnte auch den Frankfurter Dialekt noch recht unverfälscht nachahmen. Ach, da mußte ich nun genau beschreiben, wie es jetzt auf dem Römerberg, am Dom und auf der „Zeil“ aussehe! Er kannte freilich nur die einstige freie Reichsstadt. Wie anders war seit Jahrzehnten alles geworden! Dann war er als junger Mensch nach Amerika gegangen in den Zeiten, wo Deutschland noch nichts bedeutete!

Drüben wurde er erst Farmer. Die Gelehrsamkeit hatte er an den Nagel gehängt. Vom Farmer avancierte er — echt amerikanisch — zum Apotheker! Ohne eigentliche Lehre und viel Ausbildung. Aber dann zog es ihn doch wieder zur wissenschaftlichen Bildung zurück. Er übernahm eine Schullehrerstelle! Und schließlich folgte er dem frommen Sinn seiner künstlerischen Familie, deren Urheimat das Baltenland war, besuchte ein amerikanisches Presbyterianerseminar und wurde an der Kapelle drüben Prediger, der er noch heute, nach 53 Jahren, vorstand! So lernte er nacheinander italienisch, deutsch, englisch und französisch reden und hatte in seinem Leben den Einwanderern auch schon in allen diesen vier Sprachen gepredigt. Als er anfing, brachte seine Gemeinde für ihn gerade 87 Dollars Jahresgehalt durch freiwillige Beiträge zusammen! In seiner ersten Kirchenkollekte fanden sich sieben Cent! Seine Gemeinde blieb immer eine der ärmsten von den armen. Aber er hielt ihr die Treue. Augenblicklich war sie wieder auf 70 Familien zusammengeschmolzen und unfähig, für den alten Herrn ein Ruhegeld aufzubringen. So sah er sich genötigt, bis zum letzten Atemzug zu arbeiten. Und war es zufrieden.

Wir plauderten lange. Ich fühlte mich bald bei dem lieben alten Herrn wie daheim. Er war seit Jahrzehnten Witwer. Aber da allmählich mein Magen etwas knurrte, so wollte ich mich auf eine Weile verabschieden, um irgendwo einen bescheidenen Lunch einzunehmen. Aber das litt der alte Herr nicht, sondern nötigte mich an seinen peinlich sauber gedeckten bescheidenen Tisch. Nach dem Essen mußte ich allerlei alte Familienbilder, Lebenserinnerungen, Bilder aus Rom, das ich aus eigener Anschauung kannte, ansehen. Und wie interessierte es ihn, zu hören, wie es heute beim Pantheon, auf dem Forum, auf dem Kapitol und in St. Peter aussehe! Mit einem gemütlichen Spaziergang über die Höhen der Stadt beschlossen wir den Tag. — —

Andern Tags fuhr ich nach Washington.

53 Jahre hätte ich nicht gerade in Pittsburgh oder Allegheny wohnen mögen, wo man die längste Zeit des Lebens in Rauch und Qualm verbringt; aber die Treue und Genügsamkeit des alten Predigers war doch ein Stück stillen Heldentums. Ich lechzte derweilen wieder nach freier Sonne und grünen Wiesen und Feldern. Sie sollten auch nicht lange auf sich warten lassen ...

Lotrecht fuhren wir südöstlich auf das Alleghenygebirge zu, das als einziges den amerikanischen Osten unterbricht. An Ausdehnung und Höhe ist es mit dem Felsengebirge nicht entfernt zu vergleichen, sondern erinnert seiner ganzen Art nach vielmehr an unsere deutschen Mittelgebirge.

Stark stieg die Bahn an. Hell und freundlich schien wieder die Sonne. Wohlangebaute Fluren dehnten sich rechts und links. Man sah es den Feldern und Siedlungen an, daß sie weit älter sein mußten als die um Chikago oder gar westlich davon. Auch merkte man sichtlich die ständig wachsende Dichte der Besiedlung. Immer höher kamen wir in das Bergland hinein. Es schäumten die Bäche lustig und rasch vom Gebirge herab. Da und dort sah man wieder verwüstete und abgebrannte Wälder. Felstäler taten sich auf wie in der Schwäbischen Alb. Immer romantischer wurde die Landschaft und immer sonniger und grüner, je weiter wir südlich kamen und je näher dem Ozean. Als wir gar jenseits des Passes das Tal des Potomac River hinabfuhren, lachte uns geradezu ein jauchzender Frühling entgegen mit keimenden Saaten und herrlichstem Himmelblau. Anmutig leuchteten zartrosa die Apfelbäume in ihrer ersten schüchternen Blüte. Welche klimatischen Unterschiede auch hier wieder! Die großen Ebenen um Chikago sind schutzlos den kanadischen Froststürmen, die über die großen Seen hereinbrechen, preisgegeben. Aber das Land östlich und südlich der Alleghenies ist durch sie gegen die kalten Nordwinde wie durch eine Mauer geschützt, so daß man in Washington schon den Geschmack der warmen Süd- und Plantagenstaaten empfindet, den warmen Hauch Virginias, des „Landes der jungfräulichen Königin“ (Elisabeth) und Carolinas, des Staates Karls I. von England, der alten Hauptsklavenstaaten.

Bei „Harpers Ferry“ mündet fast wie in einer Neckarlandschaft der „Shenandoah“-Fluß[36] in den größeren Potomac. Links und rechts begleiteten uns die lieblichsten Hügelreihen. Es war ein lachendes Flußtal, das gerade für Bahn, Straße und schmale Siedlungen Raum läßt. In Harpers Ferry ist man an einer historischen Stelle. Nicht nur daß hier mancherlei Schlachten im Bürgerkrieg geschlagen wurden — denn in diesen Strichen lief die Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, zwischen Sklavenbefreiungs- und Sklavenhalterstaaten — sondern Harpers Ferry ist die denkwürdige Stelle, wo schon 1859 John Brown mit wenigen entschlossenen Abolitionisten in das Städtchen eindrang, um die Sklaven zum Aufstand zu veranlassen. Aber die Neger folgten seinem Ruf noch nicht. John Brown wurde umzingelt, besiegt und schließlich von den Sklavenhaltern gehängt. Sein letzter Widerstand erfolgte in einem kleinen, scheunenartigen Haus, jetzt „John Browns Fort“ genannt, das heute noch steht. Die Bahn fährt dicht daran vorüber.

Als wir eine geraume Strecke weiter aus den Bergen in die Ebene hinausgefahren sind, ragt mit einem Male ein hoher Obelisk aus tiefem buschigen Grün, das Washington-Monument, empor. Bald darauf schwebt über der Landschaft eine hohe, stolze adlige Kuppel wie St. Peter über der Campagna bei Rom — das Kapitol der Bundeshauptstadt.

Ich bin wirklich in Washington! Traumhaft! Etwas wie Ehrfurcht überkommt mich. Vereint sich in Wallstreet und auf dem Broadway in Neuyork das Kapital der Union, so in Washington alle Regierungsmacht. Washington liegt gerade auf der Grenze des Nordens und Südens. So ist es von hier nicht weit nach den Schlachtfeldern von Gettysburg, Harrisburg und dem Hauptquartier der Südstaaten, Richmond. Man ist in Washington ungefähr in der Mitte zwischen Maine und Florida. Es ist auch bezeichnend, daß die Bundeshauptstadt ganz im Osten der Union liegt. Der Osten (außer Chikago und St. Louis) ist Amerika. Im Westen dominiert nur noch das einzige San Franzisko. Aber welche Entfernungen von der Bundeshauptstadt dorthin! Wir sind gewohnt, Hauptstädte in der Mitte des Landes zu suchen. Aber wir dürfen nicht vergessen, noch vor gut einem halben oder Dreivierteljahrhundert war Amerika bloß ein Streifen am Atlantik, dessen Mitte Washington bildete. So erklärt sich noch heute seine Lage.

Der Hauptbahnhof in seinem strahlenden Marmorweiß und seinen unzähligen, zum Teil unbenutzten Geleisen macht einen sehr vornehmen Eindruck. Der Bahnverkehr Washingtons ist freilich, verglichen mit dem Neuyorks und Chikagos, recht gering. Gleichwohl hatte Washington den echt amerikanischen Ehrgeiz, den „größten Bahnhof der Welt“ zu besitzen, selbst auf die Gefahr hin, daß es alle diese Geleise gar nicht ausnutzte!

Washington ist im ganzen eine stille, aber äußerst stattliche und höchst saubere Stadt. Nur zwei Städte machten auf mich diesen Eindruck, Washington und — Salt-Lake-City. Alles hell, gerade, luftig, grün, weitläufig. Eine wahre fürstliche Platzverschwendung herrscht in Washington überall.

Ich nahm meinen Weg sofort zum Kapitol, das aus dichtem dunklen Parkgrün hervorschaut. Ich war immer aufs neue überrascht von den weiten prächtigen Parkanlagen, von den großen, weiten Plätzen und überaus breiten Straßen, die ich hier sah. Ich hatte sofort den Eindruck, diese Stadt ist die schönste der Union, und sie kann sich wirklich mit den europäischen Hauptstädten messen. Welche königliche Platzverschwendung hat man sich hier erlaubt! Das ganze Gelände vom Kapitol zum Obelisk und von da zum „Weißen Haus“, eine gute halbe Stunde Weges, ist ein Park. Aristokratisch und edel steigt das Kapitol mit seinem weißen Sandstein und seinem Marmor, seinen vorspringenden Flügeln mit ihren klassischen Tempelstilfronten und seiner imponierenden, von der Freiheitsstatue gekrönten Kuppel auf einer kleinen Anhöhe auf, ein wahrhaft majestätischer Bau. Fast erscheint die Kuppel, weniger in Anbetracht der Länge als der verhältnismäßig geringen Höhe des Gebäudes, etwas groß und schwer. Besonders reizvoll sind die Blicke auf sie aus den verschiedenen Parkwegen und von dem unteren Ende der Pennsylvania-Avenue.

WASHINGTON
Das Weiße Haus
WASHINGTON
„Mount Vernon“, Washingtons Landsitz

Am anderen Tag saß ich eine Weile auf der Galerie im Repräsentantenhaus und ebenso eine Weile im Senat und hörte den Debatten zu. Am meisten Eindruck aber machten mir die acht ehrwürdigen Richter des „Supreme Court“ in dem kleinen Saale des „obersten Gerichtshofes“, dessen Bedeutung etwa dieselbe wie die unseres Reichsgerichts in Leipzig ist, ja vielleicht eine größere, denn in Amerika wird das Recht nicht so sehr nach festgelegten Paragraphen angewandt, sondern nach dem Rechtssinn und Gewohnheitsrecht gefunden. Die Richter, außer denen des Supreme Court, sind nicht vom Staatsoberhaupt ernannt, sondern werden vom Volke erwählt.

Dann stand ich unter der Kuppel unter den großen historischen Gemälden, die von der Landung des Columbus, der Einschiffung der Pilgerväter, Washingtons Übernahme des Oberbefehls über die Revolutionsarmee, von der Entdeckung des Mississippi und der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia 1776 Kunde geben. Eine imposante Halle! Oben in der Kuppel befindet sich eine mächtige Darstellung der Apotheose Washingtons, dessen Name mit diesem Land und seiner Verfassung und dieser Stadt unlöslich verknüpft ist. Kein Name ist berühmter geworden, selbst nicht der Lincolns, mit dessen Namen der Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung unauslöschlich verbunden sind. Als ich dann in den nächsten Saal zur Linken trat und den Marmorstatuen der großen Amerikaner gegenüberstand, deren zwei aus jedem Staat hier aufgestellt sind, drang die Geschichte, Größe und Macht dieses Landes, das einen ganzen Kontinent umfaßt, mächtig auf mich ein. Eine kurze, fast stille Geschichte, und doch bedeutungsvoller als irgendeine der europäischen Dynasten- und Raubkriege. Die Reibereien der europäischen Großmächte, Kolonialkriege, Kaiser- und Papsttum — alles das blieb hier unbekannt. Alles, was hier geschah, diente der Kolonisation, der wirtschaftlichen und der politischen Einigung. Aus Kolonien ist das Land zu einer selbständigen, an Volkszahl und Reichtum alle europäischen Mächte überbietenden Großmacht ersten Ranges emporgewachsen, die mehr „world-spirit“ in sich trägt als vielleicht sogar England, dessen Hauptabkömmling Amerika doch letztlich ist. Der anglikanische Typus ist in Amerika vorwiegend und hat dank der Sprache auch die absolut dominierende Herrschaft erlangt, während die Spanier, obwohl die ersten Ansiedler, die Franzosen am Mississippi in Neuorleans, Louisiana und in Kanada, die Holländer im alten Neuamsterdam, dem heutigen Neuyork, die Deutschen, zerstreut durch das ganze Land, und endlich die romanischen und slawischen Elemente der jüngsten Einwanderung im Anglikanismus Amerikas aufgegangen sind und in ihm wohl aufgehen werden.

Amerikas Geschichte beginnt eigentlich erst mit dem Unabhängigkeitskrieg am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Auffassung des Staats, der Kirchen im Verhältnis zu ihm, des Menschentums und der politischen Freiheit sind Aufklärungsgedanken. Hier hat Frankreich, das Frankreich der Revolution und der Republik, Pate gestanden (Lafayette!). Aus dieser Zeit stammt sowohl der klassizistische Stil der Staatsgebäude wie die Anlage der Stadt Washingtons. Ein französischer Architekt hat die Pläne seiner Parks entworfen. Frankreich schenkte die Freiheitsstatue für den Hafen von Neuyork, und immer ist die besondere Sympathie Frankreichs für die große Schwester in der neuen Welt wach geblieben. Wundern wir uns also nicht allzusehr, daß der inneren Stimmung nach und nicht nur aus Geschäftsgründen Amerika im Weltkrieg auf seiten Englands und Frankreichs trat. Aber kein anderer als Friedrich der Große ist die Ursache gewesen, daß Frankreich nach dem Siebenjährigen Kriege seine Besitzungen in Amerika an England abzutreten hatte! Der Siebenjährige Krieg war ebenso Kolonialweltkrieg zwischen England und Frankreich als Kontinentalkrieg zwischen Österreich und Preußen. Friedrich der Große war zum Teil Englands Soldat!

Seit dem Unabhängigkeitskrieg gab es nur noch ein Ereignis, das die Union tief erschütterte, den Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung. Durch Kauf wurde später Florida, Louisiana und Alaska erworben; von Mexiko wurden die südwestlichen Territorien Neumexiko, Arizona und Kalifornien an die Union abgetreten; so wuchs allmählich und doch rasch das Riesenland zusammen, bis es im letzten Jahrzehnt anfing, selbst Kolonialmacht und der Erbe Spaniens, das einst den Entdecker Kolumbus aussandte, zu werden.

Diese Macht des Landes hat sich hier in der Hauptstadt ihre Symbole in prächtigen öffentlichen Gebäuden geschaffen. Gegenüber dem Kapitol liegt die Bibliothek des Kongresses, innen überreich mit Marmor ausgeschmückt, wie nur irgendein Palast in Italien, und mit einem über alles prächtigen Lesesaal, der sicher nicht viele Konkurrenten in der Welt hat. Nahe dem „Weißen Hause“ die stattlichen klassizistischen Gebäude des Bundesschatzamts und des Kriegsministeriums. Auf freiem offenen Plan davor ragt der stolze, schlanke, zu Ehren Washingtons erbaute 169 m hohe Obelisk auf, lange der höchste Steinbau der Welt, bis ihn die Wolkenkratzer überhöhten. Im Morgendunst von fern wie ein mächtiger weißer Spargel aus grünem Gebüsch, abends zart rosa leuchtend anzuschauen. Von seiner Spitze, zu der ein Aufzug — wie mühselig sind doch die vielhundertstufigen alten Steintreppen in unseren Domtürmen! — hinaufführt, eine überraschend großartige Rundsicht. Die ganze Stadt, die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl doch einen immensen Flächenraum einnimmt, ist eingebettet in Parkgelände. In weitem Bogen bespült sie der Potomac, so breit wie die Elbe bei Hamburg, der sich bald unterhalb der Stadt zu einer langen, tief ins Land einschneidenden Bucht verbreitert. Und jenseits liegt der große, schattige Nationalfriedhof für die Gefallenen aus dem Bürgerkrieg. Ich bedauerte, daß nicht eine gerade stattliche Allee vom Kapitol zum Obelisk führte, mit ständigem Durchblick auf die Kapitolskuppel, und ebenso vom Obelisk zum Weißen Hause. Aber das Weiße Haus wäre in seiner Bescheidenheit gar nicht dazu angetan, den Endpunkt einer stolzen Allee zu bilden, denn hier wohnt ein „Bürger“, von keinem Posten bewacht, von keiner Schloßwache beschützt, ein „Bürger“ in einer besseren Bürgervilla, zu der jeder „Bürger“ Zutritt hat. Es war mir doch seltsam zumute, als ich am Gartengitter stand und in den Garten des Weißen Hauses hineinlugte mit seinem kleinen Springbrunnen in der Mitte, seinem eigenen Tennisplatz und seinen wohlgepflegten, mit gelbem Kies bestreuten Wegen. Um mich herum auf dem offenen grünen Plan am Obelisk spielten Schuljungen und junge Burschen ihren Baseball. Viele Leute, die aus dem Geschäft oder von der Arbeit kamen, Schwarze und Weiße, standen da herum und schrien mit, applaudierten und ermunterten die Spieler. Ich ging ins „Weiße Haus“ hinein, soweit es erlaubt war. Ich erwartete kein Schloß und sollte kein Schloß erwarten. Es will auch absichtlich mit keinem Schloß konkurrieren. In der Vorhalle des Weißen Hauses fand ich eine Galerie von Präsidentenfrauen bis auf Mrs. Roosevelt; auch durfte man in den sogenannten „Eastroom“ eintreten, einen bescheidenen Empfangssaal mit Parkett, goldenen Leuchtern auf den Marmorkaminen, ein paar Blattpflanzen an den Fenstern und drei Kristallkronleuchtern. Das war alles von äußerem Glanz.

Am Nachmittag benutzte ich das Dampfboot und fuhr den Potomac hinunter nach Washingtons Landgut „Mount Vernon“ in Virginia. So bekam ich auch etwas Geschmack vom Süden, in dem einst die großen Negerplantagen waren und die Sklaverei herrschte. Die Sklaverei ist aufgehoben. Aber noch hat der Neger kein volles Recht. Zu Zeiten kommen z. B. noch fürchterliche Lynchgerichte am Neger vor. Und ob man immer den Schuldigen trifft?

Johnson, Neger.

Hinunter steig ich in die Kohlenstadt von Westvirginia.
Man hat einen Neger gelyncht.
Sonnig lächelt die Stadt zwischen Berg und Fluß,
Und nachts prunkt ihre Hauptstraße:
Aufreizende Läden, elektrisches Licht ...
Rauhe Haufen, Bergarbeiter und Bauern suchen Frauen, Trunk und Vergnügen.
Am Tag in der ruhigen Sonne brütete Schrecken und Schuld über der Stadt.
Der Sheriff zitterte:
„Ich tat, was ich konnte“ sagt er, „Daisy ist 13,
Ihr Vater Bergarbeiter.
Sie bestellt das Haus.
Es war zehn Uhr früh und Daisy allein.
Es klopft. Sie öffnet.
Ein Vieh von Neger nahm sie bei der Kehle — sagt sie aus —
Und tat es ihr.
Dann ging er weg.
Wir stellten fünfzehn Neger in der Runde auf,
Den Burschen Johnson unter ihnen.
Man holte Daisy. Sie zeigt auf ihn und schreit.
Das fällte ihn ...
O ja, ich tat, was ich konnte, nahm ihn hinüber nach Gentryville,
Fort aus der Provinz.
Ich kann nichts sagen,
Ich denke mir mein Teil ...“
Ich weiß, was er dachte.
Aus dem Träumer in mir wurde der Neger Johnson.
Ich komme ein Fremder in eine fremde Stadt.
Ein Mädchen schreit, ich habe sie geschändet.
Ich werde festgenommen, ins Gefängnis gebracht ...
Es ist eine Heimsuchung von Gott.
Ich traure und winsle aus Furcht vor dem Übernatürlichen.
Dann Entsetzen: Das große, heulende, knurrende Tier ist vor dem Gitter.
Schüsse, niedergerissene Türen, Füßegestampf.
Ich kreische. Mitleid! ... O meine Mutter! Meine Mutter!
Man schleift mich an einem Seil die Straße entlang,
Mein Blut rinnt, Schläge fallen,
Ich muß sterben ...
Ich bin schrecklich verstümmelt,
Das Seil wird über Telegraphendrähte geschleudert,
Man zieht mich hinauf ...
Zuletzt Flinten, mitleidige Kugeln ...
Ist es zu Ende?
Nein: Noch baumelt der Leib, der nackte schwarze blutige Leib,
Man zerreißt ihn in Stücke.
Weiber und Männer tragen Finger, Zehen und Knochen als Reliquien heim.
Dies ist heute Amerika!
Puritanisches Amerika, moralisches Amerika, freies Amerika ...!
Ich ziehe gen Norden, freudloser als ich kam.
James Oppenheim.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. S. Fischer, Berlin.

In Mount Vernon verbrachte Washington den Rest seines Lebens, nachdem er zweimal Präsident gewesen und eine weitere Wiederwahl ablehnte, so daß es seitdem für die Präsidenten geradezu Pflicht geworden ist, höchstens acht Jahre die Präsidentschaft inne zu haben. Mount Vernon ist ein reizender lauschiger Landsitz auf einer sanften Anhöhe am Fluß, unter alten, dichtbelaubten Eichen, unter denen Washington und seine Frau auch begraben liegen. Ein paar Minuten standen wir entblößten Hauptes, eine Gruppe College-Studenten um mich herum, vor der schlichten Grotte samt einem Haufen älterer reisender Damen aus Philadelphia, die laut sich unterhaltend die liebliche Stille dieses geweihten Erdenwinkels unliebsam störten. Dann kam man oben zu der einfachen Meierei hinauf mit ihrem Herrenhaus, einem niedrigen zweistöckigen weißen Farmhaus mit offener, sehr simpler Vorhalle und einer Reihe von Ökonomiegebäuden im Hintergrund. Immer war da noch der alte Hausrat in den engen, niedrigen Stuben mit dem blankgescheuerten abgetretenen Holzboden und den großen blankgeputzten Türklinken, den alten runden goldumrahmten Bildern, den weißgetünchten Zimmerdecken, den großen offenen Kaminen und den einfachen Stühlen an dem runden Eichentisch, dem alten Klavierchord im Musikzimmer und den Gardinenbetten im Dachstock mit seinen kleinen „Sparerooms“, in deren einem Martha Washington gestorben ist, weil sie gern einen Blick auf ihres Mannes Grab haben wollte. Es war eine Luft, eine Umgebung und ein Hausrat etwa wie im Frankfurter Goethehaus. Frau Martha Washington schien mir sogar etwas Ähnlichkeit mit der alten Frau Rat Goethe zu haben. Man konnte auch Washingtons Todeszimmer sehen, wo er selbst 1799 starb. Die reisenden Damen aus Philadelphia schluchzten fast vor Vergnügen, daß sie das alles sehen durften, und brachen in jedem Zimmer in juchzende Seufzer aus: „Ach, hier hat er gesessen, ach und hier hat er gegessen und hier in diesem Bett ist sie gestorben — hier ist sein Degen, den er trug, und hier die Guitarre, die er spielte.“ In hellen Haufen drängten sie sich in dem kleinen Haus und auf den engen Stiegen und in den kleinen Zimmern, rannten über die Höfe und die grünen Grasplätze und erfüllten alles umher mit ihrem Geschwätz. Daß man nicht einmal hier ein stilles Stündchen verbringen konnte! Wie drang hier die alte Zeit auf mich ein, da vor hundert Jahren noch Philadelphia und Boston, die größten Städte der Unionstaaten, kaum ein paar Tausend Einwohner zählten! Wenn Washington heute die Millionen Menschen und die Wolkenkratzer und Chikago, das damals noch ein Sumpf war, und den fernen Westen sähe, an den vor hundert Jahren noch niemand dachte! — — —

Aber die Dampfsirene des Schiffes ertönte und mahnte zur Rückkehr. Und nun mußte man dieses stille alte Landgut mit seinen Erinnerungen wieder allein lassen und konnte nicht mehr unter den alten Bäumen sitzen und auf die breite Wasserfläche des Potomac hinunterschauen, wo von ferne die weiße Säule des Obelisk aufragt und die adlige Kuppel des Kapitols, die beide diesen Mann von Mount Vernon ehren. Inzwischen schnatterten die Damen aus Philadelphia wieder durcheinander, Deutsch-Amerikanerinnen anscheinend mit den Fehlern beider Nationen behaftet, ohne ihre guten Seiten zu besitzen, in einem fürchterlichen Sprachmischmasch: „Wollen Sie nicht hier sitzen, Miß Fuchs, ich habe für Sie einen Chair mitgebracht oder sit down right here ... schade, daß es regnen will, wo haben Sie denn Ihre umbrella gelassen? ... Wo ist Mrs. Arnold, perhaps she is looking for you ... Großartige Rosenstöcke, did you see them? Oh, ich bin so sorry, ich war nicht in der ‚kitchen‘, it makes me mad. Ich habe auch nicht gesehen, wo Mrs. Washington died ... Sehen Sie, hier habe ich einen spoon von dem Holz der Bäume, die er selbst gepflanzt hat, gekauft; sie sell es nirgends anders ... They have the copyright ... Und ich habe hier einen Teller gekauft für parties ... Und ich habe für meinen boy ein Bild, because er ist so interested in it ...“ In diesem Sprachstil ging es fort ...

Es ist schade, daß man ein Glück selten rein genießen darf. Während wir mit dem Dampfboot den Potomac wieder aufwärts fuhren und ich so gern den geschichtlichen Erinnerungen noch nachgehangen hätte, und der Abend langsam über Land und Wasser herabsank, wie damals als ich am letzten Abend auf deutschem Boden von Blankenese nach Hamburg zurückfuhr, schnatterten mir immerzu diese „philadelphischen“ Damen mit ihrem Deutsch-Amerikanisch dazwischen. Immerhin eine Vorbereitung auf Philadelphia, das ich morgen betreten wollte.

Noch einmal schritt ich den Abend durch die fürstlichen und adligen Straßen der Bundeshauptstadt. Eine gemessene Vornehmheit des höheren Beamtentums bewegte sich durch die Hauptstraßen, merklich anders als in Los Angeles und San Franzisko, aber auch anders als in Neuyork und Chikago, am ähnlichsten noch Boston.

[36] Indianisch.