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Quer durch Amerika

Chapter 16: Baltimore, Philadelphia.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Baltimore, Philadelphia.

Es gibt keine Stadt in der Union, die sich mit Washington an Stattlichkeit vergleichen könnte. Seine marmornen Institute und sein Kapitol sah ich noch lange vor Augen.

Es kam der vorletzte Tag meiner Rundfahrt, der mich wieder bis Neuyork zurückbringen sollte. In zwei schnellen Stunden — wie kurz waren hier im Osten die Entfernungen! — ging es durch das wohlangebaute Maryland nach dem großen von Schloten und Überseedampfern mächtig rauchenden Baltimore. Baltimore ist nächst Neuyork der größte Überseehafen der Union.

PHILADELPHIA
Market-Street mit dem 155 m hohen Turm des Stadthauses (City hall)
LAKE WINNIPESAUKEE

Die Millionenstädte des Ostens liegen alle an breiten, tiefeinschneidenden Buchten, in die große Ströme einmünden. Die nördlichste Boston an der kreisrunden Massachusettsbai, in die breit der Charles River strömt, England am nächsten gelegen, daher von den Puritanern auch zuerst erreicht. Es folgt Neuyork an der Mündung des breiten Hudson auf der einst unangreifbareren, langgestreckten Halbinsel Manhattan am inneren Rand der prachtvollen „upper bay“, die in den narrows einen engen, leicht verschließbaren Ausgang nach dem Ozean hat. Dann kommt die früher, ehe Neuyork so fabelhaft anwuchs, größte und bedeutendste Stadt der Union Philadelphia, heute noch immer ihre drittgrößte Stadt, an dem breiten Delawarefluß, der sich in die Delawarebucht ergießt. Philadelphia ist von dem sehr viel jüngeren Chikago, der Hauptstadt des mittleren Westens, schnell überholt worden. Einst war Philadelphia mit Boston die geistige Führerin der Union. Boston als Sitz der Puritaner, Philadelphia als Sitz der Quäker und vieler Deutschen in dem ersten Hauptabschnitt ihrer Einwanderung. Dem Quäkertum verdankt die Stadt auch ihren schönen Namen: „Stadt der Bruderliebe“. Es folgt an der Küstenlinie Baltimore, groß, rauchig und an Seeverkehr ein amerikanisches Liverpool oder Hamburg, an der breiten, fast an 300 km tief ins Land nordwärts einschneidenden Chesapeakbai, in die der breite Susquehanna River mündet. (Nebenbeigesagt sind in den Flußnamen besonders viele indianische Bezeichnungen erhalten: Susquehanna, Potomac, Monongahela, Shenandoah usw.) Die jüngste Gründung war Washington, eine reine Beamten- und Verwaltungsstadt am breiten Potomac, der auch in die Chesapeakbai fließt. Also fünf riesige Städte wie an eine Schnur aufgereiht in einem Gesamtabstand von Washington bis Neuyork von etwas über 350 km, für die Union eine kleine Entfernung.

Da ich im Grunde meiner Seele die Großstädte hasse — und ihrer soviele in der Union nur deshalb aufgesucht habe, weil in ihnen das eigentliche amerikanische Leben pulsiert — so versagte ich es mir entgegen meinem Reiseprogramm nach kaum anderthalb Stunden Fahrt von Washington aus, in Baltimore — es wäre mein zwölfter Großstadtbesuch gewesen — schon wieder auszusteigen. Ich war es nun vier Wochen gewohnt, mindestens einen vollen Tag und eine Nacht oder gleich zwei bis drei von ihnen hintereinander durchzufahren, daß es mich ordentlich verwunderte, daß ich „schon“ um Mittag vor der City Hall mitten in Philadelphia stand! Im Osten schrumpfen eben die Entfernungen schnell zusammen, wenn man aus dem Westen kommt und nehmen einigermaßen wieder europäische und menschliche Maße an. So ließ ich mir also am Blick von der Eisenbahn auf die rauchende Hafenstadt Baltimore genügen und dampfte weiter. Baltimore hat gleich Washington — darin kennzeichnet sich seine südlichere Lage — nicht bloß sehr viel Farbige — über ein Zehntel seiner Bevölkerung! — sondern auch besonders viele Katholiken, denn es geht ja auf die Gründung des katholischen Lords gleichen Namens zurück und war eine Zufluchtsstätte verfolgter englischer Katholiken. So ist hier auch der Sitz des amerikanischen Erzbischofs und Kardinals, einer Person, die sich eigentümlich mit ihrem mittelalterlichen Ursprung in dem übermodernen amerikanischen Leben ausnimmt. Aber gerade in den jüngsten Zeiten der Einwanderung aus Süd- und Osteuropa hat das katholische Element sehr zugenommen.

Die Stadt Baltimore wurde schon 1729 gegründet. Sie ist eine der Veteranen in der Union. Heute ist sie Hauptsitz der Austernkonserven-, der Stahl-, Segeltuch- und Backsteinindustrie, dazu Hauptausfuhrhafen für Getreide. Baltimores Washingtonmonument und seine City Hallkuppel grüßten mich. Die bekannte Universität Baltimores „John Hopkins“ hätte ich gern zum Vergleich mit Harvard aufgesucht, aber es fehlte die Zeit. Wie die großen Städte, so liegen auch die großen geistig führenden Universitäten fast alle wie auf eine Schnur gereiht an der Küste des Atlantischen Ozeans: Harvard bei Boston, Yale in Newhaven (s. S. 70), Kolumbia in Neuyork, Princeton bei Philadelphia, deren Rektor eine Zeitlang niemand anders als Woodrow Wilson war (!), und John Hopkins in Baltimore, Stiftung eines reichen gleichnamigen Handelsherrn.

Währenddem waren wir schon über den mächtig breiten Susquehanna River gesetzt, Philadelphia entgegen. Die rauchige riesige Hafenstadt mit ihrem Wald von Masten und Schloten der Ozeandampfer hatte wieder saftigen Wiesen mit weidenden Viehherden, Wäldern und kleinen idyllischen Bachtälern Platz gemacht. Überall sah man sehr wohlangebautes und wohlgepflegtes Farmland, dem man es ordentlich anmerkte, daß es schon Jahrhunderte alt war. Pennsylvanien ist noch heute einer der bestbesiedelten und bestangebauten Staaten. Fast an norddeutsches Tiefland erinnerten seine gefälligen roten Backsteinbauten mit ihren grünen Fensterläden, die noch in der „Stadt der Bruderliebe“ weit verbreitet und heimisch sind, so daß man in Philadelphia wie etwa heute noch bei uns in Bremen zumeist im eigenen kleinen Heim wohnt statt in riesigen Mietskasernen wie auf dem engbeschränkten Raum Neuyorks. Philadelphia hat sich damit mit Recht den ehrenden Namen einer „City of homesteads“ (Stadt der Heimstätten) erworben!

An Wilmington ging es vorüber, der größten Stadt in dem kleinen Staat Delaware, was allerdings nicht viel sagen will. In Delaware besteht übrigens aus früheren Zeiten allein noch die öffentliche Prügelstrafe! Sie könnte auch für manche Roheitsdelikte in der alten Welt noch bestehen! In dieser Gegend, die wir jetzt durchfuhren, landeten zur Zeit des 30jährigen Krieges schwedische Kolonisten und gründeten ihre erste europäische Niederlassung am Delawarefluß. Noch heute steht davon als Wahrzeichen eine kleine, Ende des 17. Jahrhunderts erbaute Schwedenkirche! Weiter ist es hier die Gegend, wo Washington den Delaware im Kampf gegen die Engländer überschritt. Hier war es auch, wo sich die geduldigen, friedliebenden Quäker unter William Penn schon 1682 festsetzten und vertragsmäßig — nicht wie sonst mit Gewalt und Krieg — den Indianern das Land mit Verträgen abkauften, die einzig hier in der Welt nicht gebrochen wurden, ohne beschworen zu sein! Bekanntlich verwerfen die Quäker noch heute den Eid.

Allmählich mehrte sich wieder der Rauch. Alle Anzeichen einer nahen großen Stadt meldeten sich. Über einem riesigen Häusermeer erschien bald der 155 m hohe Turm der City Hall von Philadelphia, lange auch eines der höchsten Bauwerke der Welt. Punkt zwölf stand ich am Ende der 19 Meilen langen „Broad Street“, die mit dem Broadway in Neuyork eifert, an seinem Fuße. Wieder umbrandete mich der typische amerikanische Großstadtverkehr! Es war wieder nicht viel Unterschied, ob man auf der State Street in Chikago oder dem Broadway in Neuyork oder der Broad Street in Philadelphia stand. Freilich am wildesten ist die Tonart des Verkehrs in Neuyork, am sanftesten für die Größe der Stadt noch in Philadelphia; Chikago hält etwa die Mitte. So steht es auch mit den Wolkenkratzern. Neuyork hat weitaus die meisten und höchsten, in Philadelphia sind es im ganzen nur wenige und mäßighohe, die Stadt hat ja nach allen Seiten Ausdehnungsmöglichkeiten genug und hat von ihnen Gebrauch gemacht. Der weißlockige perückentragende William Penn hat sie einst rechtwinklig angelegt wie alle amerikanischen Städte, indem er das riesige Straßenkreuz der Broad und Market Street anlegte, in dessen Mitte genau die City Hall mit ihrem riesigen Turm steht, so daß er gebietend gleichsam über die ganze Stadt sieht. Aber fast kaum glaublich ist, daß noch zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges die heutige Zweimillionenstadt nur etwa 12 000 Einwohner zählte, und geradezu rührend wirkt das alte kleine State House, dessen Backsteine man im Fairmountpark wieder aufgebaut hat, das älteste Backsteinhäuschen des ganzen Landes von wenig Quadratmetern Umfang!

Ich fuhr zum Turm der City Hall hinauf und hatte von oben wie vom Obelisk in Washington wieder eine märchenhafte Aussicht über die ganze Stadt und ihre Umgebung. Man stand hier oben dem Menschengewimmel und Geschäftsgetriebe fast so entrückt wie auf dem Metropolitan Tower in Neuyork. Weit sah man zum grünen und hügeligen Fairmountpark, dem Stolz Philadelphias, hinüber und auf der andern Seite zu dem meerarmartigen breiten Delaware. Mitten durch das Riesenschachbrett der Stadt windet sich außerdem noch der weit schmälere Schuylkill-River, der in den Delaware unterhalb der Stadt fließt.

Dann trieb es mich vor allem zu den historischen Stätten, die einem anwehen wie etwa die Faneuil Hall in Boston, z. B. zur „Independence Hall“. Am 5. September 1774 versammelte sich hier in Philadelphia als der damals durchaus geistigführenden Stadt der erste Kongreß, der hier am 4. Juli 1776 die berühmte Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von England erließ, noch heute die Magna Charta der Union. Und noch immer ist der „fourth of July“ der größte nationale Feiertag, an dem die Begeisterung für das Banner „der Sterne und Streifen“ auch in Philadelphia keine Grenzen kennt. Freilich fiel damals vorübergehend die Stadt noch einmal in die Hände der Engländer, aber als sie wieder erobert war, tagte hier der Kongreß bis 1797. Dazu war sie zugleich der Sitz des ersten Präsidenten. In der „Halle der Unabhängigkeit“ wird noch heute als Hauptheiligtum der bescheidene Sitzungssaal mit den alten Möbeln und dem Tisch gezeigt, auf dem die denkwürdige Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Jene Männer vor 150 Jahren konnten freilich nicht im entferntesten ahnen, welche beispiellose Entwicklung diesem Lande bevorstehen sollte. Auch die Glocke, die zuerst nach der Unabhängigkeitserklärung als Zeichen der errungenen Freiheit geläutet wurde, die sogenannte „Liberty bell“, ist noch vorhanden. Zwar hat sie Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Sprung bekommen und wird seitdem nicht mehr benutzt. Aber ihr ehrwürdiges Dasein genügt. Im oberen Stock sind Erinnerungen an die Hauptgröße Philadelphias, den Gründer der Stadt, den Quäker William Penn, dazu ein Stück der Ulme, unter der er den denkwürdigen Vertrag mit den Indianern — ein Vorgang, der so oft gemalt wurde — abschloß. Endlich redet in Philadelphia zu dem Besucher noch eine dritte Berühmtheit, Benjamin Franklin, der den Blitzableiter hier erfand (1752). Stattlich sitzt er vor dem Hauptpostamt, während Penn seinen Ehrenplatz hoch auf dem Turm der City Hall gefunden hat.

Zum Fairmountpark kam ich leider nicht hinüber, auch nicht zur Kathedrale „Peter und Paul“ des römischen Kardinals, noch zu dem Waisenhaus „Girard College“, zu dem Geistlichen — wohl einzig in seiner Art in der Welt — der Zutritt ausdrücklich verboten ist! Einen Blick warf ich in die Universität, weil ich einen ihrer Lehrer, den bekannten babylonischen Ausgrabungsforscher Prof. Hilprecht schon in meiner Jugend in Deutschland einmal hatte sprechen hören. Dicht bei Philadelphia liegt auch die von Deutschen einst gegründete Vorstadt „Germantown“, wo sich schon 1683 niederrheinische aus der Heimat vertriebene Mennoniten niedergelassen hatten. Germantown war die allererste deutsche Siedlung in Amerika überhaupt! Von hier ging auch schon 1688 der erste Protest gegen die Sklaverei aus, freilich wirkungslos für noch fast zwei Jahrhunderte! So war das pennsylvanische Deutschtum das alteingesessenste! Mein Magen fing bei all dem „Besichtigen“ einmal wieder an zu knurren und erhob einen nicht ganz erfolglosen Protest gegen weitere Stadtdurchstreifungen.

Ich fuhr gen Neuyork zurück. Erst ein Stück am Delaware hin. Bei Trenton setzten wir über den mächtigen Fluß. Die letzten Berge zur Linken entschwanden. In den Staat Neujersey gelangt, näherten wir uns bald der weiten blauen, fast heimisch wirkenden Newarkbai, deren Hauptstadt Newark, obwohl an 300 000-400 000 Einwohner zählend, doch ganz im Schatten Neuyorks steht und daher nichts bedeutet, ja wohl noch nicht einmal dem Namen nach in der Welt bekannt ist! Dann ging’s ein Stück an der blauen, herrlichen upper bay entlang, und die Wolkenkratzer tauchten auf! ... Wie sie jetzt auf mich wirkten, wie alte gute Bekannte! Mit durchaus heimatlichen Gefühlen langte ich wieder in Neuyork an. Mir war es, als wäre ich erst gestern von dort weggefahren, obwohl die mannigfachsten Erlebnisse von nicht weniger als von acht Monaten dazwischen lagen!

Da ich nun einmal wieder in Neuyork war, so faßte ich schnell den Entschluß, ehe ich wieder Onkel und Tante in der 137. Straße guten Tag sagte und mit dem subway hinausraste und ihnen vom Felsengebirge und dem Stillen Ozean erzählte, schnell noch einen Besuch in Westhoboken in der Palisade Avenue zu machen, die aufzufinden ich einst vor acht Monaten jene weite Irrfahrt ins grüne Land hinaus bis nach Englewood gemacht hatte! Pochenden Herzens sprang ich wie ein gewisser Goethe in Sesenheim durch die niedrige Gartenpforte nach der Haustür. Aber sie war und blieb diesmal festverschlossen! Ich hätte so gern meinen ersten Bericht von Indianern und Mormonen, dem Niagara und dem Grand Cañon der kleinen Badenserin vorgetragen und in der Küche wieder einmal bei ihr geplaudert, während sie dem Onkel das Essen rüstete. Aber es war und blieb das Gartenpförtlein verschlossen ... Wie schmerzlich! Gerade für diesen Abend hatte der ängstliche und vorsichtige Onkel sein Nichtchen einmal mit in die Oper nach Neuyork genommen, wie ich später erfuhr ... Wir sahen uns nur noch einmal im Leben, aber nicht in Hoboken ...

Bei Onkel und Tante tat ich in aller Unschuld so, als käme ich geradewegs vom Bahnhof der Pennsylvaniaeisenbahn! So oder ähnlich machen es ja wohl alle jugendlichen Neffen in ähnlichen Fällen. Es wurde Abend, der rasende und donnernde subway hatte mich wieder in die 137. Straße hinausgebracht. So war ich wieder „daheim“!

Ich brauchte diesen Abend in keine „upper berth“, in die ich so oft geklettert war, zu kriechen und mich halb liegend auszuziehen, noch wähnte ich in Traum und Schlaf mit dem Bett auf dem schwankenden Boden hin und her zu fahren wie auf dem erdbebendurchrüttelten Pflaster San Franziskos, noch hatte ich es nötig, mich im Dunkel der Mitternacht einem wildfremden Mann für ein Nachtlogis anzuvertrauen wie in Santa Fé und vorsorglich die Tür zu verbarrikadieren. Keine Fahrpläne und Hotelpreise ängstigten mich mehr, keine Reisepeitsche, alles Wichtigste auf die rascheste und billigste Weise mitzunehmen, wurde über meinem Haupt mehr geschwungen. Ich hatte mein Werk getan. Neuyork kannte ich gut; es brachte mich also auf keine Stunde früher aus dem Bett am anderen Morgen als notwendig. Am Abend aber gab es noch ein Erzählen ohne Ende ... Ich war doch weiter in den wenigen Wochen herumgekommen als alle meine amerikanischen Verwandten zusammen in den 40 Jahren ihres Dortseins!

Andern Tags war Sonntag. Ich fühlte so etwas wie ein Bedürfnis, eine deutsche Kirche — die es ja in dem stockenglischen Boston nicht gab — aufzusuchen und ein stilles „Nun danket alle Gott“ für mich allein zu singen. Denn es war wirklich ganz wider alle Wahrscheinlichkeitsrechnung gewesen, daß ich auf amerikanischen Bahnen gegen 12 000 km gefahren war, ohne einen einzigen Unfall zu erleben. Ich hatte viel gesehen, mehr wie in vielen Jahren meines Lebens. Ich war mehr Eisenbahn gefahren als vielleicht bisher und später in meinem ganzen Leben. Aber gleich dieselbe ganze Fahrt noch einmal zu machen, hätte ich doch nicht für 1000 Taler getan.

In der deutschen Kirche, die ich aufsuchte, amtierte — ein schönes Zusammentreffen — ein in Deutschland geborener Pastor, der auf derselben Universität wie ich studiert hatte, ja derselben Studentenverbindung angehörte wie ich einst. So wurde es ein besonders traulicher Abschied aus der Weltstadt Neuyork. Werde ich sie im Leben noch einmal wiedersehen, die Dollarburgen und die blaue upper bay, die Freiheitsstatue und die Brooklynbrücke? — —

Ich fuhr wieder nach Boston. Ich wollte nicht meine Gänge durch das Dollarbabel von vorne beginnen und der lieben alten Tante auch nicht noch einmal länger zur Last fallen. Wie bekannt kam mir jetzt die Strecke über Newhaven, am blauen Long-Island-Sund hin vor! Überall blühte es jetzt in Connecticut, dem „Kastanienstaat“. Wie oft hatte ich auf meiner weiten Reise schon den Frühling erlebt und war immer wieder in den Winter zurückgeschleudert worden! In Kalifornien war es schon fast Sommer; auf der Sierra Nevada, in Kolorado und Chikago schneite es! Hinter Pittsburgh jenseits der Alleghenies war der Frühling um Washington gerade mächtig im Kommen, und hier zwischen Neuyork und Boston setzte er gerade erst langsam ein, während in Arizona und Nevada die Sonne schon wie im heißesten Sommer gebrannt hatte und in Santa Fé sich gar schon heftige sommerliche Gewitter entluden. Es kam einem dieser ständige Wechsel wie ein einziger Traum vor ...

Am Abend in der Dämmerung lief unser sehr leerer Zug in Boston ein. Ich gottloser Mensch hatte es gewagt, am heiligen Sonntag auf der Eisenbahn heimzukehren! An einem Sonntag abend war ich vor Wochen klopfenden Herzens abgefahren, ungewiß einem Kontinent mit seinen unermeßlichen Entfernungen entgegen, ein über meterlanges Reisebillett in der Tasche. Wohlbehalten und mit wohlgefülltem Geist — freilich auch wohlgeleerter Tasche — kehrte ich „heim“, denn auch Boston und erst recht mein Harvard- = „furnished room“ kamen mir jetzt wie traute Heimat vor. Wie mußte ich meinem japanischen Freund Mr. Ashida danken, der mir, so oft ich vorher wieder schwankend werden wollte, stets zugeredet hatte, die Fahrt auf jeden Fall zu unternehmen. Wie ein Traum war mir jetzt das Ganze, als ich wieder unter Harvards Ulmen hinschritt, daß ich in den vorweltlichen Schlund des Grand Cañon geschaut, über den Salzsee gefahren, auf Santa Catalina im Stillen Ozean gelegen und versucht hatte, den Pikes Peak, den amerikanischen Montblanc, zu besteigen! Noch manchmal glaubte ich im Bett liegend zu fahren — und saß doch still hinter den Büchern. Noch manchmal glaubte ich den Bädeker für morgen genau studieren zu müssen — und hörte derweilen Professor Josiah Royces schwere philosophischen Gedanken des englisch-amerikanischen Hegelianismus ...


Meines Bleibens war aber in Harvard nun auch nicht mehr sehr lange. Seit ich den Paß in den Koloradobergen von der Wasserscheide herabgefahren war, wo der Arkansas die Richtung zum Atlantischen Ozean weist, hatte ganz leise der Zug zur Heimat zu arbeiten begonnen. Nur noch einen reichlichen Monat hielt ich es drüben aus, dann schloß ich, einen wohlerworbenen amerikanischen „degree“, den ich mir mit nicht leichten Prüfungen ehrlich verdient hatte, in der Tasche, die Koffer zur Heimfahrt. Ich wartete den Semesterschluß der Universität gar nicht erst voll ab, sondern beschloß meine Studien zum Erstaunen der Herren Professoren, die drüben solch akademische Freiheit gar nicht gewöhnt sind, schon vier Wochen vor der der übrigen Studenten. Ich hatte ja in Deutschland längst ausstudiert. Und alles Arbeiten auf amerikanischem Boden war für mich nur „überflüssig gutes Werk“.

So kamen die Abschiedsbesuche bei all den wohlwollenden Herren und sonstigen lieben Menschen, die sich meiner so freundschaftlich angenommen hatten. Ich bin ihnen allen noch heute sehr verbunden und verpflichtet. Dann fiel der Deckel auf den großen graugrünen Hochzeitskoffer meiner Eltern mit den Büchern und all den vielen Siebensachen, die sich nun noch reichlich vermehrt hatten, zur Fahrt durch Kanada heimwärts. Ob er wohlbehalten mit mir die Heimat erreichte? Ich hoffte es.