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Quer durch Amerika

Chapter 17: Kanada.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Kanada.

Kanada ist ein ganz riesiges Land, noch viel riesiger als die amerikanische Union! Es ist wenig kleiner als ganz Europa einschließlich Rußland! Ich hatte natürlich nicht vor, etwa auch noch dies Land seiner ganzen Breite nach zu durchfahren, seine unermeßlichen Prärien und unerschöpflichen Wälder zu erforschen, die die Bevölkerung trotz der ungeheuren Landfläche auf ein Zehntel der der Union beschränken. Dazu fehlte völlig die Zeit. Mir sollte es genügen, wenigstens einen Blick in das Land hineinzuwerfen und einen Abschiedshauch von ihm mitzunehmen.

Kaum eine namhafte Großstadt gibt es auf kanadischem Boden. Ein äußerst kalter und rauher Winter läßt das Land monatelang erstarren, obwohl seine Südgrenze etwa in der Höhe von Mailand läuft! Gar tief schneidet die Hudsonbai, die das ganze Jahr mit Treibeis (!) gefüllt ist, in das Land ein. Eisig sind die Stürme, die von Grönland und dem Eismeer herein und von hier bis in die obere Mississippiebene hinabbrausen. Es war mir möglich, den einzig wichtigen Osten zu durchfahren, wo vor England einst Frankreich Fuß faßte, das zu Zeiten von Neuorleans über Saint Louis bis Quebec gebot! Welch eine Koloniallinie! Im Siebenjährigen Krieg verlor ja Frankreich dank der Siege Friedrichs des Großen ganz Kanada, dessen Wert damals niemand ahnte, an England, und das Mississippital verkaufte Napoleon I. an die Union, auch seine Bedeutung nicht für möglich haltend, für ein Butterbrot! (15 Millionen Dollars). Von Ostkanada, Montreal und Quebec, wollte ich den mächtigen Lorenzstrom hinunter über den nördlichen Atlantischen Ozean nach Schottland hinüberfahren und noch England durchstreifen. Das waren wieder neue Erlebnisse! Der Plan, gar über Japan heimzukehren, war für mich leider unausführbar; so hielt ich mich dafür an den kanadischen Weg, sintemal die Route Kanada-Schottland die kürzeste Überfahrt auf offener See bietet!

So ging es durch Massachusetts, das liebliche Neuhampshire und Vermont gen Quebec. Ich sagte dem Charles River Lebewohl, der golden leuchtenden, so oft geschauten Kuppel des State House auf dem Boston Common, dem schönen Renaissanceturm der New old South, auch all den vertrauten Collegegebäuden von Harvard, in denen ich so oft ein- und ausgegangen war.

Wir hielten in der rauchenden über 100 000 Einwohner zählenden Fabrikstadt Lowell. Ein Mönch in brauner Kutte stieg ein. Wie sich das in Amerika ausnimmt zwischen all den rasierten gentlemen! Er wollte offenbar nach dem katholischen Kanada reisen! Auch schon in Lowell gibt es genug französisch redende kanadische Arbeiter, die in den nördlichen Industrien der Union Verdienst suchen.

Dann kam rings schöne grüne Heide, je weiter wir nach Neuhampshire hineinfuhren. Flüsse, Seen und sanftgewellte Hügel bestimmten den Charakter der Landschaft. Alles alte Indianergründe! Davon zeugen noch heute die Namen der Flüsse, Seen und Berge, wie z. B. der Name des äußerst lieblichen, an den mittelenglischen Seendistrikt erinnernde Lake Winnipesaukee. Birkenbepflanzte Fahrwege säumen ihn, kleine Dampfer eilen über seine spiegelglatte Fläche. Waldige Mittelgebirge überhöhen ihn rings sanft ansteigend. Unverwandt schaute ich wieder hinaus in diese liebliche einsame Landschaft. Wieviel Raum und Platz ist hier noch für wanderlustige und siedlungsbereite Menschen! Der Zeitungsboy wanderte indessen wie immer durch den Bahnwagen und bot Ansichtskarten und Albums aus. Auch er hatte schon einen etwas fremdartigen Akzent ...

Die Stationsnamen hatten oft puritanisch-biblischen Klang: „Bethel, Kanaan, Lebanon“, wie man auch heute noch viel biblisch-alttestamentliche Vornamen unter den Amerikanern und Engländern findet: Abraham Lincoln, David Jefferson, Isaak Newton, Jonathan Eduards, Josiah Royce usw. — und waren doch alle beileibe keine Juden! Die Bahnhöfchen wurden immer unansehnlicher, je weiter wir nordwärts kamen.

Den See Winnipesaukee samt den malerischen White-Mountains ließen wir zur Rechten und fuhren nach dem Staat Vermont hinüber und dann den langen, vielverzweigten und vielbesuchten „Lake Champlain“ entlang. Er ist über 150 km lang, d. h. also mehr als doppelt so lang als unser Bodensee, wenn auch nicht von seiner Breite. Ein Kanal verbindet ihn mit dem Hudsonfluß. Immer aufs neue werden alle unsere deutschen Maßvorstellungen über den Haufen geworfen. Und dabei zählt dieser See samt dem Salt Lake in Utah durchaus zu den „kleinen“ Seen. Es war äußerst erfrischend und erquickend an ihm entlang zu fahren. Wir hatten eben einen 300 m hohen Paß mit der Bahn überschritten und senkten uns nun in seine liebliche Niederung. Auch an Joseph Smiths, des Mormonenpropheten Heimat, Dorf Sharon, eilten wir vorüber. Also in dieser träumerisch-idyllischen Landschaft hat der Prophet seine ersten seelischen Eindrücke empfangen! Sie ist freilich der denkbar größte Gegensatz zu den Einöden und Steppen um den Salzsee.

Je weiter wir an dem Lake Champlain nordwärts kamen, desto ebener und flacher wurde das Land wieder. Die freundlichen Berge Vermonts blieben zurück. Vor St. John erreichten wir die Grenze der Union und fuhren nun nach Kanada hinein. Es war für mich nicht das erstemal, daß ich englischen Boden berührte. Schon vom Niagara bis Detroit hatte ich das südlichste kanadische Gebiet durchfahren. Der Lake Champlain fließt ab im „Richelieu River“, der so breit ist wie ein Meeresarm. Schon der Name belehrte mich, daß sich hier eine alte geschichtliche Welt auftat, die noch heute neben 100 000 Indianern über eine Million französisch redende Kanadier bewohnen. Dünn ist das Land besiedelt. Ungeheure Ebenen bis an den Horizont taten sich auf, die an Weite und Unfaßlichkeit noch die Ebenen des Mississippi übertreffen! Auf weiten grünen Weiden tummelten sich Pferde und Rindvieh. Von Zollrevision merkte ich nichts. Freut sich etwa The Dominion of Canada über jeden Menschen und jedes Stück Ware, was in sein ungeheuer aufnahmefähiges Land hineinkommt? Oder spart man Beamte? Die Bauart der Häuser zeigte hier einen anderen Stil als in der Union. Es sind im östlichen Kanada meist Steinhäuser mit flachem oder französischem Doppeldach. Verschwunden sind die typischen amerikanischen hölzernen Farmhäuser. Auch die meisten Stationsnamen sind jetzt französisch, z. B. „Brosseau“!

Es dunkelte. Über den ungeheuren Grassteppen war westwärts die Sonne versunken. Von einer Reihe abendlich beleuchteter Hügel blitzten Lichter auf. Wir näherten uns den Ufern des St. Lorenzstromes, der kaum noch ein Strom zu nennen ist, der als der breite Abfluß des Ontariosees, einer der großen, ostseeähnlichen Seen, wie der Niagarafluß der Abfluß des Eriesees seeartig daherströmt. Er ist fast so lang wie die Wolga und schon 400 km vor der Mündung 20 km breit!

Einen ganzen Tag war ich wieder gefahren, als wir endlich zwischen neun und zehn Uhr abends in Montreal (frz.: „Königsberg“, aber hier meist englisch ausgesprochen: „montrioll“) eintrafen. Auf mächtiger Brücke setzen wir über den St. Lorenz, der hier so breit wie die Unterelbe ist. Montreal liegt auf einem unmittelbar am Fluß hoch ansteigenden Berg. Daher trägt es auch seinen Namen zu Recht. Es übertrifft an Alter, wenn auch keineswegs an Größe und Bedeutung, die meisten seiner viel jüngeren amerikanischen Schwesterstädte. 1608 wurden schon die ersten französischen Niederlassungen am St. Lorenzstrom gegründet! Heute zählt Montreal über 200 000 Einwohner. Es besitzt eine alte prächtige Kathedrale in französischer Gotik. Im Winter stauen sich die mächtigsten Eisschollen zu Bergen am Flußkai vor ihr. — Ich war der letzte, der aufs Schiff kam, das am Landungssteg schon ein geraumes Stück stadtabwärts abfahrtbereit lag. Ich nahm mir im Dunkeln eine Droschke. Wie hätte ich sonst im Dunkeln, eben erst in Kanada eingetroffen, nachts zehn Uhr durch die bergig gelegene Stadt das Schiff finden sollen? Mit der Straßenbahn, auf der viele Fahrgäste französisch wie in Straßburg sprachen, war ich nicht recht vorwärts gekommen. Ich mußte im Oberstübchen erst tüchtig umräumen und umschalten, bis ich nach dem vielen Englisch die richtigen französischen Worte fand! Gegen elf Uhr betrat ich das Deck, von den Passagieren neugierig angestaunt, und verstaute mich selbst auf dem „Royal-mail-twin-screw-steamer Jonian“, wie er offiziell hieß!

Der Dampfer selbst kam mir in seinen Ausmaßen recht klein vor, als ich ihn betrat, im Vergleich mit den Ozeanriesen, die man aus den Docks in Neuyork gewöhnt war. Aber solcher Riesen brauchte es ja auch zwischen Kanada und Schottland nicht. Er hatte immer noch 8000 Registertonnen und gehörte der englischen Allan-Linie. Angenehm war es, daß er nur II. Klasse führte, so daß einem auch als Menschen „zweiter Klasse“ und von minderem Geldbeutel doch einmal das ganze Schiff mit allen Decks und Salons bis hinauf aufs Oberdeck zur Verfügung stand; ferner war angenehm, daß im ganzen nur etwa 150 Passagiere mitfuhren. Es waren diesmal ein gut Teil Missionare darunter, die zu einer großen Missionskonferenz nach Schottland wollten. Die Besatzung aber betrug dennoch allein 180 Mann! Die wenigen Passagiere machten aber die ganze Fahrt recht familiär.

Müde von den langen Eisenbahnfahrten ging ich bald in meine Kabine, die ich für mich allein hatte. Zum Schlaf sollte es doch noch nicht sobald kommen, denn um Mitternacht begann ein wahrhaft höllisches Gepolter. Die großen Schiffskrane versenkten nämlich sämtliches große Gepäck und sonstige Ladung in die tiefen Laderäume im Bauch des Dampfers. Das gab ein Rasseln der Ketten, ein Drehen der Krane, ein Rufen, Pfeifen, Rollen, Schieben, Fallen ohne Aufhören. Erst etwa gegen drei Uhr nachts hörte es auf. Die Augen fielen mir zu ... Die Ankerketten wurden hochgezogen. Das war englische Rücksichtslosigkeit und Nüchternheit — wir fuhren! Ohne Sang und Klang ging es ab — auch englisch — ohne den ganzen schönen theatralischen Abschied wie in Kuxhaven. Kein Winken, auch kein Weinen! Der Engländer ist nicht so sentimental und melancholisch wie wir.

Als ich morgens erwachte, mir die Augen rieb und durch die Luke hinausschaute, schwammen wir mit unserer „Jonian“ auf einem breiten, schimmernden Strom, den liebliche grüne Ufer und sanft geschwellte Hügel begrenzten, sacht und ohne jede Erschütterung abwärts. So sollte es zweieinhalb Tage fortgehen, bis wir in den offenen Ozean hinauskamen. Ich hätte so bis ans Ende der Welt fahren mögen ... Gegen Vormittag zehn Uhr kamen wir an Quebec, der anderen alten französischen Gründung, vorbei. Quebec war mir zum ersten Male in der Kindheit in einem Gedicht Seumes begegnet, aber wie in völlig nebelhafter Ferne. Jetzt sah ich es wie Montreal auf noch steilerem Berg herrlich und gebietend über dem St. Lorenz thronen als natürliche starke Festung. Festungsmauern und drohende Kasematten säumten die Zitadelle, aber auch riesige Hotels mit gewiß prächtiger Aussicht haben sich den Berg hinangebaut. Quebec erinnerte mich stark an unseren Ehrenbreitstein am Rhein gegenüber Koblenz.

Hinter Quebec wurde der St. Lorenz noch zwei- bis dreimal so breit als bisher. Er weitete sich mehr und mehr und wurde fast wie zu einer tiefeingeschnittenen Bucht. Die in der klaren Luft wie gemalt ausschauenden Berge begleiteten ihn noch lange. Dann und wann passierten wir buschige Inseln mitten im Strom wie am Niederrhein. Nach Stunden begegnete uns auch das schönere und neuere Schwesterschiff, die „Virginian“, die von Schottland kommend und derselben Linie angehörend stattlich den St. Lorenz aufwärts dampfte. Lebhaftes Grüßen und Winken und Tücherschwenken hinüber und herüber — und dann war auch dies „Ereignis“ wieder vorüber! Nach einigen Stunden kam auch noch die „Lake Erie“ von der Dominian-Linie und ein Seedampfer, der der Canadian Pacific-Eisenbahn gehörte. Solche Schiffsbegegnungen sind immer „große“ Ereignisse an Bord und beliebte Ziele für Operngläser und Feldstecher.

Am Rand des Stromes tauchten hier und da kleine weißschimmernde Dörfer auf mit kleinen weißen Kirchtürmen, aber im ganzen doch selten. Sonst machte das weite Gras- und Hügelland links und rechts den Eindruck völliger Unbewohnheit, der uns in Europa — Rußland ausgenommen — so ganz fremd ist! Wir nahmen den Kurs nach der „Belle-Isle-Straße“, dem nördlichsten Ausgang aus dem St. Lorenzstrom, so daß wir das eisige Labrador links und „Neubraunschweig“ rechts ließen.

Als der erste Tag der Fahrt auf dem Lorenzstrom zu Ende ging, wich die Helligkeit abends nur sehr langsam. Es war ja Juni und ging dem hellsten Tag entgegen. Mit jedem Tag aber kamen wir in nördlichere Breiten. Ja es blieben zuletzt breite helle Streifen die ganze Nacht am dunklen Himmel stehen, die uns entweder als Reflexe des Eises im nördlichen Labrador oder als Nordlicht gedeutet wurden! So kriegte man fast ein bißchen Geschmack wie von „Grönland“ und „Nordpol“. Von der Südspitze Grönlands trennten uns nachher ja auch nur noch etwa 600 km, also etwa eine Entfernung wie von Edinburg zur Südküste Englands. Labrador allein ist so groß wie ganz Skandinavien und Spanien zusammen!

Aus einem buntfarbigen Abend tauchte ein strahlender Sonntagmorgen. Ruhig und gelassen glitt unser Schiff wie ein Riesenschwan den viele Kilometer breiten blauen Strom abwärts. Wir waren jetzt in den St. Lorenzgolf eingetreten, der sich in zwei Straßen nördlich und südlich der Neufundlandinseln zum Atlantischen Ozean öffnet. Wie mit dem Messer geschnitten zeichnete sich die Wasserfläche in der völlig staubfreien, herrlich-klaren frühlingshaften salzigen Seebucht vom Horizont ab. Von den aus dem warmen Golfstrom so oft aufsteigenden Nebeln war diesmal nichts zu merken. Rechts glitt eine längliche bergige Insel vorüber. Zum ersten Male begann sich jetzt unser Schiff dank der vom offenen Ozean nun seitlich hereindringenden Wellen ein wenig zu heben und zu senken. Der erste Gruß des offenen Atlantik!

Im Speisesaal fanden heute Sonntags auf dem englischen Dampfer nicht weniger als vier (!) Gottesdienste nacheinander statt, bei denen zumeist die mitreisenden Missionare predigten und aus ihrer Arbeit in Japan, auf den Philippinen und in Indien erzählten. Einer von ihnen, ein französischer Missionar, berichtete in mangelhaftem Englisch von seinen Erlebnissen bei der Fremdenlegion. Ehe sie redeten, wurden sie jedesmal mit Namen und Wirkungskreis vorgestellt! Auf einem mit dem englischen Union Jack umwundenen Pult lag eine große vergoldete Schiffsbibel. Das war die Kanzel. Die Mannschaft nahm, soweit frei, auch an dem „worshipping the Lord“ teil. Ich kann mich nicht entsinnen, daß wir auf dem Hapagdampfer bei der Hinfahrt Sonntags je irgendeine religiöse Veranstaltung gehabt hätten. Sonntags spielte hier auch die Schiffskapelle nicht einmal zu den Mahlzeiten! Kein Spiel, erst recht nicht Karten, wurde auf Deck veranstaltet oder geduldet, auch kein Tanz u. dgl. Rauch- und Biersalon blieben heute unbesucht! Das Klavier wurde nur zu Chorälen geöffnet ...

Eine breit aufgewühlte Wasserfurche ließ unser Schiff hinter sich. Schwärme von Möwen folgten ihm. Der Himmel behielt unverändert seine strahlende Bläue. Wir näherten uns der großen Insel „Anticosti-Island“. Ein Leuchtturm blinkte herüber. Bei Eisgang nehmen die Schiffe gewöhnlich von hier den weiteren südlichen Kurs um Neufundland herum, wir aber behielten den kürzeren nördlichen bei an der Küste von Labrador hin unter Grönland weg!

Montag morgen passierten wir die Nordküste der wegen ihres Nebels so berüchtigten Neufundlandinseln und fuhren in die Straße von Belle-Isle ein. Labrador schien ganz unbewohnt, trotz seiner ungeheuren Größe, bergig, öde. Es zählt wohl kaum 10 000 Einwohner[37]. Es kennt wie Kanada noch große Büffel- und Rinderherden, auch Bären! Als wir den Ausgang der „Belle-isle-Straße“ um Mittag ins offene Meer gewannen, kamen uns — zu unserer Freude — richtige Eisberge auf ihrer Wanderung von Grönland südwärts entgegengeschwommen. Wir machten freilich einen recht respektvollen Bogen um sie. Denn die „ice-bergs“ ragen oft nur wenige Meter über dem Wasserspiegel, aber um so länger sind sie unter ihm! Im ganzen waren es nur vier dieser Burschen, die wir sahen. Uns interessant, von den Seeleuten gefürchtet. Noch steht in furchtbarer Erinnerung der Zusammenstoß der Titanic mit einem dieser unheimlichen Gesellen 1912. Aber malerisch sehen sie aus, wenn sie so blendend weiß im tiefen Blau des Ozeans dahergeschwommen kommen, lautlos und doch so gebieterisch, ein Stück losgelöstes Nordpolland.

Als wir den offenen Ozean gewonnen hatten, zeigte er weiße Kämme bei schwacher Bewegung ... Das interessantere Stück der Fahrt war nun vorüber. Jetzt folgte wieder das erhabene Einerlei des offenen Ozeans ohne Küstenstrich und Abwechslung für die Augen. Freilich ein strahlender Tag löste den anderen ab. Leicht fuhr das Schiff seine Bahn. Das Meer war kaum bewegt. Es war ein wundervolles Dahingleiten in dieser Juniherrlichkeit der See. Ich saß entweder ganz am Bug vorn und schaute in die unendliche Weite, der wir entgegenfuhren, vorwärts das Land Europas „mit der Seele suchend“ oder ganz auf dem Achterdeck rückwärts gewandt allein mit meinen Gedanken über Amerika und sah der breiten quirlenden und schäumenden Furche nach, die unsere Schrauben hinter uns zurückließen. Es war zu prächtig, nichts zu tun als zu schauen und zu sinnen ... Andere, wie die Missionare, unterhielten sich ständig über Missionsfragen, lasen viel in ihren Büchern oder zankten sich auch über kirchliche Dinge. Merkten sie gar nichts von der Missionspredigt, die ihnen täglich der ewige Ozean Gottes hielt? Dafür nannte mich der französische Missionar, der bei der Fremdenlegion gedient hatte, „not sociable[38]. Meinetwegen! Der beste Sozius in unserem Leben ist doch auch manchmal das eigene sinnende Ich, wenn es sich weitet zu einem Überich und seelische Tiefen aufzubrechen anfangen. Aber mit diesem Ich mögen so wenige allein sein! Sie müssen immer Menschen und „Unterhaltung“ um sich haben, die doch oft so seicht und fade ist ...

An einem der Wochentagabende war wieder nach den vier services des Sonntags — „prayer-meeting“. Es knieten nebeneinander im Salon die bärtigen Schotten und die glattrasierten Kanadier, und einer nach dem anderen begann ein langes freies und doch gepreßtes Gebet. Ich hielt es lieber mit dem: „Wenn du betest, so geh’ in dein Kämmerlein und schließ’ die Tür zu ...“

Am Freitag regnete es einen halben Tag lang, und wir fuhren in feuchtem Nebelgrau. Passierten wir den Golfstrom? Ich benutzte die Stunden, die man in den Salons zubringen mußte, meine Einführungsrede in mein Amt, das ich sofort nach meiner Ankunft in der Heimat antreten sollte, auf dem freien Ozean auszuarbeiten. Hier war Stille dafür. Salzluft des freien Himmels wehte mit hinein. Plötzlich tutete es zum Rettungsappell. Alles mußte in die Boote. Aber glücklicherweise war es nur Probealarm. Schreckhaft, aber interessant!

Sonnabend nachmittags näherten wir uns der schottischen Küste. Kein einziges Schiff war auf diesem nördlichen Kurs uns auf dem offenen Meer begegnet! Nur fünf Tage hatte die Fahrt auf offener See gedauert; zweieinhalb Tage fuhren wir auf dem St. Lorenz!

Vormittags elf Uhr tauchte zuerst frohbewillkommnet die bergige blaue Küste des grünen Irland auf, an dem wir nördlich vorbeifuhren. Wir hatten also das Ziel richtig gefunden. Möwen umflatterten uns begrüßend wieder zu Hunderten.

Ein letztes Konzert an Bord galt, wie üblich, der Mannschaftskasse. An seinem Ende wurde „God save the king“ gesungen! Jeder hatte dabei aufzustehen. Der Speisesalon war reich mit englischen Flaggen dekoriert. Gegen Abend tauchten auch schon die felsigen, unmittelbar aus dem Meer aufsteigenden malerischen Steilküsten Schottlands mit ihren Schlössern und alten Städten auf. Jetzt redete wieder die alte Welt mit tausendjähriger Geschichte zu uns ...

Den letzten Tag wurde unser Schiff noch ganz blank gestrichen. Temperaturmessen, Loten, Flaggenhochziehen war mir als Landratte immer wichtig ... Dann kam ein letzter himmlisch-klarer Abend bei der Durchfahrt durch die felsige Clydebucht, an deren innerem Ende Glasgow liegt. Ihr Eingang wirkt wie ein norwegischer Fjord. Um elf Uhr abends war es in diesen Juninächten Schottlands noch hell genug zum Lesen ...

Als ich Sonntag früh erwachte, lagen wir bereits fest im Dock in Glasgow mitten zwischen Schuppen und Lagerhäusern. Ebenso prosaisch und klanglos wie die Abfahrt in Montreal war die Landung in Glasgow. Ich war auf dem Boden Seiner britischen Majestät!

Kein Empfang, keine Musik!

Ich betrat wieder europäischen Boden ...

[37] Den Namen soll es von „terra laboratorum“, d. h. Land guter Sklavenarbeiter erhalten haben?!

[38] Nicht gesellig.

Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei, Leipzig.