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Quer durch Amerika

Chapter 4: Wie ich dazu kam.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Wie ich dazu kam.

Ich bin nicht nach Amerika gegangen, weil ich etwa in Deutschland etwas „ausgefressen“ hatte oder hier nicht mehr guttat oder weil es mir bei uns nicht mehr gefiel. Ich wollte auch weder Goldsucher noch Farmer werden noch mich gar drüben reich verheiraten. Sondern daß ich hinüberging, das kam so:

Einst kramte ich als dreizehnjähriger Junge auf unsrer Bodenkammer. Da fand ich zwischen dem Kaufmannsladen, dem Prachtstück aller Weihnachtserwartungen in unsrer Kindheit, der ehrwürdigen Puppenstube meiner Mutter, auf die mein Bruder ein schönes zweites Stockwerk aufgesetzt hatte, so daß nun unten im Erdgeschoß Empfangszimmer, Wohnstube und Damensalon, im ersten aber die Küche mit gelbschwarzen Fliesen und die Schlafzimmer angeordnet waren, einer mit sechs Türmen bewehrten trutzigen Festungsburg, in deren Innerem ganze Regimenter Soldaten verstaut werden konnten und deren dicke Mauern den stärksten Kanonen trotzten, zwischen einem alten wohlabgebrauchten Kinderwagen, dessen Radgestell allein noch intakt war, mehreren Reihen verstaubter Einmachgläser, überzähligen Bettdecken und Federbetten, einem Knäuel Wäscheleinen und dgl. auch einen Kasten voller alter Papiere und vergilbter Karten. Ich war allzeit wißbegierig. Die Papiere waren in vergilbten Umschlägen wohlsortiert, wohlgefaltet und ein wenig wurmstichig, aber in haarfeiner sauberster Schrift geschrieben und alle mit einem seltsamen „Ich“ gezeichnet. Die gelblichen Karten waren sauber auf Leinwand gezogen und wohlnummeriert.

„Ich“ war, wie ich erfuhr, das Signum meines Großvaters mütterlicherseits, Johann Carl H., mit dem er alle seine Schriftstücke, selbstverfaßte Gedichte und Briefschaften an Familienangehörige und nächste liebe Verwandte zu unterzeichnen pflegte. Diesen meinen Großvater habe ich nun zwar selbst nie gekannt. Elf Jahre vor meiner Geburt ist er gestorben. In dem nationalen Unglücksjahr Deutschlands 1806 war er geboren. Als bedächtiger Mann von 42 Jahren hat er meine Großmutter geehelicht, also gerade im Revolutionsjahr 1848, und zwar dazu in der Stadt der Paulskirche und des Parlaments, der er als eines ehrsamen Bürgers Sohn entstammte; aber gespürt habe ich ihn in meinem Fühlen, Reisen und Wandern immer.

Lange Jahre war er auf Wanderschaft in der Welt draußen gewesen. Daher stammten die vielen Karten. Er muß ein sehr genauer und auch recht ästhetisch empfindender Mann gewesen sein, denn haargenau war seine Handschrift, wohlabgezirkelt und klar. Und wohlaufbewahrt sind alle seine Gedichte nach Geburtstagen wohldatiert, nach Weihnachtsfesten und Jubiläen in der Verwandtschaft. Und so wanderte er auch, genau und akkurat in allem, nie ohne Karte — schon vor hundert Jahren! Heute läuft jeder Fünfzehnjährige draußen mit einer Generalstabskarte im Kartenhalter auf der Brust herum, aber damals in der Zeit, wo man noch mit der Postkutsche fuhr und die allerersten Eisenbahnen sich schüchtern hervorwagten, war es ein Zeichen selbständiger Akribie und Bildung.

So hat mein Großvater Bayern, Oberitalien, Nordfrankreich und Belgien durchwandert. Wie anders lagen damals noch die Grenzen Europas. Da gab es noch kein Deutsches Reich! Preußen und Bayern lagen noch wie auf zwei verschiedenen Halbkugeln der Erde. Und die freie Reichsstadt Frankfurt a. M. lag stolz und selbständig mitten innen, und ihr weißer Adler auf rotem Grunde regte noch seine eigenen Schwingen! Das habsburgische Österreich aber reichte weit und mächtig gebietend bis tief nach Oberitalien hinein. Mailand und Venedig waren Habsburg untertan. Als ein letzter Rest von jenem Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging! Belgien war noch kein blutiger Feind für das deutsche Volk, sondern Brüssel ein klein Paris, zu dem der lernbegierige und nach Bildung und feiner Form strebende junge Frankfurter der Biedermeierzeit bewundernd aufsah.

Blut soll ja dicker als Wasser sein. Blut der Vorfahren rollt in unseren Adern, mehr als wir ahnen, und bestimmt uns vielleicht öfter, als wir es uns vorzustellen wagen. Denn wir kommen uns doch immer so frei und selbständig vor! Je mehr wir aber die Eigenart unsrer Ahnen studieren, um so mehr verstehen wir uns selbst und um so mehr erkennen wir, wieviel wir von ihnen ererbt haben. Es war derselbe Großvater, der nach seinem Dienst auf dem freien Frankfurter „Römer“ mit seinen Kindern fast täglich nachmittags in den Stadtwald ging und sie des Abends auf die Waldwiese leitete, wenn das Wild heraustrat zu äsen, der mit ihnen des Sonnabends und Sonntags zu Fuß in das nahe Taunusgebirge zog, als noch keine überfüllten Bahnzüge leicht und schnell Zehntausende dahinführten. Es war derselbe Großvater, der eine echte Schwäbin heimführte, und deren Tochter wieder aus ganz andrer Ecke Deutschlands von der Wasserkante aus altem friesischen Bauerngeschlecht. So wurde in mir Süd, Nord und Mitte Deutschlands wohlverbunden, noch ehe ich auf die Welt kam.

Was Wunder, daß es mich nun in meiner Jugend in alle Gaue Deutschlands zog, daß ich in der Schwabenheimat mich zu Hause fühlte wie kaum wo sonst und daselbst anfing zu studieren! Und daß ich durchaus an der Wasserkante mein erstes Amt versah! Was wunder, daß Schwarzwald und Nordsee mich gleicherweise beglückten und ich aber auch gleich dem Großvater nicht ruhte, bis ich alle Gebirge Deutschlands schon in der Jugend durchwandert hatte. Wir Jungen standen als Obersekundaner auf dem Donon und dem Sulzer Belchen, als die Welt noch an keinen Weltkrieg dachte, auf dem Brocken und dem Kickelhahn, auf der schwäbischen Alb und dem fränkischen Jura als Studenten. Waren das nicht immer noch die Karten des Großvaters, die in mir rumorten?

Merkwürdig, als ich noch in Quarta war, da war, wie meine Zensurbücher ausweisen, mein allerbestes Fach natürlich die Geographie, wo ich sehr oft eine blanke Eins bekam. Die Städte an der Elbe konnte ich damals besonders gut und rasch bei unserm Geographielehrer — von dem ich noch nicht ahnen konnte, daß er nach beinahe zwanzig Jahren ganz woanders zum Oheim meiner künftigen Frau werden würde! — herunterschnurren, als noch niemand mir zu prophezeien wagte, daß ich ausgerechnet in einer unter ihnen, dem unvergleichlichen Dresden, mein Domizil aufschlagen und von einer andern aus in die neue Welt fahren würde. Es liegen anscheinend mehr Weissagungen schon in unsrer Jugend verborgen, als wir oft auch nur zu ahnen wagen würden.

So kam für mich die Zeit, da es in Deutschland anscheinend nichts mehr zu durchwandern gab. Nun mußte man eben als guter Deutscher ins Ausland gehen. Denn das Ausland gilt dem rechten Deutschen immer mehr als die Heimat! War es uns nicht auch, auch wenn nicht schon die Abstammung dahingewiesen hätte, immer in der Schule an den Großen eingeprägt worden, was sie nicht erlernt, das hätten sie erwandert?! Und beim Wandern lerne man mehr als in der besten Lehre! Sollen nicht in guter Reihenfolge in jedes rechtschaffenen Menschen Lauf auf Lehrjahre Wanderjahre folgen? Auch schon darum durfte ich von dieser Regel nicht abgehen.

Aber wohin ins Ausland? Meine Examina waren gemacht, der Eintritt in den Beruf stand bevor. Dazwischen hinein ließ sich noch das Ausland einschieben, selbst auf die Gefahr hin, daß man ein oder zwei Dienstjahre später einrückte. Die Jugend hat Idealismus! Nur nicht zu pedantisch! Was kümmern zwei Jahre? Der Trott in den wohlausgefahrenen Dienstgeleisen konnte noch bald und lange genug kommen! Also hielt mich nichts! „Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir erblüht!“ Dem jungen Menschen steht die ganze Welt offen. Der Alpdruck der Prüfungen war überwunden; die Tore der neuen Lebenszwingburgen hatten sich noch nicht aufgetan. Zum letztenmal war man noch ungebunden und jung. Also hinaus in die Welt!

So war es mir fast zur Selbstverständlichkeit geworden: Ich gehe ins Ausland. Gleich, wohin! Nur einmal hinaus! Einer meiner Ahnen ist als württembergischer Gefolgsmann Napoleons I. in Rußland geblieben. Aber an Rußland — war es zu bolschewistisch? — dachte ich gar nicht. Südwärts oder westwärts konnte es gehen, in die alte oder in die neue Welt!

Den humanistisch einst wohlgebildeten Gymnasiasten lockte Italien und Griechenland, das heilige Land oder Ägypten! Nun waren wir als Oberprimaner schon einmal bis zum Gardasee vorgedrungen und hatten — ich weiß es noch gut — als gute Deutsche vom Gardasee die erste, natürlich italienisch geschriebene Postkarte nach Hause gesandt. Als Studenten waren wir bis ans römische Forum und bis zu St. Peter gekommen, tasteten uns durch die Kallistkatakomben und besichtigten eingehend alle heiligen sieben Mutterkirchen Roms. Jetzt hätte es heißen müssen: Athen oder Jerusalem! Das wäre ein folgerichtiger Bildungsgang gewesen. Aber so folgerichtig geht’s nicht immer im Leben. Das Leben enthält vielmehr Zufälle und Sprünge — und hinterher scheinen sie auch ganz folgerichtig zu sein! Wer weiß, ob mir nicht die neue Welt beschieden war!

Ich arbeitete damals gerade an den Schriften eines bedeutenden amerikanischen Psychologen, um auf echte deutsche Art ihn zu einer Doktordissertation zu „verarbeiten“. Aber nicht bloß der Geist, auch das Blut drängte nach Amerika. Zwei Schwestern meines Vaters waren schon früh in ihrem Leben nach Neuyork übergesiedelt und waren „Bindestrich-Amerikaner“ geworden, wie Wilson die Deutschamerikaner im Weltkriege so geschmackvoll zu definieren beliebt hat. Beide hatten sich mit ihren Männern und Familien der Musik verschrieben, die eine schrieb allerlei in Zeitungen und Romanen.

Aber wie nach Amerika kommen? Ebenso wie zum Kriege gehört zum Reisen Geld und nochmals Geld und zum dritten Male Geld. Erst recht ins Land des Dollars. Aber daran fehlt’s gewöhnlich gerade denen, die es ganz ideal zu verwenden am ehrlichsten geloben könnten. Sollte ich als blinder Passagier hinüberfahren? Aber das war zu unsicher und mir auch nicht „ehrlich“ genug. Und wie hätte das drüben weitergehen sollen? Oder vielleicht als Kohlenschipper? Dazu fehlten mir Muskeln und Übung. Eine studierte Schreiberseele führt schlecht die Schaufel. Auch sieht man bei dieser nützlichen, wenn auch rußigen Tätigkeit zu wenig vom Meer und seinen Schönheiten. Aber vielleicht als Steward? Nicht, daß mich ein falscher Standeshochmut abgeschreckt hätte. Ist doch heute dem Werkstudenten alles recht und billig und hatte ich auch eine liebe und treffliche entfernte Verwandte, die fast neunzigjährig starb, mit fünfundzwanzigjährigem Fahren auf einem großen Lloyddampfer ein kleines Vermögen für ihre alten Tage verdient, das sie bis ans Ende ehrlich ernährte. Aber ob ich bei tüchtigem Seegang nicht alle Tassen und Teller hinwerfen würde? Dafür konnte ich keine Garantie übernehmen. Davor hätte auch kein Studium der Philosophie oder was sonst mich bewahrt, wenn ich auch als kleiner Junge daheim zeitweilig mit Vorliebe den Tisch gedeckt und gleich meinem Ältesten heute mit Vorliebe in der Mutter Puppenstube die Möbel umgeräumt habe und noch heute am liebsten immer selbst angebe, wie und wo die Möbel stehen sollen. Also etwas Anlage zum Steward lag vielleicht auch in mir, aber ob sie reichte?

Ich fing es lieber doch so an, wie es zunächst meiner Lehre entsprach, und hielt es mit dem Sprichwort: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Vielleicht glückte es irgendwo in amerikanischen Wüsten oder Küsten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Hauslehrer in einer wohlhabenderen deutschen Familie zu werden? Die würden dann schon das Reisegeld schicken.

Ich war damals dabei, wie gesagt, meinen Doktor rechtschaffen mit dem amerikanischen Psychologen zu bauen. Während ich morgens über Spinoza, Kant und Hegel nachdachte, mein Hirn mit den Problemen der „Kritik der reinen Vernunft“ strapazierte, hielt ich es des Nachmittags ein wenig mehr mit der „praktischen Vernunft“ und schrieb Briefe und Bewerbungen in alle Welt hinaus, wo nur ein Privatlehrer, Erzieher, Lehrer oder wer weiß was gesucht wurde; wo es war, war mir gleich, mochte es Kairo oder Konstantinopel, Chikago oder Tokio sein. Nur wurde in entfernteren Ländern meist eine mehrjährige Verpflichtung verlangt! So ernst wollte ich es aber gar nicht mit dem Auswandern nehmen. Etwa auf fünf Jahre mich zu verpflichten, schien mir sehr gewagt und viel zu lang. Wie lang erscheinen fünf Jahre der Jugend! Die Auslandsfahrt sollte mehr nur so ein recht großer Ausflug zwischen Examen und Berufsbeginn sein, so ein bißchen Globetrotter auf Zeit ...

Da lese ich eines Tages in einer unsrer Zeitschriften ein großes amerikanisches Stipendium gerade der Universität ausgeschrieben, an der mein Doktorthema noch als lebendiger Mensch und angesehener Professor lebte und lehrte. Es war mir sofort so, wie wenn jemand zu mir gesagt hätte: „Das ist für dich, schreib nur hin — du kriegst das.“ Man soll doch manchmal ruhig etwas auf vernünftige Ahndungen und Eingebungen halten!

Ich schrieb also hübsch sauber, wie sich das in solchen Fällen wohl gehört, auf einen blanken Foliobogen meinen Lebenslauf und auf andere meine Zeugnisse, ließ einige Bittbriefe an hohe und gelehrte Herren in Deutschland, die mir trauten und drüben etwas galten, aus dem stillen idyllischen Universitätsstädtlein, in dem ich saß, in die Welt hinausflattern. Und die hohen und gelehrten Herren hatten alle ein gutes und wohlwollendes Herz und stimmten offenbar dem Willen zu den „Wanderjahren“ in mir aufrichtig zu und müssen mich wohl recht dem hohen amerikanischen Universitätskuratorium empfohlen haben ... denn nach einigen Wochen kriegte ich es wirklich, wie ich es gleich in mir gefühlt hatte. Ein Telegramm hatte es mir vorher per Kabel — NB: jedes Wort kostete eine Mark! — angezeigt. Aber auch ohne das wußte ich es innerlich schon längst, seit ich die Ausschreibung gelesen hatte. So also kam es, daß ich nach Amerika hinüberging, obwohl mir das nötige Reisegeld durchaus dazu fehlte. Ein bißchen Glück gehört eben auch zum Leben immer dazu.

Als ich meinem besten Freunde die Entscheidung mitteilte, da sagte er bloß trocken: „Nun mußt du hin!“ Ja, nun mußte ich hin! Da fühlte ich zum erstenmal, daß es doch ein Entschluß war, als junger Mensch allein in die neue Welt zu fahren. Was würde ich alles sehen? Was alles erleben? Ich freute mich unbändig.

Viele sagen, das Schönste am Verreisen sei das Plänemachen. Da ist auch sicher etwas daran. Die Vorfreude auf Weihnachten ist ja oft schöner als nachher Weihnachten selbst. Wie manchmal stieg es bei den Vorbereitungen heiß in mir herauf: „Jetzt wird es ernst!“ Alle die fremden Menschen und Städte, die fremde Sprache tauchten wie flimmernde Bilder vor der Seele auf, und mitten hinein rauschte schon das gewaltige Meer ...

Meinem Vater war es nicht ganz recht. Er hielt es mehr mit dem weisen Wort: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ Es wäre ja nun auch an der Zeit gewesen, selbst daheim Geld zu verdienen, statt neues auszugeben. Aber da er selbst an der Wasserkante aufgewachsen war, steckte auch in ihm genug Hanseatengeist, um sich schnell damit abzufinden.

Vor allem lernte ich zunächst fleißig wieder Englisch, denn der rechte Deutsche setzt doch seinen Stolz darein, firm in der fremden Sprache an den fremden Strand zu treten. Die englischen Schulbücher wurden wieder hervorgeholt und emsig Vokabeln und unregelmäßige Verba gepaukt: „think — thought — thought, fall — fell — fallen usw.“. Dazu las ich englische Schriftsteller der Schulzeit noch einmal: Kipling und Irving, ein bißchen Walter Scott und Shakespeare, den mir ein alter lieber Professor, der von den Hugenotten stammte, auslieh, und zum Überfluß ging ich als großer Mensch noch einmal in eine Sprachprivatschule, um nicht nur Wörter und Sätze zu verstehen, sondern auch sprechen zu können und eine gute Aussprache zu haben. Wie begeistert war einst mein Bruder aus ihr heimgekommen, daß dort der Lehrer gleich englisch angefangen hatte und kein Wort deutsch sprach: „This is a pencil. What is this? A pencil usw.“, indem er belehrend seinen Bleistift zur allgemeinen Ansicht in die Höhe hielt und sich nur durch Zeichen mit seinen Schülern verständigte. Wir in der Schule hatten bieder Deutsch und Englisch durcheinandergeredet und brav erst Vokabeln und Grammatik gelernt. Aber trotz allem — o weh — wie ging es mir zuerst drüben! Ich las zwar ganz flott Bücher und Zeitungen, aber das Verstehen fiel mir doch schwer. Sie redeten drüben nachher alle so schnell! Wie der Wind war es um die Ecke, was sie gesagt hatten! Das Ohr war noch nicht an die fremden Laute gewöhnt. Und mit dem Antworten war es auch nicht so ganz einfach, denn die alleralltäglichsten Redensarten hatte man doch noch nicht gleich fertig auf der Zunge liegen.

Zu Hause wurde währenddem viel für mich genäht; eine ganze Woche war die Näherin, die schon Jahrzehnte in der Familie erlebt, allein für mich da. Dann sollte auch noch ein Reiseanzug herbei, natürlich in Schnitt und Falten etwas „englisch“, desgleichen der Mantel und die Reisemütze. Sie flog mir allerdings gleich am ersten Nachmittag auf See bei einem kräftigen Windstoß an der Ecke des Decks ins Meer, gewiß weil sie zu sehr englisch war. Dahin war dahin, sie ruht nun wohl schon manches Jahr auf dem Grund des Ozeans, wenn sie nicht der Golfstrom wer weiß wohin entführt hat. Aber da ja in der Welt nichts an Stoff und Energie verlorengehen kann, sondern sich höchstens in andere Formen verwandelt, so existiert meine Mütze ganz gewiß auch noch. Nur weiß man nicht, wo und wie. Vielleicht dient sie heute einem Haifischgroßpapa als Kopfkissen beim Mittagsschläfchen oder wem sonst ...

Mein Schiffsbillett hatte ich auch schon bestellt. I. Kajüte war natürlich für mich bescheidenen Nichtsverdiener zu teuer. Blieb Zwischendeck oder „Zweiter“? Es hätte nur verhältnismäßig wenig — ich glaube fünfzig Mark — Unterschied gemacht, wenn ich Zwischendecker geworden wäre. In der Zweiten fuhr man menschlich, sogar mehr wie menschlich, für meine Erstlingsansprüche recht feudal. Ich habe es auch nicht bereut, als ich später das Menschengewürfel von Italienern, Slowaken, Russen und Griechen im Zwischendeck und ihr gegenseitiges Zusammenleben sah!

So gingen die Wochen der Vorbereitung hin. Eines Frühmorgens hieß es um vier Uhr aufstehen. Die Koffer waren längst sorglich gepackt. Ein großer ehrwürdiger Familienkoffer, mit dem schon meine Eltern mit uns Kindern allen vor vielen Jahren an die See gereist waren, für den Gepäckraum, und ein flacherer neuer für unter das Bett zu schieben, wie es die Hapag verlangte. Dann ging es an den Bahnhof, ein letzter Kuß und Händedruck ... Wann und wie würde man sich wiedersehen ...? Eigenartige Gefühle überkommen einen. Man schluckt etwas hinunter ...

Ich fuhr durch das freundliche hessische Land, wie schon so manches Mal. Die so malerisch gelegene hessische Universitätsstadt Marburg grüßte mit ihrem alten Landgrafenschloß und der feinen Kirche der heiligen Elisabeth mich noch einmal als Marburger. Dort oben bei der hohen Pfarrkirche hatte ich in aussichtsreicher Studentenbude gewohnt. Da drüben hatten wir in den alten gotischen Kreuzgewölben zu Füßen unsrer akademischen Lehrer gesessen, und hier oben am Waldsaum waren wir gar manchmal zum Kaffee zum „Hansenhaus“ hinaufgestiegen. Vor Kassel türmte sich hoch oben auf dem Habichtswald der mächtige Herkules über Schloß Wilhelmshöhe ... In Göttingen kreuzte uns der Gegenzug. Ich kannte die Strecke. Als neunjähriger Junge war ich sie zum erstenmal gefahren, als es zur Hochzeit ins große Hamburg ging. Es war damals ein Freitag, weiß ich noch. Sonntags sollte Hochzeit sein. Und am Sonnabend entgleiste derselbe Zug, mit dem wir tags zuvor fuhren, in der Lüneburger Heide, da ein von einem Güterzug gefallener Querbaum die Geleise verbogen hatte. Ein Freitag soll ja immer ein Glückstag oder ein Unglückstag sein. Und mich hatte es nicht getroffen. Diesmal rasten wir ohne Unfall durch die Lüneburger Heide. Sand, Kiefern, Moore ... Blauäugige, blondhaarige Menschen und rotgedeckte Ziegelhäuser flogen an uns vorüber. Dann donnerten wir über die großen Harburger Elbbrücken. In Rauch und Dunst lag Hamburg da. Hoch überragte der schlanke gotische Turm der Nikolaikirche die mächtige Stadt. Links fauchten auf der breiten Elbe die Ostafrikadampfer der Woermann- und der Levantelinie. Ich stellte mir im stillen ihre Maße vor und wünschte mir unser Schiff noch etwas größer. Alles rauchte, fauchte und tutete, die Sirenen heulten. Kleine Boote und Dampfer schossen hin und her ...

Der Hafen war ein Gewirre von Masten und Schornsteinen, großen und kleinen Booten, Ozeandampfern und Elbschiffen, Schleppern und Passagierdampfern. An dem langen Uferkai Lagerhäuser an Lagerhäuser, Brücken, Krane, Kraftwagen ... Welch mächtiger Verkehr! Dann waren wir in die riesige Halle des neuen Hamburger Hauptbahnhofes eingefahren. Nun gab es kein Zurück mehr. In zwei Tagen ging es über den Atlantischen Ozean ...