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Quer durch Amerika

Chapter 6: Auf dem Atlantischen Ozean.
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About This Book

A travel diary chronicling a year of journeys across North America, beginning with the transatlantic voyage and urban arrival on the Atlantic coast and proceeding westward by rail and sea. Detailed vignettes portray major cities, university life, industrial districts, religious communities, and immigrant neighborhoods; excursions cover waterfalls, prairies, mountain passes, deserts, canyons, and Pacific beaches. Practical travel notes and cultural reflection alternate, with attention to campus rituals and sporting events, urban entertainments, and social contrasts, plus firsthand encounters with Indigenous and Mormon communities and descriptions of technological and natural landscapes encountered en route.

Auf dem Atlantischen Ozean.

Es begann das regelmäßige Leben an Bord.

Am Mittag war das Meer tiefblau, am Abend nach Sonnenuntergang aber wurde es tiefgrün. Der aufkommende Wind rüttelte an Tauen und Segeltüchern. Purpurrot war die Sonne im Westen versunken ...

Silberne Streifen warf bald der Mond über das Wasser. Rings ein chaotisches Wasserrund. Welche Fluten erfüllen doch die Erde! Von fern her blitzten die Leuchtfeuer von den deutschen Inseln ...

Wir waren jetzt etwa auf der Höhe von Borkum. Helgoland war zu weit ab und nicht sichtbar. Das Schiff ging noch immer sicher und ruhig, obwohl ringsum schon weiße Kämme aufspritzten. Viele, die bereits mehrmals herüber und hinüber gefahren waren, rühmten unsern „alten Kasten“ sehr, er fahre zwar nicht so rasch wie die großen Schnelldampfer, aber dafür ruhiger und sicherer, zumal wenn er wie diesmal voll und schwer geladen sei ...

Es trompetete zum Abendessen. Nach der salzigen Seeluft schmeckte das Essen jedesmal vorzüglich. Die Stewardbordkapelle spielte dazu flotte Weisen im Speisesaal. Die Stewards erwiesen sich überhaupt als recht vielseitige Burschen. Erst traten sie als galante Pagen und Kofferträger auf, dann waren sie Zimmermädel in Hosen und servierende Kellner, für jeden Wunsch und jede Laune dienstfertig bereit, und zuletzt talentvolle Musikanten. Alle Achtung vor solcher Vielseitigkeit! Aber welche Versuchung zur Unzufriedenheit für sie, während ihrer Arbeit um sich ständig nur nichtstuende, schmausende, scherzende, geldverzehrende und vergnügungssüchtige Menschen zu sehen! Denn daß wir Passagiere vor und nach unsrer Seefahrt auch etwas Rechtschaffenes arbeiteten, das sahen sie ja nicht, und vielleicht glaubten sie es auch nicht. In ihren Augen waren wir alle „reiche“ und nichtstuende Leute.

Als man vom Abendkonzert vor Schlafengehen noch einmal auf Deck kam, rauschte rings um uns ein tiefschwarzes Meer. Man hatte in den erleuchteten Gängen und Sälen fast vergessen, daß man auf dem weiten Meere schwamm ...

Es kam die erste Nacht. Ich konnte mich gar nicht genug wundern, wie seelenruhig man sich in sein Bett legte. Freilich sah man einmal der Ordnung wegen nach, wo die Rettungsgurten lagen. Ganz Ängstliche haben sie wohl auch einmal heimlich, wenn sonst niemand in der Kabine war, „für alle Fälle“ anprobiert. Der schreckliche Untergang der „Titanik“ oder die Torpedierung der „Lusitania“ mit ihren etwa 1500 im Wasser versinkenden Menschen hat uns Bilder genug des Schreckens vor Augen gemalt! Ich wußte mich auch aus meiner Kindheit eines schweren Zusammenstoßes eines Bremer Lloyddampfers mit einem englischen Kohlendampfer im Nebel des Kanals sehr wohl zu entsinnen. Der Engländer hatte von der Seite kommend und mit Kurs nach Frankreich den im Kanal längsfahrenden Lloyddampfer mitten entzweigeschnitten. Eine einzige Dame, eine Bremerin, dazu noch eine gute Bekannte unsrer Familie, war damals gerettet worden.

Rechtzeitig pflegte ich immer mein Oberbett zu erklimmen, denn das lange Spielen, Trinken und Rauchen der Herren liebte ich gar nicht. Mit mir ging gewöhnlich der kleine ältliche Wiener schlafen, der ja seine Tochter besuchen wollte und der nachher noch sehr unter der Seekrankheit litt. Er pflegte sich aus Vorsicht gar nicht ganz auszukleiden. Gut, daß er unten und ich oben schlief, denn die See hatte es ihm bald angetan! Der Chikagoer, der kein Deutsch verstand, sondern nur „good morning“ und „good night“ sagte, kam gewöhnlich erst ein oder zwei Stunden später herein, und zu allerletzt und oft wohlgeladen wie unser getreues Schiff, aber doch nicht so ruhigen Kurses wie es, kam der deutsche Philadelphier, der glücklicherweise nicht nach oben zu klimmen hatte. Er hatte seine Wahl recht getroffen. Mit einem mächtigen Plumps fiel er auf seine Lagerstatt. So schlief man nicht eher ein, bis alle Mann an Bord der Kabine waren. Zudem leuchtete über der offenen Türluke der helle Schein der Ganglampen herein, so daß es in der Kabine nie recht finster wurde. Außerdem lag neben unsrer Kabine, die freilich mittschiffs nicht weit vom Maschinenraum am wenigsten die Bewegungen des Schiffs verspüren ließ, einer der Schlafräume der Stewards, die abends nach ihrem Dienst und früh vor ihrem Aufstehen einen Heidenlärm machten. Da wurde gelacht, getanzt, gescherzt, Mundharmonika gespielt und fröhlich gesungen. Ich gönnte ihnen ihre Lustigkeit und Munterkeit von Herzen und wollte mich auch nicht griesgrämig beschweren; nur beförderte ihr Treiben gerade den ersehnten Schlaf nicht. So lag ich oft noch manche Stunde wach und sah gleichsam zum Lohn dadurch auf einmal, wie — ich traute meinen Augen nicht — gemächlich vom Gang herein oben durch die breite Türluke eine große, feiste Ratte in unsre Kabine hereinspaziert kam, an den Holzleisten der Wandverschalung gemächlich entlanglief und dann auf demselben Wege wieder verschwand. Nach andern Nächten fand ich sogar ihre Grüße und Spuren auf meiner weißen Bettdecke, die ihr vielleicht bei leerer Kabine als Ruheplatz diente. Sie hatte also, nach den Spuren zu schließen, während wir von den Wellen gewiegt selig schliefen, uns sehr nahe Besuche abgestattet. Nach dieser Entdeckung hielt ich es für ratsam, abends beim Emporklimmen in die „upper berth“ wenigstens einen Pantoffel mitzunehmen und ihn als schußbereite Waffe in der Hand haltend einzuschlummern und hatte so das sichere Gefühl, gegen etwaige noch nähere Besuche der nächtlichen Freundin notdürftig gewappnet zu sein. Als ich meine Entdeckung erstaunt am andern Morgen dem Kammersteward mitteilte, meinte er lakonisch: „Ratten gibt’s auf jedem Schiff.“ Und erfahrene Seereisende trösteten mich mit der Weisheit: „Nur ein sinkendes Schiff verlassen die Ratten.“ Zum runden Kammerfenster aber wehte die ganze Nacht erfrischend luftiger Nordwest herein, so daß man immer Seeluft genoß. Mußten freilich die Luken wegen hohen Wellengangs einmal geschlossen werden, dann entwickelte sich bald eine recht dumpfe Atmosphäre, untermischt mit allerlei Küchen- und andern Dünsten.

Früh halb sechs verließ ich meist als erster schon unsre Kabine, oft drei bis vier Stunden vor dem gutgeladenen Philadelphier. Kam man aufs Deck hinauf, so war da oben gewöhnlich noch groß Reinemachen. Das Schiff schwamm nicht bloß von unten her, sondern auch in Strömen von oben. Matrosen barfuß, in hochgekrempelten Hosen, spritzten und gossen mit Eimern und Schläuchen, wuschen und scheuerten, daß es nur so eine Art hatte ... Sie sahen es auch gar nicht gern, wenn man gar zu früh schon ihre Arbeit inspizierte. Aber gerade die Morgenstunden waren besonders schön auf Deck. Die Sonne und das Meer glänzten noch heller und frischer als sonst. Frei und unbehindert durch die vielen Mitreisenden konnte man sich überall ergehen vom Hinterdeck an, wo gelotet wurde, wieviel Faden wir liefen, bis zum Bug, wo man wie auf scharfkantiger Bastion das hochaufspritzende Wasser durchschnitt, das unwillig dem hochbordigen Schiff sich entgegenwarf.

Wir fuhren jetzt in Höhe von Holland. Der Wellengang hatte zugenommen. Das Schiff stieg hinten und vorn recht erheblich auf und nieder. Schon fehlten einige der Bekannten am Frühstückstisch; andere schlichen mit ängstlichen und bleichen Gesichtern umher, drückten sich möglichst in der Nähe der Schornsteine auf ihrem Deckstuhl in die Ecke oder eilten ein ums andre Mal verstohlen an die Reeling, um Poseidon zu opfern ... Wir andern machten tapfer unsre Runde, zwanzig Deckrunden, um — wie ein munteres Fräulein neben mir spottete — „uns die Seekrankheit auszulaufen“.

In der Tat läßt sich, glaube ich, mit ein bißchen festem Willen viel gegen die Seekrankheit machen. Viele werden zweifellos bloß aus Angst oder vom Sehen seekrank. Es ist wohl auch ein Stück Anlage, ob man ihr leicht erliegt oder nicht. Es soll ja sogar alte Kapitäne geben, die sie bei jeder halbwegs unruhigen Fahrt immer wieder packt. Gar spaßig waren die weisen Unterhaltungen und mancherlei Ratschläge darüber zu hören. So rieten die einen: „Immer tüchtig essen, aber ja nichts trinken!“ Die andern mit scheinbar einfacher Logik: „Den Magen ganz leer lassen, dann hat er kein Material zum ...!“ Wieder andere mit medizinischer Kennermiene: „Nur einen Kognak trinken, aber sonst nichts genießen!“ Die vierten meinten besonders ängstlichen Damen gegenüber: „Ruhig hinlegen und die Augen fest schließen und an etwas Schönes denken, das hilft!“ Wieder andere: „Hinlegen, aber die Augen gen Himmel richten und nur nicht aufs Wasser sehen!“ Auch ein Rat aus der Praxis! Die sechsten aber mahnten zum Gegenteil: „Immer tüchtig herumlaufen, viel lachen und spielen!“ Die siebenten ergänzten gar dazu: „Nur nicht hinuntergehen in die dumpfe Kabinenluft, da kriegt man es gleich!“ Und noch andere: „Recht lange im Bett liegen bleiben, da spürt man das Stampfen und Rollen nicht so sehr!“ Endlich die letzten orakelten: „Man muß einfach weder davon reden noch daran denken“ — und doch sprachen bald alle davon, von dem einen Thema, die einen offen, die andern verstohlen. Und wer nicht davon sprach, der dachte daran.

Jeder versah sich auf seine Weise „für alle Fälle“ mit einem guten Rat. So spotteten die einen und lachten, die andern verkrochen und fürchteten sich. Ich selbst philosophierte über die Möglichkeit einer seekranklosen Lage und fand sie in einer kardanisch, d. h. von oben zentral wie eine Hängelampe aufgehängten Hängematte, die sofort vermöge des Gewichts des darin liegenden Menschen alle Schwankungen des Schiffs korrigierte und darum stets in der richtigen, zum Erdmittelpunkt zentripetalen Lage bleibt! Leider bin ich nur bis heute noch nicht zur Patentierung meiner Erfindung gekommen ... Möchte auch jeden Leser vor ihrer vorzeitigen Ausbeutung warnen!

Gegen 11 Uhr fuhren wir auf der Höhe von Dover. Deutlich zeichneten sich rechter Hand die weißen Kreidefelsen der englischen Küste ab. Wer noch ungebrochener Gesundheit war, schrieb eifrig im Speisesaal, Rauchsalon oder Spielzimmer Briefe und Karten an die Lieben daheim, denn in Boulogne-sur-mer wurde von einem französischen Tender Post abgenommen. Ich konnte noch immer unter anderem stolz berichten: „Nicht seekrank!“ Und ich habe mit festem Willen und einer ungeänderten Lebensweise bis zuletzt auch gut „durchgehalten.“

So näherten wir uns langsam von Albions stolzer Küste hinüber dem Land der uns so sehr liebenden Franzosen. Bald erkannte man durchs Glas Wiesen und weidende Rinderherden ...! Eine eigentümliche Sehnsucht nach Land entstand in mir. Die reichlich vierundzwanzig Stunden, die wir jetzt unterwegs waren, dünkten mich wegen der vielen neuen Eindrücke ebensoviel Tage zu sein.

Um Mittag hielten wir weit draußen auf der Reede von Boulogne. Unsre Sirenen heulten mehrmals laut hinüber, daß wir da wären. Still stand der weithin sichtbare Leuchtturm auf seiner stolzen Höhe, aber der Tender mit den Parisern ließ noch eine ganze Weile auf sich warten. Fast zwei Stunden zu früh waren wir angekommen. So rasch war unser alter Kasten gefahren! Während wir still lagen, ließ sich drüben der französische Strand mit seinen großen Hotels, seinen vielen Strandkarren und die Kuppel der katholischen Kathedrale gut durchs Glas erkennen. Endlich kam auch tüchtig auf und nieder tanzend der französische Tender herübergedampft.

Es war ein kleines Kunststück, die Passagiere heil zu übernehmen. „Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ Nach dieser Weise kamen sie alle zu uns herauf. Die Matrosen hatten dabei allerlei Arbeit. Zuletzt wurden wiederum die Koffer im Krannetz hoch über dem freien Wasser schaukelnd herüberbalanciert. Dann flogen unsre Postsäcke hinüber — und der Franzose drehte wieder um ...

Es war 4 Uhr nachmittags geworden, als wir uns wieder der englischen Küste näherten. Abends winkten uns die langen Lichterreihen von Southampton, der paradiesischen Insel Wight und dem Kriegshafen Plymouth, der so groß ist, daß er die ganze englische Kriegsflotte in sich aufnehmen kann. Wie „fliegende Holländer“ glitten im Dunkel bald näher, bald ferner kleinere Küstendampfer mit grünen und roten Signallichtern an uns vorüber. Am Himmel aber standen ruhig und feierlich die blitzenden Sterne ...

Mit Anbruch des nächsten Tages passierten wir den letzten Punkt Europas, die felsigen Szillyinseln. Der Leuchtturm Eddystone, an dem hoch die schäumende Gischt emporbrandete, entbot den allerletzten Scheidegruß Europas. Nun würden wir kein Land mehr sehen bis zur Küste der Neuen Welt. Wir fuhren jetzt erst in den offenen Atlantik hinein.

Länger und höher wurden die Wellenzüge. Bis zur halben Schiffslänge tauchte unser Schiff in die Wellentäler, um dann gehorsam vom nächsten Wellenberg wieder aufzusteigen. Ein ewiger, erhabener Rhythmus. Wir hatten unsre Deckstühle ziemlich weit hinten und sausten dabei manchmal recht tüchtig und plötzlich mit ihnen in die Tiefe. Das Rundengehen war aufgegeben, denn man mußte zu oft einhalten und sich festklammern. Man lag lieber und las, so gut es ging. Das muntere spottende Fräulein lag dicht neben mir. Nicht lange — so entpuppte sie sich als Kusine einer meiner liebsten Studienfreunde, als eine muntere Badenserin aus dem schönen Freiburg im Breisgau. In Neuyork wollte sie ihren unverheirateten Onkel aufsuchen, ihm den Haushalt führen und, wenn möglich, sich drüben gut verheiraten. Gewiß hat sie es inzwischen auch getan.

Wir haben auf der ganzen Reise zusammen viel Spaß gehabt. Sie gab mir ihre Bücher zum Lesen und ich ihr die meinigen. Dann tauschten wir unsre Urteile ungehemmt aus. Vielleicht hat unser gegenseitiges helles Lachen und Fröhlichsein auch als Medizin gegen die seasickness gewirkt, der immer mehr Passagiere erlagen. Immer leerer wurden die Decks und Speisesäle, immer lauter das Seufzen der Seekranken. Auch uns hob es manchmal so ganz eigentümlich von unten herauf ... Ich las jetzt mit viel Interesse aus der Schiffsbibliothek die trefflichen Werke von Professor Hötzsch, Lamprecht und Münsterberg über „Amerika und die Amerikaner“ und wurde so auf meine Studienfahrt durch die Union aufs beste und zugleich geistvollste vorbereitet.

Mehr und mehr Schiffsreisende hatte man kennengelernt. Alle Schichten waren dabei vertreten: Farmer, Schauspieler, Sänger, Zirkusleute, Familien mit Kind und Kegel, die schon lange drüben waren und nur vom Verwandtenbesuchen heimkehrten, und einzelne, die zum erstenmal hinüberwollten, wie meine Partnerin, Deutsche und Stockamerikaner bunt durcheinander. Ebenso sprachlich gemischt war am Tisch meist die Unterhaltung, aber das Deutsche herrschte doch noch entschieden vor.

Jeden Tag war das Meer anders. Bald bewegt, bald glatt wie ein Spiegel, aus dem lustig Delphine in hohem Bogen emporsprangen. Manche wünschten sich prahlerisch „mal so einen richtigen Sturm“ zu erleben! Aber es kam keiner. Dazu war es noch zu sommerlich in der Jahreszeit.

Eines Morgens ½7 überholte uns eins der schönsten deutschen Schiffe, die „Kronprinzessin Cecilie“. Rauschend wie eine Königin fuhr sie an uns vorüber, eine mächtige Schleppe quirlender Wasser hinter sich lassend. War das ein Grüßen, Winken, Rufen und Jubeln hinüber und herüber! Aber so schnell wie sie gekommen, war sie auch wieder vor uns verschwunden. Mehr als doppelt so groß wie wir war sie und auch fast doppelt so schnell fuhr sie. Später rückte von rückwärts her die „Adriatic“ von der White-Star-Linie an unsre Seite, um geraume Zeit vor uns in Neuyork einzutreffen. Aber uns kümmerte das nicht. Im Gegenteil, je länger auf dem Meer, desto schöner. Ich hatte ja nichts zu versäumen. Allerlei Spiele — solange man nicht aß, lief, las, lag oder saß — vertrieben schnell die Zeit. Auf Deck spielten sie „shuffle-board“, eine Art Deckkegelspiel, Ringwerfen, richtigen Nachlauf und „Kriegen“. Eine Gruppe handfester norddeutscher Burschen übte sogar „Schinkenkloppen“ zur größten Heiterkeit aller eifrig Spalier bildenden deutschen und amerikanischen Dämchen. Je tüchtiger es auf den gestrammten Hosen klappte und je seltener einer den Missetäter herausfand, desto lauter wurde das Vergnügen. Im Rauchzimmer saßen die ganz unentwegten Skatdrescher, von denen einer kurz vor der Ankunft in Neuyork mit den bezeichnenden Worten aufs Deck trat: „Jetzt muß ich mir schnell noch einmal das Meer ansehen.“ Tabaksqualm und ein Schoppen frisch Angestecktes ging doch über alles ...

Zweimal war auch abends Bordfest. Die Decks waren mit Segeltüchern geschützt und alles mit Glühbirnen, Wimpeln und Flaggen umzogen. Und zu den fröhlichen Weisen der Bordkapelle drehten sich bis Mitternacht tanzlustig die Paare ...

Keinen Tag fehlte auch die Bordzeitung, die täglich neu in der Borddruckerei mit den neuesten drahtlosen Depeschen aus aller Welt gedruckt wurde. Die Bordzeitung brachte auch Bilder und einen fortlaufenden Roman! Großes Interesse erregte auch jedesmal die Bekanntgabe der täglich zurückgelegten Meilenzahl, die gewöhnlich nach dem Mittagessen erfolgte: Meist liefen wir pro Tag zwischen 320 und 340 Seemeilen, legten also etwa eine Entfernung wie von Dresden nach Hamburg täglich zurück, die freilich der Schnellzug in einem Drittel der Zeit meisterte. In künftigen Zeiten wird man mit dem Zeppelin etwa vier- bis fünfmal so schnell nach Amerika fliegen, als unser alter Kasten lief. Aber Kolumbus hätte schon unsre 11 Tage Überfahrt als unerhörten Rekord empfunden. Es ist ja alles in der Welt nur relativ!

Ehe die Bouillon zum zweiten Frühstück auf Deck gereicht wurde, pflegten der Kapitän, der Erste Offizier und der Schiffsarzt ihre Runde zu machen und mit jedem Passagier ein kurzes freundliches Wort zu wechseln ...

Sonst passierte nichts von Bedeutung. Nur einem Unglücksraben unter den Mitreisenden wurde seine gesamte Barschaft von elfhundert Mark gestohlen. Tags zuvor hatte er erzählt, daß er davon drüben eine kleine Farm kaufen wolle. Wie sollte man den Dieb ausfindig machen? Was wurde nun aus dem Armen und seinen Plänen?

Regelmäßig verlief unser Leben. Aus Abend und Morgen wurde stets ein andrer Tag geboren. Die Tage hatten ihre Stunden, unter denen die Mahlzeiten immer die wichtigsten und frohbegrüßten festen Punkte waren. Mit Essen, Schlafen, Spielen, Lesen und Unterhalten ging die Zeit hin. Aber das Meer selbst wurde man nie müde:

Der Sturm singt mir das Schlummerlied,
Die Woge wiegt mich ein;
Das Schiff sanft seine Bahnen zieht
Im Ozean allein.
Wie braust der Wind in Mast und Tau,
Wie rauscht es in den Wänden!
Und droben ruht des Himmels Blau
In friedlichen Geländen.
Weiß spritzt die Gischt und quirlt und schäumt,
Ein rollend wallend Brüllen; —
Das Aug’ in Weltenferne träumt,
Wo Nebel Zukunft hüllen ...

Der Ozean mit seiner unergründlichen Weite und unbezwinglichen Majestät regte immer zu neuen und großen Gedanken an. Aber dazu mußte man auf ihm auch Stunden allein verbringen können, nicht wie die Skatdrescher und Schinkenklopper. Gegen Abend, wenn die Sonne in die Goldbronze des Meers tauchte, dann wurde es mir immer besonders feierlich zumute. Noch glühte der Abendhimmel wie von einem Weltbrand erleuchtet. Auf den Wellen spielte Silber und Gold, eine märchenhafte Pracht. Jede Woge war wie ein heranrollendes Gebirge, jeder Wellenberg wie eine Farbensymphonie. Aus dem langsam blauschwarz verdunkelnden Himmel aber blitzten die ersten Sterne auf. Rötlich stieg langsam der Mars empor und warf eine matte Lichtstraße über das Wasser. Zuletzt leuchtete das Siebengestirn des großen Wagens in voller Majestät. Welche Abendpracht über der Wasserwüste!

Eine wahrhaft grandiose Einsamkeit sprach zu einem, wie man sie ähnlich nur auf den Schneehäuptern des Hochgebirges erleben kann. Wie dort hoch oben über den letzten Hütten der Menschen und weit fort von den tiefeingeschnittenen, in Schatten getauchten Tälern, so war man hier Tage entfernt von der Alten und Tage von der Neuen Welt.

Wasser, Wasser, so weit man sah, Wasser und Himmel — und die ewigen Sterne! Noch heute rast hier das Chaos, noch heute blitzt hier Jupiter und zürnt Poseidon. Und Kastor und Pollux geleiten freundlich den Schiffer, der ihnen vertraut.

Graus und Schrecken war das Meer einst, Dienst und Treue ist es heute. Aber drunten liegen die bleichenden Gebeine vieler mutiger Helden und die Masten ihrer geborstenen Schiffe. Wer war es, der den ersten Baumstamm höhlte und zuerst sich aufs Meer wagte? Welcher Held schnitzte das erste Ruder und spannte das erste Segel auf? Wer strandete in all den Jahrtausenden auf der Sandbank und zerschellte am Riff, wo heute Feuerschiffe und Leuchttürme warnen?

Sie alle lebten, sannen, kämpften, wagten und unterlagen für uns heute, damit wir heute in schwimmenden Palästen sicher durch alle Ozeane gleiten. Wo am wildumhertreibenden Mast sich einst der Schiffbrüchige angstvoll klammerte, sind wir heute bei Spiel und Tanz festlich in hellerleuchteten Sälen versammelt. Salons erstrahlen in Lichterfülle, ausgesuchteste Mahlzeiten sind bereitet ...

Aber in welch unmeßbaren Zeitläuften wurde solche „Kultur“ errungen! Welche Zeitperioden schritten auch über das Meer! In welchen gewaltigen Zeitstufen wurde die Gegenwart der Schiffahrt errungen: Das Kanoe, die Galeere, der Schoner, der Schraubendampfer! Wie lang dauerte jedesmal ihre Herrschaft! Fischfang, Seeraub, Kolonialzeit, Weltverkehr lösten einander ab. Jahrhunderte tauschten über den Ozean ihre Güter von den Glasperlen der Neger und den Pelzen der Eskimos bis zu unsern Maschinen und Büchern. Aber wie schnell vergessen wir, was wir vergangenen Geschlechtern verdankten!

Und wie schließen wir auch auf dem uns bedräuenden Meer uns in Kasten voneinander ab! Droben in den glänzenden Salons Ball und Konzert bei strahlenden Toiletten und einem Meer von Licht, blitzende Edelsteine und rauschende Seide. Drunten im Zwischendeck abgearbeitete Männer in zerschlissenem Rock und abgezehrte Mütter, die kaum mit dem Lebensnotwendigsten versehen mühselig eine neue Heimat suchen. Und doch werden die da drunten Wälder roden, Kohlen schaufeln und Farmen gründen, Erze fördern, ohne die da droben nicht handeln, spekulieren, verdienen und leben können. Den Kaffee und Reis auf unserm Tisch werden sie pflanzen, den Mastbaum haben ihre Väter gefällt, unser Fleisch stammt aus ihren Herden und von ihrer Schafe Wolle unsre Kleider. Und was bieten wir ihnen? Auch eine Meerfahrt kann uns zu sozialem Denken erziehen!

Sicher und unentwegt zog derweilen unser gutes Schiff seine Bahn. Das Abendlicht verglomm. Schwarze Nacht war es geworden. Venus strahlte hell voran. Westwärts ging unser Kurs. Westwärts geht überhaupt der Kurs der Menschheit, von Indien nach Babylon, von Babylon nach Griechenland und Rom, von Rom nach Deutschland, Holland und England. Von England nach Amerika ... Und von da wieder zum fernen Osten zurück. Dann ist der Kreis der Erde ausgemessen.

Abendlich purpurnes Heer,
Goldbronzenes Weltenmeer, —
Dort, wo die Wolke steht,
Dort, wo der Wind herweht,
Dorthin mein Weg!
So zogen Völker aus,
Hinweg von Hof und Haus
Kühn auf dem schwanken Schiff,
Scheuten nicht Sand noch Riff,
Noch Sturmesnot.
Leuchte, mein Abendstern,
Westwärts, dir folg’ ich gern, —
Stampfe voran, mein Bug,
Voran der Möwen Flug!
Schau rechter Hand: Land!

Die Kunde verbreitete sich geschwind: „Morgen, Donnerstag, den 9. September, einen Tag früher als erwartet, kommen wir an.“ Alles geriet in Unruhe. Die schönen genußreichen Tage, da man sich so recht und behaglich hatte „ausfaulenzen“ können, gingen zu Ende. Die Fähnchen auf der ausgehängten Seekarte waren dem amerikanischen Festland bedrohlich nahegerückt.

Es war auch immer wärmer geworden, je mehr wir uns „drüben“ näherten. Der Reisemantel war längst abgelegt. Der wohlbeleibte Philadelphier hatte wenigstens mit der einen Hälfte seiner Prophezeiungen recht behalten: Entweder Sturm im Kanal oder Nebel bei den Neufundlandinseln. Richtig, es kam noch anderthalb Tage lang ganz dicker Nebel, daß man auf dem Schiff von hinten nicht bis nach vorne sah. Höchst unheimlich! Das Schiff wurde wegen etwaiger Zusammenstöße auf halbe Fahrt gesetzt. In regelmäßigen Abständen heulte unaufhörlich das Nebelhorn und lauschte auf Antwort. Aber es kam keine. Auch nachts — noch schauriger — ertönte dasselbe Tuten; noch im Traum vernahm man es, bis der Nebel wich und im Sonnenglanz bald wieder eine spiegelglatte See vor uns lag. Drüben rechts sah man schon die ersten amerikanischen Feuerschiffe ...

Am letzten Morgen, an dem wir noch in der Frühe landen sollten, war alles unerwartet zeitig auf den Beinen, und zwar die meisten in sehr verändertem Habit. Die Reisemützen der Herren waren verschwunden — meine schwamm ja sowieso in der Nordsee oder im Golfstrom — weiche oder steife Filzhüte für die Weiterreise zu Lande waren an ihre Stelle getreten. Die Schiffsanzüge waren von Straßenkostümen verdrängt, und manchen der Reisegenossen kannte man zuerst in dem ungewohnten Gewand kaum wieder.

Währenddem glitten wir in der Morgendämmerung schon an der hellbeleuchteten Küstenlinie von Long Island entlang — wir waren also dicht vor dem Ziel! Amerika! Seltsames Gefühl!

Das Lotsenboot nahte und brachte den Lotsen an Bord, der nun das Schiff durch die „Narrows“[1] und die Neuyork-Bai in den Hudson steuern sollte. Links blitzten die Leuchtfeuer von Sandy Hook übers Wasser. Bis hierher gerechnet sind es von Southampton 3100 Seemeilen, von Hamburg 3500.

Der Morgen graute. Der Morgennebel nahm zu, aber doch so, daß man etliche Schiffslängen bequem voraus sehen konnte. Aber leider verhüllte er uns doch den bezaubernden Gesamteindruck der Hafeneinfahrt von Neuyork.

Wir fuhren jetzt sehr langsam. Bald glitten wir sacht vorwärts, bald stoppten wir ganz. Rechts zeichneten sich die Umrisse des weltberühmten Vergnügungsortes bei Neuyork, Coney Island, ab, links näherten wir uns dem reizend frisch grünen mit Landhäusern und Villen der Reichen übersäeten Staten Island, auf das die ferry boats,[2] die heulend wie ungetüme Wassertanks aus dem Nebel tauchten, die Neuyorker in 20 Minuten bringen ...

Der Nebel wich etwas. Die Sonne machte Anstrengungen, aus dem Dunst emporzutauchen. Das letzte Frühstück wurde gereicht ... Wir lagen jetzt vor Staten Island und erwarteten „den Doktor“ auf dem Quarantäneboot, den allmächtigen Mann, der bei 12500 Dollar Jahresgehalt entscheidet, wer in das gelobte Land Amerika hereindarf und wer postwendend auf Kosten der Schiffahrtsgesellschaft, die ihn herüberbrachte, wieder heimgeschickt wird! Vor uns lag die „Adriatik“, die uns kürzlich überholt hatte und wurde gerade „bedoktert“, dann legte sich uns ein Regierungsdampfer längsseit.

Alles hatte sich an Deck gedrängt. Die Koffer waren zu Bergen geschichtet. Die ganze Nacht hatte es gerollt, gedröhnt und gerasselt, bis alles Gepäck oben war ...

Wir fuhren wieder ein Stück. Der Nebel nahm wieder zu. Wir glitten jetzt nach Passieren der „Narrows“, die mit ihren schweren Befestigungen leicht den Eingang nach Neuyork sperren können, in die innere Bucht, die sog. „Upper-Bay“, hinein. Links erschienen die Umrisse eines riesigen Kolosses auf einer kleinen Insel. Es war die berühmte „Freiheitsstatue“, die mit ihrer Fackel in der Hand die Welt mit der „Freiheit“ erleuchtet, ein Geschenk Frankreichs an die älteste republikanische Schwester. Jedenfalls ein recht imponierendes Denkmal an einer einzigartigen Stelle der Welt, denn fast alles, was nach Amerika hereinwill, passiert hier die „statue of liberty“. Rechts tauchten auch schon die Umrisse der andern ebenso berühmten Wahrzeichen Neuyorks auf, der „Wolkenkratzer“. Wirklich von märchenhafter Größe und Gewalt trotz der riesigen Breite des Hudsonflusses, der in die Upper-Bay mündet, und im Morgennebel von fast trutzigem Aussehen ...

Es war gegen halb acht Uhr geworden. Wir dampften langsam noch ein kleines Stück den breiten, meeresarmartigen Hudson hinauf, um dann links auf der Neujerseyer Seite in Hoboken anzulegen. Nun waren wir also wirklich „drüben“! Immer noch unfaßlich! Wirklich in der Neuen Welt! Und ein Ozean trennte mich von der Heimat!

Heulend schossen vollbesetzte, schwere, breite Ferryboote vor uns und hinter uns vorüber. Links stieg der Turm der Pennsylvania-Railroad auf. Nicht weit davon liegen die deutschen Piers (Landebrücken). Von den Anlegebrücken winkten schon viele Tücher. Vom Balkon desselben aus dirigierte ein Beamter der Hapag die Landung. Ein ganz winziger Dampfer, wie ein Knirps anzusehen, zog die Riesenschwester in das Dock hinein.

Alles, was auf der Landebrücke und an Bord stand, rief, schrie, winkte, lachte und weinte vor Freuden des Wiedersehens und der glücklichen Ankunft. Ich suchte auch meinerseits, wie alle ihre Verwandten, meinen Onkel, der mich abholen wollte und hielt eine ganze Weile einen älteren weißhaarigen Herrn dafür, bis ich auf einmal mit großer Enttäuschung meines Fehlschlusses gewahr wurde. Wie, wenn nun niemand da war —? Die Musik spielte, wie wir in Kuxhaven abfuhren. Mit Tauen wurde jetzt das große Schiff festgemacht. Nun schlugen sie auch die große Brücke hinunter. Die zweite Klasse durfte an Land gehen ... Ich war unter den Ersten.

Eben wollte ich den Fuß auf amerikanischen Boden in die große Zollhalle setzen, als ich auch schon angehalten und zurückgeschickt wurde!! O weh, was hatte ich denn verbrochen? Ich war mir gar keiner Schuld bewußt! Sollte ich etwa wieder unverrichteter Sache heimgeschickt werden? Das wäre ja furchtbar gewesen! Diese Blamage daheim, wenn ich überall gefragt wurde, wie es in Amerika war und wie es mir dort gefallen hätte!! Oder sollte ich etwa vier Wochen mit den Zwischendeckern und Einwanderern nach dem berüchtigten Ellis Island geschickt werden? Ich war doch weder krank noch ein Verbrecher! Mein Onkel war ein unbescholtener American citizen, ich selbst ein wißbegieriger Weltreisender und ein mehrmals akademisch geprüfter Deutscher, vor dem die Amerikaner doch sonst einige Achtung zu haben pflegen! Meine Papiere waren in Ordnung. Ich hatte weder mit dem Kapitän einen Zusammenstoß gehabt noch war ich etwa der Dieb des unglücklichen Mitreisenden. Ich kam auch nicht ganz mittellos, wenn auch gar nicht vermögend. Mein Reisebillett war auch richtig bezahlt ... Was es nur war? So schossen mir blitzschnell hundert Möglichkeiten durchs Hirn, und schon war ich im Begriff, dem kaltherzigen Beamten eine lange Rede zu halten und zu bedeuten, wen er vor sich habe. Freilich, ob mein Englisch in diesem Fall der inneren Aufregung schon zugereicht hätte? Da hörte ich seine Erklärung: Ich sei weder vor dem Doktor noch vor dem Regierungskommissar gewesen, deren Stempel auf meiner Karte fehlten!!

Tausend und Doria, wahrhaftig, ich hatte von Deck aus so genau alle Einzelheiten der Landung und der Einfahrt beobachtet — damit mir für mein Reisetagebuch ja nichts entgehe — daß ich es ganz übersehen und überhört haben muß, wann und wo man sich den beiden hohen Herren vorzustellen hatte. Und aus Deutschland hätte ich doch wahrhaftig an Ordnung und Gehorsam gegen die hohe Obrigkeit gewöhnt sein können! Wirklich, die Neue Welt hatte auch ihre Gesetze und Rechte und ließ sie nicht ungestraft übertreten!

So mußte ich zurück — und wäre doch so gern der erste bei der Landung gewesen! — durch Gänge und Treppen, davon viele jetzt verschlossen waren, wo man sonst ein- und ausging, bis ich endlich den Arzt und den Regierungsbeamten im Speisesaal fand, noch von einer dichten Menge Passagiere umlagert. Erst wurde hier vom „Doktor“ jedem in die Augen geschaut, ob man auch gesund war. Gottlob, ich war es! Dann fragte die Einwanderungskommission nach Name, Stand, Herkunft, Reiseziel, sogar wieviel Geld man bei sich führe und dergleichen. Wer nicht wenigstens 25 Dollar bar vorzuzeigen hatte — die Verpflegung für die ersten Tage — wurde gar nicht ins Land hereingelassen, ebensowenig wer etwa mit einer Frauensperson reiste, die weder seine nahe Verwandte noch seine Frau war. Auch alleinreisende Mädchen kamen nur nach Amerika herein, wenn sie drüben Verwandte besaßen. Glücklicherweise konnte ich auf alle Fragen der Kommission eine befriedigende Antwort geben — ich radebrechte zum erstenmal kühn auf englisch drauflos — ich war weder ein alleinreisendes Mädchen noch hatte ich kranke Augen. Ich hatte auch ein bestimmtes Reiseziel, besaß mehrere American citizens als Verwandte und konnte sogar den letzten Trumpf ausspielen, daß ich 25 Dollars in bar vorzuweisen vermochte. Andernfalls hätte ich wohl noch einige Tage auf Ellis Island sitzen und über die Nützlichkeit und gerechte Weisheit der amerikanischen Einwanderungsgesetze nachdenken können, die unangenehme Gäste aus der Alten Welt und insonderheit aus Osteuropa dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten am liebsten jetzt ganz fernhalten wollen. Kurz, ich kam heil aus dem Fegfeuer, kriegte den ersehnten Stempel und durfte die ersehnte Brücke zum Festland überschreiten und den Boden des gelobten Landes — zunächst in Gestalt riesiger Zollhallen — betreten!

Vor den Preis haben die Götter nun einmal den Schweiß — und auch die Geduld gesetzt. Ich, der ich am liebsten gleich über den Hudson nach Neuyork hineingestürmt wäre, sah von Amerika in den Zollhallen zunächst noch gar nichts weiter als Berge von Koffern meiner Mitreisenden, Hunderte von wartenden Menschen und einige völlig rasierte gum-kauende amerikanische Zollbeamte in Zivil. Am Strohhut die Regierungskokarde war ihr einziges Abzeichen! Jeder Ankömmling hatte sich zunächst bei seinem Buchstaben aufzustellen, die in Riesengröße von den Wänden hingen und dort auf das Heranbringen seiner Koffer geduldig zu warten. Waren sie alle angelangt, so hatte man sich zur „office“ zu begeben, sich in sehr langer Polonäse daselbst anzustellen und zu warten, bis man seinen Zollzettel und seinen Zollbeamten kriegte. Der nahm dann genau und gemächlich die Revision vor. Alles, was daheim mit soviel Liebe und Akuratesse zusammengepackt war, flog jetzt gleichgültig durcheinander, die Hemden aus den Falten, die Anzüge zum Teil in den Staub des Hallenfußbodens. Auch war es nachher eine wahre Kunst, alles wieder einigermaßen richtig hineinzupacken und den Deckel wieder richtig zuzukriegen. Zu Hause war das mit vereinten Kräften und in Ruhe erfolgt. Hier mußte alles schnell und allein geschehen. Wie mancher sah sich da hilfesuchend nach mitleidigen Seelen um! Zollpflichtiges wurde bei mir nicht gefunden, ich hatte weder Seide noch Perlen noch Zigarren.

Aber was nun? Manche weinten schon, weil ihre Angehörigen aus Chikago oder wo sonst her noch nicht da waren und sie kein Wort der fremden Sprache verstanden! Wir waren ja einen ganzen Tag zu früh eingetroffen!! Und die Freude darüber verkehrte sich bei vielen jetzt schnell in weinende Wehmut. Als ich gerade darüber nachdachte, was ich nun wohl in dem fremden Erdteil mutterseelenallein in einer mir völlig fremden Sechsmillionenstadt zuerst anfangen würde, entdeckte ich am Eingang einen liebenswürdigen alten Herrn mit goldener Brille, der jemand eifrig zu suchen schien. Ich hätte ihm gleich vor allen Leuten um den Hals fallen mögen. Es war ja Onkel, mein Retter!

Jetzt brauchte ich nicht mehr alle meine englischen Vokabeln und Phrasen zusammenzukramen — ich konnte erst noch einmal ein paar Tage meinem Herzen auf deutsch Luft machen und alle meine Eindrücke deutsch verstauen und verdauen. Mein Onkel hatte mich auch erst am nächsten Tag abholen wollen — da las aber zufällig sein Enkel diesen Morgen in der Zeitung, unser Schiff werde wahrscheinlich schon diesen Vormittag docken, läuft zum Onkel, teilt es ihm mit; der stürzt zum „subway“ (Untergrundbahn) und versucht mich noch in Hoboken zu erwischen. Und er kam noch gerade recht.

Wir schüttelten uns herzlich und lange die Hände. Die Fremde war mit einem Schlag Heimat geworden! Wie gut, daß ich so lange bei dem Doktor, bei den Koffern und beim Zoll warten mußte, sonst hätte mich Onkel in Hoboken gesucht und ich ihn derweilen in Neuyork! Man sieht wieder, „wozu das Mißgeschick gut war“!

[1] Engen.

[2] Fähren.