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Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten cover

Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten

Chapter 4: Kußwirkungen.
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About This Book

A series of nostalgic tales set in provincial Weimar that blend domestic comedy, local gossip and a touch of the supernatural through rumors of a haunting. The stories circulate among streets, parlors and gardens, centering on a pair of lively young women whose friendships and mischief animate neighborhood life. Episodes portray community rituals, artistic acquaintances and generational contrasts, alternating affectionate satire of social manners with warm recollection. Overall the volume evokes everyday customs and small-town character through vivid scenes, conversational anecdote and gentle irony.

Kußwirkungen.

Am Marktplatz, im Eckhaus, das dem jetzigen Rathaus gegenüber liegt, da lebte zur Zeit, als die Ratsmädel mit allerlei Schwänken in der Wünschengasse ihr Wesen trieben, und Apothekers von ihrem Erker, den ein buckliges steinernes Weibchen auf den Schultern trägt, nach den Herrschaften ausblickten, um rechtzeitig knicksen zu können, und das kleine Fräulein Muskulus mit ihrer dicken Perücke und mit dem Veilchenhut über den Platz scheegte und die Fabianen und die Kummerfelden und die Kameraden der Ratsmädchen, Budang, Horny und Schillers Aeltester vorüberwanderten, und es überhaupt von all den alten Weimaranern, von denen keine Feder und keine Faser mehr übrig ist, noch wimmelte, da wohnte im Eckhaus ein gelehrter und weiser Herr, Rat Tiburtsius. Er wohnte da mit seiner Gemahlin, einer kleinen statiösen Dame, und seiner Haushälterin.

Kinder gab es im Hause nicht, dafür war aber alles blitzblank, vom messingenen Thürknauf und dem Namenschildchen an der Flurthür, bis zu dem messingenen Vogelkäfig an dem Fenster über Madame Tiburtsius' Arbeitstischchen, und bis auf den letzten Messingnagelknopf in der Küche, bis auf die messingene Kuppellaterne, mit der Madame Tiburtsius abends von den Whistpartieen abgeholt wurde, die der Reihe nach umgingen bei Apothekers, bei Madame Kirsten, der Mutter der Ratsmädchen, bei Madame Kummerfelden und auch bei Fräulein von Knebel im Schloß, der Erzieherin der Prinzeß Karolina, bei Tiburtsius' und noch einigen andern und auch bei Madame Schopenhauer. Es glänzte und glitzerte alles im Haus, auch die alte messingene Kohlenpfanne, die der Mutter selig, mit Gesangbuch und Lederkissen, winters in die Stadtkirche nachgetragen wurde und die jetzt im Flur hing. Die Kaffeekanne, aus der Herr und Frau Tiburtsius nachmittags ihr Schälchen tranken, blendete die Augen, und der Präsentierteller, auf dem sie stand, warf ihren Glanz und den seinigen zur Zimmerdecke hinauf und ließ grelle Lichtringel tanzen.

Und all dieses Feuer fachte ein einziges Frauenzimmer an, das, wenn man ihr nur Zeit gegeben hätte und einen gehörigen Putzlappen, die ganze liebe Erde reingefegt haben würde. Dieses Frauenzimmer war eine trockene, hagere Person, sauber und kerzengerade, und wenn sie mit ihren beiden strahlenden Eimern zum Brunnen ging, der unter Apothekers Erker sein Wasser in das große steinerne Becken laufen ließ, und hinwandelte, rein wie eben erst aus Gottes Hand mit samt ihren Eimern hervorgegangen, da schauten die Hausfrauen, die mit ihren Strickstrümpfen und in großen Hauben an den Fenstern saßen, verlänglich nach ihr aus und seufzten und übertraten regelmäßig den Katechismus, der da sagt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Magd.

Aber das war ihre Sache, sie mochten es damit halten, wie sie wollten, sündigen oder nicht sündigen, es half ihnen doch nichts.

Tiburtsius' Kathrine war in dem blinkenden Hause festgewurzelt, eher hätte der Stadtkirchenturm ans Umziehen gedacht, als daß Kathrine von ihrem Dienst in einen andern getreten wäre.

Sie gehörte zu Tiburtsius', schon zur Zeit der Mutter von Madame Tiburtsius. Sie war es gewesen, die der alten Dame die messingene Kohlenpfanne, die jetzt unbenutzt, aber immer noch blinkend, im Flur hing, mit dem Feuerstörer, dem Gesangbuch, dem Lederkissen in die Stadtkirche nachgetragen hatte. Leid und Freud hatte sie mit ihren Leuten durchgemacht, hatte gewissermaßen Herrn Rat Tiburtsius mitgeheiratet und hätte es nahezu für eben einen solchen Treubruch gehalten, wenn sie ihn verlassen hätte, als wäre sie sein angetrautes Weib gewesen und nicht die Köchin und Haushälterin der Madame.

»Unser Herr,« sagte sie, wenn sie vom Rat sprach.

»Unser Herr,« sagte auch Madame Tiburtsius, wenn sie in Eifer kam über irgend etwas, was ihrer Meinung nach der Herr Gemahl hätte unterlassen können.

Tiburtsius' Kathrine war aber mit ihrem Herrn und mit der Madame, trotz aller Treue und trotz aller Unmöglichkeit, sich von ihnen und ihren Messingkäfigen, Messingknäufen, Messinghandhaben, Messingkesseln, Messingofenthüren, Gabeln und Zangen, Leuchtern, Klingeln und dem messingenen Namenschild jemals trennen zu können, durchaus nicht so ohne weiteres einverstanden. Sah man sie im Hause hantieren und auf den Markt gehen, so hätte man glauben sollen, solche unanfechtbare, bewährte Sauberkeit, die könnte nur in allertiefstem Frieden gedeihen, in einer Harmonie, von der man sich eigentlich keine rechte Vorstellung machen kann, sondern die man nur für möglich hält auf der Insel der Seligen oder an solch einem Orte, wo es weder Kaminfeger noch Heizung gibt, noch Straßenschmutz und Staub, noch etwas Versalzenes, Angebranntes, Gesäuertes, noch Mißverständnisse aller Art, Zank mit Handwerkern, Tauwetter, Rauch und üble Laune, Aerger über Freunde und Feinde, noch alte Damen, die mit ihrem Mops auf Nachmittagvisiten gehen, weder alte Herren mit Tabakspfeifen, noch Kinder mit schmutzigen Schuhen und Musbröten.

Ja, und es war auch bei Tiburtsius' wie überall auf Erden. Es ging nämlich ganz natürlich zu, und der ungetrübte Glanz, der über allen Dingen lag, war nichts weiter als was sich eben mit unermüdlichen Fäusten erreichen ließ. Tiburtsius' Kathrine hatte so viel Aerger zu schlucken, so viel Leid, als irgend eine andre Sterbliche auch.

Sie umhüllte den Rat mit einer wahren Wolke von Reinlichkeit und Sauberkeit – aber im Kern dieser Wolke, da saß der Rat und paffte und steckte in einem schmierigen Schlafrock und in ausgeschlappten Filzschuhen und häufte Schmutz und Staub und Gelehrsamkeit auf seinen Schreibtisch und rührte all dieses untereinander und streute Schnupftabak darüber und spuckte auf die Dielen und wischte sich die Feder an den Kniehosen und warf sein weißes Perückchen auf die Akten, daß der Puder stäubte und sich mit dem Schnupftabak und Rauchtabak und der Asche und den Dochten, die er immer aus der Lichtputzschere fallen ließ, auf seinem Schreibtisch (dem Misthaufen, sagte Kathrine in ihren Selbstgesprächen) zu einem sehr bedenklichen Ueberzug vermengte.

Das war ein Kreuz und ein Elend – und dies vor den Augen der Welt zu verbergen, war Rats Kathrine ihre erste Sorge, da war kein Opfer und keine Mühe groß genug.

Nichts macht den Menschen mehr Spaß, scheint es, als eine Lüge zu verteidigen, eine Lüge groß zu ziehen, an eine Lüge zu glauben und glauben zu machen, eine Lüge am Leben zu erhalten, für eine Lüge zu leben und zu sterben.

Die Leute sollten nun einmal glauben, der Rat wäre ein Wunder von Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und dergleichen löblichen Eigenschaften mehr. Das hatte sich Kathrine in den Kopf gesetzt, und nicht nur Kathrine, sondern das rechtmäßig angetraute Weib auch ebenso. Armer Rat, wenn du die Treppe hinabwandertest, in aller Unschuld, wie war's dir dann, wenn die Küchenthür aufflog und hinter dir drein ein Weibsbild fuhr mit Bürsten bewaffnet, der Tuchbürste und der Samtkragenbürste und, ohne zu reden über dich herfuhr wie ein Hagelwetter, vom Kragen auf den Rock mit der sanften Bürste und der harten Bürste in blitzschneller Abwechslung – und wenn, von den Bürsten angelockt, sich noch eine Thüre öffnete und die Frau Rätin mit sanften Jammertönen und der Puderbüchse und der Quaste eilig ankam, um dir das Perückchen frisch zu stäuben und dein Zöpfchen zwischen den Fingern zu nudeln – und dann das Bürsten von neuem begann – wild und eifrig, damit um Gottes willen Herr Rat nicht aufgehalten würde; alles in allergrößter Devotion und ehelicher Liebe und Fürsorge!

»Und die Finger, Gustävchen – und die Finger und das Fazeterl?

»Die Finger –, Gustävchen, hast se doch erscht gewaschen?« –

Was hatte doch die Frau Rätin für eine behagliche Stimme – so ein bißchen eine fette Stimme und ein wenig schnarrend.

Und wenn du glücklich draußen warst, Herr Rat, da war es dir ein wenig schwindlig – da wackeltest du mit dem Kopfe ein ganz klein wenig über diese Weibsbilder; aber nicht etwa so stark, daß man es mit unbewaffneten Augen vom Fenster aus hätte wahrnehmen können. Beileibe nicht! Denn oben schaute die Rätin am Fenster dir nach und öffnete das Schiebfensterchen und rief einmal wie allemal: »Aber Gustävchen, pünktlich zum Essen – damit wir den Nachmittag vor uns haben – Gustävchen!«

Und dann gingst du in deine Sitzung – da warst du ein freier – ein großer Mensch.

In diese Sitzung sprangst du allemal wie der Frosch in den Teich, wenn du nur das Bild nicht übelnehmen willst! Da kam dir nichts nach – gar nichts, da mußte alles draußen bleiben, unwiderruflich – alles, alles. Ueber die Schwelle – ein Schritt, und du warst ein gefeiter Mann. Das war eine vortreffliche Einrichtung!

Manchmal aber in der Sitzung, da packte es dich ganz eigenartig, da war es dir zu Mute wie dem Schneck, der sein Haus irgendwo hat stehen lassen aus Vergeßlichkeit, wenn einem Schneck so etwas passieren könnte, und der sich nun absorgt, was derweilen wohl mit seinem Haus geschehen ist, was sie wohl damit machen, ob sie's ihm zertreten haben – oder ob was hineingekrochen ist.

Ganz so war es dir zu Mute, lieber Rat – das weiß ich, und du würdest mir recht geben. Ja, das wäre dir lieb gewesen, wenn du nicht gewissermaßen nackt und bloß in die Sitzung hättest gehen müssen, sondern wie der Schneck dein Haus, dein Eigentum hättest überall mitnehmen können; wenn du mit deinem Schreibtisch zusammen hättest in die Sitzung gehen können – das wäre schön gewesen! Der aber hat zu Hause bleiben müssen, dein Schreibtisch, der Misthaufen.

Und du mußt selbst gestehen, daß ein Misthaufen mitten in einem solchen blinkenden Hause, wie das deine eins ist, nicht hineinpaßt; daß ein Misthaufen entfernt werden muß, und daß es Hände gibt, die das unwiderruflich thun werden, wenn der Haufen gen Himmel stinkt, wie Kathrine sagt.

Und dann, wenn du nach Hause kamst, guter Rat, und es empfing dich so eine angenehme wohlbekannte Luft, eine eigentümliche Oede – fremd starrte dich dein Zimmer an, wie eine Wüste dein Schreibtisch, die Dielen naß, kalt, fleckenlos, der Tabaksduft mit Seife- und Sandgeruch vermischt, der seelenvolle Zustand ertötet, alles kalt zusammengerafft ohne Sinn und Verstand, die Verbindung von Gelehrsamkeit, Schnupftabak, Rauchtabak, Asche und Staub zerstört, das Behagen verscheucht – das hast du oft durchgemacht, Herr Rat; anfangs gebrummt, geschimpft, gezankt, aber das nahmen deine Weiber so selbstverständlich hin wie eine Rechnung, verzogen die Gesichter nicht und strichen deine Aufregung, deine Verzweiflung, deinen Jammer, deine Wut einfach ein, quittierten darüber, und die Sache war abgemacht.

Du warst machtlos, Herr Rat, denn was wolltest du thun; du warst machtlos wie ein Verrückter zwischen seinen beiden Wärtern, die ihn seelenruhig toben, schreien, zappeln lassen, bis der Anfall vorüber ist, und sich sogar verständnisinnig in ihrer Roheit über das Gethu des armen Narren zulächeln.

Trotz aller deiner Gelehrsamkeit, Herr Rat, warst du ein armer Narr. – Glaub's nur, Herr Rat.

Von deiner Gelehrsamkeit sahen sie nichts, hörten sie nichts, und wie sie zu dem Wirtschaftsgeld kamen, das immerhin deine Gelehrsamkeit ihnen einbrachte, darüber zerbrachen sie sich auch den Kopf nicht.

Sie bemerkten nur die Asche, den Ruß, die rauchige Feuerstelle, die die Flamme deines Geistes erzeugte, und hielten das für einfache Schmutzerei.

Und Schmutzerei konnten sie beide nicht brauchen, die Kathrine nicht, weil sie Blankheit für wichtiger als Luft, Atemholen, Essen und Trinken ansah, und die Frau Rätin nicht, weil sie immer Besuch und Visiten erwartete – und die bekam sie von früh bis in die Nacht hinein.

Besuch mit Nachtessen und Visiten mit Kaffee, einem Gläschen Wein und Kringeln. So waren Besuch und Visiten voneinander zu unterscheiden bei Frau Rätin und Kathrine. Und dieses Besuch- und Visitenerwarten, das war der zweite schwere Stein, der auf Kathrinens Herzen lag, und nicht nur auf Kathrinens. Die Frau Rätin war eine lebenslustige Frau, die bei sich dachte: »Es ist, weiß Gott, genug, wenn eines im Hause sauertopft, das sollte mir fehlen, daß ich mich über meinen Nähtisch setzte, wie mein Rat über seinen Schreibtisch, und Grillen finge und spindisierte. Gott bewahre.« Die rundliche Rätin mit den muntern blauen Augen, dem kleinen, von runden Wangen eingeengten Mund, der strammen, kugelrunden Gestalt, die Frau Rätin, die so lachen konnte, daß alles an ihr schwabberte und schwabbelte, die wollte das Leben genießen und genoß es.

Sie hatte so viele gute Freunde und Freundinnen, alte und junge, und war überall dabei und machte alles mit. Vormittags hielt sie sich, wie es einer guten Hausfrau geziemt, leidlich daheim, flickte, schaute der Kathrine nach, machte mit ihr Streifzüge in Herrn Rats Studierzimmer, sobald er selbst ihm den Rücken gewandt hatte; sie ging Mittwochs und Sonnabends hinunter auf den Markt und brachte die Morgenstunden herum, wie es ein kinderloses Weibchen mit einem grilligen Mann am Schreibtisch in Weimar und anderswo je hingebracht hat. – Aber am Nachmittag!

»Damit wir die Nachmittage vor uns haben, Gustävchen.« Das rief sie nicht umsonst täglich Herrn Rat aus dem Schiebfensterchen nach, wenn er sich in die Sitzung aufmachte.


Bei Tiburtsius' und bei Apothekers ging es am lustigsten her von allen, die rings um den Marktplatz wohnten.

Bei Apothekers nahm groß und klein an jeder Festlichkeit teil, da floß Familienseligkeit, Familiengenügsamkeit wie ein lustiges Bächlein. Bei Rat Tiburtsius' aber ging der Geselligkeitstrieb, der Trieb nach Festlichkeit und Lustbarkeit von einem einzigen fetten Weibchen aus, das sich breit und wichtig machte.

Kathrine haßte das ganze Gästewerk aus Grund ihres Herzens. Sie kamen zu jeder Zeit und hatten kein Einsehen. Ehe die Stiegen noch trocken waren, tappten kleine und große Füße darauf herum und schleiften den Straßenschmutz wieder herein.

Die Kummerfelden, die alte Schauspielerin und jetzige Nählehrerin, die am Entenfang in ihrem winzigen Häuschen wohnte, kam angehatscht durch dick und dünn, bei jedem Wetter. In ihren Strickbeutel hatte sie zwar oftmals Steine auf ihrem Spaziergang eingesteckt, die ließ sie dann auf dem grundlosen Weg zum Entenfang, so hießen ein paar kleine Häuser am Lottenbach, fallen, hatte aber nicht viel genutzt, und so zierlich sie ging, die Alte, ein gehöriges Stück Entenfang brachte sie an ihren Kreuzbänderschuhen immer noch mit.

Bei Tiburtsius' fand sich alles mögliche zusammen: die Fabianen, die sie in Weimar Rabenmutter nannten, weil sie jeden Winter, den Gott schickte, zum Ettersberg hinauswanderte und die Raben fütterte mit allerlei, was sie bei den guten Freunden eingesammelt hatte, worauf sie mit ihren großen Filzschuhen und mit gutem Humor, wie ein Rieseneiszapfen, zur Kaffeestunde zu Tiburtsius' kam und ihren unzerreißbaren Christophorusmantel übers Treppengeländer hing, so daß beim Auftauen die Bäche davon herabrannen. Und ihre Freundin, die winzige Mamsell Muskulusen mit der dicken Perücke, und die wunderschöne Rätin Kirsten mit ihren beiden Ratsmädchen, und alle Apothekers, und der Kupferstecher Müller mit den Müllerschkindern, und nicht zu vergessen der Ratsmädchen Freunde, Budang, Ernst von Schiller und Horny und Herr und Frau Egidi, ein junges Ehepärchen, und zu feierlicheren Gelegenheiten Madame Schopenhauer und Fräulein Adele, die Pogwischs, die ganze schöngeistige heilige Klerisei aus Frau Johannas Salon, August von Goethe und junge Leute seiner Bekanntschaft. – Wer sie alle aufzählen könnte, die Leute aus dem immer lustigen Weimar, die fleißig bei der dicken kleinen Frau Tiburtsius aus und ein gingen und Kathrinens guten Kaffee tranken und die guten Kuchen aßen, die sie buk, und die Pufferts und Wickelklöße und die appetitlichen Brotschnittchen – und bei besonderen Gelegenheiten ein Gläschen von Herrn Tiburtsius' gutem alten Malaga zu schlucken bekamen, so lange, bis er aufgeschleckt war und der Herr Rat das Nachsehen hatte.

Und wie sie alle mit einem schlechten Gewissen an der Thür von Herrn Rats Arbeitsstube vorbeischlüpften und auch an der blinkenden Küche von Kathrine. Sie wußten gar wohl die Sachlage zu beurteilen; aber das störte sie nicht, durchaus nicht. Im Gegenteil, es hatte etwas Anregendes. Und wenn der Herr Rat ein bißchen maulwurfsmäßig in die schon stundenlang versammelte Gesellschaft seiner Frau trat, da wurde er gescholten und liebenswürdig gehänselt und zwischen zwei schöne Damen gesetzt, und mußte den Sakramenter spielen. Und brauchte man sein Arbeitszimmer zu lebenden Bildern oder als Garderobe oder sonst zu irgend einem edlen Zweck: »Ausgeräuchert, alter Hamster,« sagte dann irgend ein Pfiffikus zu ihm, sein alter Freund, der Apotheker, oder Kupferstecher Müller oder sonst einer; irgend so eine Art Witz machten sie stets, gewöhnlich denselben.

Das ging so fort jahraus, jahrein.

Was half es dem armen Rat, daß er ein großes Licht der Wissenschaft war, daß man in Weimar allerlei Anekdoten von ihm erzählte, daß die Marktweiber ihn nicht nur in eine Reihe mit Schiller und Goethe stellten, sondern noch weit über diese hinaus, daß der Nachtwächter ihn ganz besonders ehrfurchtsvoll grüßte, daß er ein sehr geachteter Bürger war? Gar nichts. Er blieb eine armselige, waffenlose Kreatur, die nicht im stande war, ihr Nest zu verteidigen. Er wurde gebürstet, überstäubt und wieder gebürstet, sein Schreibtisch wie ein Stall gereinigt, sein Behagen durchkreuzt, verscheucht, seine Atmosphäre gelüftet, seine Gewohnheiten wurden mißachtet, seine Ruhe wurde gestört, seine Stube genäßt, versandet, sein Wein verschenkt – der Boden ihm unter den Füßen weggenommen. Er wußte es selbst nicht, wie schlimm es war.

Kathrine aber ging hin und wieder ein trübes Licht über den Zustand ihres armen Herrn auf, einzig deshalb, weil auch sie dem Trieb nach Geselligkeit, der ihre Frau beherrschte, feindlich im Grunde ihrer Seele gegenüberstand. Sie kannte eine Geschichte, die hatte der Wirt vom Stadthaus ihr erzählt, eine Geschichte, auf die sie stolz war, die sich zugetragen hatte, als sie schon längst im Hause diente, von der sie aber nichts erfahren, bis eben der Wirt vom Stadthause sie ihr mitteilte, und die Geschichte hatte sich folgendermaßen zugetragen.

»Dein Rat ist doch ein verteufelt Gescheiter,« hatte der Wirt ihr gesagt, während sie sich das Seidel Braunbier von ihm einfüllen ließ. »Da schaut er einmal zum Fenster 'raus und gafft, und bei mir steht ein Bauersmann, so 'n Stoffel, der nich dreie zählen kann – der sollte in der Stadt einen Doktor holen, aber welchen – das hatte er dir vergessen. Und nun steht er da in seinen Lederhosen, wie die Kuh vor dem neuen Thor, und weiß nicht, was hinten und vorn is – und kratzt sich hinter den Ohren. Da sag' ich zu ihm: ›Guck, da sieht der Rat Tiburtsius zum Fenster 'naus – der weiß alles. Wenn einer, so kann der dir's sagen, den mußt du fragen.‹ Un richtig, der Schiebel geht auch und steht dir unterm Fenster und glotzt 'nauf – und thut 's Maul nich auf.

»Da mach' ich mich auf die Strümpfe und mach' dem Herrn Rat mein Kompliment und sag': ›Herr Rat, der Mann da soll schnell einen Doktor aufs Land holen un weiß nich mehr, welchen.‹

»Der Herr Rat, der hört's dir nur – un sagt gleich: ›Das ist ja wunderlich – das ist ja wunderlich.‹

»Un Doktor Wunderlich, der war dir'sch werklich, das hatte er gleich weg. – Der Doktor Wunderlich, der sollte geholt werden. Es muß schonn so an recht Gelehrter sein, dein Rat.« –

Und Kathrine erwog diese Geschichte in ihrem Herzen und vergaß sie nicht, und wenn es die Gäste der Madame gar zu bunt trieben und den Frieden des Herrn Rat gar zu unverschämt störten und auch in ihrer Küche herumwirtschafteten, das Mehl selbst aus dem Fasse holten, um Mehlhäufchen zu spielen, oder die blanken Kasserollen herunterlangten, weil sie dieselben zu Helmen in irgend einem lebenden Bilde gebrauchten – da dachte Tiburtsius' Kathrine, daß man so einen gelehrten Mann doch mehr ästimieren sollte. Das dachte sie hin und wieder eine ganze Reihe von Jahren lang.

Nun war einmal um Fastnacht ein sehr milder Februar, der seine zehn Frühlingstage, die er füglich geben sollte, so verlangte man es damals in Weimar von ihm, auch wirklich gab; – es waren schon bald ihrer zehn beisammen, und der Herr Apotheker und der Herr Kupferstecher Müller und der Herr Rat Kirsten und der Herr Rat Tiburtsius und noch so und so viele sagten, wenn sie einander begegneten oder ein Gespräch anfingen: »Heuer ist's aber in schönster Ordnung« – oder »Ein kapitaler Februar« – oder »Ein Staatsfebruar« – oder »Heite ham mer en Februar, der sich gewaschen hat« – oder sonst dergleichen etwas, wie es die alten Herren von damals zu sagen liebten.

Die Jenenser Botenweiber brachten schon Schneeglöckchen und Weidenkätzchen mit und erzählten Wunderdinge, wie weit sie in Jena schon Weimar voraus wären.

Um diese Zeit war in den Rat Tiburtsius eine sonderbare Lustigkeit gefahren. Er trieb sich außer dem Haus umher. Die einen sahen ihn da, die andern begegneten ihm dort. Er machte weite Spaziergänge, man hatte ihn mit Leuten auf der Straße reden sehen; von denen man wußte, daß sie mit Tiburtsius' nicht bekannt waren. Er war zerstreuter denn je, ließ sich von Kathrine auf der Treppe bürsten und von der Rätin bestäuben und dann wieder bürsten, ohne etwas davon zu bemerken. Er suchte die Dinge, die er in der Hand trug, in allen Ecken, jammerte nach der Brille, die ihm auf der Nase saß, bemerkte es scheinbar nicht, wenn sie seinen Schreibtisch abgekehrt und umgekehrt hatten, wurde von Kathrine ertappt, wie er ohne Hut ausgehen wollte, statt des Hutes aber seinen alten Filzschuh unterm Arm trug. So toll dies auch klingen mag, ist es doch wirklich und wahrhaftig wahr und in Weimar auch bei alt und jung gar wohl bekannt. Es hat sich so manche Geschichte von dem Herrn Rat fortgepflanzt, und ich kann eine feierliche Beteuerung abgeben, daß überhaupt alles, was ich von dem Herrn Rat erzähle, vollständig auf Wahrheit beruht, wie überhaupt alles, was ich in dieser Geschichte zum besten geben will.

Und wollte ich die Quelle verraten, aus der ich so manches Altweimarische schöpfen darf, so bin ich versichert, es würden sich so vielerlei Forscher und Wühler mit Eimern, Gelten und Schaffen aufmachen, um auch aus meiner Quelle zu schöpfen, daß ich wohlweislich schweigen werde. Sie würden mich fortdrängen. Sie würden behaupten, bei weitem wichtiger als meine Wenigkeit zu sein. – Sie würden sich mit wissenschaftlichem Eifer breit machen, würden mich anschnauzen oder höflich ersuchen, Platz zu machen, weil sie die Goethezeit mit allem Drumunddran gepachtet zu haben vorgeben. – Jawohl – daraus wird aber nichts.

Uebrigens, um gleich eine Ungenauigkeit, deren ich mich schuldig gemacht habe, selbst zu berichtigen, ehe es andre thun, gestehe ich, daß Herr Rat Tiburtsius keinen alten Filzschuh unterm Arm statt seines Hutes getragen hat, sondern etwas andres, was ich mir aber erlaubt habe, des guten Tons halber in einen alten Filzschuh umzuwandeln. Der Rat war eben mit seinen Gedanken ganz wo anders, als wo Kathrine und die Rätin meinten, daß er sein müßte.

So ging es eine ganze Weile fort.

Die Leute trugen der Frau Rätin zu, daß der Herr Rat einen Kauf müsse abgeschlossen haben; aber was er gekauft habe, das konnten sie ihr nicht sagen. Auf dem Stadtgericht war er auch gesehen worden. – Gott weiß, wo alles man ihn gesehen hatte! Auch hinter den Scheuern wollte man ihn gesehen haben.

Die Frau Rätin grübelte hin und her, ihre Gäste grübelten, Kathrine grübelte. Man fragte, man sprach allerlei Vermutungen aus. Die einen meinten, er habe sich ein Reitpferd gekauft – darüber mußte aber die Frau Rätin lachen. Die andern meinten Pferd und Kütschchen – da lachte die Frau Rätin schon weniger, das wäre ihr gerade recht gewesen. Einen Oxhoft Wein aus Frankfurt, glaubte der Apotheker. Andre wieder kamen darauf, er wolle der Stadt eine Schenkung machen. Man konnte nicht darüber einig werden, und der Rat schwieg beharrlich.

»Das ist meine Sache – meine Sache – meine Sache!« fuhr er seine Frau an; zum erstenmal seit Jahren fuhr er sie wahr und wahrhaftig an, als sie hinterlistig und energisch hinterlistig in ihn dringen wollte.

Das erschien ihr so sonderbar, daß ihr gut gewöhnter alter Gatte mit einemmal rebellisch wurde, daß sie etwas Unbestimmtes fühlte, was sie veranlaßte, nicht weiter in ihn zu dringen.

Und so blieb er so weit unbehelligt.

Eines schönen Abends, als die Rätin zu der Schopenhauern zur Whistpartie gebeten war, wanderte Herr Rat in seinem Zimmer auf und nieder und pfiff. – Er pfiff wirklich. – Wie sonderbar es klang, und wie sonderbar er es fühlte, dies Pfeifen! Seine Lippen waren ihm ordentlich steif geworden und juckten ihn. – Er hatte seit Jahrzehnten nicht gepfiffen, solang er Rat war, kein einziges Mal.

Aber heute! – Und er rieb sich die Hände ganz vergnügt und schlürfte in seinen Pantoffeln sehr schnell und sehr eifrig auf und nieder.

Jetzt klappte er den Kleiderschrank auf, suchte und kramte unten und oben auf dem Brett, wo sein Schuhwerk stand, und auf dem, wo Hüte und Kappen lagen und wo ein Staatsperückchen auf seinem Stengelchen saß. Dem nickte er zu und sagte: »Du wirst was erleben!«

Dann wirtschaftete er zwischen Röcken und Kniehosen und den gestickten Westen herum, und ein paar weiße, mächtige Halsbinden fielen oben vom Brett, wo sie neben dem Perückchen gelegen hatten, und er trat darauf. Es knackte. Zuerst merkte er's nicht, denn er wühlte ganz zu hinterst im Schrank, aber jetzt steckte er mit dem einen Fuß in einer, und die hatte eine Mechanik und schnappte.

Da fuhr er mit dem Kopfe aus seinen Röcken, Hosen und den gestickten Westen – und sah nach, was angebissen hatte.

»Ei – ei – ei – ei!« sagte er betroffen und gedachte seiner Weibsleute. Dann legte er die Halsbinden vorsichtig, trotzdem er sie bös zugerichtet hatte, wieder neben das Staatsperückchen – und kramte weiter.

Endlich hatte er, was er suchte, und zog ein Ungetüm von einem alten Flausrock hervor, einen hellen Flausrock, der ihm von oben bis unten ging. Er schien, nach dem Zustand zu urteilen, in dem er sich befand, der Vater von dem jetzigen alten Flausrock zu sein, den der Rat gerade anhatte – oder auch der Großvater davon. Er war so eine Art Schlafrockheiligtum.

»Da ham m'ern,« murmelte der Rat, hielt ihn ausgebreitet vor sich hin und schaute den schäbigen Gesellen pfiffig an und schaute auf die Rutschpartieen von altbekannten Tintenflecken, auf ganze Wüsteneien, wo er die Feder jahrelang ausgewischt hatte, so daß glänzende Krusten entstanden waren, und schaute auf Tabak- und Bierflecken und unbestimmbare Flecken, als blickte er auf lauter Gemälde seines vergangenen Lebens.

Der Rock gefiel ihm. Der Rat schmunzelte und wickelte ihn sorgfältig und fest in eine Rolle, und mit einem Bindfaden band er ein paar große Latschen darauf, schob dann das Paket in eine Ecke und stellte einen Lehnstuhl davor und ging wieder im Zimmer auf und nieder eine ganze Weile, schaute hin und wieder zum Fenster, und jetzt lugte er vorsichtig zur Thür hinaus. Es war still, ganz still – Kathrine mußte auch fort sein.

Ein Zug tiefen Friedens lagerte sich auf dem Gesicht des Rats. Er legte die Hände über sein spitzes Bäuchlein, das sich unvermittelt wie ein Schwalbennest an der hagern Figur angehängt hatte, und wandelte so weiter. Diesmal aber pfiff er nicht.

Er sang mit einer knarrenden, ungeschmierten Stimme, wie in der Kirche, wenn er seinen Choral absang – aber ein gutes, herzerfreuendes Lied war es, kein Choral. Und nur die erste Strophe davon – weiter nicht. Er sang so schüchtern, als wollte er einer schönen Dame eine Liebeserklärung singend vortragen, und es lag ein sonderbarer Ausdruck über seinem Gesicht, eine Erregung, etwas wie Reiselust; die aber kannte und verehrte der Herr Rat nicht. Es war etwas andres.

Die Sonne ging jetzt unter und warf ihre Frühlingsstrahlen auf die gelbgetünchten Mauern des Stadthauses, daß es golden glänzte, und die Strahlen, die in das große Becken des Marktbrunnens plätscherten, ließ sie wie lebendiges Silber glänzen.

»Wenn einer einen Garten hat.«

Das sang der Herr Rat mit zitternder, gerührter Stimme.

Das mochte vielleicht eine Erinnerung sein, eine Jugenderinnerung, eine Frühlingserinnerung, die sich ins Herz schleicht, die das ganze Leben vergessen läßt und uns in die liebe, gute Jugend versetzt, denn der Herr Rat hatte alles, nur keinen Garten, und er sang genau so, als hätte er einen, nicht sehnsüchtig und eigentlich auch nicht erinnerungsselig, sondern triumphierend – wirklich triumphierend. Und er schritt auf und nieder, stolz und unternehmend wie ein Hahn auf seinem Hof. Es war ihm wohl zu Mute, und damit wir's kurz sagen: er hatte wirklich einen Garten. Er hatte einen Garten gekauft – für sich selbst einen Garten, kein Pferd mit einem Kütschchen, und hatte auch der Stadt nichts vermacht. Gott bewahre!

Und jetzt war er dabei, sowie die Dämmerung ein wenig dichter wurde, mit seinem Flausrock unterm Arme in sein neu erworbenes Eigentum zu wandern.

Er hatte die sonderbare, eines weltfremden Gelehrten würdige Idee gefaßt, seinen Garten geheim zu halten. Es sollte so lang als möglich niemand etwas davon erfahren, und deshalb wartete er auf die Dämmerung und sang das Gartenlied erst, als er sich überzeugt hatte, daß auch die Kathrine ausgegangen war.

Und endlich – endlich war es so weit. Der Rat schlüpfte in seinen Rock, nahm Stock und Hut, legte über den Flausrock und über die alten Latschen ein zerknittertes Fetzchen blaues Papier, das er aus einem Fache seines Schreibtisches bedächtig hervorgesucht hatte, denn zu jener Zeit wurde eine solche Papierverschwendung wie jetzt, wo man einen ganzen Flausrock mitsamt alten Latschen bequem in ein einziges Zeitungsblatt wickeln könnte, nicht getrieben. Man dachte an eine solche papierne Flut, wie sie uns heute überschwemmt hat, noch nicht im Traume damals.

Dem Herrn Rat wäre aber so ein tüchtiger Fetzen Zeitung, wie die »Kölnische« etwa, gerade recht gekommen, denn er zupfte und reckte und strich an seinem blauen festen alten Papierchen, das gar nichts decken wollte, sondern nur wie ein Pflaster auf dem Flausrock lag. Schließlich nahm er ihn aber unter den Arm, wie es gehen mochte, schlich die Treppe vorsichtig, vorsichtig hinab, trotzdem er, als er zaghaft in die Küche geschaut hatte, überzeugt sein konnte, daß das Frauenzimmer mit den Bürsten ebensowenig daheim war als die Gattin mit der Puderquaste und der Puderschachtel.

Er war jetzt ein freier Mann; aber das Schleichen hatte er sich nun einmal angewöhnt.

Auf der Straße lief er so hastig mit seinem Bündel, als es sich irgend mit seiner Würde als Rat vertrug, durch die Wünschengasse unter dem Wittumspalais hin, die alte ausgetretene Treppe, die zur Esplanade führt, hinauf; da, unter den alten Linden, war es schon recht dämmerig. Für den Flausrock war das gut, weniger für den Garten; aber diesmal kam es dem Rat mehr darauf an, sein Bündel in dem Garten glücklich unterzubringen. Er stellte sich vor, wie er den Flausrock dort aufhängen würde, damit er künftig alle Herrlichkeit in seinem Garten auch ganz kommod genießen könnte, denn im Staatsrock und in Lederstiefeln, das hätte ihm nicht gepaßt.

Bei der Schopenhauern mußte er vorüber, aber das schien ihm ungefährlich. Wie angepicht saßen sie bei ihrem Partiechen, hörten und sahen nichts, das kannte er. So ging er weiter und hinter dem Theater noch ein Stückchen Erfurterstraße, bis ans Erfurter Chausseehäuschen, dann ging die Herrlichkeit an. Ja, man war mitten schon darin – Garten an Garten, von dem alten Brauhaus an bis hinunter zur Wallendorfer Mühle.

Und nicht etwa so Staatsgärten, wie man sie jetzt liebt, mit zementierten, runden, glatten Bassins für ein einziges langweiliges Strählchen Wasser, mit langweiligen runden und dreieckigen Beeten, auf denen wohlgeordnete Blumen von gleicher Höhe und gleicher Farbe wachsen, mit dünnem Gebüsch und breiten sandigen Wegen, kurzgeschorenen winzigen Grasfleckchen – keine so blechernen Gärten, in denen die Beete, Büsche und Rasenplätze wie ein Meublement aussehen, Gärten, wie vom Tapezier arrangiert. Gar nicht! Das waren urwüchsige Gärten, gesegnete Gärten.

Und solch einen alten, guten Garten, nicht allzu weit von der Stadt entfernt, den zweiten von der Lottenmühle aus, den hatte der Rat Tiburtsius erworben. Wie zu einem Liebchen schlich er an den Gartenzäunen hin. Die Hand hielt er in der Tasche und faßte den Schlüssel darin fest, mit dem er sich sein Paradies aufschließen wollte.

Jetzt waren die Leute schon meist daheim. Er begegnete zwischen den Zäunen keiner Menschenseele, die ihn irgend etwas anging – und jetzt stand er vor seiner Thür – seiner Thür, einer Thür aus zart silberglänzenden, verwitterten Latten, und durch den Bretterzaun steckten Himbeerbüsche ihre grünen Finger. Es war Mai geworden, bis der Garten wirklich Herrn Rat Tiburtsius gehörte. Und über den Zaun quoll der Duft aus dem vollen grünen Garten – und der Duft gehörte dem Herrn Rat. Ehe er wirklich aufschloß, schnaufte er ein paarmal tief.

So ein Duft aus dem eigenen Garten!

Den geraden Weg entlang, der auf ein Gartenhäuschen zuführte, standen die Sommerblumen schon in dicken Knospen, und die Pfingstrosen blühten in ganzen Ballen, und Irisblumen, blaue und gelbe. Die Aepfel- und Birnen- und Kirschbäume trugen dickes, frisches Laub.

Die alten Eschen und Birken, die das grünbemooste Dach der Lottenmühle beschatteten, schützten den Garten von Norden und hüllten ihn in einen dichten grünen Mantel. Wie geborgen lag er so in dem Dämmerlicht und quoll und blühte und knospte und duftete.

Ein Fledermäuschen schwirrte vom Mühlbach her, und die großen Bündel des gestreiften Bandgrases raschelten und wisperten ganz fein im Winde wie Schilf – nur weicher.

Und alles war so weich, so voll, so lebendig – Farben lugten aus der Dämmerung. Die Laubmassen wurden immer dicker, flossen immer mehr zusammen, und es war feierlich im Garten des Herrn Tiburtsius.

Der stand immer noch mit dem zusammengerollten Flausrock mitten auf dem Weg, ohne sich zu regen.

Ihm war so wohl! Wahrhaftig, er traute sich nicht, sich zu rühren. Kein Mensch wußte von ihm, ahnte, wo er sich befand und wie er sich befand, und er kam sich vor wie ein Vogel in einem grünen versteckten Nest, den keines Menschen Auge treffen kann. Und wieder summte und brummte er das Gartenlied, aber jetzt zwischen den Zähnen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

Er hätte sich vor einer lauten Stimme, auch vor der eigenen, in dem weichen, vollen Garten erschreckt.

Der Flausrock wurde jetzt auseinandergerollt und im dumpfen dunklen Gartenhäuschen, in dem es nach Sämereien, trockenem Laub, alten Weidenkörben und etwas moderig roch, aufgehängt. Der Rat mußte mit den Händen nach einem Nagel suchen. Eine wilde Weinranke tippte währenddem ein paarmal an das Fensterchen. Es war so heimlich.

Jetzt ging er hinaus und tappte vorsichtig zwischen den Gemüsebeeten hin und her, bückte sich und befühlte die Salatpflanzen, die sich schon zu Köpfen ballten. So zart und elastisch waren sie und fühlten sich etwas fettig an. Dem Rat lief der Tau, der sich in den tausend Schlupfwinkeln so eines Salatkopfes eingenistet hatte, kühl über die Finger.

Ein Nachtfalter flog auf. Von den Feldern her hörte man die Grillen zirpen, und die Luft war voll Laubduft. Und manchmal trug ein Windchen den unaussprechlich zarten Duft der vielen blauen und gelben Irisblumen durch die Luft, und auch die Pfingstrosen, die eigentlich fast duftlos blühen, empfand man deutlich. Und von der Lottenmühle her kamen ganze Wolken von Geißblattblütenduft, so gewürzig, so vielgestaltet; bald empfand der Rat diesen wundervollen Duft wie Vanille, bald wie alle schönen bekannten und unbekannten Düfte zusammengebraut.

Das Rauschen des Mühlbachs drang auch herüber und das Klappern und Dröhnen des Mühlwerkes, ganz dumpf, und die Birken und Eschen rauschten dazu. – Die Dunkelheit sank immer tiefer herab, und der Herr Rat tastete sich aus den Gemüsebeeten heraus, um nichts zu zertreten, und machte sich auf den Heimweg. Ehe er aber die Thür öffnete, blieb er noch lange ganz versunken stehen und atmete den schönen Gartenfrieden ein, und die Dunkelheit verbarg ihn mit allen seinen Schätzen vor aller Welt, ihn mit seinen Pfingstrosen, seinen Iris- und Bandgrasbüschen, seinen knospenden Sommerblumen, seinen Salatköpfen, Zwiebeln, Kohlrabiknollen und Krautköpfen, seinem Dill und seinem Gurkenkraut, seinen Stachelbeerbüschen, Himbeerbüschen, Bertramstauden und den hundertfach knospenden Centifolienbüschen.

Und als er endlich zwischen den Zäunen wieder der Stadt zuging, da kam er wirklich wie von seiner Liebsten – und zu Hause ließ er kein Wörtchen verlauten.

Die Rätin fragte auch nicht, als sie später von der Schopenhauern zurückkam. Sie nahm an, er wäre im »Elefanten« bei seinen alten Herren gewesen. – Und unter denen ging es das eine Mal so zu wie das andre Mal, da war nicht viel zu fragen und zu antworten zwischen einem alten Ehepaar.

Am andern Abend, aber bei weitem früher, machte er sich wieder auf. Bei ihm war das Haus voller Leute. Es schnatterte bis in sein Studierzimmer, und in der Küche wurde gebacken und geklappert. Es war großer Damenthee.

Wieder konnte er völlig unbemerkt davon kommen und arbeitete im Flausrock stundenlang und goß sein Gemüse und saß vor dem Gartenhäuschen und paffte aus seiner Pfeife, schaute in den blauen Himmel, hörte auf eine Lerche, die draußen in den Feldern aufstieg, schnaufte tief den Duft seines vollen Gartens ein, und der Duft mischte sich mit den Tabakswölkchen aus seiner Pfeife.

Die Vorübergehenden konnten ihn nicht sehen, denn der alte Bretterzaun war hoch, und von den Nachbargärten war er auch nicht ohne weiteres zu belauschen. Dieser Umstand hatte viel dazu beigetragen, den Herrn Rat zum Ankauf dieses Grundstückes zu bestimmen.

Aus dem einen Garten hörte er Kinderstimmen. Sie sangen:

»Es fuhr ein Bauer ins Holz,
Es fuhr ein Bauer ins Kirmsenholz,
Ki – ka – Kirmsenholz,
Es fuhr ein Bauer ins Holz.«

Es machte ihm Spaß, zuzuhören. Es machte ihm überhaupt alles Spaß.

Und er hatte so ein verschmitztes Lächeln, der Rat, ein Lächeln, wie es, solange er Rat und Gatte der Frau Rätin war, seine Muskeln niemals inkommodiert hatte.

Zum erstenmal fühlte er, was es heißt, Herr im Hause zu sein. Darüber mußte er nun wieder lächeln, denn so ganz geheuer kam es ihm doch nicht vor, und er dachte an den Mann, der unter dem Tische sitzt und schreit, als er die Frau mit dem Besen kommen sieht: »Nun will ich aber doch sehen, wer Herr im Hause ist!«

So etwas war bei ihnen natürlich nicht vorgekommen – aber – aber.

Daß sie es aber in Weimar mit dem Garten noch nicht heraus hatten, war doch sonderbar, ging es dem Rat wieder durch den Kopf. Wirklich, das war ein seltener Glücksfall. Eigentlich nicht zu glauben. Der Zinngießer Lange, mit dem er den Handel abgeschlossen hatte, der mußte wirklich so weit reinen Mund gehalten haben.

Und es dauerte auch noch eine ganze Weile. Vier Wochen lang schlüpfte er nun schon wie der Fuchs in seinen Bau, und es war ihm, als stände er unter ganz besonderer göttlicher Fürsorge. Der Herr Rat wurde dadurch frech und unvorsichtig, war nicht zu blöde, seiner Gattin die ersten Salathäupter in die Küche mit heimzubringen und ein paar Porreestauden und Dill und Gurkenkraut, was zu einem ordentlichen Salat gehört.

Darüber schüttelten die Rätin und Kathrine die Köpfe, denn es war durchaus nicht seine Art, etwas heimzubringen. Der Salat aber war vortrefflich.

Es schien aber auch eine besonders günstige Zeit für die Heimlichkeiten des Herrn Rats zu sein, denn seine Gattin genoß mit ihren Bekanntinnen und Bekannten den Sommer mit einer erstaunlichen Energie.

Nach dem Essen, kaum daß sie ihr Schläfchen abgehalten, lief Kathrine mit dem Strickbeutel der Rätin zum Konditor Ortelli und brachte ihr den Beutel ganz appetitlich gefüllt wieder mit heim. Und die Frau Rätin nahm ihn dann, setzte sich den großen Hut auf und band den Longshawl um und trug den Beutel wieder aus. Der Herr Rat konnte darauf von seinem Fenster aus sehen, wie seine Gattin sich in der Nähe des »Elefanten«, der dem Hause des Herrn Rat gerade gegenüber lag, postierte und wie eine Schildwache auf und nieder ging. Zuerst mutterseelenallein, denn sie war eine pünktliche Frau – dann gesellten sich allerlei Personen zu ihr und gingen mit ihr auf und nieder. Aus der Wünschengasse kamen verschiedene, die allermeisten. Die Schopenhauer mit der Adele und den Pogwischs, die Kirstens, die Mutter und die Ratsmädchen; gewöhnlich auch die Begleiter der beiden Mädchen, die guten Freunde, und auch Bekannte von den Pogwischs. Es schwoll wie eine Lawine an. Aus der Apotheke kam's dann auch und aus Müllersch ihrem Haus, und die kleine Muskulusen kam angerannt und manchmal auch die Kummerfelden mit einigen Schülerinnen, manchmal auch mit allen, wie es sich gerade traf.

Und diese Lawine aus lauter lebenslustigen jungen und alten Weimaranern und Weimaranerinnen lachte und schnatterte und setzte sich endlich in Bewegung. Entweder nach Tieffurth zu oder nach Belvedere oder Ettersburg oder Tröbsdorf, nach Buchfahrt, was sie aber »Buffert« nannten, nach Ehringsdorf oder Oberweimar, nach allen möglichen Dörfern und Nestern, die jetzt in Weimar aus der Mode gekommen sind, nach Süßenborn und Taubach, nach dem Rödchen und nach Nora.

So genoß man damals den Sommer, wo noch keine Menschenseele daran dachte, eine Badereise zu machen oder in die Sommerfrische zu gehen.

Oftmals ging es auch in einen Garten zu einem Bratwurstfest. Jeder alte Weimarsche Garten hatte seinen kleinen Herd im Freien, einen gemauerten Herd, auf dem ein Rost stehen konnte zum Wurstbraten. Das waren so recht Altäre der Geselligkeit.

Davon weiß jetzt keine Menschenseele mehr etwas, wie herrlich es war, wenn aus dem Garten die blauen Wölkchen aufstiegen, die Würste sich auf dem heißen Roste wanden, dann platzten und rauchig dufteten, und die Leute im Garten bei einander saßen mit Weißbroten und Bier, hauseingelegtem Bier, »Hausmuff« nannten sie's, und mit Guitarre und Gesang.

Da eben wurden die alten schönen Lieder gesungen:

»Wenn einer einen Garten hat.«

und ähnliche Lieder.

In dem Garten des Herrn Rat Tiburtsius stand auch so ein Bratwurstherd, und es war ihm mehrmals schon das Wasser im Munde zusammengelaufen, wenn er davor gestanden hatte. Aber lieber das Wasser im Munde haben, als so eine Wurst, wenn man den ganzen Lärm, der so eine Wurst begleitete, mit in den Kauf nehmen mußte.

Nein – nein – lieber keine Wurst!

Es war ihm auch schon einmal im Garten in einer müßigen Stunde das Gelüste gekommen, sich ganz allein ein Paar Würste zu braten – das wäre gegangen, aber der Rauch! Den hätten sie in allen Gärten geschnuppert. – Und so allein Würste braten wäre auch nicht recht gewesen; aber verlockt hatte es ihn – sehr verlockt.

Als eines schönen Nachmittags die ganze Lawine, deren Kern die Frau Rätin bildete, sich, wie es hieß, nach Tröbsdorf bewegt hatte, ging er wieder in den Garten. Es wurde ihm jetzt schon gar nicht leicht, sich mit Amtsgeschäften auszureden, wenn die Rätin ihn fragte: »Aber Gustävchen, heute kommst du doch nach – kommst uns wenigstens entgegen?« Das war doch sonst nicht so, dachte die Frau Rätin und schaute ihren Gatten immer verwundert an. Und wie er diesmal im Garten war, fiel es ihm auf die Seele, daß es eigentlich so nicht fortgehen könne, und das stimmte ihn schwer und schmerzlich. Es schien ihm, als wäre der schöne Friede seines Besitztums nicht mehr so rein. Er dachte aber wie ein Schleicher: »Ist's bisher gegangen, wird's auch weiter gehen. Hat es bisher niemand verraten, verrät's auch vielleicht noch lang niemand,« und beruhigte sich damit und goß seinen Salat und die Radieschen und alles, was der Zinngießer Lange gesäet hatte und der Herr Rat ernten sollte.

Es fuhr ihm durch den Kopf, wo er einmal mit all dem Gemüse hin sollte – und wenn das Obst reifte – die Kirschen glühten schon zwischen den grünen Zweigen: ja, was sollte er mit all den Dingen machen? – hm – das wußte er nicht recht.

Er war heute eben nicht so harmonisch gestimmt. Allerlei wollte sich eindrängen, was ihm nicht paßte. Es lag so in der Luft, war schwül und trüb heute. Der Garten war so dicht und grün und voll, so sommerlich und still, und der Bach rauschte, und das Mühlwerk klapperte dumpf und dröhnend.

Er machte sich heute früher als sonst auf den Heimweg, vor Dunkelwerden. Vorsichtig schloß er sein Thürchen auf und trat behutsam hinaus, schaute nach links: da war die Luft sauber, keine Menschenseele zu bemerken – schaute nach rechts – und stand wie vom Blitz gerührt. – Ja, wo hatte er denn seine Ohren gehabt? – Drei Gartenthüren von ihm da flimmerte es ihm vor den Augen, da kam es angerückt. – Ihm schien es wie Tausende von Menschen, Tausende von Hüten, schlenkernden Armen, Tausende von Strickbeuteln und Sonnenknickern, mit denen auch geschwenkt wurde. – Das war die Lawine, die doch heute in Tröbsdorf hätte sein sollen. Und mit welchem Lärm kam diese Lawine an! Dem armen Rat schwindelte.

»Ja – ja – ja – was ist denn das?« riefen aus dem Gewirre verschiedene Stimmen zugleich.

»Aber Gustävchen – Gustävchen!« – Das war die Stimme der Rätin. – Und jetzt kam es ihm zum Bewußtsein, daß er die Hand noch am Schlüssel hatte, um ihn abzuziehen – das hatte die ganze Lawine gesehen, da war nichts zu machen. Er ließ die Hand, wo sie lag, und blieb regungslos – und da waren sie schon alle um ihn.

»Na, Alter, was ist denn das?« schmunzelte der Apotheker.

Die alte Kummerfelden drängte sich vor und blickte den Herrn Rat mit ihren großen, runden Augen an.

»Aber Gustävchen! – Aber Gustävchen!« Das war wieder die knarrende Stimme der kleinen Rätin. »Was ist denn das? Aber Gustävchen! Wo kommst du denn her? Hast du denn hier Amtsgeschäfte?« Das klang sehr ernst und als sollte noch viel danach kommen. Sie drängten sich alle um ihn wie bei dem Spiele Wickelklos, das bei den Kindern auf Weimars Gassen sehr beliebt war und noch ist, und wobei derjenige, welcher im Kern des Wickelkloses steckt, Gefahr läuft, von den andern erdrückt zu werden. Der Rat faßte sich aber, nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Das ist mein Garten. – Ich komme – ich habe – ich komme aus meinem Garten – ich habe mir nämlich einen Garten gekauft.«

»Aber Gustävchen!« rief die Frau Rätin.

Das war gewiß das wenigste, was sie rufen konnte. Aber die Frau Rätin, die kleine, fette Frau, war Meisterin darin, in das einzige »Aber Gustävchen!« ganz unglaublich viel zu verpacken.

Sie hatte sich das sehr bequem eingerichtet, wie überhaupt ihren ganzen Haushalt. »Aber Gustävchen!« in hundert Variationen. Sie konnte auf dieser einen Violinsaite ganze Lieder und Musikstücke spielen.

Und der Herr Rat hatte ein gutes Gehör für diese verschiedenen Tonarten. Er ging im Takt danach wie ein alter Regimentsgaul.

»Aber Gustävchen!« rief die Rätin noch einmal, wie ein kleines vollgeladenes Gewitterchen.

Die Kummerfelden sagte, als stände sie noch auf der Bühne und spräche zum Publikum gewendet: »Einen Garten hat er also gekauft, und kein Pferd und kein Kütschchen.«

Und Mamsell Muskulus zwitscherte: »Ach du meine Gite! – Du meine Gite!«

»Sapperlot!« rief der Apotheker, und das junge Volk lachte. – Und sie riefen alle durcheinander alles mögliche in Weimarscher Ursprache.

»Ne aber!« – »Herr Jemine!« – »Herr Jes!« und machten ein arges Geschrei damit.

Die Kummerfelden aber sagte: »Na, Kinders, da woll'n mer uns doch aber auch einmal den Garten ansehen.« – Und gesagt gethan. Die Thür ging auf.

Alle machten der Rätin Platz, denn sie war die nächste dazu, und nun strömte es hinein und riß den armen Rat mit sich.

Im Garten war das erste, daß Frau Rätin den Herrn Rat ein wenig beiseite nahm. Sie hatte eine tiefgekränkte Miene aufgesetzt mit so viel Grandezza, als womit sie ihre Hüte und Hauben aufzusetzen pflegte. Und diejenigen, welche dem Paar am nächsten standen, hörten verschiedene scharf betonte »Aber Gustävchen!«

So zornig die kleine statiöse Rätin aber auch sein mochte und so viel Recht sie dazu hatte, so that es ihr der Garten mit den vielen lustigen Leuten und dem vielen Gemüse, dem Obst und den Sommerblumen und den pflückreifen Kirschen und dem Sommerhäuschen und dem Bratwurstherde und dem Beerenobst doch auch an.

Und alle waren in der besten Stimmung; der arme Rat mußte wahrhaft Spießruten laufen; sie kühlten alle ihr Mütchen an ihm und hänselten ihn und zeckten und neckten ohne Aufhören.

Was half es dem Rat, daß er ein so gelehrter Mann war und mehr wußte als die ganze Gesellschaft zusammengenommen, daß zu verschiedenen Malen sein Name in den Jenaer Horen rühmlichst erwähnt war? Gar nichts half es ihm, eben gar nichts!

Als sie im Sommerhäuschen seinen Flausrock und die alten Latschen und die große Pfeife entdeckten, brach ein Hallo aus. Sie drängten mit solcher Wucht in das Häuschen, alle auf einmal, um den Flausrock zu betrachten, daß es den Anschein hatte, als wollten sie die stille, winzige Bretterbude, in der es so heimlich nach Moder, Sämereien, Erde und alten Weidenkörben roch, auseinandersprengen.

Und mitten in diesem Gedränge, mitten im Häuschen, mitten unter lauter Stimmen, die nicht müde wurden, den Rat zu bearbeiten und zu ärgern, erhob sich plötzlich eine, die rief und alle andern wie mit einem Schlag verstummen ließ: »Kinder, wie wär's mit Bratwürsten?«

Das hatte eingeschlagen – und es zeigte sich, daß die alten Weimaraner wahren Feldherrnblick hatten, wenn es galt, ein Vergnügen beim Zipfel zu fassen; denn wer weiß, was alles dazu gehört, ein wirkliches und wahrhaftiges Bratwurstfest zu feiern, der würde gespannt sein, wie das so plötzlich und völlig unvorbereitet zu stande kommen sollte.

Aber es kam zu stande. Das junge Volk wurde in aller Eile nach allen Seiten hin ausgeschickt, um zu holen, was zu holen war. Die einen mußten in die »Armbrust« laufen und die Würste herbeischaffen. Der Apotheker wußte ganz genau, daß die »Armbrust« heute Würste hatte, und Holzkohlen, die würde der Armbrustwirt, wenn er ein schönes Kompliment vom Apotheker überbracht bekam, gewiß hergeben.

Hausmuff, den ließ Frau Rat Kirsten von ihren Ratsmädchen und Budang bei sich aus dem Keller holen, um ihn zum Feste zu stiften. Der Apotheker lieferte die Brote. Messer, Gabeln und Gläser, die mußten von dem gebracht werden, der am nächsten wohnte; aber es wohnte niemand am nächsten.

Sie wohnten zumeist alle in der Wünschengasse, auf dem Frauenplan oder am Markt, nur die Kummerfelden, die aber hatte nicht so viel Teller.

Da blieb die Schopenhauern, die war aber nicht mit zugegen. Zu der schickte die Frau Rätin und ließ sagen: »Eine schöne Empfehlung und ob die Frau Schopenhauern und die Fräulein Adele ihr die Ehre geben wollten, in der Frau Rätin ihren Garten zum Bratwurstfest zu kommen, und ob sie die Güte hätten, ein paar Teller, aber viele Gläser und viele Gabeln und ein paar Messer dem Ueberbringer mitzugeben.«

Es war also von jetzt an der Garten der Frau Rätin – und das fiel niemand auf – nur dem Rat fiel es auf.

Und es gab an diesem Abend wirklich Bratwürste im Garten, dem Rat brauchte das Wasser nun nicht mehr im Munde zusammenzulaufen.

Ueber die Verwendung des Gemüses und des Obstes konnte er sich nun beruhigen. Darüber saßen sie an diesem selben Abend schon zu Gerichte; die Frau Rätin trieb einen wahren Handel. Zu einer gewissen Zeit sollten Apothekers beginnen, sich den Salat zu holen und die Mohrrüben, und zum Einmachen konnte die Schopenhauern bekommen, was es für sie gab; die Müllersch und die Kirstens und die Kummerfelden sollten alles, was die Rats nicht brauchten, seiner Zeit sich für ein billiges erstehen.

Und nun sangen sie an diesem Abend alle: