Einleitung.
Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche Tierdichtung hervorgegangen.
Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat, zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge, Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.
Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund und Katze, Ziege und Lamm, Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke von Reinhart (franz. Renard), Hinze von Heinrich, Lampe von Lamprecht, Henning von Johannes usw.
Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, branches, aus denen allmählich der große französische Roman de Renard herauswuchs.
Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre 1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.
Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.
Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!