Reineke Fuchs.
1. Kapitel.
Reineke wird angeklagt.
Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere; sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den Dachs, mit dem er nahe verwandt war.
Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und den Meinen zugefügt hat. Mein Weib hat er beschimpft und meine Kinder hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«
Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.
Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so verdankt er sie meiner List!«
»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder! Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu, würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil! Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen. Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen. Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen Mannes, der gewiß niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des Königs Frieden zu brechen wagt?«
Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen, so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am wenigsten ahnt!«
Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er, »es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹ Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt. Ja, er hatte so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.
Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.
Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir, seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«
Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau meines stolzen Geschlechtes. Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr König, allen Tieren festen Frieden gebietet.
Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog seines Weges.
Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern. Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und an dem Mörder Vergeltung übt!«
Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch, er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«
Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab setzte man einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen Buchstaben:
Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär, wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig, er wird dich belügen und betrügen!«
»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm auch übel bekommen!«