The Project Gutenberg eBook of Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band.
Title: Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band.
Author: Ida Pfeiffer
Release date: September 15, 2014 [eBook #46868]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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Reise
nach dem
skandinavischen Norden
und der
Insel Island
im Jahre 1845.
Von
Ida Pfeiffer,
geborne Reyer,
Verfasserin der »Reise einer Wienerin in das heilige Land«.
Mit einer Karte der Südwestküste der Insel Island.
Zweite Auflage.
Erster Band.
Pest, 1855.
Verlag von Gustav Heckenast.
Pest, 1855. Gedruckt bei Landerer und Heckenast.
Inhalt des ersten Bandes.
| Seite | |
| Vorrede | I |
| Abreise von Wien | 7 |
| Prag | 13 |
| Von Kopenhagen nach Island | 64 |
| Meine Ankunft zu Havenfiord und Reise nach Reikjavik | 84 |
| Kleine Ausflüge nach Vatne, der Insel Vidöe und nach Lachselv zum Lachsfange. Cavalcade nach Vatne | 132 |
| Nach Vidöe | 140 |
| Lachsfang | 142 |
| Die Schwefel-Quellen und Schwefel-Berge zu Krisuvik | 147 |
| Reise nach Reikholt (Reikiadal) und der Grotte Surthellir | 164 |
| Kurze Uebersicht dieser Reise | 215 |
Vorrede.
»Abermal eine Reise, und noch dazu in Gegenden, die Jedermann eher flieht als aufsucht. Es scheint diese Frau macht solche Reisen nur, um Aufsehen zu erregen.«
»Die erste Reise, für eine Frau allein, zwar auch schon ein ziemliches Wagestück, die könnte man ihr in Gottesnamen noch hingehen lassen; – – da mögen religiöse Ansichten zum Grunde gelegen haben, und mit solchen, weiß man wohl, leistet der Mensch oft Unglaubliches. – Aber nun sieht man keinen vernünftigen Grund mehr ein, ein ähnliches Unternehmen zu entschuldigen! –«
So, und vielleicht noch strenger, werden wohl die Meisten über mich urtheilen. – Und doch thut man mir sehr unrecht. – Ich bin gewiß einfach und harmlos, und hätte mir eher alles in der Welt träumen lassen, als je durch irgend etwas einige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. – Ich will nur in Kürze meinen Charakter und meine Verhältnisse andeuten, da wird dann schon meine Handlungsweise das Sonderbare verlieren und natürlich erscheinen.
Schon als zartes Kind hatte ich die größte Sehnsucht hinaus in die Welt zukommen. Begegnete ich einem Reisewagen, blieb ich unwillkürlich stehen, und sah ihm nach bis er meinen Blicken entschwunden war; ich beneidete sogar den Postillon, denn ich dachte, er habe die ganze große Reise mitgemacht.
Als Mädchen von zehn, zwölf Jahren las ich nichts mit größerer Begierde, als Reisebeschreibungen, und beneidete zwar keinen Postillon mehr, wohl aber jeden Weltumsegler, jeden Naturforscher.
Oft stahlen sich Thränen in meine Augen, wenn ich einen Berg erstiegen hatte, andere wieder sich vor mir aufthürmten, und ich nicht hinüber gelangen, nicht sehen konnte was jenseits lag.
Ich machte manche Reise mit meinen Eltern, und als ich verheirathet war, auch mit meinem Manne, und blieb erst zurück, als meine beiden Knaben heranwuchsen, und bestimmte Schulen besuchen mußten.
Die Geschäfte meines Mannes forderten seine Gegenwart theils in Wien, theils in Lemberg. Er übergab mir daher gänzlich die Erziehung und Leitung der Knaben; er kannte meinen festen Charakter, meine Beharrlichkeit in Allem was ich unternahm; er wußte, daß ich ihnen Vater und Mutter sein würde.
Als die Erziehung meiner Söhne geendet war, und ich in stiller Zurückgezogenheit lebte, da geschah es, daß meine Jugendträume und Phantasien nach und nach wieder auftauchten. Ich dachte an fremde Sitten und Gebräuche, an andere Welttheile, an einen andern Himmel und Boden. Ich träumte von dem unbeschreiblichen Glücke, jene Orte zu betreten, die unser Heiland durch seine Gegenwart heiligte, – und faßte endlich den Entschluß auch dahin zu wandern.
Ich stellte mir alle Hindernisse und Gefahren vor, ich suchte mich von diesen Ideen loszureißen – doch vergebens. – Aus Entbehrungen machte ich mir wenig, mein Körper war abgehärtet und gesund, den Tod fürchtete ich nicht, und im vorigen Jahrhundert geboren, konnte ich auch allein reisen. Somit war jede Gefahr beseitiget, Alles reiflich überdacht und überlegt, und ich trat mit wahrem Entzücken die Reise nach Palästina an, – und siehe, ich kehrte glücklich zurück. – Ich glaube nun, weder vermessen gegen Gottes Güte zu handeln, noch der Sucht nach Bewunderung beschuldigt werden zu können, wenn ich meinem innern Drange folge, und mich noch weiter in der Welt umsehe. – Island wählte ich, weil ich da eine Natur zu finden hoffte, wie nirgends in der Welt. Ich fühle mich in der Anschauung erhabner Naturscenen so überirdisch glücklich, meinem Schöpfer so nahe gebracht, daß in meinen Augen keine Beschwerde, keine Mühe zu groß ist, wenn ich solche Empfindungen darum erkämpfen kann.
Und sollte mich einst auf einer meiner Wanderungen der Tod ereilen, so werde ich ihm ruhig entgegen sehen, und Gott innig danken für die heiligen schönen Stunden, welche ich lebte, wenn ich seine Wunder schaute.
Dich, lieber Leser, bitte ich, mir nicht zu zürnen, daß ich so viel von mir schrieb. Allein weil diese meine Reisebegierde sich, nach den Begriffen der meisten Menschen, für eine Frau nicht ziemt, so mögen diese meine angebornen Gefühle für mich sprechen und mich vertheidigen.
Beurtheile mich nicht zu strenge, gönne mir vielmehr eine Freude, die Niemanden schadet und mich so glücklich macht.
Die Verfasserin.
Abreise von Wien.
Im Jahre 1845 trat ich also abermal eine bedeutende Reise an, und zwar nach dem hohen Norden. – Island war eine jener Gegenden, nach denen ich mich seit dem Anfange meines Denkens sehnte. – In diesem von der Natur ganz eigenthümlich ausgestatteten Lande, das wohl nirgends auf Erden seines Gleichen finden mag, da hoffte ich Dinge zu schauen, die mich mit neuem, unnennbarem Erstaunen erfüllen würden. – – O, mein gütiger Gott, wie bin ich Dir so dankbar, meine Lieblingsträume sich in Erfüllung verwandeln zu sehen! –
Von allen meinen Lieben nahm ich dießmal viel leichteren Abschied; ich hatte nun schon erprobt, daß eine Frau mit festem Willen in der Welt eben so gut fort kömmt, wie ein Mann, und daß man überall gute Menschen findet. – Dazu kam noch, daß die Beschwerden auf dieser Reise nur kurze Zeit währen dürften, und daß ich in fünf bis sechs Monaten wieder bei den Meinigen sein konnte.
Am 10. April, Morgens 5 Uhr, reiste ich von Wien ab. – Da die Donau kürzlich einige Verheerungen angerichtet hatte, bei denen auch die Eisenbahn nicht leer ausgegangen war, so legte ich die erste Meile bis Florisdorf in einem Omnibus eben nicht am angenehmsten zurück. – Unsere Omnibuse sind so enge und knapp, daß man denken sollte, sie seien nur für Schwindsüchtige, aber nicht für gesunde, und mitunter recht stattliche Reisende, die noch zum Ueberfluße mit Mänteln, Pelzen und Reiseröcken reichlich versehen sind, berechnet.
Kaum an der Linie angelangt, stellte sich uns ein neues Hinderniß entgegen. Wir gaben nach der Reihe unsere Passirscheine ab, nur der Letzte, ein junger Mann, war über dieses Begehren ganz erstaunt. Er hatte nichts bei sich als seinen Paß und seine Zeugnisse, und wußte nicht, daß ein Passirschein wichtiger sei als jene Beide. Er ging selbst in die Kanzlei, machte dem Beamten Vorstellungen; – doch vergebens – wir mußten ohne ihn die Reise fortsetzen.
Nun erfuhren wir erst, daß es ein Studierender sei, der soeben seine Rigorosen geendet, und sich einige Wochen bei seinen Eltern, in der Nähe Prags, erholen wollte. – Ach der Arme! Er hatte so viel studiert, und doch zu wenig! – Er wußte nicht, daß ein solches Dokument von so außerordentlicher Wichtigkeit sein konnte. – Wegen dieses kleinen Versehens büßte er die Reisespesen bis Prag, die in vorhinein bezahlt waren.
Doch weiter in meiner Reise.
In Florisdorf überraschte mich freudig die Gegenwart meines Bruders und meines Sohnes, die mir ungesehen vorgefahren waren. – Wir bestiegen nun zusammen die Eisenbahn, um nach Stockerau (drei Meilen) zu fahren; doch auf halbem Wege mußten wir aussteigen, und ein Stück zu Fuß wandern. Der Eisenbahn-Damm war hier eingesunken. – Zum Glück begünstigte uns das Wetter so weit, daß wir zwar einen furchtbaren Sturm, aber wenigstens keinen Regen hatten; sonst wären wir ganz durchnäßt geworden, und würden bis an die Knöchel in Koth gesunken sein. An Ort und Stelle angelangt, mußten wir unter freiem Himmel so lange warten, bis die Dampfwagen von Stockerau kamen, ihre Reisenden ausluden und uns dagegen einnahmen.
In Stockerau nahm ich von meinen Begleitern nochmal Abschied, und wurde in den Post-Stellwagen gehörig verpackt und weiter spedirt.
Auf dieser kurzen Strecke war dieß nun der vierte Wagen, den ich bestieg, – eine große Unannehmlichkeit schon, wenn man nichts bei sich hat, eine um so größere, wenn man noch für Reisegepäck sorgen muß; und dafür wüßte ich keine andere Entschädigung, als daß wir diese 4 Meilen um eine halbe Stunde schneller zurücklegten, und anstatt, wie früher, von Wien bis Prag 9 fl. 36 kr., jetzt von Stockerau bis Prag 10 fl. 10 kr. zahlt, Omnibus und Eisenbahn noch gar nicht eingerechnet. – Gewiß, eine theuer erkaufte halbe Stunde.
Das Städtchen Znaim mit einem Kloster in der Nähe, liegt in einer weiten Ebene, die sich von Wien bis gegen Budwitz, vier Meilen hinter Znaim, zieht, und deren Einförmigkeit nur hie und da durch niedere Hügel unterbrochen wird.
Bei Schelletau gewinnt die Gegend ein freundlicheres Ansehen. – Links fesselt das Auge ein Kranz von höhern Bergen, geschmückt mit einer Burgruine, bei deren Anblick man sich an eine jener tragischen Rittergeschichten aus den vorigen Jahrhunderten erinnern kann; um den Weg selbst ziehen sich Nadelgehölze, oder sie liegen in schönen Gruppen auf den Hügeln und in den Thälern zerstreut.
11. April.
Schon gestern begünstigte uns die Witterung nicht im Geringsten. – Bei Znaim fanden wir die Thäler noch theilweise mit Schnee bedeckt, und oft überfielen uns Nebel, daß man kaum 100 Schritte weit sehen konnte. – Doch heute ging es noch ganz anders.
Die Nebel lösten sich in einen sanften Regen auf, der aber von Station zu Station so viel von seiner Sanftheit verlor, daß bald Alles um uns her in Wasser stand. – Aber nicht genug, im Wasser fahren zu müssen, mußten wir auch im Wasser sitzen, denn das Dach unseres Wagens schien ein vollkommenes Sieb werden zu wollen, durch das der Regen seinen Eingang nahm. Wenn es der Raum erlaubt hätte, all unsere Regenschirme wären aufgespannt worden.
Bei solchen Gelegenheiten bewundere ich immer im Stillen die Geduld meiner guten Landsleute, die nehmen Alles höchst gelassen auf. – Wäre ich ein Mann, ich würde ganz anders sein, und gewiß keine Nachlässigkeit ungerügt lassen. So aber, als Frau schweige ich; man würde sich nur über mein Geschlecht erzürnen, und es launenhaft nennen. – Ueberdieß dankte ich meinem Schutzgeist für diese Widerwärtigkeiten. Ich nahm sie als Vorbereitungen dessen, was in dem hohen Norden über mich kommen sollte.
Wir berührten verschiedene Städtchen und Dörfer, und betraten endlich, gleich hinter Iglau, das böhmische Gebiet. – Das erste Kreis-Städtchen, das sich in diesem Königreiche unserm Blicke darbot, war Czaslau mit einem großen Platze und einigen netten Häusern, die mit sogenannten Lauben versehen sind, damit man bei dem schlechtesten Wetter trocknen Fußes um den Platz gehen könne.
Auf der ferneren Reise sieht man einen schönen Dom mit dem dazu gehörigen Orte Kuttenberg, einst berühmt durch Gold- und Silberminen; – weiter die große Tabakfabrik Sedlitz und zum erstenmale die Elbe, doch nur auf kurze Zeit, da sie bald wieder eine andere Richtung einschlägt. Und nun passirt man das Städtchen Collin, und fährt knapp an dem Schlachtfelde vorüber, auf dem der große König Friedrich im Jahre 1757 die Zeche an die Oesterreicher bezahlte. – Rechts auf einer kleinen Anhöhe steht ein Obelisk, der erst vor wenig Jahren dem Andenken des Generals Daun gesetzt wurde, – links breitet sich die Ebene Klephorcz aus, auf welcher die Oesterreicher aufgestellt waren.
Prag
erreichten wir Nachts um 11 Uhr.
Ich wollte schon nach zwei Tagen meine Reise fortsetzen, und mein erster Gang war am folgenden Morgen auf das Polizeiamt, um nebst dem Paß das viel wichtigere Dokument eines Passirscheines zu holen, – mein zweiter auf die Hauptmauth, um ein Kistchen in Empfang zu nehmen, das ich fünf Tage vor meiner Abreise aufgegeben hatte und nach des Spediteurs Zusicherung bei meiner Ankunft vorfinden würde.[1] – Ach Herr Spediteur! das Kistchen war nicht da. – Auf Samstag folgt Sonntag; Sonntags aber ist die Mauth geschlossen. – Ein Tag also war verloren, ein ganzer Tag, in dem man hätte nach Dresden fahren, und sogar noch die Oper besuchen können.
Aber Montag Früh eilte ich auf die Mauth, in banger Erwartung – das Kistchen war noch nicht da. Es standen jedoch mehrere beladene Wagen hier, auf deren einem es sich befinden konnte. – Ach, wie sehnte ich mich mein Theuerstes zu erblicken, um es, zwar nicht an's Herz zu drücken, wohl aber um es aufzuschließen, und – vor den Zollbeamten auszukramen. –
In Prag hielt ich nur schnelle Uebersicht, da ich schon vor mehreren Jahren Alles genau besehen hatte. Ich bewunderte den schönen Graben und Roßmarkt, und die breiten, mit netten Häusern eingefaßten Straßen der Neustadt. – Mit einem eigenen Gefühle betrat ich die alte Steinbrücke, von welcher der heilige Johann von Nepomuck in die Moldau gestürzt wurde, weil er das Sündenbekenntniß der Gemahlin des Königs Wenzel nicht veröffentlichen wollte. Am jenseitigen Ufer bestieg ich den Hradschin und besuchte den Dom, in welchem ein großer Sarkophag, von Engeln umgeben und getragen, und von einem Baldachin aus dunkelrothem Damast überwölbt, dem Andenken dieses Heiligen gewidmet ist. – Das Monument ist von Silber, und der Werth des dazu verwendeten Metalles allein wird auf 80,000 fl. geschätzt. Die Kirche selbst ist nicht groß, aber im edlen gothischen Style gehalten, gegen welchen leider die Nebenaltäre mit ihren zahllosen, hölzernen, vergoldeten Figuren und Verzierungen sehr kleinlich abstechen. – In den Seiten-Capellen sind viele Sarkophage, auf welchen Bischöfe und Ritter, in Stein gehauen, ruhen, aber so beschädigt sind, daß Hände und Füße, ja Manchem sogar der Kopf fehlt. – Rechts am Eingange der Kirche, ist die berühmte St. Wenzeslaus-Capelle, deren Wände mit Fresken, wovon Farben und Zeichnungen beinahe verschwunden, geschmückt, und mit kostbaren Steinen ausgelegt sind.
Unweit des Domes steht der ungemein fensterreiche Pallast des Grafen Czernin, er zählt nicht mehr und nicht weniger Fenster, als das Jahr Tage. Ich war in einem gewöhnlichen Jahre da, folglich sah ich 365; – wie es sich in einem Schaltjahre verhält, weiß ich nicht. – Die Aussicht auf dem Belvedere dieses Pallastes ist sehr lohnend. Man übersieht die Alt- und Neustadt, den schönen Strom mit seinen beiden Brücken (der antiken, ehrwürdigen Steinbrücke und der zierlich hängenden 600 Schritt langen Kettenbrücke) und die Hügel rings umher, besä't mit Gärten und niedlichen Landhäusern.
Die Gassen der Kleinseite sind nicht besonders schön, meist enge, krumm und hügelich; doch findet man auch hier manch merkwürdigen Pallast, worunter wohl jener des Wallenstein-Friedland den ersten Platz behaupten mag.
Nachdem ich noch die St. Nicolaus-Kirche, die sich durch die Höhe ihres Schiffes und die schön gewölbte Kuppel auszeichnet, besucht hatte, ging ich auf die Wimmerischen Anlagen, und auf die Bastei, die gewöhnlichen Versammlungsorte des Prager Publikums.
Von da aus sah ich die Verheerungen, die das Wasser kurz vor meiner Ankunft hier angerichtet hatte. – Die Moldau hatte ihre Ufer so ungestüm überstiegen, daß sie manch' Häuschen, ja unweit Prag ein ganzes Dörfchen in ihren Fluthen begraben und alle Häuser, die an ihren Ufern standen, mehr oder minder beschädiget hatte. Das Wasser war zwar schon gefallen, doch waren die Mauern der Häuser durch und durch naß, die Thüren fehlten, und aus den zerbrochenen Fenstern blickte Niemand nach den Vorübergehenden. Die Höhe des Wasserstandes betrug um zwei Schuh mehr als im Jahre 1784, wo die Moldau auch eine ungewöhnliche Höhe erreichte.
Von demselben Standpunkte aus übersah ich den großen, erst kürzlich angekauften Platz, welchen bald die Bahnhöfe der Wiener- und Dresdner-Eisenbahnen zieren werden. – Obwohl viele darauf stehende Häuser erst niedergerissen wurden, und von wenigen Bauten die Grundlagen angefangen waren, versicherte man mich doch, daß Alles binnen sechs Monaten beendet sein würde.
Noch muß ich einer Sache erwähnen, die mir auf meinen Morgenwanderungen auffiel, nämlich die seltsame Art und Weise, auf welche hier Milch, Gemüse und andere Lebensmittel zur Stadt gebracht werden. Ich glaubte mich nach Lapp- oder Grönland versetzt, als ich überall Karren begegnete, mit zwei drei bis vier Hunden bespannt; ein Paar derselben zieht in der Ebene drei Centner. Geht die Fahrt über einen Hügel, so hilft der Kutscher mit; außerdem sind sie sorgsame Wächter, und ich würde Niemanden rathen, einem solchen Karren nahe zu kommen, wenn er vor der Schänke steht, in welcher der Eigenthümer das so eben eingenommene Geld verzecht.
Prag verließ ich am 15. Morgens 5 Uhr und fuhr mit dem Postwagen drei Meilen, bis Obristwy an der Elbe wo ich mich auf dem Dampfboote »Bohemia,« von 50 Pferdekraft, einem elenden alten Schiffe, dem Luxus und Pracht schon in der Jugend fremd waren, nach Dresden (22. M.) einschiffte. – Der Preis für diese kurze Fahrt von 8 bis 9 Stunden ist entsetzlich theuer; doch werden die übertrieben fordernden Unternehmer bald an den Reisenden durch eine Eisenbahn gerächt, auf der man diese Strecke mit viel weniger Zeit- und Geldaufwand wird zurücklegen können.
Aber anziehender ist jedenfalls die Fahrt auf dem Strome, da man theilweise an wunderschönen Partien, und endlich an jenen der sächsischen Schweiz vorüberschifft. – Anfänglich ist die Fahrt freilich nichts weniger als schön, rechts sieht man kahle Hügel und links große Ebenen, über die sich in diesem Frühjahre der Strom noch fessellos ergoß, die Bäume bis zu ihren Kronen, die Hütten bis zu ihren Dächern bedeckend. Hier übersah ich die Zerstörungen erst recht; viele Häuser waren durch die Gewalt der Fluthen gänzlich niedergerissen, die Saaten sammt dem Erdreiche weggeschwemmt, – – eine schauerliche Scene verschwand, um einer noch schauerlicheren Platz zu machen.
So ging es fort bis Melnick; da wurden die Hügel höher und zwischen den zahllosen Weingärten standen Gruppen von Häusern. Dem Städtchen gegenüber strömt die Moldau in die Elbe. – Links in weiter Ferne erblickt man den berühmten St. Georgsberg, von dem die Sage erzählt, daß von ihm aus, Czech Besitz von ganz Böhmen nahm.
Unterhalb des Städtchens Raudnitz werden die Hügel zu Bergen, und da viele Schwärmer nur jene Gegenden romantisch finden, wo die Berge mit halb verfallenen Burgen und Schlössern geschmückt sind, so hat die gute alte Zeit auch dafür Sorge getragen, und zwei schöne Ruinen, Hafenberg und Skalt, erfreuen das Auge solch empfindsamer Beobachter.
Bei Leitmeritz, einem Städtchen mit einem artigen Schlosse und einer Kirche sammt Kloster, strömt die Eger in die Elbe, auch verbindet da beide Ufer eine hochgewölbte hölzerne Brücke. – Unsere armen Matrosen hatten da viele Mühe mit dem Umlegen des Schornsteines und des Mastes.
Das ziemlich hübsche Dorf Groß-Czernoseck ist merkwürdig durch die großartigen, in Felsen gehauenen Keller. – Man kann mit einem Postzuge hineinfahren und ganz bequem darin umkehren. Die Fässer sind natürlich den Kellern angemessen, besonders die zwölf Apostel, von denen jeder 200 Eimer enthält. – Hier sollte doch füglich angehalten werden, um jedem tüchtigen Weinhelden das Vergnügen zu verschaffen, diese Palläste von Kellern zu beschauen, und den Aposteln eine Libation darzubringen, – doch das Schiff glitt vorüber, und man mußte sich an den Beschreibungen Jener laben, die in diesen Gegenden heimischer waren, und gewiß oft ganz begeistert jenen Tiefen entstiegen sind.
Die Fahrt wird nun immer reizender, – die Berge rücken näher und engen das Flußbett ein; romantische Felspartieen, deren Spitzen noch romantischere Ruinen krönen, thürmen sich dazwischen. Besonders schön ist die alte, ziemlich gut erhaltene Burg Schreckenstein, welche auf einem an der Elbe liegenden, schroff empor ragenden Felskogel erbaut ist, und den ganzen obern Raum deckt; – Schlangenpfade in Fels gehauen, führen hinauf.
Bei dem Städtchen Aussig sind die größten Stein- und Braunkohlen-Gruben von ganz Böhmen. – In der Nähe liegt auch ein kleines Felsgebiet Paschkal, auf welchem eine Weingattung wächst, die dem Champagner ähnlich sein soll.
Die Berge werden immer höher; über alle aber ragt der Gigant Jungfernsprung; und die Schönheit dieser Gegend wird nur durch die Lage des Städtchens und Schlosses Tetschen übertroffen. Das Schloß steht auf einem 20 bis 30 Fuß hohen Fels, der sich aus der Elbe zu erheben scheint. Er ist von Gewächshäusern und schönen Garten-Anlagen umgeben, die sich zu dem Städtchen hinabziehen, das an einem kleinen Hafen in einem blühenden Thale liegt. Letzteres ist von einer hohen Bergkette umschlossen, und scheint dadurch wie von der übrigen Welt ganz abgeschieden zu sein.
Das linke Ufer ist dermaßen von Felsen und Felswänden eingenommen, daß nur hie und da für einen einzelnen Bauerhof oder eine Hütte Raum bleibt. – Da sieht man plötzlich zwischen den hohen Felsen die Spitzen von Masten emporragen, eine Erscheinung die jedoch bald natürlich wird, da ein großer Einschnitt in eine der Felsenwände das schönste Wasserbecken bildet.
Und nun kamen wir nach Schandau, das nur aus einigen Häusern besteht, und der sächsische Grenzort ist. – Zollbeamte, von einer Grenze unzertrennlich, kamen nun auf unser Schiff und stöberten Alles durch. – Mein, in einem Kistchen verschlossener Daguerrotyp-Apparat schien ihnen verdächtig, auf meine Versicherung aber, daß ich ihn nur zu meinem eigenen Gebrauche mitführe, wurde ich sammt ihm recht artig entlassen.
Auf der weiteren Reise sieht man Felsen von oft merkwürdigen Formen, denen auch ihre Namen entsprechen; so heißt einer Zirkelstein, ein anderer Lilienstein u. s. w. Der Königsstein besteht aus zackichten Felsmassen, auf welchen die Festung gleichen Namens liegt, und als Gefängniß für schwere Verbrecher dient. An den Fuß dieser Felsmassen lehnt sich das Städtchen Königsstein. – Unweit davon sieht man an der rechten Seite einen ungeheuren Felsblock auf andern ruhend, der die höchst natürliche Gestalt eines Kopfes bildet. – Die ferneren Felspartieen heißen jene von Rathen, welche aber schon zur sächsischen Schweiz gezählt werden. – Die Basteien dieser Schweiz, an welchen man nun unmittelbar vorübersegelt, sind eine der wunderbarsten Uebereinanderhäufungen hoher und seltsam gestalteter Felsmassen. – Leider trieb uns der Dampf so schnell dahin, daß während wir auf die eine Seite blickten, uns auf der andern die reizendsten Bilder schon wieder entschwunden waren. Viel zu schnell kamen wir an dem Städtchen Pirna vorüber, das an den Ausläufern dieses Gebirgszuges liegt. Ueber alle Gebäude dieses Städtchens ragt das sehr antike Stadtthor hoch empor.
Noch sieht man das große Schloß Sonnenstein auf Felsen liegend, das jetzt als Narrenhaus dient.
Das Reizende und Schöne dieser Stromfahrt war nun vorüber, und kleinlich nimmt sich gegen diese großartige Natur, das königliche Lustschloß Pilnitz mit seinen zahllosen chinesischen Dachspitzchen aus. – Daran reiht sich eine Kette von Hügeln, bedeckt mit den Landsitzen der Städter, und rechts eine große Ebene an deren fernem Ende uns Sachsens Hauptstadt entgegen schimmerte. – Doch was ist jetzt Ferne? – Kaum hatten wir Zeit das Gepäck zu ordnen, und schon war, unfern der schönen Dresdner Brücke, der Anker ausgeworfen.
Auch diese Brücke ließ das tobende Element nicht unbeschädigt. Einer der mittleren Pfeiler gab nach, und das Kreuz und Schildhäuschen, die darauf standen, wurden in die Fluthen gestürzt. Anfänglich konnte sie noch befahren werden, erst später entdeckte man die große Beschädigung dieser Brücke, und das Fahren wurde auf viele Monate eingestellt.
Da ich Dresdens Merkwürdigkeiten schon vor mehreren Jahren besehen, und mir nur das prächtige Theater neu war, so benützte ich die Paar Abendstunden meines Aufenthaltes um selbes zu besuchen.
Es steht in der Mitte des schönen Domplatzes, und zieht durch den rotundenartigen prachtvollen Bau gleich die Aufmerksamkeit auf sich. – Ein herrlicher, breiter und hoher Corridor, mit schönen Bogenfenstern umgibt das innere Theater, und gerade aufsteigende, breite Treppen führen von verschiedenen Seiten zu den Gallerien. Das Innere des Theaters ist zwar nicht so groß, als man nach der Außenseite zu schließen berechtiget wäre, aber Bau und Decorirung sind wahrhaft prachtvoll und überraschend. – Die Logen sind alle offen, nur durch eine ganz niedere Wand getrennt, die Wände und Stühle derselben sind mit schweren Seidenstoffen überdeckt, und die Bänke der dritten und vierten Gallerie mit Halbseiden-Stoffen. – Nur Eines war mir in akustischer Hinsicht störend: – ich hörte nämlich das leiseste Geflüster des Souffleurs so deutlich, als säße Jemand hinter mir und läse die Rollen ab. – Kaum war der Vorhang gefallen, so war auch schon Alles leer, und doch nirgend ein Gedränge. Da wurde ich erst auf die schöne Einrichtung der vielen und bequemen Ausgänge aufmerksam.
16. April.
Die Dresdner Omnibuse kann man als Muster der Bequemlichkeit aufstellen; da hat man doch gehörig Platz, und weder übermäßige Beleibtheit der Mitfahrenden, noch deren Pelze und Mäntel zu befürchten. Im Innern des Wagens ist ein Glockenzug angebracht, und jeder Aussteigende kann so dem Kutscher ein Zeichen geben. – Diese Omnibuse fahren bei allen größeren Gasthöfen vor, halten einen Augenblick an; ist aber der Reisende nicht schon bereit, so muß er zurück bleiben.
Um halb 6 Uhr früh hielt er vor unserm Gasthofe; ich hatte ihn schon erwartet, und rollte ganz gemächlich zur Eisenbahn. Von hier bis Leipzig rechnet man 12 Meilen, welche wir in 3 Stunden zurücklegten.
Die ersten drei Meilen waren sehr angenehm; Gärten, Felder und Wiesen, Tannen-Gehölze in der Ebene und auf den Hügeln, dazwischen Dörfer, Bauernhöfe, Landhäuser und einsame Capellen bildeten eine recht liebliche Landschaft; doch dann hört dieß auf, und die links liegende, durch ihre Porzellan-Fabrik berühmte Stadt Meissen scheint den Schlußstein des Schönen zu machen.
Eine einförmige, langweilige Ebene, die nur selten durch Dörfer oder einzelne Höfe belebt wird, zieht sich bis Leipzig; da ist nichts zu sehen als ein großer Tunnel und der Fluß Pleisse; letzterer (oder vielmehr die Elster) berühmt durch den Tod des Fürsten Poniatowsky.
Die Stadt Leipzig, weltberühmt durch ihre Messen, und ganz besonders durch ihren ungeheuern Bücherverlag, bietet im Innern ein dem großen Verkehr entsprechendes Gewühl. Ich fand Straßen, Plätze und Gasthöfe überfüllt.
Nicht leicht mag es eine Stadt geben, deren Häuser und dadurch auch die Gassen so entstellt sind durch die unzähligen Ankündigungstafeln, die in allen Formen und Größen, oft mehrere Schuh hervorragend, an den Häusern angebracht sind. – Unter den Gebäuden gefielen mir am besten das Augusteum und die Bürgerschule. Die Bücherhalle hat wohl ihren Ruf nur dem geistigen Inhalte, nicht aber der Bauart und der Außenseite zu verdanken. Die Halle selbst ist zwar groß und zieht sich über das ganze Gebäude hin, dessen untere Räume einige Säle enthalten, aber Halle, Gebäude und Säle sind einfach und ohne besondere Ausschmückung. – Die Tuchhalle ist ein einfaches großes Haus, deren weite Gewölber nichts als Vorräthe von Tuch enthalten. – Das Theater steht auf einem sehr großen Platze und zeichnet sich weder von Außen noch von Innen durch etwas Großartiges aus. Neu war für mich die Einrichtung, auf der zweiten und dritten Gallerie Reihen von Sperrsitzen vor den Logen zu sehen. – Das Orchester hörte ich nur; – wo es sich befand, mochten die Götter wissen. Wahrscheinlich war es hinter den Coulissen angebracht. Man versicherte mich, daß dieß nur bei ganz außerordentlichen Fällen geschähe, wo man die Orchester-Plätze in Sperrsitze umwandle. – Dieß fand nun gerade heute statt. Man gab das beliebte Stück von Gutzkow »Das Urbild Tartüff's.« – Die Darstellung des Stückes war sehr brav.
Im Leipziger Theater hatte ich zum zweitenmal Gelegenheit zu bemerken, daß, was die Eßlust anbelangt, die lieben Sachsen den so verrufenen Wienern durchaus nicht nachstehen. Ich bewunderte schon in Dresden im Theater ein Paar Damen, die neben mir saßen. Diese hatten ein recht niedliches Säckchen bei sich, und darin einen ganz anständigen Vorrath von Backwerk, an welches sie sich in den Zwischenakten tapfer hielten. – Aber zu Leipzig war es eine kräftigere Nahrung, die eine zarte Mutter mit ihrem 15-16jährigen Söhnlein verspeiste, – – Weißbrod mit Salami. – Ich traute meinen Augen nicht und dachte es sei künstliche Salami, in irgend einer Zuckerbäckerei bereitet; doch bestätigte mich meine Nase nur zu bald in meinem Anfangs so widerstrebenden Glauben.
Und beide Begebenheiten ereigneten sich nicht etwa in den höchsten Regionen des Thalientempels, wo man es wohl auch manchmal bei uns finden mag, – nein – auf Sperrsitzen der zweiten Gallerie.
Um die Stadt Leipzig ziehen sich schöne Alleen. Ich machte auch einen Spaziergang nach dem Rosenthale, das ebenfalls aus wunderschönen Alleen und Rasenplätzen besteht. Ein niedliches Kaffeehaus mit einem sehr hübschen in Halboval erbauten Kiosk, ladet die Ermüdeten freundlich zur Ruhe und Stärkung ein, und eine angenehme Musik verbreitet Lust und Heiterkeit.
Die übrige Umgebung Leipzigs bietet nichts als das Bild einer einförmigen, unübersehbaren Ebene.
17. April.
Ich wollte meine Reise nach Hamburg über Berlin fortsetzen, allein die Witterung war so kalt und stürmisch, der Regen strömte so gewaltig, daß ich den kürzeren Weg einschlug, und auf der Eisenbahn nach Magdeburg fuhr. – Wir flogen durch die traurige Ebene an Halle, Köthen und andern Städtchen, von denen ich nur die Häusermassen sah, vorüber, und grüßten in Eile die Sale und Elbe. – Gegen 10 Uhr Morgens waren wir in Magdeburg, und hatten 15 Meilen in 3¼ Stunden zurückgelegt.
Das Dampfschiff nach Hamburg ging erst um 3 Uhr ab; – ich hatte also Muße genug mich in der Stadt umzusehen.
Magdeburg ist eine Musterkarte von Gebäuden der ältesten, mittleren und neuesten Zeit. Besonders merkwürdig ist die, die ganze Stadt durchschneidende Hauptstraße »der breite Weg,« da sieht man Häuser, welche aus der ältesten Zeit stammen, und alle Belagerungen und Zerstörungen überstanden haben; Häuser von allen Farben und Formen; – die Einen haben Spitzen, auf welchen noch steinerne Figuren paradiren, die Andern sind wieder mit Arabesken von oben bis unten überladen, – ja auf Einem entdeckte ich sogar noch Reste von Fresken. – Mitten unter dergleichen Alterthümern prangt wieder ein Haus im neuesten Styl und Geschmack. Ich wüßte nicht bald eine Straße, die solch einen besondern Eindruck auf mich gemacht hätte. Das schönste Gebäude ist aber unstreitig der würdevolle Dom. Ich hatte doch schon in Italien die schönsten Kirchen in Menge gesehen, – dennoch blieb ich überrascht und staunend vor diesem Meisterwerk gothischer Bauart stehen.
In dieser Kirche ist das Monument mit den zwölf Aposteln ein würdiges Denkmal des allberühmten Bildhauers Vischer. Um es sehen zu können, muß man eigens die Erlaubniß des Commandanten dazu haben.
Der Domplatz ist regelmäßig, groß und mit zwei Alleen geziert; er dient auch zu kleinen Militärübungen. Ueberhaupt fiel mir das viele Militär auf, das ich hier sah. Man mochte gehen wohin man wollte, stets begegnete man Soldaten und Officieren, ja wohl ganzen Truppenzügen. Es könnte in Kriegszeiten kaum ärger sein. Leicht sah man daraus, daß man sich bereits auf preußischem Boden befinde.
Sehr entstellt wird die Stadt durch die vielen offnen Canäle, welche aus allen Häusern kommen, und sich längs den Straßen fortziehen.
Nur zu bald ward es halb drei Uhr, und schnell begab ich mich auf das Dampfboot »Magdeburg« von 60 Pferdekraft, um weiter nach Hamburg zu kommen. – Von dieser Tour kann ich weiter nichts sagen, als, daß eine Fahrt auf einem Fluße, wo die Gegend so schrecklich langweilig ist, wie von hier nach Hamburg, zu den unangenehmsten Dingen gehört, die es geben kann. – Aber noch mehr steigt diese Unannehmlichkeit, wenn man schlechtes Wetter hat, das Schiff unrein gehalten wird, und man noch dazu eine Nacht daselbst zubringen muß. – Hier traf es mich so. – Das Wetter war schlecht und das Schiff unrein, die Entfernung betrug 23 Meilen, folglich hatten wir die frohe Aussicht auf eine herrliche Schiffsnachtruhe, und der Reisenden gab es so viele, daß Eines knapp am Andern sitzen mußte, – und so saßen wir in himmlischer Geduld, gafften einander an und seufzten tief. – Von Ordnung war keine Rede, – darnach zu sehen hatte Niemand Zeit; – den ganzen Tag und die ganze Nacht wurde recht wacker geraucht und Karten gespielt. Daß es dabei nicht so ruhig zuging, wie bei einer englischen Whist-Partie, kann man sich leicht denken. – Und die Kajüte auch nur auf Augenblicke zu verlassen, war vor beständigem Sturm und Regen gar nicht möglich. – Die einzige Entschädigung die ich hatte, war, daß ich hier den liebenswürdigen Compositeur Lorzing kennen lernte, eine Bekanntschaft, die mich um so mehr erfreute, da ich schon früher eine große Verehrerin seiner schönen, originellen Musik war.
18. April.
Endlich ward es Morgen, und bald erreichten wir die große Handelsstadt, die, durch den fürchterlichen Brand im Jahre 1842 halb eingeäschert, prächtiger und herrlicher als früher aus dem Schutte erstanden war. – Ich stieg hier bei meiner Base ab, die an den königl. würtembergischen Consul und Kaufmann Schmidt verheirathet ist, und verlebte da volle acht Tage in Freude und Vergnügen. Mein Vetter war so gütig mich selbst herum zu führen, und mir die Hauptmerkwürdigkeiten Hamburgs zu zeigen.
Vor Allem besuchten wir die Börse und zwar zwischen 1 und 2 Uhr, wo sie am belebtesten ist, und daher dem Fremden den richtigsten Begriff von der Größe und Wichtigkeit des hiesigen Handelsverkehres geben kann. – Das Gebäude enthält einen sehr großen Saal mit Arkaden und Gallerieen, und mehrere große Gemächer, die theils zu Besprechungen dienen, theils Erfrischungen spenden. – Das Interessanteste ist aber unstreitig, sich auf die Gallerie zu setzen, das Anschwellen der Menge, ihr Umhertreiben in dem ungeheuern Saale, in den Bogengängen und Gemächern zu beobachten, und das Summen und Lärmen der tausend untereinander schreienden Stimmen zu hören. Um halb 2 Uhr erreicht das Gedränge im Saale den Höhepunkt, und das Lärmen wird wahrhaft betäubend; – es wird nämlich der Cours angeschrieben, nach welchem Alle ihre Geschäfte ordnen.
Von der Börse wanderten wir nach dem großen Hafen, und durchkreuzten ihn auf einem Boote in allen Richtungen. Ich wollte hier nur die Dreimaster zählen, hörte aber bald auf, denn ihre Anzahl erdrückte mich ordentlich, dazu noch die Menge der prachtvollsten Dampfer, Briggen, Schaluppen und anderer Schiffe, – – kurz: ich sah nur und staunte, denn es lagen da wohlgezählte 900 Fahrzeuge.
Nun denke man sich eine Spazierfahrt zwischen 900 Schiffen und Schiffleins, die an beiden Ufern der Elbe in drei- und mehrfachen Reihen aufgestellt waren, das Hin- und Herkreuzen der zahllosen Boote, die die Fracht von den Schiffen holten oder dahin brachten das Lärmen und Jubeln der Matrosen, das Aufwinden der Anker, das Vorbeibrausen der Dampfer, – – und man wird ein Bild sehen, wie es nur die Weltstadt London noch großartiger bieten mag.
Die Ursache dieser ungewöhnlichen Belebtheit des Hafens war in der Strenge des Winters gelegen. Seit 70 Jahren hatte man keinen solchen Winter gesehen; Elbe und Ostsee lagen Monate lang in starrer Unthätigkeit gefangen und kein Schiff konnte die eisbedeckten Flächen durchziehen, keines Anker lichten oder Anker werfen. Erst kurz vor meiner Ankunft war die Bahn wieder frei geworden.
In der Nähe des Hafens liegen die meisten der sogenannten Höfe. Ich hatte so manches darüber gelesen, daß sie von Außen gewöhnlichen Häusern gleichen, im Innern aber ganze Quartiere mit Sackgäßchen bilden und der Aufenthalt unzähliger Familien sein sollen. – Ich besuchte daher mehrere solche Höfe und kann versichern, daß ich gar nichts Außerordentliches fand. – Häuser mit zwei langen Seitenflügeln die ein Sackgäßchen von 80-100 Schritten bilden, findet man in jeder größern Stadt, und daß so viele Familien in einem solchen Hause wohnen, ist auch nicht merkwürdig, wenn man weiß, daß sie Alle arm sind, und jede einzelne nur ein Zimmerchen besitzt.
Der beliebteste Spaziergang in der Stadt ist der Jungfernstieg, eine breite Allee, die sich um ein großes und schönes Wasserbecken der Alster zieht, und an deren einen Seite die prachtvollsten Gasthöfe, an denen Hamburg durchaus keinen Mangel hat, so wie auch viele nicht minder schöne Privathäuser stehen. Andere Spaziergänge sind: der Wall, der sich um die Stadt zieht, und der botanische Garten, der einem schönen Parke gleicht.
Das herrlichste Gebäude, ausgezeichnet durch Alles, was Luxus, Kunst, Dauerhaftigkeit und Zierlichkeit betrifft, ist der Bazar. Ein wahres Riesenwerk, um so mehr anzustaunen, da es nicht auf Actien, sondern auf Kosten eines einzigen Mannes, Herrn Carl Sillem, erbaut wurde. Der Architekt heißt: Overdick. Es ist ganz aus Quadersteinen aufgeführt. Die Wände des großen Saales und der Halle sind mit Marmor ausgelegt. Eine hohe Kuppel und ungeheure Wölbungen mit Glas gedeckt, überspannen Saal und Halle; – schöne Statuen, aus Stein gehauen, zieren die oberen Balustraden. Abends ist Alles reich mit Gas erleuchtet, dazu denke man sich noch die schönen Ausstellungen der herrlichsten Waaren aus allen Ländern der Welt, und man wird sich in einen Feentempel versetzt glauben.
Ueberhaupt besteht in Hamburg ein sehr großer Luxus in den Auslagen. Die Waaren liegen höchst geschmackvoll ausgebreitet hinter ungeheuren Glaswänden, die oft 5-6 Fuß breit, und 8-10 Fuß hoch sind, und aus den schönsten reinsten Spiegelgläsern bestehen, von denen oft die einzelne Tafel bei 600 fl. CM. kostet. Dieser Spiegelglas-Luxus erstreckt sich aber nicht nur auf die Auslagen, sondern auch auf die Fenster, und nicht blos auf Hamburg, sondern auch auf Altona und auf die geschmackvollen Landhäuser der Hamburger. – Manche Fensterscheibe kostet 8-10 fl. Sie werden aber so gegen das Zerschlagen assecurirt, wie die Häuser gegen den Brand.
Der Aufwand an Spiegelgläsern entspricht auch jenem an Möbeln; – alle sind von Mahagoni. Dieß Holz ist hier so allgemein, daß man in den sehr eleganten Häusern sogar die Treppengeländer daraus verfertigt sieht. Ja selbst die Lootsen haben gar häufig Mahagoni-Möbel.
Die schönste und belebteste Straße ist der neue Wall. Was mir in allen Straßen Hamburgs auffiel, waren die vielen Verkaufsläden und Wohnungen unter der Erde, zu denen sechs bis acht Stufen hinabführen, und vor welchen ein Eisengeländer an der Seite der Treppe angebracht ist, um die Vorübergehenden vor dem Hinabstürzen zu bewahren.
Eine sehr zweckmäßige Einrichtung ist das große Schlachthaus, in welchem sämmtliches Stechvieh an bestimmten Tagen der Woche geschlachtet wird.
Von der Stadt Altona bemerke ich nur, daß sie mir eine Fortsetzung Hamburgs schien, und auch nur durch eine einfache hölzerne Pforte davon getrennt ist. Eine schöne, sehr breite Straße, oder eigentlich besser gesagt – ein in die Länge gezogener Platz mit doppelten Reihen mächtiger Bäume – ist das Merkwürdigste in dieser Stadt, die der dänischen Regierung zugehört, und nach Kopenhagen die bedeutendste im ganzen Reiche sein soll.
Die Fahrt nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe Blankenese ist allerliebst; man kömmt an lauter herrlichen Landhäusern und großen parkähnlichen Gärten vorüber. – Blankenese selbst ist in recht malerischen Gruppen um den Sülberg gelegen, von dem man eine weit ausgebreitete Fernsicht hat, da er in dem großen ausgedehnten Flachlande die einzige Erhöhung ist. Man kann den Lauf der Elbe, die in gemäßigter Eile der Ostsee zuzieht, beinahe bis Kuxhaven, ihrem Mündungsorte, verfolgen. – Die Breite der Elbe mag bei Blankenese über eine halbe Meile betragen.
Ein anderer interessanter Ausflug ist nach den neuen Mühlen; es ist dieß ein Dörfchen knapp an der Elbe gelegen, höchstens eine Viertelstunde von Altona entfernt, und nur von Fischern und Lootsen bewohnt. – Hierher muß man gehen, wenn man einen Begriff von holländischer Niedlichkeit und Reinlichkeit bekommen will. – Man kann sich unmöglich etwas idyllenartigeres denken. – Die Häuschen sind meist stockhoch, zierlich und nett gebaut, an den Thüren blinken die schönsten messingenen Handgriffe, die Fenster sind spiegelblank geputzt und über Letztere hängen weiße Vorhänge, malerisch drapirt.
Schon in Sachsen sah ich manche Wohnungen der Bauern recht nett und ordentlich, und jedenfalls mehr Wohlstand verrathend, als man gewöhnlich bei dieser Menschenclasse findet, doch mit diesem Dörfchen können sie nicht in die Schranken treten.
Solch ein Bild des Aeußeren muß Aug und Herz erfreuen, denn es läßt auch auf Glück und Zufriedenheit im Innern schließen.
Von ländlichen Trachten die ich hier sah, gefiel mir nur jene der Vierländerinen. Sie tragen kurze, faltenreiche Röcke von schwarzem Zeuge, weiße, feine Hemden mit langen, weiten Aermeln und färbige Leibchen, die mit Seidenschnüren oder Silberspangen leicht zusammengehalten werden. – Gar komisch sehen ihre Strohhüte aus; – die Ränder sind viel höher als die Mitte, so daß der eigentliche Gupf des Hutes ganz eingesunken erscheint. – Viele hübsche junge Mädchen, der Art gekleidet, kommen als Blumenverkäuferinen nach Hamburg, und schlagen an der Börse ihren Hauptsitz auf.
Der 26. April, der festgesetzte Tag meiner Abreise rückte nur zu schnell heran. Doch Scheiden ist das beständige Loos des Reisenden; nur scheidet man manchmal leicht und manchmal schwer. Hier braucht es wohl keines Commentars, um zu sagen, wie mir in der Stunde der Trennung zu Muthe war; – es waren ja die letzten Verwandten, die letzten Freunde, von denen ich schied. – Nun ging es hinaus in die weite Welt, unter lauter – Fremde.
Um acht Uhr Morgens also fuhr ich von Altona auf der Eisenbahn nach Kiel. – Auf dieser Bahn sah ich mit Vergnügen, daß sogar die dritte Classe herrlich gedeckte mit Glasfenstern versehene Wagen hatte, die sich von denen der ersten und zweiten Classe im Aeußern nur durch die Farbe, und im Innern durch die nicht gepolsterten Bänke unterschieden.
Wir legten die ganze Strecke von 15 Meilen in drei Stunden zurück, – eine schnelle, aber auch nur durch die Schnelligkeit angenehme Fahrt, denn die ganze Gegend bot nichts als ungeheure Ebenen, Torf- und Moorgründe, sandige Stellen und Haiden und nur gar wenig Wiesen- oder Ackerland. Das Wasser in den Gräben und auf den Feldern sah, in Folge des dunkeln Grundes, so schwarz aus, wie Tinte.
Bei Binneburg bemerkt man einige verkrüppelte Waldpartieen. Von Elmsholm geht eine Seitenbahn nach Glücksstadt, und von Neumünster, einem großen Orte mit bedeutenden Tuchfabriken, eine nach Rendsburg. – Nun sieht man aber auch nichts mehr als ein Kloster, in welchem mehrere Herzoge von Holstein begraben liegen, und mehrere unbedeutende Seen, als den Bernsholmer, den Einfelder und den Schulhofer. – Das Flüßchen Eider würde mir gar nicht aufgefallen sein, hätten nicht einige der Reisenden großes Aufheben davon gemacht. – In den herrlichsten Ländern fand ich die Eingebornen lange nicht so entzückt über wirklich Schönes und Großartiges, als sie es hier über ein Nichts waren. – Ja, eine recht artige Frau, meine Reisenachbarin, konnte in Lobpreisung ihres so wunderschönen Vaterlandes gar nicht ermüden. Der verkrüppelte Wald schien ihr ein herrlicher Park, die öde Fläche ein unermeßlicher Spielraum für das Auge, – jede Kleinigkeit wußte sie groß zu deuten. – Ich wünschte ihr zu dieser reichen Fantasie im Stillen Glück, konnte aber leider meinem kalten Gemüthe nichts davon einhauchen.
Gegen Kiel zu gestaltet sich die Ebene zu einem niedrigen Hügellande. – Kiel selbst liegt recht artig an der Ostsee, die von hier gesehen, einem mittelgroßen See gleicht. Der Hafen soll gut sein, doch lagen nur wenige Schiffe davor, darunter das Dampfboot, das mich weiter nach Kopenhagen bringen sollte, und von dem ich mir nicht dachte, daß es mir so unvergeßlich bleiben würde.
Durch die liebevolle Fürsorge meines Vetters Schmidt empfing mich bereits an der Eisenbahn Einer seiner Verwandten, Herr Brauer, welcher mich gleich in den Kreis seiner Familie einführte, und mir die paar Stunden meines Aufenthalts recht angenehm vergehen machte.
Kiel hat ein hübsches königliches Schloß, das gegenwärtig von der jüngern Tochter des letzt verstorbenen Königs bewohnt wird. Der daran stoßende öffentliche Park ist mehr durch seine Lage an der See, als durch sonst etwas ausgezeichnet. – Die Umgebung besteht aus Hügelketten, auf und an welchen die Landhäuser und Gärten der Städter liegen. Eine der schönsten Villa's gehört Herrn Brauer. Die höchsten Punkte sind mit Kiosken oder Lauben geziert, von welchen aus man eine schöne Fernsicht über die nicht sehr breite See bis an's jenseitige Ufer genießt. – Seit ich Dresdens Umgebung Lebewohl gesagt hatte, war dieß die lieblichste Landschaft, die mir bis jetzt zu Gesichte gekommen war.
Kiel gehört eben nicht zu den größeren Städten Dänemarks, sieht aber nett und freundlich aus. Viele der Häuser sind nicht mit Kalk und Sand beworfen, was ihnen das Ansehen gibt, als wären sie noch nicht fertig gebaut; die Dachungen bestehen aus Ziegeln, die oft noch mit einer Art Firniß überzogen sind, der ihnen nebst einem schönen Glanz auch eine größere Dauerhaftigkeit verleiht. – Auch hier bemerkte ich hin und wieder jene theuern Hamburger Spiegelgläser; es scheint, daß sich dieser Luxus sehr weit verbreitet.
Der Abend und mit ihm die Stunde der Einschiffung rückte heran. Die liebenswürdige Familie Brauer geleitete mich an Bord, wo ich mit Dank erfülltem Herzen Abschied von ihnen nahm.
In dem Dampfschiffe »Christian VIII.« von 180 Pferdekraft lernte ich ein so schmutziges und unbequemes Schiff kennen, wie es mir auf all meinen bisherigen See-Reisen noch nicht vorgekommen war. Scheuern und Fegen schien hier durchaus nicht Sitte zu sein. Die Treppe, welche in die Kajüte führte, war so abschüssig, daß man sehr auf der Hut sein mußte, nicht gar zu eilig z. B. durch einen Sturz hinab zu gelangen. Von Abtheilungen für Herren und Frauen war auf dem zweiten Platze gar keine Rede. – Kurz, Alles war darauf eingerichtet, jedem Reisenden dieses Schiff für immer unvergeßlich zu machen.
Um neun Uhr verließen wir Kiel. – Da der Tag und die Dämmerung hier schon länger währen, als in den westlich und südlich gelegenen Ländern, so war es mir noch möglich die Festung Friedrichsort, an der wir gegen 10 Uhr vorübersegelten, aus dem Schatten des sie umhüllenden Dunkels zu scheiden.
27. April.
Heute stand ich noch mit der Sonne auf, bald wird dieß aber eine sehr schwere Sache sein, da die gute Göttin des Lichtes dem Norden im Frühjahre und Sommer vergilt, was sie ihm im Winter entzieht. – Ich ging auf das Deck und überblickte die weite endlose Meeresfläche. Es war kein Land zu sehen; doch bald erschien eine Küste, die dann wieder verschwand, bis eine neue, fernere aus dem Meere auftauchte. Gegen Mittag erreichten wir die Insel Möen, die ungefähr 40 Meilen[2] von Kopenhagen liegt. Sie bildet eine kleine wunderschöne Felsgruppe, deren Wände weiß wie Kreide, glatt und glänzend, schroff dem Meere entsteigen. Die höchste dieser Wände ragt 400 Fuß über dem Meeresspiegel empor.
Bald sahen wir auch Schwedens Küste, dann die Insel Malmö und endlich Kopenhagen, wo wir um 4 Uhr nach Mittag landeten. – Die Entfernung von Kiel bis Kopenhagen beträgt 136 See-Meilen.
Ich blieb hier sieben Tage und hätte daher Muße genug gehabt, Alles genau zu besichtigen, wäre nur das Wetter etwas freundlicher gewesen. So aber stürmte und regnete es der Art, daß ich auf die ferneren Umgebungen gänzlich Verzicht leisten, und nur einige der nahen Spaziergänge mir mühsam erkämpfen mußte.
Schon die erste Straße Kopenhagens, die man vom Hafen kommend, betritt, macht einen großartigen Eindruck. Es ist dieß die breite Gasse, die vom Hafen an durch einen großen Theil der Stadt führt. Sie ist sehr breit, was aber noch mehr sagen will, auch lang, regelmäßig, und durch die beiderseitigen Fronten der herrlichen Palläste und Häuser wirklich wunderbar schön.
Einen ganz eigenen Eindruck macht es, inmitten dieses stolzen Stadtviertels plötzlich eine Ruine zu erblicken, ein großartiges Gebäude, auf riesenhaften Säulen ruhend, halb geendet, mit Gras und Moos theilweise überwachsen. – Es sollte einst eine prachtvolle Kirche werden, ganz von Marmor, doch der weiche Boden ertrug diese Last nicht, und das halb geendete Gebäude fing an zu sinken, so, daß man der Fortsetzung des Baues auf immer entsagen mußte.
Noch gibt es viele andere Gassen, die der breiten an Pracht und Größe gleichen. Darunter besonders die Amalienstraße. – Die belebtesten, aber bei Weitem nicht die schönsten, sind die Oster- und Gotherstraße. Da zu gehen ist für den Fremden anfänglich eine wahre Kunst. Auf der einen Seite des Trottoirs, das ungefähr einen Fuß höher als die Fahrstraße ist, stößt man bei jedem Schritte auf Stufen, die theils zu Gewölben hinauf, theils an Vertiefungen in Gewölbe hinab führen. Die Stufen, welche in die Tiefe hinab führen, sind nicht, wie jene zu Hamburg, mit Geländern umgeben. – Die andere Seite des Trottoirs ist durch ein kleines bescheidenes Bächlein begrenzt, das die unpoetischen Leute »Kanal« nennen, und in welches aus allen Häusern eben so liebliche Quellen hinein sprudeln. Da heißt es denn gehörig Acht geben, um nicht rechts oder links, oder wohl auch gerade vor sich in eine der verrätherischen Tiefen zu stolpern, oder sich an den hervorragenden Stufen anzustoßen und zu beschädigen. An der Seite der Straße ist das Trottoir mit anderthalb Fuß breiten Steinplatten belegt, auf welchen es sich natürlich herrlich geht. Die sucht aber auch Jeder zu erringen, um dem höckerigen und spitzigen Pflaster darneben ein Schnippchen zu schlagen. – Dazu füge man noch das entsetzliche Gedränge, und man wird gerne glauben, daß sich Niemand diese Straße zum Spazierengehen wählt, um so weniger, da weder die Läden schöne Auslagen enthalten, noch die Häuser pallastähnlich oder geschmackvoll erbaut sind, noch die Straßen selbst zu den breitesten oder reinlichsten gezählt werden können.
Die Plätze sind alle groß und regelmäßig. Der schönste ist der Königsneumarkt (Kongensnytorf). Einige hübsche Palläste, die Hauptwache, das Theater, die vorzüglichsten Kaffee- und Gasthäuser, die Akademie der bildenden Künste und das Gebäude des botanischen Gartens – beide Letztere meist unter dem Namen »Charlottenburg« bekannt – zieren diesen herrlichen Platz, in dessen Mitte ein schönes Monument steht, Christian V. zu Pferde, von mehreren Figuren umgeben.
Nicht so groß, aber durch die vollkommene Regelmäßigkeit eigentlich noch schöner, ist der Amalienplatz, welchen vier königliche, ganz gleich gebaute Palläste umfassen, und vier breite Straßen in der Form eines Kreuzes durchschneiden. Auch diesen Platz ziert ein in der Mitte stehendes Monument, Friedrich V. darstellend. – Auf dem Neumarkt (Nytorf), einem ebenfalls schönen Platze, sah ich einen Springbrunnen, dessen kleines Figürchen höchst bescheidene Wasserstrahlen spendete, und der mir nur deßhalb auffiel, weil es der einzige war, den ich in Kopenhagen erblickte.
Was die Palläste betrifft, sei kann man sich kaum des Erstaunens erwehren, deren so viele und so prächtige zu sehen. Man sollte wirklich glauben, in die Residenzstadt eines der größten Reiche versetzt worden zu sein. – Wahrhaft kaiserlich ist die Christianensburg, die im Jahre 1794 gänzlich abbrannte, aber schöner und herrlicher wieder aufgebaut wurde. – Ganz merkwürdig ist die darin enthaltene Schloßkapelle; – man meint in einen Conzert-Saal zu treten, aber nicht in ein zu religiösen Funktionen bestimmtes Gebäude. – Geschmackvoll dekorirte Logen, darunter besonders die königliche, nehmen nebst den Gallerieen den oberen Theil des Saales ein, während der untere mit Bänken angefüllt ist, die mit rothen Sammt- und Seidenstoffen überlegt sind. Kanzel und Altar aber stehen so schmucklos da, daß man sie anfänglich gar nicht bemerkt.
In diesem Pallaste befindet sich auch das nordische Museum, das sich besonders durch seine Reichhaltigkeit an Schmuck, Waffen, Blasinstrumenten und andern Geräthschaften nordischer Völker auszeichnet.
Die Winterreitschule, in der auch viele Conzerte abgehalten werden, ist regelmäßig und groß. – Sehr gut gefielen mir die Stallungen, aber noch besser mehrere darin stehende prächtige Schimmel – Abkömmlinge echter Araber und wilder norwegischer Pferde – deren Mähnen und Schweife fein, glänzend und seidenartig, von ungewöhnlicher Länge und Fülle waren. – Jeder Pferdekenner, ja selbst jeder Laie kann nur mit Entzücken diese Pferde betrachten.
An die Christianensburg stoßt das Museum Thorwaldson's, ein viereckiges Gebäude, mit schönen Hallen, die das Licht von oben erhalten. Noch war es nicht vollendet; die Wände wurden so eben von den vorzüglichsten eingebornen Künstlern als Fresko gemalt. Die Kunstschätze waren zwar schon da, aber leider noch in Kisten verpackt.
In der Mitte des Hofraumes baut man sein Grabmahl; da wird seine Hülle ruhen, und sein vollendet schöner Löwe wird der Grabstein sein.
Unter den Kirchen ist die größte die Frauenkirche. Sie zeichnet sich in ihrem Bau nicht aus, – Säulen, Wölbungen und Kuppel sind von Holz, mit Sand und Gips überkleidet. Was ihr aber an äußerm Prunk fehlt, ist reichlich durch den Inhalt ersetzt. Da findet man Thorwaldson's Meisterwerke, da stehen am Hochaltare sein herrlicher Christus, in den Nischen an den Wänden seine zwölf colossalen Apostel. – Ueber diese Kunstwerke vergißt man auf die Hülle, die sie umgibt. Nur möge das Schicksal gnädig sein, und diese halb hölzerne Kirche nie einer Feuersgefahr Preis geben.
Die katholische Kirche ist klein, aber über alle Beschreibung niedlich. Ihr wurden von dem letztverstorbenen Kaiser von Oesterreich eine gute volltönige Orgel und zwei Oelgemälde, das eine von Kuppelwieser, das andere von einem seiner Schüler gemalt, als Ausstattung zugesandt.
Im Kunst-Museum interessirten mich am meisten der antike Stuhl, welchen einstens Tyho de Brahe stets benützte.
Ein gar wunderliches antikes Gebäude ist die Börse. Sie ist sehr lang und schmal, mit Arabesken und neun Aufsätzen gekrönt, aus deren Mitte ein merkwürdig spitziger Thurm ragt, der aus ineinander geflochtenen Schwänzen von vier Crocodilen gebildet ist. – Der kleine, niedere und dunkle Börsesaal enthält das lebensgroße Bild Tyho de Brahe's. – Der größte Theil des obern Gebäudes ist zu einer Art Bazar verwendet, das Erdgeschoß zu kleinen sehr schmutzigen Buden.
Einen eigenthümlichen Reiz verleihen der Stadt mehrere Kanäle, welche von der See herein münden. Sie bilden eben so viele Märkte; denn die darin liegenden Schiffe und Barken sind mit Lebensmitteln jeder Art angefüllt, welche da zum Kaufe ausgeboten werden.
Die Matrosenstadt, welche sich an Kopenhagen anschließt und nahe am Hafen liegt, ist besonders nett und hübsch. Sie besteht aus langen, breiten, geraden Straßen, und so gleichmäßig gebauten Häusern, daß gewiß eine gute Kenntniß dazu gehört, bei Nacht und Nebel das rechte heraus zu finden. Es sieht gerade so aus, als zöge sich auf jeder Seite der Straße ein endloses, ebenerdiges Gebäude hin, das nur in der Mitte durch ein einstockiges Haus, den Wohnsitz des Commandanten und der Aufseher, unterbrochen wird.
Was die Straßen-Beleuchtung betrifft, so ist sie in Kopenhagen wie bei uns in den Landstädten. Steht im Kalender Mondschein, so wird keine Laterne angezündet. Und verbirgt sich der liebe Mond hinter verdunkelnden Wolken, so ist das seine Schuld, und es wäre nur Vermessenheit seinen Götterschein durch schmähliches Lampenlicht ersetzen zu wollen. – Eine löbliche Verordnung!? –
Von nahen Spaziergängen gefiel mir der Garten an der Rosenburg – innerhalb der Stadt – recht gut, so auch die lange Linie, eine Allee schöner Bäume, die sich längs der See hinzieht, und in welcher man auch fahren und reiten kann. – Ein Kaffeehaus, vor welchem bei schöner Jahreszeit Musik gemacht wird, zieht viele Spaziergänger an. Am schönsten aber ist es oberhalb der langen Linie auf dem Kastell, von dem man die herrlichste Aussicht genießt. Da liegt die Stadt zu den Füßen, aufgerollt in ihrer ganzen Pracht, der Hafen mit den vielen Schiffen, der blauschimmernde Sund, der sich unübersehbar zwischen Dänemarks und Schwedens Küste ausbreitet und manch liebliche Inselgruppe, dem einen oder dem andern Staate gehörend, in sich birgt. Nur der Hintergrund schließt matt, da keine Kette von Bergen dem endlos über die Flächen Dänemark's schweifenden Auge Schranken setzt.
Unter den vielen Schiffen, die im Hafen vor Anker lagen, sah ich nur wenige Dreimaster, und noch weniger Dampfschiffe. Die Schiffe der Flotte sahen ganz sonderbar aus; sie gleichen auf den ersten Blick großen Häusern mit Flaggenstangen. Jedes Schiff war nämlich mit einem Wetterdache versehen, aus welchem die Masten hoch in die Lüfte ragten, und dann standen sie alle sehr hoch außer Wasser, wodurch alle Lucken der Kanonen und alle Fenster der Kajüten in zwei, drei Stockwerken übereinander sichtbar wurden.
Ein etwas weiterer Ausflug, den man aber sehr bequem in einem prächtigen Omnibus machen kann, geht nach dem königlichen Lustschlosse Friedrichsberg, welches vor dem Wasserthor, eine halbe Meile von der Stadt entfernt liegt. Herrliche Alleen führen zu diesem Orte, an dem man alle Vergnügungen findet, die nur irgend im Stande sind, den Städter auf's Land zu locken. Da gibt es ein Tivoli, und eine Eisenbahn, Cabinette und Buden mit Wachsfiguren und zahllosen andern Sehenswürdigkeiten, Kaffeehäuser, Bierhallen und Musik. In den hierzu gehörigen Gärten sind an den Seiten lauter kleine Lauben angebracht, deren jede Tische und Bänke enthält, und deren Vorderseiten alle offen sind, wodurch man in den Stand gesetzt wird, mit einem Blicke alle Besucher dieser schönen Natur-Logen zu übersehen, ein Bild, das sich an einem Sonntage, wo gewöhnlich Alles überfüllt ist, gar herrlich macht.
Auf dem Wege zu diesem Kopenhagner Prater kommt man auch an einigen artigen Landhäusern vorüber, die in der Mitte hübscher Blumengärten liegen.
Das königliche Schloß steht auf der Spitze eines Hügels, am Ende der Allee, und ist von einem sehr schönen ausgedehnten Parke umgeben. Es beherrscht die Ansicht über einen großen Theil der Stadt, des umliegenden Landes und der See; doch ziehe ich die Aussicht auf dem Kastelle bei weitem vor. Der Park enthält eine große Insel, die ich in dieser Jahreszeit von einem sehr reichen Wasserarm umgeben fand. Diese Insel behält sich der Hof vor, der übrige Park ist dem Publicum geöffnet.
Gleich außerhalb dem Wasserthore steht ein Obelisk, nicht durch Schönheit oder Kunst auffallend, da er aus mehreren Steinen zusammengefügt und von keiner besondern Höhe ist, aber durch die Veranlassung seiner Entstehung gewiß interessant. Die dankbaren Unterthanen setzten ihn dem Andenken des letzt verstorbenen Königs Christian VI. – als Erinnerung an die Abschaffung der Frohndienste. – Ein Monument, das jeder fühlende Mensch nur mit Freude und Rührung betrachten kann.
Ich habe nun treulich berichtet, was ich während der kurzen Zeit meines Aufenthaltes in, an und um Kopenhagen gesehen. Es bleibt mir nun nur noch übrig, einige Volkseigenthümlichkeiten zu schildern, und da fange ich gleich mit dem Ende an – mit dem Begräbnisse der Verstorbenen. In Dänemark, so wie überhaupt in ganz Skandinavien, Island auch nicht ausgenommen, herrscht die Gewohnheit, die Todten erst nach acht oder zehn Tagen zu beerdigen. Im Winter mag dieß noch hingehen, aber im Sommer – da mag es gerade nicht sehr angenehm sein, mit solch einem Wesen unter einem Dache zu wohnen.
Während meiner Anwesenheit zu Kopenhagen fand das Leichenbegängniß des königlichen Leibarztes Dr. Brandis statt. Dem Leichenwagen folgten zwei königliche Wagen und eine große Zahl anderer; die ersteren so wie auch mehrere der letzteren waren leer, die Diener gingen darneben. – Unter den Leidtragenden bemerkte ich keine einzige Frau. Ich dachte, dieß sei nur Sitte bei Bestattungen der Herren, allein man versicherte mich, daß dieß immer so sei, auch bei den Bestattungen der Frauen. Ja, diese Fürsorge für mein zartes Geschlecht geht so weit, daß an dem Tage des Begräbnisses in dem Trauerhause keine Frau gesehen werden darf. Die Leidtragenden versammeln sich in der Wohnung des Verstorbenen, und werden da mit kalten Speisen und mit Getränken bewirthet. Nach Beendigung der Ceremonie wiederholt sich diese Bewirthung.
Was mir in Kopenhagen sehr gefiel, war, daß ich nie, bei keiner Gelegenheit Bettler sah, ja nicht einmal so ärmlich und schlecht gekleidete Menschen, wie man deren leider in großen Städten nur zu viele findet. – Arme wird es wohl auch geben, so gut wie in der ganzen Welt, doch betteln sieht man sie nicht. – Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit einer Einrichtung zu erwähnen, die gewiß Nachahmung verdiente. Diese Einrichtung besteht darin, daß große Häuser, die theils der königlichen Familie, theils einzelnen Reichen oder ganzen Gesellschaften gehören, ausschließend zur Aufnahme armer Familien bestimmt sind, die darin die Wohnungen bedeutend billiger als in den andern Häusern bekommen.
Die Landestrachten gefielen mir nicht besonders. Die Bäuerinnen tragen Röcke von grünen oder schwarzen Wollenzeugen, die bis an die Knöchel reichen, und unten mit breiten, färbigen Wollborten eingefaßt sind. Die Leisten des Spensers, so wie die Ausschnitte um die Achseln sind ebenfalls mit schmalen färbigen Borten besetzt. Den Kopf hüllen sie in ein Tuch, über das sie oft noch eine Art Vordach, das einem Hute gleicht, setzen. – An Sonntagen sah ich an Manchen auch kleine zierliche Häubchen in Seide gestickt, und vorne mit mehr als handbreiten sehr gesteiften Spitzen ganz glatt besetzt; rückwärts hingegen große Schleifen von schönem Bande daran, deren Enden bis über den halben Körper hinabhingen. – An der Tracht der Bauern fand ich nichts besonderes zu bemerken. – Körperkraft oder Schönheit fand ich unter dem Bauernstande nicht mehr und nicht minder, als bei unsern Oesterreichern. – Was die Schönheit des weiblichen Geschlechtes anbelangt, so möchte ich den Oesterreicherinen unbedingt den Vorzug geben. Vorherrschend sind blonde Haare und lichte Augen.
Militär sah ich nur wenig; ihre Uniformen, besonders jene der Leibgarde des Königs sind ausgezeichnet schön.
Auffallend waren mir die Trommelschläger; die bestanden aus lauter 10-12jährigen Knaben. Da hätte man wohl mit Recht sagen können: »Trommel, wo trägst du den Knaben hin?« – Marschiren, den beschwerlichen Feldübungen beiwohnen, eine so große Trommel tragen, und sie dabei noch fleißig bearbeiten, das nenne ich doch eine kleine Grausamkeit. Wie manche zerstörte Gesundheit mag dieser Brauch zu verantworten haben.
Ich brachte manche Stunde während meines Aufenthaltes zu Kopenhagen sehr angenehm bei Herrn Professor Mariboe, seinen liebenswürdigen Verwandten und dem gütigen Gesandtschaftspriester Herrn Zimmermann zu. Sie nahmen sich meiner mit wahrer Güte und Herzlichkeit an; sie zogen mich in ihre Kreise, in denen ich mich bald vollkommen heimisch fühlte. Ich werde ihre Freundschaft nie vergessen, und jede Gelegenheit benützen, ihnen nah und ferne meinen Dank zu offenbaren. Eben so auch Herrn Eduard Gottschalk und Herrn Knudson. An Ersteren wandte ich mich mit der Bitte, mir eine Gelegenheit nach Island zu ermitteln, und er war so gefällig, sich deßhalb bei Herrn Knudson für mich zu verwenden.