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Reisebilder und verschiedene Skizzen cover

Reisebilder und verschiedene Skizzen

Chapter 18: Trauben- und Molkenkur.
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About This Book

A collection of short travel sketches in which the narrator recounts journeys through European landscapes and cities, blending vivid descriptions of mountain ascents and panoramas with comic encounters, cultural misunderstandings, and social satire. Episodes move between alpine hikes, local inns, city impressions, art and music commentary, spa cures, duels and peculiar customs, each presented episodically and with self-mocking humor. The pieces pair observational reportage with anecdote, emphasizing contrasts between traveler expectations and local realities, and close with a brief autobiographical appendix.

Trauben- und Molkenkur.

Am Kursaal in Interlaken finden regelmäßig Konzerte im Freien statt; man geht dabei in den Gartenanlagen spazieren und hat Wein, Bier, Milch, Molken und Trauben zur Auswahl. Für gewisse Kranke, welche die Aerzte nicht wieder zurechtstutzen können, sind Molken und Trauben die nötigsten Bedürfnisse, um ihr Leben weiter zu fristen. Einer dieser abgestorbenen Geister machte mir mit trauriger, tonloser Stimme die Mitteilung, daß er sich überhaupt nur noch von Molken ernähre und dies Getränk über alles liebe, weshalb wisse er nicht. Ein anderer, den nur noch die Traubenkur vor dem Tode bewahrte, erzählte mir, es würden dazu nur Trauben verwandt, die einen bedeutenden medizinischen Gehalt hätten, so daß die Traubenärzte sie wie Pillen verschreiben und einnehmen ließen. Zu Anfang der Kur, wenn der Patient sich noch sehr schwach fühlt, beginnt er mit einer Traube vor dem Frühstück, drei während desselben, zwei zwischen den Mahlzeiten, fünf zum zweiten Frühstück, drei im Laufe des Nachmittags, sieben zum Mittagessen, vier zum Abendbrod und vor dem Schlafengehen ißt er dann noch als Zugabe eine halbe Traube. Allmählich steigert sich dann die Zahl, je nach Bedürfnis und Fähigkeit des Patienten, bis er nach und nach so weit kommt, daß er jede Sekunde eine Traube und den Tag über ein Stückfaß voll verzehrt.

Wer auf solche Weise geheilt wird, sagte mir der Kranke, verliere nie wieder die Gewohnheit so zu sprechen, als diktiere er einem langsamen Schreiber, weil er zwischen jedem Wort eine Pause macht, um in Gedanken eine Weintraube auszusaugen. Sich mit solchen Menschen zu unterhalten, erfordere viel Geduld. Wer dagegen auf die andere Methode gesund geworden sei, den unterscheide man leicht von der übrigen Menschheit, weil er immer beim zweiten Wort den Kopf in den Nacken wirft, um in Gedanken ein Glas Molken zu schlürfen. Fangen nun zwei solche Leute zusammen ein Gespräch an, so könne man beobachten, mit welcher Regelmäßigkeit und Ausdauer sie immer dieselben Pausen und Bewegungen machten. Ein Fremder würde sicherlich meinen, er habe zwei Automaten vor sich.

Man hört und lernt doch wirklich die wunderbarsten Dinge auf Reisen, wenn man nur die richtigen Leute trifft, die einem ihre Erfahrungen mitteilen.