WeRead Powered by ReaderPub
Reisen durch die Inselwelt der Südsee cover

Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Chapter 4: II. Reisen durch die Samoa- und Tonga-Inseln.
Open in WeRead

About This Book

Der Reisebericht schildert Fahrten durch Inselgruppen des Südpazifiks und verbindet Beschreibungen von Landschaften und Vegetation mit Erklärungen zur Entstehung von Koralleninseln und vulkanischen Gebirgen. Er berichtet von schweren Stürmen, Meeresströmungen und der Gefahr durch Riffe, dokumentiert Begegnungen mit einheimischen Sitten und Lebensweisen sowie persönliche Erlebnisse an Bord. Naturbeobachtungen, kartographische Hinweise und Eindrücke zu kolonialen Interessen werden in einfacher, erzählerischer Form zusammengeführt.

II. Reisen durch die Samoa- und Tonga-Inseln.

Das im vorigen Kapitel Gesagte ist das Ergebniß solcher Beobachtungen, die zu machen ein Aufenthalt am Lande, oder im Hafen von Apia mir ermöglichte. Viele weitere Einzelheiten, deren Kenntniß der Verkehr mit den Samoanern und langansässigen Europäern mit sich bringt, verdienten zwar noch der Erwähnung, indes, da ich in großen Zügen nur meine Erlebnisse in der Südsee schildern will, muß Unwesentlicheres zurücktreten; darum sehe ich auch von der Beschreibung einzelner Fahrten und Reisen durch dieses weite Gebiet ab.

Alle mit mir zugleich auf demselben Segelschiffe angekommenen Passagiere, die, wie ich, sich auf 3 Jahre der Plantagen-Gesellschaft verpflichtet hatten, wurden bald nach unser Ankunft ans Land beordert und nahmen die ihnen zugewiesene Beschäftigung auf. Meine Bestimmung dagegen lautete, sogleich an Bord des Schooners „Hapai“ zu gehen und dort vorläufig den Dienst des ersten Steuermanns zu versehen.

Zwei Tage später schon lichteten wir Anker und segelten nach Matautu, dem Haupthafen der Insel Savai, von dort sollten wir schnell das daselbst lagernde Kopra, wie solches auf den verschiedensten Inseln von den Händlern der Gesellschaft aufgekauft wird, abholen.

Auf Savai, das nur durch die Straße von Apolima von Upolu getrennt ist, erhebt sich die dunkle Bergmasse, gleich der auf Upolu, hoch und mächtig; ja, aus der Ferne gesehen, scheint ein gewaltiger Höhenrücken die ganze Insel auszumachen. 4000 Fuß hoch, die höchsten Krater auf Upolu, den Tofua, Maugalaila, Taitoelau und Sigaele um 1000 Fuß überragend, erhebt sich diese Kraterregion gleich einer Scheidewand, die zwar von reichem Pflanzenwuchse bedeckt, aber wenig bevölkert ist; nur einzelne Pfade führen durch Urwälder und tropische Wildniß über die von Lava starrenden wildzerklüfteten Berge. Jungfräulicher Boden, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt und für Kaffee, Vanille, Baumwolle geeignet ist, liegt brach und unbenutzt, denn es herrscht vollständiger Mangel an gut geschützten Häfen.

Weniger als auf Upolu bildet das die Insel umgebende Korallenriff gesicherte Einfahrten, auch die größte vor Matautu wird durch schwer anrollende See gefährdet. Wohl vertraut mit der nicht so leicht aufzufindenden Durchfahrt im Riffe, führte mit günstigem Winde der Führer der „Hapai“ sein Schiff längs der schwer aufrollenden Grundsee am langgestreckten Riffe hin; die wild schäumende Brandung brach sich donnernd auf diesem, und die mächtigen Wogen schienen das Schiff dem Verderben zutragen zu wollen. Ich selber hielt es für sehr gewagt, so nahe dem gefährlichen Riffe zu laufen, jedoch als wir die Einfahrt nach Matautu gewonnen hatten, ließen wir bald die wilde Brandung hinter uns.

Weit von Land ankernd, ist es Regel hier, da der Ankerplatz nur ein tiefer liegendes Riff ist, auf welchem sich einrollende See brechen kann, weit vom Lande zu ankern und muß man in der unbeständigen Jahreszeit immer bereit zum Auslaufen sein, sobald westlicher oder nordwestlicher Wind aufspringt, denn gefährlich würde jedem Schiffe die direkt einlaufende See werden.

In Hast und Eile ging denn auch das Einschiffen der Ladung vor sich, da Wind und Wetter wenig Beständigkeit versprach; wohl 70 Savaileute brachten mit großen Brandungsbooten die oft von der am Strande laufenden See durchnäßte Ladung an Bord. Längsseit des Schiffes schöpften die Boote oft noch Wasser, so unruhig war selbst im Hafen noch die See; wildes Halloh erhoben die Kerle, die höchstens mit einem Grasschurze bekleidet waren, wenn sie der Länge nach niederstürzten und es auch deshalb vorzogen, auf das vor seinen Ankern schwer rollende Schiff zu springen. So kostete es mich viel Mühe, die braunen, zügellosen Kerle, deren Sprache ich noch nicht verstand, zur Arbeit anzuhalten.

Obgleich die Bewohner Savai's gleicher Abstammung wie die Upolu-Leute sind, so herrscht doch zwischen der Bevölkerung beider Inseln fast immer Hader und Streit. Die Savai-Leute, vielleicht kühner im Angriffe, bemannen oft genug ihre großen Kriegskanoes und versuchen einen Ueberfall auf Upolu, um sich gelegentlich für die Schimpfworte, „Schweine von Savai“, bitter zu rächen.

Schnell nach Apia zurückgekehrt, erhielt das Schiff Weisung, schon am 24. November wieder in See zu gehen und zwar nach der einsamen Insel Niue, von wo ebenfalls Kopra und ein größerer Segelkutter, der in der schlechten Jahreszeit für den dortigen Händler nicht recht verwendbar und an der steilen Küste gefährdet war, abgeholt werden sollte. Aufkreuzend gegen wieder vorherrschenden Südost-Wind erreichten wir die Insel erst nach zehn Tagen. Als wir in deren Nähe kamen, waren die ersten Häuser, die wir sahen, das Missionshaus und die Kirche, die zurückliegenden Hütten der Eingebornen ließen sich, weil sie durch Busch und Palmen verdeckt waren, nicht unterscheiden. In einer kleinen Einbuchtung, wo ein Spalt in der steilen Uferwand allenfalls das Landen gestattete, 100 Fuß von Land dicht vor der Brandung — ein Schwingen des Schiffes vor seinen Ankern war nicht möglich — ankerten wir am steilen Korallenriff.

Von der auffallenden Erscheinung, daß durch vulkanische Kräfte ganze Inseln gehoben werden, giebt die Insel Niue einen Beweis, mir war sie um so bemerkenswerther, als es die erste war, an welcher ich die unterseeische Korallenformation erkennen konnte. Wohl 30 Fuß hoch zeigen die Uferwände der Insel die gewaltige Arbeit der Korallenpolypen, die von neuem, seit der vielleicht viele Jahrhunderte schon zurückliegenden Hebung dieser Insel, am steilabfallenden Meeresgrunde weitergebaut und an vielen Stellen wieder ein zusammenhängendes Riff aufgeführt haben. Später, als ich selbst mit eigenen Augen die ungeheure vulkanische Kraft, die zeitweise auf diesem ausgedehnten Kratergebiet in Erscheinung tritt, gesehen, war es mir klar, daß die schlummernde Naturkraft nicht bloß die Erdrinde und das Meer zu erschüttern vermag, sondern spielend Inseln hebt.

Die wenigen Tage, die wir vor Niue zu Anker lagen, war eine Zeit ängstlichen Hastens, weil wir so schnell als möglich mit der aus Kopra, Fungos, einer Pilzart, und der aus Arrowroot-Wurzeln bestehenden Ladung fertig werden mußten, denn mit Gefahr für Boot und Ladung war eine jedesmalige Landung verbunden, da fast in der Brandung jedes Boot beladen werden mußte. Für das Schiff war Gefahr insofern vorhanden, als dieses durch auflandigen Wind trotz der Anker leicht aufs Riff getrieben werden konnte, wir also immer bereit sein mußten, bei einem Wechsel des Windes, wenn nöthig, schnell die Anker zu schlippen und die offene See zu gewinnen. Drohende Anzeichen für schlechtes Wetter gingen aber glücklicher Weise vorüber; übrigens war dieses die letzte glücklich vollbrachte Reise des Schiffes überhaupt, wenige Monate später schon lag es zerschellt auf einem Riffe der Neu-Hebriden.

Die Bewohner dieser Insel Niue, ein kräftiger, stattlich gebauter Menschenschlag, der zwar der Samoa- und Tonga-Rasse an Gestalt und hohem Wuchs nicht gleichkommt, jedoch mehr Temperament als diese zeigt, auch Schlaffheit und Unlust zur Arbeit bemerkt man weniger an ihnen. Als tüchtige Seefahrer, welchem Gewerbe sie mit Vorliebe zugethan sind, werden sie in Apia, wo mit der Zeit eine Ansiedelung derselben stattgefunden, gerne als Matrosen angenommen, wenigstens dem Samoaner bei weitem vorgezogen.

Savages-Eiland, Insel der Wilden, ist die Insel Niue, ihre Heimath, benannt worden, und soweit meine persönlichen Erfahrungen reichen, verdienen sie beinahe diesen Namen, als ich bei einem Streite mit ihnen beinahe das Leben hätte lassen müssen und nur ein Zufall mich aus den Händen dieser leicht erregbaren Menschen befreite.

Da sie von hellerer Farbe als die Samoaner, stammen sie vermuthlich von einer weit östlich liegenden Inselbevölkerung ab. Die ersten Ansiedler, wahrscheinlich vor langer Zeit von ihrem Heimathlande verschlagen, fanden das rettende Eiland und bevölkerten es allmählich. Der Trieb, die unbekannte Welt kennen zu lernen, die im Schoße des mächtigen Ozeans für die fernen Inselbewohner verborgen lag, läßt sie noch heute oftmals das Wagniß unternehmen, sich mit ihren leichten Kanoes auf die unendliche See hinauszuwagen. Die Gewalt des Windes und der Strömungen unterschätzten sie und haben sie einmal Land aus Sicht verloren, sind sie den Elementen hülflos preisgegeben, so zahlten sie ihre Kühnheit mit einem qualvollen Sterben, wenn nicht ein gütiges Geschick nach schrecklichen Leiden sie Land finden läßt.

Die Rettung von 16 solcher vertriebenen Menschenkinder, die ich in den Karolinen-Inseln auffand und Hülfe brachte, werde ich später eingehender erzählen.

Mit Vorliebe tragen die Niue-Leute reichen Goldschmuck und zwar als Ohrgehänge; massive Goldstücke hämmern sie aus und befestigen solche geschickt an den Ohrlappen; das verdiente Goldgeld wird häufig dazu verwandt.

Der ganze Südseehandel beschränkt sich in der Hauptsache auf Tabak, Seife und Zeug, namentlich für Volksstämme, die erst wenig mit dem weißen Manne in Berührung gekommen sind. So boten auch hier für ein Geringes die Eingebornen Speere, Muscheln und Nüsse feil, vor allem war Tabak der begehrteste Artikel. Im Gegensatze zu den Booten der Samoaner, die solche sich von ganz beträchtlicher Ausdehnung erbauen, sind die Kanoes dieser Niue-Leute nur klein und behende, aber nett mit Muscheln und anderem Zierrath ausgeschmückt, der vornehmlich rings um die Bordwand befestigt ist; auch sind diese Fahrzeuge vorne und hinten überdeckt, um das Einschlagen der See, wenn sie, zum Fischen ausziehend, die Brandung passiren müssen, zu verhindern.

Sehr fischreich sind namentlich die Gestade aller Inseln, und wie ich gelegentlich anführen werde, wissen ihre Bewohner sich mit besonderem Geschick der wohlschmeckenden, fliegenden Fische zu bemächtigen. Auf freier See aber herrscht sehr zahlreich der gefürchtete und gefährliche Hai, ein Zeichen, daß derselbe auch im tiefen Wasser reichlich Nahrung findet, und solche sich nicht nur in Buchten oder in der Nähe des Landes zu suchen braucht.

Auf der Rückreise, die durch Windstillen verzögert ward, fanden wir immer den Hai als treuen Begleiter, und war die See ruhig, die Fahrt des Schiffes gering, so kamen langsam die Haie durch die klare Fluth heran, das Schiff nach Beute umkreisend. Wenn wir einen dieser gefährlichen Gesellen fangen wollten, so wurde die Lockspeise, ein Stück Fleisch, an starker Leine ins Meer geführt, und war der Hai hungrig, besann er sich nicht lange, sondern faßte, sich auf den Rücken legend, gierig zu. War Fleisch und Haken verschluckt, so gab es keine Möglichkeit mehr für ihn, sich zu befreien; von Schmerz gepeinigt, peitschte der Hai mit dem kraftvollen Schwanze die Fluthen und es hatte dann seine Schwierigkeit, das gefangene 8-10 Fuß lange Thier an Deck zu bringen und nicht eher gelang es, bis es erschöpft war und auch der Schwanz fest in einer Schlinge lag. An Deck geschafft, peitschte der Hai die Planken, daß diese erzitterten, und rathsam war es nicht, sich in seine gefährliche Nähe zu wagen. Erst ein Axthieb, der die Schwanzflosse vom Rumpfe trennte, führte die Verblutung herbei und allmählich entfloh das zähe Leben des Thieres.

Auch mit der Schlinge, auf deren Handhabung ich zurückkommen werde, habe ich viele Haifische gefangen, namentlich wenn ich Samoaner als Besatzung an Bord hatte, für die der Hai eine Leckerspeise ist, nahm ich mir dazu die Zeit und fing zuweilen 2-4 Stück hintereinander. Auffällig war mir dabei, daß die Leute immer erst die Leber eines getödteten Haies untersuchten; war diese nach ihrer Ansicht zu groß oder zeigte sie sonst besondere Eigenheiten, so wurde das Thier nicht gegessen, sondern über Bord geworfen. Aber nicht bloß bei den Samoanern, auch bei den benachbarten Insulanern fand ich solche auffällige Untersuchung der Leber des Haifisches. Mitunter wurden eingehende Betrachtungen über die Lage und Länge derselben vorgenommen; entstanden Zweifel und Meinungsverschiedenheiten darüber, so war meist immer der endgültige Beschluß, daß das Thier verworfen wurde.

Fast bin ich jetzt geneigt, da ich nicht dahinter kommen konnte, was solche Untersuchung zu bedeuten habe, anzunehmen, daß ein weitverbreiteter Aberglaube damit in Verbindung gebracht, oder daß der Leber des Haies eine medizinische Eigenschaft zugesprochen wird. Vielleicht auch erkennen die Eingebornen an bestimmten Zeichen, ob das Thier gesund oder krank gewesen ist. In den Fällen, wo ich mir Klarheit darüber zu verschaffen suchte, erreichte ich solche nicht, möglicherweise aus dem Grunde, weil ich nicht der verschiedenen Sprachen mächtig genug war, um die Auseinandersetzung zu verstehen.

Die treuen Begleiter der Haie, die Lotsenfische, schön gezeichnete Thierchen von der Größe eines Makrels, schwimmen gewöhnlich, 2-4 an der Zahl, über dem Hai, sie suchen, wie angenommen wird, für diesen Nahrung auf und kehren stets in dessen sichern Schutz zurück. Ein jeder Hai soll solche Führer haben; indes so häufig ich auch solche gesehen habe, ebenso oft fand ich, namentlich wenn mehrere Haie beisammen, diese ohne ihre Begleiter. So viel ist gewiß, der Hai, mag er noch so hungrig sein, wird sich doch nicht an seinen Wegweisern vergreifen; zum schnellen Schwimmen selbst zu träge, überläßt er vermuthlich es den flinken Fischen, für ihn Nahrung zu suchen. Wohl bekannt ist es den Seeleuten, daß der Pilotenfisch sehr schmackhaft ist, indes nur einmal war es mir möglich, einen solchen mit Mühe zu erlangen, obwohl dieselben längere Zeit noch beim Schiffe verbleiben, nachdem der Hai, den sie begleiteten, weggefangen worden. An Köder beißen die Piloten nicht, höchstens gelingt es ihrer mit dem Elker, d. h. Wurfeisen, habhaft zu werden.

Im Anfang des Jahres 1885 mit der Führung eines der kleineren der Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffes betraut, wurde ich beordert, eine Reise durch die gesammte Tonga-Gruppe, den sogenannten Freundschafts-Inseln, zu unternehmen. Im Augenblick der Abreise wäre mir aus Mangel an Raum im kleinen Hafen (Apia) bald die Riffspitze Kap Horn, worunter vier Jahre später das deutsche Kriegsschiff „Eber“ mit seiner braven Besatzung versank, verhängnißvoll geworden. Durch die Strömung wurde das Schiff aus seiner Richtung gedrängt, von der einlaufenden See, gegen welche die Kraft der das Schiff bugsirenden Mannschaft zu schwach war, nach dem Kap hingeworfen und nur ein schnell Hülfe leistendes Boot verhinderte die Katastrophe. Da wir schon zu nahe dem Riff waren, so hätte ein Aufstoß genügt, Ruder und Hintersteven des Schiffes, schwerbeladen wie es war, auf den Korallensteinen zu zertrümmern und aus der gurgelnden Tiefe des hier weit unterhöhlten Riffes hätte es für Schiff und Mannschaft keine Rettung gegeben — aber zufällige Hülfe kam zur rechten Zeit.

Nachdem wir die offene See gewonnen hatten, verlor ich mit umlaufenden Winden, wie sie in dieser Jahreszeit häufig sind, ostwärts steuernd, bald die in dichten Wolkenschleier gehüllte Insel Upolu aus Sicht. Bestrebt, westlich von der Tonga-Gruppe zu laufen und so Tonga-tabu zu erreichen, da der vorherrschend westliche Wind eine schnelle Reise in Aussicht stellte, hatte ich am dritten Tage bereits die Vulkan-Insel Amargura gesichtet, eine namentlich an der Süd- und Südostseite steile Insel mit dem 375 Meter hohen Krater, an dessen Abhängen leichte Rauchwolken hervorquollen, ein Zeichen, daß er nicht ganz erloschen ist. Da sprang mit schweren Gewittern und harten Windböen der Wind südlicher und zwang mich, der zehn Seemeilen südöstlich liegenden 30-40 Meter hohen Insel Toku auszuweichen. Als der Wind immer härter wehte und schließlich bis zum Sturm wuchs, hatte ich noch Zeit, Schutz unter der hohen Insel Vavau zu suchen, ehe das Schiff von der wildlaufenden See zum Beidrehen gezwungen wurde.

Unter dichtgerefften Segeln wurde eine schlimme Nacht verbracht, mit dem neuen Morgen aber brach sich die Gewalt des Sturmes und eine starke Nordwestbrise trieb das Schiff durch die wilde See nach Süden, östlich der Hapai-Gruppe, an den langgestreckten Korallen-Inseln Haano, Foua, Lefuka und Ouia entlang. Die vielen gefährlichen Riffe dieser Gruppe meidend, kam am 7. Tage früh die hohe Vulkan-Insel Eoua in Sicht. Nachdem wir darauf die gleichartige kleine Insel Enaigee erreicht hatten, kreuzte ich die tiefe östliche Einfahrt, welche zwischen der großen Insel Tonga-tabu und den vorgelagerten Korallenpatschen und Inseln hindurchführt, auf und gelangte sicher zum Hafen von Nukualofa.

Im Schmucke immergrüner Palmen liegt die flache, wenige Erhebungen aufweisende Insel langgestreckt vor den Augen des Beobachters. Kultur und fortschreitende Gesittung haben auch hier festen Fuß gefaßt, hoch über die Wipfel der Palmen ragt die Kirche empor; großartig ist der Königspalast; freundlich aber und heimisch erscheinen die vom Strande zurückliegenden europäischen Gebäude und bekunden, daß auch hier eine Stätte regen Handels und Verkehrs geschaffen wurde.

Vor allem ist es die deutsche Factorei, geleitet vom deutschen Konsul Herrn v. Treskow, die sofort ins Auge fällt; auf Pfeilern errichtet, wie alle Tropengebäude hier, war derzeit dieses Haus mit seinem freundlichen Wirth das besuchteste.

Sämmtliche Tonga-Inseln, mit Ausnahme der meist hohen Vulkan-Inseln, sind Korallengebilde, einige sind von großer Ausdehnung, wie die Tonga-tabu und die schon erwähnten Haano und Foua. Diese haben eine fruchtbare Erdschicht und ein reiches Pflanzenleben hat sich darauf entwickelt; neben der stolzen Palme sind Brotfruchtbäume, Papiermaulbeerbäume, die den Bewohnern ihre Bekleidung, Tapa genannt, liefern, Zuckerrohr, Bananen, selbst Baumwollen- und Feigenbäume zu erwähnen.

Die Eingebornen, derselben Rasse wie die Samoaner zugehörig, zeigen mehr Verständniß für Landbau und Fischfang, als diese, freilich können diese Inseln auch nicht mit Samoa einen Vergleich bestehen.

Kein Naturvolk hat so schnell und leicht das Christenthum angenommen wie diese Tonga-Insulaner, rasch gewannen die Missionare großen Einfluß, Schulen und Bildungsanstalten förderten das Werk. Das Volk, bildungsfähig und begabt, hatte bald eigene Lehrer aufzuweisen; oft habe ich eingeborne Missionare von Insel zu Insel gebracht. Da die Kirchen und Schulen immer gut besucht, so ist ein Fortschritt in der Bildung dieses Volkes leicht erklärlich. Was aber leider ernste Besorgniß erwecken kann, ist der Umstand, daß verschiedene Religionssekten mit gleichem Eifer bestrebt sind, unter der nicht zahlreichen Bevölkerung ihren Glauben zu verbreiten. Es ist zu befürchten, daß auf diese Weise Spaltungen im Volke entstehen, die üble Folgen haben können.

Der ehemalige englische Missionar Baker, langjähriger Premierminister des Königs Georg I., entging zwar dem Angriffe einer fanatischen Horde in Nukualofa, seine erwachsene Tochter aber, die die tödtliche Waffe traf, ward ein Krüppel. Soweit ich unterrichtet, war dieser Anschlag eine Ausgeburt wilden Hasses, gerichtet gegen den Vertreter einer großen Kirchengemeinde, den gefürchteten und gehaßten Staatsmann.

Die ganze weitverzweigte Tonga-Gruppe bildet ein einheitliches Reich, das damals von dem alten Könige Georg regirt wurde. Neben unserm ehrwürdigen deutschen Kaiser Wilhelm der älteste Monarch, steht dem Herrscher eine gesetzgebende Versammlung von angesehenen Häuptlingen zur Seite, die auch als Statthalter die verschiedenen zum Reiche gehörenden Inselgruppen verwalten. Sitz der Regierung und Residenz des Königs ist Nukualofa.

Ein Freundschaftsvertrag ist mit dem deutschen Reiche am 1. November 1876 vom Könige Georg abgeschlossen. Trotz des englischen Einflusses hätte wohl erwartet werden können, daß die so erworbenen Vorrechte gewahrt bleiben würden, aber wie in Samoa, so ging auch hier der einst mächtige deutsche Einfluß allmählich verloren, englische Politik wand den Deutschen einen fast sicheren Besitz aus den Händen.

Stolz prangt im Königspalaste zu Nukualofa das Reiterstandbild unseres großen Kaisers in natürlicher Größe, und nicht unbekannt sind diesem Volke dessen Thaten geblieben; auf dieses Bild sah mit Bewunderung jeder Insulaner und pries den großen, mächtigen Herrscher der Deutschen.

Tags zuvor, ehe ich in Tonga-tabu eingelaufen, war der Sohn des Königs Georg, der Thronfolger, gestorben und große, allgemeine Landestrauer herrschte überall. Alle Vornehmen des Volkes, soviel ihrer nur die königlichen Schiffe zu fassen vermochten, waren nach der Insel Ouia, dem Begräbnißplatze der Königsfamilie, abgesegelt. Der deutsche Konsul, dem kein eigenes Schiff zur Verfügung stand, unmöglich aber als Europäer auf den überfüllten kleinen Segelfahrzeugen der Eingebornen die lange Reise unternehmen konnte, beeilte sich sehr, als sich nun doch noch Gelegenheit fand, mit meinem Schiffe die Reise zu machen, das Schiff abzufertigen und nach eintägigem Aufenthalt verließ ich, mit der Familie des Konsuls an Bord, nordwärts steuernd, Tonga-tabu.

Günstiger, frischer Wind konnte es allein möglich machen, am Begräbnißtage Ouia noch zu erreichen. Aber obwohl ich den Weg zu kürzen suchte und durch mir unbekannte Korallenbänke lief, so kam doch erst am Abend des zweiten Tages Ouia in Sicht. Da ich inmitten von Korallenriffen nirgends sicheren Ankerplatz fand, die Insel selbst aber zu weit entfernt war, als daß ich solche gegen Ostwind aufkreuzend, in der Nacht erreichen konnte, so wurde ich gezwungen, die freie See wieder aufzusuchen. In dunkler Nacht die gewaltigen Krater-Inseln Kao (5000 Fuß) und Tasoa (etwa 2500 Fuß), nur durch eine schmale Straße von einander getrennt, als weit sichtbare Punkte im Auge haltend, suchte ich das Schiff in der Nähe der Außenriffe zu halten, um mit Tagesanbruch aufs Neue nach Ouia aufzukreuzen oder wenigstens die südliche Einfahrt durch die Hapai-Gruppe zu gewinnen.

Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit einen herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches Licht über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser Nacht gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das Unwetter über uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der furchtbare Wind das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten Stöße fegten von den hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war, durcheinander geworfen und das Fahrzeug schwer auf die Seite gedrückt; die schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die Lage, namentlich für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu machen.

In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen die erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde wieder so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte. Sobald ich frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren Kurs und obgleich die See schwerer wurde, so konnte ich doch mit volleren Segeln durch die Wogen pressen und größeren Abstand von den auch mehr ostwärts abfallenden Riffen gewinnen. Der neue Morgen fand uns westlich von der niedrigen Insel Otolonga, die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der Hapai-Gruppe führte.

Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende Kurs bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung der Walfischfänger sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern ertragreiche Beute gefunden, aber auch bald genug die Schaar der gewaltigen Meerbewohner so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf Beute zwecklos war. Die Station wurde deshalb aufgegeben, ihre Trümmer am öden Korallenstrand sind jetzt werthlos und verkommen.

Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und Korallenpatschen hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages konnten wir die der Insel Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und vor der deutschen Station zu Anker gehen.

Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter hatten natürlich den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu laufen und an dem dort stattfindenden großartigen Todtenfeste theilzunehmen, war zwecklos. So entschied sich der deutsche Konsul, hier die Ankunft des Königs Georg abzuwarten und mit diesem dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.

Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal, zeigt an der Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen Wogen donnernd wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke und Steine; man sieht hier so recht, wie die Gewalt der Wasser einen Schutzwall aufgeworfen, der das flachere Land selbst gegen die furchtbarste See zu schützen vermag. Immer weiter aber baut die Koralle in die offene See hinaus, immer breiter wird das Trümmerfeld, bis dieses auch durch Zersetzung zu anbauungsfähigem Lande umgestaltet wird.

Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch vertreten, namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser Insel. Was ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des Tapa, jenes Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung dient, der schön gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke, umfangreichen Decken ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum angefertigt, dessen Bast dazu verwendet wird. Und zwar werden lappenförmige Streifen im feuchten Zustand aufeinander angelegt und dann tüchtig geklopft, hierdurch wird der Stoff geschmeidig und fest; ist dieser in gewünschter Größe fertiggestellt, wird der Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit brauner oder schwarzer Naturfarbe reichlich bemalt.

Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit wuchtigen Schlägen den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch, da sie meistens auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes diese Arbeit vornehmen, wodurch die dumpf dröhnenden, lauten Schläge hervorgebracht werden.

Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube weiteste Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den Südsee-Insulanern das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung gekommen. Dieses Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man sagen, die in zivilisirten Ländern nothwendige Sicherheitspolizei. Wenn eine als „tabut“, d. h. unverletzliche Person, z. B. ein König oder ein Häuptling, irgend etwas als tabut erklärt, so wird kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder Sache anzurühren, oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.

Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn irgend ein Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt werden soll, dann wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit einer Schnur, in der Knoten mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft sind, umgrenzt oder umwunden. Die Ueberzeugung, daß jedem, der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu entfernen, alle Uebel unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer hineingeknüpft, hält jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und hauptsächlich auf dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum oder Hütte gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.

Geschickte Fischer sind die Eingebornen. Sie brachten, ehe der Europäer ihnen seine Angelhaken zugeführt, folgende Methode in Anwendung: Aus einer dicken Perlmutterschale verfertigten sie sich durch festes Verbinden einzelner zurechtgeschliffener Stücke starke Fanghaken, die, mit einem Bastbüschelchen versehen, an langer Leine hinter Kanoes geschleppt wurden. Die wie Silber im klaren Wasser schwimmende Perlmutter lockt größere Fische an, die gierig, vermeinend eine Beute zu haschen, den Haken verschlucken und so gefangen sind. Heute noch sind diese Haken im Gebrauch, nur mit dem Unterschied, daß im Büschel verborgen sich jetzt ein scharfer, eiserner Angelhaken befindet, der dem Fische ein Losreißen nicht mehr gestattet.

In Mengen halten sich Fische unter den Riffen auf, wo sie Nahrung suchen und finden, namentlich befinden sich unter diesen zahlreiche fliegende. Um nun diese flinken Meerbewohner, welche die Natur so ausgestattet hat, daß sie durch die Größe ihrer Seitenflossen im Stande sind, eine beträchtliche Strecke über dem Wasser zu fliegen und dadurch ihren Vorfolgern zu entgehen, auf leichtere Art und Weise, als mit großen Netzen zu fangen, wendet der Eingeborne folgende Fangart an: Nachdem die leichten, flinken Kanoes bemannt sind, ziehen die Eingebornen in dunkler Abendstunde oft in beträchtlicher Zahl ins tiefe Wasser zum Riffe hinaus. Bald flammen, hell leuchtend, die aus den Blattrippen des Kokosbaumes verfertigten Fackeln auf; die Kanoes, bald hier- bald dorthin eilend, schwirren, von kräftiger Hand durchs Wasser getrieben, als sollte das Schauspiel eines Fackelreigens dort aufgeführt werden, im Kreise oder durcheinander umher. Die Fische, bekanntlich durch Feuerschein leicht angelockt, werden durch die grell leuchtenden Fackeln verwirrt, springen oder fliegen nach diesen, und sehr gewandt, mit nur kleinem Handnetze versehen, weiß der Fischer sich die Beute zu sichern.

Meistens, wenn die Fackeln niedergebrannt sind, kehren die Kanoes zurück, und war der Fang lohnend, bringt jedes reiche Beute heim. Für wenig Tabak oder Geld bekam ich mitunter so viele von diesen wohlschmeckenden Fischen, daß es zuweilen der Schiffsbesatzung nicht gelang, alle aufzuzehren.

Der Ankerplatz vor der Insel Lefuka (die Rhede von Pangal) ist durch die ringsum liegenden Riffe gut geschützt, aber schwer zugänglich für größere Segelschiffe; das meistens gegen konträren Wind nothwendige Einkreuzen in den schmalen, gewundenen Riffeinfahrten ist zudem nicht ungefährlich und erfordert die ganze Thatkraft einer Schiffsbesatzung. Die Tonga-Gruppe ist häufiger den verheerenden Orkanen und zeitweiligen Erschütterungen durch plötzlich in Thätigkeit tretende Vulkane ausgesetzt, erstere treten namentlich im Süden der Gruppe, um Tonga-tabu, fast alljährlich einmal auf; zieht, was freilich selten geschieht, das Zentrum solches furchtbaren Wirbelsturmes direkt über die Inseln, so ist die ganze Kultur auf Jahre hinaus vernichtet. Nicht Haus, nicht Hütte, weder Baum noch Strauch verschont der furchtbare Wirbelsturm; den Weg, den er mit rasender Schnelle genommen, bezeichnen unzählige Trümmer.

Nach Norden zu werden solche atmosphärischen Erscheinungen seltener. Hat die Samoa-Gruppe ein Orkan heimgesucht, so herrscht bei den Eingebornen die Annahme vor, daß erst nach Verlauf von sieben Jahren ein neuer zu erwarten ist. Solche Voraussetzungen aber sind durchaus nicht zutreffend; die Orkane treten viel häufiger auf, und je nachdem sie in näherer oder weiterer Entfernung vorüberziehen, äußert sich ihre Gewalt mehr oder weniger.

Da mein Aufenthalt in Lefuka nur von kurzer Dauer war, setzte ich, nachdem Güter u. s. w. gelandet und neue Passagiere für Vavau und Niuatobutabu an Bord gekommen waren, die Reise fort nach Neiafu, dem Haupthandelsplatz in der Vavau-Gruppe, diese besteht aus vielen und zum Theil hohen Inseln, die von Riffen umgeben und hierdurch untereinander verbunden sind, auch zeigt sich hier auffällig die einstige Thätigkeit der Vulkane. Steile hochaufstrebende Massen sind die meisten dieser eng aneinander gelagerten Inseln; nur die Hauptinsel Vavau, nach allen Seiten steil abfallend, ist eine Hochfläche, auf welcher auf verwitterter Lava eine unglaublich reiche Pflanzenwelt Fuß gefaßt und sich entwickelt hat. Dies ist das fruchtbarste Land, abgesehen vielleicht von der Insel Niua-fu, im ganzen Königreiche Tonga. Apfelsinenbäume, schwer beladen mit goldgelben Früchten, ausgedehnte Palmenwälder u. s. w., überhaupt alle herrlichen Tropengewächse der Südsee sind hier reich vertreten. Dazu giebt die im Sonnenglanze ausgebreitet liegende Bai, umgeben von hohen Inseln, dem ganzen Panorama so recht den Anblick einer echten Tropenlandschaft.

Die Einfahrt befindet sich an der westlichen Seite zwischen den Inseln Hounga und Vavau. Die schmale aber tiefe Wasserstraße windet sich zwischen den hohen Inseln hin, und dicht unter den steil anstrebenden, mit Busch und Baum bedeckten Massen, kann man ungefährdet mit einem Schiffe segeln. Inmitten der Einfahrt nur liegt ein mächtiger Felsblock, der hunderte Fuß hoch ist und steil aus großer Tiefe aufragt, auch bemerkt man an diesem, welche zerstörende Einwirkung die Meereswogen selbst am harten Gestein ausüben können. Sie haben den Felsen tief unterwaschen und große Spalten ausgehöhlt. In diesen Höhlen und Riffen braust und zischt selbst die leicht wogende See. Das Geräusch wächst aber zum Donnern an, wenn sie ihre ganze Wucht gegen den starren Felsen anbranden läßt, der dann durch den gewaltigen Anprall wohl in seinen Grundfesten erschüttert werden mag.

Ganz schmal, wenigstens für ein aufkreuzendes Schiff recht beengt, wird die Straße, sobald die weite Bai vor dem Dorfe Neiafu sichtbar geworden ist, die wie ein herrlicher, von allen Seiten geschützter Hafen, geräumig daliegt. Indes nur wenig Raum hat die Koralle übrig gelassen, die geschäftig fast die ganze Bai aufgefüllt hat und wo tiefes Wasser vorhanden, ist der Ankergrund schlecht, so daß größere Schiffe es vorziehen, wollen sie nicht auf 200 Fuß Wassertiefe vor Anker gehen, inmitten der Fahrstraße vor der Station Tuanuku zu ankern.

Nach wenig Tagen schon verließ ich, da ich allen diesen Stationen in der Tonga-Gruppe neue europäische Waaren und Proviant zu bringen hatte, Ladung aber noch nicht einnehmen sollte — die Hauptstationen, als Vavau, Lefuka und Tonga-tabu verschiffen direkt Kopra, Baumwolle u. s. w. nach Europa — den Hafen von Neiafu, und segelte nordwärts nach Niuatobutabu (Keppels Eiland), das 180 Seemeilen entfernt ist.

Begünstigt von Wind und Wetter, bekam ich am zweiten Tage bereits die 2000 Fuß hohe Insel Boskaven in Sicht, welcher südwärts davon und durch eine Straße von etwa einer Seemeile Breite getrennt, die niedrige Korallen-Insel Niuatobutabu vorgelagert ist. Diese langgestreckte Insel umgiebt namentlich an der Nord- und Westseite ein mächtiges, 5-7 Kilometer breites Riff, auf derselben sind zwei Kraterkegel, etwa 200 Fuß hoch, die einzig nennenswerthen Erhöhungen.

Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt, führte von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke weit bis zu einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres Schiff geschützt und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande allein zur Zeit des Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem Riffe nur in der guten Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte ich auf Anrathen des Lotsen, eines Eingebornen, doch lieber den kleinen gesicherten Hafen auf, obwohl das Durchbringen des Schiffes, das mehrfach auf Korallenblöcke fest kam, keine leichte und gefahrlose Arbeit war.

Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich in einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte das Schiff im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen und zerschellt; ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene See zu gewinnen und gegen den starken, auflandigen Wind von den Riffen freizukreuzen, wäre schier unmöglich gewesen.

Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war das Leben, welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein Engländer) führten, die nur mit der Außenwelt in Verbindung traten, wenn nach langer Zeit ein Schiff vor der Insel zu Anker ging. Freilich ist an Verkehr mit Menschen kein Mangel, nur kommt in Betracht, daß die Eingebornen für einen Europäer doch kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt, friedfertig und zum Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so stehen sie dennoch auf einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich ein einsam lebender Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und in der Folge habe ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch abgeschlossener von der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden waren. Hier aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein bildungsfähiges, strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und Lehrer nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne zuhören, wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.

So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war, konnte ich jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem Interesse alle Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne Passagiere mit an Bord, so wurden diese sogleich nach der Landung von den Häuptlingen begrüßt und ausgefragt. Sonst kamen die Häuptlinge entweder insgesammt zum Hause der erwähnten Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir ihnen Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge im Tongareiche gaben.

In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die kleinen, wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst wären sie eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen. Wo man auch immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt jeder Fußtritt hohl und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur eine verhältnißmäßig dünne Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte Höhlen gelagert liegt.

Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente naturgemäß stets fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung wieder gemacht; würden hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende Erklärung für solche Erscheinung abgeben, ließe sich schwerlich die Ursache dafür ergründen. Das Eine scheint sicher (wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge an einer anderen Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines hier schon vorhandenen Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane in Thätigkeit getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und dann nach einiger Zeit erloschen sind.

Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne, die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend als der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel hohl ist. Das Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch Korallen filtrirtes Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch aus dem Innern der Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu Zeiten schwächer sein. Uebrigens beschleicht den Wanderer, namentlich in stiller Nachtzeit, ein eigenthümliches Gefühl, wenn jeder Tritt so hohl und dumpf wiedertönt und ihm zum Bewußtsein bringt, daß er auf einem Boden wandelt, der über Höhlen oder gar über tiefe Wasserbecken gewölbt liegt.

Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von anderen gut bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede nur, daß auf dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche Pflanzenwelt sich entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien, die in der Lava enthalten sind, scheinen für die Entwicklung des Pflanzenlebens ungemein viel beizutragen, auch sonst, wo ich im weiten Inselmeer des Stillen Ozeans vulkanischen Grund betreten, fand ich dies ausnahmslos bestätigt.

Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten, Schweine, Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes fand ich auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung, den fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und noch mehr von der Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt dieselben niemand, kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht kommt auch noch der Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden Thieren ein gewisser Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit ihrer Eigenart, unhörbar und schnell durch die Dunkelheit zu fliegen, vertraut ist, dem wird ein gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart bleiben. Vornehmlich fand ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie sich, Schatten findend, an dünnen Zweigen an den Hinterfüßen aufgehängt hatten. Den Kopf nach unten gebogen, umschließen sie mit der großen Flughaut den Körper und verblieben in dieser Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer Dauer die Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und suchen, die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre Nahrung. Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert seine Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen, müßte Gewalt angewendet werden. Ein Weibchen, das seine beiden Jungen wohlgeborgen an der Brust hängen hat, die diesen Platz nie verlassen, auch während des Fluges nicht, wird, wenn es gestört worden, leichter erregt und beißt wohl mit den kleinen, nadelspitzen Zähnen um sich. So sind in Folge davon, weil diesen Thieren nie etwas zu Leide geschieht, dieselben zutraulich und oft habe ich sie, selbst in der Nähe der Hütten der Eingebornen und vor den Wohnungen der Weißen in Menge vorgefunden.

Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier Schaaren von Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann man sagen, es wimmelt davon. Ist in Europa die Hausfliege dreist und störend, ist sie dort, wo die Natur ihr den Tisch gedeckt, unglaublich lästig, und das vor allem zu der Zeit, wenn die Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden sind. Diese Früchte, an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald sie überreif geworden sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie ausgeflogen, so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.

Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares geschützt werden kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen noch zehnfach ärger, in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern jeden Bissen erst streitig machen, der gegessen werden soll, vornehmlich von solchen Speisen, die Zucker und andere leicht flüssige Stoffe enthalten, wie Reis, Brotfrucht, Ananas u. s. w.

Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese gierigen Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und schließlich die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen, Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen durchaus nicht freizuhalten ist.

Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel, ist aller Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie Lette, Kao u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls noch in Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf nicht, auch hat wohl noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel dieser Insel erklommen. An der Südostseite soll im Schutze eines kleinen Riffes an einer vorspingenden Felsenkante eine schwierige Landung möglich sein und Fischer von Niuatobutabu wagen es, zu Zeiten sich dort aufzuhalten, nachdem sie mit ihren leichten Kanoes den breiten Meeresarm, der beide Inseln trennt, durchquert haben.

Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich steilen Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von den brandenden Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben vernichtende Staubregen des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht, hat sich an den sehr schrägen Flächen des Kegels ein starker Pflanzenwuchs entwickelt, welcher die Form und Lagerung der Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß Eruptionen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben.

Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem beschränkten Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl geschützt gegen die am Außenriff brüllende See. Aber da nach Verlauf von sieben Tagen der starke, nordwestliche Wind erst nachließ, der die ganze Osterwoche hindurch geweht hatte, durfte ich, obwohl längst segelfertig, es doch nicht wagen, in See zu gehen. Erst als günstiger Wind einsetzte, der stark genug war, das Schiff gegen die draußen anlaufende See durchzubringen, mußte ich Anstalten treffen und versuchen, die freie See zu gewinnen. Ohne Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen Durchfahrt freilich nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die einlaufenden Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch gewann ich ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese klar zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff nicht an den harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.

Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln, einer hohen Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung 120 Seemeilen von hier entfernt liegt. Es war mir schon in Apia mitgetheilt worden, daß das Auffinden des Ankerplatzes und der Station vor Niua-fu seine Schwierigkeit habe; auch soll man sofort absegeln, wenn nördlicher Wind und Seegang einsetze, da dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht genügend Halt finden und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig sei.

Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich wenige Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert Fuß hohen Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden Nordost-Ecke nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem Ankerplatz suchte. In der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat weht, hat es keine besondere Gefahr, so nahe der Küste zu ankern; werden doch selbst große Segelschiffe hierher beordert, ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in den Monaten Januar bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern und Landen hier unmöglich.

Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen Ausdehnung ein vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel, wie sich Schicht über Schicht die fließende Masse gelagert hat und wie steile Abhänge gebildet wurden, indem die schon erkaltete Lava abgesprengt oder als noch zähe Masse übereinander geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier, bald dort, scheinen die Lavaströme sich aufgestaut oder über steile Abhänge ergossen zu haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und Wände zu urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt. Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur eine geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu sein. Der ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner Schätzung nach mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen Ausflüsse und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl parasitischer Seitenkrater herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die ganze Insel als ein Vulkan zu betrachten ist, hier oder dort die Lavakruste sprengten und flüßige Massen ausströmten. Es muß dies als feststehend angenommen werden, denn heute noch befürchten die Eingebornen, es könne sich überall der Boden plötzlich öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume mehr als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.

Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich auch an der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die blühende Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr häufig von starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen in steter Sorge leben müssen (die Alten erzählen von schrecklichen Zeiten, die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres giebt es kaum, als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem man geht, durch heftige Erschütterungen wankt, also auf einem thätigen Vulkan zu leben, der mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste zu spalten, Verderben und Tod auszustreuen im Stande ist.

Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden, wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine deutsche Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung, auch hier Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst vorüberfahrende Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel keine, höchstens ein paar elende Kanoes vorhanden, mit denen auf der fast immer erregten See kaum eine Fahrt unternommen werden kann. Bin ich recht unterrichtet, so gab es sogar ein Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte, sich Kanoes zu halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche viele Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein Land auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und Tollkühnheit wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen erzitternden Boden ihrer Insel verließen sie, um einen langsamen, qualvollen Tod auf dem Meere zu finden.

Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200 Tonganer hier leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben werden; ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava so ungeheuer, daß überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite Strecken zerstört haben, die Pflanzenwelt im reichsten Maße sich entwickelt hat, besonders gedeiht die Kokospalme hier in vorzüglicher Güte. Die größten Kokosnüße, die ich je gesehen habe, wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch so bedeutend. Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche, dessen Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert, doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.

Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff mit Kopra aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich hatte demnach also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen See, eine Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner, der es gewagt hatte, mit einem kleinen Kanoe abzukommen, aber kenterte, erreichte schwimmend das Schiff und zeigte mir alsdann den sicheren Ankerplatz.

Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen Küste ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts und im Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen welche die einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken eine zwar steile, aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen einfaßt.

Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann, so muß dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der Mündung verankert und hinten an der Lavawand um einen Felsblock befestigt wird, mit der See eingeführt werden. Zwei Mann haben nur darauf zu achten, daß sie das Boot stets recht auf der mit wilder Macht eindringenden Woge halten und ebenso, daß das mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot nicht herumreißt und zum Kentern bringt.

Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von den ihn immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen, dient als Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe nicht hinauf gelangen kann, außer wenn man den Sprung wagt, sobald eine einlaufende See das Boot so hoch gehoben hat, daß es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet. Wenn das Boot am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich, daß die See es mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges Aufpassen der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen, sobald die Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.

Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein eigenes Wort nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein mächtiger Sprühregen fällt der hochaufspritzende Gischt mancher Woge von der Felswand zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt ist, um immer wieder das Spiel zu erneuern.

Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel liegenden Hause des deutschen Agenten gelangen, muß man auf Zickzackwegen die steile Höhe erklimmen; oben angelangt, kann der Blick frei über das endlose Meer schweifen, während zu Füßen die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen aufgehäuft liegen, bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras. Große Erwartungen darf man an die Behausung eines so einsam lebenden Europäers nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt, ist, dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein Tisch, alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner aus Kisten und Kasten zusammengezimmert.

Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen wäre sehr mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß über Einsenkungen und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine Lattenbahn zur Tiefe geführt wird, auf der, wegen ihrer Steilheit, die Säcke leicht niedergleiten können.

Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines Schiffes ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit, man weiß nicht, was die nächsten Stunden bringen; eine nur gering zunehmende See macht oft der Arbeit ein Ende. Schwierig und namentlich für die Besatzung des Bootes gefährlich ist das Einschiffen der Ladung. Sicher sind die Leute erst, wenn die Oeffnung des Spaltes erreicht ist, denn oft genug wird das Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt, und ist oft halb mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt. Gewohnheit aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so mehr war ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem zischenden, brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht, Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab eilend, sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem gekenterten Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit des Schiffes zu bringen, was den Leuten auch nach langer Zeit gelang; in den Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen auf und nieder, um die gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen, indes gelang ihnen dies nur halb, da die einlaufenden Seen die Säcke gegen die Felsenwände warfen und diese sich öffneten oder zerrissen wurden. Veranlassung zum Kentern gab eine schwere See; das Boot wurde gegen den Felsblock gedrängt und schlug, während das Tau durch die Gewalt des Wassers den Händen des Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im brodelnden Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die Felsenwand geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige, was die Leute thun konnten.

Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen besteht, so ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier eingeführt und die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem Wunsche, diese Insel näher kennen zu lernen und namentlich den im Innern tiefliegenden Krater zu besuchen, nachkommen. In früher Morgenstunde, die erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit mir der deutsche Agent und einige Eingeborne bergaufwärts. Wir folgten den Windungen der breiten, festen Wege, auf denen nur das Eine unangenehm war, der pulverisirte, feine Aschenstaub, der überall dick lagert und bei jedem Schritte aufwirbelte. Auf der Höhe fand ich die Kokosbäume nicht besonders schlank gewachsen, vielmehr hatten viele Stämme eine mehr oder weniger starke Neigung nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht stark wehenden Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick der zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.

Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen Abgrundes hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk bewachsen war, daß man nicht bis auf den Grund hinabsehen konnte. Nur eine Stelle gab es, wo man mühsam, an Gestein und Strauch sich haltend, hinabzusteigen vermochte, und als diese erreicht war, übernahmen die Eingebornen die Führung, denen wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der Tiefe angelangt, zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile, unzugängliche Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein weiter, tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht rauchenden, zuweilen in Dampf gehüllten Krater.

Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen waren, auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und jene drei Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht doch außer Frage, daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben, sondern höchstens starker Aschenregen ausgeworfen ist, der, wie wir gefunden, überall vertheilt lag. Bei einem stattfindenden heftigen Ausbruche würde die fließende Lava keinen Schaden thun können, diese würde vielmehr in den den weiten Krater umgebenden See fließen.

Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen Wänden, in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten und uns am breiten, flachliegenden Ufer des Sees tummelten, so kann man nicht annähernd die gewaltige Kraft ermessen, die diese Wände aufgebaut hat, die hier einst gewaltet und alles verändern und zerstören wird, sobald sie sich hier im Centralpunkt äußern sollte.

Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater gesehen, an solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken gefüllten Kesseln gestanden haben, um sich ein Bild davon machen zu können, mit welcher Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen, Rauch und Gase emporgeschleudert worden sind. Was nun diesen salz- und schwefelhaltigen See anbelangt, dessen Wasser bitter und von keinem organischen Wesen belebt ist — so weit ich bei meiner flüchtigen Beobachtung das behaupten kann — so hat er einst bis an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein Verdunstungen oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht haben, mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden haben, denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis dafür.

Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur! Man glaubt todte, starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase fast ununterbrochen den Schlünden thätiger Krater entströmen; hier aber blüht und wächst durch der Sonne Gluth, durch periodisch stark fallenden Regen, erfrischt durch nächtlichen, schweren Tau, selbst auf dem salzhaltigen, freigelegten Seegrunde eine üppige Vegetation. Das ganze Panorama, den See zu Füßen, dessen Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges Silber glänzen, durch die Palmen gekrönten Höhen, den steilen, dichtbewachsenen Wänden, wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein verschönt. Das sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen befällt, wenn er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten Naturkraft, deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier beim Anblick thätigen, blühenden Lebens.

Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten, wollte ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten wir Europäer dem Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten uns in dem warmen Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat; daß den beiden Hunden, die wir mit uns hatten, das Bad ebenso gut bekam, will ich nicht behaupten; den Thieren, die mehrfach in das Wasser geschickt wurden, um ein weit weggeworfenes Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der bittere Geschmack desselben nicht besonders zu behagen.

Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des Bodens zu urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein muß, auch die Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei in nicht großer Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund mehr zu finden, demnach wären also die drei Kraterhügel nur die über Wasser ragenden Kuppen vielleicht gewaltiger Vulkane.

In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite See, in ihm schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese wieder erwachen, Menschen zittern und Felsen erbeben machen! Wir standen hier auf einem Vulkan, wir wußten das, aber nicht, daß unter uns, rings in der Runde, die unterirdischen Geister erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche wenige Monate später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel auszuspeien.

Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner, als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere Berührung kamen. Die erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im Jahre 1643, dann wurden sie erst wieder 1773, also über ein Jahrhundert später, von dem berühmten Entdecker Cook aufgefunden, in der Folge dann von mehreren kühnen Forschern besucht, denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser Inseln, wie Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.

Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner wurden die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber, welche die Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten, planten Tod und Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem geplanten Anschlag auf ihr Leben und waren noch stark genug, ihre Schiffe zu schützen und zu fliehen, manche aber haben ihre Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und Leben büßen müssen. Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der Eingebornen geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.