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Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Chapter 8: VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.
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About This Book

Der Reisebericht schildert Fahrten durch Inselgruppen des Südpazifiks und verbindet Beschreibungen von Landschaften und Vegetation mit Erklärungen zur Entstehung von Koralleninseln und vulkanischen Gebirgen. Er berichtet von schweren Stürmen, Meeresströmungen und der Gefahr durch Riffe, dokumentiert Begegnungen mit einheimischen Sitten und Lebensweisen sowie persönliche Erlebnisse an Bord. Naturbeobachtungen, kartographische Hinweise und Eindrücke zu kolonialen Interessen werden in einfacher, erzählerischer Form zusammengeführt.

VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.

Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes auf alle Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt hatten, jetzt plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen Mittelpunkten d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen. Wenig Rücksicht nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz unabhängiger Stämme, sie führten jene bekannte Gewaltherrschaft ein, durch welche Spanien im Laufe der Zeiten sich um seine blühendsten Kolonien gebracht hat. Durch Militär- und Priesterherrschaft sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt werden.

Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen auferlegten Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet wurde, sie zum Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte sie; Wege und andere Bauten auszuführen, wie sie es für die langansässigen, amerikanischen Missionare freiwillig gethan, weigerten sie sich, sie fügten sich auch nicht gutwillig der Forderung, umsonst schwere Tagesarbeit zu leisten. Grollend zogen sich die Eingebornen zurück, im Herzen Wuth und Rache schnaubend. Ganz sorglos müssen die Spanier gewesen sein, oder sie haben gar zu gering einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten sie den Anzeichen eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines hier ansässigen spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de Tores, mehr Beachtung geschenkt.

So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut, Mants, Tohuak und andere, sammelten ihre Schaaren, und es wurde beschlossen die Spanier einfach aus dem Lande zu jagen. Festgesetzt als Tag der Rache wurde der vierte Juli 1887; also nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich schon so verhaßt gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.

Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach Süden am festen Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet worden und war in gewisser Hinsicht durch die Kanonen der im Hafen liegenden spanischen Korvette „Maria de Melina“ gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens Malayen von den Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem Statthalter zur Verfügung standen.

Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung der Eingebornen verboten und zersprengt worden) sandte der Statthalter zum gleichen Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren Don Ricardo Martinez und Don Alferes ab, um abermals eine große Versammlung aufzulösen, auch hatten die Führer wohl den Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit sich zu bringen. Auf welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe dahingestellt; die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer erzählte, die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall gewesen, so war es das Signal für die zu hunderten versammelten Bewohner, den Kampf schon jetzt zu eröffnen.

Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück jeder Baum einen Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein Widerstand gegen diese einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner vergeblich war.

In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung der Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und uns Weißen so wohl bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel; ihm, einem langjährigen, mit allem wohl vertrauter Händler, war bittere Rache zugeschworen worden, weil er sich in die Dienste der Spanier gestellt; er wurde buchstäblich in Stücke gehauen.

Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und brachten die Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung zum Fort. Zur Stunde, als im Fort noch nichts über diese Vorgänge bekannt geworden, weilte der Vertreter der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim Gouverneur, der ihn zu sich gebeten, um über die gefährliche Lage, die keinem unbekannt geblieben, zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele Gewehre und Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte. Da traf die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren Tragweite keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu seiner Station und übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.

Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht, und längst vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten nun bald zu tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Führer waren der Häuptling Lab in Nut und Nanamariki von Jokoits.

Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort, auf die ihm gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur 28 Mann blieben an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem Statthalter zu Hilfe, aber die flinken Eingebornen hatten das Fort schon umzingelt und warteten im sichern Hinterhalt nur, so lange bis alle Boote in Schußweite gekommen, um die Besatzung niederschießen zu können.

Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem Leben davon, die meisten lagen alle todt in ihren Booten und die, welche schwimmend sich zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel im Wasser. Die Gemahlin des Kommandanten, die sich an Bord befand, wurde durch solchen Anblick tief erschüttert und vor Angst wahnsinnig. Der überraschende Erfolg mochte wohl die Aufständigen stutzig gemacht haben oder sie waren über die Zahl der Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie führten ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen, würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff zu nehmen.

So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den Ueberlebenden an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff auf das Schiff nur unter schweren Verlusten noch möglich war.

Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und Munition abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten und weggenommen, dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis in die Hände, daß der angesehenste aller Händler auf Ponapè die Spanier unterstützt hatte; deshalb beschlossen sie, auch die Deutschen, welche auf ihrer Station bisher nicht gefährdet waren, nieder zu machen.

Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine kleine Schaar sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Hätten die Feinde es unternommen am Tage die leichte Feste zu nehmen, wären die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen, so aber wählte der verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe, und nahm den größten Theil der Befestigungen ein, nur wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen Morgen wieder, doch auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei getroffen, ehe aufs Neue Dunkelheit die Erde deckte.

Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die Schreckensnacht überstanden hatten, unternahm der Statthalter am 2. Juli. Priester und Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare Feste, um sich zum Strande durchzuschlagen, aber der hinter Stein und Baum gedeckte Feind mähte fast alle bis auf die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester nieder. Nur der Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber den Tod mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in Stücke gehauen.

Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt und deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord der „Melina“, und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern waren noch nicht alle Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden verwischt.

Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten Waffen sind Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft, welche die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten, die die Zusicherung enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen. Wenn die Spanier alle todt wären, wollten sie kommen und die deutsche Flagge wieder aufhissen, es solle wieder so wie früher sein. Doch aus anderen Nachrichten, welche überbracht wurden, war mit Sicherheit zu schließen, daß alles nur ein Vorwand wäre, sogar, daß der Häuptling Lojap auf Lungur schon Befehl erhalten hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls aber die Umschlossenen fliehen zu lassen.

Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht, sie verrathen sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein offenes Geheimniß gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall auf die Melina geplant war, der den Aufstand einleiten sollte; sie wollten wie sonst mit Tauschgegenständen an Bord fahren, nur in größerer Zahl, und im gegebenen Augenblick die ahnungslose Besatzung überwältigen.

Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich sorglos sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben wären und die unbewaffneten Eingebornen von Bord geschlagen hätten. Dann hätte der Aufstand auch einen ganz anderen, für die Spanier sicher vortheilhafteren Ausgang genommen; ihr Verderben war jene erzwungene Auflösung der am 1. Juli stattgehabten Versammlung.

Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen, daß selbst die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen von Ponapè in WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran betheiligen wollten und alle Vorbereitungen trafen, zum bestimmten Tage auf Ponapè einzutreffen.

Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt, fuhr aber unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von allem, in der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote und seiner Familie auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche Botschaft der Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu dreien auf der Station mit einer Anzahl nicht einheimischer Arbeiter beschlossen diese, wenn möglich, die Station zu halten. Doch am nächsten Tage wurde ihre Lage sehr ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung der Spanier, sammelten sich die Aufständigen, um den Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle anderen Händler auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti und anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen, mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der Rache der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten, völligen Kehraus zu halten.

Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die deutsche Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte, wie gefährlich im offenen Kampf die Waffe in der Hand der Deutschen war und, daß sie die Drohung, auf jeden, der sich nähern würde, zu feuern, wahr machen würden. Hatte er doch häufig genug unsern Schießübungen beigewohnt, wenn wir auf bewegtem Wasser Flaschen oder andere Gegenstände zerschossen und selten nur das Ziel verfehlten.

Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen Wände durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte Nacht aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten, wie die Feinde zu ihrer Orientirung umherschlichen, ohne jedoch zum Angriff überzugehen.

Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim halten zu können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch Kundschaft die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar wurde die Frau des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von Ponapè am nächsten Morgen ausgesandt, um sichere Nachrichten einzuholen. Dieselbe brachte denn auch die Gewißheit, daß in der kommenden Nacht der erwartete Angriff würde ausgeführt werden — die Eingeborenen sammelten sich am Ostende der Insel Lungur.

Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit — es mußte versucht werden, mit den Booten die offene See zu erreichen, und wenn das gelungen war, dem Schicksale vertraut werden. Die drei Deutschen, zwar bereit zu kämpfen, hatten doch aber auch Weiber und Kinder zu schützen und sahen wohl ein, daß es ein Unding sei, die große Station gegen eine hundertfache Uebermacht zu halten. Darum wurden so geheim als möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der hereinbrechenden Dunkelheit die Flucht zu wagen.

Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte ungesehen so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit Schußwaffen alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die Arbeiter ungehindert die Aufträge ihres Herrn aus und brachten so unauffällig als möglich Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause und legten Bootsgeschirr, Segel und Ruder bereit.

Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt und die Absicht erkannt. Da die Werft ganz links von der Station lag, so konnte nicht bemerkt werden, wie einige durchs Gebüsch und durchs Wasser längs derselben sich hinschlichen und sämmtliche Boote, drei an Zahl, losschnitten und treiben ließen. Die Bedrängten, die nun ihre letzte Hoffnung schwinden sahen, setzten, als der Vorgang gleich darauf bemerkt wurde, alles daran, die Boote wieder zu erhalten und einige Arbeiter, tüchtige Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei derselben zurück.

Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der Station im Bereich der Waffen festgelegt, aber da man nicht daran gedacht hatte, daß sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen mußten, so kostete es viel Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends alles bereit war, nur eins der Boote wieder abzubringen, und dieses, zum Ende der Werft gerudert, sollte dort bemannt werden. Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und Kinder dorthin gebracht, die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen hin und fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr Ruß aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde von einem Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend, was hier vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf herbeizulocken suchte.

Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf das Riff und flohen strandaufwärts.

Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen vermochte.

Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte, die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb, das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß, die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.

Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago, der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht freigelassen werden durfte.

Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft, ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut, in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren ihrer im Boote doch genug.

Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden; doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit sichtbar blieb.

Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und friedlichen Menschen führten, kannte.

So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere dahin — es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie weit aus ihrem Kurs verschlug — und wieder kam trostlos ein Tag für sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher, kein Land in weiter Runde — die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich Ponapè wieder in Sicht kam.

Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen, wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte, aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote — Wasser hatten sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen — mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.

Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner, die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.

Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der erbitterten Feinde vor.

Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet mit sich nahmen.

So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder kein Land — schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten Schicksal entgegen gehen.

Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß alle aus ihrer Versunkenheit empor — nach Stunden schon lag vor ihnen das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel — hier wenigstens waren sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr erbitterten Feinden. —