WeRead Powered by ReaderPub
Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika cover

Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika

Chapter 35: d. 3. August.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A series of travel sketches and diary entries recounts a journey from Europe to East Africa, describing sea passages, stops at Mediterranean and Red Sea ports, and arrival in coastal African towns. The author records vivid port scenes, shipboard life and diverse fellow passengers, everyday practicalities of travel, climatic conditions, local costumes and street life, encounters with colonial officials and merchants, and impressions of cultural exchanges and tensions. The narrative alternates descriptive passages with personal reflections on colonial attitudes, hospitality, and the challenges of travel in tropical regions, concluding with notes on domestic arrangements and daily routines ashore.

Wir haben einen Diener gemietet, Theodor mit Namen. Er ist ehemaliger englischer Missionszögling und Christ, daneben aber Soldat des Sultans und als solcher muß er jeden Morgen Dienst thun, d. h. im Laufschritt unter heulendem Gesang die Straßen durchziehn, oder gar auf der Wiese an der Mnasimodja Übungen machen. Nachdem der Staatsdienst absolviert, hält er sich aber bis acht oder halb neun Uhr abends zu unserer Verfügung. Wir haben ihm zunächst ein menschenwürdiges Kostüm gekauft, nämlich ein Negerhemd, eine weiße Mütze und einen Stock. Nun können wir, ohne auf die besondere Gefälligkeit der befreundeten Herren angewiesen zu sein, auch nach Sonnenuntergang spazieren gehen. Diese Abendgänge gewähren den größten Genuß. Auf dem Sultansplatz findet nach Sonnenuntergang kleine Truppenrevue statt, mit Musikübungen, beides, vokal und instrumental. Sejid Bargash bin Said steht umringt von vornehmen Greisen auf der Veranda seines Palastes und sieht sich die Sache an. Wir gehen an dem aus der Portugiesenzeit stammenden Festungsbau vorüber, mit seinem rundbogenförmigen Zinnenkranz. Von einem der massiven Türme erschallt der langgezogene, melodische Ruf des Postens und der gleiche Ruf antwortet schwermütig ausklingend in der Entfernung. Hier führt uns die Hauptstraße durch das Konsulatviertel nach der Mnasimodja. Im Hintergrund eines mit Trümmern und blühendem Strauchwerk bedeckten Rasenplatzes erhebt sich ein klosterähnlicher langer Steinbau, an dessen hell erleuchteten Bogenfenstern wir Gestalten in wallenden weißen Gewändern vorüberhuschen sehen. Man könnte meinen, es seien Mönche. Das Haus ist aber ein von dem englischen Fleischermeister gehaltenes Restaurant und die weißen Mönche sind die Kellner in ihren Negerhemden. Der Romantik des Bildes thut diese Wahrheit keinen Abbruch.

Weiterhin unter einem kleinen Vordach von Kokosblättern sitzt auf steinerner Bank ein Schwarzer und spielt auf seiner Kürbismandoline eine sanfte, eintönige Melodie. Dazu singt er. Kein Zuhörer ist zu entdecken. Als ein echter Künstler übt er seine Kunst um ihrer selbst willen aus.

d. 19. Juli.

Heute sah der Hôteldiener Amadi, der mir sehr zugethan ist, auf meinem Tisch das Bild des Fürsten Bismarck stehen. Er betrachtete es aufmerksam, zeigte mit dem Finger darauf und fragte: »Das ist wohl Euer Sultan?« Das Bild steht zwischen verschiedenen anderen Porträts. Amadi muß es entweder schon gekannt haben oder sein natürlicher Scharfblick hat ihn darauf gebracht in Haltung und Zügen des Fürsten den großen Mann zu vermuten. Ich sagte ihm: »unser Sultan ist es nicht, aber ein sehr großer Herr.« Da schlug sich Amadi als Zeichen verständnisinniger Ehrerbietung auf die Brust und meinte: »ich weiß schon! alle Eure großen Häuser, O'Swald und Hansing und Meyer stehen unter ihm!« Ich sagte: »jawohl«. – Mit diesem Schwarzen unterhalte ich mich in einem greulichen Durcheinander von Suaheli und englisch, aber wir können uns doch verständigen.

d. 21. Juli.

Gestern ließ mir Herr Dr. Peters sagen, wenn ich mir die Quartiere in Dar-es-Salaam anzusehen wünsche, so sollte ich mich bis zu heute Abend reisefertig machen. Die günstige Reisegelegenheit, die ich erwartete, hat sich gefunden. Der Sultan hat zu einer Besichtigung des Vertragshafens Dar-es-Salaam seinen Dampfer Barawa zur Verfügung gestellt und den Herren Consul O'Swald und Dr. Peters sagen lassen, sie möchten auf keinen Fall Mundvorrat an Bord nehmen, für die Bewirtung werde er allein sorgen. In Zanzibar, wo jeder dem Nachbar aufpaßt und dessen Angelegenheiten mit allen Einzelheiten erfährt, machen diese noch nie dagewesenen Erfolge der Deutschen großes Aufsehen. Ich bin zufälliger Weise in der angenehmen Lage, die Spitzen des hier vertretenen Europa's d. h. die Herren vom englischen, französischen, italienischen und portugiesischen Consulat darüber zu hören. Wenn diese Herren das Gespräch auf das flotte Vorgehen der Deutschen bringen, stelle ich mich ebenso unwissend als gleichgültig. Darüber höre ich manche mich interessierende Äußerung ihrerseits.

Miß Smith und Frau Wendt (die Frau eines deutschen Sultanskapitäns) haben für unsere gemeinschaftliche Schutzbefohlene, die Östreicherin, ein Quartier gefunden, welches allerdings in einer Handelsgasse einer Matrosenkneipe gegenüber liegt, aber mehr Räumlichkeiten hat und weniger ungesund ist, als das malerische Gartenhäuschen der Portugiesen. Die junge Frau, die sich im französischen Hospital rasch erholt hatte, ist dorthin übergesiedelt, aber sofort wieder erkrankt. Die Ärmste, deren Mittel ebenso gering sind wie ihre Körperkräfte, kann sich nicht die notwendige Bedienung schaffen und überanstrengt sich, sowie sie sich selbst überlassen wird. Ihre Lage ist in der That eine sehr schwierige, da sie, unfähig das Bett zu verlassen, gänzlicher Hülflosigkeit preisgegeben ist, so lange wir nicht nach ihr sehen. Ich habe darum heute meine Bertha, die bei aller jugendlichen Lebhaftigkeit eine geübte und gewissenhafte Krankenpflegerin ist, bei der jungen Frau einquartiert. Die Bettwäsche, die wir hier genäht haben, sowie einen Korb Rotwein haben wir heute hinüberbefördert. Bertha ist mit Geldmitteln und genauen Instructionen versehen; zudem haben Miß Smith und Frau Wendt versprochen, sie gegen Abend täglich auf eine Stunde abzulösen; dann soll sie unter dem Schutz des Dieners Theodor, der sich nach wie vor zu ihrer Verfügung halten muß, spazieren gehn. So ist die arme Kranke vorläufig in guten Händen.

d. 25. Juli.

Am Abend des 21. Juli begaben wir uns in dem für uns bereitstehenden Sultansboot nach der Barawa, wo wir die Nacht im Hafen liegend zubringen mußten. Ich wurde in die Sultanskabine einquartiert, die etwas geräumiger ist, als die anderen, ein rotes Plüsch-Sopha enthält, und an den weißgestrichenen Wänden Goldverzierungen im Muschelgeschmack der Rokokozeit mit roten Fähnchen in den Medaillons. Indessen trieben Kockerutschen und Spinnen auch in diesem Prunkgemach ihr Wesen.

Um halb fünf Uhr am Sonnabend Morgen begann die Schraube zu tosen und wir dampften von hinnen. Es befanden sich neun Deutsche an Bord, nämlich außer dem Kapitän und dem Ingenieur: Herr Dr. Peters, Herr Consul O'Swald, Herr Missionar Greiner, Herr Friedrich Schroeder von der Plantagengesellschaft, Herr Flemming, Schwester Rentsch und ich. Herr Missionar Greiner war nach Zanzibar gekommen, um die ihm von seiner Missionsgesellschaft zugeschickte Krankenpflegerin abzuholen. Da der Südwestmonsum noch immer bläst und zwar grade aus der Richtung, der wir entgegenfuhren, konnte ich bei meiner allzu wenig seetüchtigen Constitution die Annehmlichkeiten der Seekrankheit einmal wieder durchkosten. Ein schwacher Trost war es, daß Herr Schroeder sich wenigstens unbehaglich fühlte. Alle anderen erfreuten sich eines gediegenen Wohlbefindens.

Um drei Uhr nachmittags rief man mich energisch an Deck. Ich wankte hinauf und sah, daß wir in den schönen Hafen von Dar-es-Salaam einfuhren. Die Fahrt hatte also bei ungünstigem Wind zehn und eine halbe Stunde gedauert.

Sobald wir festlagen, stieß ein Boot vom Lande ab, in dessen europäischen Insassen wir bald den Chef der Station, Herrn Leue, unter einem vertrauenerweckenden Sonnenschirm, und am Steuer meinen Bruder erkannten. An der Schiffstreppe stehend, begrüßten wir die Freunde aufs herzlichste. Ich frug meinen Bruder, wie man denn in Dar-es-Salaam schon von unserem Besuch wisse? und erhielt die stehende Antwort: »der Telegraph in Afrika arbeitet rascher, als der in Europa.« – Es ist mir in der That ganz unbegreiflich, mit welcher Geschwindigkeit sich ohne Post- und Eisenbahnverkehr die Nachrichten hier verbreiten. Wenn in Usungula ein paar der dort arbeitenden Menschenfresser dem Stationschef entlaufen, erzählt man sich das in Zanzibar auf den Straßen, lange ehe die pünktlich abgesandte schriftliche Meldung eintrifft.

Unsere Gesellschaft teilte sich schon an der Landungsstelle. Während die Herren Leue, Schroeder und Flemming Herrn Dr. Peters auf dessen Rundgang mit Mohamed bin Salim und dem Wali begleiteten, unternahm Herr O'Swald eine einsame Kunstreise mit seinem photographischen Apparat. Herr Greiner dagegen begab sich mit Schwester Rentsch zu den seiner harrenden Damen und mich führte mein Bruder nach dem malerischen Zeltlager, in dem er mit den Herren der Eisenbahnexpedition Quartier genommen hatte. Die Herren hatten sich in den von üppigem Grün umgebenen Zelten wirklich sehr behaglich eingerichtet und waren ganz erbaut von ihren Wohnungen. Herr Regierungsbaumeister Wolf trat uns in heiterer Stimmung entgegen, umringt von Hunden und Affen. Seine vielen wissenschaftlichen Instrumente und Bücher lagen teils auf den improvisierten Tischen, teils auf der Erde und verliehen dem Bilde das Ansehen eines Generalstabszeltes. Aber in einem anderen Zelt lag Herr von Hake an einem schweren Fieber danieder. Albrecht führte mich zu ihm. Das Bett stand auf der notdürftig festgestampften Erde und der Kranke lag angekleidet darauf mit glühendem Gesicht und phantasierte. Er erkannte mich zwar, als ich ihn begrüßte, doch mußte ich zu meinem Leidwesen bemerken, daß meine Anwesenheit nicht wohlthätig wirkte. Herr von Hake schien das dumpfe Gefühl zu haben, als müsse er höfliche Conversation machen und seine Anstrengungen, die hergebrachten Redensarten herauszubringen, thaten mir in der Seele weh! Ich bat ihn, den jedenfalls ungesunden Aufenthalt im Zelt zu verlassen und im Haus der Stationsbeamten Unterkunft zu suchen, aber er wehrte fast ängstlich ab und wollte nichts davon hören. Da er in seiner gezwungenen Haltung verharrte, verließ ich ihn, um nicht bei allem guten Willen Schaden anzurichten. Herr Dr. Peters hat übrigens eine Stunde später die ihm eigene ungewöhnliche Gabe, den Willen Anderer zu bestimmen, mit Erfolg angewandt. Während Herr Leue, Missionar Greiner und andere Herren ebenso wie ich vergeblich versucht hatten, den Fieberkranken zu einem Ortswechsel zu bewegen, zeigte sich der Patient Dr. Peters gegenüber plötzlich gefügig und ließ sich von diesem ohne Widerstreben nach der Beamtenwohnung führen.

Nach dieser Wohnung, die aus mehreren sehr primitiven Indierhäusern zusammengesetzt ist, war ich indessen auch mit meinem Bruder gegangen. Hier lag bereits ein anderer Fieberkranker. Geordnete Pflege wäre hier, wo jetzt fortwährend schwere Fälle vorkommen, sehr wünschenswert; an bewohnbaren Räumlichkeiten mangelt es aber vor der Hand gänzlich. In nächster Zeit soll die Zahl der hier stationierten Beamten reduziert werden, auch steht die Abreise der zur Eisenbahnexpedition gehörenden Herren täglich bevor. Dann wird sich wohl für eine Pflegerin und ein gutes Krankenzimmer Platz finden. Einstweilen muß sogar Schwester Rentsch auf Wohnung in Dar-es-Salaam Verzicht leisten, da auch in der Missionswohnung kein Platz ist.

Im übrigen haben sich die jetzigen Bewohner des Hauses ganz idyllisch eingerichtet. Den Mangel an Zimmern ersetzt eine breite, längs des Hauses hinlaufende Veranda, die durch Herrn Leue überdacht worden ist. Diese, in verschiedene Departements geteilt, dient zum allgemeinen Aufenthaltsort während des Tages. Dort fand ich die Nichte des Missionars, eine kräftige blonde Schweizerin, mit dem Rösten von Kaffeebohnen beschäftigt. Ich erkundigte mich nach ihrer Daufahrt und erhielt die Antwort: »Ich hab' zwar oftmals Heimweh, aber auf eine Dau geh ich niemals wieder. Da bleib ich schon lieber mein ganzes Leben in Dar-es-Salaam

Herr Fröhlich, ein bleicher Fieberreconvalescent, saß auch auf der Veranda und spielte auf der Cither Tyroler Volkslieder.

Als es abendlich kühl wurde, führte mich mein Bruder in den Garten und auf das Feld. Wir gingen an Ananaspflanzungen vorüber, sahen Tomaten als Unkraut wuchern, ebenso wie Rhicinus und kamen sogar an ein kleines Reisfeld. Mein Bruder nannte mir die Namen der bemerkenswerten Pflanzen und belehrte mich über ihren Bau. Ich habe aber die Lection schon wieder vergessen.

Herr Consul O'Swald hatte mittlerweile mehrere Aufnahmen gemacht, auch von einem Teil des Zeltlagers mit der eigenartig gestalteten Ruine eines arabischen Steinhauses im Hintergrund, und meinen Bruder sowie den Regierungsbaumeister Wolf inmitten ihrer Gerätschaften als Staffage. Das ist ein hübsches Bild geworden.

Die untergehende Sonne sah uns Alle wieder an Bord der Barawa, wo wir bei unserem zwiebelgewürzten Abendessen die Gläser klingen ließen auf das Wachstum Deutschlands in Afrika.

Am Morgen des 23. ging es Herrn von Hake zum Glück besser, was jedenfalls seinem Umzug ins Haus und der Sorgfalt der Schwester Rentsch zu danken ist. Am vorigen Abend glaubte niemand, daß er aufkommen würde. Das Thermometer zeigte am 23. neun Uhr morgens nur 16° C., so daß ich fror, als ich in leichtem Anzug an Deck kam. Herr Dr. Peters war schon bei Tagesanbruch an Land gefahren, um geschäftliche Anordnungen zu treffen. Wir Anderen saßen unterdessen sehr gemütlich auf dem Promenadendeck und tranken in Gesellschaft des edlen Mohamed bin Salim unseren Thee.

Herr Dr. Peters behauptet, die Gegenwart von Damen sei den Muhamedanern eine Widerwärtigkeit. Hierin irrt er sich aber. Bei aller Frömmigkeit wissen die Herren Araber die Gesellschaft von Europäerinnen recht wohl zu schätzen. Mohamed bin Salim ließ das Licht seiner Liebenswürdigkeit über uns leuchten. Er fand wahrscheinlich, daß unsere gerösteten Weißbrodschnitte, mit Büchsenbutter bestrichen, zu geringe Kost für seine Ehrengäste seien, denn er winkte uns verheißungsvoll zu, ein wenig zu warten und ließ aus seinem Privatmundvorrat einen Teller voll runder Zwiebacke holen. Natürlich that ich, als seien diese ein seltener Leckerbissen, und da er mit vornehm wohlwollender Handbewegung immer wieder einlud zuzulangen, leistete ich wahrhaft achtungswertes im Zwiebackessen.

Im übrigen verging dieser Tag entsprechend dem vorherigen. Herr Dr. Peters verhandelte mit den Arabern um den einzigen der aus Said Madjid's Zeit stammenden Paläste, der sich als noch bewohnbar erwies, um den Stationsbeamten bessere Wohnungsverhältnisse zu schaffen. Die Herren Schroeder und Flemming fuhren den Hafen hinauf, um an der seichten Flußmündung Nilpferden nachzustellen. Ich unternahm mit meinem Bruder eine Bootfahrt, bei welcher wir mit einer Dau in Collision gerieten und beinah verunglückten.

Unterdessen waren die schwarzen Unterthanen des Sultans (alles Sclaven,) Tag und Nacht damit beschäftigt, die Barawa mit Kokosnüssen zu befrachten. Dreißig bis vierzig Frauen trugen diese Früchte nach der nahe dem Ufer liegenden Dau, wobei sie bis an die Schultern, die Kleineren bis an den Hals im Wasser waten mußten. Ihre Lasten tragen diese Weiber immer auf dem Kopf, was ihnen durchweg eine Haltung giebt, um die sie manche hübsche Europäerin beneiden könnte. War eine Dau mit Nüssen angefüllt, so segelte sie nach der Barawa und hier waren zahlreiche Jünglinge, schwarz, braun und gelb von Farbe, beschäftigt, die Früchte in den geöffneten Warenraum des Schiffes hinabzuwerfen. Dabei zählten sie teils arabisch teils Suaheli singend bis fünfzig, bei jeder Zahl je zwei Nüsse werfend. Bei fünfzig angekommen, wurde ein Knoten in einen langen Strick gemacht. Soviel Knoten dann das Seil zeigte, so viel Hunderte von Kokosnüssen waren verladen worden. Dieser gewaltige Vorrat ist für ein Pilgerschiff bestimmt, welches der fromme Bargash ben Said zur Fahrt nach Mecca ausrüstet.

d. 27. Juli.

Am 25. fuhren wir um zehn Uhr morgens von Dar-es-Salaam ab und waren, da wir diesmal vor dem Winde fuhren, bereits um zwei Uhr nachmittags im Hafen von Zanzibar, hatten also nur vier Stunden gebraucht. Hier fanden wir zur großen Freude der Herren die Möwe liegen.

Gestern besuchte mich Herr Kapitänlieutnant Vüllers von der Möwe, dessen junge Frau eine Kindheitsgespielin von mir aus Thüringen ist. Da gab es freilich viel zu erzählen.

Diese Nacht habe ich, um Bertha abzulösen, bei der kranken Östreicherin gewacht, der es gar nicht gut geht. Aber auch Bertha, die ich gestern zu einem weiten Spaziergang abholte, macht mich bedenklich. Sie ist von einer Gereiztheit und Nervosität, die ich nicht an ihr kenne und die zu ihrer robusten Natur auch gar nicht paßt.

d. 28. Juli.

Heute erhielt ich den Besuch einiger Offiziere von der Möwe, darunter der Schiffsarzt Dr. Koch, der mit auf meine Fragen einige nützliche Winke die Einrichtung von Pflegestationen betreffend erteilte.

Der Lärm der Matrosenkneipe beeinträchtigt die Nachtruhe unserer kranken Östreicherin zu sehr. Sie ist darum heute nach dem Hospital zurücktransportiert worden. Wenn nur Bertha sich nicht ein Fieber geholt hat! Sie weint ohne jede Veranlassung.

d. 29. Juli.

Ich habe den französischen Arzt, Dr. Marseille, consultiert. Er verordnete meiner Bertha eine gewaltige Dosis Ipepacuanha. Ohne dies Mittel, sagte er, könne leicht ein Gallenfieber entstehen. Die Ärmste hat einen üblen Vormittag gehabt! Heute Nachmittag ging es ihr besser.

d. 30. Juli.

Hatte heute Besuch von dem Kommandanten der Möwe, Herrn Korvetten-Kapitän Böters. Bertha ist, Gott sei Dank, ganz munter. Die Pferdekur hat wenigstens geholfen. Wir sind zu heute Nachmittag von der Offiziermesse auf die Möwe eingeladen.

d. 31. Juli.

Gestern Nachmittag haben wir an Bord des Kriegsschiffs Kaffee getrunken. Das Hinterdeck war rings mit Flaggen behängt, die Tische auf das anmutigste mit Grün und Blumen geschmückt. Schmucke Matrosen bedienten uns und reichten zitternd Sahne, Zucker etc. herum. Ich frug den Kapitänlieutenant, ob Matrosen denn auch nervös werden könnten. Er versicherte mir aber beruhigend, diese zitternden Hände seien der ehrfurchtsvollen Scheu zuzuschreiben, mit welcher das nur in ganz seltenen Fällen hervorgeholte beste Porzellan gehandhabt würde. Dazu spielte die Schiffskapelle deutsche Weisen.

Die Möwe fährt Mitte August nach Süden und Herr Korvettenkapitän Böters hat mir versprochen, uns mitsamt unseren Sachen bis Dar-es-Salaam zu bringen, wenn dort Aufenthalt gemacht werden soll, was er nicht genau weiß. Er riet mir übrigens dringend, nicht gleich in Dar-es-Salaam, sondern erst in Zanzibar selbst, wo mir ärztliche und materielle Hülfe zu Gebote stände, mit dem Krankenpflegen anzufangen. Zanzibar wird allerdings noch für längere Zeit unser Centralpunkt bleiben, aber ich hoffe bei genügender Unterstützung, von hier aus nicht nur in Dar-es-Salaam, sondern nach und nach auch an den anderen Vertragshäfen Pflegestationen einrichten zu können.

d. 2. August 1887.

Heute hatte unsere Hotelwirthin, Madame Chabot, Besuch von drei vornehmen Araberinnen. Diese hatten ihr Kommen rechtzeitig ankündigen lassen und die entsprechenden Vorkehrungen wurden mit peinlicher Sorgfalt getroffen. Die Franzosen boten sich an spazieren zu gehen; Herr Schröder, der ermüdet war und einen Mittagsschlaf zu thun gedachte, ließ sich gutwillig in seinem Zimmer einriegeln; der Herr des Hauses, Mr. Chabot, faßte unten in der Hausthüre Posto, um jedem etwa eindringenden Wesen männlichen Geschlechts den Weg zu weisen. Am Ende der viel erwähnten Gallerie ist ein fast immer verriegeltes Pförtchen und dies communiciert mit der nicht zum Hotel gemachten Hälfte des Palastes, in dem die Araberinnen wohnen. Nachdem nun also das Terrain von den gefährlichen Europäern gesäubert war, – die Schwarzen durften als Wesen untergeordneter Art gegenwärtig bleiben – öffnete sich das geheimnisvolle Pförtchen und es erschien ein ganzer Zug von Frauen. Voran die drei reichgekleideten noch jungen Damen in Begleitung einer lebhaften kleinen Alten, die eine Art Ehrendame zu sein schien und gefolgt von einer großen Zahl schwarzer Sklavinnen in arabischer Tracht. Die Damen stelzten langsam daher auf zwei Zoll hohen perlmuttereingelegten Holzschuhen, die sie nur mit zwei Fußzehen mittelst eines dazu angebrachten Griffes am Fuße festhielten. Sie entledigten sich dieses Fußgestelles sowie sie im Salon Platz nahmen. Wir saßen um einen runden Tisch den Araberinnen gegenüber, tranken Mandelmilch und unterhielten uns so gut es ging. Die hölzernen mit Perlmutter eingelegten Masken behielten die Damen vor dem Gesicht, so daß man bis auf die schönen Augen von den Gesichtszügen nicht urteilen konnte. Ihre mit schwerem Goldschmuck beladenen Arme und Beine, – letztere nur bis an die Knöchel von seidenen Beinkleidern bedeckt – waren schön geformt, Hände und Füße reizend, die Bewegungen langsam und vornehm. Im übrigen sahen die Damen mit ihren sanften, schwermütigen Augen aus, als ob sie geistig schliefen, was sie vermutlich auch thaten. Nach einer halbstündigen sehr primitiven Unterhaltung bestiegen die Schönen wieder ihr Schuhwerk, drückten uns der Reihe nach mit verbindlichem Abschiedsgruß die Hand und wanderten in feierlicher Prozession nach dem Mauerpförtchen zurück. Der Riegel von Herrn Schröder's Stubenthür wurde fortgeschoben und das Hotel stand den Gästen wieder offen.

d. 3. August.

Heute kam Ramassan und brachte mir ein Billet von Herrn Dr. Peters, das sichtlich in starker Erregung abgefaßt worden und diesen Inhalt hat:

»Eben läuft die Nachricht ein, daß Baumeister Wolf am Fieber gestorben und Sonnabend beerdigt ist. Es ist, als ob die Gottheit anfinge, gegen uns Front zu machen.«

C. P.

Hoffentlich komme ich endlich nach Dar-es-Salaam! Ich glaube, daß sich durch Vorbeugungsmittel und vernünftige Vorsichtsmaßregeln viel Unheil verhüten läßt. Das ist wieder einmal ein schwerer Verlust und wir haben das Vorwärtsschreiten so nötig! –

Lindi, an Bord der Barawa.
d. 19. August 1887.

In den ersten Tagen dieses Monats schon erfuhren wir, daß die Möwe bei ihrer, Mitte August anzutretenden Reise Dar-es-Salaam nicht berühren würde. Dagegen hatte Seine Hoheit der Sultan seinen Dampfer Barawa Herrn Dr. Peters abermals zur Verfügung gestellt und zwar zu einer Besichtigungsfahrt nach den von ihm und Dr. Peters ins Auge gefaßten zukünftigen Vertragshäfen, von Zanzibar südwärts bis zum Rowuma und Cap Delgado. Ich war froh, als Herr Dr. Peters sich bereit erklärte, uns mitsamt unseren Sachen mitzunehmen, um uns auf der Heimreise in Dar-es-Salaam abzusetzen. Es interessierte mich sehr, die für die Zukunft unserer Kolonie gewiß in erster Linie wichtigen und auch für meine besondere Aufgabe in Frage kommenden Hafenorte kennen zu lernen. Daneben durfte ich von der Ozonluft auf offener See für meine Gefährtin Bertha eine sehr wünschenswerte Auffrischung ihrer Lebensgeister erwarten. Wir konnten mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, bis zu unserem auf Tag und Stunde voraus bestimmten Eintreffen in Dar-es-Salaam Quartier für uns bereit zu finden.

Am Abend des 5. August begaben wir uns begleitet von Baron Gravenreuth und Herrn Schröder beim Glanz der Sterne nach der Barawa, die am 6. in aller Frühe abdampfen sollte. Bei unserem ansehnlichen Gepäck befand sich auch unser Äffchen Hassan, ein langgeschwänzter Nachtaffe Mukki, den ich von Herrn O'Swald zum Geschenk erhalten, und ein meiner Bertha gehörendes junges Hündchen, namens August. Auf der Barawa fanden wir den goanesischen Küchenmeister Seiner Hoheit, mit seinem ganzen Rüstzeug an Eßvorrat, Silber, Porzellan und braunschwarzen Goa-Kellnern unserer harrend. Außer uns Deutschen war der Statthalter (Wali) von Kiloa mit drei Frauen und zwei Sklavinnen an Bord.

Nach etwa sechsunddreißigstündiger ununterbrochener Fahrt, während welcher der weibliche Teil der Passagiere, Deutsche, Araberinnen und Suahelidamen unterschiedslos an heftiger Seekrankheit festlag, fuhr die Barawa in Kiloa Kisuindji ein. Der Wali von Kiloa, ein auffallend großer Araber mit schönen Zügen und langem, braunen, in zwei Zipfeln bis auf den Gürtel herabhängenden Bart, hatte während dieser Fahrt nicht nur sehr eifrig für seine in die, der unseren gegenüber befindlichen Kabine gepferchten Frauen gesorgt, sondern er bot auch mir und Bertha, sobald wir uns sehen ließen, Orangen und Konfekt an und versäumte keine Gelegenheit sich teilnehmend nach meinem Befinden zu erkundigen. Auch seine Hauptfrau, die Araberin, rief uns »jambo Bibi, jambo!« zu und wagte sogar einen Moment in der offenen Thür meiner Kabine zu erscheinen, um mich zu begrüßen. Bertha, die sich eher als ich erholte, stattete dafür den Nachbarinnen einen Besuch ab.

In Kiloa Kisuindje hatte der Wali sein, Reiseziel erreicht und fuhr mit unseren Herren, die er im Auftrag des Sultans geleiten mußte, ans Land.

Herr Dr. Peters war begleitet von den Herren Flemming und Baron St. Paul. Auch hatte sich ihnen Herr Dr. Kling, ein junger deutscher Gelehrter, der aus dem uneigennützigsten Interesse für die Entwickelung unserer Kolonie hier einen Aufenthalt macht, angeschlossen. Herr von St. Paul hat die zwei Jahre seines Hierseins ausgenützt, um die Suahelisprache gründlich zu studieren. Er gehört zu den wenigen Europäern, die dieses weichklingende und an Formen reiche Idiom nicht nur verständlich, sondern auch grammatikalisch richtig sprechen, »ein klassisches Suaheli,« wie Herr Dr. Peters sich ausdrückt. Baron von St. Paul macht bei wichtigen Auseinandersetzungen den Dolmetscher bis auf die Fälle, wo zum äußersten Erstaunen der Bevölkerung Herr Flemming für ihn eintritt. Letzterer hat sich zwanzig Jahre lang in Indien mit Baumwolle beschäftigt, und ist in Folge dessen des Hindostanischen mächtig. Da nun an dieser Küste der Handel in den Händen der Indier und Banjanen ist, so kann es sich unter Umständen als sehr günstig erweisen, die Sprache dieser Erzschwindler zu kennen.

Während die Herren am Lande hohe Politik trieben, wurden an Bord der Barawa in umständlicher Weise die Frauen des Wali sammt ihren geschmückten Sclavinnen auf eine Dau gebracht, um ans Land zu segeln. Den besten Platz auf der Dau erhielt die Araberin, die mit ihrer Maske in feine schwarze Schleier gehüllt zart und vornehm aussah. Sie nickte mir im Fortfahren immer wieder freundlich zu. Sehr verschieden von ihr waren die beiden reichgekleideten aber unmaskierten Suahelifrauen. Den schwarzen Schönen geht es wie unseren Landmädchen. Sie sehen am besten aus in ihrer Volkstracht, bestehend aus einem oft in malerische Falten drapierten bunten Tuch, das dicht unter den Schultern befestigt, Hals und Arme freiläßt, während es den Körper eng umschließt und bis auf die Knöchel herabfällt. Ein trauriges Verdienst haben sich dabei freilich die Engländer erworben, indem sie als speculative Kaufleute, um dem ungebildeten Geschmack der Negerinnen möglichst entgegenzukommen, die denkbar geschmacklosesten, haarsträubend häßlichen Muster für deren Kleiderstoffe eingeführt haben. Sind die Suahelifrauen dagegen europäisch gekleidet, oder wie die Weiber des Wali von Kiloa in arabischem Putz, so sind sie meist ein lächerlicher Anblick.

Da Wind und Strömung dem Landen ungünstig waren, verzichtete ich auf Herrn Elson's, des Kapitäns, Rat darauf, die Barawa zu verlassen. Am Morgen des zehnten August dampften wir weiter, und fuhren schon gegen Mittag in die reizende Bucht von Kiloa Kisuani. Baron St. Paul, Dr. Kling und ich versuchten vom Schiffe aus die Küste, deren waldige Ufer sich rechts und links wie Kulissen voreinander schoben, zu scizzieren; aber da der Wind unser Schiff an der Ankerkette in fortwährender Drehung erhielt, unser Modell sich also beständig verschob, wollte das Zeichnen nicht recht gelingen. Daß der Mitwelt dadurch ein bedeutender Verlust geworden, glaube ich nicht, unbeschadet der Achtung, die ich vor den Talenten meiner verehrten Reisegefährten habe, denn unmöglich kann die beste Bleistiftzeichnung eine Landschaft wiedergeben, deren Zauber fast ausschließlich in Farbe und Licht besteht. Das Meer im Vordergrunde, kleine Inselchen mit blendend grünem Mangrovedickicht bewachsen, waldige Landzungen, ferne Berge und darüber der reine Himmel, alles blau in blau harmonisch abgestimmt, vor uns im Sonnenglanz blitzend die beständige Bewegung des ruhelosen Wassers, das war ein ebenso eigenartiges als entzückendes Landschaftsbild. Herr Dr. Peters hatte sich, sowie wir vor Anker lagen mit Herrn Flemming an Land begeben, um das Terrain dort auf seine Brauchbarkeit für Tabacks- und Baumwollenplantagen zu prüfen. Wir Anderen fuhren erst später an Land, um uns umzusehen. Wir landeten an einer halbzerfallenen Burgfeste aus der Portugiesenzeit, die mit ihren Türmen und Thoren ganz mittelalterlich auf einem Felsen am Meere steht. Während wir die malerische Ruine von allen Seiten betrachteten, photographierten und scizzierten, versammelten sich die Dorfbewohner um uns, und ich fand mich plötzlich ganz umringt von den Mädchen des Ortes. Ich hatte eine gelbe Blume abgepflückt. Die jungen Mädchen, die sich ersichtlich bewogen fühlten die Honeurs ihrer Küste zu machen, bedeuteten mir durch Worte und Zeichen, ich möchte die Blume fortwerfen. Dieselbe sei nichts wert, denn sie habe keinen Duft. Sie gaben mir dafür einige süßduftende aber stiellose Jasminblüten.

Während wir uns noch lebhaft unterhielten, traten aus einem geschlängelten, in Gesträuch versteckten Seitenpfad Herr Dr. Peters und Herr Flemming, gefolgt von schwarzen Jünglingen und Knaben, die in Körben oder auf den Köpfen Proben von Gestein und Erde trugen. Nachdem wir uns lachend begrüßt, gingen wir jedoch wieder in verschiedenen Richtungen auseinander. Während Herr Dr. Peters und Herr Flemming mit ihren Gefolgen ihren Rundgang im Geschwindschritt fortsetzten, durchschritten wir Anderen, nämlich Herr Kapitän Elson, Herr Dr. Kling, Baron v. St. Paul, meine Gefährtin und ich das Negerdorf. Dabei gaben uns die gesamten schwarzen Jungfrauen, sowie eine Menge Knaben und kleiner Mädchen das Geleite. Ein junges Mädchen hatte sich mir besonders angeschlossen und wich mir von Anfang an nicht von der Seite. Wir sahen wilde Baumwollstauden und Bananen, vor allem aber freute uns der Viehreichtum. Auf einer schlammbedeckten Niederung am Meere, die zur Regenzeit jedenfalls unter Wasser steht, weidete eine große Rinderherde. Auf den Ruinen kletterten Ziegen wie Gemsen zwischen Felsblöcken und Trümmern und in den bambusumzäunten Höfen trieben Büffelkälber und Schafe ihr Wesen, nicht zu vergessen des Federviehs.

Überaus befriedigt von unseren Entdeckungen kehrten wir nach Sonnenuntergang auf unsere Barawa zurück, wohin auch eine halbe Stunde später die unermüdlichen Herren Dr. Peters und Flemming gerudert kamen. Man hatte »rote Erde mit Humus vermischt auf Kalk lagernd« vorgefunden, der Mtama und Baumwolle trug.

Am folgenden Morgen in aller Frühe segelten Herr Dr. Peters und Herr Flemming in die kanalartigen Arme eines in den Hafen von Kiloa Kisuani (= Kiloa auf der Insel) mündenden Flusses, um das Bergland nach Norden zu besichtigen. Auch hofften sie dabei Nilpferde zu erlegen.

Uns ging es indessen wie gestern. Schon am Strande begrüßte uns die Schar der Mädchen und Frauen, die heute noch vollzähliger erschienen waren. Meine besondere Freundin, sie nannte mir als ihren Namen »Mawua«, entfernte sich eilends und kam zurück mit einem an Zwirn aufgenähten dichten Kranz von Jasminblüten, den sie mir mit einem wirklich reizenden Lächeln einhändigte. Das Mädchen interessierte mich und gefiel mir. Sie schien im Dorfe eine Rolle zu spielen, grade wie man es überall findet, wo ein hervorragend selbstbewußtes und eigenartiges Individuum auftritt. Mawua hatte etwas Überlegenes, im Verkehr mit den Männern geradezu Stolzes an sich. Dabei war sie, obwohl sie mir auch heute beharrlich zur Seite blieb, weder zudringlich noch geräuschvoll. Sie bewachte meine Bewegungen mit der Aufmerksamkeit eines klugen Hundes und gab sich sichtlich große Mühe mein gebrochenes Suaheli zu verstehen. Übrigens ist dies der einzige Fall, in dem mir wirkliche Intelligenz bei einer Negerin in diesem Landstrich bis jetzt vorgekommen ist.

In dem grünüberwucherten Burghof einer riesigen portugiesischen Schloßruine lagerten wir uns um den Rand einer Cisterne. Baron St. Pauls Diener, Mbaruku, dessen stolze Livree in einem zerrissenen Winterüberzieher seines Herrn besteht, hatte Mundvorräte mitgebracht und wir ließen uns das Frühstück schmecken. Die Schwarzen, die uns in immer größer werdenden Haufen umstanden und stillvergnügt zusahen, erhielten die leeren Bierflaschen zum Geschenk. Meiner liebenswürdigen Freundin versprach ich aber ein »sawadi nsuri« (schönes Geschenk), und brachte ihr, als wir uns Nachmittags wieder ans Land begaben, einen mir aus Berlin geschickten Fächer mit, der eine komplizierte Mechanik zum Auseinanderklappen und lange rosa Atlasschleifen hatte. Die schwarze Dame nahm nach Art ihres Volkes diesen in Kiloa noch nie dagewesenen Gegenstand mit feierlichem Ernst entgegen und blieb, während die Gefährtinnen sie neugierig umringten, den ganzen Nachmittag in ernst gehobener Stimmung.

Während ich in den gestrüppüberwucherten Hallen einer uralten Moschee zeichnete, von andächtigen Zuschauern, die übrigens von der wackeren Mawua stets in einer gemessenen Entfernung gehalten wurden, umstanden, ging Bertha mit der gleichfalls intelligenten Schwester der Mawua nach der Lagune und ließ dort eine der Büffelkühe melken. Triumphierend brachte sie dann die frische, fette Milch in einer Porzellanschale. Das schmeckte einmal! Lange hatte uns kein Trunk gemundet wie dieser.

Später als gestern begaben wir uns auf das Schiff zurück. Es dunkelte bereits und die Sterne flammten auf, aber von dem Segel unserer Kibokojäger ließ sich nichts sehen. Statt wie sonst um sieben Uhr zu dinieren, setzten wir uns in den kleinen Schiffssalon, und einer unserer Schwarzen hockte auf dem Fußboden vor uns und drehte unausgesetzt den mitgenommenen schadhaften Leierkasten, während Herr von St. Paul erbauliche Betrachtungen über das Gemütsleben einiger über unseren Häuptern balancierenden Kockerutschen anstellte. Es wurde darüber acht und halb neun. Wir mußten in Rücksicht auf unseren gediegenen Hunger das Warten aufgegeben und begaben uns schließlich, um unsere Touristen ernstlich besorgt, zur Ruhe. Gegen zwei Uhr Nachts jedoch wurden wir durch die kräftige Stimme des Herrn Dr. Peters aus dem Schlaf gerüttelt. Er war dabei, den verschlafenen Goanesen Anordnungen in Betreff eines Nachtessens zu erteilen. Beruhigt und froh versammelten wir uns noch einmal in dem Eßzimmer und nahmen den Bericht der Herumstreicher entgegen. Die Herren waren erschöpft und hungrig. Dr. Peters hatte seit zwölf Stunden ununterbrochen das Steuer in der Hand gehabt, aber das Segeln und Kreuzen in den mangroveumstandenen, sumpfigen Flußarmen war äußerst beschwerlich gewesen.

Am frühen Morgen dampften wir weiter. Ich bin leider immer krank so lange wir fahren und verlasse meine Koje erst, wenn der Anker geworfen wird. Wir langten übrigens schon Mittags in Kiswere an, dessen schöne Bucht von mehreren größeren Dörfern umgeben ist. Als ich an Deck kam, waren die Herren alle schon fort, doch hatte uns Herr Dr. Peters zu etwaiger Bedeckung zwei Diener dagelassen. Wir begaben uns unter dem Schutze des Ober-Ingenieurs, Herrn Ungemach, an das Ufer, und kletterten durch wilde Waldung und Steppengras den Hügel hinan, der sich dicht am Meer ziemlich steil erhebt. Obwohl wir durch Gras von mehr als zweifacher Mannshöhe schritten, und uns oft nur mühsam aus der Umklammerung der Dornen und Lianen befreiten, kam uns weder eine Schlange noch sonstiges tropisches Ungeziefer in den Weg. Wir erfreuten uns dagegen an dem Gurren wilder Tauben und dem Zirpen der Grillen, Laute, die an die Heimat erinnerten. Um uns her wucherten die baumhohen Ähren der Negerhirse, dazwischen blühende Baumwollsträucher, kandelaberähnliche Kakteen, Ricinus mit seinen eleganten Blättern, feingefiederte Akazien, Gummibäume und dichte Aloegruppen. Hier und da starrte uns auch der elephantenähnliche Koloß eines tausendjährigen Affenbrodbaums entgegen. Die Sonne war noch hoch und die Hitze machte sich sehr bemerklich. Dafür trugen die Diener kühlendes Bier sowie Brot, Büchsenbutter und Metwurst hinter uns her. Bei den nächsten Hütten, die wir erreichten, machten wir Halt. Der Herr der kleinen Niederlassung, ein Araber, ließ uns sofort eine Kitanda*) herbeitragen und seine beste Matte darüber breiten. So setzten wir uns in den Schatten seines Vordachs und freuten uns des köstlichen Mahles. Unter dem Vordach des Frauenhauses standen die schwarzen Gemahlinnen mit den Kleinen auf den Armen. Uns dicht gegenüber hatte der Herr des Hauses Platz genommen nebst seinem Freunde, einem Kleiderkünstler; hinter ihnen standen die Sklaven. Alle sahen uns schweigend zu und wir versuchten mit dem Gastfreund eine Unterhaltung in Suaheli zu führen, was auch ziemlich gelang. Der erwähnte Kleiderkünstler bestickte eine rot und weiß karrierte Jacke mit kunstreichen Stichen in weißer Baumwolle. Als wir aufbrachen, gaben uns die Schwarzen, wie gewöhnlich, das Geleit bis zu dem Boot. Unsere Ruderer waren diesmal Herrn Ungemach's Maschinisten, ein indisches Brüderpaar, mit weichlichen Zügen und den feuchten, schmachtenden Augen dieses Volkes. Sie trugen uns zu Ehren ihre besten weißen Anzüge und golddurchwirkte Käppchen auf dem dunklen Haar. Die beiden schwarzen Diener, die uns Dr. Peters zur Verfügung gestellt, bildeten in ihren hellblauen silberverschnürten Jacken und roten Mützen zu jenen den vollendetsten Gegensatz.

*)Kitanden sind die geflochtenen Negerbettstellen, die gelegentlich auch zum Sitz oder Feldtisch der Europäer dienen müssen.

Am folgenden Tage hielten wir in der Mchinga-Bay. Herr Dr. Peters fragte, ob es mich nicht interessieren würde, einmal mit anzusehen, wie die angesessenen Araber die Ankündigung der deutschen Verwaltung aufnähmen. Ich bejahte natürlich und kletterte schleunigst die schwankende Schiffstreppe hinab in den bereits gefüllten Kahn, um die Herren über die hochgehenden Wogen an's Ufer zu begleiten. Der Himmel war mit schwarzem Gewölk umzogen, die Landschaft erschien fahl und düster. Geleitet von dem arabischen Offizier der Barawa, begaben wir uns ungesäumt nach dem Hause des Wali. Zu beschaulichen Reflexionen und gemütlichen Unterhaltungen kommt es nicht, wenn Dr. Peters führt. Dieser geniale Mann scheint nur rastlos vorwärts eilen zu können, ohne Rücksicht auf das, was rechts und links vom Wege sich bieten mag:

»Der eignen Bahn
nachgehend grad' und unverrückt.«

Der Wali von Mchinga, ein ehrwürdiger Greis mit langem weißen Barte und edlen Zügen, empfing uns mit den üblichen Begrüßungsformen und ließ Kitanden in seine Vorhalle bringen, auf denen wir mit ernster Würde Platz nahmen. Dann begann das Pourparler. Herr Dr. Peters, dessen Gesicht während der ganzen Verhandlung unerschütterlichsten Ernst zur Schau trug, wandte sich in deutscher Sprache mit ungefähr folgenden Worten an Baron St. Paul: »Unser Freund, der Sultan Bargash ben Said wird uns laut Vertrag seine Rechte und Befugnisse, was die Verwaltung dieses Hafens anbetrifft, überlassen. Du wirst in Zukunft also mir und denen, die ich Dir hierher sende, zu gehorchen haben.«

Baron St. Paul übertrug diese Worte in's Kisuaheli und der Offizier des Sultans wiederum in's Arabische. Der alte Herr folgte den Sprechern der Reihe nach mit aufmerksamen Blicken. Dabei nahmen die großen Augen unter den geschwungenen Brauen mehr und mehr den Ausdruck der Angst an. Die arabische Übertragung des Barawa-Offiziers nahm, verziert durch die gebräuchlichen Redeblumen, mindestens dreimal die Zeit des deutschen Wortlauts in Anspruch. Dann sagte der ehrwürdige Wali: »Hast Du ausgeredet?« Der Offizier antwortete: »Ich habe geredet.« Nun begann erst der Alte seine Erwiderung: »Sage Deinem Herrn, ich sei der Mann des Sejid, nicht sein Sklave. Die Freunde des Sejid seien auch meine Freunde und ich werde ihre Worte so hoch halten, wie die des Sejid selbst.«

Herr Dr. Peters ließ ihm versichern, er sei ein Freund aller Araber, also auch der seinige. Er würde ihn deshalb in keiner Weise schädigen, oder sich Rechte nehmen, die ihm nicht zukämen. Er sei weit davon entfernt, in ihm, dem Wali, einem Sklaven zu sehen, mit dessen Eigentum man nach Belieben schalten könne, vielmehr achte er in ihm einen treuen Beamten des Sejid (Seyd = Herrscher) Bargash bin Said, seines Freundes, und er hoffe nur, daß der Wali ihm und den deutschen Herren ebenso redlich dienen werde, wie er es dem Sultan gethan.

Der Alte sah tief ergriffen aus. Das Neue der Situation schien ihn zu überwältigen. Indessen erneuerte er die Versicherungen seiner gänzlichen Ergebenheit und war sofort bereit, der Aufforderung des Herrn Dr. Peters Folge zu leisten und uns das umliegende Ackerland zu zeigen. Wir erhoben uns also und zogen geleitet von dem Wali und von seinen Leuten gefolgt in langem Zuge nach den Feldern. Die freundlich gesinnten, zutraulichen Schwarzen beeiferten sich mir die nach ihrem Geschmack schönsten Blumen abzubrechen, während wir im Geschwindschritt eine Niederung am Fuße bewaldeter Hügel durchwanderten. Die Herren ließen hier und da Erde umgraben, um Proben mitzunehmen. Dies Vornehmen umstanden die Schwarzen stets mit ehrerbietiger Scheu. Sie mochten eine symbolische Handlung darin sehen. Dem alten Wali traten Thränen in die Augen, so daß Herr Dr. Peters sich veranlaßt sah, ihm wieder und wieder zu versichern, falls die Deutschen sich hier anbauen sollten, würden sie kein Stückchen Land in Besitz nehmen, das der betreffende Eigentümer nicht herzugeben willig sei. Herr Flemming untersuchte die Qualität der in zahlreichen Büschen wild wachsenden Baumwolle, die sich wie feine weiße Watte aus den abgewelkten Blüten ziehen ließ. Dabei regnete es.

Als wir endlich, die meisten von uns recht ermüdet, an den Strand zurückkehrten, hatten sich die Wolken zerteilt, und die sinkende Sonne zauberte Farben von ganz eigentümlicher Schönheit an den westlichen Himmel, über welchem in seinem stillen und reinen Glanze der Abendstern erschien. Eine ganze Weile standen wir in Anschauen versunken schweigend am Strande, während das von der Barawa für uns ausgesandte Boot sich mühsam durch die Sturzwellen der Brandung arbeitete. Auf den Schultern der Schwarzen gelangten wir endlich in das schwankende Fahrzeug und es dunkelte stark, als wir die Schiffstreppe hinanstiegen.

Am folgenden Tage gelangten wir in den vielgepriesenen Hafen von Lindi. Die Formen der Küste und der waldigen Berge rings um die tiefeinschneidende Bucht bieten allerdings ein schönes Landschaftsbild. Es ist nur tot, denn »das Gebild von Menschenhand« fehlt. Dem Menschen hat es Gott verliehen, der schönen Natur den Stempel seines bewußt strebenden Geistes aufzudrücken; das drängt sich dem Beschauer dieser ostafrikanischen Landschaften immer wieder auf. Sie tragen Reichtum und blühendes Leben in sich verschlossen und scheinen erwartungsvoll dem Herrn der Erde entgegenzusehen, daß er die edlen Keime aus dem lange Schlaf erwecke und an's Licht ziehe.

In die Bucht mündet ein breiter Fluß, der Lindi oder Mtale, der zahlreiche Arme in die Wildnis an seinen Ufern entsendet und in schön gewundener Linie eine Reihe waldiger Bergkuppen durchbricht. Man erinnert sich an den Rhein zwischen Bonn und Koblenz, an das Siebengebirge. Aber es fehlen eben die Städte und Burgen, die Kirchlein und freundlichen Villen. Hier herrscht noch die Einsamkeit. Weißköpfige Flußadler sitzen auf den knorrigen Strünken am Ufer und der gellende Schrei eines wilden Affen tönt von Zeit zu Zeit durch die Wildnis.

Der Wali von Lindi, ein Greis mit blöden Augen und einem Spitzbubengesicht, bewohnt die Ruine eines portugiesischen Forts. Ein Kanonenrohr aus alter Zeit steht dräuend vor dem Portale aufgepflanzt. Der Salon des Alten in den halbverfallenen Bogenhallen schien mir direkt in einen der mittelalterlichen Romane Walter Scott's zu gehören. Kostbare Waffen schmücken die Wände. Auf den Gesimsen der Wandpfeiler lag der Koran und der sonstige Bücherschatz des Hausherrn. Auf der Erde hockten junge Asikari, (= Soldaten des Sultans), malerisch gekleidet, reich bewaffnet und von meist edlem Gesichtsschnitt. In der dunklen Halle, die durch Säulen und Bogen von dem luftigeren Hauptraume getrennt war, brannte ein Holzfeuerchen, um welches einige Schwarze beschäftigt waren. Der listig dreinschauende Wali ließ uns Kokosnüsse bringen, »Madafu«, deren Saft wir austranken. Er ließ uns dann durch einen jungen Sohn in dem weiten Gemäuer, das übrigens nichts Interessantes mehr bot, umherführen.

Auf der dem Orte Lindi gegenüberliegenden Seite der Bucht gehen wir mit Vorliebe spazieren. Zerrissene Felsblöcke von den barocksten Formen, in die das Wasser tausende von Rinnen und Becken gewaschen hat, bedecken den Strand. Unmittelbar hinter ihnen steigt der bewaldete Hügel auf. Herr Dr. Kling scizzierte, und Bertha machte, während sie zwischen dem wilden Gestein Muscheln suchte, zum erstenmal die Bekanntschaft einer Schlange, die sich indessen in ihrem Felsloch in Gesellschaft kleinerer Eidechsen liegend, ganz passiv verhielt. Herr von St. Paul und ich klommen, begleitet von Mbaruku den Hügel hinan. Wir arbeiteten uns tapfer durch das Gestrüpp, den Spuren der Nilpferde nachgehend, die durch das mannshohe Gras ganz gangbare Pfade getrampelt hatten. Auch Raubtierspuren zeigte mir der Baron und Löcher, die eine Hyäne gescharrt hatte. Wir kletterten in eine tiefe und enge Schlucht hinunter, durch welche den wilden Gesteinmassen nach, zur Regenzeit ein starkes Wasser in Kaskaden stürzen muß. Hier herrschte erquickende Kühle und tiefer Waldesschatten. Die Schlucht war von uralten Bäumen und Schlingpflanzen völlig überdacht. Mbaruku im langen Winterpaletot, der stets den photographischen Apparat hinter seinem Herrn herträgt, mußte denselben aufstellen, und Baron von St. Paul versuchte zu photographieren. Aber es fehlte an Licht, und war ein gar zu wildes Durcheinander von Laubwerk und Gestein. Mbaruku entstammt dem Innern. Als Baron St. Paul seine Station Madimola verließ, lief ihm dieser Schwarze nebst einem Dutzend seiner Stammesgenossen nach Bagamoyo nach und sie flehten ihn an, sie in seinen Diensten zu behalten. »Bana St. Paul« steht bei den Schwarzen in dem Ruf ein »sehr guter Herr« zu sein. Mbaruku folgt ihm wie ein treuer Hund und sein grundhäßliches Angesicht strahlt beständig im Glanze inniger Glückseligkeit. Nebenbei gesagt, ist Herr von St. Paul auch unter den Europäern rühmlichst bekannt durch seinen unverwüstlichen Humor und seine unerschütterliche Gemütsruhe.

Wir versuchten in unserer Schlucht weiter zu gehen, aber die Lianen umklammerten uns, Dornen hakten sich in mein dünnes Kleid und Äste verbarrikadierten uns den Weg, so daß wir wieder die ziemlich steile Wand zum Tageslicht emporkletterten. Als wir den Gipfel des Berghanges erreichten, lagen Hafen und Flußthal als herrliches Panorama uns zu Füßen. Freilich strahlte dort oben auch die Mittagssonne eine solche Glut aus, daß meine Phantasie sich lebhaft mit der Eventualität eines Hitzschlags zu beschäftigen begann. Eilends suchten wir trotz der schönen Aussicht wieder den Schutz des Dickichts.

Am Abend desselben Tages entdeckten wir während des gemeinsamen Spaziergangs eine Quelle, die in einer dichten Wildnis von Papyrus glucksend und murmelnd zu Thale lief und ganz nahe dem Meere von den Landleuten in einer gemauerten Rinne gefaßt und in ein größeres Steinbecken geleitet worden war. Wir tranken aus Kokosnußschalen von dem Wasser und fanden es zwar sehr weich aber rein von Geschmack. Schwarze Männer waren, auf dem Rande des Bassins stehend, mit Waschen ihrer Kleidungsstücke beschäftigt. Vor uns stand ein kleines Steinhaus, umgeben von einer Gruppe hoher Kokosnußpalmen. Vom Meere war es nur durch eine mit leuchtend grünen Mangroven bedeckte Lagune getrennt.

Wir hatten uns vorgenommen dem Lauf der Quelle nachzugehen und führten dies am Nachmittag des folgenden Tages aus. Auf schmalen Waldpfaden gingen wir bergan, immer dem Quell entlang und kamen an ein noch im Bau begriffenes Dorf in einem prachtvollen Hain uralter Kokospalmen auf der Berghalde gelegen. Die Dorfbewohner schleppten uns sogleich ihre Kitanden herbei, dann wurde eine der Palmen erstiegen und wir erhielten frisch vom Baum gepflückte Nüsse, die wir mit Behagen austranken. Die Leute dieses Dorfes, dessen Hütten zum Teil erst als geschickt geflochtenes Gerüst standen, waren eifrig bei der Arbeit und unterbrachen diese nicht einmal, um uns anzugaffen. Ein Mann spann Baumwolle. Er ging dabei umher und drehte die Spindel, wie man es auf Bildwerken der alten Griechen sieht. Andere schnitzten oder schälten Stäbe zum Hüttenbau, oder banden das lange strohartige Gras, das sie zum Dachdecken brauchen, in Garben.

Ich bin überzeugt, daß die vielbeklagte Trägheit der Schwarzen nicht Anlage ist, sondern Gewohnheit. Dafür spricht einmal ihre Beweglichkeit, die Geschmeidigkeit der Gliedmaßen und die geschickten Bewegungen, dann auch der allgemein anerkannte Umstand, daß die Kinder fleißig und tüchtig sind. Die Schwarzen arbeiten eben nicht, so lange sie es nicht nötig haben, und das ist einfach gesunder Menschenverstand. Der Naturanlage nach scheinen mir die weichlichen, zur Fettsucht neigenden Indier weit träger zu sein als die Schwarzen.

Herr Dr. Peters hat mit Herrn Flemming, den Dienern und einigen Pagazi eine Expedition den Fluß hinauf unternommen, zur Besichtigung des Hinterlandes. Vorgestern sind die Herren in einer gemieteten Dau den Mtale hinaufgesegelt. Baron von St. Paul und Herr Dr. Kling, die sich gern der Expedition angeschlossen hätten, durften aus Rücksicht auf ihre angegriffene Gesundheit gegenwärtig nicht wagen, sich den unvermeidlichen Strapazen einer solchen Tour auszusetzen. Während gestern unsere Barawa-Bote den ganzen Tag damit zu thun hatten, Quellwasser an Bord zu schaffen, mietete Herr Dr. Kling in Lindi eine Dau und wir segelten mit vollem Winde in die Flußmündung hinein. Nachdem wir so etwa eine Stunde lang gefahren waren, landeten wir bei der schloßartigen Besitzung eines reichen Arabers. Dieser hat seinen Komplex von hübschen Steinhäusern mit einem undurchdringlichen Dornenwall umgeben auf den drei nicht durch den Fluß geschützten Seiten. An den äußersten Ecken dieses Walles hat er (oder einer seiner Ahnen) mit Zinnen gekrönte Türme gebaut, teils rund, teil viereckig. Durch diese führen Thorwege. Vor dem Wohnhause befindet sich ein schöner sauberer Platz, eine Art Gartenterrasse mit schattenspendenden Bäumen bestanden. Unter den Bäumen steht eine überdachte Gartenhalle, zu deren etwas erhöhtem Boden Treppenstufen führen. Dort saß der Burgherr mit gekreuzten Beinen. Vor ihm lag auf perlmuttereingelegtem Gestell ein Foliant in rotem Ledereinband, vermutlich der Koran. Neben sich auf der Matte hatte er einen mit indischem Schnitzwerk verzierten Kasten stehen mit Schreibtischeinrichtung; den Schlüssel dazu trug er an einer Kette um den Hals. Während er uns, – wir waren auf Sitze in selbiger Halle genötigt worden, – nach Landesbrauch Kokosnuswasser reichen ließ, schloß er seine Schatulle mehrmals auf, nahm zusammengefaltete Papiere heraus, die er auseinanderbreitete, mit wichtiger Miene betrachtete und an ihren Platz zurücklegte. Wahrscheinlich waren es Briefe und der Burgherr wollte uns durch das Lesen derselben auf seine Bildung aufmerksam machen.

Eigentlich hatte es garnicht in unserer Absicht gelegen, den alten Herrn zu besuchen, aber er kam uns, sobald wir landeten, an das Ufer entgegengeeilt und nötigte uns zu sich hinauf. Auch bei der Abfahrt gab er uns mit seinem ganzen Gefolge das Geleit. Stattlich sah er aus, unter seinen zahlreichen Kindern, Sklavinnen und Dienern stehend mit langem weißen Gewande, gelblichweißem wallenden Bart, buntem Turban und den Herrscherstab in der Hand – ein ostafrikanischer Landedelmann.

Unsere Rückfahrt dauerte, da wir diesmal keinen Wind zum Segeln hatten, volle drei Stunden. Vier Schwarze aus Lindi, die außer dem Schurz nicht durch Kleidung beschwert waren, ruderten, begleitet und angefeuert von dem rhythmischen Geheul ihrer originellen Wechselgesänge; die ganze Fahrt über plärrten sie ohne Unterbrechung, so daß ich die Leistungsfähigkeit ihrer Lungen anstaunte. Ich durfte steuern, saß oben auf dem erhöhten Hinterdeck der Dau und konnte mir einbilden, das schwerfällige Fahrzeug mit seinen vierzehn Insassen nach meinem Belieben zu lenken. Dabei geriet ich aber bald rechts bald links den Mangroven zu nahe und fuhr schließlich im Hafen auf eine der heimtückisch lauernden Korallenbänke. Zum Glück kamen wir, ohne Schiffbruch zu erleiden, wieder los. Schön war es, als bei einbrechender Nacht das Meerwasser am Kiel und unter den Rudern phosphoreszierte.

Rowuma-Bai, d. 23. August 1887.

Wir sind am Ziel der Fahrt nach Süden angelangt. Rasch will ich diesem Bericht noch einige Zeilen hinzufügen, denn so lange das Schiff in Bewegung ist, vermag ich nicht einmal zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Morgen früh aber werden die Anker gelichtet und wir fahren vor dem Winde direkt nach Dar-es-Salaam.

Sobald Herr Dr. Peters von seiner Expedition landeinwärts zurückgekehrt, verließen wir die liebliche Bucht von Lindi. Am Morgen vor unserer Abfahrt kam ein kranker Indier an Bord und bat uns ihn zu heilen, denn die Nachricht, daß wir uns hiermit befaßten, war mit bekannter Schnelligkeit uns vorausgeeilt. Kaum hatte ich den Fuß auf festen Grund gesetzt, so brachte man mir Patienten. Am lebhaftesten war der Andrang in dem schönen Hafenorte Mikindani, vor dem wir vorgestern ankerten. Wir hatten dort in Gesellschaft der Herren einen weiten Weg durch parkartige, in der üppigsten Vegetation prangende Landschaft gemacht, hatten aber vor jenen an den Landungsplatz zurückkehren müssen, da wir sehr müde geworden waren. Während wir nun in der Nähe unseres Bootes unter dem Schutz zweier Diener die Herren erwarteten, brachte man kranke Kinder herbeigeschleppt; Männer mit schlimmen Fußübeln kamen gehinkt und gekrochen, ein älterer Araber wollte sogar von seinem Magenleiden befreit werden. Wir gaben allen Rat, den wir wußten und verordneten nach der Schwierigkeit feuchte Umschläge, Waschungen und Abreibungen. Man kann hier wirklich sagen:

»Es ist ihr ewig Weh und ach,
So tausendfach,
Aus einem Punkte zu kurieren.«

Der eine Punkt ist: Wasser. Diejenigen, die untersucht und verbunden werden konnten, bestellten wir nach der Barawa. Da kam denn am andern Morgen in aller Frühe eine ganze Bootsladung voll Patienten, so daß wir in dem kleinen Schiffssalon eine Art Klinik einrichteten, allerdings zum geringen Vergnügen der Herren. Bertha war so beglückt, einmal wieder nach Herzenslust ihres Amtes walten zu können, daß sie es mir beinahe verargte, wenn ich die Behandlung des einen oder anderen Patienten für mich beanspruchte. Hoffentlich hilft den Leuten ihr Glaube. Unsere stets wiederholten Ermahnungen, sich etwas mehr der Reinlichkeit zu befleißigen, werden der Macht der Gewohnheit gegenüber kaum von Wirkung sein.

Heute haben Herr Dr. Peters und Herr v. St. Paul ein gefährliches Experiment gemacht, nämlich die Einfahrt in den Rowuma »forciert«, noch dazu mit dem kleinen Barawa-Boot, das einen ganz flachen Kiel hat. Der jähe Übergang von einer bedeutenden Meerestiefe unmittelbar vor der Flußmündung zu der geringen Tiefe des durch Schutt und Sandbänke verbarrikadierten Flusses verursacht, wie der »African Pilot« sagt, sehr gefährliche Brecher und dadurch eine Brandung, die einem Boote nur unter bestimmten günstigen Bedingungen von Wind und Strömung die Durchfahrt möglich machen. Da wir das tragische Ende des Lieutenant Günther in der Jub-Mündung noch in frischer Erinnerung hatten, sahen wir Zurückbleibenden die kühnen Männer nicht ohne die ernsteste Besorgnis hinausfahren. Als das kleine weiße Boot in dem dunstigen Morgen verschwand, fürchteten wir schon, seine Insassen zum letzten Mal gesehen zu haben. Um so größer war die Freude, als sie schon gegen ein Uhr Mittags wohlbehalten und in bester Stimmung zurückkehrten. Sie hatten die gefährliche Brandung beide Male sehr glücklich überwunden und waren fünf Seemeilen landeinwärts gesegelt. Dabei hatten sie zahlreiche Kibokos getroffen und Baron St. Paul konnte garnicht genug die Schönheit der durchfahrenen Landschaft rühmen.

Dar-es-Salaam, d. 27. August 1887.

Gestern Abend um elf Uhr nahmen Bertha und ich auf der Barawa Abschied von den Reisegefährten und begaben uns unter des Stationschefs Schutz an Land. Hier begrüßte uns ein fürchterlicher Lärm, denn auf Anregung Herrn Leues hatten die Einwohner zu Ehren des deutschen Besuchs eine große »ngoma« (Musik und Tanz) veranstaltet. Solch eine ngoma organisirt sich folgendermaßen: Wer ein Musikinstrument spielt, sei es Trommel, Pfeife, Kuhhorn oder auch nur eine Art von Castagnetten, der stellt sich irgendwo auf der Gemeindewiese hin, allein oder mit seinem Freund und beginnt seine lockende Weise. So sehr primitiv diese ist, so zieht sie doch die Bevölkerung an wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Es dauert nicht zehn Minuten, so hat sich um den Künstler ein Kreis gebildet, der lavinenartig anwächst. Wird er stattlich genug befunden, so beginnen einzelne den volkstümlichen Tanz, der mit seinem Vor- und Rückwärtshüpfen, Chassieren, compliments aux dames etc. entfernte Verwandtschaft mit unserer Française zu haben scheint. Wir blieben bei einem jeden solchen Tanzkreis, an welchem unser Weg vorbeiführte, pflichtschuldig stehen, um unsere wohlwollende Anerkennung kund zu geben. Dadurch fühlten sich Tänzer, Musiker und Publikum sehr geehrt und der Volkshaufe wuchs während unserer Anwesenheit noch mehr. Es ist nicht zu beschreiben, wie eitel, kokett und lächerlich die schwarzen Tänzerinnen herumschwänzeln. Das beste aber erwartete uns noch. Vor dem Hause des Wali hatten die Araber einen Schwertertanz veranstaltet, den sie mit entsetzlicher Musik und Flintengeknatter begleiteten. Dazu leuchteten ihnen Magnesiafackeln, die Herr Leue zu ihrer großen Erbauung gestiftet hatte. Ich war so ermüdet von all dem Toben und Schreien, daß ich ganz bescheiden anfragte, ob ich mich nunmehr nicht zurückziehen dürfe? Aber da kam ich bei unserem verehrten Stationschef schön an! Ein solcher Verstoß gegen die Etikette! Der Wali ließ ja eben Sessel auf die Straße tragen und zog sein Schwert aus der Scheide, um in höchst eigener Person vor uns zu tanzen! Wir setzten uns also andachtsvoll auf die rohrgeflochtenen Armstühle vor das mit Marmorplatten ausgelegte Palais des verstorbenen Sejid Madjid und bestaunten die immer wilder werdenden Bewegungen der über ihre blanken Schwerter springenden Wüstensöhne. Etwa zehn, Seite an Seite gedrängte, beständig sich in den Hüften wiegende Araber mit hochgehobenen Schwertern übten einen überaus einförmigen, aber desto gellenderen Gesang aus. Vor den Sängern schlugen zwei Musiker wie besessen auf große Trommeln, bald stehend, bald kniend, bald gar am Boden liegend. Diese regsamen Trommler dirigieren seltsamer Weise sowohl Gesang als Tanz. Die Übrigen, die um die Schwertertänzer in weitem Halbkreis Spalier bildeten, trugen durch fleißiges Abfeuern ihrer Gewehre das ihrige zu der Feier bei. Bertha war trotz des Höllenlärmes in ihrem Sessel eingeschlafen. Freilich war die Mitternachtsstunde auch bereits vorüber.

Als ich heute gegen acht Uhr aus schwerem Schlaf erwachte, war das erste, was ich zu meinem Schrecken hörte, die gräuliche Tanzmusik mit begleitendem Gekreische. Ich frug etwas kleinlaut, ob heute eine Nachfeier stattfände; aber man belehrte mich, daß die Tänzer noch von gestern her beisammen seien.

d. 28. August.

Am Strande unter prächtigen Mangobäumen liegt das Grab des Regierungsbaumeisters Wolf, von Palmzweigen überdeckt. Bertha liebt es, gegen Sonnenuntergang dorthin zu pilgern und einen Kranz von frischgrünen Ranken auf dem Hügel niederzulegen in treuem Gedenken an den freundlichen Reisegefährten.

Die bösen, bösen Zelte! Sämtliche Herren haben das Wohnen in ihnen teuer bezahlen müssen. Mein Bruder liegt schwer krank in Zanzibar. Es ist mir hart angekommen, nicht gleich dorthin zu fahren, um bei ihm sein zu können; denn er ist in Lebensgefahr. Nur die Überlegung, daß er im Hospital der Schwestern vom heiligen Geist die beste Pflege hat und daß sich für mich vielleicht nicht sobald wieder eine Reisegelegenheit nach Dar-es-Salaam finden würde, hat mich bewogen, hier zu bleiben. Ich bin in Angst um Albrecht und weiß nicht, ob ich recht gethan habe. Nun, wir stehen Alle in Gottes Hand! –

Dar-es-Salaam ist eine Ruinenstadt. Von den durch Sejid Madjid errichteten Steinpalästen sind zwei noch bewohnbar, der eine ist des Wali Residenz, den anderen hat Herr Dr. Peters für die Gesellschaftsbeamten gemietet. Eine schöne breite Steintreppe führt von der Hausthüre den Uferhang zum Meere hinab. Die Herren glauben durch geringe Ausbesserungsarbeiten hier die bequemste Landungsstelle schaffen zu können.

Die Stadt besteht aus drei Quartieren. Im Halbkreis um den Hafen stehn die arabischen Ruinen, unter welchen der zum Harem bestimmte schloßartige Bau noch immer sehr stattlich aussieht. Er ist leider innen so verfallen, daß man ihn nicht einmal ohne Lebensgefahr besehen kann. Nach dem Lande zu haben die speculativen Indier ihre Handelsstraßen angelegt und in jedem ihrer aneinanderklebenden kleinen Häuser einen Kramladen errichtet. Hier kaufen die Europäer für schweres Geld, was sie unter der aufgestapelten Lumpenware etwa brauchbares finden; in den meisten Fällen freilich finden sie überhaupt nichts. Rechts und links vom Hafen schließen sich die Negervorstädte an, die sich, wie fast überall durch Sauberkeit und Geräumigkeit (was Wege und Plätze anbelangt,) auszeichnen.

Der Hafen gleicht fast einem Landsee, da die schmale Verbindung mit dem Meere durch die mit Palmen, Bananen und Affenbrotbäumen bestandenen Landvorsprünge dem Auge meist entzogen ist. Dagegen schneidet er tief in das Land ein. Unser mit vier Ruderern bemanntes Boot brauchte anderthalb Stunden, um bis dahin zu kommen, wo ein seichtes Flüßchen seine Gewässer mit der Salzflut vermischt. Dort hausen zahlreiche Nilpferde. Auch Affen und Papageien amüsieren sich an den waldigen Hängen, die den Hafen umschließen.

Dar-es-Salaam, d. 29. August.

Unsere Wohnung besteht, wie ich schon in meinem Tagebuch erwähnt, aus einer Reihe kleiner Inderhäuser, deren Wände durchbrochen und mit Thüren versehen sind, die auf die Veranda führen, welche also die einzelnen Wohnungen (je ein Zimmer) verbindet. In dem ersten dieser Zimmer wohnt und schläft Herr Greiner mit seiner Frau, das zweite, welches Herrn Leue's Dominium ist, dient zugleich als Salon und Eßzimmer. No. 3, Herrn Tschepe's Gemach, gleicht einer Werkstatt und Rüstkammer. Dann kommt viertens ein Zimmer, in dem die deutsche Haushälterin mit der Nichte des Missionars schläft, und endlich dasjenige, welches Bertha und mir überlassen worden. Glasfenster, verschließbare Thüren, Schränke etc. sind Luxusgegenstände, die Dar-es-Salaam vorläufig nicht kennt. Ich kann aber in Wahrheit versichern, daß ich mich, so weit meine Erinnerung reicht, noch nie so frisch und geistig wohl befunden habe, wie hier in diesen ganz primitiven Verhältnissen. Frei und leicht wird es dem geplagten Kulturmenschen zu Mute, wenn er einige Dutzende der Sclavenketten, die wir »Bedürfnisse« nennen, abzuwerfen genötigt ist.

d. 30. August. 1887.

Wir haben ein zwölfjähriges Negermädchen in Dienst genommen, eine von der englischen Mission getaufte Christin. Die Engländer nannten sie Alice, ich habe aber als gute Deutsche »Liese« daraus gemacht. Die kleine Liese bringt mir Morgens ein Glas frischer Kuhmilch ans Bett, die herrlich mundet. Dann stehe ich auf und finde die Hausgenossen gewöhnlich schon auf der Veranda. Dort steht auch der Frühstückstisch und darauf, was des verwöhnten Menschen Herz begehren kann: einheimischer Honig, Eier, hausbackenes Schwarzbrot und englische Zwiebacke. Sowie ich meinen Platz einnehme, erscheint der aufmerksame Mandoa und schenkt aus indischer Porzellankanne den Kaffee ein. Mandoa ist ein ehrgeiziger und strebsamer Jüngling, der ungeachtet seiner schwarzen Hautfarbe errötet, wenn er in spöttischer Weise auf eine Ungeschicklichkeit aufmerksam gemacht wird. Er ist sogar stolz und trotzig und weint Thränen bitteren Ärgers, wenn er sich gekränkt fühlt, oder ungerecht behandelt glaubt. Mandoa ist der Diener des Stationschefs und thut sich auf diesen Vorzug viel zu gute.

Während ich frühstücke, wartet auf mich gewöhnlich schon mein Lieblingspatient, ein Sultanssklave, der vor kurzem in sein Messer gefallen ist, wodurch er sich eine tiefe Wunde in der Seite zugezogen hat. Herr Leue hat ihn vor dem Verbluten gerettet. Hätte er nur krumme Nadeln gehabt und antiseptischen Faden, um die Wunde zu nähen, so würde sie nicht mehr klaffen, wie sie es thut. Im übrigen scheint Faradi, so heißt der junge Mann, eine gesunde Heilhaut zu haben. Heute Morgen brachte er mir als Zeichen seiner Dankbarkeit fünf Kokosnüsse.

d. 31. August.

Jetzt haben die Schwarzen ihr Neujahrsfest gehabt, ein sikukuu (siku = Tag, kuu = groß, im Sinne von vornehm) oder vielmehr zwei solche nach einander. Der Wali schickte einen Botschafter zu Herrn Leue, der das Fest feierlich ankündigte, und die sämtlichen auf der Station beschäftigten Arbeiter und Diener zu einem Festmahle einlud. Herr Leue nahm diese Nachricht in der landesüblichen Weise, nämlich mit ernster Würde und höflichen Phrasen entgegen und kündigte dem Wali an, er würde am zweiten Feiertage seinerseits die Leute desselben bewirten. Das ist das verhängnisvolle der arabischen Ehrengeschenke etc., daß sie stets eine gleichwertige Gegengabe erfordern. Es ist des Landes Brauch. – Am ersten Morgen des Festes kamen die sämtlichen Arbeiter der Station um sich ihr »Sikukuu«, d. h. diesmal »Festagstrinkgeld«, zu erbitten. Herr Leue ließ sie der Reihe nach zur Musterung antreten: die Garten- und Feldarbeiter, die Maurer, den Schneider, den Wäscher, die Wasserträgerinnen und den Viehhirten, der den klangvollen Namen Marindila führt. Herr Leue, der sehr auf adrettes Aussehen seiner Leute hält, tadelte mit spöttischen Bemerkungen diejenigen, deren Aufzug zerlumpt oder unsauber war. Die Schwarzen, die bekanntlich durchweg eitel sind, zeigen eine große Empfänglichkeit für derartige Auszeichnungen. – Tagsüber wurde geschossen und getanzt. Am zweiten Festtag fanden Tanz und Spiel mit besonderem Pomp vor unsern Fenstern statt. Die Araberjünglinge sprangen wieder wie die Rasenden durcheinander. Dazu wurde unablässig getrommelt und gesungen. Da unsere Zimmer keine Glasscheiben in den Fenstern haben, waren sie bald von dem Pulverdampf der knatternden Gewehrsalven erfüllt. Leider hatte die Nichte des Missionars einen, wenn auch an sich leichten Fieberanfall, der indessen bei diesem barbarischen Lärm bösartiger zu werden drohte. Ich bat daher den Chef sehr dringend, die Herrn Araber zu veranlassen, ihre Spiele in einiger Entfernung fortzusetzen. Herr Leue meinte, eine derartige Verletzung der Sitte könne von den Arabern sehr übel aufgefaßt werden, da sie gerade uns zu Ehren hier tanzten. Ein Abbrechen unsererseits müsse daher unterbleiben. Ich beharrte nichts destoweniger auf meinen Wunsch, da mir Leben und Gesundheit der Unseren ungleich wichtiger erscheint, als die mehr oder minder gnädige Gesinnung der Araber. Diese müssen sich ja doch schließlich nach uns richten. Herr Leue ließ sich, wenn auch ungern, herbei, einen Parlamentär hinunterzuschicken. Herr Missionar Greiner, der des Arabischen mächtig ist, bot sich an, den heiklen Auftrag zu übernehmen. Er sprach den Anführern in schönen Phrasen den Dank des Stationschefs für die uns gewordene Aufmerksamkeit aus, was sofort richtig aufgefaßt wurde, nämlich als Verabschiedung. Zu meiner großen Befriedigung zog die Horde ohne weiteres ab, und das kranke Mädchen, dessen Temperatur mit beängstigender Geschwindigkeit stieg, fühlte sich ungemein erleichtert.

d. 1. September 1887.

Wir haben Besuch gehabt von dem Bischof von Zanzibar, Monseigneur de Courmont, und dem berühmten Père Étienne Baur aus Bagamoyo. Die Herren brachten mir Nachrichten von meinem Bruder. Derselbe war totkrank nach Bagamoyo gebracht worden. Dort lag grade ein östreichisches Kriegsschiff, und der Arzt desselben übernahm die Behandlung. Als indessen nach den angewandten Mitteln das Fieber sich ungeschwächt wieder einstellte, sagte der Marinearzt zum Pater Baur, nun könne er nichts mehr machen und wolle ihm den seiner Ansicht nach hoffnungslosen Patienten überlassen. Père Étienne hat seine bewährten Kraftmittel angewandt, nämlich riesige Gaben Chinin, denen aber jedesmal entsprechende Brechmittel vorausgeschickt werden, um den Magen auszufegen und dem Chinin volle Wirksamkeit zu geben. Es gehört allerdings eine kräftige Konstitution dazu, um eine solche Kur des öfteren durchzumachen. Albrecht hat einen derartigen schweren Anfall von Gallenfieber jetzt bereits zum drittenmale überstanden. Sobald er transportfähig war, hat man ihn nach Zanzibar geschickt, wo er nun im Hospital liegt; doch versicherten mir beide Herren, er sei jetzt außer Gefahr, ich möchte mich seinetwegen völlig beruhigen. Père Étienne kennt meinen Bruder, seit er hier ist, was nun bald drei Jahre sind, und mag ihn sehr gern. Vornehmlich bewundert er aufrichtig Albrecht's spartanische Härte gegen sich selbst, wovon er mir manches zu erzählen wußte. Père Étienne steht seit 26 Jahren der Missionsniederlassung in Bagamoyo vor und gilt als der erfahrenste und sicherste Berater in allen möglichen Dingen. Er ist Elsässer und spricht mit uns nur deutsch. Monseigneur de Courmont, der ein vornehmer Franzose ist und seinen Manieren nach mehr im Salon zu Hause ist, als in der afrikanischen Einöde, versteht dagegen kein Wort deutsch. Wir (die Haushälterin und ich) haben ein für afrikanische Verhältnisse recht annehmbares Diner zu stande gebracht; beim Kaffee freilich fungierte als Sahnengießer ein alter Tassenkopf, doch nimmt man das bei uns nicht so genau. Übernachten mußten die liebenswürdigen Gäste auf ihrer Missionsdau, deren Segel durch ein aufgenähtes großes schwarzes Kreuz schon von weitem kenntlich ist.

Herr Leue läßt soeben seine Asikari vor dem Hause Übungen machen, was schon recht gut geht. Wie bei uns zu Hause, sind die Rekruten auch hier stets von Neugierigen umringt. Anfangs haben die Leute von Dar-es-Salaam gelacht; seitdem Herr Leue aber die Spötter mit einigem Nachdruck hat weitergehen heißen, steht alles andachtsvoll in ehrerbietiger Entfernung.

Fräulein Marie, die Nichte des Missionars, ist wieder wohlauf und singt wie ein Vogel.

d. 3. September 1887.

Es regnet täglich einige Stunden, die kleine Regenzeit (September, October) scheint also pünktlich einzutreten. Die Veranda, auf der ich schreibe, steht augenblicklich unter Wasser, da etliche Dachrinnen sich auf sie ergießen. Der Himmel ist ein grauer Sack. Die Veranda beherbergt neben uns eine ganze Menagerie. Da wohnen auf Ständern, die Herr Tschepe angefertigt hat, vier zahme grüne Papageien, Moses, Heraklit, Männchen und Elias geheißen. Männchen ist so zahm, daß er auf Herrn Leue's Ruf anspaziert kommt und allerhand Kunststückchen macht, z. B. sich auf der flachen Hand seines Herrn »tot« stellt. Die Vögel sprechen nicht, noch schreien sie, was für unsere jeweiligen Fieberpatienten sehr vorteilhaft ist. Die ausgelassensten der Tierbande sind zwei Freunde sehr verschiedener Abstammung, der junge Hund »Kescho« und die Manguste. Letztere, bei uns unter dem Namen Ichneumon bekannt, erscheint mir wie ein Mittelding zwischen Affe und Ratte. Das Tierchen ist so unschön als möglich, aber zahm und zutraulich. Es liegt wie ein Schooßhund am liebsten auf dem Ende meines Kleides, und so oft es von diesem Platz fortgejagt wird, so oft kommt es wieder. Furcht kennt es gar nicht. Neulich stand unsere Tischglocke auf dem Fußboden. Da ging die Manguste hin und untersuchte den unbekannten Gegenstand mit den Pfötchen. Ich dachte: warte nur, wenn es klingelt, wirst Du schon Reißaus nehmen! Aber keineswegs! Das Klingeln schien ihr vielmehr Vergnügen zu machen und sie bewegte fröhlich den Metallklöppel, bis ich die Glocke ihren unbefugten Pfötchen entriß. Die eigentlichen Clowns der Gesellschaft sind aber auch hier die kleinen Affen.